Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Part 19

Chapter 193,689 wordsPublic domain

Er unterdrückte jedoch seine Überraschung, und nachdem er in der Mitte seiner mutmaßlichen Gegner am Tische Platz genommen hatte, hub er ohne Säumen an: »Ihr erratet wohl, erlauchte, edle Herren, mit welchem Auftrage mich mein hochwürdigster Bischof hierher entsandt hat. Ich soll gegen das von dem hier anwesenden Herrn von Repgow verfaßte Gesetzbuch Einspruch erheben, weil es in einzelnen Teilen seines Inhaltes den Grundsätzen und Überlieferungen unserer heiligen Kirche zuwiderläuft und dem Ansehen der ihrem Dienste geweihten Geistlichen Abbruch tut.«

»Darf ich vorerst fragen, hochwürdiger Herr,« schaltete Graf Hoyer ein, »wie Ihr auf die Vermutung gekommen seid, daß die Rechtsauffassung des Ritters von Repgow den Grundsätzen der Kirche zuwiderläuft?«

»Wir sind gewarnt worden, Herr Graf,« entgegnete der Dechant, ohne den Namen des Warners zu nennen, und fuhr dann, sich an Eike wendend, sogleich fort: »Erklärt mir, Herr Ritter von Repgow, mit welcher Absicht Ihr Euer Buch geschrieben habt.«

»Mit der Absicht, in ganz Sachsenland Rechtseinheit zu schaffen, in allen Herzogtümern und Grafschaften, allen Städten und Dörfern, gleiches Recht für alle ohne Unterschied des Standes und der Geburt,« lautete unverzüglich Eikes Antwort.

»Habt Ihr auch wohl in Betracht gezogen, ob es Gottes Wille sein kann, daß Ihr den einen nehmt, was Ihr den andern gebt?«

»Ich gebe Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber auch dem Volke, was des Volkes ist.«

»Das klingt fromm und christlich, Herr Ritter! und doch geht Ihr in Eurem Buche auf eine Trennung von Recht und Glauben aus.«

»Nein, hochwürdiger Herr! Ich ehre Gottes heilige Gebote, aber der Glaube hat nichts zu schaffen mit der Erkenntnis des Guten und des Bösen beim Urteilen und Richten über eine vollführte Tat.«

»Unsere Erkenntnis von gut und böse ist Stückwerk wie all unser Wissen,« erwiderte der Prälat. »Das aber unterliegt keinem Zweifel: zwischen kanonischem und öffentlichem Recht besteht ein unvereinbarer Gegensatz.«

»Das bestreit' ich, Herr Domdechant! Wenn jedermann Recht geschieht und niemand Unrecht, kann die Kirche und die Laienwelt zufrieden sein.«

»Da täuscht Ihr Euch. Mit Gesetzen könnt Ihr der Menschheit den seelischen Frieden, der doch hienieden das Höchste ist, nicht gewährleisten.«

»Aber ihm ein gutes Fundament schaffen. Auf vernünftigen, allgemein gültigen Gesetzen beruht die Sicherheit und Wohlfahrt des einzelnen wie der Gesamtheit, und eine geordnete Rechtspflege, zu der das Volk Vertrauen hat, ist eins der unschätzbarsten Güter, die man ihm bescheren kann.«

»Ein wahres Wort!« rief Burkhard von Mansfeld, worauf sich im ganzen Kreise unverhohlener Beifall kundgab.

»Euer gräflich Hochgeschlecht in unverbrüchlichen Ehren, edle Herren,« kehrte sich der Kapitular zu den Umsitzenden, »aber mit gnädiger Erlaubung frage ich euch: sind wir etwa bisher ohne Rechtsprechung im deutschen Reiche gewesen? Seit unvordenklichen Zeiten ist von den Schöffenstühlen unter Königsbann nach alter, guter Gewohnheit geurteilt worden.«

»Und auf den althergebrachten Volks- und Gewohnheitsrechten habe ich mein neues Recht aufgebaut und von ihnen so viel darin beibehalten, wie nur möglich war,« beschied ihn Eike. »Aber mit dem schauderhaften Wirrwarr, daß in jedem Gau, nein, in jeder Stadt ein anderes Recht gilt, muß endlich von Grund aus aufgeräumt werden.«

»Ja, hochwürdiger Herr, das ist unser aller Meinung,« fiel Graf Hoyer ein, und die anderen stimmten ihm zu.

