Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit
Part 5
Eike staunte, wie bewandert die junge Frau in diesen schwierigen Begriffen war, und entgegnete: »Hoch, sehr hoch schätze ich das tief durchdachte, sorgfältig ausgearbeitete römische Recht, aber unser Volk kennt es zu wenig, mag es nicht und wird sich nie mit ihm befreunden. Darum will ich dem Volke das deutsche Recht wahren, das mit ihm verwachsen ist und das es vom römischen nicht überwuchern und verdrängen lassen will. Und nicht bloß im Wortlaut des geschriebenen Gesetzes, sondern auch im gehandhabten Verfahren an der Dingstatt soll es ihm lebendig bleiben. Sitzend findet man Urteil, stehend schilt man Urteil unter Königsbann, heißt es da. Jedermann soll seine nothaftige Klage vorbringen und das Gerüfte schreien, denn das Gerüfte ist der Klage Beginn, und der verfestete Mann soll vor Schultheiß und Schöffen seine Aussage bei den Heiligen bewähren, soll auch einen Fürsprech haben, der aber kein Pfaffe sein darf. Kann er vor dem Gaugrafen im Echtding nicht aufkommen, so soll er seinen Gegner übersiebenen durch Eideshelfer oder dadurch, daß er ihn zum Kampfe grüßt, das heißt, daß er zu sieben Mann mit andern sieben für seine Sache kämpft. Wer dann siegt, der hat das Urteil behalten und ist im Rechte. Der andere wird von der Schöffenbank abgewiesen und hat, je nach Befund, Wehrgeld, Wedde und Buße zu zahlen. Der überführte Verbrecher aber soll, wenn es ihm nicht gleich an Haut und Haar geht, nur da Frieden haben, wo man ihn weder sieht noch hört. So ist deutsche Art seit erdenklichen Zeiten.«
»Das Übersiebenen läuft auf Gottesurteil hinaus,« sagte der Graf. »Willst du die Ordalien nicht abschaffen?«
»Nein, wenigstens nicht ganz,« erwiderte Eike. »Glühendes Eisen tragen, über glühende Pflugscharen schreiten, in einen Kessel siedenden Wassers greifen bis an den Ellenbogen soll dem Beklagten auch künftig zum Beweise seiner Unschuld gestattet sein, wenn er sich anders keinen Frieden wirken kann. Das Volk hängt von alters an diesen wundersamen Entscheidungen, sieht in ihnen die Offenbarung des göttlichen Willens und nennt sie darum Gottesurteile.«
Die Gräfin, die der letzten Erklärung Eikes nur mit halbem Ohre gefolgt und in ein beharrliches Nachdenken versunken gewesen war, sagte jetzt: »Ich kann mir nicht helfen, Herr von Repgow, aber ich hoffe, daß Ihr mit dem, was Ihr uns hier von Eurem gesetzgeberischen Vorhaben so mutvoll enthülltet, nicht durchdringt. Es gibt noch einen Kaiser im Reiche als obersten Hüter alles Rechtes.«
Eike lächelte fein und blickte fragend den Grafen an, der ihm blinzelnd zunickte: »Jaja, nur heraus damit!«
Mit der Ruhe und Sicherheit eines entschlossenen, zielbewußten Mannes sprach Eike nun: »Ich +war+ beim Kaiser, Frau Gräfin, und habe ihm die wichtigsten Punkte meines Planes vorgetragen. Er hat mich in Huld und Gnaden angehört, mir in allen Dingen zugestimmt und mir seinen mächtigen Schutz und Schirm versprochen.«
Gräfin Gerlinde war zuerst sprachlos gegenüber dieser sie im höchsten Maße überraschenden Kunde. Dann faßte sie sich und stellte den Reppechower etwas von oben herab mit der herausfordernden Anzweiflung: »Auch in +den+ Dingen zugestimmt, deren Spitze gegen die Kirche gerichtet ist?«
»In denen am meisten,« triumphierte Eike.
»Echt hohenstaufisch!« höhnte die Gräfin in unverhohlenem Ärger.
