Der Sagenkreis der Nibelungen

Part 2

Chapter 23,630 wordsPublic domain

In Deutschland haben eigentümlicherweise diejenigen, die sicherlich die Kunde von den Ereignissen der Nachwelt übermittelt haben, die Franken, nichts Direktes für die poetische oder schriftliche Darstellung der Sage getan. Wir finden im 10. Jahrhundert, also etwa hundert Jahre nach der Wikingerzeit, eine Spur, daß die Sage vom Niederrhein nach Bayern gelangt ist, nicht auf dem Wege der volkstümlichen Erzählung, sondern, wie es scheint, einheitlich, indem ein fahrender Mann, der die Kenntnis der Geschichte besaß, sie dahin gebracht und dem Bischof Pilgrim von Passau, der damals in Bayern eine große Rolle spielte (er war Bischof von Passau 971-991), vorgetragen hat; der Bischof soll sie dann in lateinischer Sprache durch seinen Schreiber Konrad haben aufzeichnen lassen. Diese Nachricht ist uns überliefert durch eine spätere hochdeutsche Dichtung, die Klage, die zwar nicht ohne weiteres glaubwürdig ist, von der man aber nicht einsieht, wie sie zur Erfindung der Notiz hätte kommen können. So ist denn die Nibelungensage spätestens im 10. Jahrhundert vom Niederrhein nach Oberdeutschland verpflanzt worden und hier in ein Gebiet geraten, in dem eine andere Sage bereits die Alleinherrschaft hat und den Volksgeist und die Volksphantasie vollständig beherrscht und erfüllt; es ist dies die gotische Dietrichsage, die in Bayern zu Hause ist, und die auch durch die Nibelungensage dort nicht hat verdunkelt werden können. Zwischen der gotischen Dietrichsage und der Nibelungensage, wie sie von den Franken herüberkommt, besteht nun ein eigenartiges äußeres Band. In beiden spielt von Haus aus auf Grund der Geschichte der Hunnenkönig Attila eine wesentliche Rolle. Damit ist natürlich für die Menschen des 10.-12. Jahrhunderts erwiesen, daß die beiden Erzählungen gleichzeitig sind und in einem gewissen Zusammenhange stehen; so tritt denn in Oberdeutschland die Nibelungensage als Episode in die Dietrichsage ein. Das hat nicht verhindert, daß gerade die Nibelungensage im 12. Jahrhundert als Stoff eines großen Gedichtes, des einzigen, das wenigstens den Versuch macht, die ganze Erzählung abschließend zu behandeln, verwendet worden ist; das ist unser Nibelungenlied oder, wie sein ursprünglicher Titel heißt, „der Nibelunge Not“. Sein Verfasser ist ein ritterlicher Sänger, ein Angehöriger der obern Stände; nachdem im 12. Jahrhundert die Kulturverhältnisse sich soweit gehoben haben, daß der Ritterstand selbst literarisch tätig ist, arbeiten im Westen und besonders im Nordwesten Deutschlands die ritterlichen Dichter auf Grund modischer, fremder, gewöhnlich französischer Vorlagen; den Angehörigen des Südostens waren solche weniger zugänglich; so griff der Dichter der Nibelunge Not in die Tiefe der Volksüberlieferung und nahm aus ihr einen einheimischen Stoff heraus und herauf. Das ist die Stellung des Nibelungenliedes in der Geschichte der deutschen Literatur.

So wie das Lied uns überliefert ist, ist es nicht ohne weiteres als Werk jenes Mannes zu betrachten. Die Beurteilung dieser Überlieferung ist ganz besonders schwierig; das Originalgedicht besitzen wir ganz bestimmt nicht mehr. Doch war das Lied, wie es uns noch vorliegt, zu Anfang des 13. Jahrhunderts vorhanden, denn Wolfram von Eschenbach zitiert es in seinem Parzival.

