Der Rebell: Novelle

Part 2

Chapter 23,588 wordsPublic domain

Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem Marsch zum Bahnhof. Längst gewohnt, die abschiednehmenden Blicke Ausziehender ohne Scheu und Reue zu ertragen, bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert mußte ein Herr im Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren, plötzlich im Takt mitlaufen. Das linke, auswärts gekrümmte Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten Beachtungslosigkeit geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln des Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch keiner Ausbruch. Robert sah den nickenden Zylinderturm, roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte sich der mit den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß einen anderen an. Machte ihn aufmerksam auf den fetten Faun, der gutes Frühstück im anmutig geschwellten Leib Sympathie erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der freundliches Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche im Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht, denn gestürzter Omnibus an nächster Straßenkreuzung versprach Stauung. »Na, mein Lieber, noch was Rauchbares vorher?« Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen unter den Tornisterriemen. Grimmig, leise, inbrünstig: »Vorher? Vor was?!« Doch schon ging er weiter. Kommt kein Blitz? flehte Robert. Mit einem Mal sah er Peter. Er erbebte. Peter schritt vor dem Dicken. Weißlich-rot schleppte ihm etwas aus dem Koller. Wie bleiche Selcherwürstel. Das Vieh trat immerzu darauf und pfiff. Ganz deutlich klang es: »-- und dann die Herren Leutnants.« Unverbindlich wippten die Lackschuhe. Wie einen Zweihänder fühlte Robert seinen Arm emporgeschleudert, stieß in Wolken und brannte nieder damit, Eisen in den apoplektischen, hüpfenden Nackenwulst. Er schloß die Augen. In ihm heulte ein Tier. Als er sie wieder öffnete, waren die Personen der Szene schon in weite Ferne gerückt. Der Schlag, ungeführt, verdonnerte in Ohr und Herz. Über die geballte Hand floß Blut einer geplatzten Ader. Sperlinge zwitscherten durch die Stille der Straße.

* *

Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig mit freundlichen weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem Beschauer ein ergötzliches Durcheinander bot. In engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke. Verwirrt über die Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes Mädchen mit leichter Verneigung an ihn richtete, stammelte er etwas von »aussuchen«. Sonderbare Kunden gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen Titel auf den bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert längst verhallte Sprache. Er las sie in leisem Rausch wie jemand, den heimischer Marktplatz nach langen Jahren mit vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden lag vor ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen Goldleisten geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche Märchen. Gerade in das vom versunkenen Klavier geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens vorgetragen. Wann war denn das gewesen? Unendlich lange schien es ihm. Hoher Saal verschwamm, riesiger Orgelpfeifen Wand rundete nach hinten das Bild. Oder hatte er das alles nur geträumt? Aufblickend und die Gestelle abgleitend las er mechanisch: Hauptmann, Eichendorff, Mann, Goethe, Heine, Lucka und andere Namen. Merkwürdig, war er gestern nicht in den »Gespenstern« gewesen? Warum nur die Erinnerung so schwankte! Nun wußte er auch schon nicht mehr, wer die Regine gespielt. Und dann hatte er des Nachts geträumt. Wirres Zeug. Von einem Krieg, einem gelben Holzstuhl in einer Bank, auf dem er tagelang gesessen, einem Blick, -- den ihm wer zugeworfen? -- Cornelia? -- Richtig, er mußte ihr ja noch einen Busch Tulpen schicken. »Also, ich nehme diesen Band hier.« »Bitte schön, mein Herr. Macht achtzehn Mark bitte.« Das schäbige Portemonnaie mit den zwei schmutzigen Markscheinen und der zerknitterten Volksküchenquittung setzte Roberts schweifenden Gedanken mit hartem Ruck ein Ziel. Hilflos, die Unterlippe vorschiebend, auf der ein schiefes Lächeln verlegen irrlichterierte, tauchte er flehend, ihm die Worte zu ersparen, in der Verkäuferin korrekt gewordenen Blick. Der umwachte seine Hände, die, äußeren Zwang noch nicht empfindend, gierig und krampfhaft das Buch umklammerten. Da kamen aus einem Nebenraum zwei Stimmen, sich verabschiedend und begleitend, rasch näher. An der Verbeugung des grauköpfigen Ladeninhabers lavierte, mit kleinen Stößen der Hüfte die beladenen Tische meidend, ein junges Mädchen herein, von mattfarbigem Florentiner das Gesicht überschattet. Der Laden hatte plötzlich keine Decke mehr. Zwischen den Büchern brachen Fliedersträucher auf. Unaufhörlich stürzten italisches Blau und schwellende Flötenrufe durch die offene Decke. Robert fühlte, jetzt mußten draußen auf den Häusern die Fahnen hochgehen. »Die Fremde ist da! Erlösung! Die Fremde ist da!« brausten Chöre in ihm. Frommes Gebet sandte milden Weihrauch empor, der die Augen feucht beizte. Zwei Schritte nach vorn, das Buch fiel. Wie sanft abfahrendes Dampfschiff entglitt der Raum nach rückwärts. Hinter ihm lag schon die Tür.

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Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen Vertrautheit. Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich jedoch nicht vom Wege. In dem Handdruck, den sie ihm bot, floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die Leere verronnener Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen. In gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die Straße hinauf und schlug den frühlingskalten Asphalt in halblautem Gleichklang. Gespräch sprudelte aus Robert, klar und wild, wie Quelle aus längst versiegtem Gestein. Hilde Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus mystischer Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl lange geahnten Halt gebend, freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen. Damals in Sehnsuchtsstarre in die Säule des Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte. Über von sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich von geeigneter Umgebung angewandten Zwang, Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu tragen, über den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch eingehämmerten Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein, ja über die instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten Manteltasche flutete in Wogen das Vergessen. Hilde Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit im Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr. Er ging, ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen, seinen Körper so leicht und schwingend zu fühlen. Als sie sich trennten, lud Hilde Sintram ihn zu Gast.

* *

Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem Tage Robert über die Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter Kressesamen. In seiner Rockärmel glattpolierten Aufschlägen sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die Sonnenreflexe sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich gewahrend senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein Lächeln begann den Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste am Waschtisch früh ward neues, seltsames Instrument. Die angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe, schnappend sonst und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend, ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte Wurstpellen. Nur leise, fernsten Horizont umfahrend, segelte Gedanke einer Katastrophe auf. Ein Klirren in ihm, ein Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden Rücksichtslosigkeiten, die sich drängend zum Riesenwall in ihm türmten. In den Nächten, wenn der Mond schief gegen das Haus stand und die Wasserflaschen unter seiner Berührung verhalten zu singen begannen, brach manchmal aus der eisern zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und versuchte, die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten die fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren Mänteln vermorschtes Geschütz und geleimte Brustwehr und stürzten die Mondwandelnden durch beherzten Anruf in die Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in Regeln fand schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren.

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Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer Seite trostlos aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof vor sich hin. Sich vorstellend, weit ab, irgendwo in einem fremden Land zu sein, kam er schon nur in einen anderen Stadtteil, schlenderte Robert auch hier langsam und neugierig stürmisch nah gewünschtem Ziele zu. Spielend schob er es in scheinbare Ferne und betrachtete Photographenkästen und kümmerliche Rabatten der Vorgärtchen mit Erstaunen. Ein paar alte Bäume schliefen sich in den Nachmittag. Zwischen den holprigen Steinen des Dammes trollte ein Hund dem Bahndamm zu, kräftigen Pfeifens des Besitzers nicht achtend. Plötzlich brach die von niedrigen Häuschen unscharf flankierte, kleinstädtische Straße auf einen Platz aus, in dessen Mitte zwischen wohlgepflegten Büschen eine Kirche sich kühl dem Spaziergänger entgegenwarf. Abwehrend, hinter dichtem Baumbestand lugten einiger vornehmer Villen Kalkputznasen rings um das große, ovale Rondell auf den Fremden. Auf schmalem Schild zeilte sich ebenmäßig und unverschnörkelt der Name Sintram. Schon die Hand zur Glocke erhebend ließ Robert sie plötzlich wieder sinken. In der Kirche schwoll ein Choral und drang durch die mattglimmenden Scheiben. Hingegeben traurigem Gesang schienen die Worte im Munde der Sänger süß sich zu färben. Dann rauschte Orgelton auf, gewaltiger Konfession voll:

Mors stupebit et natura, Cum resurget creatura, Iudicanti responsura.

Liber scriptus proferetur, In quo totum continetur, Unde mundus iudicetur.

Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend, glaste vor ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit über die Knöchel sich hoben, reckte er sich. Frei! Frei werden! Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: »-- traben hin durch helle Lande.« Schon schnaubten ungesattelte Rosse apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum! Uniform, zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes A auf der Achselklappe?! Bange flüsterte Robert: »Laß mich gehen, Peter. Für dich, du laß mich weiter!« Ein Lachen schüttelte ihn. Ein fremder Soldat, aus dem Schatten unwillig gelöst, strolchte mit einem Mädel davon. Umwendend, die Rechte mit allen zuckenden Fingern bis in die Spitzen fühlend, ein unerhörtes Kraftwort hell mit seinen gesunden Zähnen zerkrachend, zog er kurz zweimal hintereinander. Schwirrend jagte das Läuten vor ihm her. Das Haus wich vor ihm in sich zurück. Wärme riß ihn hinein. Riesig schien sich wie eine ewige Wand hinter ihm die Türe zu wölben.

* *

Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und senkten sich von den Stühlen vornehm und ruhig der Vater Hildes und vorgestellte Bekannte in Verbeugung. Erwartung umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes, Feindliches in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe Luft von der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in die ihm neue Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung hatte, wohlig fallen und reihte sich ohne Umstände ins Gespräch. Obwohl er merkte, wie seine Worte gleich kantigen Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer zu Boden fielen. Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger Hingerissenheit halb auf ihrem Stuhl und ermutigte ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die Schläfen schwarzes und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert, ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen, ausgeglichenen Wellen um die Tanzkunst einer Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu lebhaften Anmutsstudien aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen, um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser, sachlicher Unwissenheit in den behandelten Dingen mußte er sich mit einigem Kopfnicken begnügen. Als Hildes Vater zu sprechen begann, schwiegen alle. Leicht blauten sich die Adern an der kühn aus kurzen, weißen Haarflocken herausspringenden Stirn und die Worte, inhaltlich von einem klugen Sinn beflügelt, ohne auf den Kern der Sache Wert zu legen, fielen autoritär und Verständnis unbedingt fordernd. Aus seinem Sessel, wie mit ihm verwachsen, stieg der elastische Körper, leicht vorgeneigt, überredete die Handbewegung, in ihrer gelinden Krümmung Kultur und jahrhundertelange Übung einer Kaste undemütig verratend. Vom halblaut tönenden Munde streifte Roberts Blick tiefer zu dem adligen, von keiner Greisenfalte zerfurchten Halse, dem tadellosen Kragen und gedeckten Seidenschlips bis zu den weichen Wildlederstiefeln, deren warmer Glanz von sorgfältiger Behandlung mit allerhand kostbaren Fetten zeugte. Robert sah auf seine Schuhe, deren