Part 10
Er, der Student Sympert Stainer, mußte zerstören, was zerstört sein wollte. Die Nähe? Oder die Ferne mit? Ob die ganze Erde, ob nur sich und diese jammervolle Umgebung, gleichviel, es war nicht mehr zu ertragen. Und, beinahe im Augenblick, wie dieser schmerzhafte Riß durch sein ganzes Wesen zerrte, sprang er zum großen und wohlverwahrten Flaschenzuge hin, dessen Geheimnis nur ihm und Faust bekannt war, löste ihn und zog mit wahnwitzverzerrtem Angesichte, das vor Anstrengung ins Blaurote quoll, an dem Todestau.
Die Chrysoloras faltete die Hände, als betete sie. Wußte sie, was das bedeute?
Es war, eine ungeheuerlich scheinende Weile, ganz stille und man hörte kaum aus der Tiefe ein Gurgeln und Rieseln und dann ein stärkeres Rauschen; zuletzt ein Kollern, und dann war Ruhe.
Fahl und entseelt wie ein Betrogener schaute Stainer um sich. Sollte alles fehlgerechnet gewesen sein und war auch hier die ewige Unzulänglichkeit am Werke, die, nach Fausti Hohn, ganz allein diese Erde am Leben erhielt?
Da aber schoß es aus der Tiefe brüllend und grauenvoll empor, wie ein vertausendfachter Geyser Islands. Nur nicht kochendes Wasser. Aber Feuer, Steine, grüne Stickluft und ammonisches Gas durcheinander, das sich wieder zu Feuer und Krachen vereinte. Eine Höllengarbe, eine Protuberanz, unmäßig und scheußlich in die Luft fahrend. Fast senkrecht hinauf gegen die Sonne, als hätte Satan selber eine Faust gegen Gott ausgereckt, so töricht und jämmerlich und frevelhaft, wie Faust die seine.
Was in der Nähe war, das zerriß in Winzigkeiten und flog mit empor.
Der Schlund spie alles, was man ihm gegeben, wie aus einem ungeheuren Blaserohr, in einem engen Verderbensstrahle in die Höhe. Bloß oben, in den Wolkenhöhen trieb das aufgeschossene Ungeheuer sich auseinander, wie ein riesenhafter Giftschwamm, dessen Stiel kaum mehr sichtbar war, dessen Hut dort oben aber strotzte, sich zerballte und faul auseinanderfiel. Auf die steinige Wüste dieser Höhen sanken Rauch und Staub und Stickluft träge hernieder; ihnen voran prasselten ungezählte Steinmengen, vor denen zerstob, was bisher an aufschreiendem Menschenleben noch im Runde festgebannt war.
Und zum Prasseln der herniederfallenden Steine rollte die Erde ihren Antiphon dazu. Das schwarze Loch, das zuerst weiter auseinanderzuklaffen schien, schloß sich unter den sich neigenden Felsen. Mit Donnern rollten die endlosen Gesteinschütten hinunter und versiegelten es auf ewig.
Der Riß zwischen Kalkfels und Porphyr, der bis zu den Feuergründen der Erde führen sollte, war nicht mehr.
Der ihn nützen hatte wollen stand aber immer noch, weitaufgerissenen Auges und ragend, und beinahe erwartend da. Rundum schmetterten die Steine hernieder und zerschleuderten Mensch und Wagen und Zugvieh. Er stand und starrte und lauschte.
Eine unermeßliche Wolke von Staub und Rauch hüllte die ganze Gegend ein. Ihrer inmitten stand und wartete immer noch der Faust. Er blieb ungetroffen, blieb innerlich ebenso unberührt vom Entsetzen des Geschehens. Er hatte nichts als eine grenzenlose Verwunderung, ein Ringen nach Erklärung in sich, und einen heißen Schreck: »Hei, zerreißts wohl jetzt die Erden?«
So ungeheuerlich war der Satanspfiff aus der Riesenflöte gefahren, daß der Faustus wirklich glaubte: »Ich hab' den jüngsten Tag angerichtet, mag alles mit mir zum Teufel sein.« Mehr und anderes dachte er nicht, wie denn, im Augenblick des Allergräßlichsten, dem Menschen oft weder Verstehen, noch Entsetzen, noch große Worte und Begriffe zu Gebote stehen, sondern zumeist nur ein volkstümlich derber Ausruf.