»Echt hohenstaufisch!« wiederholte Eike mit Nachdruck, »das ist das richtige Wort, Frau Gräfin. Durch alle Kämpfe des Kaisers mit den Päpsten geht ein großartiger Zug entschiedenen Eintretens für die Unabhängigkeit des Reiches, der Fürsten und des Volkes von geistlicher Überhebung und Unterdrückung. Das Volk muß wissen, daß Kaiser und Reich ihm Recht und Gesetz vorschreiben, nicht Papst und Kirche. Der Herrschsucht des Klerus und seiner Anmaßung, sich die Seelen der Menschen in ihrem Glauben und Denken bedingungslos zu unterwerfen, muß ein Damm gesetzt werden. Das Recht muß über die Gewalt, Vernunft über den Unsinn siegen. So sprach Kaiser Friedrich zu mir, als ich in jener mir unvergeßlichen Stunde zu Cremona vor ihm stand.«
Wie Schlag auf Schlag trafen diese Worte die besiegte Gegnerin, und sie wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. »Erzählt mir mehr von dem vergötterten Freidenker Friedrich von Hohenstaufen,« bat sie dann, aber es klang immer noch ein wenig spöttisch.
Das tat Eike gern und berichtete ihr von seinem Besuche beim Kaiser und seiner Unterredung mit ihm so fesselnd und eindringlich, daß sie mit unverwandten Augen an seinen Lippen hing und alles, was er vorbrachte, mit wehendem Atem in sich einsog. --
Das Mahl auf dem Altan dehnte sich lange aus, denn die drei vergaßen über dem lebhaften Sprechen und dem lernbegierigen Hören beinah das Essen. Eike geriet mehr und mehr in Begeisterung, Gerlinde empfand das Bestrickende seines Wesens und ward immer stärker davon angezogen, und Graf Hoyer ward immer heiterer und zugleich stolzer auf seinen rückhaltlos aus sich herausgehenden jungen Freund. Auch der edle Wein, den einzuschenken mit stummer oder lauter Mahnung zum Trinken der Graf +nicht+ vergaß, wirkte auf die Stimmung und erhöhte sie zu einmütiger Fröhlichkeit.
Als der Graf wieder einmal den Becher Eikes gefüllt hatte, sagte dieser: »Graf Hoyer, mich will fast bedünken, Ihr habt einen Fehltritt vom Wege Rechtens zu büßen und wollt ihn mit freigebiger Spendung eines reichlich bemessenen Trunkes sühnen.«
»Wie meinst du das?« fragte der Graf.
»Ja, es gab oder gibt vielleicht noch einen alten Brauch, wahrscheinlich heidnischer Herkunft, nach dem verfallene Gerichtsbußen und Pfänder lustig vertrunken wurden. Die Buße wurde dann so hoch wie möglich veranschlagt und die Menge des von dem Sünder herbei zu schaffenden Getränkes nach der Zahl der auf der Dingbank Sitzenden berechnet. Da hieß es dann ›bei Strafe einer oder mehrerer Tonnen eingebrauten Bieres‹, und man nannte das ›vom Vogtsstab zehren‹. Dem das Urteil fällenden Richter aber gebührte der Antrunk.«
Sie lachten, und der Graf sagte: »Ich bin mir zwar keines Fehltrittes bewußt, aber du wirst doch diese köstliche Verordnung hoffentlich in den Artikel Strafrecht aufnehmen.«
»Selbstverständlich!« versprach Eike und grüßte den Burgherrn trunkfroh mit dem vollen Pokal.
»Wenn Ihr mehr so ergötzliche Stücklein wißt und der Nachwelt aufbewahren wollt, könnte auch ich mich vielleicht mit Eurem Buche noch aussöhnen, Herr von Repgow,« sprach die Gräfin mit einem huldvollen Lächeln.