»Eure Dignität auch in unverbrüchlichen Ehren, Herr Domdechant,« spottete Graf Hohnstein, »doch wisset: unsere Landsassen, Semperfreien, Bürger und Bauern verlangen mit demselben Maße gemessen zu werden wie die Höchsten im Reiche, einzig den Kaiser ausgenommen, ob sie eine Krone auf dem Haupte tragen oder die Inful, oder ob sie barhäuptig und barfuß gehen. In den festen Schranken des Gesetzes soll der Schöffenstuhl über allem, auch über dem Bischofsstuhl stehen.«

Im Dechanten wallte es grimmig auf. »Unerhört!« stieß er erregt aus. »Ihr treibt das Spiel zu hoch.«

»Spiel? das ist kein Spiel, es ist uns allen bitterer Ernst damit, Herr Domdechant!« drohte der Graf von Regenstein.

»Wirklich? Fast sieht es so aus. Die Herren scheinen sich im geheimen schon verständigt zu haben. Waret ihr denn auf mein Kommen vorbereitet?«

»Wir sind auch -- gewarnt worden,« versetzte Graf Hoyer anzüglich, »und jetzt, hochwürdiger Herr, wollet uns mitteilen, an welchen Satzungen des Ritters Ihr Anstoß nehmt.«

»Gern will ich das, Herr Graf! dazu bin ich ja hier,« sagte der Halberstädter, der auf diese Aufforderung nur gewartet hatte. »Also zum ersten! da steht: der Papst darf den Kaiser nicht bannen. Diese Bestimmung ist ein offenbares ~sacrilegium~. Der Papst ist das unfehlbare Oberhaupt aller Christenheit und kann bannen und lösen nach seinem alleinigen Bedünken. Schon mancher Papst hat einen Kaiser gebannt, und erst vor ein paar Jahren hat der heilige Vater seinen trotzigen Widersacher, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten in den Bann getan.«

»Kein Papst kann Ghibelline sein,« rief Graf Johann von Blankenburg.

Ohne den Zwischenruf zu beachten, fuhr der Prälat fort: »Dem Papste das Bannen verbieten zu wollen, ist ein keckerer Angriff auf die unantastbare Hoheit der Kirche, als wenn Ihr dem Kaiser das Recht der Begnadigung absprechen wolltet. Aber höret weiter. In dem Buche steht geschrieben: kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder Mönch, und kein Stift oder Kloster darf Laiengut erben.«

»Vortrefflich! damit wird der geistlichen Erbschleicherei ein Riegel vorgeschoben,« lachte der Hohnsteiner. »Den Bettelstab ließet Ihr pfänden, wenn etwas aus ihm herauszuschlagen wäre, euch und eure Klöster zu bereichern.«

»Wir suchen nicht die Säckel, sondern die Seelen,« verwies ihn der Dechant. »Ferner heißt es: jedweder Christenmensch soll auf der Dingstatt einen Fürsprecher haben, aber kein Pfaffe darf es sein.«

»Wozu auch?« meinte einer der Grafen. »Auf der Dingstatt muß Wahrheit und Freiheit des Wortes herrschen, und die zu vertreten taugt kein Pfaffe.«

»Was ist Wahrheit? was ist Freiheit? kann mir das einer von euch sagen?« fragte stolz der Kapitular. »Ihr schweigt; dann weiter! da steht: jeglicher Schatz, der tiefer in der Erde liegt, als die Pflugschar geht, kommt in des Königs Gewalt, auch wenn er auf bischöflichem Grund und Boden gefunden wird.«

»Grabt ihr geistlichen Herren nach Schätzen, die weder Motten noch Rost fressen, und sammelt euch welche im Himmel, wie die Heilige Schrift es lehrt,« ließ sich endlich auch Graf Botho von Stolberg vernehmen.

Der Dechant streifte ihn mit einem vorwurfsvollem Blicke, daß selbst er sich den anderen anschloß. Dann sprach er: »Ich glaube, edle Herren, daß ich euch nun der ketzerischen Stellen genug angeführt habe, die mich zur entschiedenen Verdammung des neuen Gesetzbuches drängen. Wenn --«

»Aha! kreuzige! kreuzige!« brüllte Hohnstein dazwischen.

»Wenn ihr aber deren mehr begehret,« -- er griff in die Tasche seines langen Priestergewandes und holte einige beschriebene Blätter daraus hervor, die er empor hielt, -- »hier habe ich ihrer noch etliche.«

Eike von Repgow, der mit steigender Verwunderung den Reden seines Gegners gefolgt war, fragte jetzt: »Habt Ihr mir beim Schreiben über die Schulter gesehen, Herr Domdechant? denn alles, was Ihr hier vorgebracht habt, steht wörtlich so in meinem Buche.«

»Wir haben einen zauberkundigen Klosterbruder in unseren Diensten, der die Kunst besitzt, sich unsichtbar zu machen,« erwiderte der Dechant mit einem boshaften Lächeln auf den schmalen Lippen. »Der hat hinter Euch gestanden, Herr Ritter von Repgow, hat sich die ihm mißfälligen Stellen aufgezeichnet und sie uns schwarz auf weiß in seiner schönen Mönchsschrift übereignet.«

»Wollt Ihr mir einen Einblick gestatten, hochwürdiger Herr?« mischte sich jetzt Graf Hoyer ein, von einer plötzlichen Unruhe erfaßt.

»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.

Der Graf blickte hinein und sank erschrocken an die Rücklehne seines Stuhles. Dann rief er erbittert: »Eike, +den+ Klosterbruder kennen wir und seinen würdigen Abt auch!« Damit reichte er die Schriften seinem jungen Freunde über den Tisch hin.

»Oh der Bube! der schändliche Bube!« grollte Eike, nachdem er hineingesehen hatte.

»Eike,« fing der Graf wieder an, »draußen auf dem Gange wirst du Folkmar finden. Bitte, sag' ihm, er solle sofort den Torwart hierher bescheiden.«

Eike tat nach des Grafen Wunsch.

Die anderen saßen alle sprachlos und begriffen nicht, was das zu bedeuten hatte.

Der Dechant aber ahnte den Zusammenhang des hier Vorsichgehenden und schaute ärgerlich und bestürzt darein. Er hatte angenommen, die Abschrift rühre von niemand anders als von einem Mönche des Klosters Gröningen her, der ihren Inhalt den mündlichen Mitteilungen eines zufällig Eingeweihten verdankte, dessen Namen man dem Domkapitel nicht genannt hatte. Nun bereute er, die Papiere aus der Hand gegeben und damit den arglistigen Trug enthüllt zu haben.

Es ward eine lange, unheimliche Stille, bis der Torwart eintrat.

»Goswig,« befahl der Graf, »die Zugbrücke hoch! kein Mensch kommt aus der Burg hinaus ohne meine ausdrückliche Erlaubnis!«

Goswig verbeugte sich und verschwand.

Darauf wandte sich der Graf zum Kapitular: »Der Famulus des Ritters ist in Eurem Auftrage bestochen worden und hat Euch diese Auszüge verräterischerweise angefertigt und ausgeliefert; es ist seine Handschrift. Er wird es zu büßen haben; mit Euch, Herr Domdechant, verhandle ich nicht mehr; Ihr kämpft nicht mit ehrlichen Waffen.«

Zornbebend erhob sich der Dechant. Aber mit erzwungener Ruhe sprach er: »Dann habe ich nur noch die Frage an den Ritter von Repgow zu richten, ob er widerrufen und die ketzerischen Bestimmungen in seinem Buche ändern und tilgen will.«

»Nicht ein Wort!« erklärte Eike.

»So wird der hochwürdigste Bischof nicht umhinkönnen, den großen Kirchenbann über Euch zu verhängen,« entgegnete streng und finster blickend Herr Anno von Drondorf.

