Part 1
Produced by Jens Sadowski
Die Neue Reihe Band 24
Manfred Georg
Der Rebell
Novelle
1921 München Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
Geschrieben im Winter 1917 für H. S.
Als Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich entlassen sich wieder in den Fluß seiner Studienjahre schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie auch viele andere, mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine Erinnerungen schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst die Quelle von friedlich lebenden Kameraden bewundernd gehörter Abenteuer, kamen ihm wie in süßlichrosa gebundene Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und Klublokalen hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder verkohlte Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser auf durchschrittenem Pfad. So hatte er nichts, was ihm wert genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz entschlossen verkaufte er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein Bankgeschäft ein.
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Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben. Untergeordnete Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld. Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte er schon einen Listenbogen vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und der unregelmäßige Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog sogar manchmal begütigend den Kopf zur Seite, als suche er dort etwas.
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Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe von Wertpapieren zu registrieren hatte, auf seinem Platz. Wenn er abends gegangen war, holte sie ein Bote und brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten Halle, die von einer breiten Straßenfront helles Licht erhielt, gemessen und abgetönt zu. Die Kunden kamen und sprachen leise, mit vornehmen Gesten; selbst die erst kürzlich in diese Gesellschaftsklassen Arrivierten dämpften Stimme und eckige Gebärde, wenn sich die Prokuristen mit leisem Klingeln echt goldenen Armbands verbindlich zu ihnen neigten. Der Schallfänger an der Tür verschluckte in seinem Filz andrängendes Geräusch des Fahrdammes. Einmal, erinnerte sich Robert, war ein Postbote auf der Schwelle stehen geblieben. Da war das Weinen eines Kindes, dünn und spitz, hereingeflattert, hatte sich in die vernickelten Deckenbirnen gehängt und war dann in trostlosem Trillern über die erstaunten Beamten gestürzt. Alle hatten gelauscht. Sogar die Schreibmaschinendamen hatten hilflos schon zum Druck gebogene Finger entspannt. Dann war's vorbei. Und schwer strömte die Stille weiter über Blätterrascheln und unterdrückten Husten.
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Robert mußte manchmal lachen, wenn er daran dachte, er habe einst Vasaristudien getrieben oder als Schüler berühmter Gelehrter heißen Kopfes über platonischen Dialogen gesessen. »Canadian Pacific 120 Prozent.« Wie wundervoll nichtssagend war ihm dieses Papieres Name. Höchstens daß er dabei an Lederstrumpf und Büffel dachte. Seine Erinnerung verwirrte sich wieder und er riß sich zusammen. Geriet er in die falsche Zeile, war die Mühe einer Stunde vergebens.
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Gleichgültig aß er um zwölf Uhr sein Frühstück. Ohne Sehnsucht dachte er dann an Vergangenes. Wie schien ihm alles in flacher Linie zu liegen, winzig, nicht des Gedenkens würdig zu sein. Seine literarischen Versuche, sein erstes, nicht erfolgloses Auftreten in der Öffentlichkeit, sein heißes Werben um Sinn und Erfassung der unsterblichen Meisterwerke, -- Robert grinste häßlich über die geläufige Folge dieser Phrasen, die in seinem Kopfe automatisch abrollte. Nur ganz fern, weit in der Traumzeit seiner Gymnasiastenjahre leuchtete der Freundin Cornelia ernstglatte Kinderstirn leicht und weiß auf.
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»South India Railway«. Herrlich schrieb sich das Wort. Er verstand gar nichts davon. Unbestimmt wogte Ahnung in ihm von braunen, schwitzenden Arbeitern, die in Sonne getaucht für die Besitzer der Aktien frohnten. Dann ballte sich Roberts Faust. Aber scheu und ängstlich löste er sie sofort wieder, so daß das Blut aus der rissigen Daumennarbe gleichmäßig in die Handfläche strömte. Nicht zornig werden. Nicht die Fäuste krampfen. Sonst kommt es wieder; kommt das entsetzliche Wirrsal wieder. Die Buchstaben »Depositenkasse« spazierten im Halbkreis rund und goldig auf der matten Glasscheibe. Hinten in einer Ecke diktierte der Filialvorsteher heiser und mürrisch einen Mahnbrief. Die Worte fielen ihm trocken, versengt aus dem Mund.