„Der Nibelunge Not“ ist ein literarischer Erfolg allerersten Ranges gewesen. Denn von dem Augenblick an, wo das Gedicht existiert, schießen Gedichte der gleichen Stoffklasse in gleicher Form wie Pilze aus dem Boden; bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte die deutsche Heldensage (wie man dieses Stoffgebiet als Ganzes nennt) einen großen Teil des literarischen Interesses Süddeutschlands. Im Laufe dieser Zeit tritt allerdings dieser Stoff allmählich mehr und mehr in die zweite Linie zurück, eine natürliche Folge der ständigen Schwankungen und Wellen des literarischen Geschmacks. Andere, weniger urwüchsige Stoffe wurden jetzt bevorzugt; das Lied war für die vornehmen Stände nicht vornehm genug, für die untern Stände wiederum aber noch zu fein. So geriet es allmählich in Vergessenheit und wurde ungefähr ums Jahr 1500 abgelöst durch eine eigenartige, wenig künstlerische Dichtung, das „Lied vom Hürnen Seifrid“. Es geht nicht einfach auf das Nibelungenlied zurück, sondern hat manche Besonderheiten, und darin besteht seine Bedeutung für die Sagenforschung. Aber sein dichterischer Wert ist gleich Null. Daß Seifrid hier „hürnen“ heißt, will besagen: er hat eine durch Drachenblut wie Horn gehärtete Haut. Der Hürnen Seifrid ist uns nun schon gar nicht mehr handschriftlich erhalten. Er tritt erst in die Literaturgeschichte ein, nachdem der Buchdruck schon vorhanden ist: um 1500 tritt er auf, etwa ein Jahrhundert lang (bis 1611) wird er wiederholt aufgelegt; schließlich liefert das Gedicht den Stoff zu dem in eigenartiger Weise modernisierten und eigentlich verballhornten Volksbuche vom „gehörnten Siegfried“, das mit modischen, halb lateinischen, halb französischen Floskeln verbrämt ist[4]. Aus dem „Hürnen Seifried“ ist ein „gehörnter“ Siegfried geworden. Es ist in der Tat gemeint, daß er Hörner auf dem Kopfe trägt; ein vollständiges Mißverstehen des alten Beinamens. Das Volksbuch ist im wesentlichen während des 18. Jahrhunderts lebendig, doch nur in den untersten Kreisen des Volkes. Es ist in bezug auf seinen Sagengehalt nichts weiter als eine Ausgestaltung des Hürnen Seifried, also für eine Untersuchung der älteren Sagenform ohne Belang.

Der deutsche Zweig der Entwicklung unserer Sage ist im 13. Jahrhundert auf literarischem Wege in Skandinavien eingeführt worden, und zwar durch einen Norweger, der zum nördlichen Deutschland innige Beziehungen hatte. Er nennt als seine Gewährsmänner Leute aus Bremen, Münster und Soest, also aus Städten, in denen damals der Handel besonders mit Skandinavien blühte. Sein Werk umfaßt das ganze Gebiet der deutschen Heldensage, in erster Linie also die Dietrichsage, von den Ahnen Dietrichs beginnend bis auf seine Entführung durch ein schwarzes Höllenroß. Innerhalb dieses Rahmens ist auch die Nibelungensage erzählt, und zwar in deutscher Form, in einer Form, die zu unserm Nibelungenliede in nächster Beziehung steht, so zwar, daß wir nicht etwa nur anzunehmen brauchen, sie beruhe auf denselben Erzählungen, sondern es muß, wenigstens stellenweise, ein und dieselbe Dichtung beiden zugrunde liegen. Ob etwa das Nibelungenlied selbst vom Verfasser dieses Buches benutzt worden ist, mag vorläufig dahingestellt bleiben. Der Titel des Werkes ist „Thidrikssaga Konungs af Bern“, die Erzählung von König Dietrich von Bern. Dieser, der ja der Hauptheld der süddeutschen Sage ist, ist hier der Mittelpunkt des deutschen Heldenzeitalters. Um ihn gruppiert sich alles, an ihn schließt sich auch die Nibelungensage an; denn er ist in dem großen Nibelungenkampfe derjenige, der den Ausschlag gibt, der allein in der Lage ist, die Nibelunge zu überwinden. Wie uns die Thidrikssaga erhalten ist, ist sie nicht einheitlich, sondern es haben mehrere Hände ihre jetzige Gestalt bewirkt. Immerhin ist sie eine wundervolle Quelle, die vollständigste Quelle unserer deutschen Heldensage überhaupt. Sie hat begreiflicherweise manche Nachdichtung auf nordischem Boden hervorgerufen; solche sind für die Erkenntnis der ältern Sagenform ebenso belanglos wie das deutsche Volksbuch.