»Wirklich, Frau Gräfin? Das würde mich sehr freuen,« erwiderte Eike. »Ich habe in der Tat auf meinen Streifereien manche närrischen und auch manche tief bedeutsamen Dinge erfahren. Da gab es zum Beispiel einen spaßhaften Brauch, wie man einen ertappten Übeltäter behandelte, über dessen Vergehen man gern ein Auge zudrücken und den man deshalb, so man ihn nicht im eigenen Gau aburteilen mußte, entschlüpfen lassen wollte. Dann führte man ihn an die Grenze des zuständigen Bezirkes, lieferte ihn aber nicht dem Fronboten aus, sondern band ihn mit einem Zwirnsfaden an den Grenzpfahl und überließ ihn dort seinem Schicksal, das ja nun die in der Hand hatten, deren Gerichtsbarkeit er damit übergeben war. Sobald sich aber die Häscher entfernt hatten, löste der Angebundene mit Leichtigkeit seine dünnen Fesseln und entsprang, aller Strafe frei und ledig, und kein Hahn krähte danach.«
»Das gehört in das Fremdlingsrecht, Eike,« bemerkte der Graf.
»Werde mich hüten, einer solchen Art von Rechtspflege irgend welchen Vorschub zu leisten,« versetzte Eike. »Aber hört von einem anderen Brauche, der für die tief eingewurzelte Heiligkeit des Hausfriedens ein beredtes Zeugnis gibt. Ehemals war es in Dörfern und einsamen Gehöften allgemeine Sitte, nachts die Haustür auszuhängen und den Eingang für jeden, den es danach gelüsten sollte, frei und offen zu lassen. Niemand wagte es, die Schwelle zu überschreiten, so hoch und unverbrüchlich ehrte man dieses blinde Vertrauen.«
»Ein schöner Zug deutschen Volkslebens,« sagte der Graf, »aber ich lasse mein Außentor lieber nicht offen stehen, obwohl ich gegenwärtig keinen bösen Feind zu fürchten habe.«
»Des Ritters Dowald von Ascharien wegen, denkst du. Ja, der könnte vielleicht einmal bei Nacht und Nebel einreiten,« lachte die Gräfin.
»Richtig! der brächte das fertig, wenn er wüßte, daß die Brücke nicht aufgezogen ist.« --
Es war spät geworden und beinahe dunkel. Aber sie wollten auf dem Altan weder Fackeln noch Kerzen haben; die silbernen Trinkgeräte blinkten noch sichtbar genug, und der Becher fand auch ohne Beleuchtung unfehlbar den Weg zum Munde. Trotzdem und obgleich es windstill und auch noch warm war, riet die Gräfin bald zum Aufbruch um ihres Gatten willen, dessen Herzen ein noch längeres Trinken schädlich werden konnte.
»Schon?« meinte der Graf, »es sitzt sich so wohlig hier, und ich bin in Eurem scharfen Geplänkel kaum zu Worte gekommen. Auch ist uns Eike noch manches Wichtige schuldig geblieben; vom Lehnsrecht, vom Land-, Stadt- und Weichbildrecht hat er uns bis jetzt noch gar nichts gesagt.«
»Das kann er ein andermal nachholen,« erwiderte die Gräfin, »heute hat er uns aus seinem reichen Wissen schon die Hülle und Fülle geboten. Wir werden stets mit Freuden seinen weiteren Mitteilungen lauschen und dürfen darauf hoffen; nicht wahr, Herr von Repgow?«
»Gewiß, Frau Gräfin! ich bin jederzeit gern bereit dazu,« versicherte Eike. »Nur möchte ich Euch nicht mit Aufdeckung zu vieler Einzelheiten ermüden. Ich kann Euch doch nicht alle Kapitel meines Buches in endloser Reihe vorführen mit den unzähligen verschiedenen Rechten, die ich dazu gesammelt und den Anschauungen und Anforderungen der Gegenwart gemäß bearbeitet und ausgebildet habe.«
»Ich füge mich, für heute sei es genug,« sagte der Graf und sträubte sich nicht länger gegen den Vorschlag seiner Gemahlin, sich zur Ruhe zu begeben. Unten im Garten wartete schon Folkmar mit einer Laterne, um für die Herrschaften die Pfade zur Burg hinein genügend zu erhellen.