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Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von Messines. Von der Höhe entlud er sich schwarz und abfallend auf die Landstraße. Robert hielt mitten in seiner Schwadron hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte nervös auf das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am Gelenk. Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick abmarschiert, kam nicht. »Absteigen!« flüsterte Befehl von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner glitten zur Erde. Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden Peter, der neben ihm hockte und Unverständliches murmelte. Die Karabiner, geprüft, knackten wie scharf zertretenes Holz. Langsam verlor sich das Schnauben der zurückgeführten Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind gebetet in verquollenen, verschluckten Seufzern, hüllten sich in die dunkle Stille. Da schnitt ein Signal sie entzwei, sie riß und zerkrachte in einem kollernden Gebrüll der Aufstürmenden. Sie schrieen vor Angst, Wut und Verzweiflung. Robert und Peter bebten Seite an Seite den Hang hinauf, willens, den niederzustechen, der nicht in gleicher Richtung rannte wie sie. Wie ein Rudel entfesselter Tiere sprangen rings von Grabenscheit und Brottasche umflogene Schatten mit ihnen. Da, als ihr Keuchen schon fast schaumig um die schartenzerlockerte Kirchhofsmauer brandete, setzten sich die dahinter zur Wehr. Peter tat einen seltsam hohen Sprung nach vorn und klumpte schief zusammengestoßen auf einen Haufen. Einen anfeuernden Feldwebel, dem Schweiß und Blut unter zerbeultem Kuppenhelm über das entstellte Gesicht troffen, mit dem Fuß zurückstoßend, beugte sich Robert über den Freund. Der schrie, wild, hoch und haltlos, grotesk die Hände auf den Unterleib krampfend. Dann riß er sich die Kleider auf. Gräßlich lag die von zackigem Geschoß gerissene Wunde bloß. Robert stand, die Hände steif, unfähig sich zu bewegen. Flau kroch ihm ein Ekel über Gaumen und Schlund. »Hilf mir!« brüllte Peter und sucht entrinnendes Gedärm in den Leib zurückzustopfen. Kasernenparaden, Abschiedsjubel heldisch aufgeblasener Backfische, die salbungsgeschminkte Miene des Oberlehrers Drews bei Erläuterung des dulce et decorum hetzten sich bunt in Roberts schwindelnden Sinnen. Er röchelte, als er des fetten Pensionswirtes schmatzenden »Endlich« gedachte, da die Depeschen der Kriegserklärung über den Kaffeetisch flogen. »Hilf mir!« Peters Heulen brach an den schmerzgepreßten Zähnen zusammen. Da mußte Robert grinsen vor Leid. In ihm schwoll Tränensturm tobend hoch. Ein schreckliches Lachen floß ihm breit heraus, als er die Reiterpistole vom Gurt riß und dem sich in Todeswehen bäumenden Freund mitten zwischen die entsetzten Augen schoß. Dann stürzte er um, mit dem verzerrten Gesicht tief in eine zertrampelte Kotlache schlagend.
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Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben scharfe Schläge die hohe, steife Standuhr in den Saal warf, aufgeregt die Bureaufräulein an Robert vorbei, Sehnsucht nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder einem friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen in den Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz auf den für zwanzig Dienstjahre von der Bank gestifteten Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen nach. Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl soeben gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm durch Schlüsselrasseln seinen Unwillen über Roberts Hindämmern vor schon aufgeräumtem Tisch demonstrierte, erhob sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ ihn nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern.
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Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten Zimmers vor dünnen Stullen und verpanschtem Bier, hob er manchmal den Blick. Glaube, ein Wunder müsse geschehen, erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen die Rauchfahnen der städtischen Fabriken von Ost nach West über die Giebel. Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern. Die Geranien, verblüht, lösten sich und ließen leise ihre Blätter in die Tiefe segeln. Die tanzten eine Weile, wie nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im dritten Stock schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig mit Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden empor. Robert sah zu, wie sie ihm die breit auf den Tisch gespreizten Finger überflutete.
