Der Rangierbahnhof

Part 12

Chapter 123,809 wordsPublic domain

Sie war so friedlich, so gleichmäßig gestimmt. Köppert erzählte allerhand Jagd- und Tiergeschichten, lebendig und frisch, und sie hörte andächtig zu, wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. Die ganze Welt war für sie nicht mehr vorhanden, nur einzig die kluge Stimme. Gastelmeier begleitete Köppert diesen Abend, sie wollten noch ein Glas Bier miteinander trinken. Emil ging nach Hause. Das Mädchen machte das Bett auf dem Schlafsofa zurecht -- und Olly blieb ganz allein.

Sie wanderte im Zimmer auf und nieder. Nach dem muntern Reden, der leichten Stimmung schien ihr die Einsamkeit ganz eigentümlich bedrückend. Der dicke Nebel der Hoffnungslosigkeit lag mit einemmal wieder über ihr. Das Fieber, das jeden Abend sich einstellte, brannte ihr wieder in Füßen und Händen -- und mehr als das brannte die Sehnsucht nach Köppert in ihrer Seele. Er hatte alles mit sich genommen, ihre Ruhe, ihre Fassung, ihr Vertrauen auf eine Arbeitskraft, die Krankheit und Schwäche überwindet -- alles. Es war ihr zu Mute, als sollte sie ohne ihn verschmachten, als hätte er ihr auch Luft und Licht mitgenommen.

Ganz atemlos lehnte sie sich an den großen, weißen Kachelofen und preßte den Kopf mit beiden Händen. Es war ihr zu Mute, als stände ihr ganzes Wesen in Flammen. Und wie war es gekommen, wie denn? -- »Herrgott -- ich liebe ihn!« sagte sie heftig. Dann war sie ganz still und bewegungslos.

Wie eingebrannt war Köpperts Bild in ihrer Seele. Das unregelmäßige Gesicht, die lebendigen grauen Augen, in denen unversteckt die Gefühle zu lesen waren, die leichte, sehnige Gestalt. Man sah an jeder Bewegung, daß er gescheit war. Der Körper war ihm von seinem geistigen Wesen kräftig durchdrungen. Ja, sie hatte schon früher gesagt, als sie ihn nur vom Sehen kannte: »Er ist der einzige Mensch hier, der ein Gesicht hat.«

Jetzt sah sie ihn vor sich, so ganz wie er war. Sie sog durstig seine Züge, seine Stimme ein. Sie hielt ihn an den Händen und es war, als wenn sie zu ihm sagte: »Verlaß mich nicht, bleib.« Das erschütterte sie bis ins Tiefste. -- Und Mimm? Sie konnte kaum atmen. Wie unnobel -- wie scheußlich, sich von Mimm füttern zu lassen, Mimm zu quälen, ihn schlecht zu versorgen, seine Liebhabereien nicht zu beachten, seinen Lieblingsspeisen nicht nachzufragen, alles von ihm anzunehmen, ihn gleichgiltig beiseite lassen, immer nur an sich denken -- einem andern mit jedem Gedanken nachhängen! -- War das nicht gemeine Betrügerei?

Das war ein elendes Geschäft, was Mimm gemacht hatte. Sie hatte es bisher nie so gefühlt! aber mit einemmal übersah sie, daß er gar kein Behagen an ihrer Seite gefunden. Wie rührend war es, daß er sich heute Abend über Emils gutgelungenes Nachtessen so gefreut hatte -- und wie liebenswürdig war er in dem ganzen Durcheinander, das sie ihm gebracht! Was für Sorgen hatte er sich aufgeladen -- und für wen?

Olly brannte in Fieber und Erregung. Sie sollte fort von Mimm gehen -- irgendwohin und arbeiten, nichts als arbeiten, das wäre das einzige -- das rechte. Entweder: an sich selbst denken und für sich selbst leben -- oder: an andre denken und für andre leben. So eine gemeine Seele, die betrügt! Sie hatte nie darüber nachgedacht, heute zum allererstenmal. Ja, sie hatte mit Mimm einen ganz betrügerischen Handel geschlossen. Alles genommen und nichts gegeben -- gar nichts gegeben, sondern nur immer von neuem genommen und genommen, mit einer Roheit und Gedankenlosigkeit -- die hätte sie nie in sich gesucht. Mit welcher Angst, mit welcher Verzweiflung hatte sie gefürchtet, Mutter zu werden. Sie hatte nur und einzig an sich dabei gedacht, nicht an Mimm und nicht an das Kindchen. Sie hatte sich immer noch für ihren eigenen Herrn gehalten, und das war sie nicht mehr. Ihre Arbeit, der Weg zum Ruhm war ihr die Hauptsache. Mimm war das sehr gleichgiltig, der wollte eine gute Frau und die hatte er nicht.

