Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Part 16

Chapter 163,628 wordsPublic domain

Dem Wortlaut nach hatte Wilfred nicht gelogen, als er schwur, daß er an dem Tage, da sie ihn hätte aus dem Walde kommen sehen, nicht bei Luitgard, sondern bei seinem Fuchse gewesen wäre. Daß er aber einige Tage vorher einen wenig erfreulichen Besuch in der Talmühle gemacht hatte, verschwieg er, und diese Tatsache bestimmte ihn auch, nicht gar zu frech die gekränkte Unschuld zu spielen. Nachdem er nun aus dem Streit um die sieben Küsse als Sieger hervorgegangen war, wollte er das ihm treu anhängliche Mädchen, das er viel lieber hatte als die trotzige Kratzbürste da unten im Tale, beruhigen und versöhnen, was er ja auch ›~in optima forma~‹, wie es in dem Schiedsspruch ausbedungen war, schicklich und glimpflich besorgt hatte.

Zur Befestigung des wieder hergestellten herzlichen Einvernehmen trug bald darauf ein mißliches Ereignis bei, das Wilfred einen großen Schmerz bereitete und Melissas inniges Mitgefühl erregte.

Eike wollte sich jetzt dann und wann eine Ausspannung von seiner anstrengenden Arbeit gönnen und, wie er sich vorgenommen, ein wenig des edlen Weidwerks pflegen. Er ließ also den Wild- und Waffenmeister um eine Armbrust und einen Köcher voll scharfer Bolzen bitten und zog hoffnungsvoll damit zu Holze.

Als er nun von solchem Pirschgang einmal mit einer Beute auf der Schulter heimkehrte, fand er zufällig Wilfred und Melissa auf dem Burghof plaudernd am Brunnen stehen und warf Wilfred das erlegte Stück Wild im Schwunge zu mit den Worten: »Da hast du Reinhart den Voß und kannst dir aus dem Balg einen schönen Pelzkragen für dein Winterwams machen lassen.«

Wilfred fing das Tier mit den Armen auf und erkannte an dem Schlitz im Ohr seinen Fuchs, den Eike erschossen hatte. Er konnte vor Wut keinen Ton hervorbringen, drückte sein liebes Füchslein an sein Gesicht und wischte sich mit der dicken Lunte die ihm feucht werdenden Augen.

Eike hatte dessen nicht acht und begab sich ohne weiteres in die Burg. Melissa, die sofort begriff, welcher Tort Wilfred damit angetan war, wollte ihm ihr herzliches Bedauern aussprechen. Er aber hob die geballte Faust und drohte dem Schützen nach: »Den Schuß wirst du noch einmal bereuen, Ritter von Repgow!«

Sie erschrak vor dem Ausdruck grimmigen Hasses und wilder Rachgier in Wilfreds Zügen und hielt ihm zu seiner Besänftigung vor, daß es doch nicht des Ritters Absicht gewesen wäre, ausgesucht +diesen+ Fuchs, seinen zutraulichen Waldgesellen, zu töten, von dessen Zähmung Eike nichts wußte. Wilfred unterbrach sie jedoch schluchzend: »Meinen besten, einzigen Freund, den ich auf der Welt hatte!«

Seinen besten, einzigen Freund! wiederholte sich Melissa bitter und traurig. Und ich? bin ich ihm nichts? nicht einmal soviel wie der Fuchs ihm war? »Laß ihn von einem Jäger abbalgen,« sagte sie gutmütig. »Ich will dir den Pelzkragen anfertigen zum Andenken an deinen Liebling --« und an mich, hätte sie beinah hinzugefügt, verschluckte diesen heimlichen Wunsch jedoch. --

Mit dem bisher guten Verhältnis zwischen Eike und seinem Gehilfen war es nun vorbei. Wilfred sprach mit jenem fortan kein Wort mehr als er durchaus mußte, tat die ihm aufgebürdete Arbeit verdrossener denn je und wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, dem Mörder seines lieben Schlitzohrs einen recht bösen Possen spielen zu können.

