Part 7
Da stand sie auf und legte langsam Stück für Stück ihres Brautschmuckes ab. Lächelnd sah sie die zusammengeheftete Taille an, die großen weiten Stiche. »Stimmt,« sagte sie, »leichtsinnig zusammengeflickt. Riesig leichtsinnig!« -- Sie legte die Taille achtlos beiseite. »Aber schlecht bin ich nicht,« sagte sie nach einer Weile ernst, »was ich thun kann, thue ich. Du weißt nicht, was du dir geheiratet hast, du guter Mensch; aber so schlimm, wie's werden könnte, soll's weiß Gott nicht werden, das schwör' Ich dir, hier mit mir allein schwör' Ich dir das.«
Das sagte sie ernst und rückte ihren Spiegel beiseite, um in dem engen Zimmer mehr Platz zum Ankleiden zu bekommen.
* * * * *
Wie schon gesagt, feierliche und thörichte Stunden, Stimmungen aller Art, zärtliche und wehmütige Flitterwochenstimmungen, Verdruß und Versöhnung, auch Langeweile und Kummer, alles, was ein junges Paar in der ersten Zeit der Ehe durchzuleben hat, lag mit dem ersten Sommer ihrer Ehe hinter ihnen.
Sie hatten Erlebnisse aller Art hinter sich. Gastelmeier meinte, in sechs Jahren sei bei ihm bisher nicht so viel passiert, wie in den sechs Monaten seit seiner Verheiratung, lächerlich viel!
Auf der Hochzeitsreise hatte er sich vorgestellt, daß er nach Herzenslust bummeln würde und sie mit ihm; er hatte sich aber geirrt. Sie hatte angestrengt gearbeitet von früh bis zum Abend, Tag für Tag, unermüdlich. Sie waren miteinander am Morgen mit ihren Malgerätschaften ausgerückt und er hatte zum erstenmal im Leben Gelegenheit, den bedürfnislosen, unzerreißbaren Fleiß gewisser Frauennaturen zu beobachten, ihr Nicht-rechts-und-links-schauen bei der Arbeit. Freilich, lieber hätte er diese Beobachtung nicht gerade jetzt an seinem eigenen jungen Weibe gemacht. Unendlich viel lieber wäre er mit ihr bergauf und bergab vogelfrei in die schöne Welt gezogen; aber da war etwas, das seinen Willen brach, etwas Unbezwingliches. Ein paarmal hatte er es durchgesetzt: sie waren miteinander gewandert, aber es war nicht die rechte Freudigkeit dabei gewesen. Sie war auch nicht besonders gut zu Fuß, ermüdete schnell und schien bei allem, was sie sah, präoccupiert zu sein. Sie genoß die Natur nicht naiv und einfach, verarbeitete im Geiste immer was sie sah und war immer von dem Triebe erregt, wie sie wiedergeben würde, was sie sah. Sie kannte kein Ausspannen, kein Vergessen. Wenn ein Weib sich einer Sache wirklich hingiebt, giebt sie sich grenzenlos hin. Das liegt in der Natur des Weibes: sie giebt sich der Kunst hin, wie sie sich der Liebe hingiebt, auf Tod und Leben!
Er hatte es sich nicht vorstellen können, daß Olly diese Arbeitskraft hatte, und doch, wenn er sah, wie sie vorgeschritten war in ihrer Kunst bei ihrer rührenden Jugend, so mußte er an heiße Arbeitsstunden, an einen heiligen Eifer glauben. Wie hatte er selbst mit zwanzig Jahren sich behaglich an das Studieren gemacht! Was war er mit zwanzig Jahren gewesen, was hatte er gekonnt? Mein Gott, wenn er sich mit Olly verglich! Er hatte arbeiten, aber auch das Leben genießen wollen. Das ganze Leben lag damals vor ihm. Er konnte wie ein Verschwender damit umgehen und hatte es gründlich gethan -- und hier bei diesem jungen Weib war ihm zu Mute, als arbeite sie wie ein zum Tode Verurteilter, der ein großes Werk noch zu guter Letzt mit Hangen und Bangen zu stande bringen will. Ja, so war es; er hatte diesen peinigenden Eindruck von ihrer Art zu arbeiten. Dabei war sie liebenswürdig, geduldig, war sein süßes, kleines Weib. Er fühlte sich in keiner Weise enttäuscht. Er hatte ihr nichts vorzuwerfen. -- Doch! Sie war ihm gewissermaßen fremd geblieben. Er gewöhnte sich nicht an sie. Sie erregte ihn. Sie war das Weib nicht, das in der Person ihres Mannes aufgeht.
