Part 6
Die Nacht bricht herein. Während derselben versucht Kriemhilt ihre Feinde zu vernichten, indem sie den Saal in Brand stecken läßt. Allein trotz der großen Not, die dadurch über die Burgunden hereinbricht, entgehen sie doch dem sichern Tode, hauptsächlich durch Hagens Ratschläge. Sie trinken das Blut der Gefallenen und sind am andern Morgen noch alle am Leben. Es bedarf also noch stärkerer Mittel, die Vernichtung der Burgunden durchzuführen. Von den eigentlichen Hunnen ist niemand geeignet, mit ihnen fertig zu werden; es muß ein besonderer Held gewonnen werden, und das ist derjenige, der auf der einen Seite als erster der Vasallen dem Etzel, auf der andern als Vater der Dietlind den Burgunden in gleicher Weise verpflichtet ist, Rüdeger von Bechelaren. Durch fußfällige Bitten erreichen der König und Kriemhilt, daß er sich zum Angriff auf die Burgunden entschließt, trotz seiner verwandtschaftlichen Beziehungen. Damit wird die vom Dichter an seine Person geknüpfte Frage entschieden, welche Treue heiliger ist, die Treue gegen den Herrn oder die gegen Anverwandte. Rüdeger entschließt sich als Urbild eines getreuen Mannes, die Treue gegen seinen Herrn zu wahren, und greift mit seinen Leuten die Burgunden an. Der Kampf endet damit, daß Rüdeger und Gernot einander im Zweikampf töten. Rüdegers Mannen kommen ebenfalls um, und Kriemhilts Ziel ist noch nicht erreicht. Großes Klagen erhebt sich um den vornehmsten der hunnischen Helden, den Freund aller hilfesuchenden Landfremden. Es schallt bis zum Hause König Dietrichs, und er sendet seine Mannen aus, zu erkunden, was denn geschehen sei. Hiltebrand, Dietrichs alter Waffenmeister und Führer seiner Mannen, Wolfhart, der übermütigste von ihnen, und die übrigen Amelunge[30], alle machen sich nach dem Kampfplatze auf; als sie erfahren, daß Rüdeger gefallen ist, erbitten sie sich von den Burgunden seine Leiche. Es wird ihnen aber die höhnische Antwort zuteil: „Holt sie euch selbst, wenn ihr keine Furcht habt.“ So greifen denn die Amelunge grimmerfüllt, aber wider ihres Herrn Dietrichs Willen, die Nibelunge an. In diesem Kampfe kommen alle zu Tode mit Ausnahme von Günther und Hagen auf burgundischer und Hiltebrand, der sich schließlich zur Flucht wenden muß, auf gotischer Seite.
Hiltebrand begibt sich zu Dietrich zurück und berichtet ihm, daß Rüdeger erschlagen ist; als das Dietrich erfährt, rüstet er sich selbst und befiehlt Hiltebrand, die Mannen zu sammeln, da er nun selbst eingreifen will. Hiltebrand erwidert: „Wen soll ich Euch rufen? Alle, die Ihr habt, seht Ihr vor Euch stehen“, und dadurch erfährt Dietrich erst, daß inzwischen seine Leute auch umgekommen sind. Der Angriff erfolgt nun durch Dietrich selbst, der durch seine Stärke die Entscheidung bringt. Immer noch ist er trotz des großen Schadens, der ihm geschehen, geneigt, die letzten burgundischen Helden zu retten. Es gelingt ihm, sie gefangen zu nehmen, und er übergibt sie Kriemhilt mit dem ausdrücklichen Wunsche, daß ihnen nichts am Leben geschehen möge. Kriemhilt verlangt nun von Hagen die Auslieferung des Nibelungenhortes und erhält die Antwort, daß er durch einen schweren Eid gebunden sei, den Ort, wo der Schatz liegt, niemandem zu verraten, solange einer seiner Herren lebe. Darauf läßt Kriemhilt dem Günther das Haupt abschlagen und bringt es Hagen als Beweis des Todes seines Herrn. Hagen aber erwidert (Strophe 2371 Bartsch):
„~Nu ist von Burgonden der edel künec tôt, Gîselher der junge und ouch her Gêrnôt. den schaz den weiz nu niemen wan got unde mîn: der sol dich, vâlandinne, immer wol verholen sîn.~“
Sie erfährt also den Aufbewahrungsort des Schatzes nicht, tröstet sich aber damit, daß sie den Balmung, den einst ihr Siegfried geführt hat, durch Hagens Gefangennahme in die Hände bekommen hat. Mit ihm rächt sie ihren Jammer, indem sie Hagen eigenhändig tötet. Aber Hiltebrand erträgt nicht, daß Helden von der Art Hagens von einem Weibe fallen; er springt hinzu und tötet Kriemhilt selbst. Der Vernichtungskampf hat nun ein Ende; von namhaften Personen sind ihm nur entgangen Etzel (auf dessen Tod doch gerade die nordische Darstellung hinausgeht), Dietrich und Hiltebrand. Damit schließt unser Lied.
