Der Rangierbahnhof

Part 6

Chapter 63,732 wordsPublic domain

»In der Garderobe,« meinte Gastelmeier ganz fassungslos.

»I wo, die ist fort!« erklärte Annele bestimmt. »Gehn wir g'schwind in die Garderob' und holen wir die Sachen!«

Gastelmeier stürzte fort und kam bald mit den Sachen für alle drei zurück.

»Die hast du wenigstens schnell derwischt,« meinte sie, und nun liefen sie miteinander die steile, mit Straßenschmutz bedeckte Treppe hinab, an den vertrockneten Bäumen vorüber, hinaus ins Freie.

Gastelmeier nahm einen Wagen, half Annele hinein, gab dem Kutscher Anweisung, und nun ging's vorwärts, während jedes der zwei zu einem Fenster hinausschaute. So mußten sie das schöne gekränkte Geschöpf auf seinem Heimweg einholen und entdecken. Der eisige Märzwind hatte Schnee gebracht und spielte mit den Flocken, trieb sie vor sich her, wehte sie von den Dächern herab, türmte sie an den Straßenecken auf, klebte sie an die Häuserwände wie eine dichte Decke und trieb tausenderlei Unfug mit seinem Spielzeug. Und in dieses Treiben war das arme, zarte Ding hineingeraten.

»Nicht zu schnell fahren,« rief Annele dem Kutscher zu, »damit wir sie nicht übersehen.«

»Sie wird doch auch den Weg nach Hause zu gegangen sein?« fragte Gastelmeier schüchtern.

»Freilich,« sagte Annele. Und als sie über den Odeonsplatz fuhren, sah sie einen kleinen, schwarzen Schatten an dem Hofgartenthor.

»Da ist sie!« rief sie dem Kutscher zu, und kaum daß sie gehalten hatten, sprang sie hinaus.

»Gelt, du bleibst drin, sonst erschrickt sie,« flüsterte sie ihm zu und stapfte gleich darauf durch den Schnee.

Der kleine Schatten verschwand nicht.

»Da haben wir Sie doch eingeholt,« sagte Annele und legte ihr den Mantel um die Schulter. Sie fühlte dabei, wie der zarte Körper zitterte.

Olly sprach kein Wort. Die beiden Mädchen gingen miteinander dem Wagen zu und auf diesem Weg sagte Annele zu ihrer Begleiterin: »Seien Sie nicht bös auf ihn. Feuer im Herzen, Rauch im Kopf. So steht's, glaub' ich, mit ihm.«

Olly erwiderte nichts, aber sie zuckte leicht zusammen. Von Mama und Tante Zänglein hatte sie schon manche Anspielung hören müssen. Sie hatten ihr von Gastelmeiers soliden Verhältnissen gesprochen, von dem Glück für die Familie. Die Mama hatte bei diesen Andeutungen gestrahlt. Sie hatten Olly damit gereizt und erregt. ›Geld ins Haus! Geld ins Haus! Das ist's im Grunde doch, was sie alle wollen. Das allein!‹ hatte sie zornig gedacht. ›Wie wenig ernst ist es ihnen allen mit der Kunst, und Mama am wenigsten, trotz ihrer vielen Worte, trotzdem sie uns hineingesetzt hat!‹ -- ›Und, du wirst ruhig bei ihm Künstlerin bleiben dürfen -- das ist auch zu bedenken,‹ hatten sie ihr gesagt. ›Geld ist genug dazu da, Verliebtheit auch. So etwas trifft sich nicht leicht wieder.‹ Das war Tante Zängleins Stimme, die das gesagt hatte.

Als sie in den Wagen stieg, half ihr eine Hand, die sie zart und schüchtern berührte, so zart und vorsichtig, als wenn sie eine Puppe oder ein Heiligtum wäre, und der zarte Griff dieser Hand that ihr wohl, trotzdem sie noch voller Zorn war. Sie fühlte sich mit einemmal so geborgen wie nie in ihrem Leben.

»Bring' sie nur hinauf,« sagte Annele, als der Wagen in der Blütenstraße hielt. »Mich führt der Kutscher ganz sicher nach Haus.«

Und als die Hausthüre hinter den zweien sich geschlossen hatte, fuhr die dritte einsam dahin mit einem Herzen, das zum zerspringen voll Leid war, und ging dann eine finstere Treppe hinauf und in das Gaststübchen ihrer alten Tante, bei der sie die letzten Faschingstage einlogiert war, und in diesem Stübchen verbrachte sie eine bittere, schwere Nacht.

* * * * *

Eine Nacht, anders wie jede andere Nacht ihres Lebens, verbrachte auch Olly, eine Nacht des Überlegens und Forschens, des Erwägens. Das kam diesem Kopf befremdlich vor, über Lebensfragen zu brüten.

»Er versteht mich nicht,« sagte sie sich und lag mit weit offenen Augen im Bette. »Aber er ist gut und hat mich lieb. Es scheint, die Menschen verstehen einander überhaupt gar nicht. Mama -- versteht die mich etwa, oder Erwin oder Emil? Tante Zänglein? Das darf man scheint's nicht erwarten, das Verstehen. -- Möchte wissen, wer einander versteht.«

Seine Stimme hatte sie von Anfang an gern gehabt. Und wie er sie heute angefaßt hatte, um ihr in den Wagen zu helfen, das hat ihr tiefen Eindruck gemacht, wie zart, wie freundlich, wie ... ja, wie denn? Niemand hatte sie noch so berührt, da lag alles darin in dieser Berührung, auch die Bitte um Verzeihung und eine große Liebe, und daß sie für ihn etwas Wertvolles sei, -- ja, ganz wie sie zuerst gedacht hatte, daß sie für ihn ein Heiligtum sei. Wie ihr das den ganzen Körper wie mit Wohlbehagen durchrieselte: Jemandes Heiligtum sein!

Er würde auf den Knieen vor ihr liegen -- nein -- das würde er nicht thun -- gewiß nicht. Wie lächerlich müßte das auch aussehen! Sie würde ihm dann gerade auf sein Glatze sehen.

Als er mit ihr die Treppe hinaufgegangen war, hatte er ihr mit einemmal beide Hände geküßt, mitten auf der Treppe. So ein verliebter Mann ist komisch. -- Aber das mißfiel ihr nicht an ihm. Es war so angenehm komisch. Sie sah ihm gern zu.

›Ja, wenn er mich bei meiner Arbeit läßt, wenn es so bleibt, wie es ist -- beinah so -- dann ... ja dann. Von daheim fort? -- O ja, weshalb nicht?‹ dachte sie.

Sie fühlte, daß es ihr nicht schwer wäre. Sie würden miteinander nach Paris reisen, und sie würde eine Zeit lang dort lernen. -- Herrgott, das hatte sie immer so brennend gewünscht. Dort konnte sie finden, was ihr noch fehlte. Schade, daß die zu Hause es gar zu gern wollten -- schade.

Weshalb dies schade sei, war ihr nicht ganz klar, aber es war schade. Es war ihr, als wenn ein Reiz fehlte, und sie suchte diesen Mangel darin, daß sie mit ihrem »Ja« Wünsche der Familie erfüllte, die ihr selbst nicht aus der Seele gesprochen waren. Wo etwas herausschaut -- das ist immer das beste. Geld ins Haus! Das lag verdeckt von großen Worten über allem, was sie leisteten und thaten. Das war die Triebfeder für das hetzende Treiben im ganzen Haus, der Grund des litterarischen Martyriums von Erwin, der Grund, weshalb Emil mit in das Elend gezogen wurde, weshalb die Mutter Olly ihr Lebtag gesteigert und zum Fleiß angefeuert hatte. Noch immer das leichteste, nobelste Mittel, Geld zu verdienen, sah die Mama in der Kunst. Der Gelderwerb war's; sie hofften, mit all der Qual Geld zu verdienen!

Das hatte Olly schon längst herausgefühlt, das war's, was sie empörte, was sie den Ihrigen entfremdete. Ihr war karg leben kein quälender Gedanke, -- gar nicht. Den Ihrigen war er entsetzlich.

Sie sah das strahlende Gesicht der Mutter bei einer gewissen Nachricht und fühlte einen zornigen Ärger.