II.

Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung.

Die nordische Gestalt der Nibelungensage hat viel Altertümliches bewahrt; in vielen Dingen ist sie sicher wesentlich altertümlicher als die deutsche. Eine einheitliche Darstellung im strengen Sinne ist im Norden nicht zustande gekommen. Wir besitzen nur Lieder und Bruchstücke, notdürftige Zusammenstoppelungen der letztern und die scheinbare Gesamterzählung der Volsungasaga, die sich aber Schritt für Schritt an die Liedersammlung anklammert.

Die Dichtungen selbst sind, soweit sie uns erhalten sind, noch in der Weise altgermanischer Poesie abgefaßt, d. h. sie weisen den stabreimenden Vers auf. Dieser tritt in den nordischen Liedern in der Hauptsache in drei Formen auf. Die gewöhnlichste Art ist die „~fornyrdislag~“ (Gesetz der alten Rede) genannte. Sie besteht darin, daß die gewöhnlichen alten, vier Haupthebungen aufweisenden Langverse zu in der Regel vierversigen Strophen verbunden werden; oft sind die Strophen verschieden lang, so daß die Verse durch die betreffende Dichtung im Grunde genommen glatt durchlaufen. Der Vers selbst besteht immer aus zwei Teilen, die durch einen Einschnitt getrennt sind. Innerhalb jedes Teiles stehen zwei haupttonige Silben (Hebungen). Die erste Hebung des zweiten Teiles ist die wichtigste; sie gibt den Stabreim an. Mit ihr muß eine oder dürfen beide des ersten Teiles durch Stabreim gebunden sein, z. B. Kurzes Sigurdslied, Strophe 1:

Einstmals kam =S=igurd zum =S=ale Gjukis, der =W=olsungensproß nach =w=ildem Kampfe; er schloß den =B=und mit der =B=rüder zweien, die =H=elden schwuren sich =h=eilige Eide[5].

Die zweite verhältnismäßig selten vorkommende Form ist der sogenannte Málaháttr (Spruchweise); ihre Besonderheit besteht darin, daß die einzelnen Halbverse etwas länger sind als beim Fornyrdislag, im allgemeinen um eine Silbe. In der deutschen Übersetzung hat Gering dies dadurch wiedergegeben, daß er die Halbzeilen dreihebig macht, z. B. Atlakvida, Strophe 28:

Der =r=eißende =R=hein nun hüte, was =R=ecken zum Streit entflammte, das =e=inst die =A=sen besessen, das =a=lte Niflungenerbe! Im =r=innenden Wasser besser sind die =R=inge des Unheils verborgen, als wenn an =h=unnischen =H=änden das =h=elle Gold erglänzte.

Das dritte Metrum, Ljódaháttr (Liedweise) genannt, ist ein lyrisches, offenbar zum Gesang bestimmtes. Es besteht darin, daß auf einen Langvers, der dem im Fornyrdislag üblichen im wesentlichen gleich ist, ein einschnittloser Vers von drei Hebungen folgt und mit ihm ein Ganzes bildet; in der Regel sind zwei solcher Verspaare zu einer Strophe vereinigt, z. B. Reginsmál, Strophe 1:

Was ist’s für ein =F=isch, der im =F=lusse schwimmt und sich unklug vor =Sch=aden nicht =sch=ützt? Aus =H=els =H=änden dein =H=aupt nun löse, schaffe mir =F=euer der =F=lut.