Ein etwas späterer Dichter hat ihm eine Fortsetzung in abweichender Versform (sogenannten kurzen Reimpaaren) unter dem Titel „Klage“ angehängt, ein matt nachklappendes Gedicht, das erzählt, wie die Toten beerdigt werden, und was aus den wenigen Überlebenden noch geworden ist. Für uns ist nur von Interesse die merkwürdige Stelle, die sich am Schlusse der einen Bearbeitung der Klage (~C~) findet; hier heißt es: was aus Etzel geworden ist, das weiß kein Mensch; es ist unbekannt, was er für ein Ende genommen hat. Für die Entwickelung der Sage aus der Geschichte ist diese Bemerkung von größter Wichtigkeit.
Im Nibelungenliede hat sich das Interesse der Dichter und ihrer Zuhörer andern Teilen zugewendet als in der Lieder-Edda. Während im Norden der erste Teil der Sage ausführlich und breit, teilweise auch in verschiedenen Variationen erzählt wird, ist der zweite Teil einfach und kurz; zwischen den beiden Hauptteilen besteht ein eigentlicher Zusammenhang nicht; ganz äußerlich ist ferner noch ein dritter Teil angehängt, die Geschichte von Svanhild, die zwar in Deutschland wohl bekannt, aber nicht an die Nibelungen-, sondern an die Dietrichsage angeschlossen ist. In Deutschland aber sind die beiden Hauptteile der Sage dadurch innerlich in Verbindung gebracht, daß der Untergang der Burgunden aufgefaßt wird nicht als von Etzel, sondern von Kriemhilt ausgehend, und daß diese nicht, wie im Norden, an ihrem zweiten Gatten den Tod ihrer Brüder rächt, sondern an ihren Brüdern den Tod ihres ersten Gatten; damit ist ein innerer Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Teile hergestellt: der erste Teil ist die Ursache des zweiten geworden. Daraus ist weiter die Notwendigkeit erwachsen, daß Etzel nicht ermordet wird, sondern übrig bleibt, und die Erzähler zunächst nicht wissen, was aus ihm geworden sein mag. Seine und Kriemhilts Interessen fallen in der deutschen Darstellung eben zusammen, und es mangelt der Kriemhilt jeder Grund, ihn zu töten.
Welche Darstellung der Sage, die nordische oder die deutsche, die ältere ist, das ist nicht schwer zu entscheiden: selbstverständlich diejenige, in der die beiden Teile auseinanderklaffen. Denn das Auseinanderreißen zusammengehöriger Stücke würde niemand unternommen haben; wohl aber kann man jemandem zutrauen, daß er zwei Erzählungen, wie die Geschichte von Siegfried und die Geschichte von dem Untergang der Burgunden und Attilas Tod, die durch beiden gemeinsame handelnde Personen zusammengehalten werden, auch innerlich in ursächlichen Zusammenhang bringt.
