Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Part 14

Chapter 143,727 wordsPublic domain

»Gut! dann sattle nach der Morgensuppe. In vier, spätestens fünf Tagen erwarte ich dich mit dem Ritter zurück. Den Brief werde ich dir heute noch hier in meinem Zimmer einhändigen, ehe du zum Abendtrunk in die Dirnitz gehst.«

»Es wird alles so geschehen, wie Ihr befehlt, Herr Graf,« sprach der Wildmeister, verneigte sich ehrerbietig und trat ab.

Abends stellte er sich wieder ein und nahm den Brief in Empfang, der folgendermaßen lautete:

Eike von Repgow!

Wo bleibst Du? warum kommst Du nicht wieder? was soll ich davon denken? Du fehlst uns, mir und der Gräfin, an allen Ecken und Enden, und wir wollen Dich wiederhaben. Wahrscheinlich hast Du Dich dort in die gefundenen Schriften verbissen und vergißt uns darüber statt mit ihnen zu uns zurückzukehren und hier weiter zu arbeiten. Du hast Dein Buch manchmal +unser+ Buch genannt, und nun willst Du mich der größten, der einzigen Freude meiner letzten paar Jahre berauben, daran teilzunehmen? Das darfst Du mir nicht antun, Eike! Ich beschwöre Dich: komm wieder! Der Wildmeister hat gemessenen Befehl, Dich uns zurückzubringen, und wir lassen ihn nicht über die Zugbrücke ohne Dich. ~Dixi.~ Auf Wiedersehen, mein Eike!

Hoyer von Falkenstein.

Am andern Morgen ritt der mit so dringender Botschaft Betraute in seinem besten Jagdkoller, Weidmesser an der Hüfte, von der Burg ab. Am Tore fragte ihn Goswig: »Wo hinaus hoch zu Rosse?«

»Ins Thüringerland zum Brautlauf,« gab ihm der im Sattel zur Antwort. »Hab' da noch eine Feinsliebste sitzen; die will ich heimführen.«

»Da wird's aber Zeit mit dem Kränzlein,« lachte Goswig. »Wird wohl schon eine recht ehrwürdige Jungfrau sein, oder ist's eine gut erhaltene Wittib mit einem erklecklichen Sparpfennig zu unterst in der Truhe?«

»Wart' es ab, alter Kettenhund, und belle sie nicht an, wenn ich mit ihr meinen Einzug halte,« erwiderte der Weidmann.

»Na dann Heil und Segen zum fröhlichen Beilager, du übermütiger alter Hagestolz!« rief ihm der Torhüter nach.

Neunzehntes Kapitel.

Trägen Ganges glitten inhaltleere Tage am Falkenstein vorüber; keiner brachte den entflohenen Gast zurück, aber jeder belud das Herz der Gräfin mit schwererem Leid. Nirgend hatte sie Ruhe, durchirrte die Treppen und Flure des Schlosses, horchte auf jedes Geräusch draußen, auf jeden Hufschlag im Burghof, und jeden ihr zufällig Begegnenden, Mann wie Magd, sah sie erwartungsvoll an, ob er ihr nicht melden wollte: der Ritter von Repgow ist wieder da. Auch von ihm selber kam keine Botschaft, keine Entschuldigung seines langen Fernbleibens; er hatte die hier um ihn Trauernde vergessen.

Ihr Andenken aus seiner Seele verbannt, ihre Liebe von ihm verschmäht, ihr ganzes Dasein vor ihm versunken wie ein in bodenlose Tiefe geschleuderter Stein, das war mehr als Gerlinde zu tragen vermochte.

»Gott im Himmel, gib ihn mir wieder!« betete sie mit gerungenen Händen. »Ich gelobe, mich seinen strengsten Befehlen zu unterwerfen; kein Wort, kein Blick und kein Seufzer soll ihm fürderhin etwas von der verzehrenden Glut ungestillter Sehnsucht verraten, an der ich ohne ihn elend zugrunde gehe.«

Ach, sie wußte wohl, daß Gebet und Gelübde umsonst waren; ihr blieb kein Schimmer von Hoffnung auf sein Wiederkommen.