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Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte mechanisch mit dem Haken gegen die Seitenlehne. Summte bisweilen. Falsch und eintönig irgendeine Wortfolge. Allein, alleine, heute alleine, morgen alleine. Und Zorn schwelte langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum? Warum nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war und noch immer Krieg im Land? Laß die Toten die Toten begraben. Kann ich dafür, daß er fiel? Kannst dafür, kannst dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes, wohltuendes Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden, widerliche Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben Zeit wieder hundert Peter herum und versiegen in Blut und Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur schreien. Nein, nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust den Mund. Mitten zwischen die Augen. Und hatte doch mit mir Reifen gespielt und Flitschbogen geschnitzt. War hoch auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte mir Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön ist es auf der Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind zu malen, sind zu malen. Himmelherrgott, bin ich denn verrückt? Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb ein Streichholz an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den wenigen Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit zu kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß ihm. Gerede, Rethorik, Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu denen mit Feuerzungen gesprochen wurde, tanzten vor Jubel bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und ersoffenen Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und Westpreußen, Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo er im Nervenfieber vierzig lange Tage auf dem schweißdurchnäßten Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben gebangt. Scheu hatte er sich in die Kissen gedrückt, wenn die Nebenmänner starben. Bis ihm der schrille Schrei Mutter in allen Sprachen geläufig und der einwickelnde Griff der Totengräber eine technische Fertigkeit geworden waren. Robert drehte hastig das Licht aus. Schlafen, Ruhen. Wohlig das Schmiegen der Kissen auskosten. Nicht denken. Alles ist doch gleichgültig. Kann ich's ändern? Morgen male ich wieder Zahlen. Elbinger Stahlwerke. Na, wenn schon. Nur schlafen. Hat Limm nicht eine neue Borte um die Mütze gehabt? Oh, wie müde, wie müde. Peter, armer Peter. Bochumer Hütten stiegen auf 300. Schlafen, ist ja egal --, ah -- wie müde, -- wie müde -- --.
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Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen waren vom kargen Gehalt übriggeblieben. Schon saß er wieder in seinem geliebten Prinzentheater auf einem hinteren Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche Polster unter ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt, begierig auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet. Wie fern ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer Glaswand. Fest eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts Fremdes zu ihm hindurchließ. Sein Blick strich schwerfällig in die Runde. Über erhitzte Gesichter Ankommender, in behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig Verwachsener, über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und volle Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm herunterglänzten. Wächsern sah das alles aus. Unheimlich, automatisch eingelernt. Und ich mußte meinen Freund erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen Ehefrau Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger Fräcke. Die sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch die Hitze des Saales, und sie feuchtete sie mit einem flinken Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam. War er allem so fremd geworden? Dieser Frauenmund dünkte ihm etwas unerhört Neues, nie Gesehenes. Weiches, verschwimmendes Rot-Dunkel brach in den Saal. Schwingend und lautlos barst der Vorhang auseinander. Isolt klagte.
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In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch rauschte die Musik in ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem Gebirg gleich schroffte sich Erinnerung in seiner Brust auf und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber darüber flogen die Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen schreitenden Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und horchte beglückt auf das Konzert in seiner Brust. Plötzlich mußte er unwillkürlich die Augen schließen. Jemand hatte ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich bereits wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon fühlte er, wie in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich zu lächeln, verbindlich zu grüßen oder einmal zu pfeifen, wie ein helles Schiff mitten in das Geschwader seiner wolkigen Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das Fremde vorbei. Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über das hinterhältige Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf aus und tauchte im Gewühl unter. Nur blaß blieb ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die Brauen zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf dem Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen ziehender Genossen plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener den Kopf und hob den Arm zum Schutz seiner Wehrlosigkeit. Dann tappte er dunkel zu seinem Platz.
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Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen, weiter ins offene Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er daran. Verging nicht vor Süße. Manchmal klangen ein paar Worte der Sänger dazwischen wie leise Hornstöße. Dann sank er wieder unter in Tönen, wurde hochgehoben und trieb in glücklicher Besinnungslosigkeit dahin. Mit einemmal ward es lichter. Ein Gedanke, fremd ihm längst geworden, phantastisch, glomm fern in ihm auf und wühlte sich rasend näher durch die Klangwogen: Das fremde Mädchen. Wer? Wer? O ginge sie nicht fort. Als er ihm hell und lodernd ins Hirn stieß, prasselte zu gleicher Zeit um ihn der Beifall der Zuschauer klatschend nach vorn gegen die erblindende Bühne.
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Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt. Ein wenig kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen hinunter, die Hand auf dem Leitsteg. Da stolperte etwas hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete einen taumeligen Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand tappte schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei Ringe brannten ihm tief ins Fleisch. »Verzeihen Sie bitte.« Über das Gedränge und seine Fährlichkeiten einige unverbindliche Worte tauschend gelangte er mit der Fremden ins Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien, sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer Wildkatze entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der Pause. Wo? Aber das Bild verwischte sich traumhaft.
