Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit
Part 9
Eike saß wieder am Schachbrett, nicht auf dem Altan, sondern im Gemach der Gräfin, doch nicht diese, sondern Graf Hoyer war sein Widerpart, und das Gefecht war schon in voller Entwicklung. Eike verriet von vornherein und mit jedem Zuge das Bestreben, die Königin seines Gegners gefangen zu nehmen. Der Graf durchschaute diesen Plan, richtete sein Spiel danach ein und ging aus tapferer Verteidigung der unablässig Verfolgten zu scharfem Angriff über, so daß der Kampf ein sehr erhitzter und erbitterter wurde. Gräfin Gerlinde saß abseits, hielt die Harfe im Arm und ließ aus den Saiten die Melodie ihres Sehnsuchtsliedes ertönen, Eike dabei unverwandt anblickend. Dieser horchte danach hin und rief sich zu den leise rauschenden Klängen die Worte des Liedes zurück, soviel ihm davon im Gedächtnis geblieben war. Das lenkte seine Aufmerksamkeit vom Schachbrett ab und verwirrte ihn. Es war ihm, als würden die Elfenbeinfiguren so klotzig schwer, daß er sie kaum von der Stelle bewegen konnte. Sie rückten überhaupt nicht dahin, wohin er sie haben wollte, entglitten seiner zitternden Hand und wandelten unbotmäßig ihre eigenen Wege, wobei sie Fehler über Fehler machten, Eike beträchtliche Verluste auf dem Schlachtfelde erlitt und von seinem Ziele, sich die Königin zu erobern, immer weiter abgedrängt wurde. Er schämte sich seiner unausbleiblichen Niederlage unter den Augen der geliebten Frau, und es erboste ihn, wenn der Graf mit grimmig drohender Stimme ihm Schach und aber Schach entgegenschrie. Und doch konnte er keinen Laut des Unmutes aus seiner wie zugeschnürten Kehle hervorbringen und konnte auch, als wäre er auf seinem Stuhle festgenagelt, nicht aufspringen und davonlaufen, wie es Gerlinde heut abend auf dem Altan getan hatte. Hilflos flehend sah er zu ihr hinüber, aber sie rührte sich nicht vom Flecke, ihm beizustehen und ihn aus seiner verzweifelten Lage zu retten, was sie, wenn sie gewollt hätte, mit ihrer Meisterschaft auf dem Brette vielleicht noch gekonnt hätte. Es schien ihm sogar, als zuckte eine Regung von Spott um ihren schönen roten Mund. Bald war sein König unentrinnbar umstellt und damit das Spiel für Eike verloren, weil Gerlinde ihn mit den Klängen ihres Liedes berückt und aus der Fassung gebracht hatte. Unter dem schallenden Hohngelächter des Grafen zerrann das grausame Traumbild.
Eike perlte der Schweiß auf der Stirn, und er lag, er wußte nicht wie lange, wachend und schwer atmend im Bette. Als er aber wieder eingeschlafen war, gaben ihn die äffenden Gesichte noch nicht frei; nur der Schauplatz und die handelnden Personen wechselten.
Sein zweiter, mehr possenhafter als beängstigender Traum gestaltete sich folgendermaßen.
Eike trat, von den Bergen kommend, in sein Arbeitszimmer, aber die beiden, die er zu seinem Erstaunen dort antraf, hörten und sahen ihn nicht, als wäre er ein luftiger, unkörperlicher Schemen, und ließen sich in ihrem Tun nicht im mindesten stören. Wilfred und der allzeit wegfertige Ritter Dowald von Ascharien waren es. Sie saßen sich gegenüber am Schreibtisch und hatten einen irdenen Weinkrug und zwei Becher zwischen sich stehen, deren einen der Ritter eben bis auf den Grund leerte. Wilfred, sich in Eikes Lehnstuhl breit machend, hielt ein Pergamentblatt in der Hand und begann, dem listig schmunzelnden Pracher vorzulesen, was er darauf niedergeschrieben hatte.
Vom Zech- und Schenkenrecht und von ritterlichen Schulden.
Paragraph eins. So ein fahrender Ritter eine Trinkstube, Schenke oder Herberge in Stadt oder Dorf oder an offener Landstraße mit seiner Einkehr tags oder nachts beehrt, hat sich der Wirt mit abgenommener Kopfbedeckung dem fürnehmen Gaste ~devotissime~ zu nähern und ihn nach seinen Befehlen zu fragen. Jedwedem Wunsch und Wink des Herrn nach Speis' und Trank hat der Wirt schleunig zu gehorchen und das Beste aufzutischen, was er in Küche und Keller hat. Bei Berechnung der Zeche darf er höchstens die Hälfte des Selbstkostenpreises erbitten, und für den seltenen, aber doch möglichen Fall, daß der ritterliche Herr ausnahmsweise kein Geld in seinem Säckel hat, soll der Wirt die aufgelaufene Zeche ins Kerbholz schneiden oder in sein Büchlein schreiben -- »Oder auch in den Schornstein,« flocht Dowald lachend ein -- und soll sich bei der gnädigen Verabschiedung des Gastes mit tiefer Verneigung für die ihm erwiesene große Ehre seines Besuches geziemend bedanken.
Paragraph zwei. So ein edler, schildbürtiger Herr sich herabläßt, von einem Bürger oder Bauer ein bares Darlehen zu nehmen, soll er von jeglicher Zinszahlung frei sein, und niemals darf er von dem Verleiher daran erinnert und an die Rückgabe des Geldes gemahnt werden. Auch darf der Gläubiger von des Ritters liegender oder fahrender Habe, Haus und Heim, von seinem Heergerät, Gewett und Gerade niemals irgend etwas fordern oder pfänden lassen. Allsobald sieben Jahre und drei Tage nach Abschluß des Leihgeschäftes ohne Rückzahlung des Betrages vergangen sind, ist der Schuldschein für Leiher und Verleiher wie für ihre beiderseitigen Erben verfallen, und damit ist die Sache für alle Zeiten von Rechts wegen abgetan und erledigt.
»Genügt Euch das, Herr Ritter?« schloß Wilfred seinen Vortrag.
»Vollkommen! Du scheinst bei dem Reppechower in der Kunst des Gesetzemachens etwas gelernt zu haben,« erwiderte Dowald. »Aber wird er das alles so Wort für Wort in sein Buch aufnehmen?«
»Um das durchzusetzen müßt Ihr Euch hinter die Frau Gräfin stecken,« sagte Wilfred. »Die vermag alles über den ihr jederzeit willfährigen Ritter von Repgow und kann von ihm verlangen, was sie will.«
Bis hierher hatte Eike die ungeheuerlichen Verrücktheiten, die der Ascharier schon bei seinem unwillkommenen Besuch hier in übermeßlichen Wünschen zum besten gegeben hatte, regungslos mit angehört. Als aber der unverschämte Schreiber es wagte, Gerlinde in so beleidigender Weise bei der Durchführung der ihm von dem alten Abenteurer eingetrichterten Maßregeln heranzuziehen, geriet er in kochende Wut, sprang herzu, packte den Steinkrug, ihn dem nichtswürdigen Gesellen an den Kopf zu werfen und -- erwachte aus seinem wüsten Traum. Er hatte sich bei der heftigen Bewegung des Ausholens zum Wurfe mit der Hand an den Bettpfosten gestoßen, und der ihm dadurch verursachte Schmerz hatte ihn geweckt. --
Der Morgen graute, und so dunkel es noch in Eikes Schlafzimmer war, wo er die darin befindlichen Gegenstände noch nicht mal recht unterscheiden konnte, so düster und dunstig war es auch in seinem Kopfe. Ob er überhaupt das alles in seinem Traume genau wörtlich so gehört hatte, wie er es sich einbildete, oder ob die Erinnerung an Dowalds damals geäußertes Verlangen nach einem so beschaffenen ritterlichen Schenken- und Schuldenrecht dabei stark nachhalf, wußte er selber nicht, dachte auch nicht weiter darüber nach.