Und nun? Jetzt gerade hörte diese Blindheit auf, jetzt, wo sie jede Kraft, jeden Hauch von Kraft an ihre Kunst wenden wollte, jetzt, wo sie jede Minute ausnützen wollte, drängten sich tausend Dinge ein.

So stand sie mit gefalteten Händen und mit gesenktem Kopf ganz fassungslos, ganz erdrückt. Der Nebel, der über sie gefallen war, der dichte, trostlose Nebel, belebte sich nun mit Gestalten, die sie bis aufs Blut ängstigten. Ihre Arbeit, der lange Weg zum Ruhm, die unerfüllten Pflichten, der falsche Handel, den sie unbewußt eingegangen -- und Köppert -- und Mimm -- und das Kranksein -- und das frühe Sterben, das gestaltlos, aber grauenhaft unsichtbar in dem schweren Nebel lauert.

»Das ist zuviel, Herr, mein Gott!« jammerte sie auf. Und durch allen Jammer hindurch und über allen peinigenden Gedanken und Erkenntnissen, die Sehnsucht nach Köppert. Sie sah ihn immer vor sich und immer streckte sie beide Hände nach ihm aus. Er war der Einzige, der sie retten konnte, der Einzige, der ihr Ruhe gab. Er war das Leben -- und sie wollte leben!

Trotzig sprang sie auf und ging durchs Zimmer, und die bittere, verzehrende Lebenssehnsucht derer, die um das Leben betrogen sind, wühlte ihr im Herzen. -- Wenn sie dachte, daß sie ihn nicht mehr sehen und hören sollte -- nie mehr! Und auch die Arbeit aufgeben, und das heiße, lebendige Streben -- und nur den Kaufpreis abverdienen, den Mimm für sie gegeben, da fuhr eine solche verzweiflungvolle Empörung durch ihr ganzes Wesen, daß sie an ihren Haaren riß, das Taschentuch, das naß von Thränen war, in Streifen riß, sich auf den Boden niederwarf und heiser schluchzte und schrie. Worte fand sie nicht mehr, Gedanken auch nicht -- nur eine fieberhafte Empörung, eine sinnlose Wut, wie ein wildes Tier, das gegen seine Käfigstäbe schlägt.

Und dann kam wieder der bittere Kampf, das Mitleiden, das sie Mimms wegen fühlte, das Bewußtsein des Betrugs, ja Betrugs, wie sollte man es anders nennen, und das drückte sich ihr wie ein Brandmal in die Seele.

Mimm kam spät nach Hause und fand seine Frau in einem Zustand der tiefsten Erschöpfung. Sie kauerte noch auf dem Boden, als er eintrat.

»Olly!« rief er ganz bestürzt und kniete zu ihr nieder und richtete sie auf -- und da fühlte sie wieder ›die sorgsame Pforte‹, die ihr Herz gewonnen hatte. Und da sie in ihrer Erregtheit wie ein Mensch ohne Haut war, dem alles die innersten Nerven trifft, wurde sie davon so bewegt, daß sie von neuem in heiße Thränen ausbrach und sich bitterlich vor Mimm anklagte, ganz vernichtet, und vor ihm demütigte.

Mimm war ganz glücklich und freudig erregt, wie es eine kindliche Seele ist, die an eines Menschen plötzliche Umkehr glaubt. Er tröstete sie und suchte sie zu beruhigen. »Siehst du, Ollychen, nun wird alles gut,« sagte er einmal übers andremal.