linker an der Ballennaht einen gefährlichen Riß aufwies. Aber vor dem ersten! War doch sowieso die Wäsche noch nicht bezahlt. Und teuer waren die Schuhmacher, teuer! Auch stand kein Ende des Krieges und damit frischer Häuteimport bevor. Freilich die Reichen, die Kapitalisten, die zusammen mit zünftigen Militärs die Regie des großen Mordens übernommen hatten, sie konnten der knappen Tage achselzuckend gedenken. Robert hatte plötzlich das Gefühl, als röche er nach Fusel. Säße an bierverschwemmtem Holztische mit Zimmerleuten, die eifrig vor Zuhören die schmierigen Daumen drehten, während auf der Tribüne des dunstverschlagenen Saales der Abgeordnete »Sandmeyer gellende Tiraden über die Erregten peitschte: . . . und nicht genug, daß in fremden Ländern seit Jahren Körper unserer liebsten Menschen faulen müssen, nein, auch hier, vor den Augen der Bourgeoisie, unseres schlimmsten Feindes, krepieren unsere Kinder und Mütter, die der Hunger zerfrißt. Sie sitzt freilich in dem behaglichen Gemach, wo der Kamin glüht, aber ihr seid gezwungen, durch Dreck und Regen zu latschen mit zerrissenen Stiefeln . . .« ». . . also,« schloß Herr Sintram und trocknete die feucht gewordene Lippe mit einem blütenweißen Tuch, »also ist meines Dafürhaltens der Tanz, so er den, durch Grazie und Sitte bestimmten Rhythmus verliert und bacchantisch, sagen wir salomeisch zu werden beginnt, kein Tanz mehr, sondern nur eine Ausgeburt, der das Unbeherrschte, niedrige Temperament des ihn Exekutierenden verrät und mithin geschmacklos zu nennen ist.« Über die, für sein geistiges Niveau beschämende Ideenassoziation im klaren, konnte doch Robert es nicht hindern, daß plötzlich sein Mund haßte und sprach, hart, lauter als nötig, die Worte an den Eckzähnen zerreibend. »Das glaube ich nicht, Herr Sintram. Tanz ist ein Suchen. Aus den gewöhnlichen Lagen sind die Glieder gelöst, wollen sich nicht mehr fügen schematischem Bau. Neuer Vollendung entgegen streben sie. Musik löst das Hirn der Tänzerin in Klänge. Es schwindet die Erde. Wollüstig und süß befällt Rhythmus die Glieder. Aufzucken sie. Die Arme schießen in die Weiten. Sterne umleuchten schon nah die Fingerspitzen. Neue Gefühle wölben die Brüste. Sanft überstreicheln sie Welten von Brausen und lassen sie weich in sausende Luft vergehen. Fahne, mähnig, kämmt hoch das Haar, stählern und geschmeidig, siegende Wimpel. Nun lüftet der Fuß sich, rascher schlägt er die Flanke, will sich vereinen mit den anderen Gliedern, die wild in die neue Freiheit hinausjubeln. Ja, das sahen die Schauer noch nicht. Weit gaffen die Augen. Strahl um Strahl entschießt sehnsüchtige Begierde. Weißglut in der Berührung peitscht sich die Schäumende zu höherer Vollendung. Chaotisch stürzt in ihr das Bewußtsein in Trümmer. Hic salta! Wo ist der neue Mensch? Gewinne dich ab dem flammenden Kosmos, das du in Brand setzest. Auftreibt noch einmal schwer die Erde, will Lende fassen und Hüfte. Aber schamlos überrast reißen die Ketten und sie entdonnert kraftlos. Die Blicke biegen sich ab, stumpf, entglänzen dann heller nach innen. Nebel steigen. Ruhiger türmt sich der Tanz. Krampf sinkt. Über gefundenen Eilanden wiegt sich harmonisch der Körper. Schaukeln ungekannt Länder heran. Paradiese enttauchen besonnt und leise stampfend besingt