~b~) Zweikampfsage und Thidrikssaga.
Im deutschen Liede spielt eine Figur, die in der Lieder-Edda uns nur ganz beiläufig entgegentritt[31], eine Hauptrolle: Dietrich von Bern. Er ist im Grunde die Hauptperson, denn er bringt in dem großen Kampfe die Entscheidung.
Dietrich von Bern ist der Held einer selbständigen weitverzweigten Sage; er ist der sagenhafte Niederschlag der gewaltigen historischen Persönlichkeit des Ostgotenkönigs Theodorichs des Großen. Bei den Bayern, die gewissermaßen die unmittelbaren Nachfolger der alten Goten sind[32], hat sich die Erinnerung an seine große Zeit stets lebendig erhalten: er ist ihr Nationalheld. Während der Zeit seiner Verbannung aus der Heimat lebt er (in der Sage) am Hofe Etzels[33]. Da nun die Burgunder nach der niederrheinischen Sage am Hofe Etzels zugrunde gehen, so müssen die beiden Erzählungen, sobald sie sich lokal und im Gehirn eines und desselben Dichters vereinigen, in Zusammenhang miteinander kommen, denn sie sind ja durch Etzel als gleichzeitig, Dietrich und Siegfried also als Zeitgenossen erwiesen. Dadurch entsteht aber sofort eine eigenartige Schwierigkeit. In der alten niederfränkischen Siegfriedsage ist Siegfried als erster Held seiner Zeit geschildert. Genau dasselbe behauptet die bayrische Sage von ihrem Dietrich. Durch die Verbindung der beiden Sagen vermittelst der Person Etzels stehen nun zwei einander ausschließende Superlative, Dietrich und Siegfried, nebeneinander als Zeitgenossen. Beide erheben ja den Anspruch, die ersten Helden ihrer Zeit zu sein. Es ergibt sich also die Frage, welcher von beiden wirklich der erste ist; für die Dichtung liegt es nahe, sie zu lösen, indem sie die beiden einander in einem Zweikampfe gegenüberstellt; die Lösung wird verschieden ausfallen je nach der Heimat dessen, der sie gibt. Eine Dichtung vom Zweikampfe der beiden Helden ist nun spätestens im 12. Jahrhundert entstanden. Wenn sie dem Norden Deutschlands, dem Lande am Niederrhein, entstammte, würde sie Siegfried haben siegen lassen; da sie zugunsten Dietrichs entscheidet, muß sie wohl in Süddeutschland (Bayern) entstanden sein. Etwas anderes darf man natürlich aus dem für Siegfried ungünstigen Ausfall des Kampfes nicht schließen.
Diese Dichtung liegt im 13. Jahrhundert bereits in drei verschiedenen Zweigen vor; die vergleichsweise einfachste Darstellung findet sich in dem hochdeutschen Gedichte „Biterolf“, einer Bearbeitung der Dietrichsage in ritterlichem Geschmack: durch eine feindselige Handlung der Wormser, bei denen sich Siegfried aufhält, werden die östlichen Helden, unter ihnen Dietrich, bewogen, gegen Worms zu ziehen. Dietrich wagt es zunächst nicht recht, den Kampf gegen Siegfried aufzunehmen, wird aber schließlich durch die Hohnreden seiner Mannen dazu genötigt und besiegt ihn.
Die zweite, ebenfalls hochdeutsche Version liegt in dem Gedichte vom Rosengarten zu Worms vor, das uns in fünf verschiedenen, aber auf dieselbe Grunddichtung zurückgehenden Bearbeitungen erhalten ist; sie behandeln als Kern genau dieselbe Erzählung wie der „Biterolf“, nur daß sie das Lokal noch näher bestimmen: sie nehmen an, daß in Worms ein Rosengarten liegt, der Kriemhilts Eigentum ist. Der Dichter versetzt mit einem kühnen Griff die Kriemhilt der spätern Zeit der Rache, ihrem Charakter nach, in ihre Mädchenzeit zurück: die jugendliche Kriemhilt, die im Begriff ist, Siegfried zu heiraten, veranlaßt den Kampf, um zu sehen, ob Siegfried der erste aller Männer ist; sie fordert dazu den Dietrich heraus. Die Entscheidung fällt gegen Siegfried; im einzelnen ist die Darstellung der im „Biterolf“ sehr ähnlich.