Das ärgerte sie aber und sie sagte bitter: »Du meinst also, daß ich das Malen lasse?«

»Na -- na, bewahre, einschränken, ein bissel einschränken. Das wird dir nur gut sein.«

Seine Ruhe und Zufriedenheit quälte sie. Nach der hastigen, stundenlangen Erregung schüttelte sie jetzt das Fieber. Mimm half ihr beim Entkleiden und behandelte sie so sorgsam wie ein kleines Kind; aber das Herz war ihm schwer. Was der Doktor ihm von Ollys Gesundheitszustand gesagt hatte, lag düster auf ihm. Es war so etwas Feierliches, Trauriges, Unbegreifliches. Eine ganz gesunde, frische Frau würde er nie wieder an ihr haben, so eine Häuslichkeit, von der er geträumt hatte, war für immer verloren. Wenn sich die arme Olly auch Mühe geben würde, wie könnte es denn werden? Eine Frau muß gesund sein, das ist das erste. Und das wütende Arbeiten, wobei sie nicht hörte und sah!

Wie rührend, wie gut sie eben war, sie wollte das beste, wie ihn das beglückt hatte! Jetzt lag sie in ihren Kissen, lieblich, aber wie eine Pflanze, die mitten im Aufblühen vom Frost berührt ist. Die Kraft, die Strammheit war hin, etwas Leidendes, Mattes war über sie gekommen, unmerklich fast; aber es war da. Die glänzenden, verweinten Augen schauten so unstet, so ohne Ermüdung. Gastelmeier atmete schwer auf. Er dachte an den Abschied von daheim, Weihnachten vor einem Jahr, an das, was sein Alter daheim von Liebessachen verstand, und es wurde ihm schwer und schwerer ums Herz.

Olly klagte wegen allerlei Beschwerden. Sie fühlte sich sehr unwohl, war so beunruhigt und gequält; und immer hatte sie es mit dem Karpfen zu thun, der sich mit seiner Qual in den Schlamm verkrochen hat.

»Laß das doch,« sagte Gastelmeier, dem es dabei nicht wohl zu Mute wurde. Da schwieg sie.

»Geh schlafen, Mimm,« sagte sie nach einer Weile.

Sie lag ruhig, mit offenen Augen, und wußte nun schon, was ihr die Nacht bevorstand. Qualen! Die Wiederholung alles dessen, was sie eben erst durchkämpft hatte.

Die großen Riesenvögel schlugen schon mit den Fittichen. Lautlos und mächtig schwebten sie über ihr. Sie kämpften noch miteinander, wer auf die arme Hasenseele sich herabstürzen sollte.

Der Riesendämon war schon mit den Krallen auf ihrer Brust, und wollte den gemächlichen Tanz beginnen, da gesellte sich zu ihm ein zweiter, der die bittere Erkenntnis, vom Leben betrogen zu sein, brachte, und noch einer, der mit seinen Klauen die Stelle aufriß, wo der verzehrende Ehrgeiz saß, und wieder einer, der an versäumte Pflichten mahnte.

Es war eine ganze Schar, die auf sie herabstürzte, Riesenunholde, daß man meinen sollte, sie wären erschaffen, um auf irgend einem gewaltigen Stern gewaltige Kreaturen zu quälen und zu bekämpfen, und hätten sich auf unsre kleine Erde nur verirrt, um nun ihre dämonischen Kräfte an uns lächerlich kleinen Seelchen zu verschwenden.

Olly lag wie erstarrt, ließ alles über sich ergehen. Durch das entsetzliche Chaos aber, dem sie preisgegeben war, sah ein unregelmäßiges, gescheites Gesicht auf sie nieder, ein Gesicht, das sie Zug für Zug mit aller Kraft festzuhalten suchte, auf das sie hinblickte wie auf eine Seligkeit, mitten im Elend. Das Gesicht war ihr Halt, ihre Rettung. Es strahlte von ihm Kraft aus zum Widerstehen, Kraft zu siegen und zu überwinden. Und dieses Himmelsgeschenk, das wie ein Licht über all dem Überwältigenden, Unheimlichen, das sie umgab, aufstieg, sollte sie von sich weisen? So sinnlos -- so unfrei -- so niedrig! Nein danken --! danken! danken!

Es wurde ihr licht. Gott hatte ihn geschickt, ihr gutes Schicksal. Sie sollte nicht ganz verzweifeln.

