Part 2
Irgendein gestörtes Fühlen weckte den Doktor aus seinen aufjammernden Gedanken, -- er fuhr herum. Die Türe hinter ihm ging zögernd auf, dann stand, leichenblaß vor Erregung, Bertel Stainer, der Student, in der Türe. Er war entsetzt, daß der unheimliche Doktor, so mäuschenleise er die Pforte zur Bibliothek geöffnet hatte, seine grauen Augen geradezu nach ihr hinbohrte, ehe sie aufgegangen sein konnte und er blieb stehen wie ein Kind, dem übel wird.
»Ich hab' Euch gefühlt,« sagte Faust. »Kommt immer heran. Was wollt Ihr?«
Der Ton seiner Stimme war ruhig und traurig; beinahe gerührt. Da gewann der Student einen mächtigen Mut, stürzte zu Fausto hin und wollte sich auf die Knie werfen: Der Doktor wehrte es ab.
»Doktor, Doktor Johannes Fauste,« rief er dem Manne, der eben selber so hilflos mit dem Leben abgerechnet hatte, zu: »Ihr allein auf der ganzen weiten Erden könnt mir helfen und mich glücklich machen!«
Es weilte damals auch das absonderlich schöne Mädchen in Salzburg, welches eine weitschichtige Base zu Bertel Stainern war. Sie hieß Helena und war des griechischen Kaufmannes Tochter, der alle Lieferungen für die Innsbrucker Hofhaltung des seligen Kaisers Max besorgt hatte und jetzt, als ein reicher Mann, für Karl den Fünften und den römischen König Ferdinand Geldgeschäfte trug. Zu der war an jenem Tag, sehr geistesabwesend, der junge Stainer gekommen und frug nach dem Vater. Dann, als Helena dem Vetter gesagt hatte, daß der zum römischen Könige gefahren wäre, ließ er sich niedersinken.
»Ich wollte auch gar nicht nach dem Oheim fragen.«
»Was führt dich also her, Vetter?« sagte das Mädchen beunruhigt.
»Ich war beim Doktor Faust.«
»Beim Zauberer?« fragte das Mädchen erschrocken.
»Ja.«
»Gott und die heilige Jungfrau behüte dich!«
»Dieser beiden bedarf ich nicht mehr.«
»Bertel, Bertel, was sagst du da!?«
»So! Sagt ich was?«
»Was ist geschehen mit dir?«
»Ich weiß nicht mehr. Mir ist, als wär ich aus einer Ohnmacht aufgewacht und hätte mich nun nur so hergeschleppt.«
»Hat er dir was getan? Hat er dir was angezaubert?«
»Ich weiß nichts mehr; nichts. Alles ist vergessen, bis auf den Augenblick, daß ich eintrat. Er hatte seine tiefen, grauen Augen in die Türe gebohrt und sagte: 'Ich weiß, daß du kommst.' -- Ich, zu seinen Knien hin: 'Fauste hilf mir, du allein kannst es!' Und von da ab weiß ich nicht ein Ding auf Erden mehr, als daß ich jetzt hier bin.«
»Du mußt ihm nie wieder begegnen, du! Wer weiß, was er mit dir gemacht hat! Du darfst ihm nie wieder begegnen!«
»Helena, lieber begegne ich in Ewigkeit dem Erlöser Herrn Jesu Christo nicht mehr, als daß ich vom Faust lasse!«
»Gott segne dich und mich; aber dann muß ich zu meinem Beichtvater und durch ihn Gott anrufen, für dich und gegen ihn. Und zum Erzbischof will ich den Faust verklagen gehen; Vetter!«
»Der Erzbischof ist derselben Sucht und Sach verfallen, wie Faust und Paracelsus, laß das nur. Es ist gut, wenn du fromm bist und sollst ungestört dabei verbleiben. Und es ist gut, wenn ich dem Faust nachgeh', und du sollst mich lassen, wie ich immer auch gehen mag. Ah, Helena, dieses Schauen! Bis in den Grund der Seelen schaut er! Und so traurig schaut er, wie der Engel Luzifer, da er sich von Gott lossagen gemußt; weil er nit anders gekunnt. -- Wie ich!«
Dem schönen Mädchen erzuckte leise das Herz. »Traurig?« sagte sie. »Ich hab viel tolle und übermütige Ding erhört von ihm; aber von seiner Trauer redst erst du.«
»Ich kann nichts, als an ihn denken.«
»So erzähl mir von ihm. Man hört so viel üble Sachen. Es tät mir wohl, besser über ihn denken zu können.«
»O, das war früher,« rief der Student eifrig. »Da hat ers gar schlimm getrieben und viel Ärgernis und Feindschaft angestiftet. Aber nun ist er still und weich worden; berühmt sich auch gar nicht mehr seiner Künste. Dafür geht sein Lob aus der geachtetsten Leute Mund umher! Der Philipp von Hutten nennt ihn einen Gesandten höherer Mächte, einen tiefstudierten Weisen! Der große Schulmann Camerarius sagt: 'Was redet ihr über den Fausto? Geh einer hin und suche er aller Weisheit Spuren und Gründ' so feuriglich nach, wie der Faust, so will ich nur mehr unbedeckten Haupts vor ihm stahn!' Das sind Zeugniss' unserer ersten Männer, Helena; und sind die frischesten und letzten. Alles andere ist alte Feindschaft und altes Gered'!«
»Wie sieht er aus?« fragte Helena. Und dieselbe Frage, die dem Stainer an seinen Kommilitonen klein und nichtig erschienen war, gewann jetzt ein blühendes Leben für ihn. Er malte das vergrämte, tiefverstudierte Wesen des seltenen Mannes; seine ewig anders schauenden, elementar launenhaften Augen, die Bürde seiner Schultern, das düstere Schwarz und Rot seiner Kleidung, und wie die Halskrause den gramvoll nachdenklichen Kopf über alldem wie vereinzelt, abgetrennt, ja enthauptet erscheinen ließe. »Man sieht zuletzt nur mehr dies Haupt auf weißer Schüssel liegen und allein für sich leben: dies Denkerhaupt, das der Weisheiten letzte Grenzen überstiegen und Gott selber zu durchschauen sich vermessen hat.«
Das schöne Mädchen saß unbeweglich im Erker. Das südliche Blut ihres Vater machte ihre Wangen niemals röter werden, als es der braune Elfenbeinton ihrer Haut zuließ. Nur ihre Haare ringelten und rollten sich wie deutsches Märchengold über der Blässe ferner, wärmerer Zonen. Ihre braunen Augen schauten ins Weite. Seltsame Mär! Daß das alles wirklich war? Daß es solch einen Menschen gab, der entweder der erste und höchste unter den Sterblichen, oder ihr verworfenster war! Und wer wollte sagen, ob dies, ob jenes! Man wußte nur, eines der beiden Enden der Menschheit war er!
Aber das war es, was Doktor Johann Faustus zu dem verzauberten Studenten gesagt hatte, soeben; -- und ihm dann Vergessenheit aufgelegt:
»Du bist mit Wissen und Willen, ja aus gar großer Sehnsucht zu Einem gekommen, der schon mehr in der Sag und Phantasei der Menschen lebet, denn daß er selber wäre. Ist dir nicht, als wär das ein Traum?
»Du bist durch eine Magie, die dir selber unerklärbar ist, hingezogen zu einem, der sich, hellwissend, dem Zerstörer dieser Gotteserden verschrieben hat und begehrst Anteil am Reich des Versinkens. Dir ist selber so, daß dem nicht in Wahrheit so wäre; -- sondern all das ist ein Traum.