Aber jetzt schon aufstehen? bewahre! Er hatte noch lange nicht ausgeschlafen; das wollte er nachholen, und wenn auch die helle Sonne ihn noch auf dem Pfühl bescheinen sollte. Seine von anstrengender Arbeit überreizten Nerven bedurften der Schonung, und die wollte er ihnen angedeihen lassen. Er reckte und streckte sich wohlig im Bette, schloß die Augen, um von dem mit jeder Minute mehr eindringenden Tageslichte nicht gestört zu werden und entschlummerte noch einmal.
Zwölftes Kapitel.
Früher als er gewollt war Eike auf den Beinen, und nicht der Burg und Berg überflutende Sonnenschein war es, der ihn vom Lager lockte, sondern die innere Unruhe, die ihm seit gestern im Blute gärte, hatte ihn aufgerüttelt, daß es ihn nicht mehr im Bette litt. Ein strahlender Morgen begrüßte ihn. Kaum halb bekleidet riß er ein Fenster auf und sog mit durstigen Zügen die jetzt noch kühle Luft ein, die ihn wie ein spülendes Bad erfrischte. Das Tal lag zum Teil noch im Schatten, aber hier auf der Höhe flimmerte und funkelte es um die Stämme und im Gebüsch wie züngelnde Flammen. Die Blätter in den Wipfeln der Bäume wurden von einem leichten Winde bewegt und blinkten noch feucht vom Tau, der ihrem spätsommerlichen Grün einen frühlingsartigen Glanz verlieh.
Eike begab sich in sein schon ganz durchleuchtetes Arbeitszimmer nebenan, und da, beim Anblick seiner vielen Schriftstücke auf dem Tisch und im Büchergestell schüttelte er die dumpfen Träume der Nacht vollends von sich ab. Die Träume, ja! aber leider nicht zugleich die Gedanken und Zweifel, die ihn +vor+ den Träumen bedrängt hatten.
Es war doch immerhin möglich, daß ihn seine Wahrnehmungen täuschten. Gerlindes Zerstreutheit beim Schachspiel und ihre überstürzte Flucht konnten andere Ursachen haben als seine sie erregende und verwirrende Nähe, und ihrem Liede konnte sie einen anderen, weit in die Ferne gehenden Weg gewiesen haben als den zu ihm.
Was sollte er nun glauben und was nicht? Über Schein oder Wirklichkeit von Gerlindes Liebe mußte er sich unter allen Umständen Gewißheit verschaffen, und dazu mußte er wieder mit ihr zusammen sein, draußen unter freiem Himmel auf versteckten Pfaden, wo kein Mensch sie sehen und hören konnte.
Ihm fiel ein, daß sie ihn beim Schachspiel gefragt hatte, wann er einmal wieder auf die Berge stiege. Den Wunsch, ihn dann begleiten zu dürfen, hatte sie zwar nicht hinzugefügt, aber doch wohl im stillen gehegt. Heute schon wollte er ihn ihr erfüllen, obgleich er dann wieder kostbare Stunden verlor wie gestern, wo er den ganzen Vormittag müßig im Walde umhergestrichen war. An arbeiten war ja doch nicht zu denken, solange er von Zweifeln hin und her geworfen wurde wie ein steuerloses Schiff auf sturmbewegtem Meere. Wie aber, wenn sich Gerlinde weigerte, ihm in die Einsamkeit zu folgen? Nun, dann wußte er genug, dann getraute sie sich nicht mehr, mit ihm allein zu sein, weil sie sich vor ihm und wohl noch mehr vor sich selber, vor ihrer Schwachheit ihm gegenüber fürchtete.
Als Melissa kam und ihm sein Frühstück brachte, erkundigte er sich nach dem Befinden ihrer Herrin.
»Ich kann es nicht loben,« gestand Melissa mit bekümmerter Miene. »Die Frau Gräfin sieht blaß und angegriffen aus wie nach einer schlaflosen Nacht, was ich gar nicht an ihr kenne. Sie ist überhaupt seit einiger Zeit anders als sonst, oft so schwermütig, als trüge sie ein heimliches Leid mit sich herum.« Dabei blickte das kluge Mädchen Eike forschend an, der wohl merkte, daß Melissa mehr wußte als sie sagen wollte.
