Der Roman Eines Geborenen Verbrechers Selbstbiographie Des Stra
Chapter 8
»Wärter Cicciotto«, sagt der Oberwärter zu einem in der Nähe stehenden Wärter, »wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn hier hereinkommen.«
»Sehr wohl«, antwortet der Wärter.
Ich begab mich wieder zu meinen Gefährten und erzählte ihnen mein Abenteuer im Gefängnis zu Foggia, wobei ich nicht die fünf Lire vergaß, die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte.
Die wackeren Genossen gerieten in große Wut, der eine wollte ihn töten, der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstümmeln -- alle fluchten und drohten durcheinander, die Fäuste streckten sich in die Höhe und die Messer wurden hervorgezogen.
Ich mußte sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte.
»Liebe Genossen«, sagte ich, »wir wollen ihn weder töten, noch verstümmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse aufzuführen, wobei keiner zu leiden braucht. -- Bildet eine camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, wählt die Camorristen, die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar; wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das Übrige werde ich machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer Benehmen ablegen müßt, so stehe ich für alles ein; ich bürge für alles, was daraus folgen kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Komödie nehmen und ihr müßt mich gleichgiltig behandeln.«
Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte.
Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:
»Heil den Genossen!«
Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt dessen:
»Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!«
Statt sich das Haar zu glätten oder das Kinn zu berühren, rückte er die Mütze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen umzingelt, in der Hand trug er einen großen Sack, der von einem ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack auf das Bett warf.
Die Kerle erkundigten sich, woher er käme, wessen er angeklagt sei, wer sein Verteidiger wäre, ob er diesen oder jenen Camorristen oder Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die Fragen.
Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf dem Strohsack und rauchte eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief:
»Frau M..., Frau M...!«
Es war die Wärterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und die mir wegen verschiedener kleiner Gefälligkeiten zugethan war.
Die M... kommt, tritt an das Gitter und sagt:
»Was giebt es, mein lieber M...?«
»Nichts, aber ich möchte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo Pescari im Bureau deponiert hat.«
»Sofort«, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte:
»Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau dreißig Lire deponiert.«
»Ich weiß, liebe M..., ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu schreiben, so beachte, daß Paolo Pescari Dir eine Nota von dreißig Lire überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, die andern fünfzehn werde ich für Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?«
»M..., Du wirst mich um meine Stellung bringen.«
»Du wirst nichts verlieren, verlaß' Dich auf mich.«
»Ich rechne darauf, M...«
»Schön, sind wir einig?«
»Ja, wir sind einig.«
Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit großer deutlicher Schrift:
=Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo Pescari.=
Kalbfleisch, 20 Portionen L. 5,-- Kuchen, 20 " " 5,-- 20 Liter Wein à 5 Soldi " 10,-- Gemüse " 2,-- Rauch- und Schnupftabak, Cigarren " 8,-- ---------- L. 30,--
Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und sagte:
»Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota über 30 L., die der neue Picciotto der M... geben sollte, wenn sie nach den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.«
»Schön, M..., ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.«
Ich übergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk unterrichtete.
Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu Pescari:
»Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte auszusprechen?«
»Auch zwei«, erwiderte Pescari kühn. Sie traten in einen Winkel des Zimmers; der neue Picciotto, mit der Mütze auf dem rechten Ohr, die rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:
»Freund, die Gesellschaft möchte von Ihnen etwas spendiert haben, läßt sich das machen?«
»Ich bin ebenfalls Picciotto.«
»Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Zähne aus dem Maul!«
»Aber erlauben Sie! Ich ...«
»Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst ...«
Die Wärterin kommt und unterbricht das lächerliche Duett, das ich gern zu Ende führen sähe.
»Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Schädel ein.«
Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und wieder zum »Du.«
Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem inneren Gitter, wo gewöhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle einundzwanzig standen dort zusammen.
Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota und sagt:
»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?«
»Ja, Herr!«
Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.
Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes Register, giebt ihn zurück und geht fort.
Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.
Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen Fragen und Redensarten.
»M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr halber Liter!«
Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, daß es in der Wölbung widerhallte.
Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir täglich von dem Wirt verehrt.
Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?
Eure Neugier soll befriedigt werden.
Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei Zimmern:
»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!«
Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu sorgen, daß meine Gefährten ruhig seien, sonst müßte er den Wirt wechseln.
Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, wir blinzelten uns zu, und er sagte mir:
»M..., so lange Sie in diesem Gefängnis sind, gebe ich Ihnen täglich einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein anderes Gemüse, sind Sie zufrieden?«
»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.«
»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.« Dies ist der Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab; jetzt kann es weiter gehen.
Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, während die anderen fünfzehn Lire der Wärterin M... zu gute kamen.
Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten aus den Pritschen und den Ständern eine große Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die zusammengerollten Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten sie die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen sie und tranken sie, die Becher voll schäumenden Weines, und oft küßten sich die Tischgenossen auf die Lippen. Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß auf dem Fenster und sah mich heimlich an, während er oft und schmerzlich seufzte.
»M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,« riefen die Tischgenossen.
»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.«
Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen Mundart, daß man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal; einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari.
Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie[19], Pescari nahm die seinige und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie sagten:
»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es vorzüglich.«
[19] Es ist merkwürdig, wie M... sich hier als Rächer der verletzten Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M..., obgleich er es nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (_Archivio di Psichiatria_, V. Jahrgang 1884) und Alongi (_La camorra Studio di Sociologia criminale, Torino, Bocca 1890_) bei den Häuptern der Camorra beschreiben.
Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine gute Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken von sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten Fragen über seinen Prozeß, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging:
»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A... zu rufen, ich möchte ihn sprechen.«
Alsbald erschien di A...
Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Töchtern, arm wie Hiob, so daß er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte. Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte, auch einige Näpfe voll Brei oder Reis[20].
[20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.
»Was giebt's, M..., wünschen Sie etwas?«
»Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen?«
»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.«
»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist ein Sack mit Kleidern, ich weiß nicht, was für welche; sie sind uns hier unbequem, und ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das übernehmen?«
»Aber wem gehört der Sack?«
»Dem Teufel, der Dich holen soll!«
»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M..., beim Dunkelwerden.«
»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, daß es gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.«
»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.«
Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe der Ausgangsthür.
Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di A... sagte mir:
»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne rasch und Sie geben sie mir.«
Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte öffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt sich die Thür ohne das geringste Geräusch.
Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.
Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, man hört das Klirren des Schlüsselbundes, der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein, zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir waren alle auf den Beinen, jeder am Fußende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der Oberwärter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten:
»Wie viel sind es?«
»Zweiundzwanzig,« antwortet er.
»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte.
Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief, indem er rief:
»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!«
[21] Das ist das große Verbrechen. M..., der dem Sansosti erklärte, daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen, die ihrem Temperament mehr entsprechen.
Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn, was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.
»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich ermorden.«
»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer schaffen,« befahl der Oberwärter, »und er möge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der kalabresische Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor; oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire ausgegeben, um sich mit seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu trinken, und jetzt läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er verrückt oder betrunken -- oder M... ist ein vollendeter Schurke.«
Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und wir schrieen:
»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn triumphierend in das andere Zimmer.
Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht mehr lachen und rief:
»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!«
Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich unter den Fenstern der beiden Zimmer und auf der Straße. Fragen und Antworten gehen hin und her, man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre Flinten.
Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde, betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich, glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer Überraschung oder einem Streich, den man ihnen spielen könnte, und ich freute mich, sie so liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen, der zu mir sagte:
»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, daß Ihre Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.«
»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari in mein Zimmer eintrat, umarmte und küßte er sich mit allen meinen Gefährten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was weiß ich sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine Aufstellung zu machen, was er kaufen wolle. Dann kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung, die Wärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles, das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.«
»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine große Tafel, dann setzten sie sich nieder und ließen die Zähne arbeiten und tranken fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen, das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen und kann ich bestätigen.«
»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.«
»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch nicht zu glauben, daß meine Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie ihn gestohlen haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist, wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so muß der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?«
[22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen, daß M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.
»Sehr logisch und verständig.«
Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben sich in mein Zimmer und jeder Gefangene stellte sich mit der Mütze in der Hand am Fuße seines Bettes auf.
»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle brave junge Leute, ich habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet hätte[23]. Gestern ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, daß Ihr ihn mit Gewalt veranlaßt habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was Pescari behauptet?«
[23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger zu machen.
Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen. Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre, wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre.
Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:
»+Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!+ Er ist ein Dieb, ein Lügner!« Und alle schrieen sie durcheinander, daß die Schildwache, welche vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.
Ein Haufe von Luceranern rief von außen:
»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören sich, sie wollen fliehen.«
Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, die Thür heftig zuschließend, und wir lachen, heulen und singen.
So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreißig Lire und einem Sack neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia gegeben hatte.
+Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.+
Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz dem armen Wärter zu Gute.
In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie erfuhren, daß er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto beigelegt habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche Tracht Prügel und Fußtritte.
So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen, Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter, ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter waren reine Kalabresen.
[24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern zusammen, die Lombroso gesammelt hat (_Palimsesti del Carcere_): »Ich bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient. Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« -- »Triumph! Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man und braucht nicht zu arbeiten« -- und man wird folgenden Ausruf eines Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte: