Der Rangierbahnhof

Part 3

Chapter 33,738 wordsPublic domain

Diese beiden Unglücksfälle berichtete das Mädchen auf eine trockene sachgemäße Weise, so daß Gastelmeier, der einigermaßen empfindlicher Natur war, sich nicht besonders geschmeichelt fühlte.

Der Herr ist vollgeschmiert, die Palette zerbrochen. Das ärgerte ihn wirklich.

Jetzt sagte die Dame, daß dieser Vorfall kein gutes Zeichen sei für die Mieter eines Zimmers.

»Oho,« meinte Gastelmeier.

»Sie haben das Zimmer gemietet?« sagte das junge Mädchen wieder trocken. »So, dann wundert mich nichts, bei uns gehts immer schief.«

»Emil!« rief sie jetzt -- und o Wunder, Emil kam auf den ersten Ruf.

»Führe den Herrn in sein Zimmer und bringe dann alles, um die Ölflecken auszuwaschen.« Auf Emils verwunderte Augen hin berichtete das junge Mädchen mit Gleichgültigkeit den Vorfall noch einmal in aller Kürze.

›In sein Zimmer‹ -- hatte sie gesagt. Sie hielt ihn also schon für den rechtmäßigen Eigentümer. Höchst unangenehm. Emil, der dicke Bursche, flüsterte ihr etwas zu und kicherte dabei wie ein Schulbube, der heimlich einen Streich erzählt.

»So«, sagte das Mädchen und wendete sich an Gastelmeier. »Das war also ein Mißverständnis; ich glaubte, Sie wären der Mieter unsres Zimmers. Verzeihung.«

Sie sah ihn mit den dunkeln großen Augen einfach und vornehm an, daß es ihm nicht recht geheuer zu Mute wurde und er nicht wußte, was er des Zimmers wegen sagen sollte. Und es war ihm, als wenn der Teufel seine Zunge einstweilen in Beschlag genommen hätte, als wenn sie ganz ohne sein eigenes Dazuthun die bedenkliche Unterhaltung führte.

»Doch, mein Fräulein,« sagte seine Zunge aus eigenem Antrieb, »es war allerdings mein Vorhaben, das Zimmer zu mieten, wenn sie keinen besseren Mieter dafür wissen.«

Ohne sein eigenes Zuthun drückte sich diese Zunge sehr fad und vorlaut aus, kam ihm zuvor und hatte ihn nun gehörig hineingeritten. Das war ja so gut wie gemietet. Teufel auch!

Jetzt standen sie in »seinem« Zimmer. Emil kam mit einem alten Brötchen und einer Flasche Terpentin, die Mutter war nach einem Lappen fortgestürzt und nach geraumer Zeit waren die drei Personen, die Mutter, Emil und Olly, genannt Tante Rebella, mit seiner Person und ihren Flecken beschäftigt.

»Ruhig Blut,« sagte Emil einmal übers andre. »Erst mit dem alten Brötchen ordentlich abschaben und trocken reiben, dann erst mit dem Lappen, sonst verschmiert ihr's.«

Er machte bei dieser Prozedur einen recht vertrauenerweckenden Eindruck. »Ruhig Blut, ruhig Blut!« aber mußte er einmal übers andre sagen, denn dem Temperament der beiden Damen schien das Terpentinöl und der Lappen weit mehr zuzusagen als das trockene Brötchen. Während dieser Prozedur fühlte sich Gastelmeier immer mehr und mehr zur Familie gehörig. Er erfuhr ihren Namen. Sie hießen Kovalski. Das heißt: Frau und Tochter und Emilie hießen so, der Sohn aus erster Ehe trug den Namen Oel. Der zweite Gatte der Dame war ein polnischer Maler gewesen, der kurz nach der Geburt des dicken Emil das Zeitliche gesegnet hatte. Olly war zwanzig und der Jüngste wurde siebzehn.

Gastelmeier mußte sogar den Rock ausziehen, weil Emil versicherte, anders wäre es gar nicht möglich.

»Gnädige Frau,« unterbrach jener das eifrige Treiben. »Nun erbarmen Sie sich auch der Haare und des Näschens Ihrer Fräulein Tochter.«

Mit demselben Lappen wie er wurde nun auch die Übelthäterin gerieben und geputzt. Und die Verbindung zwischen Gastelmeier und Kovalskis ward immer enger. Es schien in Bezug auf das Zimmer anständigerweise gar nicht mehr zu entrinnen möglich zu sein.

»Verzeihen Sie,« sagte Gastelmeier zu Fräulein Olly, während er von Emils kurzen derben Fäusten bearbeitet wurde. »Als wir auf dem Treppenabsatz vorhin vom Schicksal durcheinander geschüttelt wurden,« -- seine Zunge, so kam es ihm vor, sprach immer noch aus eigenem Antriebe -- »rief man Sie Rebella und wenn ich nicht irre, Tante Rebella?«

Da hielt Emil plötzlich mit dem Reiben inne, schlug sich mit der Hand auf seinen kleinen fetten Schenkel und rief im schnellsten Tempo: »Verflucht! verflucht! verflucht!« als ob er sich außerordentlich amüsiere.

Gastelmeier sah sich erstaunt nach dem Gefühlsausbruch hinter seiner Schulter um und blickte in ein Gesicht, das einem wohlgenährten kleinen Faun anzugehören schien.

»Weshalb amüsieren Sie sich denn so?« fragte er den ausgelassenen Jüngling. Es wurde ihm unter Emils Händen unbehaglich.

»Ich dachte mir nur so,« antwortete Emil und sah unglaublich spöttisch aus.

»Das ist einmal Emils Art so,« sagte resigniert die Mutter.

›Eine sonderbare Art,‹ dachte Gastelmeier.

»Emil,« sagte das junge Mädchen, »sei nicht albern und betrag' dich vernünftig.«

»Betrag' du dich,« war die Antwort.

»Du hast wieder so ein Gesicht gemacht, daß man glaubt, du mokierst dich über die ganze Welt,« fuhr sie fort, ohne sich im geringsten um die Anwesenheit des Mieters zu kümmern. »Du wirst einmal von irgend wem eine Ohrfeige bekommen.«

»So,« war die gemütliche Antwort.

»Noch viel schlimmer,« sagte sie, »die Menschen werden dich nicht leiden können.«

»Die Menschen? Pfeif' ich drauf!«

»Du sagst mir, weshalb du das Gesicht gemacht hast.«

»Eben so.«

»Nein, ich will's wissen.« Sie sprach fest und ruhig. »Glaubst du, ich lasse mir irgend etwas bieten? -- Du?!«

»Einfach -- ich stellte mir vor, wer in unserm Haus ist oder bleibt, wird mit der Zeit schon erfahren, weshalb du Tante Rebella genannt wirst.«

»Weiter war's wieder nichts?« fragte sie ruhig.

»Nein.«

»~Tant de bruit pour une omelette~,« sagte sie auf eine vornehm kühle Weise.

›Sonderbar,‹ dachte Gastelmeier, ›daß bei diesem energischen Verfahren der eigentümliche Jüngling seine Eigenheiten so gut konservieren konnte.‹

Zur Erklärung dieses Umstandes erfuhr er bald darauf, daß Rebella zwei Jahre bei einer Tante verlebt hatte und seit kurzem zurückgekehrt sei. Während ihrer Abwesenheit war Emil ins Kraut geschossen.

Gastelmeier lernte auch noch in dieser Stunde Erwin kennen, den Sohn aus der Oelschen Ehe. Dieser stellte sich ihm als Schriftsteller vor und er stellte sich nicht nur vor, sondern produzierte sich gewissermaßen damit, daß er vor seinem Eintritt ins Zimmer laut nach Olly und Mama rief, und gleich darauf, ohne deren Antwort abzuwarten, in die Thüre polterte: »Da haben wir die Bescherung, hat mir auch dieser Esel den Roman zurückgeschickt -- hab' ich's nicht gesagt? Aber da hieß es immer: Schick' nur -- schick' nur --«

Nach diesem Monolog trat ein langer sparriger Mensch von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren, aufgeregt, rot im Gesicht, ins Zimmer, sah einen Fremden, war außerordentlich verblüfft, sah seine Mutter, die ein wahrhaft tragisches Gesicht aufgesetzt hatte und bleich und nervös sich auf einen Stuhl niederließ.

Emils altkluges: »Verflucht! -- verflucht! -- verflucht!« ertönte.

»Um Gottes willen, Erwin, quäl' dich nicht so,« sagte die Dame in nervöser Erregung und fügte noch allerlei hinzu, ohne so recht selbst zu wissen, was sie sprach, entschuldigte sich vor Gastelmeier und stellte diesem schließlich ihren Sohn vor, der weise in Gegenwart des Fremden seinen Ärger zu unterdrücken suchte.

Er hatte einen gut geschnittenen Kopf, war völlig bartlos, hatte ein stark vorgeschobenes Kinn, so daß die Lippen seines kleinen Mundes wie gespannt zwischen Wangen und Kinn lagen. Seine Bewegungen waren eckig und hastig. »So geht's mein Herr,« sagte er in scherzhaftem Ton. »Sie haben soeben den Dichter auf dornenvollem Pfad gesehen. Er hat auch seine guten Stunden.«

Das kam etwas geschraubt heraus, als sagte es ein schon berühmter Mensch.

Gastelmeier war jetzt so weit wieder äußerlich hergestellt, daß er dieser gewaltsam unterdrückten Familienszene entfliehen konnte; aber mit dem Bewußtsein, unabweisbar der rechtmäßige Herr des »originell möblierten Zimmers« geworden zu sein.

Die Mutter des geprüften Schriftstellers befand sich in hochgradiger Aufregung. Mit schwacher Stimme wandte sie sich an den sich Empfehlenden:

»Mein Herr, glauben Sie mir, Mutter von drei Kunstbeflissenen zu sein, ist keine Kleinigkeit. Dazu gehören Nerven -- Nerven -- und wieder Nerven --«

»Mami,« sagte das junge Mädchen, welches bisher scheinbar teilnahmlos dem ganzen Vorgang gefolgt war: »Ihr erwartet eben alle zu viel. Arbeiten auf Tod und Leben. -- Das ist's -- weiter nichts fürs erste,« und die dunkeln Augen leuchteten von einem innern Feuer. Gastelmeier blickte gespannt auf das Mädchen. Sie war in diesem Augenblick voll Schönheit und Entschlossenheit.

Die Leute beängstigten ihn und thaten ihm leid, und um sie ein wenig auf andre Gedanken zu bringen, erzählte er ihnen von seiner vorigen Wohnung, beschrieb ihnen den nächtlichen Rangierbahnhof, die Unruhe, den Lärm, der ihn eigentlich gar nicht so sehr gestört hatte, das Gewühle und Gewürge und wie sie nie fertig werden, in aller Ewigkeit nicht, auch wenn es manchmal so scheint, als wäre alles zufriedengestellt und eingehakt; wie es immer von neuem, immer von neuem angeht, unaufhörlich. Er erzählte es so, wie er es Annele auf der Fahrt von Rohrmoos nach der Station beschrieben hatte, und fügte hinzu, daß ihm deshalb ein Zimmer, das in einen stillen Garten blicke, im Rückgebäude läge, so behage; er brachte sich selbst auf diese Weise in eine künstliche Zufriedenheit mit seinem unfreiwillig erworbenen Besitztum.

Als er gerade inmitten seiner eifrigsten Rangierbahnhofsbeschreibung war, ließ Emil sein altkluges: »Verflucht! verflucht! verflucht! verflucht!« los und schnitt ein so sonderbar ironisches Gesicht, daß es Gastelmeier außerordentlich unbehaglich wurde und er herzlich gern einige väterlich gemeinte Worte an den Jüngling gerichtet hätte, wenn es ihm nicht geratener erschienen wäre, die Familie mit nichts zu beunruhigen. Sie kam ihm vor wie der verwunschene Teich, vor dem die Buben gewarnt werden, damit sie nicht etwa mit Steinen hineinwerfen, weil es sonst im See wild zu tosen und zu toben beginnt auf eine Weise, die keinem Sterblichen gut thut. Aber er hätte doch gern gewußt, weshalb Emil, bei der Beschreibung, die er der Familie zuliebe gemacht, seine ironische Maske aufgesetzt hatte.