Schon mehrmals hatte sich ihr in der Abenddämmerung ihres einsamen Zimmers ein aus dem Dunkel heranschleichendes Gespenst genaht, dessen Geisterhauch sie mit kaltem Schauder spürte. Anfangs hatte sie die Kraft besessen, den Dämon mit frommer Entrüstung von sich zu weisen, doch er kehrte wieder, wich und wankte nicht und hängte sich an sie wie ihr Schatten. Sie gewöhnte sich an ihn, befreundete sich mit ihm, und bald erschien er ihr nicht mehr als Dämon, sondern als ein Erlöser aus folternden Qualen. Es war der Gedanke, aus dem Leben zu scheiden, da Eike von ihr geschieden war, und endlich reifte der Plan zum Entschluß, über dessen Ausführung in einer unentdeckbaren Weise sie nun ernstlich nachsann.

Ein Dolchstoß ins Herz würde sich als eigene Tat offenbaren und schonungslose Fragen nach dem Beweggrunde zur Folge haben. Es gab steil abfallende Felsen hier in der Umgegend, und ein Fehltritt würde den Absturz erklären, aber das war ihr nicht sicher genug; dabei könnte sie sich, statt die Vernichtung zu finden, vielleicht nur eine mäßige Verletzung zuziehen, mit der ihr nicht gedient war. Sie dachte an die ägyptische Königin Kleopatra, die sich eine Schlange an den Busen setzte, aber die Schlangen waren ihr ein zu widerwärtiges Gezücht, und es gab ja noch andere Gifte als Schlangengift. Ha! jetzt hatte sies.

Großmutter Suffie, die das Gras wachsen hörte, die Sprache der Vögel verstand, die Säfte aller Pflanzen kannte und damit Menschen gesund und krank machen konnte, die sollte ihr raten und helfen. Ohne Säumen trat sie den Weg zur Talmühle an. --

Die Gräfin und die uralte Müllerin waren seit Jahren schon gute Nachbarn und Gefreunde. Gerlinde hatte die in vielen Dingen Wohlbewanderte öfter besucht, sich an ihrer abergläubischen Spruchweisheit ergötzt und ihre nützlichen Winke über Landesbrauch und Gewohnheit, Hausarzneien und Heilmittel nicht zu ihrem Schaden befolgt. Suffie hatte ihr immer willig des langen und breiten Auskunft gegeben, und zu diesen Unterredungen ließen sämtliche Beutlings nach ehrfürchtiger Begrüßung der Herrin die zwei stets unter sich allein in der Stube.

Suffies faltenreiches Gesicht glänzte in Freuden auf beim Erscheinen der Gräfin, und kaum daß diese Platz genommen hatte, wurde sie von der Geschwätzigen mit einem Schwall von Fragen überschüttet, wie sie den Sommer verlebt, ob sie fleißig gestickt, täglich Harfe gespielt und gesungen und was sie sonst noch getan und getrieben, da sie sich seit undenklicher Zeit nicht in der Mühle hätte blicken lassen. »Freilich,« fügte sie, ohne auf die Antwort zu hören, hinzu, »Ihr habt einen Gast im Schlosse, einen vornehmen, jungen Ritter, der Euch geflissentlich mit minniger Kortasie aufwarten wird. Da ist es nicht zu verlangen, daß Ihr Euch auf eine alte, verschrumpelte Unke besinnt wie ich bin.«

»Unkenhaft schaut Ihr nicht aus, Großmutter,« versicherte die Gräfin. »Schon das lustige Gefunkel Eurer Augen straft Eure Worte Lügen.«

»Die Augen, ja, die tun noch allweg ihren Dienst,« versetzte Suffie. »Ich erkenne noch genau, wohin die Wetterfahne oben auf Eurem Dache zeigt.«

Auch vom Grafen Hoyer, von Wilfred, von Melissa und noch mehreren ihres Hofstaates mußte Gerlinde erzählen, denn die neuigkeitsüchtige Alte wollte über alle Burgbewohner auf dem laufenden erhalten sein.

