Part 2
»Du läßt dir auch ein bisserl viel gefallen, dünkt mich,« begann sie nach einer Weile wieder.
»Oho,« sagte er.
»Ja, du bist eben bequem.«
»Du meinst, ich hab' gern meine Ruh'? Stimmt -- aber mit dem ›Gefallenlassen‹, -- nein, da irrst du dich!«
»Mit deinem Namen das Gethu, das läßt du dir doch ruhig gefallen ... ›Bastelmeier‹, weshalb nennen sie dich denn so? und dann ›Wastelmeier‹ und ›Büchselmeier‹ und was alles hängen sie dir an -- und ›~Comme il faut~-Meier‹ -- ›Speckmeier‹!«
»So -- na, große Geschichte -- das hat alles seine Bedeutung -- was ist da weiter -- man muß Spaß verstehen. Büchselmeier, das kommt davon, du weißt ja -- ich lieb' mein' Sach' bei einander. Das Herumfahrenlassen, das kann ich nicht leiden. Ordnung muß sein. Ich geb' zu, es giebt reichlich Büchsen und Büchsel bei mir und allerlei Dinge, die meines Dafürhaltens ein ordentlicher Mensch besitzen muß. Auch die übrigen Namen haben alle ihre Geschichte; aber weshalb denn nicht? -- Speckmeier, zum Beispiel. Der Schlankeste bin ich nicht -- und wenn sie's aussprechen, was 'mal ist, da kann ich nicht Lärm schlagen.«
»Du bist aber nicht fett,« sagte sie.
»Weißt du, die Rasse ist gut, die beiden Alten machen mir nicht gerade Furcht, einmal auseinander zu fließen; aber man merkt mir's schon an, daß ich net stürmisch bin.«
»Das bist du nicht,« bestätigte sie.
»Na, vielleicht 'mal in der Liebe -- Herrgott noch einmal, bis jetzt bin ich soweit verschont geblieben. Unberufen! Greulich, daß ein jeder es ausprobieren muß -- also -- abwarten.«
Sie lächelte.
»Du kommst mir oft jünger vor, als ich bin,« sagte sie.
»Das ist viel gesagt. Dümmer meinst du wohl -- danke.«
»Du weißt's schon, wie ich's meine.«
So fuhren die beiden jungen Leute plaudernd miteinander hin, dem Ziele zu.
»Gottlob,« sagte er, »daß es außer meiner Mutter für mich noch ein Weib giebt und dazu ein junges Weib, mit dem man reden kann, ohne Furcht vor den verdammten Liebesgeschichten. Daß das euch Weibern so in den Gliedern steckt! Es ist wirklich greulich.«
Sie errötete bis unter die Haarwurzeln.
»Also abgemacht,« sagte er, als er nach kurzem Auf- und Niedergehen auf dem Perron der kleinen Station in ein leeres Coupé zweiter Klasse stieg. »Wenn ich einen Schatz hab', bist du die erste, die's erfährt, und gefällt er dir nicht, verabschieden wir ihn.«
»Die Abmachung möcht' ihr nicht gefallen, wenn sie's wüßte,« sagte das junge Mädchen.
»I was? Übrigens sei ruhig, du sagtest vorhin mit den Strümpfen -- ich paß schon auf.«
»Du hast diesmal zwei einzelne mitgebracht.«
»Teufel auch. Da sind die Waschweiber schuld daran. Ich werd' ihnen schon auf die Finger sehen. Verlaß dich drauf.«
Da lachte sie über ihn. Der Zug kam in Bewegung; es keuchte, dampfte, brauste, pfiff, dröhnte, läutete.
Die Beschreibung vom Rangierbahnhof kam ihr in den Sinn und sie rief: »Du, mit der Salzstraßen, daß du mir das nicht versäumst!«
»Gleich wird's gemacht!« rief er ihr noch von weitem zu -- und dann »Grüße, Grüße an die Alten oben« -- und fort war er.
Das junge Mädchen sah dem Zuge nach, die Augen wurden ihr trüb. -- Zwei Thränen rollten die frischen, von der Kälte geröteten Wangen herab.
»Der thut sich leicht,« seufzte sie erregt. »Das hätt' er jetzt sehen sollen! Herr du mein Gott!«
Sie wischte sich die Thränen weg und ging festen Schrittes zum Schlitten.
»Sepp,« sagte sie. »Besorg, was du zu besorgen hast und komm mir nach.«
Der Alte nickte und das Mädchen ging vorwärts, leichtfüßig, als wög' das Herz ihr nach dem Abschied kein Quentchen, und sie trug doch schwer daran -- Abschiedsschmerz ist keine leichte Sache. Das hätte ihr aber einer jetzt ansehen sollen!
»Mit dir, du dummer Bub, werd' ich wohl fertig werden!« sagte sie im schnellen Gehen vor sich hin. »Wär' nicht übel.« Und da klang ein Jodler durch die frische Kälte in die Einsamkeit hinaus -- so ein Jodler, der alles, was das eingeengte Menschenherz beschwert, wie auf großen Flügeln über die stillen Berge und Thäler trägt.
II.
Wir treffen den Friedel Gastelmeier in München wieder. Seinen Handkoffer hat er dem Portier auf dem Zentralbahnhof übergeben und jetzt schlendert er in die Stadt hinein. Es ist bei ihm abgemachte Sache. Das alte Quartier in der Salzstraße nimmt er nicht wieder -- kehrt überhaupt gar nicht mehr dahin zurück. Weshalb soll er sich der peinlichen Geschichte aussetzen, von den beiden Frauenzimmern sich zu verabschieden? Und fort muß er, da ist nichts zu machen. Er hat's ihr versprochen. Und wahrhaftig, sie hat recht. Er hat sich dort verhätscheln lassen, es ist ihm vortrefflich ergangen -- sie haben ihm alles an den Augen abgesehen. Er hat für die Bequemlichkeit den verfluchten Lärm in Kauf genommen -- und noch etwas. Er war so ein schlauer Vogel gewesen, der es verstanden hatte, die Lockspeise zu fressen, ohne sich in der Schlinge zu fangen.
»Na ja! Was soll man machen bei diesem Menschenhandel? Übers Ohr hauen, wie das bei jedem Handel üblich ist. Scheußlich, wie man in so etwas hineinkommt,« philosophierte er und schlenderte weiter. »Na ja, entweder man läßt sich ausnützen oder man nützt aus. Es ist da gar nichts zu machen. -- Und diesmal soll mich der Teufel holen, wenn ich irgendwohin gehe, wo eine Tochter im Haus ist. Aber wie sie das alles durchschaut hat, sie, die nie von da oben herabkommt. In Liebessachen haben die Weiber Eingebungen.«
So kam er im Café Luitpold an, hatte vorher noch einen Dienstmann in die Salzstraße geschickt, um die übrigen Sachen holen zu lassen, die er als vorsichtiger Mann wohlverpackt hinterlassen hatte. Im Café Luitpold wurde er an seinem Stammtisch von einigen Kollegen begrüßt.
»Speckmeier! ~Comme il faut~-Meier! Büchselmeier, grüß Gott!«
»Da wären wir wieder.« Damit rückte er seinen Stuhl und faßte wohlgemut Posto.
Er stand trotz »Speck- und Büchselmeier« in gutem Ansehen bei seinen Kameraden, die ihn für einen tüchtigen Kerl in jeder Beziehung hielten, und seine kleinen Eigenheiten waren auch ein Vorzug, besonders weil er durchaus Spaß verstand. Er war ein prächtiger Kerl, darin stimmten sie alle überein. Für einen Künstler etwas pedantisch, daher »Büchselmeier«, aber gegen seine Künstlerschaft war eigentlich nichts einzuwenden. Er arbeitete simpel vor sich hin, ohne viel Aufhebens. -- Und was er fertig brachte, hatte auch so etwas Simples, Gutes. Er war Landschafter, malte fleißig und verkaufte sogar, und das will viel sagen.
