Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit
Part 15
Da küßte er noch einmal ihre Hände und sprach: »Ich danke Euch, Gerlinde! Kommt schnell zur Burg; der Graf erwartet uns, denn ich habe ihm gesagt, daß ich Euch im Walde suchen wollte.«
Er hob das Bündel vom Boden auf, um es ihr zu tragen. Dabei löste sich der zu leicht geschlungene Knoten, und die Tollkirschen fielen heraus.
Sofort erkannte Eike das todbringende Gift; ein fürchterlicher Verdacht packte ihn und wurde ihm zur Gewißheit, als er Gerlindes angststarrende Augen und ihre zuckenden Lippen sah.
Nun weiß er alles! war nach fassungsloser Verwirrung ihr erster greifbarer Gedanke, und eine Blutwelle schoß ihr bis zur Stirn hinauf.
Mit geschwinder Geistesgegenwart bezwang Eike seine gewaltige Erschütterung, und mit gemacht gleichmütigem Tone sprach er: »Ich möchte Euch warnen, Gerlinde, diese Pflanzen wie einen Blumenstrauß in Euer Zimmer zu stellen. Sie nehmen sich zwar äußerlich recht hübsch aus, verbreiten aber eine Ausdünstung um sich her, die heftiges Kopfweh erzeugt. Ihr erlaubt wohl, daß ich das Euch sicher nicht bekannte Unkraut beseitige.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte er die Tollkirschen mit dem Fuß ins Gebüsch und warf das Tuch hinterdrein.
Gerlinde sagte kein Wort, und eine Zeitlang gingen sie stumm nebeneinander dahin, denn keiner mochte dem andern offenbaren, was seine ganze Seele erfüllte. Eike hatte soeben mit Entsetzen erfahren, zu welchem verzweifelten Schritt Gerlinde in ihrem Liebesleid fähig war. Den Tod hatte sie sich seinetwegen geben wollen. Morgen wäre er zu spät gekommen und hätte sie nicht mehr lebend angetroffen. Sie hatte sich also die Ruhe völliger Entsagung noch nicht erkämpft. Würde ihr das bei seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluß vielleicht besser gelingen? Er hoffte es und beschloß, ihr mit kühler Besonnenheit dabei behilflich zu sein. Denn er sah ein, daß er es, ohne ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nicht wagen durfte, wieder von ihr zu scheiden, ehe nicht die Vollendung seines Werkes die wohlbegründete Veranlassung dazu gab.
Um das beklemmende Schweigen nicht noch länger andauern zu lassen, fing er an: »Ich bin im Burghof vom Grafen und von allen seinen Leuten sehr herzlich empfangen worden.«
»Hättet Ihr uns Eure Rückkehr vorher angemeldet, hätte ich bei Eurer Begrüßung wahrlich nicht gefehlt,« bedeutete ihn Gerlinde.
»Wie konnte ich denn? der Wildmeister hat mich doch wie ein Häscher überfallen und geholt,« entgegnete er lustig.
»Der Wildmeister hat Euch geholt?« fragte sie höchst erstaunt.
»Freilich! der Wildmeister mit dem Briefe des Grafen.«
»Der Graf hat Euch geschrieben?«
»Jawohl! wißt Ihr das nicht?«
»Nein!«
O weh! da hatte er etwas ausgeplaudert, was er nicht hätte verraten sollen; aber wie konnte er das ahnen!
Nicht freiwillig, nicht von seinem Herzen getrieben ist er zurückgekommen, sondern dazu überredet und gezwungen, dachte Gerlinde enttäuscht.
Ihre Niedergeschlagenheit bemerkend und verstehend suchte er seine Übereilung gutzumachen, indem er nicht sehr geschickt einlenkte: »Ich hätte den Abschnitt, den ich just unter der Feder hatte, gern erst noch fertig geschafft, was nur einen kurzen Aufschub erfordert hätte, aber der Wildmeister drängte so entschieden zur Eile, daß ich mitten im Kapitel abbrechen und alles zusammenpacken mußte, um gleich mit ihm zurückzureiten.«
Gerlinde war sich nun vollständig klar darüber, daß es Eike mit seiner gänzlichen Trennung von ihr auf Nimmerwiederkehr bitterer Ernst gewesen war, den er, wenn sie fortan nicht die größte Zurückhaltung bewahrte, noch einmal und dann unwiderruflich gegen sie anwenden würde. Sie war auch überzeugt, daß Eike nicht allein wußte, zu welchem Zwecke sie die Tollkirschen gesammelt hatte, sondern auch, daß sie sein heutiges Eintreffen auf dem Falkenstein einzig der Aufforderung des Grafen zuschrieb und an seine geplante Rückkehr ohne diese Aufforderung nicht glaubte.
So wußte jeder um das Geheimnis des anderen, aber beide schwiegen im Weiterwandern, denn die Gedanken hielten die Zungen gebunden.
Allmählich gelang es ihnen jedoch, den Bann von sich abzuschütteln und ein harmloses Gespräch mit einander zu führen, so daß sie in der Burg mit fast fröhlichen Gesichtern erschienen. --
Am Abendtische saßen die drei in alter Traulichkeit einmütig beisammen, und es war ihnen, als wäre Eike gar nicht von hier fort gewesen. Er mußte von dem Aufenthalt in seiner Heimat und besonders von der Förderung seiner Arbeit erzählen. Graf Hoyer war wieder mit allem Eifer bei der Sache und ebenso Gräfin Gerlinde, die mit den Männern stritt, scherzte und lachte. Hatte sie doch Eike wieder sich gegenüber, fing ihm die Worte vom Munde und las ihm aus den Augen, daß er sie doch noch liebte. Da versanken ihr die Erinnerungen an die qualvollen letzten Tage wie ein nächtlicher Spuk in das Nichts der Vergessenheit.
Im Lauf des Mahles beim herzerfreuenden Wein sagte Eike nach einer kleinen Stille: »Auf meinem Ritt nach Reppechowe habe ich eine ganz besondere Genugtuung gehabt.«
Graf und Gräfin blickten ihn erwartungsvoll an.
»Wieder einen geflügelten Gruß von Eurem erhabenen Beschützer Kaiser Friedrich?« fragte Gerlinde schalkhaft.
»Nein, so hoch hinaus nicht, aber etwas Ähnliches. Bald nachdem Ihr, Herr Graf, von mir abgeschwenkt waret, traf ich mit den Grafen Johann von Blankenburg und Günter von Regenstein zusammen. Sie kamen selbander von einem Gastmahl beim Fürsten Heinrich von Anhalt und hatten dort von meinem Gesetzbuch gehört. Der Fürst, bei dem ich, wie Ihr wißt, eine Zeitlang als Knappe in Kriegsdiensten stand und der mich zum Ritter geschlagen, hatte sich vor allen seinen Gästen über mich und mein Bestreben, Rechtseinheit zu schaffen, das ganz und gar in seinem Sinne wäre, außerordentlich günstig geäußert und mir den besten Erfolg gewünscht, zu dem er alles, was er könnte, gern beitragen wollte. Graf Burkhard von Mansfeld hatte ihn auf einem Jagdausfluge eingeweiht und ihm eine warme Teilnahme an meinem Unternehmen eingeflößt.«
»Der wackere Mensch! aber das war von ihm zu erwarten,« warf Graf Hoyer dazwischen.
»Ich konnte mit den beiden Grafen eine gute Strecke Weges reiten, und da nahm ich die Gelegenheit wahr, mit den Herren mancherlei Gerechtsame ausführlich zu besprechen.«
»Sehr gut, ausgezeichnet, Eike!« rief Graf Hoyer. »Der Blankenburger und der Regensteiner und die übrigen, die mit bei dem Gastmahl gewesen sind, werden das dort Vernommene nun noch weiter herumbringen, und du wirst dir, ehe du deine Schrift fertig hast, schon eine Menge Anhänger und Freunde im Lande erobert haben.«
»Jaja, aber an Gegnern wird es mir auch nicht fehlen,« wandte Eike ein. »Neben dem Grafen von Regenstein hatte ein ritterlicher Lehnsmann des Fürsten aus dem Hasgau gesessen, und der war anderer Meinung gewesen. Er hatte aus dem Munde -- nun, wessen wohl?«
»Dowalds von Ascharien?«
»Dowalds von Ascharien scharf absprechende Urteile gehört und sie dem Grafen Günter hinterbracht, ohne indessen bei diesem ein geneigtes Ohr zu finden.«
»Der alte Esel, der Ascharier, der es uns nie verzeihen wird, daß wir ihm damals so schnell heimgeleuchtet haben, wird mit seinen hirnverbrannten, nur von schnödem Eigennutz eingegebenen Anschauungen von Gerechtigkeit und Billigkeit nirgend Gehör finden,« brauste Graf Hoyer auf.
»Er soll mir nur noch einmal auf den Falkenstein kommen! da werde ich einen rascheren Kehraus mit ihm machen als ihr es getan habt,« drohte Gräfin Gerlinde in flammender Entrüstung.
»Allen Dank für Euer huldvolles Fürnehmen, Frau Gräfin!« lachte Eike. »Aber der gekränkte Ehrenmann wird auf seinen rastlosen Stegreiffahrten solche hämischen Anzettelungen überall unter denen ausstreuen, die einen Strang mit ihm ziehen, wird sie gegen mich aufhetzen und mir Feinde werben.«
»Die schlagen wir aus dem Felde,« tröstete ihn der Graf. »Es ist von großem Werte, daß meine lieben Waffenbrüder, die Harzgrafen, jetzt schon Kenntnis von deinen Bestrebungen erhalten. Von ihnen und ihrer Gefolgschaft verbreitet wird die Kunde vom Aufkommen einer neuen Rechtsordnung immer weitere Kreise ziehen und allerwegen freudig begrüßt werden, denn das Verlangen danach ist im ganzen Volke vorhanden. Heilo, Eike! stoß' an, -- unser Sachsenrecht!«
Drei Becher klangen aneinander, und sechs Augen blitzten sich an in hochfliegender Hoffnung. --
Als Gerlinde zu später Nachtstunde ihre Gemächer betrat, nickte sie mit einem glücklichen Lächeln ihrer Harfe zu und flüsterte: »Du! wir bleiben noch zusammen, und morgen singen wir wieder.«
Einundzwanzigstes Kapitel.
»Ach, war das eine Nacht voll Schlaf! und ich lebe noch, sehe die Sonne und den blauen Himmel, und Er ist wieder da, nur durch ein paar Wände von mir getrennt. Heilige Mutter Gottes, ich danke dir!«
Mit diesem ihr aus voller Brust kommenden Ausruf reckte und streckte Gerlinde morgens beim Erwachen behaglich die ausgeruhten Glieder, blieb aber noch auf dem schwellenden Lager und fragte sich, Vergangenes und Künftiges bedenkend, wie es nun mit ihr und Eike hier werden sollte. -- Alles so, wie es gewesen war, nur in einem Punkte anders. Von jetzt an wollte sie sich schweigend mit dem Besitz seiner Liebe begnügen und ihn in der heimlichsten Kammer ihres Herzens bewahren wie einen güldenen Hort, den ihr keine Macht der Erde rauben oder verleiden sollte.
Sie überlegte nicht im einzelnen, wie sie ihr Benehmen gegen Eike einrichten wollte, denn das würde sich in den Bahnen, die sie sich unabweichbar vorgeschrieben hatte, von selber ergeben. Auch das Alleinsein mit ihm scheute sie nicht, wünschte es vielmehr herbei, um ihm zeigen zu können, daß er keine Torheit, keinen überschäumenden Gefühlserguß mehr von ihr zu befürchten hatte.
So in ihrem Innern gefestigt, erhob sie sich und sah dem aufsteigenden Tage mutig entgegen. --
Beim Frühmahl tauschten Graf und Gräfin ihre Wahrnehmungen über Eikes Aussehen aus, das sie nicht rühmen konnten, denn beiden war er bleich und abgearbeitet erschienen. Der Graf sagte: »Er will nun öfter einmal pirschen gehen, und das wird ihm gut tun. Ob er ein trefflicher Schütz ist, weiß ich nicht und traue ihm in dieser Beziehung nicht viel zu; soll mich wundern, ob er Haar oder Feder heimbringen wird. Das schleichende und streichende Raubzeug wird wohl vor seinen Bolzen sicher sein.«
»Er wird zur Ausübung des Weidwerks wenig Zeit und Gelegenheit gehabt haben,« meinte Gerlinde. »Der Wildmeister sollte ihn füglich dazu anlernen.«
»O der wird gern dazu bereit sein,« erwiderte der Graf.
