Der Roman Eines Geborenen Verbrechers Selbstbiographie Des Stra
Chapter 6
Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani nötig sein, um hundert dicke Bände zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die Herzen der Menschen zu schildern.
Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man draußen nichts als eine hohe massive Mauer; Läuse und andere ekelhafte Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein widriger Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der Höhle waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Höhle.
Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber -- trotzdem waren diese elenden Geschöpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner gütigen Vorsehung.
Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfjähriger, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten, zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren, Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten, alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und unter der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der Raum zu ebener Erde.
Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern zusammen, die an dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein großer Säulengang mit langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schöpften, und diente als Durchgang für die Wärter und die Gefangenen; zur linken des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern wohnten die Wärter. Um die oberen Räume kennen zu lernen, braucht man nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu ebener Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene auf.
Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer, ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben wurde.[13]
[13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.
Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde, befand ich mich im Säulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer geschickt; es ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück mußte. Beim gewohnten Geräusch rührt sich keiner, als ob man das Klingeln der Glocke nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal; dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen.
»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« Und zweitausend Augen funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst, vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die Mündung nach dem Schloß S. Giovanni gerichtet.
Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Säulengang, dem wütenden Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben solle.
»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem Schurken!« und tausend Eisen leuchteten drohend zu dem Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die Menge einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen Diogene Pierre rufen und sprach mit ihm, während ein triumphierendes Lachen seine trockenen Lippen umspielte.
»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden Menge zu, »geht alle hinein!«
Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum Tode verurteilt war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra, seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; wenige Tage später durchbrach er ein Gitter des Gefängnisses und entfloh auf das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor seinem Teufel stand, eine Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem Gefängnis fort war, verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden.
Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.
Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen, in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.
Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, die man mir gegeben hatte, als ich den Kerker zu Catanzaro verließ, aber was nützten sie mir?
Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß ich mit Mühe und Not etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Höhle, welche die Höhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer Terrasse hin, gegenüber lag eine =Spinnerei=; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von innen wie von außen. Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer Magen völlig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, daß ich kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen, wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine Vorsehung.
Ich Dummkopf!
Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, nein, sie verläßt sie nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des göttlichen Schöpfers verfolgt.[14]
[14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem abergläubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.«
Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man möchte sagen durch unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen sagt er: Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.
Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und lächelte mich an, indem sie sagte: »Du hier! Dein Papa und Deine Mama wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.
Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weißen Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte ihn:
»Herr! wünschen Sie etwas von mir?«
»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, könnten Sie mir sagen, woher Sie sind und wie Sie heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte, fragte ich ihn:
»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?«
»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie ähneln vollständig meinem Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem Sohne so ähnlich hat machen können; wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem er mich aufmerksam angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, daß er Sie umarme.«
Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die Thränen zurückhielt, die ihm in seine himmlisch schönen Augen traten.
Nicht lange darauf ließ der Wärter mich in sein Zimmer treten, ein Jüngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte:
»Wohlan, Peppino, umarme ihn!«
Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir küßten uns wiederholt innig, der Greis, dem die Thränen über die blassen Wangen rannen, küßte mich mehrere Male, indem er sagte:
»Mein Sohn, ich segne Dich!«
Sie wollten von meinem Unglück hören, und als sie erfuhren, daß ich seit drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu ihm:
»Herr, könnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele einpräge, weil ich Ihnen heißen Dank schulde?«
»Ja, mein Sohn, ich heiße Francesco R..., dies«, auf seinen Sohn zeigend, »ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«
»Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt die väterliche Zärtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, daß die Vorsehung ihre elenden Geschöpfe nicht verläßt.«
Sie gingen, indem sie sagten, daß sie bald zurückkehren würden.
Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, der einen großen Korb auf dem Kopf trug.
Herr Francesco sagte zu mir:
»Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, ich habe heute viel zu thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um mit Dir zu speisen und zu plaudern.« Er drückte mir die Hand und ging.
Der Gefangenenwärter machte eine schöne Tafel zurecht, wir setzten uns zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine schöne Geflügelsuppe, zwei gesottene Hühner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, Käse und viel Obst machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino sagte oft zu dem Wärter:
»Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir schläft und daß ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.«
Der Wärter wollte es nicht zugeben.
Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.
Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:
»Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir, gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, daß Sie morgen nicht abreisen müssen und ein paar Tage hier bleiben können. Wir begaben uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen ließ, daß er mir nicht dienlich sein könne, da es unmöglich sei; Sie müssen übermorgen auf dem Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzählt hatte, äußerte sie den lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.«
Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas benötigte, solle ich es ihn wissen lassen.