Aber so lang er auch in der Wolke stand und ihm der Atem klammte, es geschah nichts mehr. Bloß im Berge grollte und rollte und donnerte es noch lange nach.
Dann verzog sich der Rauch. Etwas Sonne kam wieder hernieder und mit namenlos entgötterten Augen sah der Faustus, wie winzig sein Werk sich gehabt hatte.
Es waren etliche Dutzend Knappen erschlagen, die andern waren verkrochen und geflüchtet. Ein paar Zugtiere lagen tot, einige versuchten auf die Beine zu kommen, andere rasten über die Hochfläche wildscheu dahin.
Faust sah noch, wie ein Gespann an den Felsrand kam und abstürzte, sah es haargenau und stand immer noch, -- wie gelähmt von so jäher Lösung so entsetzlicher Spannung, -- während seine Augen und Ohren gleichmütig weiterzuarbeiten schienen.
In der Nähe kniete die Chrysoloras und schluchzte.
Wahrlich, die konnte schluchzen!
Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprüht worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All sein Wesen zerstob mit in diesem Mißlingen. In ihm blieb nichts mehr. Plötzlich kam eine grauenvolle Angst über den Täter gekrochen. Alles mißlungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Haß und das Geschrei der unsagbar verächtlichen Menge, die er wegschaffen hatte wollen? In die Hände der Menschen fallen? In die Hände der ewigen Niedrigkeit und Häßlichkeit? Der Mann war dahin, -- zum ersten Male erwachte das kindische Alter.
Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.
Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nächsten war. Er mußte das Finstermünz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.
Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick. Er stolperte, raffte sich auf, überlegte, sparte bald Kräfte, dann schund er wieder aus seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.
Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kümmerliche Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewährt worden war. Er schrieb einen langen demütigen Brief an den römischen König über sein Unglück und wie der Student das Unternehmen vorschnell zerstört hätte. Man möge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin gewesen sei: er hätte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines gnädigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor dem Grimm des Bergknappenvolkes geflüchtet. Und damit ging es weiter; -- unwürdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um's Leben und um den armseligen Tag!
So war Faust geworden.
Immer saß ihm das Grauen im Nacken. Er wußte, einer setzte im stetiglich nach; er spürte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrüge, um den zu verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten, abzulenken, vor dem er so namenloses Grauen hatte. Aber er fühlte, es hülfe wenig. So zerrte er sein jämmerliches Leben weiter rheinabwärts, am brausenden Falle vorüber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: »Wirf dich hinein.«
Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben dürfen!
Damals waren das Elsaß und der Breisgau die einzigen und letzten Stätten im ganzen römisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf fanden, wenn sie anderswo schon überall ausgetrieben und verbannt und verhaßt waren, gleichwie Faust. Daß der Breisgau dem Hause Österreich zugehörte, kümmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und König waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch über den längst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte. Ihm konnte von der allerhöchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen fürchten mußte, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen. Das hatte er dem römischen König auch zu merken gegeben: er möge seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.
Aber der Vater, der vielvermögende Vater, dem sein Kind zerstört worden war durch den Verführer!
Es war auch so: Der immerzu kalte Geldmann hatte endlich seines Lebens große Hitze bekommen und er verhohl seinen berechnenden Grimm, wie er sonst nur große Geschäfte zu verbergen suchte. Der Nigromant mußte für sein Kind dahinfahren: unbereut, überrascht und somit der ewigen Verdammnis geweiht. Daran glaubte Herr Chrysoloras, der streng gläubig war, wie viele kalte Rechner, ganz festiglich.
Er ließ sich Zeit. Er ließ das Jahr bis knapp an seinen Rand dahinrinnen, um den Faust sicher zu machen, der endlich in seinem letzten Neste bei Staufen in Breisach saß, wo er seine paar Schätze und Habseligkeiten zusammen mit den Büchern verwahrt hielt und ein kleines Laboratorium in einem verlassenen Weingartenhäuschen vor der Stadt hatte.