In der ersten Zeit ihrer Ehe sagte er manchmal zu ihr: »Wenn ich dich doch einmal ganz hätte -- deine ganze Seele und deine Gedanken! Du bist nicht wie eine verheiratete Frau, sondern wie ein leichtsinniges Mädchen, die im Arme des einen an den andern denkt. Dieser andre ist deine Kunst.«
»Du wußtest es ja,« erwiderte sie ihm darauf. -- --
In München hatten sie sich ein Nest eingerichtet, ein Atelier und ein paar Zimmerchen. Sie wollten beide in demselben Atelier arbeiten so lange, bis einmal die Einnahmen reichlicher flössen. Vor der Hochzeit war das Nötigste besorgt worden, aber erst nach ihrer Zurückkunft von der Reise machten sie sich daran, das neue Heim behaglich auszustaffieren. Olly schien dies wirklich Vergnügen zu machen. Sie stöberte alle möglichen Dinge auf, die andre Leute nie finden, zahlte auch nicht unvernünftig, und Gastelmeier war glückselig, wie klug sie sich der Sache annahm; aber eilig geschah alles, sie wirtschaftete von früh bis abends, rannte zu den Antiquaren, es war kein Halten. Es läutete alle Nasenlang, und Dienstmänner brachten etwas angeschleppt; es polterte, hämmerte unaufhörlich, als wäre kein Augenblick Zeit zu verlieren.
»Sag einmal, mein Schatz, weshalb denn so eilig?« fragte Gastelmeier.
»Ja, was meinst du, wieviel Zeit soll ich damit verlieren?« antwortete sie.
Als aber alles soweit fertig schien und Gastelmeier ganz bereit war, nun behaglich aufzuatmen, kam er nicht dazu. Er hatte auf vollkommene Windstille gerechnet und wollte es sich nun in seinen vier Wänden wirklich gemütlich machen; aber, was es nur war, mit diesem »sich gemütlich machen« schien er immer noch warten zu müssen.
Sie hatten noch kein einziges Mal, so lange sie nun daheim waren, etwas wirklich Vernünftiges gegessen. -- Während der Wirtschaftstage schien dies Gastelmeier ganz erklärlich, trotzdem er sich nicht gerade wohl dabei befand. Er war in seinem Restaurant, in dem er als Junggeselle gespeist hatte, verwöhnt worden. Man hatte für ihn und einige seiner Kollegen täglich ein bestimmtes Fleischstück auf eine besondere Weise als Vorspeise, wie er es daheim gewöhnt war, zubereitet. Er war etwas Gourmet auf seine Weise und hatte sich mit der Wirtin auf guten Fuß zu setzen gewußt, so daß er wirklich wohlversorgt gewesen und gut gediehen war. Seine Zunge war außerordentlich empfindlich und bei dem geringsten Versehen hatte er sich dort ganz gehörig beklagt. Dieser Mittagstisch, dem er präsidierte, hatte während seines Regiments einen guten Ruf erlangt.
Olly in ihrer Bedürfnislosigkeit hatte die Küchenfrage sehr naiv genommen. Zu Hause war sie auch an nichts besonders Ausgeklügeltes und Wohlzubereitetes gewöhnt. Sie hatten es über so eine Art »Schlangenfraß«, wie sie in München sagen, nie hinausgebracht, eine Art, sich zu nähren, wie sie in den Familien üblich ist, in denen die Frau keinen Sinn für Küche und Haushaltung hat. Die meisten Menschen können bei einem so gleichgiltigen, langweiligen, seelenlosen Sich-voll-füllen-müssen gedeihen; aber junge Männer, die beim Eintritt in die Ehe sich zu solch einer traurigen Ernährungsweise verurteilt sehen, werden mißmutig, ärgerlich, unritterlich, die Lebensfreudigkeit wird ihnen ausgeblasen. Sie haben das bessere Leben in den Restaurants während ihres Junggesellentums kennen gelernt und können vergleichen.