Nur in einem, da verstand er keinen Spaß. Friedrich Gastelmeier, der brave Bursche, hatte mit seinen achtundzwanzig Jahren es zu einer behaglichen Körperfülle gebracht -- das war Thatsache, damit hatte er sich abgefunden. Er fand auch, daß diese Fülle ihn nicht übel kleidete, und hatte recht; aber eine andre Thatsache die nahm er nicht so kühl und einfach hin, es hatte sich bei ihm frühzeitig ein ganz ansehnliches Glätzchen eingestellt. Davon wollte er nichts wissen. Er gebrauchte allerhand Haarmittel. Man erzählte sich, daß er auch schon bei einem Haardoktor gewesen sei -- alles vergeblich; die Fläschchen, die seine Haarmittel enthielten, standen jedoch nicht mit den übrigen auf seinem Waschtisch aufgepflanzt. Er hielt sie verschlossen, denn er schämte sich ihrer. Was mit dem Glätzchen zusammenhing, war sein wunder Punkt. Das hatten die Kollegen längst weg, denn sie hatten einst auch begonnen, das Glätzchen spaßhaft zu nehmen, waren aber bei Freund Gastelmeier übel angekommen, der sein Glätzchen verteidigte wie eine Löwin ihr Junges. Es war in dieser Beziehung die größte Vorsicht geboten.
Und sie waren vorsichtig, nachdem sie in seinen Seelenzustand Einblick genommen hatten. Diesen guten Menschen zu kränken, kam ihnen nicht bei, und sie machten unter der Hand Fremde, die in ihrem Kreise auftauchten, auf Gastelmeiers Eigentümlichkeit aufmerksam, um seine empfindliche Herzensstelle vor unberufenen Fingern zu behüten. Dem kleinen Gastelmeier erging es allenthalben gut, denn er war gern gesehen.
Heute teilte er seinen Kollegen mit, daß er nicht in sein altes Quartier zurückkehren werde, bat zu gleicher Zeit die Kellnerin um die »Neuesten Nachrichten« und war bald in die Inserate vertieft.
»Büchselmeier, aber nun suche dir die Bude einmal möglichst nahe bei deinem Atelier, sei so gut. Das ist ja ein Unsinn, wie du dir die Sache eingerichtet hast,« sagte einer. »Also Schelling- -- Barer- -- Blütenstraße -- so etwas.«
»Gieb einmal her.« Gastelmeiers Gegenüber streckte die Hand nach der Zeitung aus und nahm sie an sich. »So, jetzt paß auf. Werden wir gleich haben.«
Inzwischen nahm Gastelmeier die Einladung eines seiner Kollegen, bis sich etwas Passendes gefunden, bei ihm auf der Stube zu wohnen, dankend an.
Sie suchten jetzt in den Inseraten und es fand sich etwas.
»Da gehst du hin -- zuallererst. -- Hör' mal: ›Zu vermieten!‹ -- also: ›Es wird vermietet‹ -- noch einmal! Unpraktische Leute! -- Also: ›Es wird vermietet -- ein Zimmer. Südseite, auf längere oder auch kürzere Zeit, nach Belieben. Schaut ganz ins Grüne‹ -- in dieser Jahreszeit nicht übel -- ›ist originell möbliert‹. -- Weiter: ›Preis nach den Verhältnissen des Mieters‹. Was sagst du dazu? Sollte man es nicht mit dieser komischen Heiligen versuchen -- riesig unpraktisch!«
»Das hat eine alte poetische Jungfer geschrieben,« sagte Büchselmeier. »Da wäre man ja auch vor einer Tochter sicher.«
»Möglich,« sagte einer.
»Na, wollen sehen,« meinte Gastelmeier. Und so ging er noch diesen Tag in der letzten hellen Nachmittagsstunde in die Blütenstraße, um besagtes Zimmer in Augenschein zu nehmen.
Drei Treppen hoch stieg er im Rückgebäude, das frei und luftig in einem Garten lag.
»Drei Treppen -- Rückgebäude -- na« -- brummte er zweifelhaft. Das war nicht so ganz, was er wollte, aber still, ja das schien es zu sein. Etwas steile Stufen. -- In der Stadt liebte er seine Bequemlichkeit. Es waren im Haus meist Ateliers, nur im dritten Stock schien eine Familienwohnung zu sein. Da ließ sich vielleicht mit der Zeit etwas machen. Er könnte auch sein Atelier hierher verlegen. »Wollen sehen.« So stieg er Stufe für Stufe gemächlich hinan und schellte endlich. Es war eine Klingel, die kaum einen Laut von sich gab, als wäre sie heiser oder als hätte man ihr etwas umgewickelt, um ihren Klang zu dämpfen.
Dieser Umstand fiel Gastelmeier auf, besonders da er dreimal sich bemerklich zu machen suchte -- ohne Erfolg.
»Schließlich liegt da wer krank. Prost Mahlzeit! Mach, daß du fortkommst, Alter. Sonderbares Volk -- erst ein Inserat, darauf umwickeln sie das Läutwerk. Dös is nix.«
Mit dieser tiefsinnigen Bemerkung wollte er eben sich anschicken, die Treppe unverrichteter Sache wieder hinabzusteigen, da that sich ganz unvermutet die Thüre auf und eine schmächtige Person in mittleren Jahren, mit unruhigen Augen, in einem schwarzen engen Gewand, stand vor ihm.
»Was wünschen Sie, mein Herr,« sagte sie auf eine Weise, der er im stillen die Bezeichnung »madamig« gab. Trotzdem sie eng und schmächtig gekleidet war, sah er sie im Geiste vor sich in weiter Krinoline mit einem Kleide, das aus lauter Garnierungen bestand, einem hohen Federhut mit Fächer und einem türkischen Shawl.
Eine so gekleidete gezierte Dame hatte er als Kind in einem Bilderbuche kennen gelernt, und die Stallmagd hatte ihm gesagt, daß das eine »Madame« sei. Seitdem wußte er, was eine »Madame« war -- und die da vor ihm stand, war eine »Madame«. Das stand fest.
Sie hatte übrigens ein eigentümlich vergeistertes, wenn nicht gar vergeistigtes Gesicht und sah gescheit und aufgeregt aus.
›Diese Person kocht schlecht,‹ dachte Speckmeier, ›und nährt sich schlecht. Das werden die alten Fräulein wohl so an sich haben.‹
»Mein Fräulein, Sie haben ein Inserat ...«
»Jawohl, mein Herr,« unterbrach sie ihn mit Grandezza. »Bitte, treten Sie ein.«
»Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Läutwerk nicht in Ordnung ist. Da Sie Mieter erwarten, scheint mir das nicht ganz praktisch zu sein,« sagte er, während er der Dame durch einen dunkeln Korridor folgte, und bekam zur Antwort, daß es allerdings in Ordnung sei.
»Wir dämpfen die Glocke etwas ab,« sagte die Dame. »Das Leben bringt genug Lärm und Unruhe mit sich.«
»So,« sagte Gastelmeier und dachte bei sich: ›Was hat denn so ein altes Fräulein unter Lärm und Unruhe zu leiden, wenn es im Garten, dritten Stock im Hinterhaus, wohnt, und nicht einen Rangierbahnhof gegenüber hat.‹
Die unruhigen großen Augen der Dame aber sprachen auch nicht von Ruhe und Behagen.
›So ältliche Fräulein, die machen immer Geschichten und geben keine Ruhe und könnten es so gut haben,‹ philosophierte er weiter in dem Thema, über das er nicht viel Erfahrung besaß. Bisher hatte er sich um ältliche Fräulein herzlich wenig Sorge gemacht.
»Bitte treten Sie ein, das ist das Zimmer.«
Er war bereit, einzutreten; aber die Thüre zeigte sich verschlossen.
»Herrgott, wer wird nun den Schlüssel haben!« sagte die Dame ziemlich fassungslos, als wenn dieser Schlüssel unwiederbringlich in einen Abgrund gestürzt wäre.
»Emil,« rief sie laut und so, als hätte sie schon hunderttausendmal auf die gleiche Art »Emil« gerufen.
›Sie hat einen Emil,‹ dachte Gastelmeier ohne weitere Kritik.
Aber Emil kam nicht.
»Bitte,« sagte die Dame wieder sehr fein, und diesmal sollte es bedeuten, daß er etwas zu warten habe.
Sie verschwand in der gegenüberliegenden Thüre und kam eine geraume Weile nicht wieder. Endlich öffnete sich dieselbe Thüre, der vergeistigte Kopf kam zum Vorschein -- und: »Bitte,« sagte die Dame so ausdrucksvoll, daß Gastelmeier nicht in Zweifel war, daß er in die eben geöffnete Thüre einzutreten habe.
In dem Zimmer saß Emil, ein dicker Bursche von sechzehn bis siebzehn Jahren; nachlässig hockte er auf einem alten Lehnstuhl und hielt die Zeitung in der Hand.