»So! schlecht geschlafen,« sprach er, keineswegs überrascht von dieser Kunde. »Nun, da würde ihr eine kleine Wanderung durch den Wald gewiß gut tun. Bestelle ihr doch, ich ginge heute wieder auf die Berge, ob die Frau Gräfin mich begleiten wollte und ich sie dazu abholen dürfte. Und bringe mir Bescheid, Melissa!«
»Sofort, Herr!« erwiderte die gefällige Zofe, sichtlich froh über die ihr aufgetragene Botschaft, mit der sie leichtfüßig entschlüpfte.
Eike setzte sich zu seinem Morgenimbiß, ohne darauf zu achten, was und wie viel oder wie wenig er davon genoß, denn er war in zu großer Spannung, was Gerlinde beschließen würde.
Bald kehrte Melissa zurück und meldete: »Die Frau Gräfin ist sehr erfreut über den Vorschlag und erwartet den Herrn Ritter nach beendetem Frühmahl oder zu jeder ihm beliebigen Stunde.«
»Gut! ich werde sie nicht lange warten lassen,« versprach er. --
In mindestens ebenso großer Erregung wie Eike befand sich Gerlinde nach Empfang seines Vorschlages, mit ihm auf die Berge zu steigen. Sie verhehlte sich nicht, daß sie sich ihm gegenüber auf dem Altan vergessen hatte, und sorgte, daß er sie durchschaut und ihren Gemütszustand richtig erkannt haben könnte. Zu welchem Zwecke wollte er sie nun sprechen? Entweder um sie als strenger Sittenrichter in die gebührlichen Schranken ihrer Pflicht zurückzuweisen oder, wenn das Herz auch ihm voll war von dem, was das ihrige erfüllte, um ihr das zu sagen und ihr seine Liebe zu gestehen. O Glück ohne Grenzen, wenn er das täte! Wenn er es nun aber nicht tat, sondern schwieg? -- Mochte er kommen! sie wollte ihn, wenn er nicht freiwillig beichtete, auf die Probe stellen, um zu erfahren, ob es heiß oder kalt in ihm war, und sie wußte auch schon, wo und wie sie das machen wollte.
Und Eike kam.
»Ein guter Gedanke, Herr von Repgow, mich auf Euren Waldgang mitzunehmen!« Mit diesen Worten empfing ihn Gerlinde in der heitersten Weise und bot ihm die Hand, als er eintrat, aber das Herz klopfte ihr bei dem Wiedersehen nach dem gestrigen Abend.
»Ich konnte den Verführungskünsten dieses herrlichen Morgens nicht widerstehen und wollte auch Euch gern zu seinem vollen Genuß im Freien verhelfen,« erklärte er.
»Aber hat Euch denn Euer Studium Urlaub gegeben, Euch mir zu widmen, der Ihr doch so haushälterisch mit Eurer Zeit umgeht?« fragte sie.
»Gerade zu meinem Studium finde ich da draußen die beste Kraft,« erwiderte er.
»Ja, wenn Ihr allein geht und sinnt und grübelt; bei mir werdet Ihr schwerlich Begeisterung dafür suchen.«
»Da seid Ihr im Irrtum, Frau Gräfin,« widersprach er. »Auch bei Euch suche ich sie und verdanke Euch manche Stunde fördersamer Anregung.«
»Also helfe ich Euch doch ein wenig bei der Arbeit, auch ohne Euer Verlangen danach,« lächelte sie.
»Willkommen sind mir Eure Einwürfe stets, denn sie schärfen mir die Klarheit des Denkens,« versetzte er.
Mit so vorläufigen, ihre wahre Absicht verhüllenden Reden trachteten beide, über die Verlegenheit der ersten Minuten hinwegzukommen, konnten jedoch ihrer Befangenheit noch nicht ganz Herr werden, und schon als sie die Treppe hinab und über den Burghof schritten, war das Gespräch verstummt. Gerlinde aber war froh, daß Eike nicht gefragt hatte, warum sie vor Beendigung des Schachspieles plötzlich aufgesprungen und davongelaufen war.
