Der Roman Eines Geborenen Verbrechers Selbstbiographie Des Stra
Chapter 20
Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben Grundsätzen wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschwätzig und liederlich.
Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.
Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder aufnehmen.
Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine Söhne mit Liebe. Wir aßen zusammen, und ich schlief in einem mir gehörigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.
Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine schmutzigen Kinder; täglich empfing ich zwei Soldi für Tabak.
Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloßen Brüsten herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, während sie mit den Hinterbacken schaukelte.
Mein Bruder sagte zu ihr:
»Michela, steck' die Klötze weg!«
»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so daß der große, lange und breite Fuß in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: der Sohn und die Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch schönes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!
Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz gewöhnt war, nahm Anstoß an der ekelhaften Scene.
Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni, einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten; unterwegs fragte ich sie:
»Habt Ihr Euer Testament gemacht?«
»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das haben wir gemacht.«
»In welcher Weise, wenn man fragen darf?«
»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«
»Aber in welcher Weise?«
»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«
Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf der Straße zu lassen und allein nach Hause zu gehen.
Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord..., ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste Testament umgestoßen worden.
Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie gewöhnlich mit den Fingern aus der Schüssel.
»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den Schweinen!« rief Donna Michela.
Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, und der elende Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.
Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unflätigen Worten, und er schluckte das alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen Szenen mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur Rede stellte, antwortete er:
»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen zu lassen.«
»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die halbblinden Spilingoten Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du fürchtest Dich, daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und von wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß Donna Michela Dich selbst umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!«
»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.«
»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht einmal soviel Mut hast!«
Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der Michela gequält, geärgert und geschunden wurde.
Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, über diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.
Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den großen, dicken Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein großes Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und Nerven, eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, mit mächtiger Brille, die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wäre, aber es war nur Albernheit, denn =ein dicker Mann, ein dummer Mann=, wie das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe.
Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme Tier! alle Halbjahr wurde es gepfändet und von den Karabinieri nach Tropea gebracht, gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein Herr, dies Erzvieh!
Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf, einen nußfarbenen Bart, dicke Lippen, einen großen, krummen Mund, häßliche Zähne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verräter, ein schmutziger Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu verenden.
Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten u. s. w.: »Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du bist.«
Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien anzuhören, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.
Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloßen Brüsten, die aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu zeigen, immer hatte sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfädeln. Auch kochen konnte sie nicht, wo hätte sie in Spilinga kochen lernen sollen; ich muß noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Möbel abwischen, wie es einer guten, fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz herumliefen.
Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fußtritten und Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige Affe sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er sein liebes Weibchen erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewährte.
Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete mich vor ihr und war entschlossen, wenn sie mir zu nahe käme, ihr einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen. Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er saß fest drin und ließ sich Leib und Seele fesseln, der Ärmste!
Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als gerade die kräftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne dazwischen: ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das Pflaster, daß sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfüßig erhob sie sich wieder und sprang wieder zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer Fußtritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie; ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.
+Ein edles Weib!+
Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges Weibsstück gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und Schmutz.
O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses verkommenen Geschöpfes schildern müssen, und Du hättest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine »Bettlerin«, Deine »Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich weiß nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde.
Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller sich dem Thema anpassen muß, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie schreibt, braucht man Verstand, über Geschäfte, Gedächtnis, und über Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und Kenntnisse -- aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen Donna Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb muß ich säuisch und schmutzig schreiben.
Habe ich recht, Francesco Mastriani?
Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht weiter gehe, daß ich Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen möchte, er war betrübt, trostlos und sagte:
»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu haben.«
Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte ich meine Schmerzen dulden.
Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er sagte:
»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kräftige Donna Michela kümmert sich nicht um Dich?«
»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.«
Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von Lattich und ging betrübt von dannen.
Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschläge anlegen.
Und während dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich verhungern lassen, ja verhungern!
Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen Leben und häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch saß die brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten Kinder waren auch da, mit ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden Fraß hinunter.
Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, daß er etwas im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder Mistkäfer; dann wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen kann, aber Donna Michela sagte:
»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.«
Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und schmutzig zum Übermaß trug das Essen auf, das sie und die säuische Donna Michela gekocht hatte.
Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die Hände der Donna Michela, ich war immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und ließ mich nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze Erbärmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit des Weibes.
Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich von der Verworfenheit und Bosheit der Spilingotin, und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen.
Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, daß ich mich von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte ein, und so gingen wir auseinander.
Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie höchst traurig; in allem mußte ich mich allein bedienen, -- that ich das nicht, so war ich in vierzehn Tagen voller Läuse.
Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er wäre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch das Wenige nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige Mensch, mit seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Söhne verraten oder umgebracht, um seines Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure gemacht, um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben, wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben.
Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?
Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein schmutziges Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie unter den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines Vorteils willen, feile Bestie!
Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und den armen Familienvätern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weißt Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!
Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!
Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu verzerren und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.
Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her, gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt; mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, total verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend.
Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen schändlichen Bestien zu brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.
Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder mitzuteilen, daß ich die Absicht hätte, mich von ihm zu trennen.
Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen getäuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich entschloß mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu bauen. -- Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, daß ich sein liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte und daß er nach sorgfältiger Erkundigung über mich eingewilligt habe.
Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er wieder zu sich kam, versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, daß ich verrückt, ein Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold und ich weiß nicht was sonst noch, sei.
Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.
Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen dieser verfluchten Brut gequält.
Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie:
»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,« und ich erzähle ihnen, was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen wörtlich.
Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich die Herren um Rat.
Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten ins Gesicht, ich litt es geduldig und noch viel, viel mehr, so daß ich tagelang erzählen könnte. -- Mein unglücklicher Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich mehrere Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies ist nicht Dein Haus!« Und sie brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte? Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erzählte dort den Vorfall und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu gehen und im Namen des Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so konnte ich unter meinem Dach schlafen.
Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das väterliche Erbteil gelangte zur Verteilung.[66]
[66] Hier bricht die Erzählung ab.
An eine Seele.
Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich vereinten, um gegen die Natur zu kämpfen, trotz der schwachen, irdischen Materie; -- sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht? Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich unsere Seelen in der unermeßlichen Leere des Äthers? Und du weissagtest, daß unsere Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer weiß es? Du sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewußtseins im Spiegel deiner Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen -- nein, schön und häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn des Tages erzeugen.
Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort, schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins? Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich nahen?
Wer weiß? Es ist ein Geheimnis.
In dem Traum meiner Träume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt: du hast befohlen und ich habe gehorcht.
Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch nicht hätte verfassen können. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind dein, dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch.
Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.
Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir unter dem Namen: =Mein erstes Unglück=.
Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt, betitelte ich: =Meine Dienstzeit=.
Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich: =Getäuschte Hoffnungen=.
Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du hast mir große und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm diese ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst, wie du es immer warst.
Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände es mir nicht zu, es zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes Werk zu vollbringen.
Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat.
Parghelia, 20. Februar 1889.
Stets der Deine Antonino M...
Erlauchte und gnädige Richter![67]
[67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand.
Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat. Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schändlichkeit und Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit, Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich, die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen.
Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen.
1) um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin, habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.
2) niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wärme der Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequältes Herz die Leiden und die Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen, die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir zugefügt haben.
Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine große Pistole in die Hand und sagte:
»Geh', töte ihn!«
Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die tötliche Waffe und habe auf öffentlichem Platze einen armen Menschen getötet.
Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren Gefängnis, während der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich leugnete, daß er mich zu der unseligen That angeregt hatte.
Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, daß ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen düsteren Kerkermauern entgegenging.
Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre verstrichen, ich wurde Soldat im königlichen Heer; dort habe ich mich nicht so geführt, wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber abgeben; das hieße mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erklärung möge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen wollen, in dem Glauben, daß sie auf diese Weise Ihre leuchtende Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.
Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschluß, bei meinem Bruder zu bleiben.
Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine Zöglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.
+Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...+[68]
[68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses Kapitels sich befinden.
Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich erkläre mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders und den Einfluß seiner Verwandten nicht.
Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch, eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern lügt, fragen Sie seine Landsleute.
Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?
Mir erübrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich will mich eines Dichterworts bedienen --
Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ...
Anhang.
No. 307. Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69]