Der Stabreim besteht darin, daß der Anlaut der höchstbetonten Silben gleich ist; es ist nur nötig, daß der erste Laut alliteriert, mit folgenden Ausnahmen: 1. alle vokalisch anlautenden Silben können miteinander reimen, weil der Germane keinen Vokal anders als mit einem festen Ansatz ausspricht, den wir auch in der heutigen deutschen Sprache noch hören können: also Worte wie „alt“ und „ewig“ klingen reimend an für den Stabreim; 2. die mit folgenden p, t und ch eng verbundenen s können nur mit ebenso verbundenen gereimt werden, z. B. „sprechen“ mit „Sper“, aber nicht mit „schießen“, dies mit „schreien“, aber nicht mit „sitzen“ usw. Im übrigen ist jeder einzelne Laut allein ausreichend.

Soviel über die poetische Form; die Mehrzahl der nordischen Denkmäler ist allerdings in Prosa abgefaßt, Verse bilden immerhin die Ausnahme.

Den Inhalt der nordischen Sagenform kennen wir am vollständigsten aus der Volsungasaga. Sie hat die Erzählung bis auf den alten Hauptgott der Germanen selbst zurückgeführt; Odin steht an der Spitze des Geschlechtes der Wolsunge[6]. Im Norden ist, da das Heidentum sehr viel länger lebendig blieb als in Deutschland, die Götterlehre sehr viel weiter ausgebildet, und sind die Götter sehr viel persönlicher geworden; in Deutschland wissen wir von ihnen so gut wie nichts; sie sind hier wesenlose Schemen. Odin ist der Vater des Sigi, der als ein König auf Erden herrscht, von seinem Vater eingesetzt. Sein Enkel Wolsung ist der eigentliche Ahnherr des Geschlechtes der Wolsunge; daß er selbst den Geschlechtsnamen führt, ist im Grunde ein Versehen der nordischen Überlieferung, das uns ein altenglisches Zeugnis beseitigen hilft: im Gedichte Beowulf, dem ältesten Epos in germanischer Sprache, heißt derselbe Mann nicht Wolsung, sondern bloß Wæls. Diese Form ist zweifellos die richtige; sie gibt den eigentlichen Personennamen. Wolsung, mit der Endung -ung abgeleitet, ist der Geschlechtsname, zu vergleichen mit Amelungen, Merowingern, Karolingern, Nibelungen usw.; ein Wolsung ist ein Nachkomme des Wals; diese Bildungsweise der Geschlechtsnamen ist gut germanisch.

Wolsung hat zehn Söhne und eine Tochter, namens Signy. Um diese wirbt ein König Siggeir (er herrscht über die Gauten, die in Südschweden sitzen) und erhält sie auch zur Frau. Auf der Hochzeit der beiden erscheint ein Mann in blauem Mantel, den Hut ins Gesicht hereingezogen, so daß man nur ein Auge sieht, stößt in den Baumstamm, der mitten in der Königshalle steht, ein Schwert und bestimmt es demjenigen, der imstande ist, es wieder herauszuziehen. Der Mann ist seiner Schilderung nach natürlich Odin, der höchste Gott, der in dieser Gestalt auf der Erde wandernd gedacht wurde. Die Hochzeitsgäste, vor allen Siggeir, der junge Gemahl, versuchen das Schwert herauszuziehen. Keinem gelingt es; erst als Sigmund, der älteste Sohn Wolsungs, zugreift, liegt das Schwert vor ihm, als ob es gar nicht festgesteckt hätte. Siggeir bietet ihm Gold für das Schwert, er aber behält es für sich.

Siggeir scheidet in Ärger von der Familie seiner Frau und denkt auf Rache. Nach einiger Zeit ladet er den Schwiegervater und seine Söhne zu sich ein. Sie kommen trotz der Warnung der Signy und werden unmittelbar, nachdem sie im Gautenlande angekommen sind, überfallen, der alte König Wolsung getötet, seine Söhne gefangen; in der Gefangenschaft kommen sie nach und nach alle um, mit Ausnahme Sigmunds, der durch eine List der Signy am Leben erhalten wird und entflieht. Er lebt in der Wildnis und sinnt auf Rache, vermag sie aber noch nicht durchzuführen.