»Es war einmal eine mächtig große Insel im Ozean, der heute noch ihren Namen trägt; hieß Atlantis. Ein Prophet war dort, hieß Gatamura. Der erkannte zu Recht, daß dort Land und Leut am längsten gelebt haben sollten und ließ Wasser ein in einen feuerspeiend' Berg, so nach unten barst. Und das ganze Land versank mit Mann und Maus in einer einzigen Nacht. Ich aber, mit jedem Morgen, den ich erwach, sag: 'Hilf mir zu dir und deiner Weisheit, Gatamura! Auf daß ich alles Land, drauf Menschen leben, versenk' in Feuer und Wasser.' -- Zu diesem bist du gekommen. Faustus heiß ich mich und das bedeutet: der Glückliche. Und bist zu einem Glücklichen gekommen, der Tag und Nacht nichts anderes sinnt, als wie er untergehen könnt zusammen mit dem erbärmlichen Gezücht, das ein Gott angeblasen haben soll, ist aber jämmerlicher als jede Katzenart und vertilgenswert wie Geschmeiß und Ungeziefer, anders steht die Sach nit. Das alles ist wunderlich und ist ein banger Traum; nit?«
Immerzu sah Johannes Faustus dem Studentlein in die Augen, welche zusehends größer wurden und zuletzt ins Endlose zu schauen begannen. Und bei diesem letzten, ermunternden Worte: »Nit?« sagte der Student mit ferner Stimme: »Ja.«
»Willst du weiterträumen?«
»Ja.«
»Dann hör' und tu's in den Grund deiner Seelen. Es gibt nur zwei Arten von Mensch. Die einen wollen aus sich fort und weiter, wie sie's nennen. Die andern wollen zu sich selber. Jeden magst du prüfen, immer ist er nur das eine oder das andere. Die zu sich selber wollen, die kriegen nur Töchter oder Söhn', so des Lebens ganz unkräftig sein; aber in ihnen selbsten wohnt eine unersättliche Gier, zu leben. All ihre Vorfahren, Edelleut, Geldraffer, Bauern, Soldaten, Taglöhner und Bettler, die wollen noch einmal zusammengeballt in diesem einen Menschlein auflodern, wie eine goldene Flamm und alles auf eine Karten setzen, alls auf einen Zug austrinken, und wenns ein arm bucklet Männlein wär, das sie sich ausersehen haben für ihr angesammeltes Begehr! Du bist so einer, ein Letzter; und mit dir wird die Pflanzen deines Geschlechts abdörren, gleich wie sie mit dem heiligen Franz abgedörrt ist oder hinter dem Aufblühen der hundertjährigen Aloepflanzen. Ist all eines und Heiliger und Wüstling sind nur zwei Strophen im Madrigal, das den Kehrreim hat: 'Verbrennen will ich vor Gier nach Ewigkeit!'«
»Ich halt dich nit, Sympert Stainer; du selber mußt dich an mich halten, als wie wenn du gar nit anders kunntest. Ich halt dich nit; ich warn dich und vermahn dich ganz ernsthaftiglich! Wer bisher mit mir hat gehn wollen, der ist immer noch vorzeitig abgefallen vom ganz großen Weg des Vernichtungsengels und hat sich selber einen jämmerlichen, unreifen Schluß gemacht. Ich leb' immer noch, obwohl mich alle weghaben wollen. In Kreuznach hat mich der Sickingen schon hinausgeschmissen, da war ich noch ein junger Lecker; hab mich zum Lehrer bestellen lassen und meinen Buben gesagt: 'Es ist nichts mit Welt und Gott und Menschen; werdet die Letzten eures Blutes.' Da sein die einen ihren Eltern aufsässig worden, die andern zu den Soldaten geloffen, die dritten zur Bierbank. Das war meine Frucht und Schul: Keiner hats ausgehalten; waren alle doch nur Menschen, die anderswohin dirigiert waren, als zu sich selber hin.