Die Gräfin saß wie auf Kohlen vor Ungeduld, die eigenartige Veranlassung ihres Besuches anbringen zu können. Endlich gelang ihr dies. »Großmutter Suffie,« begann sie mit erregt hastender Stimme, »ich komme, Euch einmal wieder um einen guten Rat zu bitten. Ihr wißt ja mit allerlei Ziefer und Zauber Bescheid; nun sagt mir, wie wir uns der abscheulichen Ratten erwehren sollen, die auf dem Falkenstein in erschreckender Weise überhand nehmen. In die aufgestellten Fallen gehen sie nicht mehr, und die Hunde werden auch nicht Herr über die entsetzliche Plage. Was sollen wir dagegen tun?«

»Da müßt Ihr den Biestern Gift legen, gnädigste Frau Gräfin!« erklärte Suffie ohne Bedenken.

»Ja, Gift, -- das wird schwer zu haben sein,« meinte die Burgfrau vorsichtig, Suffies Anerbieten erwartend, es ihr beschaffen zu wollen.

»Nichts leichter als das!« lachte die Alte. »Tollkirsche ist das Beste, zu dem ich Euch raten kann; das räumt im Umsehen unter dem garstigen Viehzeug auf, denn es wächst nichts Giftigeres im ganzen Gebirge.«

»Wächst es auch hier?« fragte Gerlinde begierig.

»Am Heidenquell wuchert es, Frau Gräfin! Kennt Ihr den?«

Am Heidenquell! wie ihr der Name ins Herz griff! »Ob ich ihn kenne, Großmutter Suffie!« sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln. »Ihr selber habt mich ja einst zu dem der Frau Holle geweihten wundertätigen Born hingewiesen.«

»Hab' ich? ach ja, ich erinnere mich,« bestätigte die alte Heidin. »Wenn man über die neunzig Jahre hinauskommt, wird das Gedächtnis immer schwächer; das werdet Ihr an Euch auch noch einmal erfahren, liebe, junge Gräfin. Wie alt seid Ihr denn?«

»Achtundzwanzig.«

»O da habt Ihr ja noch ein ganzes, langes Leben voll Glück und Freuden vor Euch.«

Gerlinde schwieg und blickte verlegen zu Boden. Dann bat sie, ihr das Aussehen der Tollkirschen zu schildern, und lauschte der Beschreibung mit größter Aufmerksamkeit.

Suffie belehrte sie: »Es ist ein krautartiger Strauch, etwa eine Elle hoch, mit länglichen, zugespitzten Blättern und glänzend schwarzen Beeren. Den müßt Ihr mitsamt den Wurzeln ausgraben, denn die Wurzeln und die Blätter sind das Giftigste an ihm, nicht die Beeren. Also nur die Wurzeln und die Blätter müßt Ihr in Wasser zu einem dicken Brei einkochen und etwas Speck dazutun. Wenn davon so ein liebes Tierchen nur ein Fingerhütlein voll nascht, dauert es keine Stunde, und es streckt alle Viere von sich.«

»So rasch wirkt es?«

»So rasch geht es, so stark ist das Gift,« nickte die Sachverständige. »Ihr müßt deshalb mit aller Fürsichtigkeit dabei zu Werke gehen und Euch dann gleich die Hände waschen, denn wenn Ihr nachher beim Sticken an den Finger leckt, um die Seide in das Nadelöhr zu fädeln, könnte es leicht um Euch geschehen sein. Aber Ihr werdet ja das Kochen nicht selbst besorgen.«

»Doch, ich möchte keinen meiner Leute einer solchen Gefahr aussetzen,« fiel Gerlinde geängstigt ein. »Ich habe in meinem Schlafgemach eine kleine Weingeistlampe, auf der ich mir zuweilen ein Tränklein gegen Heiserkeit beim Singen braue.«

»Gut, desto besser! dann bleibt das feine Mittelchen unter uns. Sagt's niemand, daß ich es Euch angeraten habe,« raunte Suffie.