Chrysoloras ließ sich Zeit. Er sagte sich, daß der leichtsinnige Abenteurer sehr schnell wieder zu hoffen beginnen würde. So verging das Weihnachtsfest und alles blieb stille.
Dann war der letzte Tag des eintausendfünfhunderteinundvierzigsten Jahres nach der Geburt des Herrn.
Wieder ein Jahr herum. »O weh, wohin sind gangen alle?« -- -- --
Der Faustus war jetzt vollkommen einsam und gar niemand kam zu ihm: Kein Kranker, kein forschbegieriger Student. Dunkle Kunde von einem greulichen Unglück, das er im Lande Tirol angerichtet oder an dem er doch mitschuldig geworden war, tröpfelte bis in das Städtlein, vor dessen Toren er, einsam und gemieden, seinen letzten Schlupfwinkel bezogen hatte.
Wieder ein Jahr herum! Ein Jahr, in welchem ihm das schönste Mädchen aus antikem Blut, das liebreichste Weib der Christenheit hätte können beschert sein. Er hatte es in frevlem Übermut zurückgewiesen und das wunderbare Gebilde Gottes zerstört. Das war das Werk dieses Jahres gewesen. Er hatte Mord angestiftet an einem Manne, der ehrlicher und tiefer seinen Lebensweg gegangen war, als er und der Menschheit große Geheimnisse freigegraben hatte. Er hatte dann das Werk Satanas auf eigene Schultern laden wollen, und? Und hatte ein mittelgroßes Bergwerksgräuel angerichtet, das vielleicht sogar bald vergessen gemacht werden konnte, wenn der römische König sehr verlegen darüber geworden war.
Nichts, nichts. Zerstürzt, verjammert, verhöhnt und umsonst war dies Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebückte, graue Faust, der jetzt noch viel älter aussah, als er war, saß, krummgezogen von seinem Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden Laboratorium und fror jämmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt, als er zu all' seinem Elend den Schüttelfrost bekam, stand er doch selber aus seiner müden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herüber schlugen die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Südwind fegte durchs Rheintal, kam aus dem Münstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die Flamme kämpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Höllenkinde zu, das er immer geliebt hatte. Die Wärme kroch an ihn heran. Etwas, wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagte in ihm, schmerzlich zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor seinem Häuschen ein erstes Ahnen aufträumen mochte, daß es wieder ein Weinjahr geben könnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf, wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein möchte. Trieben sie übermütig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingärten den ganzen Berg über dem Städtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer übermütig grüne Fähnlein schwenkten. Wär' man doch nur eine Pflanze! Wär' man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel Erlösung geben die. Und er?
Ach, er wäre auch als Weinstock so geworden, daß bei dessen Trunk die Menschen sich viehwütig in die Haare und an den Hals gesprungen wären!
Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mußte er noch erleben, daß er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals in seinem Leben wahrhaben wollen.
Was kam noch? Was stand noch vor ihm?
Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stube des Faust. Die eisernen, großen Räder taten einen harten Gang durch Myriadenstäubchen der Zeit hindurch, welche sie messen mußten. Hoffnungslos horchte der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er müsse zuhören, wie ein jedes Tröpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den unterirdischen See der Trostlosigkeit hineinträufelte. Nun aber er, in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde! Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.
Die Uhr ging, gleichmütig, als stünde sie da als Anwalt des Gottes wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fühllos, und mit der gleichen Grausamkeit. Aus verödeten Augen sah der Faustus hin auf sie und verstand sie.
Eisiges Grauen kroch ihm über den sorgenhohgewordenen Rücken herauf. Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich, wegschütteln und fuhr herum. Da sah er in einen Spiegel und erblickte sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas Jenseitiges gesehen hätte.
Unmöglich war es, daß er sich auch nur einen Augenblick länger betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch wenigstens das Nichts; nicht das zerreißende Etwas, der anklagende Rest dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als ein Gespenst.
Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von draußen auf ihn.
Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren, ungleichen, schwärzlichen Zähnen. Da ging es einmal umgekehrt, als wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange; er vermochte kein Glied zu rühren und in diesem Stücke Holz, zu dem er erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Ströme des Entsetzens hinauf und hernieder.
Es war der Kerl des Geldmannes.
Langsam griff er durch eine der zerbrochenen Butzenscheiben, die mit Pergament verklebt war, hindurch und die krallige Hand öffnete den Riegel des Fensters innen; auf taten sich die Flügel. Dann sprang das Geschöpf des Nichts mit einem hunnischen Satze ins Zimmer herein.
»Was willst du?« wollte Faust sagen; aber es erging ihm wie im Traum, wenn uns die Trud Herz und Stimme abdrückt. Bloß seine Lippen bewegten sich, farblos und krampfig.
Der Kerl stand auf seinen krummen Beinen vorsichtig da und sah sich ringsumher in der Stube um, ob irgend Fallen da sein könnten oder gar Hilfe für den Doktor. Aber da war nichts als das niederbrennende Kaminfeuer; keine Retorte daran, die platzen hätte können und kein ihm unbekannter Apparat. Ein paar Waffen hingen an den Wänden, die sah die Kotgeburt nur mit Grinsen an. Das Greislein da konnte sich ihrer gegen ihn ja nicht bedienen, der im Gebrauche der Waffen flink und blutdürstig wie ein Wiesel war.
Er kam, immer noch etwas behutsam und abwartend, an Faust heran, weil ihm dessen Gebanntsein nicht ganz geheuer vorkam. Vielleicht hatte der endlich festgelegte Fuchs doch noch im Geheimsten irgend eine Finte, die ihm, dem Abrechner noch unbekannt war. Aber er sah, wie das Antlitz des Doktors immer grauer wurde, wie weiße Ringe des Entsetzens sich um dessen Augen bildeten und wie das Weiße der Augen selber immer unnatürlicher groß wurde.
Das kannte er und nickte grausam und sachverständig. In den Schlachten, wenn die Kriegsleute der Hundsfott überkam, dann sahen sie so aus. Das Weiße in den Augen wurde entsetzlich groß bei denen, die den Tod erkannten und vorkosteten. Er hatte ihn sicher und fest, den Doktor.
Kein Wort war geredet worden.
Erwägend und abschätzend kam der krummbeinige Kerl an sein Opfer heran und immer noch konnte sich Faust nicht rühren. Er erkannte in dem nächtlich Gekommenen Den, den er von je vernichten gewollt. Den Häßlichen an Leib und Seele; den Ausgeschämten, den Mord- und Lebensgierigen, den, der nie verdiente, auch nur erfunden und gedacht zu werden und der durch sein Dasein der fürchterlichste Vorwurf war, den man Gott antun konnte.
Das, das war »der Mensch«, wie er ihn immer gesehen hatte.
Wie er ihn immer wegtilgen gewollt.
Der Mensch, den Faustus im tiefsten haßte. Sauber herausmodelliert mit allen Gaben, die bewußte, rettungslose Bestie, die Schandkrone der Schöpfung! Darum die Starrheit Faustens vor dem, was ihm da entgegenlauerte.
Noch einmal warf der Kerl einen kurzen Blick um sich, maß die Entfernung, seine Kräfte und Fausti Gestalt, und fuhr ihm dann an die Kehle.
Als die hornigen Hände sich um seinen Hals würgten, da erst konnte Faust ringen, ankämpfen und schreien. Er wußte, heute war die Nacht nicht hilfelos! Heute warteten die Bürger auf den Neujahrschoral, den die Trompeten, Zinken und Waldhörner vom Turme bliesen. Heute war das Städtlein Staufen wach: »Hilfe, Hilfe, ihr guten Leut!«
Der Kerl, der ihm am Halse saß, ärgerte sich bis zur Gelbwut. Das Doktornichts wehrte sich jetzt? Es zeigte Kräfte, körperliches Strampeln, während es sein lebelang nur immer mit dem sogenannten Geist gefackelt hatte? Ei, der wilde Studentenonkel versuchte diesmal nicht zu gaukeln, sondern krümmte und wand sich wie ein ganz rechtschaffener Wurm! Immer wieder entkam der runzlig werdende Hals aus den würgenden Klauen. Immer wieder schrie Faust mit halber, ja zuweilen sogar mit ganzer Stimme um Hilfe? Seht an, seht an, man muß doch fester zufassen. Daß das vermaledeite Fenster auch offenstand!