Der dritte Zweig der Zweikampfsage liegt in der Thidrikssaga vor, jener großen nordischen Sagensammlung, die auch die in Deutschland umgebildete Nibelungensage nach dem Norden übertragen hat.
So wie die Thidrikssaga uns überliefert ist, ist sie nicht einmal äußerlich ganz einheitlich, sondern wir können der ältesten Handschrift noch ansehen, daß Einlagen hinzugekommen sind; da diese Handschrift nicht ganz vollständig ist, können wir nicht von jedem einzelnen Abschnitt mit Sicherheit sagen, wie alt und wie ursprünglich er ist. Doch darf man behaupten, daß im Urtexte der Saga die Nibelungengeschichte erst von Siegfrieds Dienst bei Isung (vgl. nachher) an vorhanden war, während die Darstellung seiner Jugendzeit erst später eingelegt worden ist. Im folgenden werden nur diejenigen Teile inhaltlich wiedergegeben, welche die Nibelungensage enthalten.
Es wird erzählt, daß ein König Sigmund über Karlungaland (Frankreich) herrscht. Er verheiratet sich mit Sisibe. Bald nach der Hochzeit muß er eine Kriegsfahrt unternehmen und die junge Frau der Hut zweier Edlen überlassen. Diese Pfleger beginnen bald die Königin mit Liebesanträgen zu verfolgen; als sie abgewiesen werden, drohen sie mit Verleumdung. Bei der Rückkehr des Königs führen sie ihre Drohung auch aus. Daraufhin wird Sisibe verstoßen und von den Verrätern in einen Wald verschleppt; während diese über ihr Schicksal in Zwist geraten, gebiert die Königin plötzlich und stirbt an der Geburt. Das Kind, ein Knabe, wird in ein Gefäß gelegt, das dann in den vorüberfließenden Strom gerät und von seinen Wellen weggetragen wird.
Weiter unterhalb strandet das Gefäß und zerbricht. Des weinenden Kindes erbarmt sich eine Hirschkuh, nährt es und zieht es auf. Ein Schmied, der in der Nähe im Walde haust, namens Mimir, entdeckt den Knaben bei der Hirschkuh, nimmt ihn auf und gibt ihm den Namen Siegfried.
Jung Siegfried entwickelt sich zu einem ganz ungewöhnlich kräftigen, aber dabei doch zu nichts verwendbaren Jüngling. Mimir wird von ihm arg belästigt und beginnt sich vor ihm zu fürchten. Infolgedessen beschließt er, den Knaben zu beseitigen. Im Walde lebt ein Drache, den die Saga seltsamerweise Regin nennt[34]. Durch diesen Drachen hofft Mimir den Siegfried loszuwerden; er schickt ihn in den Wald, Kohlen zu brennen, und stattet ihn für mehrere Tage mit Proviant aus. Im Walde angelangt, erledigt Siegfried rasch seine Arbeit, ist aber dann gleich so verhungert, daß er seinen ganzen Vorrat, der für mehrere Tage ausreichen soll, auf einmal aufzehrt. Da erscheint der Drache, wird aber bald von Siegfried getötet. Das scheint ihm kaum eine gefahrvolle Sache; er braucht dazu nur seinen Mut. Nun hat er Gelegenheit, seinen Hunger weiter zu stillen: er schneidet sich ein Stück Fleisch aus dem Drachen und siedet es. Um zu versuchen, ob es gar ist, faßt er es an, verbrennt sich die Finger und steckt sie zur Kühlung in den Mund. Dadurch gelangt etwas Drachenblut auf seine Zunge, und er versteht auf einmal die Sprache der Vögel. Von ihnen erfährt er, daß Mimir ihn böswillig