»Ach nein! ich werde -- stumm sein,« gab ihr Gerlinde ernst zur Antwort. »Laßt auch Ihr niemals verlauten, daß ich Euch danach gefragt habe, niemals!« Sie erhob sich, drückte der Alten die knöcherne Hand und sprach: »Habt Dank, Großmutter Suffie, und -- lebt wohl!«

»Ich freue mich immer, wenn ich Euch zu Willen und Gefallen sein kann,« erwiderte Suffie und geleitete, auf ihren Krückstock gestützt, die Gräfin zum Zaun des Mühlengehöftes. Dort blickte sie der Scheidenden nach und murmelte, das greise Haupt schüttelnd: »Ratten? und darum kommt sie selbst? wunderlich, sehr wunderlich! Sie war so seltsam unruhig wie sonst nie, sah auch schlecht aus, blaß und abgezehrt, und ihre Augen flackerten unstet wie bei einer, die nicht Frieden im Herzen hat. Sie wird doch mit den Tollkirschen nichts Arglistiges im Sinn haben? Wem anders aber als Ratten sollte sie Gift mischen wollen? doch nicht etwan ...? ach, schäme dich, altes, dummes Weib!« Mit gebeugtem Nacken humpelte sie nach dem Hause zurück. --

Gerlinde, den Burgberg hinansteigend, gedachte Eikes. Was würde er sagen, wenn er ihr plötzliches Hinsterben erfuhr? würde er glauben, daß sie eines natürlichen Todes verblichen war? Gewiß nicht! er, er allein, würde sofort die volle Wahrheit erfassen, aber auch unverbrüchlich schweigen. Nur peinigte es sie, daß er auf den Gedanken kommen könnte, an ihrem Tode schuld zu sein! Das mußte sie durchaus verhüten und ihn vor dieser Angst bewahren. Sollte sie ihm zum Zeichen, daß sie ihm nicht grolle, noch einen letzten Gruß senden? nein! das wäre für den Überbringer wie für jeden, dem das Gerücht von solchem auffälligen Scheidegruß zu Ohren drang, der deutliche Beweis ihres vorsätzlichen Handelns.

Aufrichtiges Mitleid fühlte sie mit dem Grafen, ihrem Gemahl, der in den sechs Jahren ihrer Ehe stets liebevoll und freundlich gegen sie gewesen war und der mit ihr nun auch die zweite Gattin verlor und wieder zum Witwer wurde. Und nicht einmal Abschied nehmen durfte sie von ihm; hinterrücks mußte sie von ihm gehen, nachdem sie jede erkennbare Spur ihrer grausigen Tat getilgt und verwischt haben würde, mit welchem Schrecken er dann auch, das Ungeheure nicht begreifend, vor ihrer entseelten Hülle stehen würde. Den ihm damit zugefügten großen Schmerz bat sie ihm jetzt schon im stillen ab und wollte, ehe sie den Löffel mit dem Gift zum Munde führte, an ihrem Betpult auch die heilige Jungfrau um Vergebung dieser Sünde inbrünstig anflehen.

Oben im Schlosse muteten sie die gewohnten Räume fremd an, als gehörte sie nicht mehr hierher, schon einer anderen Welt verschrieben und verfallen, und doch mußte sie bis morgen nachmittag hier noch ausharren, weil es heute für den Gang nach dem Heidenquell zu spät geworden war.

Von allem, was sie besaß, hätte sie nur ihre kleine Harfe und ihren Rosenkranz, ein altes Erbstück ihrer Mutter, mit großen, schön geschliffenen Bergkristall- und Bernsteinkugeln, gern mit ins Grab genommen, aber sie durfte ja keine Bestimmungen treffen, die als Vorbereitungen zum Sterben angesehen werden könnten.

In der Nacht schlief sie wenig, und die Zeit von früh bis Mittag wurde ihr sehr lang. --

Endlich war sie wieder inmitten der einsamen Wildnis, durch die sie sich im Sommer mit Eike Bahn gebrochen hatte, und da kamen ihr die Erinnerungen an jenen seligen Morgen wie grüßende Wanderer entgegen. Jedes ihrer damaligen Gespräche über die Schönheit des Waldes in den wechselnden Jahreszeiten, über die Gesetze der Natur und der Menschen, über Eikes Rechtsbuch und Walters Minnesang hallte traumhaft in ihr wider.

Die zerklüftete Schlucht mußte sie diesmal allein überwinden und vollbrachte es ohne Anwandlung von Schwachheit mit dem unerschütterlichen Willen, ihr Ziel zu erreichen.