Olly hatte sich eine Köchin gemietet, ohne viel Federlesens zu machen. Sie ahnte gar nicht, welch wichtiges Geschöpf die Köchin im Grunde ist. Die Köchin aber ahnte sehr bald, daß das Schicksal sie wohl gebettet hatte, daß sie Herrin auf ihrem Gebiet war, und daß das kleine Wesen neben ihr im Haushalt nicht viel zu bedeuten hatte.
Olly arbeitete von früh bis zum Abend, nachmittags besuchte sie einen Aktkursus, zwischendurch griff sie pflichttreu im Haushalt mit zu, -- aber wie im Dunkeln und ganz planlos. Sie versuchte zum Abendessen etwas zu kochen, weil die Köchin um diese Stunde gewöhnlich ihren eigenen Interessen nachging. Sie hatte eine Idee, sie wollte ein Gericht zu stande bringen, das ihr vorschwebte. Da fehlten die Eier. -- Mein Gott und die Köchin war nicht da! -- Sie kam auf etwas andres, da fehlte das Mehl.
Sie war müde, abgearbeitet. Es hätte alles behaglich für sie besorgt sein müssen, nun mußte sie selbst sorgen. Und sie wußte sich nicht zu helfen, es wirbelte ihr im Kopf; was sie anfaßte war nicht in Ordnung. Sie begann zu kochen mit dem, was sie vorfand, ein Phantasiegericht, das sich zuerst ganz gut anließ, schließlich verkleisterte oder zusammenrann und eine Ähnlichkeit mit Palettenschäbs bekam, der von allen übriggebliebenen Farben, wenn sie auf der Palette zusammengekratzt werden, sich bildet; trotz aller schönen Couleuren, aus denen er besteht, immer ein unerfreuliches, schmutziggraues Gemenge.
Ganz so ließen sich ihre Milch-, Fleisch-, Mehl-, Kartoffel- und Gemüsegehäcksel an, die sie in Abwesenheit ihrer leichtsinnigen Köchin bereitete und die sie manchmal in Schreck und Beschämung, nachdem sie traurige Erfahrungen damit gemacht hatte, von der Pfanne ab ins Feuer schob, wo ihr Gericht als trauriger Klumpen verkohlte, während ihr Gatte im Zimmer auf und nieder ging, und sie einen höhnisch prüfenden Blick der Köchin aushalten mußte, der ihr den Mut benahm, die pflichtvergessene Person auszuschelten. Sie sagte dann nur zaghaft im Gefühl ihrer Unsicherheit: »Ach, bitte, wären Sie so gut und liefen schnell zum Metzger, aber bitte recht schnell!« Sie wagte sich dann nicht ins Zimmer hinein, bis irgend etwas Eßbares im Hause war. Und dabei war sie so müde.
Von ihrem dreizehnten Jahre an hatte sie angestrengte Arbeit gekannt. Von dieser Zeit an hatte man sie studieren lassen; ein Freund ihres Vaters, ein bekannter Maler, der das Talent des Kindes entdeckt, hatte sie selbst ausgebildet. So war ihr das Leben des jungen Mädchens völlig fremd geblieben. In ihrem Gefühlsleben war sie Kind geblieben und Künstler geworden, rein und leidenschaftlich.
Das Leben und seine Anforderungen verwirrten sie; sie hatte in nichts einen Überblick, denn sie trug die Dinge, die außerhalb ihrer Kunst standen, nicht mit sich in den Gedanken. Sie sprangen immer wie aus einem Nebel hervor, wenn sie dicht vor ihnen stand, und erschreckten sie. Da war das Mittagessen, das immer herankam, wie ein Schreckgespenst. ›Herr Gott, schon so spät!‹ -- Was war geschehen, was nicht geschehen, was hatte sie mit der Köchin ausgemacht, was nicht? Was gab's? Wie hatte sie's gemacht? Was hatte sie alles vergessen? Da war ja noch so gut wie gar nichts! Was nun? Hundert Fragen und jede Frage ein Schreck -- und mitten aus der Arbeit herausgerissen! Und ihr Mann? Hatte er nicht schon nach der Uhr gesehen? Weshalb hatte er nichts gesagt? Sie fragte ihn: »Weshalb sagtest du nicht, daß es schon so spät ist?«
»Weil ich das unsinnige Auffahren nicht leiden kann.« Er war böse. Und alles in Unordnung.