ein neues Weltall die Befreiung. So --« Das Wort brach Robert am Munde, als die wachsende Befremdung rings durch seinen Rock dringend eiskalt ans Herz stieß. Herr Sintram, eine sehr höfliche Verachtung im Lächeln und eine Erwiderung für überflüssig haltend, machte darauf aufmerksam, daß ein guter und bei dem naßkalten Wetter wohl besonders willkommener Tee angerichtet sei. Gab er jedoch während des Gesprächs Robert gastlich Gelegenheit, seine Rede durch kluge Bemerkungen zu annullieren, blieb der verstummt und fühlte die braune, warme Holzverschalung der Wände, Geplauder über Scheurichs Plastikenversuche und die tadellose Haltung des Dieners wie Herausforderung. Hier war er Feind, den man bei Waffenstillstand höflich bewirtet, aber man ahnte in ihm Gehässiges, Bedrohliches. Hilde blieb tief über ihre Tasse gebeugt. Einmal, als er ihrem Vater widersprach, ohne ehrlich der geäußerten Meinung zu sein, nur um sich aufzustemmen, unterstrich sie ihn mit einem: das glaube ich auch. Ihre etwas sich kräuselnden Schläfenhaare glühten im Widerschein ihrer Haut. »Hilde -- du -- wo bist du?« Ein toller Schmerz, der ihn zersägte, trieb Robert zu frühem Aufbruch. Hilde begleitete ihn. Schon schritt er schweigend, geschlagen, im Rückzug noch zusammengeschossen, die kurze Steintreppe hinab, da fragte sie: »Wir wollen übermorgen reiten, ja? Holen Sie mich ab. Um elf Uhr.« Tief, um ihre Hand zu küssen, beugte er sich; aber die hastig fortgerissene traf er nicht, so daß er beinahe gestürzt wäre. Die Luft kroch ihm kalt zwischen Kragen und Haut. Wie eine alte, verwunschene Burg fiel Hilde Sintrams Haus hinter ihm in den schwarzen Abend zurück. Unwillig knarrend grinste die Gittertür. Revolten zogen mit flatternden Bannern in ihm auf. Scharen von Gedanken, blutrot behelmt, folgten ihnen. Die orangenen Vorhänge schwellten sich voll milden Lichts wie zuvor. »Ihr! Ihr! Ihr erdrosselt und knebelt. Streicht das Rohe und Wilde ab wie Schmutz. staunend, daß es bis zu euch spritzte. O du Gebärde, du Mund, der noch den Widerspruch als zu viel stummend in sich steift. Aber ihr schickt Besoldete. Unterwürfige Knüppelgarde drischt uns zu Boden! Wen habt ihr nicht gekauft? Wen nicht? Bleibt uns als Kamerad der Zuhälter und der verbummelte Student, der Dichter ohne Erfolg und die Dirne, ausgepeitschte Tiere, vor denen ihr die Müllkästen eurer Herrlichkeiten verrammelt. Die anderen bezahlt ihr. Laßt sie zeugen für euch und laßt sie gebären für euch, steckt sie in Uniformen und treibt sie gegen brüllende Batterien, die armen Köpfe mit Gebeten, mit perfiden Begriffen für eure Sicherheit zurechtgeschrotet.« Robert erschrak so, daß seine Beine ihm fast unterm Leibe weggebrochen wären. Trieb die Nacht diese Blasen in ihm, die nach Kneipendunst stanken. Er schüttelte sich. Ekel vor ihm selbst würgte ihn. Gewölk senkte sich. Scharfrandig kantete sich klarer Äther über ihm hinauf. Singend und ruhig zog der Gedanke Hilde seine Bahn. »Verzeihe.« Kratzend kam die Mauer durch den dünnen, schon abgetragenen Hosenstoff. Müde lehnte Robert gegen sie. Er sah zwei schwach zusammengewachsene Brauenbogen in ernstem Forschen vor sich. Die Luft mit zitternden Händen formend, streichelte er den sich in die heiße Handfläche schmiegenden Wind. »Verzeih! Verzeihe!«

* *

Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun streunten sie durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit dem ganzen Körper in die jungen Pflanzungen. Verhalten in Wollust fing sie in geschmeidigen Biegungen die zurückpeitschenden Zweige auf. Oft sah es, hob sie den Fuß auf, aus, als schösse sie damit aus der Erde, und das gleiche Zucken war in den Haken wie im Halse. Robert folgte mühsamer, des verletzten Fußes Widerstand in hingerissenem Zusammenbeißen überwindend. Manchmal klatschten ihm die Büsche über der Stirn zusammen, und es striemte blendend auf, aber wie angeseilt trat er fast genau in Hildes Spur. Sie sprach kein Wort. Als ob sie flüchte, schien es zuletzt, denn rief er sie an, streckte sie wie in ängstlicher Abwehr die Hände vor, und scheu prallte ein Blick an ihm vorbei in den Boden. Allmählich wurde das Laufen zur Jagd. Über welliges Terrain stürzten sie, strauchelten, verfingen sich in einer Schonung, Heere von Brennesseln warfen sich ihnen entgegen, gefällte Baumstämme glotzten höhnisch, und ab und zu flog in ihres Atems sommerliches Keuchen scharf und schneidend ein Vogelruf und sauste annagelnd wie ein Pfeil durch die Hirne. Plötzlich sprang der Wald vor einem glatten, breiten See in sich zurück und umlief ihn buhlerisch mit den tastenden Fingern heller Sanddünen. Erst als ihre Schuhe in feuchtem Boden versanken, blickte Hilde auf. Die Wasserweite rauschte hoch gegen sie und erschlug ihre Augen, so daß sie sich umdrehte und dunkel und rot aufflammte vor Roberts staunendem Erstarren. Er blieb von ihr fünf Schritte. Eine Zärtlichkeit überwältigte ihn. Ohne Maßen schaute er auf Hilde, und die verborgenen Bekenntnisse blühten ihm in die Lippen, daß sein Gesicht vor deren Blut die Farbe verlor und klein wurde, spitz und demütig. Der See sank und hob sich hinter Hilde. Die fernen Küsten unterliefen silbern ihre Achseln. Sie sah den Mann, die Bäume, die Luft, die schwang und sie umwirbelte. Breit schlug sie die Arme auseinander und nagelte sich rückwärts gegen die Sonne. Von ihren Fingern zuckten die Strahlen. Von allen Seiten schoß das Begehren nach Sein in sie. Qualvoll reifte gewaltig in ihr eine Welt und stieg vom Schoß zum Herzen. Ihr Mund begann zu tönen:

»Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist geboren in der Tiefe des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend durch die Stürme der Jahrtausende zum Licht?! Ich bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst wie die Wolke, heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die Angst, die den Henker umsteht.

Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde Fahne umbraust mich mein tödliches Haar, liebliches Lied umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm zischt mein Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand von der Tafel des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe am Gelenk. Zackig droht sie und verspritzt sich böse in Haut. Aber zwischen Kuß und Schauen stand die Furcht. Denn wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab ins Leere!

Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir fällt, verdeckt es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin Himmel. Wer in mich eingeht, dem verrauschen die Stunden, verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz meiner Pracht.

Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das Meer und das Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche und segne, ich erhebe und verfluche. Ich, ja, Göttin, die Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust, ja, ich verfluche. Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand komme, mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu teilen, niemand komme, behaglich zu weilen; niemand flehe, niemand bete. Nur da sei er. Ganz! Ganz! Wie ihn die Mutter erschuf.

Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer kommt ohne Reue und Last, ohne Blick zur Seite und Fragen. Nur, wen die Sehnsucht gegen mich aufbrennen läßt, daß er Eltern und Erde, Erbe und Enkel verlachend vergißt und taumelnd und groß, glühend die Schläfe und die Gedanken, sich neben mich in den Horizont stellt, nur dem beuge ich meine Lippen entgegen. Denn ich bin die Erde, ich bin das Erbe, ich bin das lohende All, der liebende Gott, dem nur ein Reiner ins Antlitz sieht. Nur einer, der ganz ist. Ganz, wie ihn die Mutter erschuf! Der aber das nicht ist, der wird Schmerz und Asche. Schlacke der Zeit stickt ihm die Kehle. Tief stürzt er den Sturz, jahrelang, bis er im Abwärtssausen verweht!«