hinausgeschickt hat, und kehrt wütend nach Hause zurück. Als Mimir ihn kommen sieht, erkennt er, daß sein Plan fehlgeschlagen ist, und versucht ihn zu besänftigen, indem er ihm eine wundervolle Rüstung und ein Schwert gibt, ihm auch ein geeignetes Roß aus Brynhilds Gestüt nachweist[35]. Siegfried nimmt alles an; der erste, den er mit dem Schwerte tötet, ist Mimir. Dann sucht er die Burg der Brynhild auf. Wer Brynhild ist, wird gar nicht erklärt. Sie ist jedenfalls eine rein menschliche Fürstin, die unter anderm ein großes Gestüt besitzt; die edlen Heldenrosse, die in der Saga erwähnt werden, stammen alle aus diesem Gestüt. Siegfried dringt gewaltsam in ihre Burg ein; als sie den Lärm hört, sagt sie sofort: „Da wird Siegfried, Sigmunds Sohn, gekommen sein, und er soll mir immer willkommen sein.“ Beim Empfang fragt sie ihn, wer er sei; das weiß Siegfried nicht. Da eröffnet sie ihm, daß er König Sigmunds Sohn ist (woher sie das weiß, wird nicht erörtert), und überläßt ihm auf seinen Wunsch aus ihrem Gestüt den Hengst Grani. Von Liebschaft oder Verlobung aber ist mit keinem Worte die Rede. Siegfried zieht weiter und tritt in den Dienst eines Königs, der Isung heißt und in Bertangaland (Bretagne) herrscht. Dieser König Isung gehört nur unserer Thidrikssaga an und ist für die Komposition derselben wesentlich.
Inzwischen hat der junge König Dietrich, der eigentliche Held der Saga, der zu dieser Zeit noch nicht in der Verbannung lebt, sondern sein Volk in Italien beherrscht, eine Reihe gewaltiger Helden um sich gesammelt; er stellt die Behauptung auf, daß es niemand gäbe, der ihm und seinen Mannen entgegentreten könnte. Einer der Helden erwidert ihm, daß Isung mit seinen elf Söhnen und seinem Bannerträger -- als solcher dient ihm der junge Siegfried -- ihm mindestens gewachsen sei. Daraufhin zieht Dietrich mit seinen Mannen, unter denen sich diesmal auch, auf freundliche Einladung hin, Günther und Hagen[36] befinden, zum Kampfe gegen Isung und seine Söhne aus. In Zweikämpfen mit verschiedenem Erfolge wird die Angelegenheit ausgefochten (ähnlich wie im Biterolf und im Rosengarten); Siegfried und Dietrich messen ihre Kräfte als letzte miteinander, und auch in dieser Sagenform siegt Dietrich. Das hat, wie gesagt, seinen Grund in dem oberdeutschen Ursprung der Zweikampfsage; allein der nordische Sagaschreiber (vielleicht schon seine niederdeutsche Quelle) vermochte es nicht über sich, seinen unüberwindlichen Siegfried so ohne weiteres besiegen zu lassen: er erklärt die Niederlage durch unlautere Mittel, die Dietrich angewendet habe. Dietrich kann den Siegfried nur mit einem bestimmten Schwerte, dem Mimung, das dem Witig gehört, besiegen. Das weiß Siegfried auch und verlangt deshalb von Dietrich den Eid, daß er den Mimung nicht habe. Darauf steckt Dietrich das Schwert hinter sich mit der Spitze in die Erde und lehnt sich gegen den Griff, dann schwört er, daß er Mimungs Spitze nicht oberhalb der Erde wisse, noch seinen Griff in eines Mannes Hand; mit Mimung besiegt er Siegfried, also unter Anwendung von Hinterlist.