Die Wäsche! Das Wirtschaftsbuch, das Zimmerreinigen! Das Geldausgeben! Die Zeiteinteilung! Das Heizen! Die unendlich vielen Mahlzeiten! All' das waren Gespenster, die aus dem Nebel sprangen und sie immer von neuem entsetzten.
Und wie sie sich mühte und quälte! Dabei malte sie ihr erstes Bild nach einem bezahlten Modell, rannte abends in den Aktkursus und war voller Hangen und Bangen, träumte von Ruhm und Glück und ging wie in der Luft vor innerer glückseliger Arbeitserregung. Emil, ihren Bruder, unterrichtete sie auch noch und ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war die Peitsche für seine Faulheit und ermüdete nicht und blieb bei Laune und betete, daß es Gott ihr doch erleichtern möchte mit Emil, daß er Eifer und Pflichtgefühl in ihm erwecken möchte, ihm so viel Kraft geben möge, daß wenigstens etwas zustande käme.
Ja, das waren bewegte Zeiten und kein Wunder, daß Gastelmeier nach Ruhe ausschaute.
* * * * *
Und da war etwas, das in Ollys Seele als unsägliche Bangigkeit aufstieg, das wie eine dunkle Furcht nachts über ihr lag, wie ein geheimnisvolles Grauen, das sie sich aus den Gedanken fortarbeitete am Tag, das sie im Gebet zu ihrem Gott trieb. »Mein Gott, mein Gott! Nein -- nein, noch nicht!«
Und heiße Thränen flossen deshalb, heiße, versteckte Thränen. Niemand sollte fragen dürfen. -- Schweigen, schweigen. --
Sie arbeitete doppelt angestrengt. -- ›Wie ein zum Tode Verurteilter,‹ dachte Gastelmeier wieder. Ja, sie arbeitete in Angst und Bangen. Gastelmeier selbst mußte sich gestehen, vortrefflich, überraschend. Aber er gestand es sich schweren Herzens, halb unwillig, und Olly empfand, daß er nicht mit ihr lebte. Das freilich hatte sie noch nie von einem Menschen verlangt. Ihr Glück, ihr eigentliches Leben lag in der Zukunft. Dann, wenn der Ruhm kam, dann, dann -- dann wollte sie leben.
-- Aber jetzt -- da war nur ein Gedanke und der erdrückte ihr die Seele. Sie fürchtete -- glaubte -- ahnte und es wurde ihr mehr und mehr zur Gewißheit.
* * * * *
Und es kam ein Abend, da saßen sie miteinander im noch nicht erhellten Zimmer. Das Feuer knisterte im Ofen. Draußen schneite es, und sie hockte zusammengekauert in der Sofaecke. Sie war aus der Stadt gekommen durch Schneegestöber, aus dem Aktkursus. Wie atemlos sie gearbeitet hatte -- und wie müde sie war! Kalt, durch und durch kalt, die Füße naß, und sie hatte nicht die Kraft Strümpfe und Schuhe zu wechseln. Sie fühlte sich krank und ganz unter dem Druck einer Bangigkeit, die sie nicht bezwingen konnte. Gastelmeier saß am Fenster.
»Olly, hast du deine Schuhe gewechselt?« fragte er.
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Ich bin so müde,« sagte sie und fing zu weinen an.
Da war er bei ihr. »Was ist denn, mein armes Kind?« fragte er und kniete vor ihr nieder.
Ja, jetzt kniete er, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte, und sie sah gerade auf seine Glatze, die im Dämmerlicht glänzte; das kam ihr komisch und öde und langweilig vor -- trostlos mit einemmal.