Signy ist in einer eigenartigen Lage: sie ist die Schwester des Rächers und die Gattin desjenigen, gegen den die Rache geplant ist, gerät also in einen Konflikt der Pflichten. Als die Signy-Sigmund-Geschichte gedichtet wurde, galt durchaus noch die alte Anschauung, daß Blutsverwandtschaft dem Gattenverhältnis unbedingt vorgeht, daß also Signy ebenso zur Rache für Wolsung und ihre Brüder verpflichtet ist, wie Sigmund. Signy versucht sogar ihre eigenen, dem Siggeir gebotenen Söhne, die doch auch Wolsungs Enkel sind, zur Rache zu verwenden und schickt sie zu Sigmund in den Wald hinaus, damit dieser sie auf ihre Heldenhaftigkeit prüfe. Sie erweisen sich aber als Memmen, weil sie zur Hälfte vom Stamme Siggeirs sind und keine vollbürtigen Wolsunge. Sigmund tötet sie im Einverständnis mit Signy ohne weiteres, diese aber entschließt sich zu einem ganz eigenartigen Schritt: sie tauscht mit einem andern Weibe die Gestalt (ein in der nordischen Dichtung gar nicht selten auftretender Zug) und lebt dann eine Zeitlang unerkannt bei ihrem Bruder, um nach eingetretener Empfängnis wieder zurückzukehren[7]. Der Sohn, den sie gebiert, der den Namen Sinfjotli trägt, ist infolgedessen ein Wolsung von Vater- und von Mutterseite und vollwertig zur Rache. Auch er wird hinaus zu Sigmund geschickt, von ihm geprüft und sofort als Held erfunden. Darauf schleichen sich Sigmund und Sinfjotli in die Halle Siggeirs ein, werden jedoch entdeckt und festgesetzt. In der Gefangenschaft aber reicht ihnen Signy das Wunderschwert zu, um das der Streit entbrannt war. Mit dem Schwerte sägen sich Sigmund und Sinfjotli aus den Mauern ihres Kerkers, töten den Siggeir und brennen die Halle nieder. Die Rache ist vollendet. Signy verbrennt sich in den Flammen des brennenden Hauses zur Sühne für ihre Teilnahme an derselben.

Sigmund aber kehrt in seine Heimat zurück, vermählt sich mit einer dänischen Fürstin, namens Borghild, und wird dadurch dänischer König. Diese Borghild hat in der Sage recht wenig Bedeutung; sie bedeutet für die Komposition unserer Erzählung nur, daß Sinfjotli, der in ihren späteren Teilen keine Stelle mehr hat, herausgebracht wird. Sie haßt den Stiefsohn und vergiftet ihn schließlich. Sinfjotli ist damit aus der Erzählung ausgeschieden, und Borghild entbehrlich: Sigmund verstößt sie.

An die Sigmund-Borghild-Episode anknüpfend hat ein nordischer Dichter eine in Deutschland ganz unbekannte Sage dänischen Ursprungs angeschlossen: die Geschichte von Helgi dem Hundingstöter. Dieser gilt für einen Sohn des Sigmund und der Borghild. Seine Taten und Schicksale stehen nur in ganz loser Beziehung zu unserer Sage. Der von Helgi getötete Hunding[8] gilt als Vater des Königs Lyngvi, gegen den Sigmund gefallen ist -- eine chronologisch fast unmögliche Auffassung.

Sigmund geht an eine zweite Ehe. Obgleich nunmehr schon bejahrt, wirbt er doch um eine junge Fürstin, die den Namen Hjordis führt (ein Name, der in Deutschland nicht vorkommt; er bedeutet etwa „Schwertmädchen“). Gleichzeitig wirbt um diese Hjordis ein König Lyngvi. Obgleich er jünger ist wie Sigmund, wählt sie doch den Alten, weil er der berühmtere ist, und folgt ihm als Gattin. Lyngvi zieht zur Rache gegen ihn zu Felde. Es kommt zu einer Schlacht, in der Sigmund wie immer das unüberwindliche Gottesschwert schwingt; im entscheidenden Moment aber tritt ihm Odin selbst entgegen und hält seinen Speer gegen das Schwert: es zerspringt, und Lyngvi kann Sigmund tödlich verwunden. Er kommt aber nicht zu seinem Ziele, denn er findet die versteckte Hjordis nicht und zieht ohne sie ab. Hjordis sucht ihrerseits auf dem Schlachtfelde den todwunden Gatten auf und erhält von ihm, bevor er stirbt, die Bruchstücke des Schwertes, um sie dem zu erwartenden Sohne aufzubewahren.