Siegfried tritt nun in den Dienst Dietrichs und zieht mit ihm zusammen an den Hof Günthers; dort wird ohne besondere Bedingungen die Heirat gestiftet, daß Siegfried die Grimhild, Günthers Schwester, zur Gattin erhält. Bei der Hochzeit erwähnt Siegfried dann die Brynhild und schlägt sie seinem neuen Schwager Günther als geeignete Gemahlin vor. Günther, Hagen, Siegfried und Dietrich[37] ziehen sofort aus, die Werbung anzubringen; Brynhild ist ärgerlich, daß Siegfried bereits eine Frau hat, und wirft ihm vor, daß er sich doch mit ihr verlobt habe[38]. Schließlich nimmt sie ohne besondere Prüfung Günthers Werbung an; in der Brautnacht aber widersetzt sie sich ihm, ohne daß die Erzählung auch nur den Versuch machte, ihr Verhalten zu erklären, Günther kann sie nicht gewinnen und bittet nach einigen Tagen Siegfried um Hilfe. Dieser gewährt sie ihm auch, aber nicht in der keuschen Weise, die der alten Sage gemäß ist, sondern er überwältigt Brynhild (übrigens ohne Schwierigkeit) völlig und wird wirklich schuldig.
Nach einiger Zeit geraten Brynhild und Grimhild in den unvermeidlichen Zank, der ja für die weitere Entwicklung der Sage notwendig und der eigentliche Kern der Erzählung ist. Hier dreht es sich nicht ums Baden, auch nicht um den Vortritt an der Kirche, sondern um den Hochsitz, den früher die Mutter Grimhilds innegehabt hat, und der jetzt natürlich der Gattin Günthers gebührt. Grimhild beansprucht ihn vergeblich für sich und enthüllt in ihrem Zorn das Geheimnis, daß Siegfried der Brynhild Liebe genossen hat. So wird denn der Mord beschlossen und im wesentlichen so ausgeführt, wie es in unserm Liede erzählt wird, bei Gelegenheit einer Jagd.
Auch im zweiten Teile der Nibelungensage schließt sich die Saga sehr eng an die deutsche Fassung an, stellenweise so eng, daß man den Eindruck hat, der Sagaschreiber hat unser Lied vor sich oder wenigstens im Ohre gehabt und danach seine Erzählung zusammengestellt. Doch sind einige tiefgehende Abweichungen vorhanden. Eine der auffälligsten ist die, daß Dankwart ganz unbekannt ist, während Volker eine Rolle wie im Liede spielt; eine ganze Reihe von Szenen, die wir vorhin bei der Betrachtung des Liedes als jung erkannten, fehlen der Saga. Aber auch sonst weicht manches ab, denn der Sagaschreiber ist ein überlegender Mann; er bringt nicht gern Unmöglichkeiten vor, sondern hat seinen Text, so gut es geht, auf den festen Boden der Wirklichkeit gestellt. Das ist ihm freilich nicht immer geglückt. Einige Stellen verdienen besondere Betrachtung. Die Geschichte mit dem Fährmann wird in der einfachen Weise, die auch im Liede noch durchklingt, vorgetragen: er läßt sich durch einen dargebotenen Goldring geneigt machen, da er ihn seiner jungen Frau mitbringen will. Der Ausbruch des Kampfes am hunnischen Hofe wird deutlich dadurch herbeigeführt, daß Grimhild bewußt ihren Sohn opfert, was im Liede nur noch angedeutet ist. Wir haben hier zweifellos in der Quelle der Saga eine Darstellung, die etwas altertümlicher ist als die unseres Liedes; die Vermutung drängt sich auf, daß Nibelungendichter und Sagaschreiber auf Grund derselben Vorlage gearbeitet haben. Gegen den Schluß hin ist eine wesentliche Abweichung die, daß Günther frühzeitig gefangen und in den Schlangenturm geworfen wird, so daß er also nicht neben Hagen der letzte sein kann, wie sonst überall berichtet wird. Dafür bleibt neben Hagen Giselher bis zuletzt übrig. Das