Sie erhoben sich vom Tisch, alle drei der Freude voll über diesen so schön verlebten Abend, und traten, als könnten sie sich noch nicht trennen, an die Brüstung, von wo aus jedoch nichts mehr zu sehen war als die oberen Umrisse der Berge, wie sie sich matt vom Himmel abzeichneten. Im Tal und über allen Wipfeln und Gipfeln träumte die von Sternenglanz durchflimmerte Frühlingsnacht.
Sechstes Kapitel.
Die Tage auf der Burg zogen einer wie der andere gleichmäßig vorüber, und zwischen den gräflichen Wirten und ihrem Gaste waltete fröhliche Eintracht. Eike war rastlos an der Arbeit und diktierte Wilfred bald aus dem Kopf in die Feder, bald ließ er ihn Abschrift machen von dem, was er selber schon im Ausdruck fertig mit vielen Änderungen und Verbesserungen zwischen den Zeilen zu Papier gebracht hatte.
Selten kam bei Tische die Rede wieder auf das Buch und dann nur mit wenigen Worten, weil Eike erregte Auseinandersetzungen über strittige Punkte aus Rücksicht auf die Gräfin vermeiden wollte, so gern er auch ihre oft treffenden Bemerkungen anhörte, die sogar manchmal zu noch größerer Klärung seiner eigenen Ausführungen beitrugen.
Ihre Einwände gegen Eikes Beurteilung mancher Dinge flossen aus zwei verschiedenen Quellen. Einerseits aus der streng kirchlichen Richtung, in der sie von klein auf erzogen war, und andernteils aus den geschichtlichen Überlieferungen ihrer Vorfahren, denn ihre Mutter war der Sprößling einer lombardischen Adelsfamilie. Die Lombarden aber waren seit Menschenaltern die unversöhnlichen Gegner der Hohenstaufen und daher voreingenommen und widerspenstig gegen alles, was die deutschen Kaiser anordneten, begünstigten und beschützten. Diese auch gegen Friedrich II. aufsässige Gesinnung hatte sich auf Gerlinde vererbt.
Die südländische Abstammung verriet schon ihr Äußeres. Sie hatte schwarzes Haar, dunkle, glutvolle Augen und eine ins Bräunliche spielende Hautfarbe. Aber auch ihre lebhafte Art im Sprechen und Sichgeben deutete auf Heißblütigkeit und Leidenschaftlichkeit als angeborene Eigenschaften der italienischen Rasse. Sie konnte die stolz gebietende Herrin herauskehren, aber auch von heiterer Natürlichkeit und Herzensgüte sein gegen alle Insassen der Burg, die mit nie wankender Treue an ihr hingen und jedem ihrer Befehle freudig gehorchten.
Als sie Gräfin von Falkenstein geworden war, hatte sie das Schloß ausgerüstet mit allem, was das Leben angenehm und genußreich machen konnte, vorgefunden, hatte aber auch das Ihrige getan, diesen Zustand zu erhalten, und der Ausschmückung der Wohnräume noch manches ergänzende und verschönernde Gerät hinzugefügt. Das größte Gemach in der Burg hieß der Speisesaal, weil die Herrschaften dort zu speisen pflegten, aber die Bezeichnung Saal verdiente es kaum, denn es war nur von mäßigem Umfang, doch immerhin größer als alle anderen. Man hatte bereits Glasfenster auf dem Falkenstein, auch farbige und mit gemusterten Vorhängen versehene. Die Wände der Gemächer waren entweder bemalt mit figürlichen Darstellungen aus der heiligen Legende und dem sächsischen Sagenkreise oder mit kostbaren Geweben, sogenannten ›heidnischen Teppichen‹ aus dem Morgenlande bedeckt. Auch die auf Kragsteinen oder Säulen ruhenden Rauchmäntel der Kamine, in denen beim flackernden Feuer mit Thymian und Wacholder geräuchert wurde, waren mit Malereien oder breiten, bestickten Borten verziert, und von den Gewölben schwebten hölzerne Kronleuchter, auf deren Stacheln dicke Kerzen gespießt waren. Über die schweren Tische und die geschnitzten Truhen waren bunte Tücher gebreitet und Rückelaken über die Lehnen der Sessel, zumeist Gerlindes eigenhändige Arbeit, weil sie sich viel und gern mit kunstfertigen Stickereien beschäftigte.