Da sprangen alle auf und schrien laut durcheinander. »Er wage es!« hieß es. »Wir Harzer zittern nicht vor Kutte und Krummstab mit gefaltenen Händen und gebogenen Knien.«

Graf Hoyer winkte ihnen: laßt mich reden! Und er sprach: »Wenn das geschieht, Herr Domdechant, daß der Ritter von Repgow seines gar nicht hoch genug anzuschlagenden Werkes wegen gebannt wird, sage ich im Namen aller hier anwesenden Herren dem Bischof ab und kündige ihm die Fehde an. Mit unsern Lehnsleuten und unserm reisigen Volk werden wir ihn überfallen, ihn von seinem Sitz vertreiben, sein Land mit Feuer und Schwert verheeren und verwüsten. Das meldet Eurem Bischof!«

»Es geschehe nach Gottes gewaltigem Willen!« sagte der Dechant. »Ich habe hier nichts mehr zu reden und zu tun und verabschiede mich von euch, erlauchte Herren, mit schwerem Herzen, aber mit dem Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben.«

Graf Hoyer erwiderte nur: »Für Euch, Herr, ist die Brücke frei.«

Eine stumme Verbeugung, und der Gesandte des Bischofs schritt langsam und mit steifem Nacken aus dem Gemach.

Sobald er hinaus war, brach der Sturm los. Sie drückten Hoyer und Eike die Hand und wußten sich vor Freude nicht zu lassen.

»Horrido!« jauchzte Graf Hohnstein, »die Gäule aus dem Stall! Fehde, Fehde mit dem Bischof von Halberstadt! das klingt wie Hifthornschall und Rüdengeläut auf der Fährte eines geweihten Hirsches.«

»Und unser Feldgeschrei ist: ›Rechtseinheit in ganz Sachsenland!‹« rief Graf Hoyer.

»Rechtseinheit in ganz Sachsenland!« wiederholten einstimmig und begeistert alle die anderen. Der Bund der Harzgrafen war geschlossen und besiegelt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Nun gab es mittags doch ein freudigeres Mahl als gestern abend. Wie nach einem erfochtenen Siege saßen sie alle frohgemut an der Tafel, und der Mann mit dem steinernen Gesicht und dem hohlen, verschleierten Blick war nicht mehr unter ihnen. Eike wurde der Ehrenplatz an der Seite der Gräfin zugewiesen, und das Tischgespräch drehte sich ausschließlich um die Verhandlung mit dem verfolgungssüchtigen geistlichen Gegner, wobei die Herren sich mit Behagen an die scharf gewürzten Reden und Antworten erinnerten, die sich wie blitzende Klingen gekreuzt hatten.

Als Gerlinde erfuhr, daß Wilfred heimlich für den Abt von Gröningen Auszüge aus dem Gesetzbuch angefertigt hatte, war sie einesteils über diese Schändlichkeit empört, andernteils aber beruhigt, daß sie sich nun keine Vorwürfe mehr zu machen brauchte, als hätte sie durch ihre Andeutungen zu dem hinterlistigen Aushorcher den gefährlichen Streit wider Willen angezettelt.

Sie flüsterte Eike zu: »Also bin doch nicht ich die Verräterin, die das Unheil über Euch heraufbeschworen hat, Eike.«

»Das habe ich auch nie geglaubt, Gerlinde,« erwiderte er leise. »Ich wußte, daß Ihr daran unschuldig waret.«

»Was wird nun mit dem nichtswürdigen Menschen?« fragte sie.

»Er ist eingesperrt. Der Graf hat ihm den Befehl gesandt, sein Zimmer unter keinen Umständen zu verlassen; im nächsten Gauding soll über ihn abgeurteilt werden.«

Die Grafen unterhielten sich darüber, was der Bischof tun, ob er ungeachtet ihrer drohenden Haltung den Kirchenbann über Eike verhängen würde.

»Er wird sich dreimal besinnen,« sagte Graf Burkhard von Mansfeld. »Unsere Macht ist zu groß, und wir werden noch Bundesgenossen werben; ich nehme den Fürsten Heinrich von Anhalt auf mich.«

»Ich den Grafen Christian von Wernigerode,« fiel der Blankenburger ein.

»Und sollte der Bischof sein Aufgebot an Kriegsmannen etwa verstärken, so tun wir dasselbe und bringen wohl auch den Landgrafen Hermann von Thüringen und den Markgrafen Dietrich von Meißen noch auf unsere Seite,« meinte der Graf von Regenstein.