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Kaum daß er's merkte, war er mit Sonia, wie Brocken ward der Name hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten. In der Wärme einer Kakaostube ihre Glieder fühlend blickten sie sich einander an. Sein verzerrtes, in Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle Dämme des Vorspiels, trieb ihn, kaum daß er sich wehrte, rasch aus den Positionen der Konvention, und schickte sich schon an, die Fahne ihres Lachens aufzuziehen, als sie sich plötzlich von seinem ruhigen Spott umstellt sah und vor sich eiserne Tore fühlte. Sie fauchte etwas und schob sich leise näher. Aber Robert, seine Ruhe um sich schlagend, ergötzte sich an ihrer animalischen List. Ließ seine Hand in ihrem Atem wie in einem Bad. Plötzlich aber griff er Sonia am Arm, dicht unter die Achsel und riß sie an sich. Sie knickte mit einem kurzen Freudenlaut zusammen, so daß der Malayenboy an den surrenden Teemaschinen diskret fortsah. Die halb geöffneten Augen demütigten sich in Ergebung. In Robert jedoch brachen die Sinne, halbverhungerte, struppige Tiere, aus ihren vermorschten Fesseln. Die Kontrolluhren seiner Gleichgültigkeit blieben mit einem Ruck stehen. Vulkanisch quoll Dampf in ihm auf und legte sich graurot über alles Geschehen.
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Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag gestreckt auf die Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus. Gewißheit tropften die Sterne. Unabänderlichkeit. Die Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer wie riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da -- weit hinten stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend. Als ob jemand geschlachtet würde. Stieg. Und stieg. Robert warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er hörte, wie der Schrei sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa schrie. Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt. Breit wie ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt floß ein Kreischen heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht, rannte sich steil an den Wänden und spie zerrissen sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich unter dem Anprall. »Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!« Robert flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd im Dunkel. Stumm lächelten die Hausgiebel mit den fehlen Bodenluken. Sonia, gestört, fiel im Traum, und bog schleifend den Fuß in einer Deckenfalte. Dann erwachte sie, sah Robert starr gegen das Fenster gerichtet, und weich mit den Linien des Lagers verschmolzen bot sie sich ihm an. Aber er wich in die tiefen Schatten der Stube. Nur einen Augenblick sah sie eine zusammengehämmerte Faust, von Adern hügelig überflossen. Angst pfiff ihr in der Kehle. Leise tappte sie nach der Tür, die Fußsohlen behutsam vorschiebend. Wie Büsche auf dunkler Landstraße, hinter denen Wegelagerer hocken, drohten die lichtlosen Ecken. Jemand knirschte mit den Zähnen. Wer? Robert? Oder ein phantastisches Ungeheuer, das in seinem Versteck riesenhaft sie überwuchs?! Jetzt galt es, einen Mondstreif zu passieren. Sonia zauderte. Schon erglänzten die Nägel ihrer Zehen. Milch puderte sich um die Knöchel. Dann stand sie gereckt in der Helle. Verstand, sich an dem glasigen Feuer ihrer Haut entzündend, weckte sie auf. Hoch warf sie die Arme. Dehnte sich satt und schlank, sich selber fühlend im Licht, das wie ein Schuppenpanzer sie sichernd umschmiegte. Dann sprang sie, aufgescheucht vom dumpfen Niederbruch eines Körpers, in einem Satz aus dem Zimmer.
