Part 4
»Später ist er dann,« fuhr die Dame zu erzählen fort, »von da weggekommen nach ...« Hier fehlte die nähere Bezeichnung wieder.
Aber Emil half auch diesmal, gewissermaßen entrüstet, aus. »Nach Werchne Kolimsk,« sagte er und ging an ein kleines Pult, in dem alles, im Gegensatz zu den übrigen Dingen im Zimmer, ziemlich ordentlich lag. Aus diesem Pult nahm er eine Landkarte, schob Tassen und Teller auf dem Tisch eifrig beiseite und breitete die Karte aus.
»Hier war Papa,« sagte er, »neun und ein halbes Jahr lang, dann kam er dahin -- später hierher.« Emil zeigte alle Orte auf der Karte. »Zweiundzwanzig Jahre lang hat's gedauert, dann haben sie ihn freigelassen und er konnte endlich nach Deutschland ziehen, wohin er unterwegs war, als man ihn gefangen nahm. Denken Sie sich, damals begleitete ihn bereits ein Empfehlungsbrief an einen bekannten Münchener Maler; diesen Brief hat er zweiundzwanzig Jahre aufgehoben und hat ihn dann dem Sohn des Malers übergeben, der Vater war inzwischen gestorben. Papa hatte früher schon gemalt und ist hier als älterer Mann noch auf die Akademie gegangen. Er hatte nur wenig Geld und war krank; aber er hat doch mit seiner Malerei verdient. Sehen Sie, da ist etwas von Papa.« Emil ging wieder an sein Pultchen und brachte eine Mappe mit Skizzen. »Das sind Bilder aus dem Elend,« sagte er eifrig. »Das sind alles Gefangene und Verbannte mit Ketten, wie sie im Schnee stehen. Das hier ist ein Grenzstein, da nehmen sie Abschied voneinander. Die einen gehen dahin, die andern dorthin -- sie werfen sich auf den Schnee und weinen und schreien und jammern.«
Emil war ganz bewegt. Das Skizzenbuch war sein Eigentum. Olly blickte hinein und sagte: »Schade, daß Papa sich nicht hat besser ausbilden können, er hätte etwas erreicht. In den Figuren liegt Talent.«
»Geh',« sagte Emil. »Wie er's gemacht hat, so hat er's gemacht, da ist nichts zu kritisieren.«
»Mein Sohn Emil,« sagte die Mutter, auch jetzt mit matter Stimme, »hängt mit Zärtlichkeit an seinem Vater, obgleich er ihn nie gekannt hat.«
»I wo, kannte oder nicht kannte, meinen Vater, den kenn' ich,« platzte er patzig heraus in seinem Eifer. »Du kanntest ihn doch und weißt nicht einmal, wo er im Elend gesteckt hat. Jedesmal muß ich dir's sagen. Also wo hat er gesteckt? Zuerst in --? Na? -- --«
Emil schaute fragend nach seiner Mutter, klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch und wartete auf die Antwort.
»Wieder nicht,« sagte er. »Nun erfährst du's aber so bald nicht wieder von mir.« Er klappte das Skizzenheft zu und schloß es wieder ein. »Geld hat er keines gehabt,« fuhr der dicke Bursche fort, »und krank ist er gewesen. Hätte er Mama nicht gefunden, wär's ihm noch übler gegangen. Aber in seiner langen Krankheit ist auch Mamas Geld weniger geworden, von tausend Geschichten -- Mistjauche! Wenn die Menschen nicht so elend gewesen wären und ihm nicht bei jeder Gelegenheit mehr abgenommen hätten, als recht war, säßen wir jetzt anders da.«