Und sie streckte ihm wieder die Arme entgegen in ihrer Not, und wie hellsehend, als schaute und fühlte sie ein wirkliches Begebnis, empfand sie, wie er diese hilfesuchenden Hände hielt und sie selbst an sich zog. Und sie schmiegte sich fest -- fest an seine Brust, und er sprach zu ihr als Mensch zum Menschen. Da war es ihr wohl, und als der erste blasse Schimmer des Morgens am Fenster aufdämmerte, kam auch der Schlaf, der langersehnte.

* * * * *

Das Leben spann sich weiter.

In dem jungen Haushalt war die Freudigkeit ausgelöscht. Der Arzt kam alle zwei, drei Tage und schaute nach seiner Patientin. Sie war den ganzen Winter über nicht aus dem Haus gekommen. Gastelmeier hatte unruhige Nächte nach freudlosen Tagen kennen gelernt. Eine ungeheure Enttäuschung lag über ihm und es war ihm nicht wohl in seiner Haut. Die Eindrücke, die Olly ihm nachts brachte, lagen wie Zentnerschwere über ihm. Sie litt oft an qualvollem Luftmangel, Beängstigungen kamen über sie, die Todesangst in ihrer furchtbarsten Gestalt; dann hielt sie den armen Mimm umklammert und wand sich in seinen Armen und mit weit aufgerissenen Augen schaute sie ihn an -- und er mußte aushalten und den Jammer ansehen und anhören.

»Mimm, mein Bild!« rang es sich mühselig in solchen Stunden von ihren Lippen.

»Na, laß doch, laß doch!« sagte er dann.

»Ja, laß doch, laß doch!« flüsterte sie heiser, erstickt, voller Trotz und Verzweiflung.

»Ach, Mimm, du Armer!«

Er fand das rechte Wort nie.

* * * * *

Olly arbeitete an einem Bilde, das zur internationalen Ausstellung fertig werden sollte. Das Mädchen unter dem verblühten Apfelbaum hatte sie verkauft. Reproduktionen waren danach gemacht, es war besprochen worden. Köppert hatte die erste Besprechung ins Haus gebracht.

Gastelmeier erinnerte sich, wie er sie ihr damals in die Hand drückte, so von ungefähr, ohne ein Wort zu sagen; aber mit einem Ausdruck von froher Teilnahme. Er erinnerte sich, wie Olly las, wie das Gesicht aufstrahlte, -- wie sie Köppert anblickte mit großen, ausdrucksvollen Augen. Köppert, nicht ihn, hatte sie angesehen. Er erinnerte sich, wie sie mit einemmal auflebte. Ein Wunder! Die Krankheit war wie von ihr fortgeweht. Sie lebte auf, sie war die alte Olly.

Ein glücklicher Tag! Wie entzückend sie aussah! Übermütig, vom Glück berauscht.

Und Köppert, der gute, wunderliche Mensch! Er hatte ihn immer für einen sonderbaren Kauz gehalten und für einen Biedermann durch und durch, hatte einen gehörigen Respekt vor ihm gehabt, vor seinem Können; aber er war ihm ein ungemütlicher Bursche geblieben, borstig, streitsüchtig, selbstbewußt -- nun hatte er ihn ganz anders kennen gelernt.

Weiß Gott, das brachte Mimm nicht fertig, so ganz einzugehen auf die Wünsche des kranken Geschöpfchens, so sich ihr widmen! Fabelhaft, wie Köppert ihr, wenn er neben ihr vor der Staffelei stand, mit ein paar Worten helfen konnte! Immer traf er den Nagel auf den Kopf. Und wie sie ihn verstand! So eine Art, zu arbeiten und zu lehren, hatte Gastelmeier noch nicht gesehen. Was er vom Lehren wußte, war ein beschwerliches Kriechen, fortwährendes Mißverstandenwerden, gleichgiltiges Eingreifen. Die beiden arbeiten mit einer Spannung, einem vollkommenen Wachsein, so nervös wie zwei Vollblutpferde. Und wie kam sie vorwärts! Ganz erstaunlich.

»Halt sie doch lieber zurück, sie übernimmt sich,« hatte Gastelmeier ihm ein paarmal gesagt.

»Weshalb?« hatte Köppert gefragt. Und in diesem ›weshalb‹ lag alles. Es lag ihr Todesurteil darin und zugleich: ›Glaubst du's ihr nicht?‹

Rührend war es anzusehen, wie Olly sich in dieser Zeit der Wirtschaft auf ihre Weise annahm, kindisch und unbeholfen zwar; aber sie zeigte den besten Willen. Sie verstand, so eine Art kleine Kuchen aus Eierschaum zu backen; auf einen Bogen Papier wurde der Schaum getropft und im Ofenrohr gebacken. Dieses Backwerk richtete sie im Zimmer mit der größten Umständlichkeit her. Ein einziges Mal brachte sie es wirklich zu stande und war ganz glücklich darüber und sagte im Eifer: »Nicht wahr, Mimm, das gefällt dir, so magst du's? Alles im Haus gebacken, das ist so behaglich. So warst du's auch daheim gewöhnt, alter Mimm.«

Mimm fürchtete die Fassung zu verlieren, nickte Olly zu und ging zur Thüre hinaus, so ein trauriges, fades Eierschaumküchlein, das Symbol seiner Enttäuschung, noch zwischen den Zähnen. Sie hatte ihm eins nach dem andern in den Mund gestopft. Er griff nach Hut und Überzieher, es litt ihn nicht mehr im Hause.

Was hatte er für ein Heim, so etwas Lächerliches, Verrücktes, Trostloses!

* * * * *

Im ganzen und großen ging es aber ganz leidlich und besser als vordem.

In der Küche wirtschaftete seit Wochen schon Emil auf seine vortreffliche Weise; er nahm auch das Haushaltungsbuch an sich und führte es pflichttreu. Er wohnte dann ganz bei seiner Schwester, damit diese seine Zeichenstudien besser überwachen konnte, und saß, wenn er nicht draußen in der Küche sein Wesen trieb, in Ollys Wohnzimmer und zeichnete muffig und unzufrieden. Wenn Olly matt, mit fliegendem Atem, im vollen Fieber aus dem Atelier kam und gearbeitet hatte bis auf die letzten Kräfte und sich nun niederlegen mußte, da ruhten ihre Blicke auf Emil, der in seinem behaglichen Fett so träg und indolent dasaß, und eine wahre Wut packte sie da. Einmal erfaßte der Zorn sie dermaßen, daß sie wankend, mit Thränen in den Augen, aufstand und Emil eine unvermutete Ohrfeige gab.

»Prost,« sagte Emil und guckte ganz verblüfft auf. »Na, weißt, Olly, mit deinen Kräften steht's gottlob net übel.«

Da stand sie ganz beschämt vor seiner Gutmütigkeit. »Wärst du doch nicht so faul,« sagte sie heiser. Zu gleicher Zeit aber fühlte sie mit einer jammervollen Verzweiflung, daß Emil sie schon aufgegeben hatte. Sie gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Sie durfte beleidigen und beleidigte nicht mehr. Eine Röte schoß ihr ins Gesicht, gleich darauf wurde sie bleich und wankend, das Haar feucht, eine schreckliche Schwäche überkam sie.

Emil schaute auf sie hin, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zum Sofa, kauerte vor sie nieder und sie fühlte ein verhaltenes Zucken. Er weinte, versteckt an ihrer Brust, wie um eine Tote.

Sie ließ ihn weinen, ohne sich zu rühren, ein entsetzliches Grausen durchrieselte sie. War es denn so nah?

Nein, nein, es war ja erst der erste Anfang der Krankheit. Man sah sie ihr noch kaum an. Sie war nicht abgemagert. Ja, Qual war da; -- aber doch, -- es war erst der Anfang. -- Der Anfang von was? -- Von entsetzlichen Dingen -- und dann -- und dann? --

Es war ihr, als schnürte sich ihr die Brust zusammen. »Wann kommt Köppert?« fragte sie. »Ist es noch nicht so weit?«

X.