Sie hatte des Wildmeisters erwähnt in der Erwartung, daß der Graf nun dessen Sendung zu Eike mit dem Briefe zur Sprache bringen würde; das geschah indessen nicht. Warum wohl nicht? dachte Gerlinde. Sie wollte nicht davon anfangen, daß ihr Eike Mitteilung von dieser Botschaft gemacht hatte, ohne die er gestern nicht wiedergekommen und sie heute nicht mehr am Leben wäre. Das konnte sie ihrem Gatten freilich nicht sagen, denn er durfte niemals erfahren, aus welcher furchtbaren Not und Verzweiflung er durch sein Eingreifen ahnungslos zu ihrem Retter geworden war. Aber das war wohl Gottes Wille gewesen, der mit seiner unerforschlichen Weisheit ihr Schicksal so wunderbar gelenkt hatte. Von diesem Glauben durchdrungen und gehoben vermochte sie jetzt nicht von anderen, gleichgültigen Dingen zu reden, stand deshalb auf und begab sich in ihr Zimmer.
Ihre Seele war des Dankes so voll gegen den Allbarmherzigen, daß sie die Harfe nahm und mit halblauter Stimme sang:
Könnt' ich mit Engelszunge singen, Ein Cherub in dem großen Heer Der Himmlischen mit Schwert und Schwingen, Im Halleluja sollte klingen Mein Saitenspiel zu Gottes Ehr.
Er hielt mich, als ich fast verloren, Mit seiner gnadenreichen Hand, Und die ich mir den Tod erkoren, Ich atme nun wie neugeboren, Als schaut' ich das gelobte Land.
Mit Freundes Arm umfangt mich wieder Des Daseins holde Wirklichkeit, Und sanft, wie mit des Schwans Gefieder Senkt Ruh und Friede sich hernieder In meine Brust, von Schuld befreit.
Still will ich in des Lichtes Glanze Einhergehn mit ergebnem Sinn Und bei der Horen schnellem Tanze Gleichwie geschmückt mit grünem Kranze Ausblicken zu den Sternen hin.
Sie hatte das Lied stehend gesungen, setzte sich nun auf das Spannbett und verharrte, wie durch ein dargebrachtes Opfer entsündigt, eine Weile regungslos. Dann gingen ihre Gedanken andere Wege. Der gewaltige Umschwung in ihrer Lage von gestern auf heute warf ihr eine Fülle von Glück in den Schoß, und auch diesen Empfindungen mußte sie Worte und Töne leihen. Erregter, schwärmerischer als das erste erklang das zweite Lied:
Ich hab' es getragen und standhaft verhehlt, Behutsam im Tiefsten verborgen, Was mir wie leuchtende Sonne gefehlt Am wolkenverschleierten Morgen. Doch nun ist die Not und das Bangen vorbei, Nun sing' ich und jubele Tandaradei!
Es ist mir, als käme der Frühling gebraust Mit Stürmen, mit Wachsen und Werden, Die Hölle hat mir in der Seele gehaust, Jetzt hab' ich den Himmel auf Erden. Die Welt hat verwandelt sich wohl über Nacht, Sie schimmert und glänzt mir in zaubrischer Pracht.
Ihn habe ich wieder, den heiß ich ersehnt Bei jeglichem Herzensschlage, Mit übermenschlichem Glücke belehnt Erfreu' ich mich nun meiner Tage, Denn er, der mir alle die Seligkeit gibt, Mein ist er und bleibt er, dieweil er mich liebt.
Damit hatte sie das, was sie am mächtigsten bewegte, laut und lustig wie Lerchengeschmetter hervorgewirbelt und streckte sich nun zufriedenen Herzens auf der Ruhebank aus.