»Ich hab's damals noch nit verstehen mögen; hab' gemeint, alle wären wie ich selber und kennten kein ander Begehr, als tief in ihr eigen Blut versinken! Dann aber hat sich mein zweiter Famulus erhenket, wie Judas, nachdem er den Wittenberger Pfaffen verraten, was ich ihn gelehret. Lange Zeit hab ich keinen Famulum mehr haben mögen und hab einen schwarzen Hund mit meiner Kunst Seel und allerlei Geheimnis eingeblasen, so daß die Leut vermeinten, es wär ein höllischer Diener. Den Hund hab' ich verkaufen müssen; -- bin ja mein Lebtag ein armer Schlucker gewest. Hieß Prästigiar, der Hund und ein Abte zu Halberstadt hat mir ihn abgeschwätzt. Der war mein allergetreuester Famulus. Sodann kam der Christoph Wagner, der annoch zu Wittenberg sitzt und meine alchymistischen Proben instand hält und nacharbeitet. Der hat sich verhurt und versoffen. Und so sind alle Menschen, die mir anhingen immer bloß die jämmerlichen, die ganz kleinen und geringen Abweg' des Teufels gegangen und ihrer keiner den großen und stolzen Weg bis zum Krieg gegen Gott. Das sollst du wissen und innerlich darüber nachträumen, damit du dich fürchtest und nimmer zu mir kommst, wenn dein Begehren halb wär. Dreimal müßtest du selber so zu mir kommen, ehe denn ich dich annähme. Dann aber will ich es aufrichtig mit dir halten und gemeinsame Arbeit tun mit dir, dir auch die Augen öffnen für die letzten Tiefen, vor denen Faustus und Infaustus gleich sind. Jetzt aber erhol dich langsam deines Traumes und in währenden Gehen von hier erwach du immer mehr und geh zu dem liebsten Wesen, das du sonst auf Erden magst haben und schütt ihr dein Herze aus. Von mir hast du alles vergessen außer meiner großen Schwermut; daß Gott diese Erden so jammervoll mißgeschaffen hat am sechsten Tag. Das sollst du behalten und nichts anderes für heut. Geh, mein Sohn.«
So und nicht anders hatte der Gewaltige die Phantasien des jungen Menschen vorzubereiten begonnen, dessen angstvoll bittende Kinderaugen ihm wohlgefallen hatten, wie seit Jahren keine andern. Denn wenn Faust auch das Menschengezüchte im ganzen haßte und nichts anderes sann, als wie er dem Gott diese mißratene Art wieder abschneiden und gänzlich zunichte machen könnte, so ließ sich doch sein Wesen immer wieder, einzelweise, zu ein wenig Liebe und Herzlichkeit heraus, wie er denn auch stets der beste Herzbruder und Zechgesell seiner Freunde war und niemals einem untreu. Sondern er tat mit herzlichster Gutmütigkeit jedem, was er ihm nur an den Augen absehen konnte und hat wohl niemandem, den er lieb gewonnen, jemals eine Bitte abgeschlagen. Daher er auch niemals zu sonderlichem Vermögen gelangt war, ein paar kostbare Geschenke von fürstlichen Kleinodien abgerechnet, die er irgendwo bei einer alten Muhme im Breisgau verwahrte, damit er sie nicht auch wegschenke, bäte ihn jemand darum.
Als aber der gebannte Junge weggegangen war, wie ein ganz Versponnener und Faust ihm mitleidig nachgeblickt, fielen seine Augen, die ermüdet waren von dem vielen Ausströmen der Willens- und Lebenskräfte, wieder auf das alte Bußlied: »Owê, war sint verswunden --«
Und mit einem schweren Seufzer sank der alternde Mann in den verbräunten Lederstuhl und grübelte: »Ein End', nur endlich ein End' für mich und alle, die da seit Äonen gefoppt und gequält durch den kurzen Sonnenschein kriechen müssen und stets ganz andere Äonen lang weiter den Löscheimer zum Sehnsuchtsbrande von Hand zu Hand reichen werden müssen, bis die Erde kalt geworden ist wie eine Geliebte, die uns verachten gelernt. Und stumpfe, gekrümmte Tiere werden sogar dann noch eine Weile frierend beieinander hocken, gleich mir, der jetzt schon für alle gebeugt ist und für alle fröstelt!«
Das war eine Lebensstunde des alternden Doktors Faust gewesen.
Aber sein Leben bestand nicht mehr wie ehedem aus Tollheiten, Zechgelagen, Gaukeleien und Schabernack. Immer mehr trieb ihn das Bewußtsein des Wegsickerns seiner Tage zur Tat, zu seiner alleinigen Tat, für die niemand außer ihm prädestiniert war, vielleicht seit Anbeginn der Schöpfung, -- außer dem zornigen Priester und Magier Gatamura, den ihm einstmals, in entrücktem Zustande, sein zweites Gesicht vorgewafelt hatte und an dessen schauerliche Tat er voll geheimer Hinneigung glaubte.