Dem nun öfter, doch ohne jeglichen Erfolg die Wildbahn besuchenden Gelehrten fiel das veränderte Benehmen des Schreibers nicht auf. Ihm waren Kopf und Herz voll von seiner Arbeit und von seiner Liebe zu Gerlinde, deren gemessenes, aber stets fröhliches Wesen ihn wahrhaft beglückte. Da durfte auch er sich zwanglos geben, und weil er sich seinen Wirten jetzt mehr widmen konnte, dehnten sich die Mahlzeiten länger aus und wurden noch heiterer als bisher.

Einmal forderte ihn die Gräfin sogar zum Schachzabel auf, um, wie sie lachend sagte, die Niederlage wett zu machen, die er ihr einst beigebracht hatte. Eike ging gern auf den Vorschlag ein, und diesmal war er der Unaufmerksame, Zerstreute, denn er mußte fortwährend an das Spiel auf dem Altan denken, das Gerlinde, in ihrer leidenschaftlichen Erregtheit damals die Flucht ergreifend, kurzer Hand abgebrochen hatte. Heute war sie ruhig, durchkreuzte die Züge nicht wieder mit abschweifenden Fragen, nahm ihrem Gegner eine Hauptfigur nach der andern und setzte ihn binnen einer halben Stunde matt. Sie hatte ihm zeigen wollen, daß sie nicht nur Meister auf dem Schachbrett, sondern jetzt auch Meister ihrer Gefühle sei.

Graf Hoyer hatte sich, als die beiden das Spiel begannen, in seine Gemächer zurückgezogen, weil ihn das müßige Zuschauen nicht lockte und eine Unterhaltung dabei nicht möglich war. Ihn beschäftigte in dieser Zeit unausgesetzt Eikes allmählich der Vollendung entgegen reifendes Werk, und mit Bedauern sah er den Tag von weitem herankommen, wo der Unermüdliche sein ~Finis~ darunter schreiben und dann dem Falkenstein für immer Valet sagen würde. Trotzdem empfand er die reinste, innigste Freude über den baldigen Abschluß der großartigen Schöpfung und genoß schon im voraus den Triumph, ringsumher rühmen zu können: »Und das ist in meiner Burg, unter meinen Augen zustande gekommen!« --

Da traf eines Nachmittages unerwarteter Besuch ein. Es war Herr Engelhard, der Abt des Klosters Gröningen an der Bode unweit Halberstadt. Dieser pflegte jährlich einmal hier einzukehren, las Messe, hörte Beichte und ließ es sich in der Burg ein paar Tage wohl sein. Stets kam er in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, war auch heuer Anfang Mai schon hier gewesen, und sein nochmaliges Erscheinen im Spätherbst wunderte den Grafen und die Gräfin. Er war ein Mann in höheren Jahren, mit fast weißem Haar und klugen Äuglein im vollwangigen Antlitz, der vergnügt plaudern und scherzen konnte, alle kirchlichen Angelegenheiten aber sehr ernst nahm.

Mit dem Beweggrunde zu seiner zweiten Reise hierher rückte er vorläufig nicht heraus, und als sich Eike zum Abendessen im Speisesaal einstellte, war er keineswegs überrascht, schon einen Gast auf dem Falkenstein vorzufinden. Die beiden Herren wurden miteinander bekannt gemacht, wobei es Graf Hoyer indessen nicht für nötig hielt, den Hochwürdigen in der schwarzen Ordenstracht der Benediktiner mit dem goldenen Kreuz auf der Brust über den Grund der Anwesenheit seines jungen Freundes aufzuklären. Die gegenseitige Begrüßung war eine durchaus freundliche, und es entspann sich schnell ein lebhaftes Tischgespräch. Manchmal sah der Abt den Ritter sinnend und prüfend an, und zuweilen schien es, als wollte er ihm mit unverfänglichen, leicht hingeworfenen Fragen über seine Ansichten von weltlichen Dingen im allgemeinen ein wenig auf den Zahn fühlen. Zur Erörterung von Gegenständen, über die sich hätte streiten lassen, kam es jedoch nicht, und so verlief das Mahl von Anfang bis zu Ende einträchtig und frohmütig.

Am Vormittag schlug der Abt, nachdem er in der Kapelle die Messe gelesen hatte, der Gräfin bei dem schönen Herbstwetter einen Gang in den Wald vor, den sie nicht ablehnen konnte.

