Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Part 17

Chapter 173,698 wordsPublic domain

»Nein, nichts Anderes, und es war auch nicht im Beichtstuhl. Draußen im Walde hat er mich zur Rede gestellt, und da hab' ich ihm ausgeplaudert, was ich wußte und was ich hätte verschweigen sollen.«

»Was ist da noch groß zu verschweigen? die Sache ist längst kein Geheimnis mehr im Sachsenlande,« suchte er sie zu beruhigen.

»Hoyer hat mich deswegen tüchtig ausgescholten, und wie ernst er die Sache nimmt, habt Ihr aus seinem eigenen Munde gehört,« sprach Gerlinde mit ängstlicher Hast.

»Und was habe ich ihm darauf geantwortet? daß ich mich durch den Widerspruch des Klerus nicht im mindesten einschüchtern ließe,« versetzte Eike. »Was habt Ihr denn dem Ketzerriecher graulich Verbrecherisches von mir ausgeplaudert?« fragte er dann sorglos scherzend.

»Er wollte wissen, ob in Euren Gesetzen auch den Rechten der Kirche und der Geistlichkeit die gebührende, ehrfurchtsvolle Berücksichtigung zuteil würde.«

»Und das habt Ihr natürlich schlankweg verneint.«

»Ja!« gestand Gerlinde. »Ich habe zugegeben, daß ich in dieser Beziehung nicht gleicher Meinung mit Euch wäre und an Eurer Behandlung dieser Dinge erheblichen Anstoß nähme. Damit hab' ich auch Euch selbst gegenüber niemals hinter dem Berge gehalten.«

»Zu meiner Freude, Gerlinde, habt Ihr das nicht getan,« versetzte er treuherzig. »Aber was sagte der hochwürdige Herr dazu?«

»Er wünschte, daß ich meinen Einfluß auf Euch benutzen und Euch bewegen sollte, die kirchenfeindlichen Stellen von Grund aus zu ändern.«

»Und Ihr?«

»Ich erklärte ihm, daß ich keinen Einfluß auf Euch besäße,« erwiderte sie, die Wimpern senkend.

»Eine Ausrede, die zur Abwehr der unzarten Zumutung ganz an ihrem Platze war,« sprach Eike. »Aber in Wahrheit trifft das nicht zu, Gerlinde; Ihr vermögt viel, vermögt alles über mich. Nur«, fügte er hinzu, »meine Überzeugung von dem, was recht ist, opfere ich auch --«

Er brach ab und beendete den Satz nicht.

»Nun?«

»-- auch aller meiner unwandelbaren Liebe zu Euch nicht.«

»+Meine+ Liebe wird die Eurige nicht auf diese harte Probe stellen,« flüsterte sie, helle Glut auf den Wangen.

Es war wieder ein so gefährlicher Moment wie in jener Nacht auf dem Altan. Eine einzige Bewegung jetzt von ihm zu ihr, und sie hätten sich Brust an Brust gelegen.

Doch Eike behielt Gewalt über sich. Er stand auf, schritt ein paarmal im Zimmer hin und her und fragte dann ruhig: »Habt Ihr dem Abte wörtliches mitgeteilt?«

»Nein, nicht das mindeste,« versicherte sie.

»So weiß er ja gar nichts,« lachte Eike. »Was will er denn? Mag er doch warten, bis er eine Abschrift vor sich hat und Grund zu Ärgernis darin findet. Das wird er freilich wohl, und dann mag er meinetwegen Lärm schlagen, mich soll's wenig kümmern.«

»Verzeiht Ihr mir meine Unbesonnenheit, Eike?« fing Gerlinde nach kurzem Schweigen an.

»Gerlinde!« rief er mit herzinnigem Ton. »Ich bin ja unsagbar glücklich über diese Lösung des Rätsels, denn Euer Wesen in letzter Zeit war mir ein Rätsel, über das ich mir trübe Gedanken machte. Ich glaubte, Ihr hättet --«

»-- Euch nicht mehr lieb?« fiel sie rasch ein.