»Jawohl,« sagte Olly wieder und schaute entrüstet auf ihren Bruder; »Geld! Geld! und Wohlleben, wie euch und besonders dir das im Blut steckt! Gottlob, daß kein Geld da ist, sonst würdest du verfaulen bei lebendigem Leibe. Wir sollen arbeiten. Arbeiten auf Leben und Tod -- das ist's!« Diese Beteuerungsformel schien das junge Geschöpf zu lieben. Sie bediente sich ihrer bei jeder Gelegenheit. »Und die Menschen! Schimpf nur nicht immer auf die Menschen. Bist du etwa keiner? Wie ich das nicht hören kann! Das ist entsetzlich grün von dir. Woher meinst du denn, daß sie so abscheulich sind? Weil es Papa schlecht ging und uns auch nicht besonders? Natürlich deshalb. Sie sollen dir etwas ins Haus tragen, du willst gehätschelt und gefuttert werden. Wofür denn? Ja, das werden sie aber bleiben lassen. Mit Recht. Ich gerade finde, daß die Menschen gut sind; viel besser, als sie zu sein brauchten. Meinst du etwa, die Natur wäre nicht grausam? Du? Eins frißt das andre immerzu und überall. Und es giebt doch Menschen, die _wollen_ wenigstens die andern nicht fressen. Das ist erschrecklich viel -- und denke doch, wie's ihnen geht. Gefragt wird keins, ob es leben will oder nicht -- und dann kommt es in das Elend hinein, so dumm, so hilflos und arm, und muß mit allen Kräften arbeiten, um nicht zu verhungern, und die Krankheiten und die Kälte, der Winter und, daß er sündigen muß und gestraft wird, und tausend Nöte und Qualen -- und das Blindsein und das Alter und der Tod -- was für gräßliches Zeug! Und es giebt doch Menschen, die über alles hinaus gut sind. Was meinst du, ein Gott hat es leicht, gut sein, aber ein Mensch -- Emil, weißt du, ein Mensch!«
Das sagte sie so liebevoll und faßte in ihrem Eifer die Hand ihres Bruders, gewissermaßen, um ihn auch körperlich zu sich hinüberzuziehen.
»Ihr seid wieder von dem bißchen Pech mit Erwin ganz zusammengekrochen. -- Herrgott, wie man so wenig frei sein kann! Und dich, du dicker Sack, geht's doch gar nichts an, dächt' ich.«
»Oho,« sagte Emil. »Sack ist wieder gut.«
»Jesus,« meinte Olly, »wenn ein Künstler nicht Zigeuner ist! Ihr seid alle wie Kaufleute. Ist kein Geschäft gemacht, laßt ihr die Köpfe hängen. -- Sie sind aber doch bei so einer Art Zigeuner,« wendete sie sich jetzt zum erstenmal an Gastelmeier, der ganz versunken dem jungen Geschöpf zugehört hatte.
»I wo, bei Zigeunern,« sagte Emil pfiffig und setzte die schlimmste Maske auf, deren sein bewegliches fleischiges Gesicht fähig war.
»Doch,« sagte Olly streng.
»Behüte,« antwortete der Bruder. »Ganz wo anders.«
»Wo denn also?« fragte Gastelmeier, amüsiert über das wunderliche Geschwisterpaar.
»Wissen Sie noch, weshalb Sie aus Ihrer früheren Wohnung ausgezogen sind?«
»Jawohl,« sagte Gastelmeier, »ich habe es Ihnen ja, dächt' ich, erzählt.«
»Wegen des Rangierbahnhofs; weil Sie dem Rangierbahnhof gegenüber wohnten, wegen der schauderhaften Unruhe -- gelt? Wegen des ewigen Getriebs und Gezerrs, des ganzen Spektakels?«
»Ja,« sagte Gastelmeier.
»Also. Und der Unterschied hier, der ist? Na? Drin statt draußen. -- Das hab' ich gleich gestern, als Sie's erzählten, gedacht.«
»So,« sagte Gastelmeier, der nicht recht wußte, was er von all diesen Dingen eigentlich denken sollte. Es war ihm unbehaglich zu Mute und doch blieb er sitzen und betrachtete mit Wohlgefallen das lebhafte junge Mädchen, das jetzt wieder eifrig an der Faust korrigierte. Diese Art Mädel war ihm noch nie vorgekommen.
Das heisere Läutwerk erklang von neuem. Auf alle Gesichter trat Spannung.
»Verflucht! verflucht! verflucht!« brummte Emil und schlug sich auf die kleinen strammen Schenkel.
Man ließ es zweimal läuten. Olly sagte: »Das ist Tante Zänglein.«
»Ihre Stunde ist's allerdings,« meinte die Mama. »Geh', mach auf, Emil.« Sie erhob sich nicht selbst. Erwins zurückgeschickter Roman hatte sie zu sehr angegriffen; ihre Schwäche aber kam Emils Erziehung, wie es schien, zu gute. Er ging brummend hinaus.