Ein feuchtes, rauhes Frühjahr ist gekommen und von den knospenden, regentriefenden Bäumen herab, unter grauem Himmel, tönt das Amsellied, diese Seelentönchen, die Erinnerung und Sehnsucht bringen, die am Herzen rütteln und den Kinderseelen Frühlingswonne schaffen. Diese urweltlichen Stimmchen, die uns erfassen und uns in das Neuerwachen mit hineinreißen, auch dann, wenn wir todmatt sind, wenn wir der Weltverjüngung entfliehen möchten, weil nur der Jammer in uns wieder jung wird. Das Frühlingsamsellied unter grauem Himmel von knospenden, regentriefenden Bäumen herab, reißt erbarmungslos alles, was lebt, was Ohren zu hören und ein Herz hat, mitzuempfinden, in den Verjüngungsstrom hinein. Denen aber, die um ihr Leben betrogen sind, thut es weh zum Aufschreien.

Olly hat mit Mimm und Emil in den Isarauen die erste Ausfahrt gemacht. Aufs äußerste erschöpft, ist sie daheim wieder angelangt, liegt auf dem Sofa und sieht mit großen Augen starr vor sich hin.

Emil deckt den Theetisch, stellt einen großen Strauß Himmelsschlüssel darauf und scheint die erste Ausfahrt feiern zu wollen.

Mimm setzt sich auch zum Thee; aber die Feier will nicht in Gang kommen. Olly liegt teilnahmslos, und nur durch ein Zeichen giebt sie zu verstehen, daß man ihr Ruhe lassen soll.

Der junge Duft der frischen Himmelsschlüssel dringt kaum merklich durchs Zimmer. Sie empfindet ihn und er thut ihr weh, weh, wie alles und jedes.

Mimm macht sich zum Ausgehen fertig. Ehe er geht, streicht er Olly über das Haar. -- »Geht's denn besser?«

Wie dies unnötige Fragen ihr an der Seele reißt! -- Jetzt ist sie allein. Sie regt sich nicht. In ihr kämpft und bebt es; der große Frühlingsschmerz liegt über ihr, der in den Verlorenen, in denen, die das Leben ausgestoßen hat, wühlt und zerrt.

Es schellt. -- Emil kommt ins Zimmer geschlichen. »Olly, Köppert ist da. Willst du ihn sehen?« Sie nickt.

»Darf ich?« fragt Köppert, ehe er eintritt.

Ein heiseres, kaum hörbares »Ja«.

Er setzt sich ihrem Sofa gegenüber. Beide sind still. Ollys Augen ruhen auf ihm. »Mir ist bang,« sagte sie völlig stimmlos. Es klingt gleichgiltig und ohne Ausdruck.

Köppert kann nicht ruhig bleiben. Er ist bleicher geworden, seine hagere Gestalt dehnt und dreht sich gewissermaßen. Diese ausdruckslose Verzweiflung hat es ihm angethan. »Ich habe Ihnen da was mitgebracht,« sagte er -- »ein Seelchen -- etwas, was Sie nicht kennen -- wetten? --« Er zieht ein Pappschächtelchen aus seiner Tasche, hält es vorsichtig in der Hand. In die Pappe sind Löcher gebohrt.

»Lebendig?« fragt Olly. Er nickt.

»Ein Vogel?«

»Beinah. Passen Sie auf, ob Sie's kennen.« Vorsichtig öffnet er die Schachtel und nimmt ein in ein Leinwandläppchen gewickeltes graues Wesen heraus.

»Ein Fledermäuschen«, flüsterte Olly.

»Jawohl. Zusammengelegt wie ein Regenschirm. Sehen Sie sich's nur an.« Er hält es auf der flachen Hand und zeigt ihr's hin. »Jeder Esel meint, er kennt so ein Seelchen in- und auswendig. Gott bewahre, das könnt' jeder sagen. Der kleine, zart pulsierende Schatten mit dem wundervollen Elfengesichtchen, schauen Sie nur -- die Edelsteinaugen! Diese Zartheit im Näschen und im Schnäuzchen, die winzigen Zähne und die großartigen Riesenohren! Nicht? -- schaut sie nicht aus wie eine kleine Pfründnerin in der Haube? Nicht wahr neu? Das kannten wir noch nicht?« Er lachte etwas auf.

Es reckte die Flügel ein wenig. Olly befühlte es. »Ein Hauch,« meinte sie.

