Der Satansgedanke

Part 3

Chapter 33,711 wordsPublic domain

»Glaubt der Mann, der gesagt hat, das ganze Leben wär nichts als ein alchymischer Prozeß, denn an einen persönlichen Gott? Und an eine greifbar materielle Höll'?« fragte Faust erstaunt.

»Ich habe überall ein unerbittlich getreues Gesetz gefunden, wohin ich geforschet und was immer ich ergründet hab'. Und wo ein unerbittlich Gesetz stehet, da stehet darob ein unerbittlicher Richter. Mag Gott immerhin gänzlich anders sich formieren, als Pfaffen und Laien in ihrer Einfalt sich darstellen, =er ist da=,« sagte der Arzt feierlich und nahm sein Barett ab.

»Es tröstet mich sehr, das zu wissen und von einem so abgründig studierten Mann dazu; das ist mir wichtiger und glaublicher, als alle alten Bücher aus dumpfer Zeit. Wenn man einmal Fehde angesagt hat, dann wärs doch gar zu lächerlich, wenn man zuletzt erfahren müßt, daß mans gegen leere Luft und blauen Pfaffendunst getan.«

»Fehde gegen Gott, Herr Kollega?«

»Fehde gegen Gott,« sagte Faust leise, aber nachdrücklich. Und als sich Paracelsus verfärbte und ein Kreuz schlug, schloß er mit den Worten: »Wenn sich der schönste der Engel ehedem gegen seinen Schöpfer aufstemmte, wie dürft' es nicht ein innerlich zerrissener und äußerlich buckliger Mensch?«

»Armer, armer Fauste,« sagte Paracelsus mit tiefem Ernst. »Ich hab' Euch für meinen Nebenbuhler gehalten im Wissen und Erforschen, auch für einen unehrlichen, der nichts ernst nimmt und dem alles bloß geschenkt wäre ohne ehrenhafte, heiße Arbeit. Jetzt müßt ich froh sein, wenn ich Euch für einen armen Narren halten dürft'.«

»Ein Narre vielleicht, Herr Doktor. Arm sicherlich, Herr Doktor. Und dennoch tauschet ich mein wildes Herz nicht mit dem Weisesten und Zufriedensten. Und nun gehabt Euch wohl, mein guter Herr.«

Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und, hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz einen Heiligenschein zog): »Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch aber lebt es, während es dahingrast, immer mitten in der Ewigkeit. Nur wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.«

Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, -- und die Herzen verzweifelten.

Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des heiligen Franz.

Helena Chrysoloras!

Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena. -- Äußerlich von jener abergläubischen Frömmigkeit, welche niemals die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt, hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um ihr griechisches Blut und las -- soviel ihr Mädchenwissen erlaubte -- mit heißem Begehren die alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe, ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten Heiterkeit, der alten Schönheit.

Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen, jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz bereitmacht.

Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so beklemmende Nachricht ging.

Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.

Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.

Der Faust.

Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte, der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo Satan sie trägt: im Herzen.

Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:

»Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er allein kann mir Antwort geben.«

Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fühlte er, wie er die seltsam schöne Base gern hätte, die, wie er, Leib und Seel' zu verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den Überirdischen willen. Es drückte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, daß dieses schöne Geschöpf auch verstrickt und verfallen sein könnte; -- ewiglich.

Er sagte ihr also: »Tu's nicht, Helena. Begehr' alles andere von mir als das, sogar, daß ich dich einem Andern zuführen müßte ... was mir gewißlich vorkäme, als müßt' ich mein Herz aus dem Leibe geben. Ich könnt' es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals gehen.«

Da sagte sie ihm: »Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer sonst erfährt?«

»Ja,« erwidert er ihr, »aber nicht aus evahafter und loser Neugierd'.«

Damit machte er sie böse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm auf keine Art trösten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit dem Doktor zu versuchen.

Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der »Duldt.« Der gehabte sich so schön, daß alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden und Laubhütten, wo allerlei Ergötzung getrieben wurde. Da geschah es denn, daß der Doktor Faustus mit anderen ins Grüne kam und viel zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen bändigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, daß ihm die Schlangen immer ungebärdiger wurden und übermaßen zu wachsen schienen, bis zu Lindwurmgröße, sobald nur der Doktor vorüberging. Die Leute erlebten's, daß der Zauberer dem Faust zu Füßen fiel und kläglich fragte, was er ihm denn getan hätte, weil er, sein Diener, und ein Wurm gegen ihn, solchen Unfug erleiden müßte? Da sagte ihm Faust: »Du mußt alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz großen Haß. Um Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere, niemals wagen!«

Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwörer: »Ja, Herr Doktor, aber Ihr dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche will.« Da sah ihn Faust so drohend an, daß der andere augenblicklich wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: »Aber dem Andern.«

Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schön, daß er ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks vergaß. Er sagte aber noch folgendes zu dem Zauberer: »Du hältst mir vor, ich tue nicht, was eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jünger und unerfahrener ist, als meine Studien. Ich könnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er vermöcht, und Herr über jede Krankheit und jeden Tod wäre, und wenn ich die ganze Erden beherrschte und hätte des Hasses nicht, so wäre ich ein armer Betrüger wie du.«

Und ließ ihn stehen und ging.

Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern. Der rief sogleich: »Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine artige Minute an uns beide wendet.« Da blieb Faust stehen und alle merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen, als Schreck und Staunen.

Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte: »Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit, da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren? Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin reichliche Kundschaft weiß?«

Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:

»Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl, sie nennt sich 'das Wort'; aber es sind viele Worte. Nichts anderes. Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt, denn sie besteht aus Kräutern. 'Sucht sie euch aus,' sagte Gott, als er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten! Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, -- mit Gott und dem Teufel in sich, -- wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?«

Sie sagte: »Ja, Doktor, ich verstehe Euch,« neigte den Kopf und ließ ihn vorüber, fast wie einen König.

Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg, aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.

Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem Vetter: »Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden? Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: 'An seinen Früchten mögt ihr ihn erkennen.' Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!«

Da erwiderte ihr der junge Mensch: »Helena, wenn wir zwei ihn so recht herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?«

Sie sagte: »Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.«

Von diesem Tage an redeten die beiden Geschwisterkinder nichts anderes, als nur mehr vom Doktor Faust. Den ganzen Tag saßen sie zusammen und fabelten von ihm, und gewannen und verwarfen viele Pläne: wie möchten sie ihm näherkommen?

Zuletzt faßte sich, als die Kunde ging, Faust müßte zum Kaiser und zum Könige nach Passau hinweg, der Student ein Herz und lief zum andernmale hin zum Doktor der schwarzen Magie. Der wohnte damals, als Gast des Bischofs nach seinem eigenen Wunsch droben in der Festung und hatte, gegen die bayrische Ebene zu, ein Stüblein hoch in den Mauern. Da sah er alle Abend die vergehende Sonne an und ihm war das recht. Wenn sie unterging, dann blickte er von seinen chaldäischen Studien auf, die er seit einiger Zeit, mehr aus Sehnsucht nach den Erinnerungen an junge Tage, denn aus Hoffnung, noch irgendein neues Ding darin entdecken zu dürfen, weitertrieb.

Um Sonnenuntergang kam immer ein kleiner Vogel an sein Fenstergitter, setzte sich an den Nagelfluhbord des Turmes und zwitscherte. Dann sah ihn Faust an und sagte: »Um solcher Kreatur willen könnt ich meine Hand abziehen von der Vernichtung. Aber auch für euch kleine Ding wär' es besser, ihr schlieft ein, als daß ihr euer Herzlein unter den Griffen des Sperbers zum letztenmal klopfen fühlt. Und =wie= klopfen fühlet!«

Um eine solche ergriffene Stunde, da Faust gerade Feierabend machte und ins Unbestimmte verwoben war, klopfte Sympert Stainer zum andernmale an die Türe Doktor Faustens und der rief: »Immer zu!«

Diesmal war der junge Student schon mutiger als damals, da es aussah, daß, wenn man ihn gestochen hätte, er keinen Tropfen Blutes herzugeben vermöchte. Aber das Herz schlug ihm dennoch so verklemmt und zerpreßt, daß er nicht wußte, wie es verbergen. Er fürchtete auch, der Magus würde ihn abermals auf solche Weise ansehen, daß er, obwohl lebendig, dennoch dabei wie tot wäre. Oft hatte er daran gedacht und sich über seine Bewußtlosigkeit sehr gewundert. Diesmal aber gab ihm der Doktor ein gutes Wort und hieß ihn zu sich sitzen. Er brachte auch gleich die Rede auf jenen wunderlichen Traumzustand, in welchen er den jungen Menschen das letztemal versetzt. Er sagte ihm einiges, ganz weniges, von dem, was er ihm damals zu vergessen geboten, so daß der Bertel Stainer hellauf staunte. Denn nun kam ihm das alles selber, dunkel erinnerlich, wieder.

