Der Roman Eines Geborenen Verbrechers Selbstbiographie Des Stra
Chapter 13
Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wußte nicht, was geschah; ein Sergeant ließ mich in den Wagen hinein und nahm an meiner Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei Korporale ein; ich sehe mich verständnislos um und frage mich, ob ich träume, ob man eine Komödie mit mir aufführen will?... Der Wagen setzt sich in Bewegung, hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast dann im Galopp davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe ich eine Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.
Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich führt.
»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt am Ziel.«
»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?«
»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« antwortet lachend der Sergeant.
»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus.
»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.«
Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehört habe, und ich erinnere mich, daß es der Karabiniere mir sagte, als ich in die Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde.
»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man mich zum Besten hat, zum dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!«
Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:
»Wer ist da?«
»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine andere Stimme.
Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hält an; der Schlag wird geöffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen aufgefordert.
Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis geführt, ein Sergeant trägt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.
»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, begriffen?«
»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!«
»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte der Sergeant wütend.
Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer zu ebener Erde in der Festung Abasso, hier war auch das Militärgericht. In diesem Zimmer befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen Waffengattungen.
Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter Leidensgefährten war,[41] fühlte ich mich von einer schweren Last befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich befreit werden würde, während ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefängnis gebracht wurde. Wozu diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische Menschen, die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!... Wann wird man ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reißen können?
[41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.
O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. --
Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen! Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der, väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend, auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen Heerd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen deuten, welche in diesem Kreise ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reißen, um die fern weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen.
Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war trostlos über mein Schicksal und sagte, daß der Oberst anfänglich die Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen aber vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flößte mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen wolle.
Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875 sollte die Verhandlung stattfinden.
Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thränen mit, daß seine arme Mutter krank sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen habe und daß statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine Verteidigung führen werde.
Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich den Advokaten C..., einen schönen Mann mit langem schwarzem Bart. Er trat auf mich zu und sagte:
»Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir -- was brauchen Sie zu fürchten?«
»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher wäre, daß mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.«
»Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.«
»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete ich.
Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben; meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt vergleicht mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.
Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und thätlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren Militärgefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.
Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis zurückgeführt; unterwegs treffe ich den Advokaten C...
»Nun, M..., wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich werde es aufheben lassen, ich werde --«
»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen Sie nicht die Fabel von der Katze und der Maus?«
»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen appellieren.«
»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren Sie, so viel Sie wollen.«
»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater hörte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse das jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener Onkel läßt sie so verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen zusammen kämen, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht werden.«
»Sie, Herr C..., haben gesagt, daß der Vorsitzende und die Richter Ihre besten Freunde, daß der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wäre, daß also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen Beamten mich freisprechen würden -- nicht wahr?«
»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt --«
»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also --«
»Werden wir appellieren!«
»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie wollen.«
»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, der keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen Beamten unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu spaßen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, aber die Schlauheit der Beamten ist größer.«
»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!«
»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen -- ich nicht!«
Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß zu Savona gebracht, wo jeder Gefangene zehn Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-, Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.
Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate, nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche und Taschentücher und verdiente täglich zwölf Centesimi.
Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und täglich fünfzehn Centesimi verdiente.
Von da kam ich in die Druckerei, einen großen langen Raum mit fünfzehn großen und zwanzig kleinen Pressen, ich mußte das große Rad einer Maschine drehen und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Käse; nach diesen schweren sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen Toskaner zusammen arbeitete.
Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden und Qualen und Kümmernisse aufzuzählen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen.
Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42] zu verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, daß ihnen bei der Thronbesteigung König Humbert I. sechs Monate =der Strafe= durch eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt.
[42] Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich sanktionirten Vatermörder« genannt.
Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt war, verließ ich das Militärgefängniß in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt, wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu genießen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich der wachthabende Lieutenant:
»Kommen Sie vom Urlaub?«
»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis zu Savona.«
»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie -- die wievielte ist es?«
»Die achte.«
»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!«
Ein Schurke. -- Unschuldig verurteilt.
Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang und sagte dann, sich erhebend:
»Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen?«
»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.«
»Wissen Sie, M...«, sagte er in mißachtendem Tone, »daß Sie sich zwei Tage versäumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung zu ersparen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, daß ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe geduldig tragen.«
Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt.
»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! Sie kommen etwas spät, zwei Tage zu spät!«
»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, »ich habe in Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu können.«
»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft von Hauptmann.