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In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe, von der er nicht recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der Briefträger an den Flurtüren der niederen Stockwerke, flog schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses verzweifelt erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht des Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und schwenkte in verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang, um auf der anderen Seite des Hauses endlos die Stiegen hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte Robert im Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde spürend. Wer denn überhaupt?! Wer, zum Kuckuck?! Er bekam das Gesicht nicht zusammen. Hinter seinen Augen fühlte er Schmerz. Ausgerodet lag ein kleiner Platz im Hirn. Winzige rote Feuerkugel, scharf zusammengeballt, kohlte der Blick der Fremden und riß mit zündenden Rändern alle Fasern in seinen knisternden Kreis. Durch die Stube gegen die Tür stürzend dröhnte Robert gegen das Holz. Das Gesicht! Ich habe das Gesicht verloren. Mir ist wie jenem Mann, den am Nordpol einer traf, als grunzenden Gesellen, ein halbes Schwein, das kaum essen konnte. Der hörte das Wort »light«. Sein vereistes Gesicht brach plötzlich von innen zusammen. »Light?« In ihm sagte etwas Ja! auf light. Was, was? So wie wenn der Pelz am kalten Abend um die Brust einen Ring von Wärme lagert, in dem man in Schlaf fällt. Light? Gesicht! In Robert stiegen Schreie wie Notsignale eines Schiffes, verirrt in der Wasserwüste. Abgetrieben von der Küste der Erinnerung blieb ihm nichts übrig, als zu beten. Zwischen ausgelaufenem Heringskopf vom Abendbrot und fettiger Zeitung faltete er die Hände. Den Mund schon öffnend fiel ihm die Bibel ein. Ruth! Und mit suchenden Augen raste er in die Kapitel, bis die Seiten des Buches ihm über das Haupt aufwuchsen wie zwei riesige weiße Flügel, in deren Schlag er mit müde gehetzten Zügen versank.
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Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem Balkon polsterten sich Gitterstäbe und Borde mit einem harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen rings um das Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang der Todesruf derer, die in den flockenweichen Abhängen letzter Spannung Grauen erfuhren. Hiobsposten wechselten mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier wuchs täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug man Armut unter nicht geglaubten Phrasen. Robert mußte kleinlichste Berechnungen anstellen, wollte er nicht schlankweg verhungern. Er erduldete alle Demütigungen der Volksküchen, wo man ob des reinen Kragens, den er hatte -- mußte doch Repräsentation in der Bank kärglicher Mahlzeiten ungefühlter Ausgleich sein --, von ihm abrückte und sich schweißigem Halstuch verband. Eines Tages krochen auf seine linken Finger runde grüne Fleckchen mit gelbem hautspaltendem Einkreis. Kälte sengte die Hand. Das ausgerenkte Eisenmaul des Ofens bleckte leer und von Frost umwittert. Seinen Mantel und Decken über sich werfend, floh er ins Bett. Lag da, bis ihn morgenlicher, früher Wind in den Hauskaminen zur Arbeit jagte. Lag da und spürte die Öde der getünchten Decke wie Körper. Nur unbestimmtes Gefühl einer Hoffnung, die irgendwoher in blumenden Gewändern sich ihm erfüllen sollte, keimte leise und heftig. Das Erlebnis jenes fremden Blickes, langsam in den steigenden Eisschatten der Kälte und des Hungers erfroren, quälte ihn kaum noch mit suchenden Stacheln. Nur ein Warten blühte in ihm. Es nicht begreifend, atmete er auf, glaubte er es durch Genuß eines ergatterten Wurststücks betäubt. Aber dann überfiel es ihn wieder. Seine Träume wurden bunt. In Biedermeiergärten schritt er einher. Mußte Spitzwegszenen stellen und Walsersche Gespräche führen. Unerhört farbig betupfte Landschaften waren zu durchschreiten. Hinten brach ein Himmel in schießenden Strahlen ein. Dahin mußte er rennen. Es erwartete ihn dort wer. Die von kugelig dickköpfigen Bäumen bestandene, mit hellem Kiesschotter besäte Chaussee begann wie im Film an ihm vorüberzuschwirren. Wo hatte er schon einmal in solchem Wirbel gestanden?! Erinnerung schrie in ihm auf! Die Wolken schienen in feurigen Bändern zu lodern. Er flog. Musik ritt im Winde mit ihm. Gelüfteter, frierender Arm weckte ihn. Süße, ungeahnte, in sich spürend, schwangen seine Schritte in den nächsten Stunden. Dann wischten Keifen der Portierfrauen, übelschmeckender Kaffee und der bedrückte Lärm unwilliger Frühaufsteher das Bild schmutzig. Saß er später wieder vor grüngefriestem Tisch und dem Tanz der Zahlen, konnte es geschehen, daß er krampfhaft gegen die Brust tastend einen Laut aus sich grub, der wie zerrissener Jubel sich hob. So fremd klang er ihm, daß Robert selbst freundwillig und beglückt ihm lauschte, bis er sank und wie ein Bumerang rückkehrend mit vollem Weh auf ihn niederbrach.
* *