»Emil, besinn dich doch!« sagte die Dame ganz verängstigt und erregt.
Emil hatte sich bei dem Eintreten des Fremden erhoben.
»Mama,« sagte er, »den hast du -- da weiß ich nix.«
›Mama‹ -- das verwunderte Gastelmeier doch einigermaßen. Diese Unbefangenheit des alten Fräuleins!
Der dicke blonde Knabe ließ sich, nachdem er seiner Meinung nach genug gestanden hatte, seufzend wieder nieder und sagte: »Erwin oder Olly könnten ihn auch etwa haben.«
›Auch noch einen Erwin und eine Olly!‹
Schließlich kam es Gastelmeier vor, als wenn es mit dem alten Fräulein eine noch nicht völlig ausgemachte Sache sei. Weshalb sollten es nicht auch ganz geordnete Verhältnisse sein, in die er da geraten war; was man so geordnete Verhältnisse in einem gewissen Sinne nennt.
Die Dame aber bekam deshalb nichts Frauenhafteres für ihn. Sie fuhr immer noch herum und suchte nach dem Schlüssel, zog Schubfächer auf, in denen es nicht besonders einladend aussah.
Aus einer Kommode hingen einige Bänder heraus und ein wirrer Klumpen, den allerhand Fäden und Schnürchen und Läppchen und Schnitzel gebildet hatten. Gewiß ein sehr nützlicher Klumpen, denn es war so ziemlich alles darin zu finden, was ein Frauenzimmer zu Flickereien brauchen konnte. Gastelmeier vertiefte sich in diesen Anblick und dachte dabei an das Heiligtum, das seiner Mutter Nähwerkzeuge und Materialien miteinander darstellten, und es wurde ihm klar, daß das bewußte Inserat in den »Neuesten Nachrichten« nicht das rechte für ihn sei.
Doch als er sagen wollte, daß sich die gnädige Frau nicht weiter bemühen solle, er käme ein andermal wieder, da fand sich der Schlüssel. Sie hatte ihn in der Tasche. »Siehst du,« sagte Emil, der in aller Gemütlichkeit sitzen geblieben war, weise, während seine Mutter zum größten Ärger Gastelmeiers der Schlüsseljagd oblag.
›Schöne Zucht das,‹ dachte er.
»Das ist das Leben!« sagte sie. »Sie werden es auch noch kennen lernen, Herr ...«
»Gastelmeier, mein Name ist Gastelmeier. Verzeihen gnädige Frau, daß ich versäumte ...«
»Sie sind Geschäftsmann?« fragte die Dame.
»Kunstmaler, wie wir hier in München so schön sagen.«
Ein »Bravo!« war ihre Antwort.
›Das scheint ihr besondere Freude zu machen,‹ dachte er.
»Nun kommen Sie -- bitte.«
Jetzt wurde das Zimmer wirklich gezeigt und es war, mit seinem Blick in einen Garten, nicht übel. Südseite allerdings nicht. Es lag nach Westen. Originell eingerichtet, wie es im Inserat hieß: das stimmte. Es war etwas Angenehmes in dem Raum zu spüren, etwas, das auf verfeinerten Lebensgenuß hindeutete. Da hing allerhand und lag allerhand, was in gewöhnlichen »möblierten Zimmern« nicht hängt und liegt. Die Möbel standen so gewissermaßen unternehmend da, meist an Stellen, die wahrhaft kühn gewählt waren. Das Zimmer hatte das, was Gastelmeier in seinem Atelier gern zu stande gebracht hätte, was ihm aber nie geglückt war und was er als vernünftiger Mann längst aufgegeben hatte.
Aber er war sich seiner Sache ganz sicher. Hier blieb er nicht. Die Leute waren ihm nicht behaglich. Eine Frau darf nicht wie ein altes Fräulein aussehen, war seine Ansicht. Eine Frau muß gemütlich aussehen. Man muß sich bei ihrem Anblick allerlei Angenehmes, Seelenberuhigendes vorstellen können, gut zubereitete Lieblingsspeisen, einen appetitlichen Wäscheschrank, liebevoll sauber gehaltene Betten, ungezählte Gutenachtküsse, die sie ihren Kindern gegeben und von ihnen bekommen hat, so viel Pflege und Liebe, die sie ihr Lebtag ausgeteilt hat: das muß alles so von ihr ausstrahlen, wie das Licht vom Monde. Er dachte an seine Mutter, an die einfache Frau.