»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, ohne auf die höhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es nur zu gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben -- versprechen Sie es mir.«
»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der Bedingung aber, daß ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es die Korporale zu thun lieben.«
»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der Oberst an meinen Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an den Unteroffizieren, das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben, überwachen und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich täglich unterrichtet zu werden.«
Dann wendete er sich an mich.
»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mögliche Rücksicht finden, aber für Ihre Verspätung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen -- einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.«
Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit, ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde. Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:
»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest müssen.«
»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir die Verspätung verziehen.«
Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen Unterschrift des Obersten, ich lese sie und sage:
»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.«
Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum.
Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich tötlichen Haß.
»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, während ich in dem Zimmer auf und ab ging. »Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?«
»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind Sie Untersuchungsrichter?«
Der Korporal S... setzte sich nachlässig auf seine Pritsche.
Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch Käse und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt ab -- schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.
Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten Schmutzes, den zu beschreiben die Feder sich sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt, daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des Schönen, warum bist Du so verderbt?
Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte kann nur das rohe und schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen höllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher Unflätigkeit.
.....
Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage im Arrest bleiben.
Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde befreit und der achten Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile Freundschaft, die schändliche Buhlerei mit dem S... fort.
Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf und machte mir lebhafte Vorstellungen.
Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte er:
»+Töte Dich!!+«
Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so führte S... mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, tranken einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S... immer bezahlte;[43] ............................. ............................. ............................. ............................. ............................. ............................. .............................
[43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier genötigt, eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen.
.......................... ............................. ................... Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten Gesträuch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44]
[44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M... mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence, Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzählt.
Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, ist auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt: Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre Laster mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen, daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so suchen sie wenigstens für ihre Ehre etwas zu riskieren.
Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, daß er den Feldwebel unserer Kompagnie tötlich haßte, weil dieser, der einst sein glühender Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und Strafen aussetzte[45] und weil er, als er befördert werden sollte, durch eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Beförderung ausgeschlossen und sein fester Entschluß war, sich zu rächen.
[45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Haß. Die natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein Gleichgewicht haben.
»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« sagte er, »nachdem er mich acht Monate lang betrogen hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, er nannte mich seine süße Alfonsine; .......... ............................. ............................. .........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! als er genug hatte, hat er mich verlassen!«
[46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten an ihrer Sprechweise.
»Was willst Du, mein lieber S...«, sagte ich, »Du bist schön und verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden; nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.«
»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.«
»Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... würde über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.«
»Und der wäre?«
»Ich meine, lieber S..., es wäre das Beste, wenn Du den Feldwebel irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche Säbelhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so hättest Du wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm den Schädel oder die Knochen eingeschlagen hättest, und hättest Ersatz für Deinen ruinierten Körperteil.«
»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.«
»Und Du willst Soldat sein!«
»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, wie sehr ich Dich liebe; und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die Beleidigungen des ersten zu rächen.«[47]
[47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum der passiven Päderasten und Tribaden. -- Sie bedienen sich der neuen Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu rächen.
»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.«
»Weißt Du, S..., Du paßtest besser ins Bordell als in die Kaserne; man sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst Du dazu?«
»Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich liebe, meinst Du, ich könnte mich auch einem andern hingeben?«
»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, würdest Du ihn da nicht an meine Stelle rücken lassen?«
»Sicher!«
»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre Liebhaber zu wechseln.«
»Ich weiß von keiner Königin und von keiner Karoline; ich weiß nur, daß ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen will.«
»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du denkst.«
»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir abzuschütteln, als er damals bei mir war, -- im Gegenteil!«
Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, daß ich seinem Drängen nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:
»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben, nachher kannst Du ihn abschreiben.« Er gab mir sein Notizbuch und ich schrieb:
»Denke an den 23ten!!!«
Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem Arrest bestraft worden.
Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen und sagte:
»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!«
»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!«
»M..., ich lasse mich nicht beleidigen!«
»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«[48]
[48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war.
»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...«
»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.«
»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich, ich liebe Dich..., rasch M..., einen Kuß!«
»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«
»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«
»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der Hand streichelte ich ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie zwei ganze Seiten.«
Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief an den Feldwebel V... auf unsere Weise.
Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte, die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige Schmerzen und das Übel griff weiter um sich.
Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefängnis gebracht, in denselben Raum, wo der schändliche S... mich zur Sünde verleitete.
Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der möge meinen Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, biß mir in die Hände, rannte mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten -- so verbrachte ich den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser brachte.
Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte; meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Körperteil von tausend Nadeln durchbohrt würde.