Eine kurze Strecke hielten sie sich auf dem Fußsteig zu Tale; dann bog die Gräfin links ab in den dichten Wald hinein, wo es keinen Weg mehr gab. Eike folgte ihr, und sie erwartete nun, daß er beginnen würde, ihre Gefühle zu dämpfen oder ihr die seinigen, gleichgearteten zu offenbaren. Er machte aber keine Anstalten dazu, weder zu dem einen noch zu dem andern. Weshalb zaudert er wohl? dachte Gerlinde.
Sie wollte ihm zu Hilfe kommen, ihn anregen, ihn in eine gehobene Stimmung versetzen.
Auf einer kleinen Lichtung blieb sie stehen, schaute zu den Bäumen empor und sprach: »Wann ist der deutsche Wald am schönsten? Im Frühling, wenn die Knospen brechen und ihre zarten Fähnlein entfalten, alles blüht und duftet und schmetternde Stimmen aus hundert Vogelkehlen erschallen? Im Sommer, wenn alle diese mächtigen Kronen voll belaubt sind und es in ihnen schwingt und wogt, flüstert und rauscht? Oder was meint Ihr zum Herbste, wenn der Wald von Sturmesodem durchfaucht, sich schüttelt und braust und wieder, von Sonnenschein überflossen, in allen Farben, in Grün und Gold, in Purpur und Violett schillert und prunkt? Und habt Ihr ihn schon einmal im tiefen Winter gesehen in seinem starren, überwältigenden Todesschweigen, wenn die Tannen wie Gespenster in weißen Mänteln stehen und ihre Zweige sich senken unter der Last des Schnees, der glimmert und glitzert wie mit Diamantsplittern übersät?«
Eike blickte sie erstaunt an und sagte lächelnd: »Ihr seid eine Dichterin, Gräfin Gerlinde!«
»Eine Dichterin! habt Ihr kein anderes Empfinden dafür als achselzuckenden Spott, nüchterner Schriftgelehrter?« ereiferte sie sich. »Ist es nicht ein unermeßliches Wunder, dieses durch die Jahrtausende sich gleichbleibende Blühen und Welken und wieder Erblühen? Es geschieht auch nach Gesetzen, aber nach unwandelbaren, ewigen, nicht nach solchen, wie die eurer Doktorenzunft, an denen beständig herumgeflickt und gebastelt wird und die, was gestern noch als Recht galt, morgen zum Unrecht stempeln.«
»Weil die Natur selber in ihrem Werden und Wirken unwandelbar ist, müssen es auch ihre Gesetze sein,« entgegnete er. »Und weil die Menschheit sich in einem unaufhaltsamen sittlichen und wirtschaftlichen Fortschritt bewegt, müssen auch menschliches Recht und Gesetz stetig fortschreiten und in lebendigem Flusse bleiben. Begreift Ihr das?«
Nun sah Gerlinde ihn verdutzt an, und wie verletzt von seiner Frage erwiderte sie fast unmutig: »Ja! so dumm bin ich nicht, das nicht zu verstehen.«
»Ist auch schon ein Fortschritt,« lachte er.
»Wollt Ihr dann nicht auch gleich ein neues Gesetz dafür machen?«
»O ich wüßte schon eines.«
»Nun?«
»Wenn eine Frau einen Mann gut und recht versteht, so soll sie ihm ihr Herz erschließen und ihm in allen Dingen Glauben und Vertrauen schenken.«
Da hatte sie's!
Das also war es, was er von ihr wollte; sie sollte ihm rückhaltlos ihr Innerstes eröffnen. Dazu trieb es sie ja längst mit einem kaum noch zu bändigenden Drange, aber erst dann wollte sie es tun, wenn sie über +ihn+ im Reinen war und er sich +ihr+ erschlossen hatte. Nur Zug um Zug konnte das geschehen.
Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, was sie ihm antworten sollte, ging sie schnell weiter und eilte auf einen Trupp blaßroten Wegerich zu, der abseiten im Gebüsch stand und von dessen wohlriechenden Blüten sie wählerisch einige pflückte.