Er faßte ihre Füße an. »Wie naß!« sagte er. »Komm, ich zieh' dir deine Schuhe aus.«
Sie rührte sich nicht und er knöpfte ungeschickt die Stiefelettchen auf, zog ihr die nassen Strümpfe von den Füßen und befühlte die eiskalten Füße. Er rieb sie, holte eine Decke und wickelte die Füßchen hinein. »Komm, leg dich doch bequemer,« sagte er.
Er blieb vor ihr knieen und streichelte sie, und es war, als wenn er sprechen wollte. Er sagte aber nichts und es verging eine Weile, während der es ganz still im Zimmer war, nur das Steinkohlenfeuer knisterte leise. Endlich schien er zu dem, was er sagen wollte, gekommen zu sein. Er bog sich ganz über sie hin, ganz zu ihrem Ohr. »Olly, kleine Frau,« sagte er, »verschweigst du mir etwas -- etwas -- Olly, etwas?«
Er war sehr bewegt und hielt sie wie damals so liebevoll und zart, als wäre sie ein Heiligtum. Er flüsterte ihr wieder ins Ohr. Da brach ein Thränenstrom aus Ollys Augen, so gewaltsam und heiß und schmerzvoll, und er bekam keine Antwort; ihr ganzer Körper war erschüttert, und er faßte ihre Hände und fragte noch einmal dieselbe Frage und bekam eine stumme Antwort, die ihn ganz verwandelte.
»Olly,« rief er glückselig, »nun wird alles gut!« Er strahlte, wie das gewöhnlich ist bei dem ersten Wunder, und hielt sie in seinen Armen an sich gedrückt, ohne darauf zu achten, daß das Geschöpf, das ihn eben mit einem Kopfnicken so beglückt hatte, sich in Jammer und Angst und Lebensverwirrung Leib und Seele zerquälte.
Wie sollte es werden? Sie fühlte sich so hilflos, so machtlos. Die schweren, erdrückenden Worte am Traualtar brausten ihr wieder wie Orgeltöne durch den Kopf. Es überstieg alles ihre Kräfte. Jetzt schon! -- Das Leben drängte sich so übermächtig ein und trieb sie in die Enge, sie aus ihrem Paradies, aus der Luft, in der sie allein leben konnte. Sie sah nur Unglück und Trostlosigkeit, Kampf und Qual -- und Gastelmeier war glückselig, schwatzte auf sie ein und war kreuzfidel. Sie wendete sich ab. Er that ihr leid und kam ihr so komisch vor. Er mißfiel ihr. Dann dachte sie wieder: ›Er ist ein armer Mensch.‹
Sie dachte das alles in einer unsinnigen Erregung. Und diese selbe Nacht erkrankte sie schwer.
VI.
Die Seele des Geschöpfchens, das sich dem irdischen Jammerthale hatte zuwenden wollen, war zurückgeschauert und vor ihrer Erdenwanderung behütet worden.
Olly lag krank und matt in ihren Kissen. In der ersten Zeit hatte sie das dumpfe, drückende Gefühl, als hätte sie das Dasein dem Geschöpfchen nicht gegönnt. -- Sie war dabei, sich in schmerzliche, nutzlose Gefühle krankhaft hineinzurütteln. Aber nein, nein, das sollte nicht Macht über sie bekommen. Die Gedanken wurden wieder frei und ruhig. Es war gut so.
Es stand ihr klar vor der Seele, wie sie von der bangen Erwartung zu Boden gedrückt war, wie sie sich so schwach, so hilflos, so unfähig gefühlt hatte, wie ihr die Anforderungen des Lebens wie Wasserwogen über den Kopf zusammenzustürzen gedroht hätten. Sie empfand, wie alles elendes Stückwerk geworden wäre -- alles.
Jetzt hatte ihr das Schicksal Zeit gegönnt. Wie wollte sie diese ausnützen! Ehrlich und ernst in allen Dingen, und er sollte auch nicht so viel Grund haben, über sie zu klagen, nein, sie wollte lernen. Und ihre Arbeit? Welches Feuer, welche Freudigkeit, welche Sehnsucht lebte doch in ihr! Sie war so ganz erfüllt und ganz Ungeduld, wieder zu beginnen. Er, der gute Mensch war niedergedrückt, er hatte sich so gefreut, und konnte sich nicht genug thun, zu trösten und immer wieder zu trösten, war voller Aufmerksamkeit und Rücksicht und Zartheit. Olly nahm den Trost wortlos hin, sie fühlte, er konnte sie nicht verstehen, wenn sie ihm sagen würde, wie sie empfand. Weshalb sollte er sie denn auch verstehen? Sie verlangte das von keinem Menschen. Sie war noch immer ganz davon überzeugt, daß einer den andern eben nicht versteht, daß jeder Mensch im Grunde einsam lebt. So litt sie nicht unter diesem Schweigen und Verschweigen.