Darum war er nach Salzburg gekommen.
Es lebten hier zwei Menschen, deren er zu einem Plane bedurfte, welcher immer magischer in ihm Gewalt gewann. Paracelsus war der eine; der andere aber war der Fürstbischof selber, gelehrter Mineralog und aller geheimen Gänge und Schichtungen des Gesteines im bayrischen, salzburgischen und tirolischen Hochgebirge kundig. Faust brauchte den großen Alchemisten und er mußte die Kenntniss' über alle Bergadern besitzen, ehe er groß werden und aufflammen ließ, was als geheimes Feuerlein in ihm glühte.
Es war die Stunde, zu welcher Paracelsus in die bischöfliche Bibliothek kommen sollte, um ungestört mit Faust über die geheimen Versuche beider zu reden. Faust fühlte auch jetzt, daß etwas Zähes und ihm Widerstrebendes gegen ihn herschlich. Das war Paracelsus, der die Treppen hinanstieg, voll Widerwillen gegen den, für ihn zu Unrecht berühmten Alleswisser.
Dennoch: Faust hatte ihm da eine wundervolle Entdeckung gebracht, die auch den Alchymisten in hohe Gunst beim Kirchenfürsten setzen mußte. Es war ein Sprengmittel, vieltausendmal fürchterlicher als Pulver und griechisches Feuer zusammen, von dem ihm der Doktor die Mitteilung gemacht hatte. Es blieb wohl noch das Schwierigste für den immer bekümmerten Laboranten zu suchen übrig, das hatte Faust von sich geschoben und ihm aufgetragen. Jenes Vernichtungsöl hatte schon in Ingolstadt einen forschungsgierigen Studenten zerrissen. Den Faust hätte es auch zweimal Leib und Leben gekostet, wenn er nicht seiner Sicherheit sehr gewärtig gewesen wäre und Christoph Wagner in Rimlich bei Wittenberg, der ebenfalls für den Doktor die gefährlichen Proben weiter besorgte, ging nur langsam und mit äußerstem Mißtrauen an die gefährlichen Versuche. Da sollte Philipp von Hohenheim, der Paracelsus, das Bad ausgießen und das fürchterliche Mittel zähmen! Ein stiller Grimm mochte darum im Innern des großen Forschers kochen, aber Faust hatte ihn gebunden; es konnte dem bettelarmen Arzte und Goldmacher mehr eintragen, als der vergeblich gesuchte Stein der Weisen. Der ewig von den aufwieglerischen Bauern bedrohte Fürstbischof, dem die neue Lehre bereits würgend nach der Kehle griff, bedurfte einer Zuchtrute, so gewaltig wie das Flammenschwert eines Cherubs, um sich das widerborstige Volk zu zwingen.
Wenn die Bischöflichen von ihrer Feste zu Hohensalzburg, bei der ersten, sich bietenden Gelegenheit eines neuen Bauernaufstandes, nur zwei oder drei Bomben mit jenem entsetzlichen Gewaltöl unter die Knollfinken geschleudert hatten, damit war Friede gemacht. -- Dort oben dann lachten sie wie Götter, und unten wimmerte das zertretene Gewürm. Wenn die beiden Gelehrten dem Bischof alle Macht gesichert hatten, -- »im Himmel und auf Erden«; dann hatte der alternde Theophrastus Nahrung für seine letzten Tage. Mochte es denn sein.
Er trat zu Faust in die Bücherstube ein, mit seinem behutsam zögernden Schritte; forschende, traurige Augen auf den Schwarzroten gerichtet.
»Ich freu mich, zu sehen, daß das Teufelsöl Euch nicht hat zu Leibe gehen können,« sagte Faust spähend.