»Laßt euch doch darum keine grauen Haare wachsen,« sprach Graf Hoyer. »Der Bischof wird es nimmermehr wagen, uns durch Bannung unseres Freundes Repgow kecklich herauszufordern.«

»Oh er ist ein gar trutziger Herr, der, wo er Gelegenheit dazu hat, gern den streitbaren Kirchenfürsten herauskehrt,« behauptete Graf Botho von Stolberg.

»Mir soll's recht sein,« lachte der Hohnsteiner, »ich reite mit Vergnügen zur Abwechslung auch einmal gegen einen Bischof an.«

»Wenn es aber, was Gott verhüte, meinethalben zu einer großen Fehde oder gar zu einem weitschichtigen Kriege kommen sollte, dann möchte ich auch in Helm und Harnisch mit Euch zu Felde ziehen, Herr Graf,« sagte Eike.

»Der Wunsch ist begreiflich und wird Euch mit Freuden erfüllt werden, damit Ihr selber Eurem Gesetzbuch in den Reihen Eurer Feinde mit dem Schwerte Bahn brecht,« erwiderte der Hohnsteiner.

Und dann trägt er vielleicht mein Kursît einmal über der Rüstung, dachte Gerlinde.

Alle wollten sich gern für den Ritter schlagen, der dem Domdechanten so mannhaft die Stirn geboten hatte. Das ihm dafür reichlich gespendete Lob machte Gerlinde so stolz, als würde es ihr selber gezollt. Immer mußte sie sich zu ihm hinwenden und den gefeierten Helden und Gelehrten zu ihrer Linken bewundernd ansehen.

Am anderen Morgen zogen die fünf Grafen mit ihrem Gefolge fröhlich vom Falkenstein ab, nachdem ihnen Eike für ihren entschlossenen Beistand noch einmal gedankt hatte. --

Nun wurde es wieder still und friedlich in der Burg. Eike war wieder fleißig an der Arbeit, als wäre seit seinem Ritt nach Quedlinburg nichts Besonderes hier vorgegangen. Es fehlten nur noch wenige Artikel zur Vollendung seines Werkes, und er beeilte sich nicht damit, weil er das Scheiden von Gerlinde gern noch etwas verzögern wollte.

Sie wußte, daß es kaum Wochen, vielleicht nur noch Tage waren bis zur Trennung, vor der ihr graute. Soviel wie möglich suchte sie seine Gesellschaft, denn ihrer bemächtigte sich eine so verlangende Sehnsucht, wie sie sie glühender noch nie empfunden hatte. Wenn sie mit ihm allein war, was jetzt häufiger geschah denn je, rollte ihr das Blut wie flüssiges Feuer durch die Glieder, und mehr als einmal war sie nahe daran, sich an seine Brust zu werfen und sich an dieser Zufluchtstätte ihrer grenzenlosen Liebe auszujubeln oder auszuweinen.

Eike war es, der den Kopf oben behielt und die Herrschaft über sich nicht einen Augenblick verlor, doch Gerlinde merkte es ihm an, wie schwer auch er mit sich kämpfte, und jeder las im Herzen des andern: o wärest du mein! Aber -- ein blankes Schwert lag zwischen ihnen.

Graf Hoyer sah, was in den beiden sich regte, doch kein Groll stieg in ihm auf, denn er fühlte, auch seine Tage waren gezählt, nur in einem andern Sinn als die seines jungen Freundes. Nicht die leiseste Andeutung, auch nicht im Scherze, entschlüpfte ihm darüber, daß er wußte, wie es mit ihm bestellt war. Auch die Erkenntnis seines eigenen Schicksals verhehlte er ihnen sorgsam, und das Verhältnis zwischen den dreien blieb ein ungetrübt heiteres und trauliches wie es immer gewesen war.

Gerlinde trug Eike die schüchterne Bitte vor, er möge ihr erlauben, an Wilfreds Statt die noch übrige Abschrift zu übernehmen.

Das freundliche Anerbieten rührte ihn, doch weigerte er sich, der geliebten Frau diese Mühwaltung aufzubürden.