Im Hin- und Herpoltern stürzten Bücher, Stühle, Gestelle mit Phiolen und Gläsern durch- und übereinander. Es wurde ein Höllenspektakel, der geschwind ein Ende haben mußte. So warf der Kerl den Doktor darnieder, preßte ihm seine festen, durch tolles Reiten ausgedrehten Knie auf Brust und Hals und würgte nun aus wilden Lüsten darauflos. Jetzt zeterte das Doktorlein nimmer.
Der Kerl hätte schon gerne losgelassen; aber aus Pflichtgefühl und Sicherheit würgte er immer noch weiter, auch als er wissen konnte, es müßte längst zuende sein. Dabei horchte er immerzu nach dem Fenster, ob man käme oder ob man gar sein Pferd entdeckt hätte, das in einem Weingartwächterhäuslein versteckt war.
Aber die Nacht war so stille, wie der Faustus selber.
Da stand der Gesell des reichen Herrn grinsend auf, sah noch einmal zum Fenster hinaus, nickte dem starren Menschenbündel am Boden zu und zog ein schweres, kupfernes Pulverhorn heraus, an dem vorbereitet eine kurze Zündschnur hing. Das band er dem Regungslosen an den Hals, holte sich aus dem Kamin einen Brand und zündete an. Dann sprang er katzengeschwind zum Fenster hinaus und schloß es, so gut es gehen wollte.
Dreihundert Schritte davon wartete sein Pferd und schnaubte ihn unruhig an, weil er fremd roch. Er nahm es am Halfter und führte es, immer neu horchend und innehaltend, an die Straße, die gegen den Rhein zuführt. Einmal wäre er beinahe umgekehrt, um, ungeduldig, nochmals nach dem Rechten zu sehen. Da aber geschah ein Lichtblitz im einsamen Häuslein des Faust und ein mächtiger Knall folgte. Jetzt war er ganz zufrieden.
Mochten sie es im Städtle gehört haben. Man sah es dem Zerrissenen jetzt nimmer sehr gut an, wer ihn so greulich mißhandelt hatte. Es war sehr gut, daß er sein lebelang den Teufel »Herr Schwager« genannt.
Das kam ihm so unwiderstehlich vor, daß er für den Leibhaftigen gehalten werden sollte von den Spießern, daß er Lachkrämpfe kriegte.
»Hahahahahahaha,« gellte es durch die Nachtstille, bis er sich endlich wieder zuwegekriegte und seinem Roß ein paar Sporne gab.
Denn jetzt fingen die Neujahrschoräle an von dem Pfarrkirchturm gar erbaulich auf die liebe Christenheit herunterzublasen. Er machte, daß er außer Hörweite kam.
Weidlich tutete ihm die Bürgerfrömmigkeit nach, so daß es ihn beinahe zu ärgern begann. Dann aber wurden die Töne schwächer; noch ein Akkord, dann war es aus und die Uhren schlugen die erste Viertelstunde des neuen Jahres.
Die ganze Nacht ritt er und dachte, um es sich hübscher zu machen, immerfort daran, daß er sich mit dem Gelde Wein, und Pluderhosen zu seinen etwas wenig gelungenen Beinen kaufen konnte. Und vor allem, was für Dirnen! Feurige Dirnen!
Mit heiserer Stimme sang er:
»Gott, bescher' uns Pferd und Rinder, Schöne Weib und noch mehr Kinder!«
Er konnte jetzt welche ausstreuen; da und dort, wo er es zahlen wollte; -- um dann weiterzuziehen!
Denn sieben rheinische Gulden und zwölf Groschen hatte das Leben des Doktors Johann Faust dem Bankier Herrn Chrysoloras gekostet.
Anmerkungen zur Transkription
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End of Project Gutenberg's Der Satansgedanke, by Rudolf Hans Bartsch