ist ein Zugeständnis, das der Sagaschreiber der nordischen Sagenform machen muß; im Norden steht fest, daß Gunnar im Schlangenturme zugrunde geht. Eigentümlich ist ferner, daß Hagen hier nicht von Grimhild getötet[39], sondern, wenn auch todwund, von Dietrich gefangen und gerettet wird, so daß er sogar die Freunde noch einige Zeit überlebt. Diese Neuerung zielt auf eine uns hier zum ersten Male begegnende Nachdichtung hin: von Dietrich läßt sich Hagen ein edles Mädchen beschaffen, mit der er in den letzten Tagen seines Lebens seinen Rächer erzeugt; bevor er stirbt, gibt er ihr noch die Schlüssel zum Nibelungenhorte (der in einem Berge liegend gedacht wird) und die nötigen Anweisungen. Nach seinem Tode gebiert das Mädchen einen Sohn und nennt ihn Aldrian, nach Hagens Vater. Dieser Aldrian wird an Attilas Hofe erzogen und, herangewachsen, von seiner Mutter über seine Bestimmung unterrichtet. Er kommt ihr nach, indem er Attila fragt, ob er den Nibelungenhort haben will, und als dieser -- wie natürlich -- darauf eingeht, führt er ihn zum Horte und schließt ihn bei demselben ein; seitdem ist Attila verschwunden. Aldrian kehrt aber nach dem Nibelungenlande zurück und wird dort König. Das ist der letzte Abschnitt der Saga, der uns hier angeht.
Die Erzählung ist hier weiter geführt als im Liede und zwar in ganz neuer Art; die Nachbildung von Aldrian (die natürlich nicht vom Sagaschreiber herrührt) erfüllt mit Geschick einen doppelten Zweck: sie befriedigt das Bedürfnis der Rache für die ausgemordeten Burgunden, und sie schafft Etzel aus der Geschichte.
Im eddischen Liede Atlamál erscheint neben Gudrun ein Niflung als Rächer der verratenen Burgunden; sein Auftreten beruht wohl auf Beeinflussung durch die eben besprochene Aldriansage, die demnach schon etwa im 11. Jahrhundert entstanden sein dürfte.
Der Verfasser der Saga hat augenscheinlich, neben andern Quellen, für die Nibelungensage in der Hauptsache zwei Dichtungen benutzt: eine, die vom Auftreten Siegfrieds in Worms an bis zum großen Kampfe reichte und mit dem Nibelungenliede ganz nahe verwandt war, und die Grundlage der Zweikampfdichtung. Da die letztere innerhalb der ersteren keine Stelle hat, so verfuhr der Sagaschreiber so, daß er sie dieser voranstellte; Siegfried steht daher bei ihm zur Zeit des Zweikampfes noch nicht in Günthers Umgebung (wie die angeführten hochdeutschen Gedichte behaupten, und wie es natürlich ist), sondern wird in diese erst durch Dietrichs Sieg eingeführt. Der König Isung von Bertangaland ist nach meiner Empfindung nichts als eine Schöpfung des Sagaschreibers, notwendig geworden dadurch, daß Siegfried erst später in Günthers Kreis tritt, also zur Zeit des Zweikampfes einen andern Herrn haben muß. Jung ist die Figur auf jeden Fall, denn die Verwendung von Bertangaland (der Bretagne) in unserm Literaturkreise kann nicht wohl vor dem Bekanntwerden der Artussage (frühestens Ende des 12. Jahrhunderts) möglich gewesen sein. Eine dritte norddeutsche Quelle benutzte der Sagaschreiber in der Geschichte von Etzels Tod; nach einer vierten, von der das gleich nachher zu besprechende Gedicht vom Hürnen Seifrid teilweise abhängt, legte ein jüngerer Bearbeiter der Saga die Geschichte von Siegfrieds Jugend ein.
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Anhangsweise mag an dieser Stelle angeführt werden, was über das Fortleben unserer Sage in Skandinavien besonders wissenswert ist.