In seiner Kindheit hatte er das Gefühl gehabt, als hätten die Mütter und der brennende Christbaum etwas gemein miteinander. Und das hatte er nicht vergessen. Von einer Frau verlangte er -- was er selbst nicht in Worte fassen konnte, was ihm aber im Gefühl fest und klar lag. Er, der simple Mensch, war ein Schwärmer in Bezug auf die Frauen und war darum immer enttäuscht von ihnen.
Er hatte sich länger im Zimmer verweilt, als es unbedingt nötig gewesen wäre, entschuldigte sich, machte einige nichtssagende, unbestimmte Redensarten und empfahl sich. Ehe er die Thüre hinter sich schloß, fragte er noch nach dem Preis der Wohnung und wußte selbst nicht, weshalb er das that, denn er war fest entschlossen, nicht zurückzukommen.
»Den Preis?« Die unruhigen Augen sahen ihn fragend an, als wollten sie diesen Preis von ihm selbst erfahren. »Da hab' ich wirklich noch nicht nachgedacht. Ja, ich weiß nicht, die Stube ist hübsch, -- was giebt man denn so?«
Sie sprach wie von etwas, was sie gar nichts anging und unter ihrer Würde lag. Er lächelte und sagte: »Na, ich denke, das wird sich schon finden.«
Die Thür schloß sich und er hörte noch, wie die seltsame Vermieterin nach »Emil« rief.
›Der wird hören!‹ dachte Gastelmeier -- ›diesen dicken bequemen Frosch haben Sie sich nett gezogen, verehrte Dame.‹ Er stieg die Treppe weiter hinab. Jede Etage hatte eine Thüre, von der aus drei schmale Stufen direkt auf die Haupttreppe mündeten. In der ersten Etage ging es hinter dieser Thüre sehr munter zu. Lachende Mädchenstimmen.
›Auch ein Atelier,‹ denkt Gastelmeier und steht gerade vor der Thüre.
Die thut sich auf -- und Gastelmeier weiß nicht wie ihm geschieht.
›Auch ein Atelier,‹ war für eine Weile sein letzter klarer Gedanke gewesen. Etwas ist aus der Thüre gestürzt, die Stufen herabgestolpert, über ihn hingefallen. Er hat sich kaum auf den Beinen halten können, ist gegen das Geländer gepreßt, ein paar Stufen hinabgewankt mitsamt seiner Last, die auf ihn gefallen ist.
»Tante Rebella, Tante Rebella, ums Himmels willen!« ruft es aus verschiedenen Kehlen. Köpfe zeigen sich an der Thüre. Jetzt kann Gastelmeier auch wieder um sich schauen. Er ist nicht mehr beschwert. Neben ihm steht ein Mädchen, das aus dunkeln Augen ihn entsetzt anstarrt. Sie steht noch nicht wieder fest auf den Füßen -- der eine hat sich ihr im Kleide verwickelt und sie hat ihn noch nicht wieder freibekommen. Aber in ihrer Rechten hoch erhoben hält sie eine große Palette voller Farben, von der im Fall ein Stück abgebrochen ist mitsamt den Farben -- und das Stück liegt oder klebt vielmehr auf Gastelmeiers Schulter. Auch hat die Palette seine Wange gestreift.
»Mein Gott,« sagt das Mädchen. Thränen stehen ihr in den Augen. Sie ist dunkelrot vor Schreck.
Eins der Mädel kommt jetzt aus der Thüre und nimmt ihr die Palette aus der Hand.
»Tante Rebella hat sich doch nichts gethan!« rufen die andern.
»I bewahre,« sagt das Mädel, die ihr die Palette abgenommen und die Kameradin auf die Füße gebracht hat.
Gastelmeier hat seine fünf Sinne noch nicht wieder recht beisammen -- auch er fühlt sich, gottlob, trotz aller Verwirrung unzerbrochen.