Bald hatte sie es erreicht und stand nun nahe der Klippe, aus der das als wundertätig gepriesene Wasser unter dem Denkstein mit der verwitterten Runenschrift hervorquoll, auf derselben Stelle, wo sie Eike von Repgow schluchzend an die Brust gesunken war.

Jetzt stand sie erhobenen Hauptes und ließ den Blick in die Runde schweifen, um den geheimnisvollen Waldeszauber noch einmal, zum letzten Male, zu genießen.

Dann wandte sie sich langsam den schon entdeckten Stauden mit den spitzen Blättern und den schwarzen Beeren zu, kniete bei der einen und der andern nieder, grub sie, ihre zarten Hände nicht schonend, mitsamt den Wurzeln aus und legte sie in das dazu mitgebrachte Tuch, das sie an den vier Zipfeln verknüpfte.

Darauf trat sie festen Schrittes den Heimweg an und schaute nicht mehr zurück nach der Stätte, wo das Glück einst dicht an ihr vorbei geflogen war.

Zwanzigstes Kapitel.

Die liebe Nachmittagssonne bestrahlte Giebel, Dächer und Zinnen des Falkensteins mit einem behäbigen Lächeln und schien alles, was da fleucht und kreucht, in den Schlaf gezwinkert zu haben, denn nichts regte sich innerhalb der Umwallung, kein Ton, kein Tritt klang durch die friedliche Stille. An den Wänden gähnte eine wahrhaft feiertägliche Langeweile, und war doch gar kein Feiertag heute, nicht einmal der Namenstag des kleinsten Kalenderheiligen, mit dem man es aus irgend einem Grunde doch auch nicht gern verderben will.

Diese beschauliche Ruhe verwandelte sich indessen schnell in das Gegenteil, als vom Turm ein dröhnender Hornruf erscholl, der in eine lockende Jagdweise überging. Da ward es lebendig in der Burg. Von allen Seiten, über alle Treppen und aus allen Türen kamen die Insassen zusammengelaufen, als wäre Feuerlärm geblasen worden. Aber alle zeigten fröhliche Gesichter, denn sie wußten, was das zu bedeuten hatte. Der Ritter Eike von Repgow mußte im Anzuge sein, und nun standen sie in dichten Haufen auf dem Burghof, ihn zu erwarten.

Auch Graf Hoyer war herbeigeeilt, ihn an der Spitze seines vollzählig versammelten Gesindes zu begrüßen. Nach seiner Gemahlin spähte er jedoch vergebens aus. »Wo ist die Gräfin?« fragte er verwundert.

Melissa gab Antwort: »Die Frau Gräfin hat vor kaum einer Stunde das Schloß verlassen, wohl zu einer Wanderung in den Wald.«

»Was hat sie denn jetzt allein im Walde zu suchen? das ist doch sonst nicht ihre Gewohnheit,« sprach der Graf, ungehalten, daß sie bei der Wiederkehr des Freundes nicht zur Stelle war.

Da kam Eike schon mit dem Wildmeister durch das innere Tor eingeritten, und auf seinen Zügen glänzte die Freude, sich so allgemein bewillkommnet zu sehen. Er sprang vom Pferde und schritt auf den Grafen zu, der ihn in seine Arme schloß und frohgemut ausrief: »Eike! haben wir dich endlich wieder? Den Wild- und Waffenmeister mußte ich dir also erst auf den Hals schicken, um dich in Haft und Gewahrsam nehmen zu lassen, du trotzköpfiger Ausreißer! Komm hinauf! oben sollst du mir beichten, warum du so lange ausgeblieben bist, kannst mir dabei den größten Bären aufbinden, der im Harzwald herumzottelt, ich will alles auf Treu und Glauben hinnehmen, was menschenmöglich ist.«

Ehe die Herren in das Schloß eintraten, wandte sich Eike zu den Umstehenden und nickte und winkte ihnen seinen Dank zu für den freundlichen Empfang. Dem Schreiber reichte er die Hand und sagte: »Ich bringe viel Arbeit mit, Wilfred!«

Melissa schabte dem verblüfft Dreinschauenden lachend mit den Zeigefingern Rübchen in ihrem Triumph, recht behalten und ihre Wette gewonnen zu haben.