Irgendwie motiviert ist in der Erzählung das Auftreten des Gottes Odin nicht: er schenkt das Schwert, ebenso wie er es später zum Springen bringt, ohne Grund. Irgendwelche tiefern religiösen Ideen darf man nicht darin suchen, auch nicht das, was man gemeinhin einen Mythus nennt. Es ist nichts weiter darin zu finden als ein Bild: Odin ist der Gott des Sieges; Sigmund ist im wichtigsten Teile seines Lebens als unüberwindlicher, siegreicher Held gedacht, er genießt also die Gunst des Sieggottes, er hat ein von diesem ihm geschenktes Schwert. Schließlich fällt er doch in der Schlacht; also muß ihm der Gott selbst den Sieg entzogen haben; warum er dies getan hat, danach hat man bei einem Gotte nicht zu fragen.

Hjordis wurde mit ihrer Begleitung kurz nach dem Tode ihres Gatten von Seeräubern entführt. An ihrer Spitze stand Alf, der Sohn des Königs Hjalprik von Dänemark. Alf fand Gefallen an der Witwe und vermählte sich mit ihr, nachdem sie den Sigurd, den Sohn Sigmunds, geboren hatte; so wurde Sigurd (unser deutscher Siegfried) erzogen am Hofe des Königs von Dänemark -- nach der Auffassung einer spätern nordischen Dichtung. Damit aber hören die Beziehungen Sigurds zum dänischen Königshofe so gut wie ganz auf. Außer seinem Stiefvater hat Sigurd noch einen Pflegevater, den Regin, einen Mann verhältnismäßig niederer Herkunft. Die Doppelheit des Stiefvaters und Pflegevaters zu gleicher Zeit und scheinbar auch am gleichen Orte wäre zur Not zu verstehen. Nicht zu verstehen aber ist, daß der Stiefvater in Dänemark lebt, der Pflegevater dagegen, wie sich gleich aus dem folgenden ergibt, in Deutschland am Rheine lebend gedacht wird. Wir sehen hier, daß die Darstellung Sprünge hat, daß ältere und jüngere Schichten übereinander liegen; der ältern gehört hier der Pflegevater Regin am Rheine an. Der Umstand, daß Sigurd, der später ein großer Held wird, unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sein soll, hat die spätern, verfeinerten Geschlechter gestört; man hat ihm deshalb einen Stiefvater aus königlichem Blute gegeben, so daß eine dementsprechende königliche Erziehung möglich war.

Regin ist, wie gesagt, ein Mann vergleichsweise niederer Herkunft. Er versucht den Sigurd, nachdem er herangewachsen ist, in seinem eigenen Interesse auszunutzen; zu diesem Zwecke erzählt er ihm seine Schicksale und damit verbunden die Herkunft des großen Schatzes, den er beansprucht, den aber ein Drache hütet.

Nach dieser Erzählung war der Vater des Regin und noch zweier Brüder, die die Namen Fafnir und Otr führen, ein Bauer namens Hreidmar. Die Söhne hatten die Fähigkeit, beliebig Tiergestalt anzunehmen. Es ist das eine Erscheinung ähnlich dem Gestaltentausch der Signy.