»Das war nun so ein Eisenbahnzusammenstoß, mein Fräulein. Aber mir scheint wir sind mit heiler Haut davongekommen.«
»Ja, wir,« meinte das junge Mädchen zaghaft, »aber Ihr Rock. Sehen Sie nur,« -- dabei zeigte sie mit bedenklichem Ausdruck auf das abgebrochene Stück Palette, das noch auf Gastelmeiers Schulter klebte, und entfernte es vorsichtig mit spitzen Fingern.
»Ich glaube,« sagte sie, »Sie müssen zu uns mit hinaufkommen, die Flecken werden Ihnen dann ganz gut abgewaschen.«
»Das Gescheiteste wär' es,« sagte eine von den Malerinnen, die da herumstanden.
Und so stiegen sie miteinander die steilen Stufen hinauf, die Gastelmeier eben fest entschlossen gewesen war, nicht wieder zu ersteigen.
Sie schwiegen beide.
›Rebella heißt sie,‹ dachte er, ›also die Olly ist's nicht -- die Schwester von Emil. Also auch eine Rebella giebt's da oben!‹ Denn daß sie zu der Inseratenfamilie gehörte, war ihm eine ausgemachte Sache. Sie standen jetzt vor der Thüre, die sich vor kurzem hinter Gastelmeier geschlossen hatte, und Rebella bearbeitete diese Thüre energisch mit einer zarten, aber festen kleinen Faust. »Mama liebt die Klingelei nicht,« sagte sie zur Erklärung.
Das wußte er bereits.
Jetzt hatte er aber Muße, die kleine Hexe zu betrachten; weder Mama noch Emil erschienen, und die Trommelversuche wurden eine geraume Zeit lang fortgesetzt.
Rebella war eine liebliche und zugleich eigentümliche Erscheinung. Blütenjung -- zierlich -- fast schmächtig -- ein feines blasses Gesicht, dunkles lockiges Haar, das nachlässig in einen Knoten geschlungen war, und dunkle, heiße lebhafte Augen, sie erinnerten ihn ein wenig an die der Mutter -- deren Augen aber waren blau und nicht warm, nur unruhig. Ihre Gesichtsform fiel ihm besonders auf. Breite Stirn und dazu ein zierliches ausgeprägtes Kinn, -- so daß die Konturen sich von der Stirn gegen das Kinn hin schnell rundeten.
Ein Goethescher Vers fiel ihm ein:
Voll Locken kraus ein Haupt so rund.
›Der alte Goethe hat für alles gesorgt, auch für diesen kleinen Balg.‹
Er kannte auch die Fortsetzung des Verses, denn er stand mit seinem Goethe auf einem guten Fuß; aber hier wendete er seine Kenntnis nicht weiter an. Sie war ihm zu unfrisiert, und außerdem hatten ihre Löckchen mit der Palette nähere Bekanntschaft gemacht. Oben auf dem Scheitel waren sie ihr farbig zusammengeklebt, zwar nur ein paar Flöckchen -- und an der zierlichen Nasenspitze saß ihr ein gelber Fleck, als hätte sie unvorsichtig an einer Lilie gerochen. Er fühlte sich gewissermaßen gezwungen, die kleine Schweigsame aufmerksam zu betrachten, nicht nur weil er müßig dastand. Sie hatte etwas nicht Alltägliches, etwas Überraschendes, gehörte zu den Rassemenschen mit den beweglichen Nasenflügeln, den elastischen Muskeln, dem zarten festen Knochenbau.
Die Thüre wurde geöffnet, natürlich von Madame, nicht von Emil, der saß jedenfalls über seiner Zeitung.
»Mein Gott, laßt ihr mich lange klopfen,« sagte das Mädchen mit etwas erregter Stimme.
»Und Sie, mein Herr?« fragte die Öffnende.
»Ich hatte das Glück, von Ihrer Fräulein Tochter die Treppe hinabgeworfen zu werden.«
Ein unruhiger, vollkommen fassungsloser Blick heftete sich auf die Tochter.
»Olly!«
Also war es doch Olly!
»Ja,« sagte sie, »ich bin auf dem Treppenabsatz vor der Thüre hinuntergestolpert und habe ihn mit hinabgerissen.«
»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist ihr nichts geschehen. Sie hat den Moment sehr klug gewählt.«
»Ja, aber der Herr ist mit Farbe vollgeschmiert und die Palette ist mir zerbrochen.«