Sie gehörte noch nicht zu den Unverstandenen, die sich herumquälen und die nörgeln, weil sie wollen, daß andre vollkommen die Wichtigkeit ihrer Seelenzustände mit empfinden. Sie war noch kein so armseliges Töpfchen, das glaubt, die ganze Welt müsse es beschauen wie einen speienden Krater, und das enttäuscht und wütend ist, wenn es ganz unbemerkt über seinem Feuerchen zischt und brodelt. Oder sie war wie ein Bach, der noch nie über seine Ufer getreten ist.
In ihrem Verschweigen aber lag noch etwas andres: Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß, wenn sie ihm alles sagen wollte, er sie für schlecht halten würde und sie ihm nicht begreiflich machen könnte, daß dem nicht so sei.
Annele war während Ollys Kranksein gekommen, um die Wirtschaft zu führen. Gastelmeier hatte sie darum gebeten. Es war behaglich und friedlich, als wäre ein guter Geist im Haus. Gastelmeier wurde wieder ganz vergnügt, es schmeckte ihm gut. Annele kochte heimatliche Gerichte. Gastelmeier sprach mit ihr wie mit einem guten Freund, er schüttete ihr sein Herz aus. Er sprach über Olly, wie es so oft unbehaglich bei ihnen sei, wie sie für nichts als für ihre Malerei Sinn habe und eigentlich gar nicht andres verstände.
»Und siehst du, Annele, ich hab' auch geglaubt, daß sie jetzt viel trauriger sein würde.«
Annele hatte ihn ruhig und ernst angehört. Sie standen miteinander im Atelier in der Dämmerstunde. Ollys Staffelei war beiseite geschoben und Gastelmeier hatte eine seiner simpeln kleinen Landschaften auf der seinigen stehen, eine jener Landschaften, die er immer ungefähr ähnlich wiederholte und für die er immer Abnehmer fand.
»Friedel,« sagte Annele. »Wie hast du dir denn nur alles gedacht, was meinst denn? Was für ein Wunder soll eigentlich ein Frauenzimmer sein?«
»Na, wie denn?« fragte er. »Was verlang' ich denn? -- -- Ein Wunder?«
»Du hast ja gewußt, daß sie Malerin ist und du warst selbst ganz erstaunt darüber, was sie konnte. Du, mit zwanzig Jahren, warst denn du so weit?«
»I wo,« sagte Gastelmeier. »Olly ist fleißig wie eine Verzweifelte. Wahrhaftig, man kommt außer Atem, wenn man ihr nur zuschaut.«
»Wenn du mit zwanzig Jahren so weit wie Olly hättest sein sollen,« unterbrach sie ihn, »und dann noch eine gute Köchin und ein Haus in Ordnung halten -- und denk' doch -- in allen Stücken fix und fertig -- stell' dir's vor. Und jetzt jammerst du noch, daß sie nicht traurig genug ist! Geh mir! Überleg doch. Kinder giebt's genug, aber net viel Eltern. Mein Gott, was wärt denn Ihr für Eltern fürs erste?
Friedel, sei vernünftig!« fuhr Annele fort, »schau, uns oben in Rohrmoos wär's hart, wenn du net glücklich wärst, aber ein bissel Klugheit gehört dazu, ganz aus heiler Haut kann eins net glücklich sein.«
»Jetzt kommt's wieder drauf hinaus, daß du mich für einen Esel hältst,« sagte Gastelmeier.