Eike blieb nicht zurück und war bald wieder an ihrer Seite. Da knüpfte sie den abgerissenen Faden an: »Ich glaube und vertraue Euch, Eike von Repgow! und wenn ich von Gesetzen sprach, die immer wieder geändert werden müßten und im Handumdrehen aus Recht Unrecht machten, so bezog sich das nicht auf die Gesetze, die +Ihr+ schreibt, denn ich habe eine sehr hohe Meinung von Eurem Werke. Ihr habt mit Eurer Arbeit etwas in mein Leben getragen, an das ich bisher nie gedacht habe und das mir nie wieder verloren gehen kann. Immer deutlicher erkenne ich die Kühnheit und Großartigkeit Eures Planes, eine allgemeine Rechtseinheit herzustellen, und vor allem bewundere ich Eure hingebende Liebe zu Eurer Heimat und Eurem Volke, die wie ein breiter, wellenschlagender Strom, Fruchtkeime und Goldkörner mit sich führend, durch Euer hochherziges Schaffen fließt. Über manche Einzelheiten werden wir uns nie verständigen, aber ich achte Eure Anschauungen über göttliche und menschliche Dinge, weil sie auf Überzeugung beruhen. So ist es doch Euer Gesetzbuch, was uns einander nahe gebracht hat und uns niemals voneinander scheiden soll.«
»Gräfin Gerlinde! Dank für diese Worte!« rief er, ihre Hand zu festem Druck erfassend. »O könntet Ihr ermessen, wie unaussprechlich glücklich Ihr mich damit macht! Ihr und Kaiser Friedrich seid die zwei, die mich fort und fort auf dem Wege meiner Gedanken begleiten.«
»Was soll der Kaiser dabei?« fragte sie mit leicht gekräuselter Stirn.
»Er hat mir gestern einen Gruß gesandt. Verzeiht,« unterbrach er sich, »das ist nicht wörtlich zu nehmen. Als ich gestern morgen da drüben auf dem Berge war, verstimmt, bedrückt, zweifelnd an meiner Kraft zur Vollendung des Werkes, da kam von Süden her ein Adler geflogen und zog seine Kreise in den Lüften gerade über meinem Haupte wie mich schirmend und begnadend mit seinen mächtig gebreiteten Schwingen. Der Flug des königlichen Vogels war mir wie ein Zeichen, eine Botschaft des Kaisers aus Italien, daß ich nicht verzagen sollte. Da faßte ich wieder Mut, und als ich heimkam, war ich getrost und sicher, das vollbringen zu können, was ich begonnen, und jetzt habe ich auch Euren Segen dazu. Nun fliegt meine Hoffnung hoch, höher als der Adler, bis zu den Sternen empor.«
Als ihn Gerlinde so voll Begeisterung und Freude sah, trieb es sie, ihm eine Frage vorzulegen, die sie in der Unsicherheit ihrer Beziehungen zu Eike Tag und Nacht beschäftigte.
»Sagt mir,« begann sie, »Ihr, die Ihr alle menschlichen Rechte kennt, darüber viel nachgedacht habt und für alt und jung, für reich und arm Gesetze schafft, sagt mir: welches Recht ist größer und stärker, das Recht der Vernunft oder das des Herzens? habt Ihr ein Gesetz, das in dem Streite zwischen Pflicht und Neigung unfehlbar entscheidet?«
Da merkte Eike, daß Gerlinde selber mitten in dem Kampfe zwischen Pflicht und Neigung stand, wollte es jedoch ihr allein überlassen, ihn durchzufechten, um an der Weise, wie sie dies tun würde, den Grad ihrer Liebe zu bemessen, an der er nun nicht mehr zweifelte.
»Gerlinde,« sprach er, »es gibt Dinge im menschlichen Leben, die sich durch Recht und Gesetz nicht regeln lassen. Ein fein empfindendes und tapferes Herz trifft, vor eine schwere Wahl gestellt, auch ohne gesetzlichen Zwang das Richtige.«
Mit dieser kurzen Antwort, die weder ein Urteil noch einen Rat enthielt, mußte sich Gerlinde wohl oder übel begnügen, und sie wanderten eine Weile stumm nebeneinander dahin, wobei es Eike so schien, als ob Gerlinde jetzt noch entschlossener und schneller vorwärts schritte. Als sie aber immer tiefer in die pfadlose Wildnis gerieten, fragte er: »Findet Ihr Euch hier im Walde überall zurecht?«
»Eine Stunde im Umkreise der Burg wohl, darüber hinaus jedoch nicht,« erwiderte sie. »Hier führe ich Euch einen verbotenen Weg.«
»Ich sehe keinen,« versetzte er.