Graf Hoyer geleitete seinen lieben, wieder eingebrachten Gefangenen in dessen früheres Losier und blieb dort bei ihm.

»Nun sag's kurz, Eike! was hast du zu deiner Entschuldigung anzuführen?« begann er.

»Nichts, Herr Graf!« gestand Eike verlegen und kleinlaut.

»Du hast dich in die zu Hause noch vorgefundenen Papiere wie ein Dachs eingegraben und dich dann aus deinem vollgestopften Bau nicht wieder herauswühlen können, nicht wahr?«

»Ja, so ist es.«

»Na, mach' nur nicht so ein jämmerliche Armsündergesicht, als hättest du Wunder was verbrochen!« beruhigte ihn der Graf in seiner heiter biderben Weise, »nun du wieder hier bist, soll dir alles verziehen sein. Wir haben dich, wie ich dir schrieb, hier schwer vermißt, auch meine Frau; ich hab's ihr angemerkt, wie sie sich um dich härmte, wäre fast eifersüchtig auf dich geworden,« fügte er launig hinzu. »Sie ist in den Wald gegangen, konnte ja Tag und Stunde deiner Ankunft so wenig wissen wie ich. Gesteh mal aufrichtig: wärest du auch ohne den Wildmeister und meinen Brief gekommen?« Eike zuckte die Achseln; ihm war schwül zumute. »Vielleicht nicht so schnell,« erwiderte er ausweichend. »Aber Eure dringende Aufforderung zur Rückkehr war mir eine große Freude, und ich danke Euch von Herzen dafür, Graf Hoyer!«

»Also ein kluger Gedanke von mir,« belobte sich der Graf. »Hat dir Scharruhn denn nun seine Wünsche in bezug auf den Wildbann vorgetragen, von denen er an dem Abend in der Dirnitz sprach?«

»Jawohl, es betraf einige Fragen des Jagdrechts,« versetzte Eike. »Er verlangte für die Bannforsten des Harzes größeren Schutz gegen jeden, der sie betritt. Die Armbrust müßte abgespannt, der Köcher geschlossen, die Bracken angekoppelt und allen Tieren dort Friede gewirkt sein außer Bären, Wölfen und Füchsen. Ferner forderte er höhere Bußen für getötete singende und krimmende Vögel, womit er die Beizfalken meinte. Die Weiber dürften nur soviel Reisig auflesen wie die Krähe vom Baume tritt, und wenn einem Bauer etwas an seinem Wagen zerbricht, dürfte er sich soviel Holz aus dem Walde hauen wie zur Ausbesserung des Schadens nötig ist, mehr nicht. In alledem konnte ich ihm beipflichten und werde das in den Artikeln des Jagd- und Forstrechts berücksichtigen. Dagegen verweigerte ich ihm die Aufhebung des Verbotes, die Saaten auf dem Felde durch Jagen und Hetzen niederzutreten, sobald das Korn schon Knoten und Gelenke an den Halmen angesetzt hat. Sich empfindlichen Jagd- und Wildschaden gefallen zu lassen ist den Bauern nicht zuzumuten. Aber da predigte ich tauben Weidmannsohren. Er vergalt mir meine vergebliche Belehrung mit der Erzählung einiger köstlichen Jagdgeschichten, die meine Gläubigkeit mehrmals auf eine harte Probe stellten. Ich hinwiederum mußte ihm bei Sankt Huberten mein Wort darauf geben, jetzt mit ihm oder ohne ihn zuweilen auf die Pirsch zu gehen. Das will ich auch tun, habe eure frische, kräftige Harzluft blutnötig nach dem langen Stubensitzen.«

»Man sieht dir's an, also Weidmanns Heil!« sprach der Graf und erhob sich. »Jetzt wirst du deine Schriften auspacken und ordnen wollen, und dabei will ich dich nicht stören.«

»Ich möchte lieber den Spuren der Frau Gräfin folgen,« erwiderte Eike. »Vielleicht begegne ich ihr im Forste.«

