Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Part 8

Chapter 83,625 wordsPublic domain

Angst und Leid sind zu besiegen, Tränen werden weggelacht, Alles läßt in Schlaf sich wiegen, Nur die Sehnsucht wacht und wacht.

Dem in unverkennbarer Erregtheit gesungenen Liede folgte ein Nachspiel auf der Harfe, das allmählich abschwellend in wehmütigen Akkorden ausklang.

Eike, tief ergriffen von dem, was er gehört hatte, mochte jetzt nicht eintreten, um der Gräfin seinen Blumenstrauß zu überreichen. Er legte ihn auf der Türschwelle nieder und ging leise davon.

Zehntes Kapitel.

In seinem Zimmer angekommen, saß Eike vor sich hinstierend auf der Ruhebank und sann. Was hatte Gerlindes Lied zu bedeuten? Trug sie eine heimliche Liebe im Herzen, am Ende gar eine von dem Geliebten nicht erkannte oder nicht erwiderte Liebe? Aber von einer Frau wie Gerlinde geliebt zu werden und sie nicht wieder zu lieben, däuchte ihm ein Ding der Unmöglichkeit. Oder sollte es eine unvergessene, unverwindliche Jugendliebe sein, der sie aus irgendwelchen Gründen hatte entsagen müssen? Arme Gräfin von Falkenstein, die alles zu ihrer Verfügung hatte, was eines Wunsches wert war, nur nicht des Lebens höchstes Glück!

Es klopfte. Melissa kam und lud Eike gefällig knicksend zum Mittagessen. Ungesäumt folgte er der Aufforderung. Im Speisesaal trat ihm die Gräfin etwas beklommen entgegen und dankte ihm mit ein paar schüchternen Worten für den schönen Waldblumenstrauß, den sie in einem tönernen Ziergefäß mitten auf den Eßtisch gestellt hatte. In ihrem unsicher forschenden Blicke las Eike die bange Frage: hast du mein Lied gehört? Die Annahme, daß er es gehört hatte, lag sehr nahe, denn er mußte zu der Zeit, da sie gesungen hatte, mit seinen Blumen an ihrer Tür gewesen sein. Von diesem Drucke wollte er sie befreien.

Im unbefangensten Plauderton begann er: »Ich hatte mir heute morgen mit kniffligen Erwägungen den Kopf warm gemacht und fühlte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Darum ging ich zu Tale und von Tale wieder zu Berge, und da blühten im Walde so viel Blumen, daß ich etliche pflückte, um sie Euch zu bringen. Damit heimgekehrt horchte ich an Eurer Tür, aber es war und blieb innen alles mäuschenstill; Ihr waret also gewiß nicht in dem Gemach, und da ich in Eurer Abwesenheit nicht eindringen wollte, legte ich den Strauß auf Eure Schwelle. Es freut mich, daß Ihr ihn gefunden habt und ihm solche Ehre erweist,« schloß er mit einer Handbewegung nach dem lieblichen Tafelschmuck.

»Ich danke Euch nochmals für Euer freundliches meiner Gedenken, Herr von Repgow,« sagte Gerlinde, nun fest überzeugt, daß er von dem Liede nichts wußte, weil er wohl schon vorher dagewesen war, obgleich sie seinen Schritt nicht vernommen hatte.

»O ich habe von da drüben auch nach Euren Fenstern gespäht, sie aber nicht entdecken können,« sprach er.

»Dann werde ich künftig, sobald ich Euch auf den Bergen dort weiß, das Fenster öffnen und Euch mit dem Tuche zuwinken.«

»Und ich werde Euch den Gruß erwidern, wenn ich ihn sehe.«

»Und mir wieder ein paar Blumen pflücken, gelt?«

Eike nickte und führte die Gräfin zu Tische, denn Melissa war eingetreten, ihres Dienstes zu walten.

Es war nicht das erste Mal, daß die beiden allein miteinander speisten, aber heute geschah es unter veränderten Umständen. Eike war im Besitz eines Geheimnisses seiner Tischgenossin, wußte, daß sie von einer ungestillten Sehnsucht erfüllt war, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, zu ermitteln, wer und wes Art derjenige war, dem diese Sehnsucht galt.

Unauffällig lenkte er das Gespräch auf geselligen Verkehr im allgemeinen und fragte dann so nebenbei, mit welchen schildbürtigen Herren und Damen sie und ihr Gemahl hier Umgang pflegten, Gerlinde erteilte ihm mit vollkommenem Gleichmut Auskunft, nannte einige gräfliche Häuser und andere in der Umgegend ansässige Adelsgeschlechter und schilderte ihm auch einzelne Angehörige dieser Familien ohne sich für einen im geringsten zu erwärmen. Eike fand also mit diesem ausgestreckten Fühler keinen Stützpunkt, von wo aus er dem von Gerlinde Begünstigten hätte auf die Spur kommen können, und gab es auf, weiter danach zu kundschaften, sich damit vertröstend, daß ihn vielleicht der Zufall einmal auf die richtige Fährte brächte.

Gräfin Gerlinde machte bei Tische die aufmerksame Wirtin, ermunterte Eike in Vertretung ihres Gatten zum Trinken, sprang in der Unterhaltung von einem Gegenstand zum andern, fühlte dem Gaste auf den Zahn, ob er dies und jenes wüßte und wie er über das eine oder das andere dächte, und disputierte mit ihm nach Herzenslust. Plötzlich fing sie an lateinisch zu sprechen. Sie wollte nicht etwa Eike gegenüber damit prahlen, sagte auch nichts, was die ab- und zugehende Melissa nicht hören durfte, sondern tat es lediglich in einem heiteren Sichgehenlassen.

Eike blickte sie höchst verwundert an, worauf sie mit ihrem berückendsten Schelmenlächeln fragte: »~Quidnam stuperes tu sophista?~«

Er antwortete: »~Admiror te dominam doctissimam dulce ridentem dulce loquentem latine.~«

»Das ist kein Wunder,« belehrte sie ihn auf lateinisch. »In Franken, Bayern und Schwaben sprechen alle ritterlichen Frauen und Fräulein Latein, wenn auch gewiß nicht ein tadellos ciceronianisches.«

Sie fuhren nun auch fort, Latein zu reden, das ihnen beiden geläufig von den Lippen floß.

Melissa, die natürlich kein Wort verstand, machte ein ganz verschmitztes Gesicht dazu und nahm sich vor, niemand in der Burg etwas davon zu sagen, auch Wilfred nicht, dachte sich aber ihr Teil dabei und gönnte ihrer lieben Herrin das, was sie sich dachte.

Während des Mahles zog Gerlinde eine Blume aus dem Strauße und steckte sie sich an die Brust. »Wißt Ihr, wie sie heißt?« fragte sie, jetzt wieder auf deutsch. »Glockenblume nennt man sie.«

»Ich kenne sie wohl,« erwiderte Eike, »und habe sie gern ihrer schönen, blauen Farbe und ihres zarten, schlanken Wuchses wegen. Ihr Name ist sehr bezeichnend für die Form der Blüten; wenn ein Lufthauch sie bewegt, gleichen sie wirklich schwingenden Glocken, nur daß sie leider stumm sind. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »man hört manchmal Glockenläuten und weiß nicht, von wannen es tönt.«

Gerlinde erschrak. Sollte das eine Anspielung sein? Hatte er doch ihr Lied erlauscht und möchte nun wissen, woher, welchem Herzenserlebnis entstammend die Klage der Sehnsucht kam und wohin, zu wem sie ging? Aber dem, was er ihr von seinem Horchen an ihrer Tür gesagt hatte, daß es mäuschenstill in ihrem Gemach gewesen wäre, mußte sie doch Glauben schenken, und seine ihr verfänglich klingenden Worte hatten auch wohl gar keine Anspielung sein sollen. Nach kurzem Sinnen sprach sie: »Die Glocken läuten den Lebendigen und den Toten. Die Toten hören sie nicht mehr, und unter den Lebenden dringt ihre Stimme nur den Gläubigen ins Gemüt.«

»Und Euch, Ritter, zähle ich nicht zu den Gläubigen. Nicht wahr, Frau Gräfin? so würde der Schluß Eures Satzes lauten, wenn Ihr ihn aussprechen wolltet,« fiel Eike lachend ein.