Der, dem dieser Überschwang der Gefühle gegolten hatte, Eike von Repgow, saß wieder auf seinem alten Platz und war fleißig an der Arbeit. Er hatte diese Nacht, ehe er einschlief, die gestrigen Ereignisse noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen lassen und war nach reiflichem Nachdenken zu der Überzeugung gelangt, daß die Gefahr für Gerlindes Leben nach seiner Rückkehr verschwunden war und sie den Tod nicht noch einmal suchen würde, auch dann nicht, wenn er eines, nicht mehr allzufernen Tages auf eine unberechenbar lange Zeit von ihr Abschied nehmen mußte.
Diese Zuversicht schöpfte er hauptsächlich aus seiner Beobachtung ihres teils ruhigen, teils sehr heiteren Gebarens gestern abend bei Tisch, das nicht die leiseste Nachwirkung ihres düsteren Vorhabens verraten hatte. Darum hoffte er auch, daß sie sich nunmehr in ihrem Verkehr miteinander als ebenso maßvoll und willensstark erweisen würde wie er.
Seine Liebe gab der ihrigen nichts nach, nur daß er sie zu zügeln wußte, so unsäglich schwer ihm dies auch manchmal wurde. Ihm wollte das Herz überwallen und auf die Zunge springen, wenn er ihre schöne, schlanke Gestalt vor sich hatte, ihr in die dunklen Augen sah und ihrer klang- und seelenvollen Stimme lauschte. Dann kostete es ihn die größte Überwindung, sie nicht rasch in die Arme zu schließen und fest an seine Brust zu drücken. Doch er wollte seinem Vorsatz, bei der bisher geübten Zurückhaltung zu beharren, bis zur letzten Stunde seines Hierseins treu bleiben, und die Vertiefung in seine Arbeit sollte ihm sicheren Schutz gewähren gegen aufrührerische Gedanken und begehrliche Wünsche.
Er arbeitete jetzt stets allein, wie er es in Reppechowe gemußt und dadurch sich angewöhnt hatte. Wilfred ließ er oben in seinem Turmstübchen Abschriften machen, und weil der jetzt fleißige und flinke Gehilfe damit gut vorwärts kam, ließ er ihn von dem bereits Erledigten noch eine zweite Abschrift anfertigen.
Da begegnete ihm eines Morgens etwas ganz Merkwürdiges. Es klopfte an der Tür, und auf sein Herein! traten Wilfred und Melissa zu ihm ins Gemach, wo jeder dem andern überließ, zuerst das Wort zu ergreifen.
Erstaunt fragte Eike: »Nun? was habt ihr zwei auf dem Herzen? ihr seht mir aus, als hättet ihr euch gezankt und ich sollte einen Sühneversuch mit euch anstellen; redet!«
Mit einer Schüchternheit, die ihrem hübschen Gesicht höchst anmutig stand, begann Melissa: »Es ist so, wie Ihr sagt, Herr von Repgow. Wir wollten Euch züchtig und bescheiden bitten, als Rechtsgelehrter einen Streit zwischen uns zu schlichten, in dem wir uns nicht einigen können.«
»Da bin ich aber neugierig,« versetzte Eike. »Trage mir euren Handel vor, Melissa! ich werde, wenn ich das Urteil finde, den Spruch fällen.«
»Es geht um eine Wette,« berichtete sie. »Wir haben gewettet, ob Ihr von Reppechowe nach dem Falkenstein zurückkehren würdet oder nicht. Fred schwur Stein und Bein, Ihr kämet nicht wieder, ich dagegen hielt Euch die Stange und behauptete, Ihr kämet wieder, und nun seid Ihr da, und ich habe die Wette gewonnen.«
»Das ist klar wie die Sonne, du hast die Wette gewonnen, Melissa,« bestätigte Eike. »Will Fred etwa die Buße nicht zahlen?«
»Gewiß will ich sie zahlen,« fiel Wilfred ein, »aber Melissa will sie nicht nehmen.«
»Will sie nicht nehmen? ach! -- Wie hoch beläuft sich der Preis? um was habt ihr gewettet?«
Da wollte keiner mit der Sprache heraus.