»Ah geh!« meinte Annele; »aber ich weiß schon, über uns denkt Ihr Mannsleut einfach nicht nach. Ein Frauenzimmer muß immer etwas Fertiges sein, weißt du; daß es halt nach und nach wird, wie Ihr auch, fällt Euch net ein.«
»Was du da sagst, ist so ohne nicht,« war Gastelmeiers Antwort. »Du bist ein gescheites Mädel, Annele, aber ich mein' schon, ernst bist du geworden, du bist der Fratz von ehedem nicht mehr.«
»Du, Friedel, ein Fratz war ich nie. Ich bin immer sehr ruhig gewesen, soviel ich weiß.«
»Ruhig, ja, aber heiterer, so wie die schönen stillen Tage in Rohrmoos.«
»Gerade so wahrscheinlich,« sagte sie, »denn ich bin ein Stück von Rohrmoos geworden. Man wird so, wie die Umgebung ist, in der man lebt.«
»Mein Gott,« sagte Gastelmeier, »da werde ich mit der Zeit ein kleiner Privatrangierbahnhof werden.« Er erzählte Annele, wie Emil, sein Schwager, Ollys Familie getauft hatte, und fragte sie, ob sie sich erinnerte, wie er ihr den Rangierbahnhof, neben dem er gewohnt, damals beschrieben habe.
»Ja,« sagte sie ernst. »Ich selbst hab' dich damals gebeten, fortzuziehen.«
»Jawohl. Siehst du, so einen kleinen Rangierbahnhof machen wir uns hier wieder zurecht, so einen Ableger von dem aus der Blütenstraße. Bei uns giebt es, gerade wie in der Blütenstraße, immer etwas zu bereden und zu rangieren. Da gehen wir im Zimmer auf und ab, gerade wie die seelenvolle Mama und ihr Erwin und Emil und Olly früher daheim -- und rangieren. Das heißt: bereden und beschließen, das Leben von vorn anzufangen, oder wir bereden und rangieren eine wundervolle Zeiteinteilung, die nie eingehalten wird; immer fassen wir allerhand Entschlüsse und beschließen, alles anders zu machen wie bisher, und sind ganz gerührt und voller Hoffnung, wollen zu allererst immer die Köchin fortschicken. Von allen Dingen aber geschieht nichts, als daß wir eben rangieren -- immer wieder rangieren -- und weißt du, ganz wie in der Blütenstraße. Ich kann es schon ganz gut -- scheußlich!
Weißt du, wenn wir Geld genug hätten und die arme Olly könnte im langen weißen Kleid hier stehen und malen und ich könnte ihr den Arm geben und sie zur Zeit zu Tische führen und der Diener stände da und riß die Flügelthüren vor uns auf -- Olly könnte wie so ein schöner Engel ganz im Jenseits leben, weißt du, so wie es sich eigentlich für so ein Geschöpf gehört -- Herr Gott im Himmel, das wäre mit ihr ein Leben! Du ahnst gar nicht, wie reizend sie ist.
Weißt du, zwei so lange weiße Kleider hat sie sich machen lassen, sie wollte daheim immer weiß gehen. Haben wir aber wegen diesen Kleidern rangiert! Sie kam nie damit zu stande. Sie waren immer beide schmutzig. Die Köchin wusch sie ihr nie zur Zeit und benahm sich überhaupt immer, als wäre es eine Frechheit von uns, zu verlangen, daß die langen Kleider gebügelt und gewaschen sein sollten. Sie that es einfach nicht, vergaß es absichtlich. Dann haben wir versucht, sie bei einer Wäscherin waschen zu lassen, das wurde riesig teuer; dann sind wir noch auf chemische Wäsche gekommen, das erst! Es ging auf keine Weise. Jetzt liegen sie irgendwo. Ich hätte es ihr gar zu gern gegönnt, daß es uns gelungen wäre. Wenn sie so neben mir im Atelier stand, so weiß und zart, und arbeitete, weißt du, mit einem Eifer, da war mir's immer zu Mute, als sollte ich aufstehen und ihr den Kleidersaum küssen oder die Lockenspitzchen. Es hat mir gar keine Ruhe gelassen, es war etwas zu ungewohnt Süßes.«
Annele hörte ihm still zu, dann sagte sie: »Was ich Euch helfen kann, das thu' ich gern. Eh' ich geh', muß ich Euch wenigstens eine andre Köchin finden.«
»Ans Gehen denkst du doch noch nicht, Annele?«