»Nun, und wie steht's mit der Kunst?« sagte Köppert. »Ich meine: wir, wir Neuen, wie soll ich sagen, wir kennen das Fledermäuschen! Zum Beispiel: Sie und ich etwa -- wir durchgeglühten Seelen. Wir malen's, wollen's wenigstens malen, bis in die feinsten Geheimnisse, wie es pulsiert. Es sieht nicht aus wie eine Fledermaus, sagen die andern, die eine Fledermaus höchstens aus Bilderbüchern kennen, eher wie ein zusammengeklappter Regenschirm. -- Affektiert. -- Wo sieht's so aus? Niemals. -- Jawohl, kennt _ihr's_ denn? -- Wer wird eine Fledermaus nicht kennen? sagen sie. Punktum. -- Ich aber sage: Die Fledermaus ist ihnen ganz Geheimnis. Gerad' wie der Mensch auch. Sagen Sie selbst, wann steht je einer so niederträchtig superklar da, wie die Leute ihn gemalt haben wollen und wie sie ihn gemalt bekommen? Immer geheimnisvoll. -- Lichter, Schatten, Fleisch, Fett, alles unbestimmt ineinander zitternd -- dort wieder wie in Fels gehauen, hier wie im Nebel, jetzt strahlend, jetzt verschwommen -- auf- und niederwogend. Grau. Blendend. In allen Farben. Fahl. Eine wilde Jagd.

Jetzt schauen wir ganz ruhig und warten's ab, und -- halt still -- haben's -- aber in einem Moment, der so intim, so erhascht, so überrumpelt ist, daß die andern ihn überhaupt nie gesehen haben, so wenig, wie sie das Fledermäuschen je sahen, darum sag' ich: Wir erfassen das Fledermäuschen, wir lehren euch die wunderliche Erde wie neu kennen, an der ihr vorbeilauft und davon redet, als kenntet ihr sie.«

»Darf ichs zum Fenster hinausthun?«

Er hatte das Tierchen, während er sprach, immer zart in den hohlen Händen gehalten, damit sie sich das Köpfchen beschauen konnte. Er öffnete das Fenster ein wenig. Das Tierchen saß ihm auf der Hand, krabbelte hin und her, ganz vertraulich. ›Schlimm hast du's nicht mit mir gemacht,‹ dachte es vielleicht. Ein pfeifendes, piependes Tönchen und fort war es.

»Auch ein Frühlingsbote,« sagte er und schloß das Fenster. »Es ist mir ins Atelier geflogen. Übrigens, weil wir gerad' dabei sind. Es ist fabelhaft, was für Fortschritte Sie gemacht haben, seit wir uns kennen -- rein fabelhaft! Ja, mir hat's was Unbegreifliches. Offen gesagt: ich hab's einem Weibe nicht zugetraut. Eine Feuerseele! Sie werden eine große Künstlerin. Sie sind eine. Bei uns ist keine Schmeichelei. Sie dringen riesig fein ein -- so was ich sagte -- in die Geheimnisse, die andre nicht sehen.«

Er hatte nicht auf Olly geschaut, als er sprach, sondern irgendwohin, nach der Decke oder auf den Fußboden, wie das seine Art war, wenn er etwas Gutes zu sagen hatte. Jetzt hob er den Blick und sah ein Gesicht vor sich voller Glückseligkeit. Das arme, schmerzbeladene, kranke Gesicht von vorher war mit einem Schlag verändert. Hoffnungslosigkeit, verbissene Qual, fortwährendes gehetztes Überangestrengtsein, alles hatte sich verkrochen, wie die Nacht vor der Sonne.

Das Glück war da, rein und groß. Sie hob die Hände und faßte die seinigen und sagte wie er vorhin, aber bebend vor Bewegung: »Auch ein Frühlingsbote! Wie soll ich Ihnen danken!«

Köppert wußte wieder nicht, was er sagen sollte, fuhr sich durch den Haarschopf, zog die Schultern in die Höhe. »Mir danken? -- oho -- hoho --.«

Er war ganz erschüttert, daß sie in ihrem Elend so ungeheuer glücklich war. Und er brummte allerlei zerhacktes Zeug vor sich hin, aus dem kein Mensch klug werden konnte. Und es war ihm, als sähe er es, wie eine Riesenfaust über den Berg griff und roh und gleichgiltig das herrliche Geschöpf mit der Feuerseele zerquetschte vor seinen Augen. ›Und so scheußlich muß sie mir zu Grunde gehen!‹