»Nein, -- Ihr hättet dem Abte gelobt, mich zu meiden.«

»Das Gelübde hätte ich ihm nie getan, und wenn er Himmel und Hölle dazu in Bewegung gesetzt hätte,« rief sie. »Ich schämte mich meiner Angeberei und konnte Euch nur deshalb nicht mehr so unbefangen begegnen wie sonst. Das ertrug ich nicht länger, und darum ließ ich Euch bitten, zu mir zu kommen.«

»Das Beste, was Ihr tun konntet.«

»Ich wußte ja, daß Ihr mich freundlich anhören würdet. Und nun -- wie soll ich Euch danken, Eike, daß Ihr diesen Druck jetzt von mir genommen habt?« fuhr sie tief erregt fort, sah ihn mit feucht schimmernden Augen an und reichte ihm die Hand, die er mit seinen beiden umfaßte und inbrünstig küßte.

Dann stürmte er hinaus wie gescheucht von einer Macht, die stärker war als er und die ihn übermannt hätte, wenn er noch geblieben wäre.

Mit geteilten Gefühlen blickte Gerlinde ihm nach.

Ihr war ein Stein von der Seele, daß Eike ihr den begangenen Fehler verziehen hatte und sie nun wieder frank und frei mit ihm verkehren konnte. Aber -- »ein Handkuß und mehr nicht!« seufzte sie.

Als er von ihrem großen Einfluß auf ihn und von seiner unwandelbaren Liebe zu ihr sprach, hatte sie erwartet, daß er ihr diese Liebe noch in anderer Weise als bloß mit Worten bezeugen würde.

Wie konnte sie das nur erwarten! Hatte sie denn vergessen, was sie sich nach seiner Rückkehr von Reppechowe gelobt hatte den festen Vorsatz, nichts mehr von ihm verlangen zu wollen? Brach doch wieder die Sehnsucht nach seinen umfangenden Armen in ihr durch? Nicht um diese Sehnsucht zu stillen, hatte sie ihn zu sich berufen, sondern nur zu einer offenen Aussprache und aufrichtigen Versöhnung, die ja auch schnell zustande gekommen war und deren es gar nicht bedurfte, weil er der Reumütigen nicht im mindesten zürnte. Dabei war es ihnen beiden heiß ums Herz geworden, und Eike, um -- wie sie deutlich erkannte -- die Versuchung seiner eigenen Erregtheit zu fliehen, war just so eilig ihr entronnen wie sie damals ihm beim Schachspiel auf dem Altan.

Sie aber drängte es, dem schmerzlichen Vermissen dessen, was sie einen Augenblick erhofft hatte, in Tönen Ausdruck zu geben, nahm die Harfe zur Hand und sang:

Ich muß dich, Liebe, fragen: Schaffst du mehr Lust, mehr Leid? Sind Geben und Versagen Dir wie ein wechselnd Kleid? Bald läßt du Rosen mich brechen Und bald von Dornen mich stechen.

Ich weiß, mit welchen Mächten Die Herzen du gewinnst, An Tagen und in Nächten Sie zauberstark umspinnst. Du lockst mit seligen Freuden, Hast Schätze zu vergeuden.

Doch fährt auf hohen Wogen Das Glück gradwegs daher, Weicht mir aus im Bogen Und grüßt mich nimmermehr. Stets muß ich schweigend mich fügen, Hoffnungen schmeicheln und trügen.

Glaubt' ich's zu guter Stunde Schon fest an mich geknüpft, Ist's meinem durst'gen Munde Flugs wiederum entschlüpft. Es ist ein Nahen und Schwinden, Ein Suchen und doch kein Finden.

Nun saß sie, dachte nur an Eike von Repgow und sah ihn im Geiste, wie er vor ihr gestanden hatte, wägend und mit sich kämpfend, was er tun sollte. Um sich seine männliche Erscheinung noch deutlicher und herrlicher vorzustellen, öffnete sie eine eichengeschnitzte Truhe, nahm das nun fertige Kursît heraus und betrachtete es sinnend. Es mußte ihn prächtig kleiden, aber die Ritter pflegten es über Brünne und Halsberge zu tragen. Würde sie Eike jemals geharnischt im Sattel sehen, wo doch, wie der Abt gemeint hatte und sie selber glaubte, weit eher sein Platz war als am pergamentbeladenen Schreibtisch? Träumerisch vergegenwärtigte sie sich sein Bild im Schmucke dieses blauseidenen Wappenrockes, den sie ihm schenken wollte, wenn er auf immerdar von dannen ritt. »Auf immerdar!« sprach sie traurig, den Wappenrock wieder verschließend. »Möchtest du noch lange hier ruhen, Werk meiner Hände!«

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Auf Burg Falkenstein bewegte sich alles wieder in den gewohnten Geleisen von Ruhe und Behaglichkeit, und der Besuch des Abtes hatte keinerlei Nachwirkungen.

