Part 14
Dann wird sie ruhig und der Ausdruck, wie es ihm scheint, fast heiter. Wieder greift sie nach dem Stift und er reicht ihr einen Zettel hin. Sie kritzelt im Halblicht: »Und weißt du -- selbst nach dem Karpfenschlag, mein Kamerad, auch wenn der Karpfen ganz ergeben ist, kann doch noch Unverhofftes geschehen. Unser dicker Freund, der Goldkarpfen, hatte alles aufgegeben, seinen Karpfenschlag gemacht -- war geduldig geworden -- und die Freiheit kam! Ich seh' ihn noch -- wie ein Goldstreif, husch, ins freie Wasser -- fort war er, und froh und gesund.«
Er liest den Zettel, legt ihn zu den andern in die Brieftasche -- und wendet sich ab. Die Thür öffnet sich, Emil kommt leise herein und bringt Licht.
Er schleicht an Ollys Bett. »Ollychen, was hast du denn?« fragt er sonderbar und stellt die verhängte Lampe auf den Tisch.
»Ollychen?« Er fragt ganz ruhig und doch angstvoll.
Jetzt blickt Köppert auf sie hin. Es ist eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Die Augen sind halb geschlossen, es liegt etwas Schweres auf ihr -- wie eine ungeheure Schläfrigkeit.
»Ollychen, was hast du denn?« fragte Emil wieder.
Sie winkt schwer mit der Hand.
Auf ihrem Bette liegt noch das Fläschchen. Emil greift danach. Er hält es -- hält es und schaut -- darauf hin. »Es wird ihr doch nicht schaden,« sagte er flüsternd. »Sie hat da aus dem falschen Fläschchen genommen und gewiß wieder getrunken. Das macht sie immer mit aller Medizin. Ihr Schlafmittel -- und -- ist leer.«
Er giebt Köppert das Fläschchen. Der sieht kühl darauf hin -- dann mit einem langen Blick auf seinen Kameraden -- und beugt sich über sie und sieht in das Gesicht, über dem der schwere, tiefe Schlaf schon liegt -- und sieht auf das, was das Schicksal ihm bisher an Menschenglück geboten -- in welcher Gestalt!
Mit Qual beladen -- und doch -- wochen-, monatelang hatte ihm die Glücksflamme gebrannt. Immer gefährdet, erstickt zu werden, wie eine Flamme, über die giftige Nebel sich legen. Aber sie hatte gebrannt. Es war das echte Feuer gewesen.
Die Riesenfaust hatte über den Berg gelangt und drückte den göttlichen Funken aus. Da war nichts zu machen.
Er erhob sich aus der tiefgebückten Stellung. Und noch ein langer, tiefer Blick auf das Gesicht in den weißen Kissen, für ihn das Gesicht der Gesichter.
In den tiefen Schlaf hat sie das Bild vom geretteten Goldkarpfen mitgenommen, den huschenden Goldstreifen im freien Wasser. Die unverhoffte Freiheit -- die Hoffnung. Das war gut so -- --
›Merkwürdig, barmherzig!‹ dachte er.
»Ich werde zum Arzt gehen,« sagte Köppert, und ging leise hinaus.
Da saß Freund Gastelmeier vor dem Tisch, die Arme aufgestützt, den Kopf in den Armen vergraben und war eingeschlafen.
Köppert schlich an ihm vorüber.
* * * * *
Es war alles vorbei, der Tod und das erste Entsetzen, die schreckliche Kiste mit dem Zinnsarg, die Reise -- alles.
Über Ollys armen Mimm waren die Wogen zusammengeschlagen, und Köppert saß zu Hause mit seiner Mutter -- allein. Die alte Frau strickte.
»Ich erfahr' da,« sagte sie, »du bist bei einer Verbrennung mit dabei gewesen? Durch fremde Leute natürlich erfahr' ich's.«
Köppert saß müde gearbeitet, stumm, und schnitzelte gedankenlos an einem Stückchen Holz. Das fahle, starke Haar, das sein Kamerad geliebt hatte, das unregelmäßige Gesicht, die klugen grauen Augen, die feste leichte Gestalt -- die Arbeitskraft von früh bis abend -- alles wie zuvor -- aber eine Verdrossenheit -- eine so schwere Verdrossenheit.
»Du,« sagte die alte Frau, weil sie keine Antwort bekam, noch einmal, »wie war's denn? Es soll ja greulich sein.«
»Gar nicht,« sagte er kurz.