Frau Kovalski lud ihn zum Familienthee ein, der seit geraumer Zeit im Wohnzimmer stand und ihr plötzlich wieder in die Erinnerung gekommen war. Man hatte ihn über den verschiedenen rasch aufeinander folgenden Unglücksfällen vergessen. Olly war ja vorhin so übereilig aus der Atelierthüre gestürzt, weil sie die Theestunde um ein Beträchtliches versäumt hatte -- und die Versäumnis durch ein paar Sprünge gut machen wollte. Eile aber ist des Teufels Werk.

Gastelmeier lehnte dankend den Mitgenuß des Thees, der jedenfalls stark gezogen hatte, ab und verabschiedete sich endgültig. Er hätte schon heute Nacht in dem originell eingerichteten Zimmer schlafen können. Dieser Gedanke aber hatte etwas so Befremdliches für ihn, daß er sich durchaus nicht auf ihn einließ.

III.

Friedrich Gastelmeier schwieg wohlweislich darüber, wie er zu dem »originell möblierten« Zimmer eigentlich gekommen war, als er an jenem Abend mit seinen Kollegen zusammentraf. Andern Tags zog er aber mit Sack und Pack in seine neue Wohnung.

Das Läutwerk war auch an diesem Tage, an dem sie doch seine Ankunft bestimmt zu erwarten hatten, vollständig heiser, so daß wieder eine geraume Zeit verging, bis sie ihn samt dem schimpfenden Dienstmann, der den Koffer trug, einließen. Er wie der Dienstmann hatten längere Zeit vor dem Öffnen und zwischen den verschiedensten Läutversuchen gehört, wie jemand immer an der Thüre herumwirtschaftete, und als schließlich geöffnet wurde, war es Emil, der öffnete. Gleich darauf hörte Gastelmeier die nervöse Stimme der Mutter aus einem der Wohnräume: »Emil!«

Emil bewegte sich bedächtig bis in das Wohnzimmer und Gastelmeier konnte hören, wie er in die Nebenstube hineinsagte: »Ruhig Blut, 's ist nur der Maler.« Und ein befriedigtes »So« konnte er auch hören, dann kam Emil wieder. Noch ehe Gastelmeier bis in sein Zimmer gelangt war und den Dienstmann verabschiedet hatte, läutete es wieder unterdrückt und heiser.

»Verflucht! verflucht!« murmelte Emil, das weitere »verflucht« schenkte er sich dieses Mal zu Gunsten eines »Bst!« als der Dienstmann Miene machte, sich in Bewegung zu setzen -- »Bst!« Er schlich an die Thüre, schielte vorsichtig durch die Ritzen und das Guckloch, welches mit einem durchbrochenen Messingblättchen überdeckt war.

Der Dienstmann begriff die Situation augenscheinlich und schmunzelte, auch Gastelmeier stand und rührte sich nicht, war aber von dem Empfang beim Einzug in seine neue Wohnung nicht besonders erbaut.

Das war nichts für ~Comme il faut~-Meier. Die heisere Klingel wurde wütend und wütender. Niemand regte sich. Die drei verharrten so steif wie gefrorene Schellfische. Emil suchte die andern mit seinem Blick zu beschwören, ruhig zu bleiben, bis das heisere Läutwerk sich ausgetobt hätte, und es gelang ihm.

Nachdem der Störenfried draußen sich endlich genug gethan und zuletzt noch in seiner Wut der Thüre einen tüchtigen Tritt versetzt hatte, sagte der Dienstmann: »Dös wär g'schehn, 's könnt halt der Metzger g'wesen sein mit san Kälbergriff.« Damit ging er.

Die vergeistigte Dame rief wieder nach Emil, und Emil schlug sich auf die kurzen strammen Schenkel und murmelte: »Mistjauche -- nichts als Mistjauche.«

Dieser etwas eigentümlich gewählte Ausdruck kam ihm, wie es schien, aus tiefster Seele. Gastelmeier hörte es noch gerade, ehe er die Thüre des originell möblierten Zimmers hinter sich schloß. Darauf begann er sich einzurichten mit nicht ganz leichtem Herzen.

Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu -- da war etwas -- etwas, was er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes, Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon. Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.

Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder, die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und hatte ihr Kopfkissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie erhob sich matt.

»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.

»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge der Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie Künstler sind.«

Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel ihm die Geschichte mit dem Roman ein.

»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden, auch gedruckt würden -- davor möge uns der Himmel bewahren!«

»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte trüb vor sich hin.