Graf Hoyer wurde ganz irr an dem vorwitzigen Prälaten, gegen dessen Anschläge er bereits Vorsichtsmaßregeln angeordnet hatte und der nun doch nichts Feindliches wider ihn oder Eike zu planen schien. Sollte er dem ehrenwerten Gottesmann mit seinem Verdacht Unrecht getan haben? Das wollte ihm nicht einleuchten, und in völlige Sicherheit ließ er sich durch dessen vorläufige Untätigkeit noch nicht einwiegen, weil er dem Frieden nicht traute.

Die Gräfin aber war glücklich, daß nichts von dem geschah, womit ihr der Graf nach ihrem Gespräch mit dem geistlichen Herrn bange gemacht hatte, und glaubte an keine Gefahr mehr für Eike, zumal ihr dieser alle Besorgnis so überzeugend ausgeredet hatte.

Der Meistbeteiligte, Eike, sah in dem Zwischenfall nur eines der Hindernisse, die jeder nach einem hohen Ziel Strebende auf seinem Wege zu überwinden hatte, und dachte nicht weiter daran.

Dagegen befand sich Wilfred in einer täglich wachsenden Aufregung und konnte nicht begreifen, warum der Hochwürdige von den ihm eingehändigten Auszügen noch immer keinen Gebrauch machte. Ihn stachelte ungeduldige Rachsucht, die ja der Beweggrund zu seinem schnöden Verrat gewesen war und deren für Eike verderbliche Folgen er schadenfroh mit ansehen wollte.

Trotzdem war ihm unheimlich zumute, denn er verhehlte sich nicht, daß von diesen Folgen einige auch ihn selber treffen konnten, wenn es sich durch eine strenge Untersuchung herausstellte, daß er der hinterlistige Unterstützer des gegen Eike einzuleitenden Verfahren gewesen war.

Er hatte seine Drohung, sich für den Schuß auf den Fuchs rächen zu wollen, in Gegenwart Melissas ausgestoßen. Das Mädchen war ihm herzlich zugetan und unbedingt ergeben, konnte aber, wenn es dazu gezwungen wurde, zu einer ihn schwer belastenden Zeugin werden, deren fast überführender Aussage gegenüber ihm kein Leugnen half.

Dann war er gerichtet und geächtet, mußte sein Bündel schnüren und wieder als Vagant in die weite Welt hinaus wandern, was für ihn hieß: ins Elend gehen.

Und der Winter war im Anzuge. Stürme, die den Wald durchbrausten und die Äste der Eichen und Buchen knarren und knacken machten, auch wohl ein herabwirbelndes Schneegestöber oder ein knatternder Graupelschauer kündigten als Vorboten sein Nahen an. Wo sollte da ein mit Schimpf und Schanden weggejagter Landstreicher ein schützendes Obdach finden und womit auf den an allem Eßbaren und Verdaulichen leeren Feldern den nagenden Hunger stillen?

Melissa las ihm die Unzufriedenheit und Verbitterung vom Gesicht, und selbst ihrer liebenswürdigen Zärtlichkeit gelang es nicht, ihn aufzumuntern oder dem Verstockten mit Fragen den Grund seiner üblen Laune zu entlocken. --

Da trat ein Ereignis ein, das zwar an sich nicht groß verwunderlich war, den Grafen jedoch veranlaßte, seine Gemahlin und Eike zu sich in sein Zimmer zu entbieten, um sich mit ihnen darüber zu besprechen.

Sie kamen und fanden den Burgherrn mit gekrauster Stirn in seinem bequemen Faltestuhl sitzen und -- wohl nicht zum erstenmal -- einen soeben empfangenen Brief lesen.

»Ein reitender Bote hat mir aus dem Stift zu Quedlinburg ein Schreiben überbracht, aus dem ich nicht klug werde,« begann er. »Die Kanonissin Gertrud von Amfurt fordert mich namens der Äbtissin zum schleunigen Besuch auf in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die keinen Aufschub vertrüge und über die sie sich brieflich nicht äußern könnte. Was haltet ihr davon?«

Eike hob ratlos die Schultern.

»Sollte der Palmsonntagstreit mit dem Bischof wieder aufflackern?« meinte die Gräfin.

»Daran habe ich auch schon gedacht,« sprach der Graf, »aber der Streit ist endgültig entschieden und beigelegt, und daraus würden sie auch kein Hehl machen. Wenn es überhaupt etwas wäre, das meine Schirmvogtei betrifft, würden sie es doch wenigstens angedeutet haben. Das Traurige ist, daß ich nicht imstande bin, aufs Pferd zu steigen und nach Quedlinburg zu reiten. Also mußt du hin, Eike!«

Gerlinde machte eine erschrockene Bewegung, weil plötzlich eine Ahnung in ihr auftauchte, die sie in die Worte faßte: »Es wird doch keine Falle sein?«

»Eine Falle?«

»Ja, eine vom Gröninger Abt gestellte Falle. Kennst du die Handschrift der Kanonissin?«

»Nein.«

»Warum schreibt Osterlindis nicht selbst? Der Brief könnte gefälscht sein. Man weiß vielleicht, daß du nicht reiten kannst und baut darauf, daß Herr von Repgow --«

»Ah, jetzt verstehe ich dich,« unterbrach sie der Graf. »Du fürchtest, daß sie Eike einen Hinterhalt legen wollen. Tod und Teufel! das wäre doch ein Schelmenstück sondergleichen.«

Eike schüttelte den Kopf und sagte ruhig: »Darauf lass' ich's ankommen; ich reite morgen früh nach Quedlinburg, wenn Ihr glaubt, Herr Graf, daß mir die Äbtissin soviel Vertrauen schenkt, mich anstandslos in die vorliegenden Dinge einzuweihen.«

»Das wird sie gewiß,« erwiderte der Graf, »ich werde dir ein paar Zeilen an sie mitgeben. Sie ist meine Verwandte von der Schwertmagensippe, eine Gräfin Falkenstein, und hat als Äbtissin des freiweltlichen Stiftes den Rang einer reichsunmittelbaren Fürstin. Also niemand außer dem Kaiser hat ihr dreinzureden, was sie tun oder lassen will. Du nimmst Sibold mit und hast auch noch den Reitenden hinter dir, der das Schreiben gebracht hat. Wenn du morgen frühzeitig satteln läßt, kannst du gegen Abend wieder hier sein. Bist du aber bis übermorgen mittag nicht zurück, so schicke ich dir den Wildmeister mit einem Fähnlein gewappneter Reisiger nach. Einer von ihnen wird ja wohl lebendig wiederkommen und melden können, was aus dir geworden ist,« fügte er lachend hinzu.

Eike lachte mit, aber Gerlinde war still und nachdenklich, denn ihr bangte ernstlich um Eikes Sicherheit.

Es blieb bei der getroffenen Verabredung und sowohl an Sibold wie an den stiftischen Boten erging der Befehl, morgen früh mit dem Ritter von Repgow zu reiten.

Nach der Beratung verließen Gerlinde und Eike den Grafen, und jeden der drei beschäftigte die mit solcher Dringlichkeit und Heimlichkeit betriebene Angelegenheit insbesondere.

Graf Hoyer wollte den Verdacht seiner Gemahlin, daß die Aufforderung zu dem Besuch eine vom Abt gestellte Falle sein könnte, nicht ganz von der Hand weisen. Gerade dieser, nicht die Äbtissin, wußte, daß ihm das Reiten schon zu beschwerlich war, und da lag es sehr nahe, daß er den Gastfreund als seinen Vertreter nach Quedlinburg entsenden würde, woraus sich die Möglichkeit ergab, sich Eikes aus einem Hinterhalt zu bemächtigen.