»Wenn mans in reinen Gefäßen erzeugt und gänzlich verschlossen bewahrt, dann hälts eine Weil; niemals gar zu lange. Weh dem aber, ders mit Öl oder Terpentin, auch Fett oder Harn zusammentuen wollt! Da zerreißt die kleinste Prob ein Stück Welt ringsumher. Sogar Staub darf nicht drankommen!«
»Das ist böse,« sagte Faust nachdenklich. »Fette und Urin könnte man fernhalten und alles was Harz heißt. Aber Staub?«
»Ihr sollt gleich zum Bischof kommen,« sagte Theophrastus. »Er hat aus Kanonengut eine Bomben gießen lassen, größer als der dickste Kürbis und mit einem winzigen Schraubengang in die Mitten hinein, wie Ihr vorgeschlagen habt, so daß man ein einziges Tröpfl des Öles hineingehen lassen und alles dann bis außen mit einer langen Schrauben zuschließen kann.«
»Ist die Bomben wohl gut in die Erden verbettet?« fragte Faust.
»Glaubt Ihr denn, das winzige Tröpfel werde soviel allerbestes und zähestes Material auseinandertreiben können?« erwiderte Paracelsus verwundert.
»Wenn das wär', dann könnt man ja die ganze Erden damit zerreißen!«
Faust blickte jähe nach dem Arzte hin, aber der stand gelassen und vollkommen nachdenklich neben ihm. Da schwieg auch er. Aber er rechnete: Am einundzwanzigsten Juni, da ich mit den Landsknechten nach Italien kam im Siebenundzwanzigerjahr, da hat die Sonn' in den berühmten Brunnen zu Sizilien dreihundertundzwei Klafter tief hineingeschienen. Am selbigen Tage zwei Jahr nachher in Gotland -- ja ja: ich hab's ganz klar derrechnet: Die Erden hat fünftausend und etlich hundert Meilen rundumher und fünfzig Millionen Klafter querdurch gemessen. Ich nehm an, daß die harte Rinden den zweihundertsten Teil mag betragen, ehedenn das flüssige Feuer anhebt, wie ichs bei Neapel und Catania herausquillen hab' sehen. Der Bischof hat mir eine Riesenbombe gießen lassen, deren Rinden darf nur ein Zweihundertteil sein, vom Durchmesser. Dann bohr ich ein Löchl, nur ein Tausendstel so tief wie die Rinden und tu ein staubkorngroß des Öles daran. Zerreißt es das ganze Eisen, gut. Dann mag es auch im gleichen Verhältnis Bergstein und Erden auseinandertun auf Nimmerwieder, wann ich das Millionenfache in die allertiefste von allen Höhlen bring, die mir der Bischof angedeut.
Erzbischof Ernst saß erregt zwischen den beiden Gelehrten. Seine fahle Gesichtshaut war gerötet, sein langer Bart zitterte.
»Nimmer hätt' ich vermeint,« sagte er, »daß solch ein Nichts, so ein Zehntel Tröpflein, den ungeheuerlichen Erzkloben würd' in Trümmer zerreißen. Da grauet einem! Aber jetzt gebt mir, wie Ihr versprochen habt, das Rezept preis, Faust. Ich wills Euch ebenso lohnen, wie ich es zugesagt. Aber niemand, außer des römischen Königs und des deutschen Kaisers Majestäten und wir allein, darf das Geheimnis wissen; das schwört Ihr mir unter Preisgab' Eures Lebens!«
Faust reichte dem erregten Bischof feierlich seine Rechte hin und begann dann:
»Erstlich, wir brauchten Braunstein in großer Meng'; derselbe, den die Glasmacher nutzen, um die schöne, violene Farb' in ihre Ziergläser zu brennen und den man von dessenthalben Glasmacherseifen nennt. Mit demselbigen legt man den Grund. Sodann übergießet man ihn mit _spiritus salis Basilii Valentini_, langsam und bedächtlich; da kommet eine grüne Luft hervor, erschrecklich stickig und stinkig, darein kein Wesen vermöcht' zu atmen. Ein bissel nur daran gerochen und man vergibt sich vor Husten. Ein halber Atemzug davon, und der stärkste Mann bekömmet einen Bluthusten, der tödlich sein kann. So ist diese grüne Luft.«
»Es ist vielleicht dieselbe, die in der Höll' die Verdammten atmen mögen,« sagte der Bischof leicht erschaudernd. Dann raffte er sich wieder auf: »Weiter,« sagte er.
»Item,« fuhr Faust fort, »wenn diese grüne Luft, die man in einer offenen Flaschen halten kann wie Wasser, denn sie sinket schwer zu Boden, wenn man also diese grüne Luft erzeuget hat, dann vermengt man sie mit _spiritus salis ammoniacum_, kanns aber nicht durcheinandertreiben! Sondern alles muß langsam und unbewegt geschehen, sonst zersprengt es sich schon _in statu nascendi_. Da wird also, von denen beiden Höllenstänken, ein gelbes Öl und das ist nun dasselbige, von welchem Eure Fürstbischöfliche Gnaden eben in so grausamer Weis' ein winzig Tröpflein eine Bomben zerspritzen gesehen haben, zu deren Sprengung dreihundert Pfund Pulver vergeblich angewandt worden wären.«
»Wahr, das ist wahr.« sagte der Erzbischof nachdenklich.
»Wann mir Eure Bischöfliche Gnaden nun auch in Herablassung die seltsame Stell' angeben wollten, wo sich so viel Braunstein hat finden lassen? Man könnt' das Öl ganz im Großen herstellen, alsdann.«
»Ich hab' Euch schon gesagt, es war fast untunlich, solchen Braunstein zu gewinnen und zu fördern,« sagte der Erzbischof. »An der Stelle im Lande Tirol, wo sich die Alpen, so aus Brennkalk bestehen, von dem roten Porphyrstein scheiden, da haben wir goldhaltigen Quarz eingesprengt gefunden und dabei Eure Glasmacherseif', damit wir ja das Gold gleich herausscheiden konnten. War aber so wenig Goldes, daß es sich nicht gelohnt hätte. Nun ist uns aber da ein Naturwunder kund worden. Es muß, als Gott den Kalk und den Porphyrstein voneinander schied, ein Riß durch die halbe Erden gegangen sein. Ja. Recht als wie des Tempels Vorhang, da der Heiland starb, scheinet da die Erden auseinandergerissen. Es hat sich besagte Kluft dann zum Teil wohl wieder angefüllet, denn nur ein enger Schlurf führt dort in die grausame Tiefe, und ist eben jenes Braunsteines eine ungeheure Meng' ins Bodenlose gerollt; denn je weiter unten, desto mehr haben unsere Knappen, die sich hinuntergewagt, davon gefunden. Aber das Loch geht dermaßen tief in die Erden, daß sie es zuletzt vor lauter Hitz' nicht mehr ausgehalten haben, obwohl immer noch kein Ende war. Und keine Schnur hat den Grund abreichen können; dagegen ist ein Wachslicht, das man hinabgelassen hat, gänzlich verschmolzen. Woraus mir zu schließen deucht, daß dort, unter jener Tiefen, das ewig' und höllische Feuer beginnen mag. Es ist diese Kluft vielleicht derselbe Eingang zur Höllen, den der italienische Dichter Dante beschreibt. Denn er hat weder Grund noch Ende.«
Der Bischof hatte wieder das blasse und kränklich versorgte Aussehen bekommen, das er immer zeigte, und atmete schwer und müde. »Für heute mags genug sein, Ihr lieben Herrn,« sagte er.
»Halten mir Eure Bischöfliche Gnaden noch eine Frage zugute: 'Kennt man jene Stell' im Lande Tirol an irgendeinem äußerlichen Zeichen?'«
»Es steht die erste italienische Zypressen dort, wenn man vom Grat gegen Waidbruck herzukömmet; aber sie ist ein ganz verkümmert Bäumel und vielleicht gar schon erfroren.«
Und damit gab der Bischof den beiden Männern Urlaub und segnete sie.
Faust atmete schwer.
»Wozu gebrauchet Ihr den Braunstein in so ungeheuerlichen Mengen?« fragte Paracelsus verwundert. »Mit ein paar Dutzend Pfund ist dem Bischof und dem Kaiser geholfen.«
»Mich hat bloß jene erstaunliche Sag' vom Eingang in die Unterwelt mit Neugier erfüllt und die wollt ich bei solcher Gelegenheit erfahren.«
»Ihr wollet doch nicht am Ende Gott versuchen und dort in frevelhaftem Vorwitz einfahren?« rief Paracelsus.