V.

Alles war nun schon vorüber, alles Erwarten, unendliche Naivetäten und Thorheiten, ein gut Teil Kämpfe, Enttäuschungen, Braut- und Bräutigamsstimmung. Sie hatten im Mai, zur größten Zufriedenheit der Familie in der Blütenstraße, geheiratet -- und nun war es schon Weihnachten, der Sommer war vorüber und mit dieser Wandlung waren allerhand menschliche Wandlungen vorgegangen.

Wie einen Traum hatte sie Verliebtheit, Verlobung und die Hochzeit über sich ergehen lassen. Es hatten ihr Betrachtungen gefehlt, die ein ganz in gesunden Verhältnissen stehendes Mädchen gemacht haben würde, es hatten ihr auch die süßbräutlichen dämmerhaften Gefühle gefehlt. Sie hatte bisher eine Sehnsucht nach Liebe kaum empfunden. Ihre Seele war immer ausgefüllt gewesen, so ganz und voll ausgefüllt. Diese »Liebesgeschichte«, wie sie sich in ihren Gedanken ausdrückte, war eigentlich etwas Unnötiges. Sie fand kaum Platz in ihr.

Während der ganzen Zeit ihrer Verlobung war sie einen Druck, der über ihrem Gemüt lag, nie ganz losgeworden, so einen etwas bangen Druck, wie sie ihn früher wohl ähnlich nach einem übereilten Kauf empfunden hatte. Dies Gefühl war ihr bekannt genug, denn so lange sie denken konnte, war jedesmal, sowie sie Geld hatte, etwas gekauft worden, für das sie eigentlich keine Verwendung fand.

Während der Zeit ihrer Verlobung hatte sie auch öfter einen Traum gehabt, den sie hin und wieder träumte, immer, wenn ein Besitz sie bedrückte: Räume voll Sachen, voll lauter Sachen und Lumpen. Alles vollgepfropft, von oben bis unten -- beängstigende Massen, und alles ihr gehörig, und sie sollte es unterbringen und ordnen. Die Sachen quollen und quollen und wurden mehr und mehr. Sie wußte sich nicht zu raten und zu helfen. Die Lumpenmassen wuchsen um sie her und verbauten ihr Licht und Luft, es wurde enger und enger, sie erdrückten sie.

Das war ein Traum, der die kleine Tagesempfindung ins riesenhafte verzerrte. Und sie erwachte nach diesem Traum immer seelenbedrückt und erschüttert von einem unbestimmten Grauen. Es fiel ihr auf, daß sie diesen Traum während ihrer Verlobungszeit öfters hatte; aber sie dachte nicht darüber nach. Sie war eben noch gar nicht dahingekommen, über das Leben nachzudenken. Es kam, wie es ihr schien, alles von selbst, und machte sich alles von selbst, es lebte sich von selbst. Ihre Gedanken gehörten alle ihrer Kunst; da waren sie geschäftig wie die Ameisen, da bauten und bohrten sie und arbeiteten und kämpften. -- Um das Leben? Hatte sie diese Verlobung erstrebt? Nie! Und sie hatte sich gemacht.

Es waren alle möglichen Annehmlichkeiten gekommen. Olly war mit einemmal wie in eine leichtere heitere Luft versetzt. Blumen -- überall Blumen für sie. -- Jedermann war mit ihr, als wäre sie neugeboren, ganz anders als mit der unverlobten Olly. Man hörte mehr auf sie. Auf ihre Wünsche wurde Rücksicht genommen, so wie früher, wenn sie ihren Namenstag hatte. Und er? Daß ein Mensch so ununterbrochen gut und glückselig sein konnte, so ein Mensch mit einer Glatze! -- und wegen ihr! -- Großer Gott, wegen ihr?

Sie träumte das Leben. Es war noch kein Leben aus Fleisch und Blut. Während der ganzen Verlobungszeit blieb sie bei ihren festen Arbeitsstunden und duldete auch nicht, daß Gastelmeier früher aus seinem Atelier kam, um ganz still und artig hinter ihrem Stuhl zu sitzen und ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Sie wollte das nicht.