Da mußte sie mitlachen und sagte: »Wie gut Ihr doch raten könnt, Herr Ritter von Repgow!«

Mit dem von Eike im rechten Augenblick herangezogenen Scherze über seine ihm von der Gräfin schon öfter vorgeworfene Ungläubigkeit war der kleine Zwischenfall erledigt, worüber er selber froh war, denn er hatte ihn unvorsichtigerweise herbeigeführt. Die ihm achtlos entschlüpfte Äußerung war in der Tat eine, wenn auch ungewollte, Anspielung auf das zufällig vernommene Lied gewesen, die er sofort bereute, als er Gerlindes Erschrecken darüber bemerkte. Diese schien sich indessen beruhigt zu haben ohne zu argwöhnen, daß er ihr mit der Versicherung lautloser Stille in ihrem Gemach nicht die Wahrheit gesagt hatte. Um auch die letzte Spur des peinlichen Gefühls, ihm singend ihr Inneres enthüllt zu haben, in ihr auszulöschen, fing er nun seinerseits an, wieder lateinisch mit ihr zu reden, weil sie dabei schärfer aufpassen mußte und sich nicht von Nebengedanken abziehen lassen durfte.

Sie ging mit Vergnügen darauf ein, zumal sie selten Gelegenheit hatte, sich im Gebrauch der von ihr treulich gepflegten altrömischen Weltsprache zu üben, der man sich hier im Sachsenlande nicht so häufig bediente wie in Gerlindes fränkischer Heimat.

Das hatte sie ihm vorhin schon gesagt, als er sich über ihr Lateinsprechen gewundert hatte, und hier knüpfte er nun an und bat sie, ihm von ihrer Heimat, ihren Eltern und Geschwistern zu erzählen, doch wieder in der Hoffnung, aus ihrer Jugendgeschichte vielleicht etwas zu erfahren, was ihn über ihr Herzeleid einigermaßen aufklären konnte. Es war jedoch nicht eitel Neugier, was ihn dazu bewog, vielmehr innige Teilnahme für die ihm mit jedem Tage rätselhafter werdende Frau, die in seiner Gesellschaft so sorglos und fröhlich war und sich in der Einsamkeit einer, wie es schien, unbezwinglichen Schwermut ergab.

Gerlinde beschrieb ihm die väterliche Burg und deren Lage und berichtete über ihr Jugendleben von Kindheit an bis zu ihrem Verlöbnis mit dem Grafen von Falkenstein in aller Ausführlichkeit, aber ein Ereignis, das möglicherweise auf ihre Zukunft hätte einwirken können, oder die leiseste Hindeutung auf eine frühere, verstohlene Neigung von ihr zu einem anderen kam dabei nicht heraus, und der Schleier, der über ihrem Seelenzustande hing, war nach wie vor für Eike undurchdringlich.

Er hätte ihr so gern über ihre Trübsal hinweggeholfen, ihre Sehnsucht mit ernsten, verständigen Gründen gedämpft und beschwichtigt, aber dann hätte er ihr ja eingestehen müssen, daß und auf welche Weise er davon Kenntnis erhalten hatte, und auf ihr sich ihm freiwillig erschließendes Vertrauen hatte er keinen Anspruch. Hätte sie in seiner Gegenwart einmal ein Zeichen von Niedergeschlagenheit gegeben, sei es mit einem sich ihrer Brust entringenden Seufzer oder mit einem überquellenden, schmerzbewegten Worte, so hätte er sie fragen können: was ist Euch? was bedrückt Euch, Gräfin Gerlinde? Aber nichts dergleichen geschah, sie hatte sich mit straffer Selbstbeherrschung in der Gewalt, und ihm blieb nichts übrig, als sie im stillen weiter zu beobachten und die nächste Gelegenheit, wenn sie sich doch einmal vergaß, wahrzunehmen, um ihrem jungen, verzweifelnden Herzen mit liebevoller Tröstung beizuspringen.