Allein bei Licht besehen wäre es doch eine gar zu große Kühnheit, ja Frechheit seitens des Abtes, Eike unterwegs gewaltsam aufheben zu lassen und ihn als Gefangenen in eine Gröninger Klosterzelle zu sperren, um dort seine gesetzgeberische Arbeit zu überwachen und ganz im Sinne des herrschsüchtigen Klerus zu leiten. Das wäre ein völlig aussichtsloser Versuch, denn eher machte der Rhein in seinem Laufe Kehrt und flösse bergauf von Köln nach Konstanz, als daß sich Eike nur einen Strohhalm breit beugen ließ.

»Nein, nein!« sprach Hoyer zu sich selbst, »zu so grob zutappenden Übergriffen nimmt der vorsichtige Benediktiner seine Zuflucht nicht, der spinnt feineres Garn für seine Netze und würde sich ohne höheren Auftrag, auf eigene Verantwortung nimmer so weit vorwagen. Aber welcher Höhere sollte ihm einen solchen Auftrag erteilen? der Bischof? der bedient sich keines vorgeschobenen Handlangers, sondern packt selber rasch zu, wo er einzuschreiten für nötig findet. Also abwarten! Eike wird morgen kein Abenteuer zu bestehen haben, es sei denn ein ritterlich gefälliges im Quedlinburger Schlosse, wo es sich vielleicht nur um Rat und Rechtsbeistand handelt, ein umstrittenes Kunkellehen für eine der Konventualinnen zu ergattern, welche ›sehr wichtige Angelegenheit‹ die gute Osterlindis zu einer ~res divina~ aufbauscht.«

Gerlinde wurde nicht so schnell mit ihren Sorgen fertig, und daß auch der Graf mit Gefahren für Eike rechnete, ging daraus hervor, daß er ihm, falls er bis übermorgen mittag nicht zurück wäre, eine Schar Reisige nachschicken wollte. Ja, übermorgen konnten die leicht zu spät kommen, die sollte ihm Hoyer lieber gleich morgen zu Schutz und Geleit mitgeben, aber ihn darum bitten mochte sie nicht, um nicht eine allzu warme Teilnahme durchblicken zu lassen.

Einer freute sich auf den Ritt nach Quedlinburg, der berühmten Heinrichsstadt, wo die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes oft ihr Hoflager aufgeschlagen und manchen glänzenden Reichstag abgehalten hatten. Das war Eike; noch niemals war er in der schön gelegenen Stadt gewesen, hatte sie mit ihrem Schloß und dem ragenden Dom immer nur von weitem gesehen, wenn er sich mit seinem Freunde Hinrik Warendorp ein Stelldichein im Gasthaus am Scheideweg gegeben. Die Besprechung mit der Domina würde hoffentlich nicht so lange währen, daß ihm nicht noch Zeit genug übrig bliebe, sich in dem mauerumgürteten Quitilingeburg gehörig umschauen zu können.

Als sie sich spät abends gute Nacht wünschten, fragte Gerlinde mit innigstem Ton: »Werdet Ihr mir auch wiederkommen, Eike?« Und wie berückend sah sie ihn dabei an mit ihren großen, dunklen Augen!

»Wenn sie mich nicht einfangen und in Ketten schließen, komme ich wieder, Gerlinde; ich lasse Euch mein Herz als Geisel,« entgegnete er lächelnd mit einem treufesten Händedruck und hätte sie so gern, so gern dabei geküßt.

In der Morgenfrühe ritt er frohgemut ab und die zwei Knechte in gebührendem Abstand hinter ihm. Er hatte Wetterglück; ein lauer Wind wehte, und vom nur spärlich bewölkten Himmel schien die Sonne, was er sich zum guten Zeichen nahm.