»Du siehst, mein Jung',« sprach Doktor Faust, »was es also mit der menschlichen Seelen für eine Bewandtnis haben mag! Die Seelen ist von Gott, ist sein Mitding, gehört zu ihm und in ihn hinein. Wird sie aber allein und ohne den Körper gelassen, so verlieret sie sogleich all' das, was wir Menschen Witz und Vernunft nennen. Woraus du dir zur Lehr' magst dienen lassen, daß Gott weder witzig noch vernünftig ist, sondern es ergeht ihm wie einem Schwindligen, der im Schlafe wandelt. Wo der Wache sich zerstürzen würde, dort gehet er sicherer seinen Weg, als ein Dachkater. Die hochgepriesene Vernunft, die ist was Zugeflogenes und er, aller Dinge Lebensentzücker, kennt von solchem Firlefanz gar nichts. Aber er macht die Sterne kreisen, daß auch nicht einer dem andern in Weg kommt. Soviel von Gott, mein Jung'. Und wenn ich ihm abgeschworen hab', so ist es darum, weil er die Vernunft hat aufkommen lassen. Will sagen, das verlogenste aller Tiere, den Menschen. Er selber ist der Vernunft ganz unmächtig: Zurück zu Gott kann nur, wer sie ihm hinschmeißt und sagt: 'Abba, Vater, hab mich gern und ich dank dirs einen Dreck.'«

Der junge Sympert wollte sich bei dieser Lästerung bekreuzigen, aber Faust sah ihn so voll entsetzlicher Ironie an, daß ers unterließ.

»Nun werd' ich dich wegschicken müssen,« sagte Faust und stand auf.

Der junge Mensch erschrak darüber so, daß er sich zu Fausti Füßen warf, seine Knie umschlang und bat: »Nie mehr laßt mich weg, sondern seid und bleibt mein Meister und nehmt mich als Euren Famulum an, da doch der Wagner Christoph ferne zu Wittenberg Eure Arbeiten schlecht tut! Ich will Euch in allem dienstreich sein und Gott abschwören, wenn Ihr das nur für gut haltet. So wie Ihr jetzt von ihm geredet, will's mir scheinen, als dientet Ihr ihm besser und innerlicher als jeder Pfaffe. Mag's also mit Euch gehen, wohin es wolle, ich fahre mit!«

»Stah auf, mei' Jung',« sagte Faust, und er sagte dieses Wort so weich, daß er in die Mundart seiner Jugend zurückverfiel und schwäbelte, was man sonst an dem eleganten Lateiner niemals herausmerkte. »Stah auf, mei' Jung' und überleg dir's halt no emal, aber gut; geh auch zur Beicht und erprob dich vor den Vorwürfen des Priesters. Und ob du das Sakrament gerne nimmst. Ich sag' dir nichts als das: Wär der Herr Erzeuger der Menschen im Recht, so tät der Mensch sich seiner Unkeuschheit nit schäme, wie denn auch das Tier sich nit schämt. Aber das heiße Wunder, dadurch der Mensch entstehet, verdammen? Lächerlich und sündhaft machen? Wie es die _religio_ tut? Das heißt, dem Erzeuger dasselbe zurücksagen wie ich: 'Das war nit gut von dir, Vater! Und vielleicht hast du den siebenten Tag dazu benützet, um dich auch so tief zu schäme.'

»Du siehst also, ich bin von der christlichen Askes' bloß dadurch unterschieden, daß ich klar sage, was sie sich nicht zu sagen getraut. Und wenn du mir folgen willst, so mußt du den Prahlaffen, -- den deutsch oder spanisch angekleideten, ebenso wie den mit Nasenring und Federputz herausgeschmückten Prahlaffen hassen und an nichts anderes denken, als wie du diese mißratene Sipp' ausrotten könntest! Alle Seelen, mitsamt deiner eigenen, mußt du dem großen Pfuscher mit einem einzigen Todesseufzer zurückgeben, damit er was Gescheiteres damit anfang'. Denn er kann ja doch nicht davon lassen, seine Tänz' irgendwie von neuem zu beginnen!«

»Wie könnte das sein?« sagte Stainer in namenloser Verwunderung. »Alle Menschheit vernichten?«

»Des getrau' ich mich wohl noch,« sagte Faust. »Für dich bleibt heute nur das zu vermerken, daß du weißt, worum es mir, Johannes Fausten, geht! Denkst du immer noch zu mir zu halten, da du weißt, es geht unweigerlich in den Tod? Denn wir müssen mitfahren, wenn alle dahinfahren!«

Dem jungen Studenten lief ein kaltes Grauen über den ganzen Rücken hinab. »Daran müßt ich mich gewöhnen. Ich hab' dem Tod noch nicht in die Augenhöhlen geschaut ... Daran müßt ich mich erst gewöhnen ... Aber _magna voluisse magnum_. Welch ein Mensch hat jemals Größeres unternommen, als dem Schöpfer das wegzunehmen, was man die Krone seiner Schöpfung benennt? Es ist mir noch zu ungeheuer. Lasset mir Zeit und ich will mich vielleicht dazu hinabwinden.«