Eines Tages ziehen nun drei Götter, Odin, Hönir und Loki (eine Dreiheit, die oft zusammen genannt wird) auf Erden umher in menschlicher Gestalt. An einem Wasserfall sehen sie einen Fischotter einen Fisch schmausen. Loki tötet durch einen Steinwurf den Fischotter und zieht ihm den Balg ab. Mit dieser Beute kehren sie dann bei dem Bauern Hreidmar ein; dieser erkennt an dem Otterfell, daß sein Sohn Otr hat das Leben lassen müssen. Er setzt infolgedessen die drei Götter gefangen und legt ihnen die Mordbuße für den Sohn auf: der Otterbalg soll mit Gold ausgefüllt werden, bis er auf seinen vier Beinen wieder stehen kann, und dann auch mit Gold überzogen werden, bis das letzte Härchen verschwunden ist. Darauf wird einer der Götter, Loki, beurlaubt, um das nötige Lösegeld herbeizuschaffen. Er kommt wieder an den Wasserfall, wo, wie er weiß, ein Zwerg, namens Andvari, lebt, der große Schätze hat und sich oft in Hechtgestalt im Wasser aufhält. Loki fängt diesen Hecht, und nun muß sich Andvari durch Herausgabe seines Reichtums lösen. Er gibt verhältnismäßig rasch alles heraus bis auf einen Ring, der in der Folge unter dem Namen Andvaranaut (Andvari’s Kleinod) eine wichtige Rolle spielt; da Loki auch diesen nimmt, das letzte, was Andvari hat, belegt der Zwerg den Ring mit einem furchtbaren Fluche, der darauf hinzielt, daß alle die, die ihn später besitzen werden, vom Fluche betroffen zugrunde gehen. Mit der gewonnenen Beute wandert Loki zu Hreidmar und übergibt das Gold Odin. Dieser füllt den Balg aus und überkleidet seine Außenseite, behält aber den Ring vorläufig zurück. Hreidmar sieht sich die Mordbuße an und erklärt schließlich, daß noch ein Schnurrbarthaar des Otters durchscheine; das müsse noch bedeckt werden, dann sei die Sache in Ordnung. Darauf erst gibt Odin den unheilbringenden Ring noch hinzu, und die Götter sind gelöst. Sofort aber beginnt der Fluch zu wirken: die beiden andern Söhne Hreidmars fordern Anteil an der Buße; da er das verweigert, erschlagen ihn seine Söhne und geraten nun untereinander in Zwist. Fafnir verjagt Regin, behält den ganzen Schatz für sich und hütet ihn nun in einer Höhle auf der Gnitaheide[9]. Hier liegt er von nun an in Drachengestalt auf dem Schatze.

Regins Bestreben ist nun, Fafnir zu töten und damit den Schatz zu gewinnen; zu diesem Zwecke will er sich Sigurds bedienen. Sigurd verlangt dazu zunächst ein Schwert. Die Schwerter, die Regin selbst schmiedet, sind ihm alle nicht gut genug; sie versagen bei der Probe. Daraufhin begibt sich Sigurd zu seiner Mutter und erhält von ihr die Stücke des Gottesschwertes, das der Vater geführt hat. Regin schweißt sie wieder zusammen[10]. Dies Schwert besteht jede Probe. Es wird im Rhein erprobt, indem im langsam fließenden Wasser gegen die Schärfe des Schwertes eine Wollflocke entgegentreibt; sie wird glatt durchschnitten. Das Schwert wird für gut erklärt, und nun verlangt Regin die Tötung des Drachens. Sigurd aber denkt zunächst an etwas anderes, was in der nordischen Sagengestalt unvermeidlich ist, aber zweifellos nicht ursprünglich zu unserer Darstellung gehört: er denkt an Vaterrache. Er muß seinen gefallenen Vater Sigmund an Lyngvi rächen. So zieht er denn zunächst mit Heeresmacht, die er natürlich von seinem Stiefvater Alf erhalten hat, gegen Lyngvi und fängt und tötet ihn. Dann erst, nachdem die Vaterrache gelungen ist, macht sich Sigurd an die Tötung Fafnirs. Er kundschaftet seine Höhle aus, gräbt eine Grube, setzt sich hinein und ersticht ihn von unten, während jener über ihn hinwegschreitet. Die nordische Dichtung bringt nunmehr ein langes Zwiegespräch zwischen dem sterbenden Drachen und Sigurd; gerade in solche Momente lange, meist auf die Zukunft hinausdeutende Erzählungen einzulegen, ist im Norden nicht unbeliebt, erscheint uns freilich ungeschickt und unbegreiflich.