Aber auch in ihrer persönlichen Erscheinung bewies Gräfin Gerlinde erlesenen Geschmack und Schönheitssinn und verstand es, sich gut zu kleiden. Ihre hochgebaute Gestalt mit den herrlichen Gliedern war meist in ein hell schimmerndes Gewand gehüllt, das von einem mit blitzenden Steinen besetzten, vorn lang niederhängenden Gürtel umschlossen war und in weichen Falten zu den Füßen hinabfloß. Das Haar trug sie gewöhnlich aufgelöst, daß es ihr in seiner üppigen Fülle frei über Nacken und Rücken wallte, um die Stirn aber ein Schapel, ein einfaches Band oder einen schmalen Goldreif, im Sommer auch wohl einen Kranz von Blumen oder frischem Laub.
Zu ihrem liebsten Zeitvertreib gehörten außer der Stickerei vornehmlich Gesang und Harfenspiel, die nicht nur ihr selber Freude machten, sondern auch dem Gottesdienst in der Kapelle zustatten kamen. Graf Hoyer duldete nämlich seit Jahren keinen Burgkaplan mehr auf dem Falkenstein, weil er mit dem zuletzt angestellten eine schlimme Erfahrung machen mußte, die ihn zur sofortigen Entlassung des Pflichtvergessenen bewogen und ihm dieses allgemein übliche Hofamt verleidet hatte. Seitdem hielt er die sonntäglichen Andachten in der Kapelle selber ab.
Auf einem schönen Kissen von Brokat, in den Blumenranken mit darin sitzenden Vögeln eingewebt waren, kniete er vor dem Altar und betete seiner kleinen Burggemeinde das ~Pater noster~, das Ave Maria und die Litanei vor, wozu die Versammelten die Responsorien murmelten. Bisweilen kam ein Mönch aus dem Kloster Hagenrode, nahe bei Harzgerode, und las die Messe. Dann saß die Gräfin auf einer Empore, spielte eine fromme Weise auf ihrer Harfe und sang ein ernstes Lied mit einer wohllautenden, etwas tief liegenden Stimme.
Wenn dann die Sonne durch die gemalten Fenster schien und die Kapelle mit farbigem Licht erfüllte, so schwebte durch den Raum eine weihevolle, die Gemüter erhebende Gottesnähe. --
Schon waren der Gräfin sechs Jahre an der Seite ihres viel älteren Gemahls ohne irgendein denkwürdiges Ereignis langsam dahingegangen. Nur selten hatte sie den Falkenstein zu einem Ausflug in eine benachbarte Grafschaft verlassen und nur dann und wann den kurzen Besuch befreundeter Standesgenossen empfangen. Und nun hatte sie auf einmal und auf die voraussichtliche Dauer von mindestens sechs Monaten einen Gast in der Burg, der ihr, ehe sie ihn kannte, wenig willkommen gewesen war.
Das hatte sich von dem Tage seines Eintreffens an geändert. Eike von Repgow war ihr ein werter und lieber Gesell geworden, dessen Gegenwart sie erfreute und dessen ritterliches Wesen sie in hohem Grade anmutete. Mit seinen weit ausgreifenden gesetzgeberischen Plänen konnte sie freilich nicht gleichen Schritt halten, ihre Ansichten und Meinungen mit den seinigen nicht immer in Einklang bringen und seine entschiedene Abneigung gegen Kirche und Geistlichkeit nur tief bedauern. Seiner Unkirchlichkeit wegen machte sie sich sogar ernste Sorgen um ihn und überlegte schon, wie sie ihn sacht und allmählich zu einer anderen, der ihrigen mehr entsprechenden Auffassung bekehren könnte, freilich mit nur schwacher Hoffnung, soviel Einfluß auf den in sich gefesteten Denker und Gelehrten zu gewinnen.