»Nicht, weil's ungeheuer und groß und schrecklich ist,« sagte Faust, »das merke du wohl. Eitelkeit darf es nicht sein, die dich, wie den weiland Empedokles von Akragas, in den Ätna springen heißet! Bloß damit einer oder viele Millionen Flachköpf' durcheinander reden: 'Er war ein Gott.' Sondern du mußt dich mit einer ungeheuren Menschenverachtung durchtränken, die so groß ist, daß du an dir selber verzweifelst und dich mit allen, die da zechen, beten, fluchen, handeln, betrügen, komödiantisieren, ja sogar mit denen, die lieben und verzeihen, zusammen in ein Pulverfaß schmeißest, daran ich die Lunten legen werde!«

»Schrecklich, schrecklich,« sagte der Student. »Und ich bin noch so jung.«

»Das ist auch dein Fehler,« sagte der Doktor. »Es war auch der meinige, und nur mit dem fünfzigsten Lebensjahr bin ich dareingekommen, zu sagen, was ich bis dahin nur leichthin und dunkel empfand: 'Der Mensch soll lieber garnit sein.'«

»Ich werd' dem Gedanken nachhängen, Herr Doktor,« sagte Stainer leise und demütig.

»Tu's, aber jetzt geh' und komm mir lieber nit wieder.«

»Ich werd' zum drittenmal kommen,« sagte Stainer mit kläglichem Blick: »Denn ich kann ja doch nimmer und nimmer los von Euch.«

Einer aber war in Salzburg, der verfolgte mit seinen mißtrauischen Augen nachdenklich das Tun Faustens und sah sich auch die Leute an, die zu ihm kamen und wie sie von ihm gingen. Auch rumorte ihm das Fragen Faustens nach der tiefen Kluft im Lande Tirol im Kopfe und immer fragte er sich: 'Was kann der Satanus nur wollen und wälzen?'

So bemerkte der ganz erschreckend scharfe Blick des Arztes auch die Verstörung und das innerliche Winden und Kämpfen des jungen Stainer, der ja auch unter der Lehrkanzel des Paracelsus saß und einen glühenden Wissensdrang verspüren ließ. Er wußte, der Student war zweimal zu Faust geschlichen und er wußte auch von dem Zusammentreffen des Stainer und seiner schönen Base, der griechenblütigen Helena auf der spätsommerlich heiteren Festwiese.

Vetter und Base staken mehr denn je zusammen und schienen gänzlich eines Herzens zu sein. Beide waren sie sichtlich auf den zigeunerhaften, verfehmenswerten Gaukler eingeschworen!

Da kam vom Vater Chrysoloras Kunde nach Salzburg, sein Kind solle im Gefolge des Kirchenfürsten nächster Tage gegen Braunau am Inn abreisen, da beide Majestäten, von Innsbruck her, dorthin zu Schiffe erwartet würden und der Kaiser sowohl wie der römische König mit dem Erzbischof in der schmalkaldischen Angelegenheit zu reden hätten. Große Aufregung war damals in Salzburg und sogar Philipp von Hohenheim bewarb sich beim Erzbischof um die Gunst, denen Majestäten mit entgegenreisen und ihnen aufwarten zu dürfen. 'Ja,' hatte ihm der Erzbischof gesagt. 'Denn ich nehm' auch den Doktor Faustus mit und ich will die Angelegenheit wegen des mächtigen Öles, das nur wir zu verwalten und zu handhaben gesonnen sein, gleich zur Rede und ins Reine bringen.'

So fuhren denn alle in kostbarer Ausstaffierung gegen Braunau und erwarteten dort das kaiserliche Schiff zu rechter Stunde, denn am Abende desselbigen Tages, da der Erzbischof ankam, landete es.

Karl der Fünfte, blaß, klein, argwöhnisch und schwarz, und der römische König Ferdinand, blond, heiter, lebensfroh und offenherzig, saßen beide an einem Tische. Karl mit seinem Barett bedeckt, Ferdinand bloßen Hauptes, obwohl ihn der Kaiser wiederholt bat, sich seines Vorrechtes zu bedienen. »Mir ist halt heiß,« sagte der natürliche Mann lachend, »und meine Ehrfurcht vor Euer Majestät bleibt, ob ich nun mein Hütel aufhab oder nit.«

»Ah,« sagte Karl, »da ist ja der berühmte und treffliche Herr der Geister, unser Doktor Faustus!«