Draußen erhob sich kurz darauf ein munteres Altweiberlachen und eine scharfe, junge Männerstimme redete drein.
»Da bringt sie den sparrigen Kerl wieder mit,« sagte Olly.
»O Gott!« seufzte die Mama.
Die Thüre ging auf und ein flinkes, zierliches Persönchen trat ein, ein allerliebstes altes Weibchen, gefolgt von einem baumlangen Burschen im Lodenrock. Er sah wie ein Bergfex aus, trotzdem er die vollständige Montur, Kniehosen, Nagelschuhe, nicht trug und auch nicht in bloßen Knieen ging. Er hatte ein hageres, langes, von der Natur nicht recht zusammengestelltes Gesicht, und eine vorstehende, sehr bewegliche Unterlippe.
»Fräulein Zänglein, unsre Tante,« stellte die Frau des Hauses die Eingetretene vor, »und: Herr Kaufmann, ein Kollege meines Sohnes.«
»Tantes Erbschleicher,« brummte Emil Gastelmeier ins Ohr. Er bezeigte Gastelmeier überhaupt einiges Vertrauen, das hatte die Geschichte mit dem Rangierbahnhofe schon bewiesen. Ein solcher Bursch wie Emil ist für gewöhnlich wortkarg und steckt voll verschluckter und zu spät ausgebrüteter Bemerkungen.
»Gu'n Tag, Genie!« sagte der sparrige Mensch zu Erwin gewendet, während er sich auf einen Stuhl niederließ. »Wie steht's mit unserm Roman? He?«
Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung, die so viel heißen sollte als: ›Schonen Sie ihn. Es ist nichts damit!‹
Erwin Oel bestätigte ebenfalls stumm diese mimische Mitteilung.
»Donnerwetter!« rief der junge Waldmensch teilnahmsvoll, »ist das eine Zucht! Das Beste, was hervorgebracht wird, das stecken die Herren natürlich in den Papierkorb. Ehe etwas nicht altbacken genug ist für ihre schwachen Mägen, verdauen sie's nicht. Immer gefälligst nach alten Mustern. Nur nichts Neues!« Er zog ein schiefes Maul, als ob es ihm eine schwere, unsichtbare Tabakspfeife herunterzöge, und schob die Unterlippe sonderbar vor.
›Aha!‹ dachte Gastelmeier. ›Erwin Oel ist also einer von den Neuesten.‹ Gastelmeier gehörte, wie schon gesagt, zu denen, die still vor sich hin arbeiten, ohne Schlagworte und Geschrei.
Als wollte sie seine Gedanken bestätigen, nahm die vergeistigte Dame das Wort: »Es ist wirklich eine wertvolle Arbeit, gewissermaßen eine Prophetie, ein Ruf an die Menschheit zur Umkehr.«
Gastelmeier schaute sich Erwin Oel mit erneutem Interesse an, wie demnach einer aussieht, der einen Ruf an die Menschheit ergehen läßt. -- Ein grüner Junge! In Gastelmeier siedete es, diese Mutter war ein Verhängnis für ihre Kinder. Er konnte etwas Verrücktes an einem Weibe nicht leiden. Die jungen Hühner, die hier so verschroben ausgebrütet wurden, thaten ihm leid. »Na!« sagte er zu Emil, »seid Ihr denn so modern?«
Emil zuckte auf eine schändlich blasierte Weise die Achseln, setzte sein ironisches Gesicht auf und brummte etwas, was so viel heißen sollte wie: Mistjauche! Wenn's aber noch etwas Erträglicheres giebt, so ist's das Moderne. »Übrigens,« sagte er laut, »was heißt modern?«
»Sagen Sie einmal, mein Sohn, wie alt sind Sie eigentlich?«
Emil lachte wie ein Faun; sein »Verflucht! Verflucht! Verflucht!« kam an die Reihe und er schlug sich aufs Schenkelchen.
›Ist das eine Zucht!‹ dachte jetzt Gastelmeier ganz wütend.
»Die spinnen,« sagte ein Stimmchen neben ihm, und als er sich nach der Urheberin des Stimmchens umdrehte, sah er in ein paar schelmisch blickende Altweiberäuglein. Tante Zänglein hatte sich leise wie ein Fledermäuschen zu ihm hin gemacht. Sie hatte auch ein Gesichtchen wie eine Fledermaus, so zierlich und niedlich, und die blinkenden kleinen sternenklaren Augen. »Die spinnen,« sagte sie noch einmal.
»Herr Gastelmeier,« rief der sparrige Jüngling, »ich hab' Sie mit meinem alten Schatz aus Salzburg noch nicht bekannt gemacht!«
»Sie ungezogener Mensch, Sie,« lachte das alte Weibchen.
Wie sie aber zu lachen verstand! Mein Gott, die kleine Alte lachte gern und schien jeden Windhauch zu benützen, um ihre Lachglöckchen klingen zu lassen, so auch jetzt. Gastelmeier sah sich das kleine, alte Fräulein näher an. Es war allerliebst gekleidet, mit Geschmack und Wohlgefallen an netten Dingen. Gastelmeiers Herz hatte sie gleich gewonnen.
»Ah, das sind Leut',« sagte sie. »Jetzt haben sie sich gestern geärgert, mein Gott, es verlohnt sich nicht der Mühe; heute sind sie alle außer Rand und Band. Aber, was sagen Sie, nicht wahr, den Erwin nähmen auch Sie nicht mit nach Italien? Ich geh' nämlich nächster Zeit hin,« fuhr sie lebhaft fort. »Irgend wen muß ich mitnehmen. I wo, so allein geh' ich nicht wieder, wie's letzte Mal; aber so eine Trauerweiden, wie den Erwin und dazu so ein Pulverfaß von Revolutionär, wie er ist -- so etwas möcht' ich net mitnehmen. Deshalb sind sie alle bös. Der lange Bursch da soll mit.« Sie zwinkerte nach ihrem Begleiter hin, der mit Erwin, Olly und deren Mutter in ein hitziges Gespräch über Kunstfragen geraten war. »Mein Gott, so ein alt's Weiberl muß halt nehmen, was sich bietet. Und was Junges muß es sein. Wissen Sie, Altes hab' ich selbst genug. Und außerdem: er ist ein armer Teufel. Ich wohne hier gerade gegenüber in der Schellingstraße. Mein Garten geht denen hier bis unter die Fenster. Das sind Leut',« beteuerte sie noch einmal und zwinkerte mit den Äugelchen. »Mir macht's eine Hexenfreud', zuzuschauen, wie geschickt die sich das Leben verderben. So ein Unsinn. Nein! Gott steh' ihnen bei! Ich hab mir das meine hübsch eingerichtet, wissen Sie, so ganz nach meinem Gusto. Das können die hier nicht leiden. Jetzt hören Sie nur, was sie wieder haben, über was sie da wieder in Eifer geraten. Hören Sie nur!«
Die kleine Alte setzte sich in Positur, als wenn sie in Gemächlichkeit ein Schauspiel betrachten wollte.
Sie hatten sich alle während des wütend-litterarischen Gesprächs erhitzt. Naturalismus, modern, altbacken, neue Werte und so weiter. Das alles war wie Schneebälle bei einer Schneeballschlacht hin- und hergeflogen mit schwindelerregender Schnelligkeit. Erwin Oels nicht anzubringender Roman schien immer noch die Ursache dieser Erhitzung zu sein.
»Klimpern gehört zum Handwerk,« sagte das Altchen vergnügt und behaglich. Sie amüsierte sich.
Die Frau vom Hause, ihr Erwin und der sparrige Mensch waren über den Roman eines bekannten Schriftstellers hergefallen, der sie alle drei entrüstete. Gastelmeier kannte ihn auch, es war nichts Erwähnenswertes daran; aber der Autor war berühmt. Eine höchst einfache Thatsache, die aber die drei Eifrigen in die größte Wut versetzte, so daß sie nach allen Regeln der Kunst zuerst das Machwerk gründlich abschlachteten, und, als da nichts mehr zu thun übrig blieb, ihr großer Zorn aber noch nicht gestillt war, sich über den Autor selbst hermachten.
Erwins Kollege hatte das aufgebracht. Sie begannen den Autor selbst zu schlachten. Und dieser Autor war ein wohlbeleibter, soignierter Lebemann, ein vornehmer Mensch, dem es im Leben vortrefflich erging. Das amüsierte die drei außerordentlich. Sie zerteilten ihn in Stücke und bestimmten diese zu verschiedenen Gerichten. Emil lachte aus vollem Halse, auch Olly amüsierte sich. »Er verdient's nicht anders, wahrhaftig, er verdient's nicht anders,« sagte sie.
»Aber die Augen, seine Fischaugen, was machen wir mit denen?« rief Emil strahlend.
»Solche Fischaugen sind zu nichts zu brauchen, das ist Abfall!«
»Bravo!« sagte die Dame des Hauses und konnte sich vor Lachen kaum aufrecht erhalten.
Gastelmeier war entrüstet. So ein fanatisches Weib! Er konnte auch den Witz von der Sache nicht einsehen. Eine Roheit -- nichts andres! Und Olly, das junge Mädel, lachte mit. Er wendete sich zu ihr und fragte: »Weshalb lachen Sie eigentlich?«
»Weil es komisch ist,« bekam er zur Antwort.
»Komisch? -- Na!« sagte Gastelmeier.
»Ein Mensch, der so schreibt, verdient's nicht anders. In der Kunst sollte streng gerichtet werden, strenger als bei einem Verbrechen,« sagte sie fest und mit leuchtenden Augen.
»Die Olly ist ein recht gutes Mädchen,« wisperte das Altweiberstimmchen wieder neben ihm, »aber spinnen thut sie auch. Kunstfexen sind sie eben alle miteinander. Jammerschade. Und ich seh' schon, mein Kraftmensch ist auch net viel besser. So dummes Zeug aufzubringen. Na, wart', den lang' ich mir, den nehm' ich mir 'mal auf die Seite und mach' ihm die Sache klar, dann sollen Sie sehen, der wird so zahm, daß er aus der Hand frißt. -- Jodeln sollen Sie ihn aber einmal hören. -- Herr Kaufmann, jodeln Sie doch einmal.«
»Ja, mein Schatz,« sagte er, »zu Befehl!« machte wieder ein schiefes Maul, schob die Unterlippe vor und sammelte sich, wie es schien. Darauf begann er zu jodeln, daß die Scheiben klirrten. Er jodelte vortrefflich, ganz ausnahmsweise gut -- fabelhaft.
»Sehen Sie,« wisperte das alte Weibchen, »das ist mein Genuß. Das ist für mich schöner als der schönste Gesang. Das ist eine Kraft, an der man sich aufrichten kann.« Sie zwinkerte mit den Äuglein. »Dessentwegen, wegen dem Jodeln, nehm' ich ihn mit.«
Gastelmeier fand an dem alten, kleinen Fräulein immer mehr Gefallen, aber das reizende Geschöpf, die Olly, hatte ihn verstimmt. Freilich mußte er immer auf sie schauen. Er verstand sie nicht. Olly war eine neue Welt für ihn.
Wie sie soweit friedlich bei einander saßen, geschah mit einemmal ein Krach, ein Donner, ein Geklirr und Gepolter, daß alle zusammenfuhren.
»Jesses Maria!« rief das alte Weibchen entsetzt. »Was ist denn das? Wer fehlt denn hier? -- Emil.«
Diese praktische, wie es schien, vielgeübte Umschau hatte das alte Weibchen mit großer Geistesgegenwart sofort unternommen. Emil fehlte wirklich.
»Ach Gott!« rief die jetzt ganz entgeisterte Madame, »er hat nach Butter gesucht und hat den ganzen Rauchfang über dem Herd heruntergerissen. Großer, allmächtiger Gott! -- mit allen Sachen. Was andres kann es nicht sein!«
»I wo,« sagte der sparrige Jüngling, dem die Erklärung unglaublich vorzukommen schien.