»Ihr machtet mir eine Freude damit, Eike,« sprach sie. »Denkt doch, welche Erinnerung es für mich wäre, bei dem letzten Abschnitt Eures Buches ein klein wenig mitgewirkt zu haben!«

Da willigte er ein, denn ihm wäre es ein reiches Geschenk, einige Blätter, von Gerlinde geschrieben, zu besitzen, die er zeitlebens aufbewahren würde.

Nun saß sie in ihrem kleinen Gemach, ließ Stickrahmen und Harfe bei Seite und schrieb, was der Liebste geschaffen hatte. --

Wilfred hockte in seinem Kämmerlein, obwohl er nicht eingeschlossen war, wie in einem Kerker, geknickt und reuevoll am leeren Tisch, von dem ihm die fertigen Abschriften durch Folkmar abgeholt worden waren.

Die Begebenheiten der letzten Tage hatten die schlimmste Wendung für ihn genommen. Er war, wie er es nach dem geübten Verrat schon gefürchtet, wirklich in die Grube gefallen, die er dem Ritter gegraben, und nicht diesen, sondern ihn selber hatte das Verhängnis getroffen.

Melissa war trostlos, ehe sie noch wußte, was eigentlich vorgefallen war. Sie besuchte den Gefangenen, und auf ihre Frage, was er denn Böses verbrochen, gestand er ihr seine Untat, zu der ihn der Abt von Gröningen verleitet hätte.

»Das ist also deine Rache für den Fuchs. Fred, Fred, was hast du angerichtet!« jammerte sie, »hast dich ins Unglück gestürzt, und deines Bleibens auf dem Falkenstein kann nimmer sein. Was wird mit dir geschehen? und was wird aus mir ohne dich?«

»Das weiß der Himmel!« seufzte er. »Ich bin ein verfemter Mensch; sie werden mir auf der Richtstatt die Schreiberhand abhacken, mit der ich gesündigt habe.«

Ihr schauderte bei diesen Worten. Sie umschlang ihn, herzte und küßte ihn, um ihn aus seiner tiefen Kümmernis aufzurütteln.

In ihren Armen vergaß er das Verzweifelte seiner Lage und erwiderte ihre Liebkosungen mit einer Leidenschaft, gegen die sich das schmiegsame Mädchen nicht sträubte.

Dann setzte sie sich ihm auf's Knie, und ihren zerzausten Blondkopf an seine Schulter lehnend beriet sie mit ihm, ob nicht eine Rettung möglich wäre.

Aber Wilfred schüttelte zu allem, was Melissa vorschlug, ungläubig den Kopf und fand selber keinen Ausweg, den Banden zu entrinnen, in die er verstrickt war. »Goswig ist mein geschworener Feind und wird mir gegenüber niemals ein Auge zudrücken,« sprach er mutlos. »Er kann es auch gar nicht, denn er ist für mich verantwortlich und der Graf würde ihn aus dem Dienst jagen, wenn er mich auskommen ließe. Gib jede Hoffnung auf!«

Mit tränenbenetztem Antlitz entwand sie sich ihm.

Zwei Tage später aber kam sie wieder zu ihm geschlichen in der Dämmerung und mit einem Bündel, das sie vor ihm entfaltete. »Hier hast du ein Kleid von mir,« sagte sie, »das ziehst du an und stiehlst dich darin zum Tor hinaus; es dunkelt schon, aber die Zugbrücke ist noch nicht hoch. Goswig wird dich für eine Magd halten, deren Friedel draußen auf sie wartet, und wird dich nicht anrufen. Auch habe ich ihm soeben noch einen großen Krug Bier geschickt, von dem er so leicht nicht aufsteht.«

Wilfred dankte ihr, von der Hoffnung belebt, durch die klug ersonnene List zur Freiheit zu gelangen, in der herzlichsten Weise, und Melissa half ihm schnell und geschickt in das Kleid hinein.