Unter den Bäumen, deren entlaubte Zweige den noch wärmenden Sonnenstrahlen freien Durchlaß gewährten, wandelten sie gemächlich dahin und unterhielten sich über den Sommer und die Ernte, die Familienverhältnisse der benachbarten Adelsgeschlechter und die Botmäßigkeit der Lehns- und Dienstleute. Hier anknüpfend brachte der geistliche Würdenträger die Rede auf Wilfred, dessen er sich als einstigen Zöglings der Gröninger Klosterschule erinnerte, und erkundigte sich nach dem gegenwärtigen sittlichen Verhalten des damals leichtfertigen Burschen.

Die Gräfin konnte nur gute Auskunft geben, denn es war kein Tadel über Wilfred verlautbart.

»Nun er zu seinen Jahren gekommen ist, wird er ja hoffentlich vernünftig werden,« sprach der Abt. »Was tut und treibt er denn hier auf dem Falkenstein?«

»Der Graf hat ihn nach seinen Vagantenirrfahrten wieder in Gnaden aufgenommen, und jetzt versieht er das Amt eines Schreibers bei Herrn von Repgow,« berichtete die Gräfin.

»Dann besorgt er also wohl die Niederschrift oder die Abschrift des neuen Gesetzbuches, das der Ritter hier ausarbeitet?«

»Ihr wißt davon?« erstaunte Gerlinde.

»Man hat gelegentlich dies und jenes davon gehört,« gab der Abt ausweichend zur Antwort. »Seid Ihr in den Geist und Inhalt einigermaßen eingeweiht, Frau Gräfin?«

»Gewiß! ziemlich genau sogar,« erwiderte Gerlinde.

»Darf ich fragen, was für ein Urteil Ihr Euch darüber gebildet habt?«

»Das denkbar günstigste, hochwürdiger Herr!«

»Ei, ei! und ist dieses Lob ohne jede Einschränkung?«

»Das Werk ist von der höchsten Bedeutung und zeugt von einer außerordentlichen Kenntnis unserer Rechtszustände, die Herr von Repgow für einer gründlichen Besserung sehr bedürftig erklärt. Es behandelt das Lehnrecht, das Land-, Stadt-, Hof-, Send- und Dingrecht, das Ehe- und Erbrecht, das Weichbildrecht und das Gewohnheitsrecht,« zählte Gerlinde der Reihe nach auf.

»Ihr habt das Kirchenrecht vergessen, Frau Gräfin,« betonte Herr Engelhard. »Sollte das in dem Elaborat des Ritters nicht die ihm gebührende Berücksichtigung finden?«

»Das Recht der Kirche und der ihr Geweihten fährt darin nicht so gut wie alle die anderen Rechte,« gestand Gerlinde.

»Das wäre doch sehr zu beklagen. Dann ist es wohl gar in einem ganz freidenkerischen Geiste geschrieben?« forschte der Benediktiner mit einem lauernden Blick.

»Ja, das läßt sich leider nicht leugnen,« gab Gerlinde unumwunden zu. »Das ist aber auch das einzige, woran ich Anstoß nehme.«

»Könnt Ihr auf den jungen Edeling, der mit seiner stattlichen Erscheinung viel eher in den Sattel und in den Harnisch als an den Schreibtisch des Gelehrten paßt, nicht einwirken, daß er Euch zu Liebe dieser verderblichen Richtung absagt und der Kirche gegenüber andere, ehrfürchtigere, wohlwollendere Saiten aufzieht? Ihr tätet damit ein gutes, Gott wohlgefälliges Werk,« sprach der Abt.

Mir zu Liebe? dachte Gerlinde betroffen. Was will er damit sagen? sollte er gemerkt haben, was es mit mir und Eike im geheimen für eine Bewandtnis hat?

»Nein, hochwürdiger Herr! ich habe keinen Einfluß auf den Ritter,« erwiderte sie. »Er ist in seinen Grundsätzen und in den Schlußfolgerungen seiner Wissenschaft so selbständig und unabirrbar fest, daß er Einrede und Widerspruch von einem Nichtfachmann und vollends von einer Frau nicht dulden würde.«

»Schade, sehr schade!« meinte der mit seiner Zumutung Abgewiesene, strich sich nachdenklich das glatte, runde Kinn und lenkte die Unterhaltung in andere Bahnen.