Wilfred hatte ihn abreiten sehen und sagte nachher zu Melissa: »Diesmal brauchen wir nicht zu wetten, ob er wiederkommt; er hatte nicht den Mantelsack voll Schriften hinter sich auf dem Pferde, und die Reise geht nur bis Quedlinburg, wie ich von Sibold erfuhr. Was mag er da zu schaffen haben?«

»Wohl eine Rechtssache bei der Äbtissin,« meinte Melissa. »Ich war mit meiner Herrin einmal dort; o da oben auf dem Schloß ist's herrlich, Fred! prächtiger als in unserer Burg hier. Schade, daß der Ritter dich nicht als Schreiber mitgenommen hat; ich hätt' es dir gegönnt.«

»In Quedlinburg wird es auch schon Gerichtsschreiber geben.«

»Aber keinen so gescheiten und schmucken wie du, Fred!« sprach sie schmeichelnd.

»Danke, mein Liebchen!« lachte er, doch es klang ein wenig gezwungen. --

Gerlinde wurde der Tag unendlich lang, sie zählte die Stunden, und als der Abend niedersank und es zu dunkeln begann, ward ihr bang und immer bänger.

Sie mußte sich mit ihrem Gemahl allein zu Tisch setzen, aber als sie einsilbig und gedankenvoll eben Platz genommen hatten, tat sich die Tür auf, und Eike trat in den Speisesaal.

»Eike!!« scholl es wie +ein+ Freudenschrei aus beider Munde, und viel fehlte nicht, daß Gerlinde von ihrem Stuhl auf und dem Ersehnten in die Arme gesprungen wäre.

»Also nicht gefangen und eingesperrt!« rief der Graf. »Komm her, setze dich und erzähle! ich kann es kaum erwarten, alles von dir zu hören. So sprich doch, Mensch!«

»Erst einen Trunk!« bat Eike, »dieser trockene Herbstwind dörrt einem die Kehle schauderhaft aus.«

Gerlinde schenkte ihm geschwind ein, und nach einem tüchtigen Zug aus dem Becher hub er an: »Na, -- Seine Hochwürden, der Abt von Gröningen läßt grüßen.«

»Was? Du hast ihn gesprochen?«

»Das nicht, aber seine Fußstapfen, will sagen sein Machwerk hab' ich deutlich erkannt.«

»Weiter, weiter!«

»Am Tage von Mariä Opfer kommt der Halberstädter Domdechant Herr Anno von Drondorf mit Vollmacht des Bischofs hierher auf den Falkenstein, um wegen meines Buches mit mir ins Gericht zu gehen.«

Starres Schweigen folgte dieser wie ein Blitz einschlagenden Nachricht.

Gerlinde saß tief erschrocken da. Das war die Wirkung ihrer Geständnisse zum Abte, der dadurch den Bischof gegen Eike aufgehetzt hatte! Sie machte sich wieder die bittersten Vorwürfe.

Der Graf war sehr ernst, aber vollkommen ruhig. »Hast du das von der Äbtissin selbst?« fragte er.

»Ja!«

»Erzähle der Reihe nach.«

»Die Kapellanin Fräulein Adelheid von Hakeborn meldete mich der Domina an, und es dauerte eine Weile, bis sie mich zu empfangen geneigt war. Sie war erstaunt und, wie mir schien, wenig zufrieden, statt Eurer einen ihr völlig Fremden vor sich zu sehen. Als ich ihr aber Euer Brieflein dargereicht und sie es gelesen hatte, sagte sie verbindlich: Mein lieber Vetter Hoyer schreibt mir, er könnte leider nicht nach Quedlinburg reiten, ich möchte Euch das gleiche Vertrauen schenken wie ihm selber, und das will ich auf die gute Empfehlung hin auch tun. Darauf eröffnete sie mir unter der Bedingung strengster Verschwiegenheit, der Domherr Konrad von Alvensleben, der ihr und ebenso Euch befreundet sei, habe ihr den Wink zukommen lassen, daß der Domdechant an dem genannten Tage hier erscheinen werde. Das habe sie Euch mündlich mitteilen wollen, weil ihr eine briefliche Preisgebung des Geheimnisses zu bedenklich gewesen wäre. Näheres wisse sie nicht, als daß unzweifelhaft eine feindselige Absicht dahinter stecke. Ihr aber würdet schon verstehen, was dieser Schritt zu bedeuten habe.«

»O ja, ich verstehe es,« versetzte der Graf mit dem Tone beißenden Spottes.