»Tu das, Eike!« sagte der Graf. »Wird die eine Freude haben, wenn du unverhofft und plötzlich wie ein Waldschrat vor ihr auftauchst! Das möcht' ich mit ansehen, aber ich kann nicht mit. Auf Wiedersehen bei Tisch!« Damit ließ er den Freund allein. --

Nun war Eike doch wieder da, wohin niemals zurückzukehren er sich fest vorgenommen hatte, und es war ihm lieb, daß er wieder hier war. Auch ihm hatte in seiner stillen Behausung zu Reppechowe vieles von dem gefehlt, was ihm auf dem Falkenstein zur freundlichen Gepflogenheit geworden war. Besonders trug er an der Trennung von Gerlinde, je länger sie währte, je schwerer, und er hatte sich nach der angebeteten Frau gesehnt. Jetzt, vor dem Wiederbeisammensein mit ihr konnte er sich des ernsten Bedenkens nicht entschlagen, ob sie die dazu nötige Selbstbeherrschung ihm gegenüber betätigen würde. Die nächste Stunde mußte ihn darüber aufklären.

Er hatte in Reppechowe fleißig an seinem Buche geschaffen und brachte ein zwei Finger dickes Heft von dort geleisteter Arbeit mit, aber nichts von neuen Aufzeichnungen, sondern nur die alten, von hier entführten und sein ganzes, bis zum jetzigen Stande der Entwickelung gediehenes Manuskript nebst Wilfreds Abschriften.

Mit dem Auspacken und Ordnen seiner Papiere hatte es keine Eile; jetzt lag ihm wichtigeres am Herzen, das Wiedersehen mit Gerlinde.

Aber wo sie finden im weiten Walde? Er mußte es aufs Geratewohl versuchen und schritt ohne Säumen fürbaß.

Als er schon etwas entfernt von der Burg unter den hohen Eichen und Buchen war, erinnerte er sich, von ihr einmal gehört zu haben, daß sie auf ihren einsamen Streifereien die urwüchsige Wildnis in der Gegend des Heidenquells allen anderen Gebieten der Umgebung vorziehe. Einen Pfad dahin gab es nicht, aber die Richtung wußte er, und die schlug er nun in herzklopfender Spannung ein.

Oftmals blieb er bei seinem Vordringen stehen, lugte und lauschte nach rechts und links, damit Gerlinde nicht etwa seitwärts unbemerkt von ihm vorüberwandelte. Sollte er mit weithin schallender Stimme ihren Namen rufen? Das könnte sie, wenn sie den Ruf vernähme, befürchten lassen, daß auf der Burg ein Unglück geschehen wäre, dessentwegen man Boten nach ihr ausgesandt hätte. Deshalb unterließ er es.

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles durch die Bäume und Sträucher schimmern, was sich bewegte und sich näherte. Das mußte sie sein. Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten Busch, um sie beobachten zu können, ehe sie ihn entdeckte.

Es war Gerlinde. Mit einem kleinen Bündel kam sie gesenkten Hauptes langsam daher.

Als sie heran war, trat er vor, streckte ihr beide Hände entgegen und sagte ruhig: »Gerlinde!«

Erschrocken blickte sie auf und stand wie angedonnert, zitternd und sprachlos da. Dann ließ sie das Tuch, in dem die eingesammelten Pflanzen steckten, zur Erde gleiten und legte in Eikes Hände die ihrigen, die er fest umschloß und an seine Lippen drückte.

In dem nämlichen ruhigen Tone fuhr er fort: »Da bin ich wieder, Gerlinde. Ich bin Euch nachgegangen, weil ich Euch auf diesem Wege zu finden hoffte.«

Während ihre Hände noch in den seinen lagen, atmete sie hoch auf, und ihn wie eine überirdische Erscheinung betrachtend, stammelte sie: »Sagt mir, -- ist dies kein Traum? seid Ihr es wirklich, Eike von Repgow?«

»Wirklich und leibhaftig, Gerlinde!« lächelte er. »Ich bin zurückgekehrt, um mein Buch hier zu vollenden. Ist Euch das recht?«

»Ach! -- was fragt Ihr? seid mir willkommen viel tausendmal!« klang es ihm jubelnd entgegen.