Er hatte aus der ihm bereitwillig Rede stehenden Schloßherrin alles herausgeholt, was sie ihm an wünschenswerten Nachrichten zu liefern vermochte, und hatte außerdem noch eine zweite Quelle zu seiner Verfügung, aus der er wahrscheinlich noch mehr ins einzelne Gehendes schöpfen konnte.

In die Burg zurückgekehrt machte die Gräfin ihrem Gemahl ausführliche Mitteilung von ihrem ernsten Gespräch mit dem Abte.

»Nun, da hast du ja mit deinen Offenbarungen und Fingerzeigen dem wißbegierigen Seelenhirten recht gründlich auf die Sprünge geholfen,« sagte der Graf mißbilligend.

»Das habe ich nicht getan,« beteuerte sie gekränkt. »Er fragte mich nach dem Gesetzbuch, dessen bald beendete Schöpfung ihm bekannt war.«

»Ihm bekannt war? Dann kommt das wieder von den verfluchten Quertreibereien des Aschariers her,« fuhr der Graf wütend auf. »Wenn ich doch dem Landstörzer, dem Dowald, an den Hals könnte! dem wollte ich die Hölle heiß machen.«

»Die Grafen von Blankenburg und Regenstein wußten doch auch schon davon, wie uns Eike sagte,« wandte Gerlinde ein.

»O die Grafen, das ist gut, aber die Pfaffen, das ist schlimm,« rief der Graf, »und ein echter, ausbündiger Pfaff mit seiner klug berechneten Geschmeidigkeit und salbungsvollen Verschmitztheit ist der Gröninger auch. Ja, wenn es den heuchlerischen Kuttenträgern in Wahrheit um den reinen, christlichen Glauben, um das Evangelium der Liebe zu tun wäre! aber das dient ihnen nur zum Deckmantel ihrer schändlichen Absichten. Unbeschränkte Macht, bedingsloser Einfluß nach oben und nach unten und zu diesen Zwecken die Knechtung alles Denkens und Fühlens im Volke ist es, was sie anstreben, und es zu erreichen ist ihnen kein Mittel zu schlecht. Hat er von dir verlangt, ihm zu beichten?«

»Nein.«

»Natürlich nicht!« lachte der Graf. »Das Beichtgeheimnis darf er nicht verraten, aber Geständnisse außerhalb des Beichtstuhles sind vogelfrei. Er ist ja doch nur dazu hergekommen, um hinterlistig das auszukundschaften und demnächst kanonisch auszubeuten, was du in deiner gottesfürchtigen Frömmigkeit die Güte hattest, ihm über Eikes Gesinnung anzuvertrauen.«

Die Gräfin war bestürzt und bereute, sich zum Abte so offenherzig ausgelassen zu haben.

Bei Tische zeigte sich der Benediktiner ganz anders gegen Eike als gestern abend, zwar höflich, aber kühl und zurückhaltend, und es gab eine etwas gedrückte Stimmung. Nur Graf und Gräfin durchschauten diesen Wechsel in seinem Benehmen; Eike ahnte nichts, denn seines Werkes wurde auch heute mittag mit keiner Silbe gedacht.

Nach dem Mahle, während Graf Hoyer der Ruhe pflegte, wollte Herr Engelhard seine zweite Erkenntnisquelle sprudeln lassen und beschied den ehemaligen Klosterschüler zu sich in sein Losament.

Da hatte die Stunde der Vergeltung für den getöteten Fuchs geschlagen, und zur Ausführung des Planes, den sich Wilfred seit der Ankunft des Abtes aufgebaut hatte, kam dieser ihm auf mehr als halbem Wege entgegen.

»Wilfred Bogner,« redete ihn der Prälat an, »ich denke, du weißt, daß du die sehr gelinde Bestrafung deines abscheulichen Pudelstreiches in Gröningen nur mir zu verdanken hast, nicht wahr?«

»Ja, das weiß ich und werde Euch Eure große Nachsicht mit meinem Leichtsinn nie vergessen, hochwürdigster Herr,« erwiderte Wilfred demütig.