»Hab' ich's nicht immer gesagt, das kommt von der Fexerei,« rief Tante Zänglein. »So ein unsinniges, altmodisches, modernes Ding über einem Herd zu haben, das kann auch nur Euch passieren. Die ganze Simpelei hing an einem Draht.«
Während dies und noch verschiedenes andre geäußert wurde, stürzte die ganze Gesellschaft hinaus, durch den Korridor in die Küche. Dort fand man ein Bild der Zerstörung vor, das jeder Beschreibung spottete. Es war wirklich der künstliche Rauchfang, den irgend ein mittelalterlich gesinnter Stilbaufex über dem modernen Sparherde sinnreich angebracht hatte, herabgestürzt. Der Rauchfang hatte sich über den Herd gestülpt und alles, was auf dem Herd war, überdeckt -- und da war etwas, man roch es noch, etwas Gebratenes, Gezwiebeltes, und alles, was auf dem Bord des Rauchfangs stand, war mit heruntergepoltert und lag zerbrochen und zerquetscht umher. Was irgend an der Wand hing, war herabgestreift, ein Chaos, und Emil war nicht zu bemerken.
Die entsetzte Mutter lehnte, unfähig, irgend etwas Vernünftiges zu thun oder zu sagen, an dem Thürpfosten.
Olly rief: »Emil!«
»Der Emil wird doch nicht drunter gekommen sein?« meint Tante Zänglein.
»I wo,« sagte der sparrige Jüngling und rüttelte mit Erwin, Gastelmeier und Olly an dem Unglücksrauchfang; aber es war keine Möglichkeit, ihn in die Höhe zu bringen. Es war alles mit dem Herd fest verkeilt.
»Da hat er sich über Euer Abendbrot gestülpt,« sagte Tante Zänglein und schnüffelte mit dem Näschen, »vorhin roch es so gut nach Zwiebel. Was hattet Ihr denn Feines? Das geht ja hoch her!«
»Lieber Himmel,« sagte Frau Kovalski tragisch. »Das waren die Beefsteaks, die sollten uns wieder etwas zu Kräften bringen, die sind nun auch verloren! Wo ist denn Franziska hingelaufen? Weshalb hat sie sie nicht vordem aufgetragen?«
»Ja, als ob man bei Euch irgend etwas vorher wissen könnte!« sagte Tante Zänglein.
Olly rief: »Gottlob, daß Emil wenigstens nicht drunter ist.«
»Guck, Guck, der hat sich aus dem Staub gemacht, der Lump,« lachte Tante Zänglein. Sie war längst wieder dabei, sich zu vergnügen. Die Hausfrau aber schien mehr Mühe als andre Sterbliche zu gebrauchen, ihre fünf Sinne in einem solchen Fall wieder beisammen zu bekommen. Sie war ganz auseinander und es arbeitete in ihrem Gesicht, als wollte ein Thränenstrom hervorbrechen.
Was war denn aber das? Ein sonderbares Zischen und Wüten, ganz am Ende des Korridors, das man in der Aufregung erst jetzt bemerkte. Alle spitzten die Ohren.
Mitten zwischen diesen Geräuschen, die mit dem Lärm, den ausströmender Dampf zu machen pflegt, eine große Ähnlichkeit hatten, rief jetzt Emils Stimme: »Erwin, du Esel! Erwin!« Das klang wütend und angstvoll und wie in höchster Gefahr.
»Allmächtiger, mein Bad!« schrie Erwin. »Das hab' ich vergessen!«
Jetzt stürzte er durch den engen Korridor und alle ihm nach an die zweite Unglücksstelle. Die sah auch nicht übel aus. Der Badeofen, zum Zerplatzen überheizt, daß der Dampf wütend aus den Ventilen zischte. Und der Krahn fürs kalte Wasser offen, das mit Vehemenz in eine Badewanne stürzte, die ihren Überschwall über die Diele laufen ließ.
»Erwin, der Krahn geht nicht zu!« jammerte Emil mit wütender, weinerlicher Stimme.
»Wo ist denn die Zange, ohne die Zange geht's ja nicht mehr!« rief Erwin.
»Ja, wo hast's denn?« gab Emil zurück. »Wegen der ist ja schon der Rauchfang herunter. Wer zum Teufel hat sie denn wieder verschleppt!«
Erwin stand ratlos und unbeweglich.
Emil arbeitete immer noch mit seinen kleinen festen Fäusten daran, den Krahn umzudrehen, und war in heißen Dampf eingehüllt wie ein Posaunenengel in Wolken. Da schob endlich der Kraftmensch die verzweifelte Gesellschaft auseinander und würgte in den Dampfwolken herum und wie es schien, mit Erfolg, denn das Hineinschießen des Wassers in die überrinnende Badewanne hörte auf. Er brachte dann die Geschichte soweit in Ordnung, daß wenigstens einer weiteren Überschwemmung und einer Dampfkesselexplosion vorgebeugt war.