»Melissa, ihr habt mich als Schiedsrichter angerufen, und ich bin ein schöffenbarer Mann, dem du die Wahrheit sagen mußt, denn ich kann dir den Eid staben, wenn ich will,« vermahnte sie Eike. »Um was habt ihr gewettet?«
»Um -- um sieben Küsse,« flüsterte sie errötend.
»Um sieben Küsse?« lachte Eike hell auf und schnellte vom Sitz empor. »Eine Wette um sieben Küsse! etwas Närrischeres gibt's doch in der Welt nicht, und das hab' ich auch noch nicht erlebt, daß der Schuldner seine Schuld bezahlen und der Gläubiger sie nicht nehmen will.«
»Habt Ihr darüber nichts in Eurem Rechtsbuch, Herr Ritter?« fragte Melissa.
»Bis jetzt noch nicht,« lachte Eike wieder. »Aber das könnte allerdings ein feines Stückchen werden, ein Kapitel über das Kußrecht; das fehlt noch zwischen all den anderen Rechten. Hast du schon einmal von dem großen Minnesänger Walter von der Vogelweide gehört, Melissa?«
»Ei ja! Unter der Linden auf der Heide --«
»Richtig! so fängt eins seiner schönsten Lieder an. Er sagt auch: Küsse sind der Minne Rosen. Und ein anderer, genannt der tugendhafte Schreiber, singt: Minne ist Mannes Mund an Weibes Munde.«
Melissa schlug hold verschämt die Augen nieder und schielte dann verstohlen zu Wilfred hin.
»Dichter sind kluge Leute und kennen sich in den höchsten und süßesten Freuden des Herzens gründlich aus,« fügte Eike hinzu. »Warum willst du dir denn die Küsse von Wilfred nicht gefallen lassen?«
»Weil er mich geärgert hat,« stieß sie störrisch hervor. »Luitgard, die heimtückische Müllerstochter, steckt dahinter, doch das gehört nicht hierher.«
»Nein, das geht mich nichts an,« stimmte Eike zu. »Aber jeder von euch hat hier sowohl ein Recht wie eine Pflicht, und denen muß Genüge geschehen. Wilfred hat die Pflicht, die Buße für die verlorene Wette bar und blank zu erlegen, und das Recht, zu verlangen, daß du sie von ihm annimmst, es sei denn, daß ihr einen Vergleich schlösset, der euch über das eine und das andere hinweg hilft. Wie steht es damit?«
»Ich bin bereit dazu und will mich mit der Hälfte zufrieden geben,« erklärte Wilfred.
»Das soll heißen: Du wünschest, daß dir Melissa die Hälfte deiner Schuld erläßt, -- in Ansehung des Objektes ein sonderbarer Wunsch.«
»Die ganze erlasse ich ihm, verzichte auf alles,« rief Melissa ziemlich erregt.
»Das darfst du nicht, ich will durch Annahme der Buße von meiner Schuld befreit werden,« begehrte Wilfred auf.
»Wenn dich die Schuld drückt, geh doch wieder zu Luitgard, die erlöst dich gern davon,« höhnte Melissa.
»Mit der hab' ich nicht gewettet,« entgegnete Wilfred brummig. »Auf weniger als die Hälfte lasse ich mich nicht herunterdrücken, und wenn mir mein Recht nicht freiwillig gewährt wird, so nehme ich's mir.« Dabei machte er eine Bewegung gegen Melissa, als wollte er sie überfallen, so daß sie erschrocken einen Schritt von ihm zurückwich.
»Halt!« lachte Eike, »das verbiet' ich, das wäre Mundraub im wörtlichsten Sinne, und der ist strafbar. Übrigens, wie denkt ihr euch denn die Teilung der Buße in zwei Hälften? Die Hälfte von sieben Küssen sind drei und ein halber. Worin sich aber ein halber Kuß von einem ganzen unterscheiden soll, kann ich mir nicht vorstellen, mit einem halben wüßte ich, weder als Schöffe auf dem Stuhl noch als Mensch im Leben etwas anzufangen.«
So eine verwünschte Wette! woher mag der Windhund, der Wilfred, die Witterung haben, daß ich nicht wiederkommen wollte? dachte er, fand aber den Schlüssel zu diesem Geheimnis nicht.