»Ist auch nicht nötig, wenn ich ihn nur weiß zu dem, was ich Euch zeigen will. Also folgt mir oder bleibt mir zur Seite.«
Er fügte sich ihrem Willen, und bald kamen sie zu einer dunkelschattigen, schier grausigen Schlucht, in der ein murmelndes Bächlein zu Tale rann. Diese mußten sie durchschreiten, aber abschüssiges, zerklüftetes Gestein und sperriges Gestrüpp erschwerten den Übergang, und Eike bot seiner unerschrockenen Gefährtin jede mögliche Hilfe. Ihn durchschauerte es wonnig, wie sie sich bei der Kletterei auf seine Schulter stützte, sich an ihn schmiegte, während sie mit der freien Hand das Kleid raffte, so daß er die schmalen Füße sah, wie sie achtsam sicheren Halt für jeden ihrer Tritte suchte.
Auf der anderen Seite der Schlucht mußten sie nun wieder hinauf, aber das wurde ihnen leichter als bergab, und drüben hatten sie nicht viel mehr zu steigen.
Ungetüme Eichen und Buchen reckten ihre Riesenstämme und ihre gewaltigen Äste in die Höhe und Breite, üppig wucherndes Farrenkraut, mannigfaltige Sträucher und Stauden mit Blüten und Früchten, Pilze mit roten und gelben Hüten wuchsen da und eine Menge in allen Farben schillernder Blumen. Vom Himmel war wenig zu sehen, so dicht verzweigte sich das Laub der Baumkronen, durch dessen dunkelgrüne Schatten Vögel schwirrten, auch wohl einmal ein Eichhörnchen sprang oder ein Marder huschte. Unten am Boden raschelte kleineres Getier durch knorriges Wurzelgeflecht und niederes Gekräutig dahin und daher. Es war ringsum eine lebensvolle, kraft- und saftstrotzende, ganz märchenhafte Waldeinsamkeit, deren sinnbestrickendem Bann sich die zwei Menschen wortlos hingaben.
Endlich gelangten sie zu dem von der Gräfin erstrebten Ziel. Es war die aus einem Klippenspalt hervorrieselnde, kristallklare Quelle des Bächleins, das seinen geschlängelten Lauf durch die düstere Schlucht nahm. Sie war beckenartig von einem niedrigen, grünbemoosten, stark zerfallenen Gemäuer eingefaßt, von dem hie und da wie durch gewaltsame Zerstörung verstreute Trümmer umherlagen. Über dem Sprudel, nur ein wenig seitwärts von der Klippe, erhob sich der halbmannshohe Rest eines vierkantig aus einem Stück gehauenen Denksteins, auf dem noch die verwitterten Spuren einer eingemeißelten Runenschrift erkennbar waren.
Mit Staunen betrachtete Eike diesen verborgenen Schauplatz einer fernen Vergangenheit.
»Nun will ich Euch künden, wohin ich Euch geführt habe,« hub Gerlinde schwer atmend an. »Dies hier nennt man den Heidenquell, denn es war einst ein der heidnischen Göttin Holda geweihtes Heiligtum, dessen Besuch und Anbetung die hierher entsandten Männer mit Kreuz und Skapulier unter Androhung furchtbarer Höllenstrafen verboten und verfluchten. Sein Wasser war wundertätig und ist es heute noch, wie Großmutter Suffie in der Talmühle behauptet.«
»Und was für Wunder wirkt es? heilt es Krankheiten und Gebrechen?«
»Es macht Blinde sehend, wenn sie es in der richtigen Weise anwenden. In alten Zeiten mußten sie dazu einen tiefsinnigen Beschwörungsspruch raunen, den mir Suffie aber nicht mitteilen konnte,« sprach Gerlinde, immer unruhiger und erregter werdend.
»Nun, wir beide sind ja, Gott sei Dank, nicht blind, brauchen also das Wasser an uns nicht zu erproben,« lächelte er.