»Gut! Du besorgst die Abschrift von dem Buche des Ritters von Repgow, mußt also über den Inhalt unterrichtet sein.«

»~Prorsus et perfecte~, hochwürdigster Herr!«

»Dann frage ich dich: in welcher Weise werden die kirchlichen Verhältnisse in diesen neuen Gesetzen behandelt?«

»In einer ganz unverantwortlichen Weise, hochwürdiger Herr!« erwiderte Wilfred ohne Zögern. »Die Rechte unserer heiligen Kirche und die der hochwürdigen Geistlichkeit werden über alle Maßen beschränkt und geschädigt, geradezu mit Füßen getreten.«

»Was du sagst! erkläre dich näher!«

»Zum Beispiel ist die Erbfähigkeit der Geistlichen einschließlich der Bischöfe und Äbte, sowie aller Klöster und Stifter gänzlich abgeschafft und in Zukunft null und nichtig.«

»Wilfred! das ist doch nicht möglich.«

»Hochwürdiger Herr, es steht schwarz auf weiß von meiner Hand geschrieben,« versicherte Wilfred.

»Ist dir die Abschrift zugänglich, so daß du mich Einsicht darin nehmen lassen könntest?«

»Ich habe sie oben in meinem Turmstübchen, aber hochwürdiger Herr, -- wenn Ihr mir die große Ehre erweisen wolltet, mich dort zu besuchen, oder wenn ich mit dem Aktenstoß zu Euch herunterkäme und es sähe jemand, so würde das sehr auffallen und einen unliebsamen Verdacht erregen,« stellte Wilfred dem Abte vor.

»Da hast du recht, aber ich möchte mich doch gern mit eigenen Augen von dem überzeugen, was du mir zu meinem Entsetzen aufgedeckt hast.«

»Wie wäre es denn, hochwürdiger Herr, wenn ich Euch kurze Auszüge von einigen der verwerflichsten Stellen des Buches machte, die Ihr einstecken und mitnehmen könntet?« erbot sich der schamlose Ränkeschmied.

»Ein vortrefflicher Vorschlag, Wilfred!« rief der Prälat frohlockend. »Ich müßte sie freilich bis morgen früh haben, weil ich dann abreisen will.«

»Heut abend noch, hochwürdiger Herr! aber wo und wie soll ich sie Euch ohne Zeugen einhändigen?«

»Hm! weißt du was?« flüsterte der Abt. »Wenn ich heut abend mit den gräflichen Herrschaften bei Tisch sitze, schleichst du dich hier ein und legst mir das Schriftstück in mein Bett unter den Pfühl zu Häupten. Verstehst du?«

»~Optime~, hochwürdiger Herr! so werd' ich's machen,« versprach Wilfred.

»Habe Dank, Wilfred!« schloß der Abt die Unterredung, dem schändlichen Zwischenträger die Hand reichend, »und wenn du einmal eine Bitte hast, die ich erfüllen kann, so wende dich an mich, sollst ein offenes Ohr bei mir finden.«

Wilfred ging ab und lachte sich draußen ins Fäustchen: »Das wird eine Wirkung tun, von der sich der gelehrte Ritter nichts träumen läßt, und damit wird mein armes Füchslein gerächt.« --

Abends war der geistliche Herr wieder in der heitersten Laune und unterhielt mit dem Vorbringen mancherlei drolliger Erlebnisse seine Tischgenossen aufs angenehmste.

Er konnte wohl aufgeräumt sein, hatte er doch zur Bekämpfung und Unterwerfung des unkirchlichen Freidenkers eine scharf geschliffene Waffe schon so gut wie in der Tasche.

Gräfin Gerlinde aber getröstete sich aus der besonderen Freundlichkeit, die er Eike erwies, der Hoffnung, daß er nichts Arges gegen diesen im Schilde führe.

Vor Aufhebung der Tafel kündigte er seine Absicht an, morgen wieder abzureiten, und da konnte sich Graf Hoyer doch nicht enthalten, ihn nach dem Zwecke seiner Herbstreise zu fragen.

Der Abt zog die Augenbrauen hoch und legte den Zeigefinger auf den gespitzten Mund. »~Secretum coenubii~, Herr Graf!« sagte er dann. »Ich hatte hier in der Gegend wichtiges zu ordnen und habe den kleinen Abstecher hierher nur gemacht, um Euch, meinen langjährigen Freund und Gönner, und Euer huldvolles Ehgemahl wiederzusehen.«

Der Graf lächelte nur zu dieser wohlfeilen Ausrede, die ihn in dem bestärkte, was er über den unzeitigen Besuch des Benediktiners zur Gräfin geäußert hatte.

Als sich der gefährliche Gast zur Ruhe begab, fand er unter seinem Kopfkissen versteckt die ihm von Wilfred verheißenen Beweisstücke, und seine Neugier war so groß, daß er sie beim Schein der Lampe sofort zu lesen begann. Es waren vielleicht acht oder zehn zusammenhanglose gesetzliche Bestimmungen, die seinen höchsten Unwillen erregten und ihn öfter zu heftigem Kopfschütteln und Ausrufen des Zornes brachten, bis er mit einem empörten »~Anathema esto!~« seine Prüfung abschloß. »Aber welche meisterliche Handschrift hat sich der nichtsnutzige Schlingel der Wilfred angeeignet!« murmelte er dann, »fast wie in unsern besten Brevieren; solchen Schönschreiber haben wir im Kloster nicht.« Bedächtig stieg er ins Bett und schlief den Schlaf des Gerechten.

Anderen Morgens kletterte er auf seinen gut genährten, alten Gaul, verabschiedete sich im Burghof von Hoyer und Eike und ritt von dannen.

Die beiden Zurückbleibenden gingen hinauf zur Gräfin und überbrachten ihr den Gruß und Segen des mit seiner erlisteten Beute vergnügt abziehenden Mönches.

»Eike, du hast da unten auf dem Burghof einem bösen Feinde von dir die Hand gedrückt,« sprach der Graf.

»Glaubt Ihr?«

»Ja! und ich habe triftige Gründe zu dieser Vermutung.

Er kennt den Geist deines Gesetzbuches und wird dir einen derben Strick daraus drehen.«

Daß Gerlinde dem Abt diese Erkenntnis vermittelt hatte, verschwieg er. Sie aber war sich dessen reumütig bewußt und ängstigte sich nun erst recht um das durch ihre Schuld bedrohte Schicksal Eikes und seines Buches.

»Auf Feinde muß ich gefaßt sein, Herr Graf,« erwiderte Eike. »Aber das soll mich nicht anfechten, und wenn sie mir mit Bann und Scheiterhaufen drohen, ich widerrufe nichts.«

»Nimm es nicht auf die leichte Achsel,« warnte der Graf. »Sie werden dir, wenn sie können, mit einem bösen ~judicium~ über den Hals kommen.«

»Ich fürchte mich nicht, Graf Hoyer, und werde mich meiner Haut zu wehren wissen,« gab ihm Eike zur Antwort. »Hab' ich doch den Kaiser auf meiner Seite,« fügte er vertrauensvoll hinzu.

»Auf die Hilfe des Kaisers poche nicht allzu kühn; der ist zu fern vom deutschen Reich, um entschieden für dich eintreten zu können. Aber du hast ja noch andere mächtige Freunde zu deinem Schutz, die dich nicht im Stich lassen werden, und vorläufig bist und bleibst du hier in Sicherheit und kommst so bald nicht von uns los.«

»Wenn mein Buch fertig ist, muß ich scheiden,« sprach Eike, hütete sich aber, Gerlinde dabei anzusehen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Graf Hoyer trug schwerer an den jüngst zu Gerlinde und Eike geäußerten Sorgen, als er die beiden wissen lassen wollte und überlegte, wie er den Folgen des Engelhardschen Besuches abwehrend begegnen könnte. War er auch gewöhnt, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, wollte er sich doch von keiner unvorbereitet überraschen lassen und traf seine Vorkehrungen, wenn er vermutete, daß und aus welcher Richtung ein Unheil gegen ihn heranzog. Dem Abte von Gröningen, dem Eikes Gesetzbuch, seit er nähere Kenntnis davon hatte, ein Dorn im Auge war, traute er nicht über den Weg und hielt ihn eines irgendwie ausführbaren Handstreiches, sich in den Besitz der schriftlichen Ausarbeitung zu setzen, für ebenso fähig wie willig. Deshalb beauftragte er den Wild- und Waffenmeister, dem Türmer und dem Torwart die größte Wachsamkeit einzuschärfen, daß sich nicht verdächtiges Gesindel in die Burg einschleiche.

»Wird nach Euren Befehlen geschehen, Herr Graf,« erwiderte der Wildmeister. »Goswig darf nicht schlafen; er soll die untere Spitze seines Spießes auf seinen Fuß und die obere unter sein Kinn stellen, damit er nicht einnickt.« --

Eike kamen solche Gedanken nicht in den Sinn, obschon es auch ihm unerwünscht war, daß die Klerisei von seiner Neugestaltung des deutschen Rechtswesens vorzeitig Kunde erhalten hatte und ihn nun mit allerhand anmaßlichen Einreden, Verwahrungen und Bestreitungen belästigen und in seiner noch unvollendeten Arbeit stören konnte. Die Angriffe von jener Seite her erwartete er erst dann, wenn sein Buch in die Welt hinausgegangen, im ganzen Reiche verbreitet und nichts mehr daran zu bessern, d. h. zu verderben war.

Dagegen drängten sich ihm Betrachtungen anderer Art auf und stellten ihn vor Fragen, die er sich nicht beantworten konnte.

Schon in den ersten Tagen nach der Abreise des kirchlichen Würdenträgers war es ihm aufgefallen, daß sich Gerlinde scheuer gegen ihn benahm und ihm mehr auswich als bisher. Wie sollte er sich das erklären?

Seit seiner Rückkehr von Reppechowe hatte sich ein so freundschaftlicher, herzlicher Verkehr zwischen ihnen herausgebildet, daß sie die frühere Zurückhaltung mehr und mehr abgestreift hatten, und nun war plötzlich eine Abkühlung bei Gerlinde eingetreten. Sollte auch hierbei der geistliche Herr seine Hand im Spiele haben? Hatte sie ihm Beichte abgelegt und ihm ihre Liebe gestanden, worauf er als Bedingung der Absolution von dieser Sünde die äußerste Beschränkung im Umgang mit ihm, mit Eike, über sie verhängt hatte? Gerade jetzt, nicht lange vor seinem Scheiden, empfand er den Wandel in ihrem Gebaren sehr schmerzlich, denn je näher die Trennung rückte, desto größer ward in ihm das Verlangen nach dem innigsten Einvernehmen mit ihr.

Die Ursache von Gerlindes scheuem Wesen sollte er jedoch bald auch ohne Nachforschung erfahren.

Melissa erschien bei ihm mit der Bestellung, die Frau Gräfin ließe Herrn von Repgow um eine Unterredung in ihrem Gemach bitten.

Das hatte sie noch niemals getan, da mußte etwas ganz Außerordentliches vorgefallen sein. Von Unruhe getrieben begab sich Eike zur Kemenate der Herrin.

»Ihr habt befohlen, Gräfin,« sprach er, als er eingetreten war.

»Befohlen, Eike! wie sollte ich Euch wohl jemals etwas befehlen!« entgegnete sie mit sanftem Vorwurf. »Euch etwas Schändliches abzubitten hab' ich.«

Verwundert über diese seltsame Einleitung schwieg er, des Kommenden gewärtig.

Gerlinde zauderte noch mit ihrem Schuldbekenntnis und stieß dann heftig hervor: »Ich habe Euch verraten, Eike!«

»Ihr mich verraten, Gerlinde?« erwiderte er nun erst recht betroffen, »das glaub' ich Euch nicht.«

»Ich habe dem Abte den Inhalt Eures Buches verraten, -- da habt Ihr's mit einem Worte.«

»Weiter nichts?« sagte er gelassen.

»Es bedeutet mehr und schlimmeres als Ihr denkt.«

»Habt Ihr ihm auch -- noch etwas Anderes gebeichtet?«