»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben -- von einem Roman!«

Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie wehmütig.

Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte das Bedürfnis, gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.

Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem Papier zu sehen.

»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.

»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte, machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste gelangweilt weiter zu arbeiten.

»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.

»Ne,« sagte Emil, »Olly.«

Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte. Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem Unterhaltungsstoff.

»Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? -- Er hat den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an Gastelmeier.

»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.

Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr, eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter -- man muß ihn gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel -- da wird er ruhig. Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren Shawl.

Draußen pochte es jetzt energisch. »Olly,« sagte Emil.

Es war Olly. Sie kam lebendig und frisch herein, etwas hastig. Sie kam vom Aktzeichnen und wollte Thee trinken. Im ersten Augenblick bemerkte sie Gastelmeier nicht und dann begrüßte sie ihn so einfach und gleichmütig, als wäre er längst hier Familienmitglied.

Gastelmeier fand, daß sie nicht besonders viel Federlesens machte. Ehe sie sich ihren Thee einschenkte, beugte sie sich über Emils Zeichnung, nahm ihm den Bleistift aus der Hand und, ohne etwas zu sagen, packte sie die Modellfaust, rückte sie wie es ihr paßte, und über Emils Schulter hinweg arbeitete sie mit festen sichern Strichen in seine Zeichnung hinein. Sie hatte ihr Käppchen noch auf und an der linken Hand noch den Handschuh. Sie war kalt und frisch und strömte Schneeluft aus.

»Olly, du sollst nicht so eisig ins Zimmer kommen, du kältest es ganz aus.«

Olly hörte, wie es schien, nicht. Die feste kleine Hand korrigierte eifrig weiter.

»Und bei dem Wetter! Du wirst dich selbst wieder einmal erkälten, dann haben wir's.« Die Dame seufzte.

Gastelmeier empfand auch den Strom von Frische, der von Olly ausging, und er dachte unwillkürlich an die Abschiedsworte seines Vaters. Er schaute ihr zu, wie sie arbeitete, ganz versunken und in der unbequemen Stellung über Emils Kopf hinweg. Der hatte es ihr allerdings leicht gemacht; den dicken Kopf mit dem dichten blonden Haarfilz auf die Tischkante gelegt, so daß er nicht sehen konnte, wie seine Zeichnung sich unter Ollys flinken Händen veränderte, so hockte er vor ihr.

Gastelmeier schaute ihr unverwandt zu. Das war Talent -- das saß. Und sie zeichnete und zeichnete und vergaß alles um sich her, den dicken Kopf und den Thee, und den Fremden.

»Emil,« rief sie mit einmal heftig: »Sieh her!«

Emil grunzte und beguckte sich die Sache.

»Weshalb hattest du denn so gepatzt? Faul -- faul -- faul! Das ist's. Wie sitzt du denn? Wie kann ein Mensch so arbeiten? Mama, du hast ihn wieder krumm wie einen Engerling dahängen lassen.«

›Engerling ist gut,‹ dachte Gastelmeier. Er ist wirklich so ein weißer, dicker Bursche ohne Glieder; es hängt alles an ihm herab, die Arme, die Beine, der Kopf. Zu seiner Verwunderung sagte jetzt auch Emil: »Bravo! -- Engerling! Sehr gut! Faltiger Elefant -- Wachskerzen -- Spitaler -- und so weiter. Du hättest Unteroffizier werden sollen.«

»Ja, ich wollte,« sagte sie, »es käm' einer über dich, so ein rechter Teufel.«

Olly schenkte sich Thee ein, setzte sich auf die äußerste Stuhlkante und nahm sich ein Brötchen. Das Mädchen war von einer unglaublichen Lebendigkeit im Blick und in der Bewegung. Sie schien immer vollkommen munter und aufgeweckt zu sein. Gastelmeier sah sie sich mit Vergnügen an.

»So ein Pferd,« sagte Emil zu ihr.