Das Mittagsmahl war längst beendet, und Eike erhob sich, um an seine Arbeit zu gehen, von der ihn Gerlinde nicht zurückhalten wollte.

Als er sich von seiner liebenswürdigen, aber gegen alle Aufklärungsversuche hartnäckig verschlossenen Wirtin bis zum Abend verabschiedete, sagte sie: »Seid Ihr damit einverstanden, edler Ritter und ungläubiger Rechtsgelehrter, daß wir unser Abendbrot heut auf dem Altan einnehmen?«

»Mit Freuden, Frau Gräfin!« erwiderte er, »es ist ja Euer Lieblingsplatz und darum auch der meinige.«

»Just darum?« sprach sie mit einem sehr freundlichen Blick. »So kommt nicht zu spät; ich zähle die Stunden und von der letzten die Minuten, bis Ihr erscheint. Könnt Ihr Schachzabel spielen?«

»O ja, aber nur mangelhaft.«

»Desto besser für mich! dann schlage ich Euch, besiege Euch, triumphiere über Euch, und für jedes verlorene Spiel müßt Ihr mir Buße zahlen, Wedde nennt Ihr's ja wohl in Eurer vertrackten Rechtssprache.«

»Jawohl, das ist ungefähr dasselbe. Aber worin soll die Wedde bestehen?« fragte er nicht ohne einige Spannung auf die Antwort.

»Das wartet in Demut ab,« lachte sie. »Heut abend spielen wir Schach; jetzt macht, daß Ihr fortkommt!«

Eike ging. Draußen schüttelte er den Kopf und dachte: Wunderschön ist sie, grundgescheit ist sie, kann seelenvergnügt sein, und heimlich verzehrt sie sich in Gram und glühender Sehnsucht. Da werde ein Mensch klug draus! --

Diesmal brauchte ihn Melissa nicht zu rufen. Eike fand sich sehr frühzeitig auf dem Altan ein, wo die Gräfin seiner schon harrte und ihn freudig mit den Worten empfing: »Mehr als pünktlich!«

»Ich wollte Euch beim Zählen der Minuten ein Viertelhundert ersparen,« scherzte er. »Zählen ist ein langweiliger Zeitvertreib.«

»Und bei einem Stelldichein warten müssen ist eine Geduldprobe, die die gute Laune verdirbt.«

»Habt Ihr Erfahrung darin?« lächelte er.

»Ei nun, warum sollte ich nicht?« meinte sie neckisch.

Es war alles bereit und sie setzten sich. Der einfache Imbiß war schnell verzehrt, denn sie aßen beide wenig und sprachen auch wenig dabei, als erwöge jeder schon seinen Angriffsplan für das bevorstehende Turnier.

Als Melissa dann den Tisch abgeräumt hatte, brachte sie das große Schachbrett mit den etwas massigen, aber kunstvoll geschnitzten Elfenbeinfiguren geschleppt, und das Spiel konnte beginnen.

Nachdem sie gelost hatten, zog Gerlinde mit Weiß an und zeigte sich anfangs ihrem Gegner entschieden überlegen, obwohl er sich tapfer verteidigte und sich nirgend eine Blöße gab. Aber das änderte sich. Die Gräfin ließ bald in der nötigen Aufmerksamkeit nach, spielte immer langsamer und beging Fehler, auf die Eike sofort großmütig hinwies, statt sie ungerügt zu seinem Vorteil auszunutzen. Das ärgerte die Gräfin; sie wollte nicht von ihm geschont sein, aber vorsichtiger wurde sie deshalb doch nicht.

Als sie wieder einmal über die Maßen zögerte, ehe sie eine Figur anrührte, und er sich auf einen besonders schlauen Zug von ihr gefaßt machte, überraschte sie ihn statt dessen mit der Frage: »Wie lange ist es her, daß Ihr in Bologna waret?«

Mitten im Spiel schweifte sie ab auf ein so fernliegendes Gebiet! Kurz gemessen lautete sein Bescheid: »Fünf Jahre sind es her, daß ich von Bologna nach Cremona zum Kaiser Friedrich ritt und dann heimkehrte.«

»Gab es in Bologna viel schöne Frauen und Mädchen?« forschte sie weiter.