»Keine Eingriffe, nein, nein, keine Eingriffe in mein Recht!« sagte sie ihm dann lachend. »Du weißt es ja -- die Bedingung: wir heiraten einander -- du weißt doch unter welcher Bedingung?« Dann sah sie fragend und gespannt auf ihn. »Daß ich bei dir arbeiten darf?«

Sie wollte ihre Antwort.

Und er schloß sie in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen. »Freilich, freilich, mein Schatz,« sagte er und dachte wohlgelaunt und leichten Herzens: »Laß nur erst einmal alles kommen, was kommen wird.«

Er dachte an ihr erstes Kindchen und sah ein Bild vor sich, so unbeschreiblich entzückend für ihn, daß er das Mädchen gar nicht aus den Armen ließ. Er sah im Geiste, wie warm, wie mütterlich diese jungen, dunkeln Augen einmal glänzen würden. Er wollte ein Heim haben! ein Heim! so warm, so sicher -- so ganz nach seinem Sinn. Er wollte sie verpflanzen, dieses blumenhafte Wesen. Sie sollte gedeihen in einer besseren Luft, in gesunden Verhältnissen, bei ihm, im Schutz seiner Liebe.

Er wollte sie einer verzehrenden Zukunft entreißen. Er dachte: ›Wenn ich sie nicht heiratete -- was würde wohl aus ihr? Fände sich einer, der den Mut hätte, sich mit diesen Leuten, dem Mädel zulieb, zu verschwägern? Und wenn sich keiner fände, würde wirklich diese Kunst sie beglücken können, diese wütende Kunst, wie sie sie auffaßt, die keinen Frieden und kein Genügen kennt? Und wenn die Arbeit mit dem Erfolg in keinem Einklang stünde? Würdest du die Kraft haben, armes Geschöpfchen?‹ dachte er zärtlich, ›und Entbehrung und ewige Kargheit?‹

Er hielt sie immer noch an seinem Herzen und streichelte ihr, ganz gerührt über sich und sie und alles, den krausen Kopf. O, sie sollte es gut haben und er wollte es gut haben. Die zu Hause sollten wahrlich nicht recht behalten mit ihrer Unzufriedenheit. Wenn ihm Annele nicht beigestanden hätte, er wäre mit seinem guten Alten wegen dieser Verlobung in Unfrieden gekommen.

So aber war der alte Frieden halbwegs erhalten geblieben.

* * * * *

Am Hochzeitstag während der Trauungsrede -- als ihr der Geistliche mit ernsten, schweren Worten kam, mit Worten, die so schroff und fest wie Felsen standen, so düster und fremd, die sie mit dem heitern, harmlosen Wesen, das die ganze Sache bisher für sie gehabt hatte, gar nicht in Einklang bringen konnte -- da war sie innerlich erstarrt vor Schreck und Grauen. Was hatte sie eigentlich gethan? Was für ein furchtbarer Schritt war das? Weshalb hatte man nicht früher mit ihr so gesprochen, als es noch Zeit war? Weshalb nicht? --

Eine unnennbare nervöse Angst hatte sie gepackt. Ihr schwindelte; durch den weißen, duftigen Schleier, der ihr halb übers Gesicht fiel, sah sie wie durch einen weißen Nebel die Gestalten der Hochzeitsgäste, sah ihre Mutter fassungslos in Thränen aufgelöst, so haltlos wie immer; das verblüffte Gesicht Emils -- und Erwins Gesicht, dieses kraftlose Gesicht, und Tante Zänglein, die sich immer amüsierte -- und die fremden Verwandten.

Kühle Gesichter. -- Annele war die einzige, die sie nicht sehen konnte. Da war kein Gesicht, das ihr gesagt hätte: Komm her zu mir, ich will dich erquicken, ich will dir helfen, -- keins.

Der Mann neben ihr? Das war ja das Schreckliche! Wie standen sie zu einander? Unzertrennlich! -- Er gehörte zu ihr für ewig und sie zu ihm -- und noch nie war er ihr so fremd erschienen. Sie erschauerte und zitterte und wollte sich stützen, -- aber nicht auf ihn, auf sich selbst -- und sie hielt sich fest und krampfhaft mit eigenen Kräften. »Nein, ich will mein eigen sein,« flüsterte sie unhörbar, unbewußt -- und er zog sie zu sich heran, weil er mit Schrecken ihre tiefe Blässe gewahrte, und wieder war es die sanfte, liebevolle Art sie zu halten, die ihr dabei Trost gewährte. Aber er hielt sie nun doch als sein Eigentum, so oder so.

Eine unnennbare Furcht hatte sich ihrer bemächtigt, eine Furcht vor allem, was kommen sollte -- und ein Zorn darüber, wie man sie hatte hinleben lassen bisher, wahrhaftig ohne ein einziges vernünftiges Wort! Nie den Kern berührt, immer gedankenlos! Und nun kamen diese Gedanken, diese nie berührten Gedanken, diese dunkeln Ahnungen, diese Furcht, dieses Bangen, durch düstere fremde Worte geweckt. Auf Orgeltönen kamen sie heran, schwer, mächtig, erdrückend, in wüstem Durcheinander -- und schwollen an wie Wasserwogen, und stiegen ihr bis ans Herz und höher und höher, bis zum Ersticken.

Dann war Stille. -- Die Feier war zu Ende, Küsse und Thränen, feierliche, sachgemäße und gerührte Gesichter, ein Weinkrampf der Mama, so ein Durcheinander von unklaren Äußerungen aufgeregter Gefühle -- und sie hing am Arm ihres Mannes, der diesen Arm fest an sich gedrückt hielt. Es war alles wie ein wirrer Traum, so bang, so wesenlos.

Sie aber wollte eine Gewißheit, eine einzige Gewißheit in diesem Gefühlsüberschwall, und sie neigte sich zum Ohr des tiefbewegten Mannes und flüsterte ihm erregt zu: »Eins sag mir -- nur das eine: Läßt du mich arbeiten? Bleibt's dabei?« Sie fragte so angstvoll.

»Olly,« hatte er ganz erstaunt geflüstert, »Kind! Weißt du jetzt nichts andres; weißt du wirklich jetzt nichts andres?«

»Nein, antworte,« bat sie flehentlich.

»Arbeite,« sagte er, »so viel du willst, weshalb nicht?«

Es war nicht, was sie hören wollte. Das rechte Wort war es nicht. Aber was war das rechte Wort? Sie hätte es selbst nicht gewußt. Sie wollte Lebensklarheit -- und Lebensklarheit war ihr nur das eine, ihre Kunst. Ein Weg, den sie gehen konnte, der sie ihrer Kunst näher und näher führte -- und was hatte sie gethan! -- Hindernisse über Hindernisse sich selbst aufgetürmt, in einem Rausch des Wohlbehagens. Es hatte ihr das »Geliebtsein« wohlgethan. Die herbe Luft um sie her war mit einemmal frühlingsweich geworden; ihr war zu Mute gewesen, als wäre sie durch seine Liebe etwas Besseres geworden, etwas Zarteres, und das alles ohne daß sie selbst diese Liebe recht erwidert hatte. Sie hatte sie geduldet, sie war ihr angenehm.

Und nun, welche Verantwortung, welcher Schritt! Wie ein Schleier war es ihr von den Augen gefallen. Dumpf, in Gedanken versunken, saß sie damals neben ihm im Wagen, der sie von der Kirche in die Blütenstraße zu den Gästen zurückführte -- dumpf und grübelnd ohne jenes bräutlich-süße Glück, das ihr junger Gatte in ihrem Schweigen vermutete und anbetete.

Die sonderbare Frage nach der Trauung lag ihm aber trotzdem schwer im Sinn. ›Was sollte das sein?‹ dachte er bei sich. ›Weshalb fragte sie gerade das und nichts andres? Was dachte sie sich wohl dabei?‹ Forschend blickte er auf das schöne, bleiche Geschöpf neben sich, das in seinem weißen Kleide, wie es ihm schien, scheu und zaghaft in den Wagenkissen lehnte.

Er selbst hatte ihr den Stoff zu diesem weißen Kleide geschenkt und sie, die kleine Person, hatte ihn sich selbst zugeschnitten, diesen kostbaren Stoff! Und die flinken, verwegenen Hände hatten etwas zu stande gebracht, was so wenig einem ehrbaren steif-jungfräulichen, weiß-atlassenen Brautkleide gleichsah -- etwas so wunderlich Reizvolles, etwas so leichtmütig Lebensfrohes, was sich dem jungen Körper wie zu ihm gehörig anschmiegte: weite Ärmel, die im Rücken zurückgenommen waren, die Taille lose wie nur umgesteckt, aber das Ganze von einer reizenden Eleganz und Lebensfreudigkeit -- alles, nur kein Brautkleid. Und wie es genäht war! Annele hatte sich darüber etwas ausgelassen. Kein Mensch außer Olly hätte es tragen können. Tante Zänglein hatte sich über den »Lumpen,« als sie es liegen sah, totlachen wollen, wie es Olly aber trug, sagte sie: »Alle Achtung! Aber -- aber -- aber -- aber.« Weiter hatte sich Tante Zänglein über diesen Fall nicht vernehmen lassen. Sie hatte bedeutungsvoll das Näschen kraus gezogen, mit den Äuglein gezwinkert, wie sie es immer that, wenn etwas sie alterierte und zugleich amüsierte.

Später aber hatte sie sich doch nicht enthalten können, ihrem Freund Gastelmeier bei Gelegenheit zu sagen: »Haben Sie sich Olgas Brautkleid angeschaut? Da steht eine ganze Geschichte darin und darum und daran. Lesen Sie nur: -- künstlerisch. Wenn's gut geht wird's ein sehr lustiger Haushalt! -- und eine Frau, ein Engel von einer Frau, leichtlebig, lieb, voller Einfälle, ganz köstlich! Wenns Ihnen glückt, verliebt, und wie verliebt! Ja, solche Frauen, wenn s' erst erwacht sind, verstehen Sie? Aber, aber -- Temperament ist in dem Kleid, sind Sie dem gewachsen? Glückssehnsucht zum Närrischwerden -- künstlerisch -- das ist das erste. All diese lustigen Dinge miteinander verbrennen die Suppe, und Gott gnade der ganzen Geschichte! -- So geht's wenn's lustig geht und Geld da ist; aber der Himmel behüt' Sie, wenn's nicht lustig geht. Wissen Sie, ich habe schon manche Brautkleider gesehen.« Sie zwinkerte mit dem Äugelchen und zog das Näschen kraus. -- »Aber so eins!«

Gastelmeier hatte noch nie so ein allerliebstes altes Geschöpfchen gekannt. Er ließ sie immer plaudern, ohne sie ernst zu nehmen. Ihr langer Reisegefährte, der mit ihr nach Italien gehen sollte, um ihr vorzujodeln, nannte sie das alte Nixerl. Das gefiel Gastelmeier.

* * * * *

Damals, als Olly in ihrem Mädchenstübchen das Brautkleid ablegte, um sich für die Hochzeitsreise anzukleiden, hatte sie die Thüre hinter sich geschlossen. Es war in der Stunde der ersten Mai-Abenddämmerung. Ganz gelassen rückte sie ihren Toilettenspiegel zur Hand, ließ sich auf einen Stuhl davor nieder und nahm langsam Kranz und Schleier aus dem Haar. Ein Spitzenkragen lag reich gefaltet um ihren Hals und ließ den Ansatz dieses schönen Hälschens frei. Sie faltete die Hände ineinander und sah ihr Spiegelbild an. Das Licht war weich und golden.

»Doch ein herrliches Geschöpf!« sagte sie und war im eigenen Anblick ganz versunken. »Schade -- das ist's -- schade.« Sie träumte und grübelte und sah unverwandt sich selbst im Spiegel an. Sie hatte das früher oft schon gethan und immer in aller Gemächlichkeit, einfach ohne alles Verstecken. Sie liebte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Hände. -- Es war ihr das alles sympathisch und sie hatte sich dankbar ihrer Schönheit gefreut. Diese Schönheit war ihr Eigentum. Sie kannte sie und wußte sie zu beurteilen. Wie ein Kunstwerk betrachtete sie sich selbst. Für dieses Gesicht hatte sie in stillen Stunden alles Glück der Erde zusammengeträumt.