Erst freute sie sich und lachte über seine Verwandlung in ein Mädchen, dann aber sprach sie betrübt: »O Fred! werden wir uns jemals wiedersehen? wohin gehst du nun?«

»Ich weiß schon, wo ich Unterschlupf finde, sobald ich aus der Burg heraus bin,« beruhigte er sie. »Ich pilgere schnurstracks nach Gröningen und bitte um Anstellung als Schreiblehrer in der Klosterschule, aus der sie mich einst verstoßen haben. Der Abt hat mir versprochen, sich meiner anzunehmen, wenn ich in Not geriete. Vielleicht kann ich auch dort sogar einmal Bibliothekar werden.«

»So geh mit Gott!« schluchzte sie an seinem Halse, entwich und eilte in den Burghof hinab, um aus einem Versteck den Verlauf der Flucht zu beobachten.

Sie sah, wie sich Fred in der Dämmerung dicht an den Hofgebäuden entlang drückte, manchmal horchend stehen blieb und dann behutsam weiterschlich. Ungeduld und fiebernde Angst erfaßte sie, daß er dabei so langsam vorwärts kam, und der Atem stockte ihr, als er beim Torstübchen noch einmal anhielt, um zu spähen und zu sichern, ehe er sich an der offnen Tür vorübertraute.

Plötzlich schritt er rasch aus, aber in seiner großen Erregung nicht leise genug.

Goswig mußte das Geräusch seiner Schritte vernommen haben und schaute auf. Die weibliche Gestalt da draußen schien ihm verdächtig; das war keine der Burgmägde. Er trat aus seinem Häuschen heraus, und als die Eilige auf seinen Anruf nicht stand, sprang er ihr hurtig nach.

Nun wurde gerade das, was Wilfred retten sollte, Melissas Kleid, zu seinem Verderben, denn weil es ihm oben etwas zu eng war und ihm unten die Glieder bis auf die Füße umbauschte, hinderte es ihn im Laufen.

Goswig war ihm bei der Verfolgung bald auf den Fersen, holte ihn ein und hatte eine diebische Freude an seinem Fange.

»Erbarmt Euch, Goswig, und laßt mich los!« bettelte der am Kragen Gepackte.

»Nichts da! Du und Melissa, ihr meintet einmal, ich könnte nach dem dritten Kruge Bier nicht mehr Mann und Weib unterscheiden. Jetzt habe ich dir gezeigt, daß ich das trotz deiner Verkappung doch kann, und ich bin dir auch noch den Lohn für die angeleimte Pelzkappe schuldig,« höhnte Goswig. »Komm, mein Bürschlein! jetzt sperr' ich dich fester ein.«

An einen Faustkampf mit dem noch sehr rüstigen und kräftigen Torhüter konnte Wilfred in der ihn einspannenden Frauenkleidung nicht denken, und so mußte er sich von dem hartherzigen Alten widerstandslos abführen lassen in das mit Schloß und Riegel versehene Turmgewölbe, aus dem ein Entweichen nicht möglich war.

Melissa, zu Tod erschrocken, flog die Treppe hinauf zur Gräfin, fiel ihr zu Füßen, erzählte ihr mit halb von Weinen erstickter Stimme, was sich eben ereignet hatte, und flehte sie an, beim Herrn Grafen die Begnadigung Wilfreds zu erwirken. Er habe sich nur auf Anstiften des Abtes von Gröningen zur Herstellung der Abschriften bequemt und sich auch an Herrn von Repgow für das Erschießen seines gezähmten Fuchses rächen wollen. Zugleich bekannte sie, dem Schreiber bei seinem Fluchtversuche mit der Hergabe eines ihrer Kleider behilflich gewesen zu sein.

Die Gräfin wußte bis jetzt noch nichts von dem Fuchse, fühlte jedoch ihrer getreuen Zofe wegen, deren Neigung zu Wilfred ihr nicht verborgen geblieben war, Mitleid mit den beiden und versprach, für den Bösewicht bei ihrem Gemahl ein gutes Wort einzulegen, dessen Erfolg sie freilich nicht verbürgen könne.

Melissa küßte ihrer huldvollen Herrin die Hand und entfernte sich, Hoffnung im Herzen. --

Ganz glatt ging das schwierige Unternehmen, den erzürnten Grafen zu versöhnen, zwar nicht vonstatten, aber er ebnete unabsichtlich der wohlwollenden Vermittlerin den Weg dazu.