»Das festzustellen gehörte nicht zu meinem Studium. Nach Frauen und Mädchen habe ich mich dort wenig umgesehen.«

»Wer Euch das glauben soll!« lachte sie. »Habt Ihr denn ein Herz von Stein?«

»Das möchte ich nicht behaupten,« erwiderte Eike, den dieses ausholende Verhör nachgerade belustigte. »Aber wenn auch,« fuhr er mutwillig fort, »aus dem härtesten Stein kann man Funken schlagen.«

»Wirklich? kann Euer Herz Funken sprühen, lichterlohe Funken? Hat es auch schon einmal Feuer gefangen?«

»Nein, es ist nicht leicht entzündbar.«

»Das --« weiß ich, wollte sie sagen, hielt aber an sich und sagte: »Das lob' ich. Und dann die Rechtseinheit, das Sachsenrecht und die fürchterlichen Gesetze! die nehmen es wohl völlig in Anspruch?«

»Nun ja!« entgegnete er, »auch der Gesetzgeber und Richter muß ein Mensch sein, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und es bei der Entscheidung jedes einzelnen Falles mitreden läßt. Übrigens, wollen wir nicht weiter spielen? Ihr seid am Zuge.«

»Ich? ich bin am Zuge?« schrak sie auf, und ohne Besinnen zog sie.

»Aber Gräfin!« rief er, auf das Schachbrett zeigend, »seht doch hier! soll ich Euch denn Euren Rochen wegstibitzen? Flugs schiebt den Elefanten zur Seite, sonst wird er erbarmungslos abgeführt.«

Sie biß sich auf die Lippen, nahm den Zug zurück und tat einen andern, der auch wieder falsch war und infolgedessen ihr Eike, diesmal ohne sie zu warnen, einen Läufer raubte.

»O weh! wie dumm!« sagte sie. »Ihr seid mir über, ich unterliege.«

»Eure Schuld, nicht mein Verdienst.«

»Und aufrichtig seid Ihr auch,« lachte sie, »aber noch habt Ihr nicht gewonnen.«

Sie war und blieb zerstreut, mit ihren Gedanken ganz wo anders, so daß Eike ihrem König und mehrmals ihrer Königin Schach bieten konnte. Da nahm sie sich zusammen, besser Acht zu geben, und der Kampf zwischen den Schwarzen und den Weißen spann sich langsam weiter.

Bald aber fing sie von neuem an: »Wann werdet Ihr wieder einmal auf die Berge steigen?«

»Wenn mir wieder einmal der Kopf brummt und ich nicht mehr aus und ein weiß.«

»Laßt mich Euch helfen bei Eurer Arbeit!« Es klang so bittend.

Dankbar blickte er sie an, schüttelte aber lächelnd das Haupt und sprach: »Unmöglich! das könnt Ihr nicht.«

»Stolzer Mann, Ihr denkt zu gering von mir,« schmollte sie.

»Zu gering? ach! viel größer als Ihr -- zu wissen braucht, Gräfin Gerlinde!« schoß es ihm aus dem Grunde seines Herzens heraus.

Da leuchteten ihr die Augen in einem freudigen Glanz, und ihre Brust wogte auf und nieder.

Sie vertieften sich wieder in das Spiel, und es verging geraume Zeit, ohne daß ein einziges Wort zwischen ihnen fiel. Als aber Eike wieder einmal lange auf einen Zug der Gräfin warten mußte und endlich ungeduldig zu ihr aufsah, begegnete er dem Blicke Gerlindes, der traumverloren auf ihm ruhte. Purpurglut übergoß ihr Antlitz; verwirrt und beschämt, bei ihrer Versunkenheit in seinem Anblick von ihm betroffen zu sein, wandte sie sich ab. Dann sich fassend brachte sie, noch zitternd vor Erregung, hastig hervor: »Verzeiht! ich betrachtete Eure Gesichtszüge, weil sie mich an eine altrömische Gemme meiner Mutter erinnern, einen kostbaren Sardonyx mit einem schönen, überaus feingeschnittenen männlichen Kopf, dem Ihr so ähnlich seht, als hättet Ihr selber dem Bildner dazu gesessen.«