Dennoch erfüllte sie sein kühnes Werk, sein Mut und sein Wille, Rechtseinheit in ganz Sachsenland einzuführen, mit der größten Hochachtung. »Das Recht schaffen und die Gerechtigkeit auf den Schild heben,« hatte er gesagt. Klang das nicht wie ein Wahlspruch für sein ganzes Leben und Streben?
Durchdrungen von der Anerkennung seiner vaterländischen Gesinnung bewunderte sie zugleich sein umfassendes Wissen und seine hinreißende Beredsamkeit, womit er sie gefangen nahm und wie mit Zauberbanden fesselte.
Jener Abend auf dem Altan haftete, obwohl er schon Wochen zurücklag, unauslöschlich eingeprägt in ihrer Erinnerung, und ihr klopfte das Herz, wenn sie sich vergegenwärtigte, wie Eike ihr dort gegenüber gesessen und das, was ihn im Innersten bewegte, ihr und dem Grafen offenbart hatte. Sie sah ihn noch in der jugendlichen Vollkraft seiner Jahre mit den edel geformten Zügen und den flammenden Augen, hörte noch seine vor Erregung manchmal leis bebende Stimme und empfand noch einmal die heimlichen Schauer, die sie bei seinem packenden Vortrage durchrieselt hatten. Und so sah sie ihn nun tagtäglich, und auch dann, wenn er körperlich nicht zur Stelle war, stand doch sein Bild, wie sie es sich von ihm schuf, lebendig vor ihr und ließ sich nicht verscheuchen. Wohl versuchte sie, dagegen anzukämpfen und sich von dem bestrickenden Banne frei zu machen mit dem ihr strenggläubiges Gewissen aufrüttelnden Bedenken: er ist doch ein halber, wenn nicht ein ganzer Ketzer, mit dem man Mitleid haben, dem man aber nicht uneingeschränkte Verehrung zollen kann. Was half es ihr? Eike von Repgow war in ihr Leben getreten wie ein Stern, der jetzt erst am Himmel aufgegangen war und mächtig in ihr Schicksal einzugreifen drohte. In träumerischer Bangnis fragte sie sich: wird er dir Glück oder Unglück bringen?
Es war in ihrem kleinen, höchst behaglich eingerichteten Frauengemach, wo sie sich solchen Erwägungen hingegeben hatte. Dort befand sich unter allerlei kostbarem Hausrat ein schlichtes Betpult, ein altes Erbstück ihrer Familie, das sie von Hause hierher mitgebracht hatte und über dem an der Wand eine aus Elfenbein geschnitzte Mutter Gottes mit dem Jesuskinde hing. Hier kniete jetzt Gräfin Gerlinde nieder und betete zur heiligen Jungfrau für Eike von Repgows schwer gefährdetes Seelenheil. --
Der tagsüber in seinen Schriften vergrabene Gast ahnte nicht, daß die Herrin der Burg sich soviel mit ihm beschäftigte und mit welcherlei Betrachtungen sie ihn unablässig umwob. Nur mittags und abends kam er aus seiner Werkstatt in die Räume, die zum gemeinsamen Aufenthalt dienten, und pflegte mit Graf und Gräfin eine alle drei erfrischende Geselligkeit. Dort ruhten Gerlindes Augen oft sinnend auf seinem Antlitz, als wollten sie eindringen in den tiefen Schacht, dem er das Gold und das Eisen entnahm, woraus er in stiller Geistesarbeit seinem Volke Gesetze schmiedete. Wenn sich dann sein und ihr Blick zufällig begegneten, schlug sie geschwind die Augen nieder, und ein rosiger Hauch glitt über ihre bräunlichen Wangen. O wie schön war sie dann in ihrer rührenden Beschämung und Verwirrung! Eike fühlte sich davon ergriffen, und ihm war, als müßte er sein Haupt neigen vor so entzückender, unbewußter Anmut. Höher aber als ihre blühende Schönheit schätzte er ihre geistigen Vorzüge, ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre stets bereite Empfänglichkeit für alles, was dem Leben inneren Wert oder äußeren Schmuck verlieh. Während der Mahlzeiten plauderte er gern mit ihr über Dinge, die ihnen beiden am Herzen lagen, und hörte ihr ebenso begierig zu wie sie ihm. Nur über sein Buch sprach er fast niemals, obwohl sie ihn bei Tische mehrmals darauf hindrängte, weil sie in der Unterhaltung über seine fortschreitende Arbeit den Weg zu gegenseitiger seelischer Annäherung und wachsendem Vertrauen sah.