»Herr, mein Gott! Dieser unselige Roman!« rief Frau Kovalski. Sie war nun von dem drohenden Weinkrampf, der sich bei dem Anblick der Küchenverwüstung angekündigt hatte, wirklich gepackt und suchte an Erwin Halt, der selber fassungslos dastand.
»Ein Unglück bringt zehn andre mit sich,« schluchzte sie.
Tante Zänglein amüsierte sich schon wieder. »Das kommt wirklich alles vom Roman,« sagte sie eifrig zu Gastelmeier und zwinkerte pfiffig mit den Äuglein. »Ich kenn' das schon. Nach so einem Mißerfolg sind sie gedankenlos wie die Hühner ...«
Gastelmeier ging heute ganz überwältigt zu Bette und mit dem festen Entschluß, so bald als thunlich sich aus dem Staub zu machen. Da war ihm sein veritabler Rangierbahnhof mit der guten Verpflegung doch lieber als dieser, der auf geistigem Gebiet verzehnfachten Spektakel machte. Da war gar kein Zweifel, von hier mußte und wollte er fort.
IV.
Fastnachtsdienstag in München.
Die Narrenwelle, die das Lebensmeer jedes Jahr breit über die Stadt hinspülen läßt, spült auch dieses Jahr bei schneidendem Märzwind durch die Straßen und führt allerlei wunderlich aufgeputztes, aufgeregtes Volk mit sich, dem der eisige Wind um die Nase streicht, oder die leichenhaft starren Larven lüftet, die bunten Lumpen um den Kopf schlägt und den Spaß im Freien einigermaßen verdirbt. Trotzdem war den ganzen Tag ein Gelauf und Gerenne gewesen. Der Humor war von der Kälte etwas ungelenk und frostig geworden, mußte erst die starren Glieder recken, und von dieser Anstrengung wurde er dann etwas grob und unerfreulich. Es war notwendig, daß man ihn zum Auftauen brachte. Das fühlten alle und deshalb war ein gewaltiges Drängen nach den Cafés und Wirtshäusern und Bierkellern.
Es war auch schon längst dunkel auf den Straßen, und die Verkappten, Vermummten und Ausstaffierten drängten zum Licht wie die Mückenschwärme. Sie wollten sich sehen lassen und wollten sehen. Und was draußen in der Kälte und dem schneidenden Wind eingefroren war, das begann in den heißen, mit Tabaksrauch und Menschendunst erfüllten Räumen sich auszubreiten: das wurde kühn und unternehmend.
In den hellen reichen Räumen des Café Luitpold sitzen an den runden Marmortischen Pärchen aller Art und schaulustige Leute, die den Menschenstrom an sich vorüberrauschen lassen, der durch das Café flutet, zur einen Thüre herein, zur andern wieder hinaus. In einer Ecke haben drei Personen Platz gefunden, ein junger Mann, dem die ganz naive Verliebtheit unbefangen aus den Augen sieht. Ein armer verliebter Mensch, ein Mensch, der uns nicht unbekannt ist, den wir bisher als sehr vernünftig und respektabel kennen lernten, als durchaus ~comme il faut~. ~Comme il faut~-Meier! Seine beiden Nachbarinnen tragen schwarzseidene Lärvchen. Die eine ist in einem braunen, soliden Wollenkleid gekommen, die andre in einem schwarzseidenen Fähnchen, das so reizvoll und eigenartig die junge Gestalt umschließt, so reizvoll, daß Gastelmeier das Persönchen wie durch einen leichten Nebel sieht. Es ist ihm selbst nicht recht geheuer. Er wird ihn nicht los, diesen Anblick, ob er ihn vor Augen hat oder nicht. Der arme Gastelmeier ist bisher so gut durchs Leben gekommen und es scheint ihm auch, daß er jetzt noch gut damit auskommt, sogar besonders gut. Sein Lebtag war es ihm klar, daß es mit dem Verlieben eine faule Geschichte ist. Jetzt denkt er nicht daran.