»Auch diese Figuren sind geschnitzt wie von Künstlerhand, zumal die zwei Königinnen. Aber wenn ich sie mit Euch vergleiche,« fügte er höflich hinzu, -- »keine von beiden ist so schön wie Ihr, Gräfin Gerlinde!«

»Schmeichler!«

»Ich schmeichle nicht, Ihr seid eine geborene Königin.«

»Der Ihr einmal über das andere trutzig Schach bietet.«

»Möge die Königin sich schützen und hüten vor ihrem untertänigen Verfolger, der sie offen anfeindet und heimlich verehrt.«

»Sich schützen und hüten!« wiederholte Gerlinde leise. »Dazu ist sie zu schwach gegen -- gegen die Übermacht, die sie bedrängt und bezwingt, und -- und -- --« Sie brach ab und sprang von ihrem Sitz empor. »Ich gebe das Spiel auf, ich kann nicht mehr,« hauchte sie bebend. »Geht, geht, Eike von Repgow! ich brauche Ruhe.«

Er ging nicht; da tat sie es. Ihn und das Schachbrett im Stich lassend schritt sie die Stufen des Altans hinab und eilte wie gescheucht durch den Garten in die Burg.

Verwundert blickte Eike der Flüchtenden nach. Was -- was ist das?

Elftes Kapitel.

Eike hatte eine fast schlaflose Nacht. Aufregende Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum, hielten ihn wach und verschleierten ihm wie wallende Nebel die Tragweite seiner heutigen Erlebnisse. Auf seiner stillen Morgenwanderung durch den Wald hatte er frische Kraft und Sammlung zur Arbeit gesucht und gefunden, und hier im Schlosse war ihm die draußen gewonnene Ruhe wieder verloren gegangen. Zwar sträubte er sich dagegen, eine vermeintliche Entdeckung als unumstößliche Gewißheit hinzunehmen. Wenn er aber die beiden zeitlich getrennten Vorgänge des Tages, Gerlindes leidenschaftliches Lied und ihre Verwirrung beim Schach, aneinander reihte und in ursächlichen Zusammenhang brachte, mußte er auf die Vermutung kommen, daß +ihm+ ihre ungestillte Sehnsucht galt.

Wie ein Schlag aus dem Dunkeln traf es ihn. Was um Gottes willen sollte daraus werden, wenn das Wahrheit und Wirklichkeit wäre? Ein Schrecken überfiel Eike bei der Vorstellung von sich daraus ergebenden Möglichkeiten, die zu schicksalsschweren Ereignissen führen konnten, und zum erstenmal in seinem Leben wünschte er sich zu irren, sich ganz und gar gründlich zu irren.

Heute mittag bei Tische hatte er sich noch durch scheinbar harmlose Fragen und auf Schleichwegen vergeblich bemüht, den zu ermitteln, an den das Lied der Sehnsucht gerichtet war; nur an sich selber hatte er dabei nicht gedacht, und nun waren ihm plötzlich die Schuppen von den Augen gefallen.

Rückschauend ließ er die ganze Zeit seines Hierseins an sich vorüberziehen, um die Spur zu finden, die ihn zur Erkenntnis von Gerlindes Seelenzustand leiten konnte. Aber kein ihn ermutigende Entgegenkommen, nicht das kleinste Zeichen einer unerlaubten, die Grenzen gern erwiesener Gastfreundlichkeit überschreitenden Huld und auch kein übereiltes Sichvergessen der jugendlich lebhaften Frau tauchte in seiner Erinnerung auf.

Und wie war es denn mit +seinem+ Herzen bestellt? Von Anfang an war er von der natürlichen Anmut der Gräfin angezogen, bestrickt, bezaubert worden, und bald hatten ihre vielseitige, der seinigen ebenbürtige Bildung, ihre schnelle Auffassung und Verarbeitung alles dessen, was Geist und Gemüt anging, ihm erst eine aufrichtige Verehrung für sie und endlich eine tiefe Neigung zu ihr eingeflößt.