Eike merkte wohl ihre Absicht, ihn auszuforschen, aber nicht den damit verfolgten Zweck, sondern glaubte, daß sie nur Gelegenheit zu erneutem Streiten suche, um sich in glänzenden Wortgefechten mit ihm zu messen. Hätte er Gerlindes wahren Zweck erkannt, hätte er ihr mit Freuden jeden Einblick in sein Werk gestattet, seiner und ihrer sicher, daß er mit seinen Aufklärungen ihre Zweifel und Bedenken zerstreuen und sie ihm zur Verständigung das weiteste Entgegenkommen zeigen würde. Nur ihr zu Liebe hielt er ja, in seinem Irrtum befangen, mit seinen lehrhaften Erläuterungen zurück, um sie nicht zum Widerspruch zu reizen, zu verstimmen und dadurch das freundliche Verhältnis, das zwischen ihnen waltete, zu trüben.
Darum blieb er bei seiner unausgesprochenen Weigerung, und ihre deutlichen Winke, mehr von seinem Buche zu reden, prallten an seiner hartnäckigen Verschlossenheit, deren Gründen sie vergeblich nachspürte, machtlos ab. Aber ihr Verkehr miteinander litt unter dieser Geheimtuerei, wie es die Gräfin nannte, durchaus nicht. Der war bei regem Meinungsaustausch über allerhand sonstige, des Erwähnens werte Gegenstände nach wie vor ein heiterer, harmloser, bald schalkhaft und neckisch, bald ernst und sinnig, von Eikes Seite stets ehrerbietig, von ihrer feinfühlig und ohne jede Zimperlichkeit.
Während er ihr nun in dem einen Punkte nicht nachgab, warb er bei allen anderen Gelegenheiten des täglichen Umganges mit desto größerer Beflissenheit um ihre Gunst, die sie ihm auch, holdselig dazu lächelnd, reichlich zuteil werden ließ. Dabei wehrte er sich nicht gegen den Eindruck, den ihre sinnberückende Erscheinung und ihr liebenswürdiges Wesen allstunds auf ihn machte. Er folgte mit den Augen allen ihren Bewegungen, zumal ihrem schwunghaften, federnden Schreiten, das in den Gemächern wie im Freien etwas leicht Schwebendes und Hoheitliches hatte.
Diesen Eindruck, der so stark war, daß Eike ihn nicht verhehlen konnte, wurde Gerlinde bald gewahr, und, ob auch weit entfernt von kleinlicher Eitelkeit und Gefallsucht, vergaß sie doch nie, auf sich zu achten und sich ihm stets von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen.
So spannen sich von innen heraus und außen herum allmählich zarte, geisterhafte Fäden zwischen ihr und ihm, die sich miteinander verschlangen und verknüpften und zu einem dichten Gewebe der hinüber und herüber gleitenden Gedanken und Gefühle wurden. --
Graf Hoyer hatte seine Freude an dem trauten Einvernehmen Eikes mit Gerlinde und trug, was er konnte, dazu bei. Hatte er doch seinem Gaste gleich bei dessen Ankunft den Wunsch ans Herz gelegt, sich mit seiner jungen Gemahlin auf einen guten Fuß zu stellen und sich in aufmunternder Weise soviel wie möglich mit ihr abzugeben; er und sie würden es ihm Dank wissen. Und nun sah er zu seiner Genugtuung, wie Gerlinde seit Eikes Anwesenheit förmlich auflebte und einen Frohsinn entfaltete, den er noch gar nicht an ihr kannte.