Ruhm -- das war das erste. Wie sie danach dürstete! Wie würden diese Augen blicken, dann, wenn das Große geschehen sein würde, wenn Ruhm und Ehre ihr erst zugefallen waren! Ruhm, das was man Ruhm nennt: von den Menschen gekannt und bewundert zu sein! Den einzigen Lohn für das heiße Streben! Und weshalb nicht? Was waren sie alle, die mit ihr arbeiteten, die mit ihr begonnen hatten, gegen sie! Sie war ihnen allen voraus, weit voraus. Aber man lebt wie im Traum, die Dinge verwandeln sich einem vor den Augen wie im Traum -- und wie in einem solchen Traum war es geschehen, daß sie neugierig und leichtsinnig hatte versuchen wollen, wie das Geliebtwerden der armen Seele thut -- das Geliebtwerden! Und so war sie dumpf diesem Wunsche gefolgt, Schritt für Schritt, und es war alles in schönster Ordnung vor sich gegangen und doch alles im tiefsten Traum.

Die dumpfen Orgeltöne, die schwerwiegenden Worte brausten ihr immer noch im Kopfe. Die Verantwortung lag auf ihr, die war nicht abzuschütteln -- der nüchterne Mann mit der Glatze, den glückstrahlenden Augen, den fidelen Bewegungen, der war nicht mehr von ihr fortzudenken. Sie war nicht mehr allein. Schrecklich! Wie es sie durchrieselte!

Sie schaute unverwandt ihr Spiegelbild an. Wie blaß sie war! Einen gespannten Zug um die Lippen, die Augen so weich und groß, wie nach Hilfe ausschauend. Sie beobachtete diesen Ausdruck wie etwas Fremdes.

Wie unverantwortlich hatte sie gehandelt, wie thöricht! Welche Last hatte sie auf sich genommen, und weshalb?

Es war der Herzenszug nach Zärtlichkeit gewesen, der sie dazu getrieben -- auch dumpf -- kaum bewußt.

Sie liebte eine süße ruhige Zärtlichkeit. Niemand von den Ihrigen hatte es verstanden, ihr die zu gewähren. Hätte sie jemand zu Hause in der Dämmerstunde an sich gezogen und sie zart geliebkost, wie man ein Kätzchen auf den Schoß nimmt und streichelt, dann wäre das Sonderbare nicht geschehen -- vielleicht nicht geschehen, daß des kleinen Mannes weicher Händedruck, das Von-ihm-berührt-werden, als wäre sie ein Heiligtum, ihr das Herz geschmolzen hätte.

Aber diese Heiligtumszärtlichkeit hatte sie an ihm während ihres Brautstandes vermißt, diese schützende schirmende Zärtlichkeit. Heiße Küsse, stürmische Liebe, das war es nicht, wonach ihr Herz verlangte, nein, jener weiche Hauch der Zärtlichkeit, der fast geistig ist, der Leib und Seele verklärt, das war es.

»Unbegreiflich!« sagte sie zu sich selbst. Und jetzt sah sie ein Aufleuchten in ihren Augen. Das innere Seelenfeuer, das sie wohl kannte, bei dessen Flackern sie sich glücklich, groß und stark gefühlt hatte. Durch alles und über alles hinaus ans Ziel! Ist die Last des Lebens größer geworden, dann soll es auch die Anstrengung werden, der Kampf auf Leben und Tod.

»Es nützt dir nichts, du guter Mensch,« sagte sie, »daß wir jetzt nicht nach Paris gehen; du willst eine echte rechte Hochzeitsreise, und fürchtest dich, daß eine gewisse Olly ... Jawohl, wir kennen dich! Das mit Paris versprachst du -- und hast's gebrochen, das heißt, du hast's verschoben, du kluger Mensch!« Sie lächelte. »Das hilft dir alles nichts. Nach Paris kommen wir noch, und glaub' ja nicht, daß ich von meinem eigensten Weg abweiche -- nein, nein, mein Junge!«