»Ich auch,« sagte die Gräfin. »Osterlindis ist dir für deine Entscheidung des Palmsonntagstreites zu ihren Gunsten Dank schuldig, den Bischof aber hast du dir damit, wie ich dir damals gleich prophezeite, zum unversöhnlichen Feinde gemacht, und als dem Protektor des Herrn von Repgow und seines Buches, das unter deinem Dache und mit deiner Billigung geschrieben ist --«

»-- wird er nun auch mit mir den Zank vom Zaune brechen,« fiel der Graf ein. »Darauf bin ich gefaßt, und der Domdechant Anno von Drondorf ist ganz der Mann dazu, den Kampf aufzunehmen. Er ist aus anderem Holz geschnitzt als der Abt von Gröningen, ist gelehrt, schlangenkundig und doch zu stolz, um zu heucheln, und auch bei ihm kommt dreimal voran alles Kirchliche und dann erst ganz nebensächlich das Irdische und Menschliche. So ist er die zuverlässigste Stütze des Bischofs, der sich eifersüchtig und trotzig auf seine geistlichen und weltlichen Hoheitsrechte steift und großmächtig den Krummstab über seiner Diözese schwingt. Wir haben es also mit nicht zu verachtenden Gegnern zu tun, Eike, und da gilt es, der anrückenden Gewalt auch mit Gewalt zu begegnen, die Hand am Schwertgriff und den Fuß fast schon im Bügel.« So sprach der Graf, und die beiden andern sahen's und hörten's ihm an, daß er zum äußersten Widerstand entschlossen war.

»Ich bedaure, Herr Graf, daß ich es bin, der Euch in diese leidigen Zwistigkeiten verstrickt,« sagte Eike.

»Deine Sache ist meine Sache,« erwiderte der Graf, »und auch meine wackeren Gesellen, die Harzgrafen, werden sie zu der ihrigen machen. Ich werde sie zu einer gemeinschaftlichen Beratung einberufen und bin überzeugt, daß wir alle eines Sinnes und Willens sein werden, uns den Halberstädtern mit stahlharter Zähigkeit entgegen zu stemmen. Dein Kodex ist hier im Harz entstanden, und wir Harzer werden ihn mit allem Nachdruck vertreten und salvieren. Bis zu Mariä Opfer sind es von heut an noch sechs Tage; die müssen ausgenutzt werden, damit die Grafen, wenn der Domdechant eintrifft, hier versammelt sind.«

»Aber ich hoffe, Graf Hoyer, Ihr laßt mich an dem Scharmützel teilnehmen.«

»Nicht nur teilnehmen, Eike! Du bist der Angegriffene und verteidigst dich selber, wir wollen nur deine Schildhalter sein. Und nun trink und erzähle uns noch etwas von Quedlinburg.«

»O, da habe ich viel Schönes und Merkwürdiges gesehen,« berichtete Eike. »Vor dem Mittagsmahl hat mich Fräulein Adelheid von Hakeborn herumgeführt und mir alles gezeigt und erklärt. Besonders erfreute mich der herrliche Ausblick vom Schloß weit ins Land hinein, auf das ganze lang gestreckte Gebirge von Ballenstedt an gen Westen auf die Teufelsmauer, die Lauenburg, das Felsentor des Bodetales, nach Blankenburg, dem schroff abstürzenden Regenstein und im Hintergrunde zu dem alles beherrschenden Brocken, dessen Kuppe weiß beschneit herüberleuchtete. Auch in die wundervolle Basilika hat mich die junge Kapellanin geführt und zu den Grabstätten König Heinrichs des Vogelstellers und seiner Gemahlin Mathilde. Es waren erhebende und nachhaltige Eindrücke, die ich in der hochberühmten Stadt empfing, und darüber vergaß ich alle meine Sorgen.«

»Recht so, Eike!« sprach Gerlinde. »Wie sagt Horaz? ›In bedrängter Zeit bewahre dir ein Herz voll Gleichmut‹.«

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechs Briefe, freilich nur kurze und alle von gleichlautendem Inhalt, hatte Graf Hoyer am nächsten Morgen zu schreiben, und drei Knechte mußten satteln, um sie zu den Burgen der ihm befreundeten Grafen im Harzgau, Schwabengau und Helmgau zu bringen.