Dann hub er wieder an: »Ja, wenn es sich um gemünztes Geld handelte! Den Hof- und Pachtzins oder den Zehnten kann man dem Zinsherrn auf die Schwelle legen, an den Zaun oder an die Türklinke binden, daß er ihn dort findet, steht in meinem Gesetzbuch. Aber beim Küssen ist diese Art von Schuldentilgung nicht anwendbar. Ein ganz verzwickter ~casus~! -- ~non liquet, non liquet!~« murrte er und rannte, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer hin und her.
»Ihr seid doch nun einmal Rechtsgelehrter, Herr Ritter, und müßt unseren Streit zum Austrag bringen können,« erinnerte ihn Melissa.
Da blieb er vor ihnen stehen und sagte entschlossen: »Ja! will ich auch. Und wenn ihr mit eurer Sache zur höchsten Dingstatt unter Königsbann ginget, würdet ihr auch keinen anderen Spruch erhalten als den, den ich euch jetzt verkündigen werde. Also höret, wie von Rechts wegen erkannt wird. Du, Wilfred, hast die Wette verloren und mußt die Buße unweigerlich zahlen. Du, Melissa, hast die Wette gewonnen, kannst die Zahlung fordern, mußt sie aber auch ebenso unweigerlich einstecken. Von Teilung kann keine Rede sein, sieben Küsse habt ihr euch zu versetzen, keinen mehr und keinen weniger, dabei bleibt es. Wenn binnen heut und drei Tagen das gesprochene Recht ~in optima forma~ erfüllt ist, dann ist die Sache damit abgetan und erledigt. Wenn aber nicht, dann kann der Unbefriedigte wieder hier vor meinen Stuhl kommen und gegen den Widerspenstigen das Gerüfte schreien, das heißt die Klage erheben und dann auch die Zwangsvollstreckung beantragen. Fürsprecher, Bürgen und Eideshelfer braucht ihr nicht, denn ihr seid beide eures Paktes geständig. Geht! ~actum est.~«
»Wir bedanken uns schön für den gnädigen und weisen Spruch, Herr Ritter,« sagte Wilfred vergnügt mit einer tiefen Verbeugung.
»Mit dir wette ich in meinem Leben nicht wieder,« schmollte Melissa, als sie mit Wilfred hinaus ging.
Eike blickte ihnen kopfschüttelnd nach und lachte, sich selbst verspottend: »Und das nennst du Urteil finden, schöffenbarer Mann?« --
Draußen auf dem einsamen Flur sprach Wilfred: »Der Ritter hat zu meinen Gunsten entschieden, Melissa. Nun will ich dir auch sagen, daß ich gar nicht in der Talmühle gewesen bin; nicht von Luitgard, sondern von meinem lieben Füchslein kam ich, als du mich neulich im Walde sahest.«
»Ist das wahr?« fragte sie, halb noch zweifelnd, halb in zitternder Freude.
»Ich schwöre es dir bei deinem seidenweichen Blondhaar, deinen liebestrahlenden Augen und deinem purpurroten Munde. Glaubst du's nun?«
»Ja!« jauchzte sie auf und umschlang ihn mit beiden Armen.
Da küßte er sie, bis ihr der Atem verging.
»Hör' auf!« keuchte sie, »jetzt sind es schon zehn.«
»Macht nichts, zehn ist auch eine heilige Zahl. Denk' an die zehn Gebote, und in keinem heißt es: Du sollst nicht küssen.«
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Zwietracht zwischen Wilfred und Melissa war durch seine Versicherung, daß er gar nicht in der Talmühle gewesen wäre, vollständig gehoben, und nach dem endgültigen Austrag ihrer Wette waltete wieder Friede und Freundschaft zwischen ihnen. Auf Melissas Frage, warum er das nicht vor Anrufung des Ritters gesagt hätte, erwiderte er, es hätte ihm Spaß gemacht, sich an ihrer Eifersucht zu weiden, worauf sie ihn einen abgefeimten Bösewicht schalt.