»Bitte,« antwortete sie ihm kühl, »wen meintest du?«

»Na -- das ist auch gerecht. Die schimpft, wie's ihr paßt, sie selber will aber mit Sammetpfoten angefaßt werden.«

»Allerdings,« sagte Olly. »Das will ich auch!«

»Na, ja -- ich meine ja auch mit dem Pferde nur: am Morgen rennst du um acht Uhr ins Atelier und bleibst bis Mittag, dann geht's wieder los und dazwischen galloppierst du mit Kreuz- und Seitensprüngen wie in der Manege, dann läufst du zum Aktzeichnen und« -- nun wandte er sich an Gastelmeier -- »wenn sie heimkommt, ist sie so fidel wie der Teufel und ich muß es ausbaden. Dann kommt sie über mich.«

Gastelmeier erfuhr auf seine Frage, daß Olly ihren Bruder für die Akademie vorbereite -- aus Ersparnis. »Es ist kein Eifer in ihm,« schloß sie ihre Mitteilung.

Gastelmeier fragte, weshalb er gerade die Malerei zum Beruf gewählt habe.

»Künstler ist das einzig Menschenwürdige,« sagte die Dame zum erstenmal etwas lebhafter.

Emil räusperte sich: »Maler? -- ebenso, wie einer Jurist wird.«

»Emil, ums Himmels willen, das ist doch nicht so bei dir?« rief Olly.

»Wer hat's denn behauptet?« meinte Emil gemütsruhig.

»Weshalb sagst du's dann?«

»Eben so.«

»Ja, was sollte mein Sohn denn wählen?« setzte die Mutter wieder ein. »Die Künstlerschaft liegt ihm im Blute. Für was andres hat er auch keine Begabung. Aus dem Gymnasium haben wir ihn genommen so bald als thunlich. Er braucht nicht zu dienen, er ist nicht deutscher Unterthan.«

»Brillant fürs Leben gestellt,« sagte Emil trocken und altklug und setzte seine ironische Maske auf.

»Mein zweiter Gatte war Maler, wie Sie wissen?«

»Ja, Sie sagten es schon, gnädige Frau.«

»Kennen Sie sein Schicksal?« fragte sie. »Wissen Sie, daß er zweiundzwanzig Jahre in den sibirischen Bergwerken gewesen ist?« Das sagte sie gewissermaßen mit Genugthuung, wobei sie den Kopf hob, als wollte sie sich die Überraschung beschauen, die ihre Worte dem Fremden verursachten.

Gastelmeier, der mit dem Schicksal eines nach Sibirien Verbannten keine feste Vorstellung verband, entsprach nur ungenügend der Erwartung.

»Mistjauche,« brummte Emil. »Um nichts besser als Mistjauche sind die Menschen.« Er war aufgestanden und ging mit kurzen strammen Schrittchen im Zimmer auf und nieder.

Die Thüre that sich auf und Erwin, der Sohn aus Oelscher Ehe trat ein. Er sah auffallend elend und hager aus, etwa wie ein Mensch, der vom Zahnausziehen kommt. Es thut nicht mehr weh, aber es hat weh gethan. Man sieht's ihm noch an.

»Bist du ruhiger mein Sohn?« sagte die Mama zärtlich. »Wir leiden beide immer gleich -- das muß dich trösten. Jedes Ja im Leben ist ein Glück und jedes Nein ein Unglück. O -- die zartbesaiteten Naturen!«

»Erwin,« sagte Emil, »wir sprachen eben von Papa.«

Erwin setzte sich und schwieg.

»Ja, meinen zweiten Gatten hat das Schicksal schwer getroffen; als junger Mensch von zwanzig Jahren ist er als politischer Verbrecher in die Bergwerke gekommen, nach einem von den vielen polnischen Aufständen -- wohin doch gleich zuerst?« Die Dame hatte den Namen vergessen.

»Nach Semiretschinsk,« sagte Emil ungeduldig. »Herrgott, Mama, weißt du denn das noch immer nicht?«

»Und, denken Sie sich, Papa hat,« fuhr er fort, »ehe er nach Semiretschinsk kam, ganz genau geträumt, wie es dort aussah -- ein langes Blockhaus und noch ein elendes Haus und ein ewig langer Zaun und eine verkrüppelte Birke und ein niedriger Schuppen und nichts weiter. Weit und breit Schnee, nur Schnee und Schnee, und der Himmel auch schneeweiß. Und wie sie dahin gekommen sind, hat er's nach seinem Traume erkannt und hat laut aufgeweint.« Das erzählte Emil lebhaft, viel lebhafter, als es Gastelmeier ihm hätte zutrauen können.