»Du sollst ja alles gemacht haben, alles, und wie sie die Kiste zum Bahnhof gebracht haben. Also eine wirkliche Kiste, -- da warst du auch dabei. Wie kommst du denn dazu?«
»Einfach« ... Er sprach nicht aus, ging im Zimmer auf und nieder, fuhr sich durch den Haarschopf und zuckte mit den Schultern.
»Wie ist es denn?« fragte die alte Frau weiter und strickte, »wie ist denn das mit der Asche? -- Wie sieht denn das aus? -- Du --? Du erzählst einem auch gar nichts.«
»Wie das aussieht?« fuhr Köppert auf und stand vor seiner Mutter, die Finger ineinander gekrampft, grau, hager, so zugespitzt, sonderbar, so in sich selbst verkrochen.
Die alte Frau strickte weiter, zählte ab und merkte nicht auf ihren Sohn. »Ja, wie ist's denn?« fragte sie noch einmal behaglich unter dem Zählen und steckte sich eine Stricknadel durch die Haube. »Ist's denn eine Blechbüchse -- ich hab' so gehört. Wie eine Blechbüchse?«
»Nun ja, Mutter -- eine Blechbüchse -- verlötet -- ganz wie Bohnen -- das ist das Ende.«
* * * * *
Im letzten Winkel des Reiches, dort, wo aus dem bayrischen Algäu die niedrigen Pässe in die benachbarte Schweiz führen, liegt ein Hochthal. Die goldene Frühlingsabendstunde leuchtet darüber hin. Die Herrgottswände strahlen das Licht der untergehenden Sonne zurück. Frühlingswonne in jedem Gras, in jedem Kraut, in jeder Blume, im Moos, in jedem Laut, in jedem Duft. Wie Dankopfer steigt der Odem des neuen Lebens zum Himmel. Die Luft sonnendurchleuchtet. Alles strahlend, funkelnd, jauchzend -- lebendig.
Daseinswonne für jede Kreatur. Der Winter vergessen, der Tod vergessen! Leben über Leben!
Es quillt, es strömt, es sproßt und breitet sich aus. Die Gebirgswässer sprudeln und tosen. Die grünen, schwerbelaubten Wipfel wiegen die neue Last. Die schwarze Erde schickt ungezählte bunte, duftende Gestalten zum Tageslicht. Die Welt ist neu -- das Leben ist neu. Jeder Atemzug Gesundheit und Freude.
Am Weg, der zum einsamen Gehöft Rohrmoos führt, steht ein Mädchen, blond, rosig -- ernst, aber als wären Frühlingskräfte auch über sie ausgegossen. Sie erwartet jemanden. -- Den Weg herauf muß er kommen. -- Und er kommt. --
Endlich.
Sie hat lange gewartet, lang ausgeschaut. Zwei Wanderer sind an der Wegbiegung aufgetaucht. Jetzt geht sie ihnen langsam und ruhig entgegen.
»Friedel,« sagt sie im warmen Herzenston, als sie bei ihm ist. Helle Thränen stehen ihr in den Augen.
Der Mann findet kein Willkommenswort, er reicht ihr stumm die Hand.
»Friedel,« sagte sie wieder. »Friedel,« so tröstend, so warm: er ist ja heimgekommen!
Jetzt hebt er den Kopf und faßt seinen Begleiter bei der Hand und sagt: »Emil bleibt ganz bei uns oben, der hat auch die Kunst über Bord geworfen.«
Das Mädchen drückt auch diesem die Hand.
Und sie gehen alle drei wortlos durch die lebensmächtigen Frühlingsgewalten, die alle gesunden Kreaturen Winter und Tod vergessen lassen.
Werke von Helene Böhlau.
Verlag von _Egon Fleischel & Co._, Berlin.
=Der Rangierbahnhof.= Roman. Sechste Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--
=Das Recht der Mutter.= Roman. Vierte Auflage. Geh. M. 6.--; geb. M. 7.50
=Schlimme Flitterwochen.= Novellen. Zweite Auflage. Geh. M. 3.--; geb. M. 4.50
=Halbtier!= Roman. Vierte Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--
=Der schöne Valentin.= Novellen. Zweite Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--
=Sommerbuch.= Altweimarische Geschichten. Zweite Auflage. Geh. M. 3.--; geb. M. 4.--
Verlag von _J. C. C. Bruns_, Minden i. W.
=Rathsmädelgeschichten.= Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60
=Herzenswahn.= Roman. Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60
=Im Trosse der Kunst.= Novellen. Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60
=Reines Herzens schuldig.= Roman. Geh. M. 6.--; geb. M. 7.--
Verlag von _J. Engelhorn_, Stuttgart.
=Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. Geh. M. 1.--; geb. M. 1.50
=Verspielte Leute.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75
=Altweimarische Liebes- und Ehegeschichten.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75
=Neue Rathsmädelgeschichten.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75
Verlag von _Gebr. Pätel_, Berlin.
=Novellen.= Inhalt: Im Banne des Todes. Salin Kaliska Maleen. Geh. M. 5.--; geb. M. 6.20
Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35
Helene Böhlau
Der schöne Valentin
geh. M. 4.--; geb. M. 5.--
Sommerbuch
Altweimarische Geschichten
geh. M. 3.--; geb. M. 4.--
Die »=Magdeburgische Zeitung=« schreibt:
Längst schon steht die geistvolle, gedankentiefe und gemütsinnige Verfasserin u. a. der Romane »Das Recht der Mutter« und »Halbtier« -- namentlich »Halbtier«, wo in wahrhaft monumentaler Weise dem neuen Weibe neue Wege gewiesen werden -- sowie einer Reihe äußerst reizvoller, stofflich und in der feinen künstlerischen Form reizvoller kürzerer Erzählungen und Skizzen in der vordersten Reihe unserer Schriftstellerinnen. Die Kunst, mit der sie in einer ganzen Reihe von Novellen die Zeiten und Menschen des Goetheschen Weimar lebendig vor uns auferstehen läßt, ist nicht minder groß als die, im scharfgezeichneten und echtfarbigen Milieu das allgemein Menschliche ebenso überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Zwei solcher altweimarischen Geschichten, die mit zuerst ihr zu lautem Erfolg verhalfen, sind trotzdem erst jetzt in zweiter Auflage erschienen in einem Bande, der nach der ersten dieser Novellen »_Der schöne Valentin_« betitelt ist. »Der arme Valentin« könnte sie auch recht gut heißen. Denn nicht zu nützen wußte der Antinous-schöne Knabe und Jüngling die reichen Gaben, die ihm die Natur verliehen hatte, außer der Schönheit die Träumerei und das phantastische Drängen und Treiben. So fließt ihm das Leben gleichförmig hin, und nur einmal zeigte sich ihm von fern ein wunderleuchtendes Glück, das ihm aber zum Leid ward damals, als er während seiner Lehrzeit in Bayreuth die verführerische kleine Wanderkomödiantin Lulu kennen lernt, die ihn lieb hat und doch auslacht, den wunderlichen Jüngling, zwischen dessen Schönheit und Wesen kein Zusammenhang besteht. Und doch auch wiederum nicht »arm« ist der Valentin. Denn wenn er zuletzt wieder auf dem »Kannerückchen« in Weimar sitzt, wo er geboren worden und seine Kindheit verlebt hatte, als wohlbestallter Geigenmacher und behäbiger Familienvater sitzt, da kennt er keine Unzufriedenheit -- was er in jenen fernen Tagen geträumt und gelitten und wie sein ihm unbewußter Künstlersinn ihn einmal eine gar phantastische Tat ausführen ließ, seinem heimlichen Lieb zu Liebe, aber nicht zu Dank, das hatte seinem ganzen Leben doch eine gewisse Weihe verliehen, und es zaubert ihm auch jetzt noch Träume auf in seinem schlichten Gut-Bürgermanns-Leben.
Wie reich ein solches Leben in all' seinen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten doch sein kann, davon erzählt uns Helene Böhlau in der zweiten Geschichte: »_Die alten Leutchen_«. Man denkt dabei an Wilhelm Raabe und Charles Dickens und doch ist's durchaus Eigengewächs. Nur jener feine Duft des Altfränkischen und die liebevolle Vertiefung in das schlichte Seelenleben einfacher Menschen und die humorvolle Zeichnung ihres Tuns und Treibens sind die gleichen. Wie gewinnt man sie lieb, den braven, nüchternen Gewürzkrämer Balduin Häberlein und sein spießbürgerliches und doch so anmutiges Weib, die Anne, und die prächtige Jungfer Funzel Quittenbaum, wie freut man sich mit Anne, die an ihrem Lebensabend endlich die ihr »angemessene Umgebung« finden darf; wie stehen sie lebendig vor uns, die ewig süßsaure Salome Thorspeck und ihr unausstehlicher Sohn Leander, der lange Schlapps, die das Herumnörgeln am Leben so gut verstehen und das Talent besitzen, auch anderen alles zu verekeln.
Hier taucht auch einmal die Persönlichkeit Goethes auf, nicht unmittelbar, sondern als Dichter des Liedes »An den Mond«, das auf Anne einen so wunderbaren Eindruck machte. Er war wohl ihr bester Kunde, der alte Herr Geheimrat Excellenz, aber -- so was hätte sie ihm doch nimmer zugetraut. Diese Episode allein schon offenbart mit großer Kraft die feine Menschenkenntnis und die schöne Kunst der Menschenschilderung, über die Helene Böhlau gebietet.
Ganz in den Zauberkreis, der sich in Alt-Weimar um Goethe wob, bannt uns die Dichterin in einer neuen Folge altweimarischer Geschichten, in dem wundervollen »_Sommerbuch_«. Das Titelblatt schmückt eine Zeichnung von Hans Thoma. Ein Mägdelein, auf blühender Wiese knieend, bricht Blumen; zwitschernd umflattern sie Schwalben, um dann hoch zum blauenden Himmel aufzuschießen in seligem Flug; Äcker und Fluren mit fleißigen Feldarbeitern weiter hinten und eine Landstraße; Sommerlust und Sommerzier, so weit das Auge schaut ...
Und von Sommermenschen erzählt Helene Böhlau in den fünf Geschichten. Immer mit dem gleichen feinnervigen Frauenempfinden, das hier in weichen lyrischen Stimmungen ausklingt, dort in leidenschaftlichen Schwingungen aufschnellt, und in der gleichen plastischen Sprache und farbensatten Charakteristik ... Im Mittelpunkt der Sammlung steht die rührende Erzählung »_Sommerseele_« und im Mittelpunkt dieser selbst das Töchterlein der Pfarrerswitwe von Süßenborn, Alma, die da meint, »jedermann müsse einmal blühen wie ein Rosenstrauch oder wie unsere Lindenbäume«. Und auch sie blüht so auf unter den Strahlen der Sonne, die Goethe heißt, und so heiß waren deren Strahlen, daß Aufblühen und Todeswelken eins war. Ein Sommermensch auch ist der Kolonialwarenhändler Uerle, der alle vier Töchter der Witwe liebt, jede in einer anderen Jahreszeit, am heißesten aber die Sommerseele Alma. Und ebenso heiß auch liebt er den, an dem sie starb, den Dichter des »Werther«. Und ist selbst auch ein Dichtergemüt, ohne daß er es weiß und ohne daß sonst jemand es ahnt ... Der Hauch und Duft der Wertherzeit liegt auf diesem Kabinettstück ... Und ein sonnenbedürftiger Sommermensch war auch jenes andere Pfarrerstöchterlein, die Anne Marie, die wir in der ganz kurzen, aber herzbeweglichen Geschichte »_Der dichtverwachsene Garten_« kennen lernen, in dem ihr heißes Jugendfeuer verbrennt, ungesehen und ohne daß es einen lieben Menschen gewärmt hätte ... Da war das Los lieblicher gefallen der Landwirtstochter Maria Immenbach. Ein Dorotheen-Typus, wie Goethe ihn in seinem Epos geschaffen. Aber mit den Augen eines modernen Frauentemperaments gesehen. Die Geschichte der traurigen Ehe dieses kernhaften Naturkindes an der Seite eines gelehrten Universitäts-Philisters ist's, die uns hier erzählt wird in »_Mutter-Sehnsucht_«. Diese Sehnsucht Marias, eine Sonnensehnsucht, wird erfüllt -- nicht durch den Gatten, sondern durch einen Dritten, einen Jugendfreund, dem sie fortan auch angehören wird, denn der Philister, einsichtsvoll, gibt sie frei und spricht sie aller Schuld los und ledig ... Zwischen diesen ernsthaften Geschichten eine köstliche Humoreske -- »_Jugend_« -- vom Jüngling, der nach Weimar auszog, den angebeteten Goethe zu sehen, und der in seliger Sommernacht ein süßes Hexlein findet und wieder verliert und Goethe zu sehen darüber vergessen hat ... An der Spitze des Buches aber steht die Geschichte der »_Regine_«, die eine Tochter Raupachs, des Dichters, war, und Wirtschafterin bei Exzellenz von Goethe und dann Köchin bei der Großmutter von Helene Böhlau. Auch hier wieder alles voller Goethezauber und mitten drin die herrliche Menschenseele Regine, die man nicht ansehen kann, ohne zu lachen und zu weinen zu gleicher Zeit, diese »geheimnisvolle Person mit geheimnisvollen Gewohnheiten«, die eine lebendige Brücke bildet zwischen Alt-Weimar und der Fabulierkunst unserer Dichterin ...
Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 119: Enkel → Ekel Anteil der Seele als {Ekel} und Verachtung