Da prüfte er sich ernstlich, ob +er+ nicht seinerseits die gegenwärtige Lage der Dinge verschuldet, ob er sich der Gräfin nicht zu sehr genähert, nicht zu dreist um ihre Gunst geworben hätte. Nein, das hatte er nicht getan, hatte nicht mit leichtfertig kosigem Minnedienst nach ihrer Gnade getrachtet und brauchte sich keines Verstoßes gegen höfische Sitte und mannhaft ehrbare Ritterlichkeit zu bezichtigen. Heut abend auf dem Altan, als sie ihm vorwarf, daß er zu gering von ihr dächte, hatte er sich zu einer fast schon zuvielsagenden Andeutung hinreißen lassen, die er jetzt bereute. Nie wieder sollte dergleichen über seine Lippen kommen, denn nun und nimmer durfte Gerlinde erfahren, was sich für sie in ihm regte.

Sie aber hatte, wohl sehr gegen ihren Willen, ihm ihr Herzensgeheimnis so offensichtlich enthüllt, daß er an ihren Gefühlen kaum noch zweifeln konnte. Was wollte der ihn wie mit Armen umschlingende Blick, bei dem er sie überraschte und für den sie die zwar geschickte, aber wenig glaubhafte Ausrede von seiner Ähnlichkeit mit einer altrömischen Gemme fand? Und was für eine Übermacht war es, der sie nicht standzuhalten vermochte und vor der sie in Bangen und Beben die Flucht ergriff? doch keine andere als die der Bezwingerin aller Menschenherzen.

Und von deren Einflüsterungen getrieben hatte ihm Gerlinde sogar bei seiner Arbeit helfen wollen. Diese Hilfe, doch sicher auch in der Hoffnung angeboten, seine Gesetzgebung dabei in ihrem Sinne beeinflussen zu können, hatte er natürlich ablehnen müssen. Aber wie unsäglich würde es ihn gefreut haben, wenn er sich wie über so viele andere Dinge auch über das Werk seines Lebens in inniger Übereinstimmung mit ihr befunden hätte! Das war jedoch leider nicht der Fall, wie er sich erst kürzlich wieder einmal überzeugen mußte, als das Gespräch, von der Gräfin darauf hingelenkt, auf sein Buch gekommen war.

Den Kopf voll mit einer von ihm geplanten Bestimmung gegen eine zu Unrecht bestehende kirchliche Einrichtung, die auf das Rechtsgebiet hinübergriff, hatte er einen scharfen Tadel darüber ausgesprochen. Er hatte es eine von der Geistlichkeit beliebte falsche Auslegung und mißbräuchliche Nutzanwendung dogmatischer Satzungen genannt und damit die Gräfin in ihrer bedingungslosen Gläubigkeit verletzt. Da war sie zornig aufgefahren: »Davon will ich nichts hören, das macht mit Euch allein aus! Wenn Ihr bekrittelt und verspottet, was mir heilig ist, so wird niemals Eintracht und Friede zwischen uns sein.« Danach hatte sie ihm den Rücken gekehrt und ihn wie einen gescholtenen Knaben stehen lassen.

In diesem klaffenden Zwiespalt war etwas, das Eike nicht begriff. Er begriff nicht, wie das Abstoßende, das ihr aus seiner freigeistigen Richtung so schroff entgegentrat, und das Anziehende, das sie an seine Person und seinen Umgang fesselte, sich in ihrem Herzen zu dem Gefühl aufrichtiger Zuneigung verschmelzen konnten. Über diesen Widerspruch mochte er in der schon weit vorgeschrittenen Nacht nicht mehr brüten und grübeln, denn jetzt siegte die Macht der Natur über den Ermüdeten und versenkte ihn endlich in erlösenden Schlummer.

Aber kein ruhiger, erquicklicher Schlaf breitete seine sanften Fittiche über ihn; unsinnige, zusammenhanglose Träume suchten ihn auf seinem Lager heim und umgarnten ihn mit beklemmenden Vorstellungen.