»Herr«, sagte ich, »ich mißbrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die absolute Notwendigkeit, in der ich bin, läßt mich anspruchsvoll sein ...«
»Nein, nein«, antwortete er erregt, »sprechen Sie, sprechen Sie, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«
»Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen zu begegnen, wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.«
»Peppino«, sagte der Vater zu dem Sohn, »geh' nach Hause und versorge den braven Jüngling mit Geld.« Peppino steckt die Hand in die Tasche, leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir.
»Nein, nein«, ruft der Vater, »mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.«
»Ich danke, Herr«, sage ich, »ich danke, das ist zu viel, fünf Lire genügen mir.«
»Und ich sage, daß es zu wenig ist«, sagte Herr Francesco erregt, »geh' nach Hause, sonst ...«
»Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurückzugeben.«
»Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner Liebe für Sie«, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm, steckte er ihn an meine Hand -- »und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, so erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen Söhnen als Vermächtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie vor dem Gefängnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine unangenehme Reise haben.« Er umarmte mich und küßte mich mehrere Male, mich mit väterlicher Zärtlichkeit an die Brust drückend.
Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte, von dannen.
In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage sollte ich den Assisen vorgeführt werden.
Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, daß er in Geschäften in Monteleone sei und daß er aus reinem Zufall erfahren habe, daß meine Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen, Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig Jahre Zwangsarbeit.
Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten geht weit.
»Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot oder im Ausland sind.«
»Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio, Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«
Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging.
Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf der Anklagebank Platz, die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich verhört worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren Mörder hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener öffnet die Thür des Zeugenzimmers und ruft:
»Pasquale Colace fu Francesco.«
»Nicht erschienen.«
»Marco Colace fu Francesco Antonio.«
»Nicht erschienen.«
»Leonardo Calzona di Francesco Antonio.«
»Nicht erschienen.«
»Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«
»Nicht erschienen.«
»Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.«
Wer weiß, ob diese armen Toten wissen, daß sie vor dem Gericht zu Monteleone eine lächerliche unsinnige Macht darstellen.
Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.
»Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht fortsetzen.«
»Herr Präsident!« ruft einer der gegnerischen Partei, »diese Zeugen sind lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.«
»Sie sind tot?« sagte mein Verteidiger, »so werden wir sehen, ob sie auf Kosten des Angeklagten aus dem Höllenrachen gezogen werden sollen, um ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten werden soll.«
Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende läutet und sagt:
»Die Verhandlung ist geschlossen.«
Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gefängnis geführt.
Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem Gefangenenwärter entspann, -- ich geriet in Zorn und gab ihm eine Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, während der Oberwächter De Cola, der halb blind war, mir sagte:
»Das haben Sie gut gemacht, der Wärter war eine Kanaille.«
Fünf Jahre.
Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der Strafe von fünf Jahren Gefängnis und zu den Kosten des Urteils, wegen Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.
Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire, das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefängnis verließ.
Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit gegen ihn.
Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R...:
Mein gottgesegneter Sohn!
»Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind auch meine Frau und meine Söhne.
Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; ich hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich möchte Ihr Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu wenden, wo Sie etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher Vater es vermag.
Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben werden. Ihr zärtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen. Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschöpfe nie verläßt.
Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte, werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen.
Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu haben, sie weint bei Ihrem Brief.
Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino umarmt Sie und sagt, daß er Sie dort besuchen will.
Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.
Maida, den 2. Dezember 1869.
Ihr zärtlicher Vater Francesco R...«
In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis zu Catanzaro befand, heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die meine Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und der Dummkopf, mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergötzten, Wein tranken und das halbe Erbteil verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen hinterlassen hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen zu San Giovanni in Catanzaro.
Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu Monteleone blieb. Jener gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« zu nennen, und sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, daß er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor!
Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin der Grundsätze des berüchtigten +Ruina+, ein Engel an Leib und Seele!!
Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene aus dem Gefängnis Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre Strafe zu verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.
In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo und in jenem Gefängnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam, der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles mögliche zu thun vermittelst ärztlicher Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, alle andern Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefängnis zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter schwerem Verdacht.
Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu arbeiten, es war nur nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends der Wärter kam, um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch mit einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten fünf oder sechs Tage, so daß an der Außenseite nur noch der Kalk an der Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte.
Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, aber ein starkes Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht statthaben sollte, stand die Schildwache.
Was war zu thun?
Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer sprengen, sich rasch auf die Schildwache stürzen und sie niederschlagen, ohne daß sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das Schicksal, daß ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde, der zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte ich sein, dann die andern der Reihe nach.
Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen dreieckigen Dolch bewaffnet.
Abends kam der Wärter zu dem gewöhnlichen Besuch, zählte die Gefangenen, und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, öffnet dieser die Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wärter:
»Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?«
Ciccio nahm die Prise und sagte:
»Ich danke, Farabella.«
Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich.