Der Rangierbahnhof

Part 11

Chapter 113,863 wordsPublic domain

»Jetzt möcht' ich wirklich wissen,« fuhr Köppert riesig lebhaft fort, »sowie einer im lieben Deutschland für drei Pfennig Bildung, das heißt, so viel wie nötig Firmenschilder ausgehängt hat, daß man möglichst von seiner Person nichts mehr zu sehen bekommt; ob der noch ein vernünftiges, nicht gestohlenes Wort spricht? -- Gott bewahre. Wenn er spazieren geht, und er will irgend jemand mitteilen, daß er sich von dem Anblick der Natur angenehm gekitzelt fühlt, so wett' ich daß er sagt: Sieh' mal so etwas -- der reine Millet, oder der reine Dagnan-Bouveret, oder der reine Böcklin! -- Er wird irgendwen citieren -- einen Namen, versteht sich --«

»Nu, sag 'mal, Köppert,« fragte Gastelmeier, »weshalb eigentlich hast du dich jetzt ereifert? Kein Mensch hat irgend etwas gesagt.«

»Nein,« erwiderte Köppert, »niemand. Aber sieh dich gefälligst einmal im Zimmer um, eine gewisse kleine Person hat ihren Spaß daran gehabt -- sieh doch. Als ob es nichts wäre, wenn so ein Seelchen zum Lachen kommt. Oder etwa nicht?« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Meinst du, es ist verdienstlicher, eine Kanone abzuschießen? Oder es ist verdienstlicher, eine Vorlesung zu halten, oder vor fünfhundert Eseln das hohe C zu singen, oder auf dem Seil zu tanzen? Was ist eigentlich vernünftiger? Weißt du, Gastelmeier, wenn du deine Frau vergnügen willst, sei kein zu großer Biedermann. Das ist nichts für die Weiber!«

»Oho,« meinte Gastelmeier, »ich sagte dir schon, Köppert, was weißt denn du von den Weibern? Heirate eine, wenn du's wissen willst -- vorher red' net.«

»Weiß er's denn?« fragte Köppert und kniff die Augen zusammen.

»Er weiß gar nichts,« lachte Olly. »›Die‹ Weiber, das ist überhaupt ein sehr komischer Sammelname,« fuhr sie fort. »Wer ›die‹ Weiber sehr gut zu kennen glaubt, kennt ›das‹ Weib gewiß nicht. -- Jawohl, Mimm. Und wissen Sie, noch etwas --«

»Na?« sagte Köppert.

»Es giebt jetzt etwas, das hat es so noch nie gegeben, so wie ich's meine: -- das moderne Weib, und das ist immer in der Einzahl. Verstehen Sie?«

»Nein -- nein, das hab' ich noch nicht verstanden.« Er fuhr sich mit seinem energisch geformten Zeigefinger über die Stirn bis zur Nasenwurzel. »Sie sollen es mir auch nicht erklären -- nicht viel reden. Passen Sie auf, ob ich's hab'. Natürlich ist's das Weib, das die Hände nach Dingen ausstreckt, die wir Scheusäler ihm jahrtausendelang vorenthalten haben.«

Er murmelte immer, man verstand ihn nicht leicht, dazu sprach er undeutlich aus.

»So, was sich ›moderne Frau‹ nennt, meinen Sie? Sie sagten doch ›moderne Frau‹? -- Da, stell' ich mir vor, ist ein Hunger, ein Verschmachten nach: sagen wir ganz trocken -- sie will Selbständigkeit und Heraustreten aus den Massen. Da kocht es in den kleinen Töpfchen, als brodelte Genie darin, mag auch hie und da vorhanden sein; weshalb nicht? Im ganzen aber wirft die Natur Blasen auf, es will etwas werden. Natürlich kocht es überall. Wir Mannsbilder werden Gott weiß was, Maler, Mediziner, alles Mögliche. Da giebt es keine Hindernisse, da ist Windstille, alles in Ordnung.«

Köppert fuhr sich wieder über die Stirn bis zur Nasenwurzel; man hätte meinen sollen, er hätte sich schon im Lauf der Jahre eine förmliche Rinne gegraben. »Das Weib aber, das Weib in der Einzahl,« murmelte er, »da ist die Sache anders. Es greift nach etwas, zitternd vor Kraft und Wollen. Es ist eine Heldin, es kämpft und hat keinen Boden unter den Füßen, muß erst jede Handbreit Boden erkämpfen. Das ist eine Unmöglichkeit, scheint es, aber sie macht's möglich, natürlich mit wunderlichen Sprüngen. Lacht nur über sie. Sie rechnet auch mit dem Lachen. Aber aufhalten! Teufel auch, das kann sie nicht vertragen. Sie will eben vorwärts. Punktum. Ist das so ungefähr der Sums? Sie wird ein Dämon, wenn sie aufgehalten wird!«

»Wahrhaftig,« sagte Olly. »Und wissen Sie noch etwas. Sie hat Durst nach Ruhm. Ich kann es nicht anders sagen. Es graut ihr davor, wie ein Hund zu sterben. Tausende von Männern haben Ruhm errungen; sie will die Wonne auch haben, und ihr Ruhmdurst ist fürs erste größer als eurer. Sie will's natürlich für sich erreichen; aber doch nicht nur für sich. So, wissen Sie, als wollte sie sagen: Mit dem, was ich erreicht habe, adle ich euch alle. Ihr hättet es auch gekonnt, viele von euch, -- und besser.

Verstehen Sie mich auch?« fragte sie heiser. Und wunderlicherweise standen ihr Thränen in den Augen.

Sie war vom Sofa aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. »Ja,« sagte sie mit zitternder Stimme, »alles Aufhalten ist Qual. Sie haben ganz recht. -- Und krank sein! Wissen Sie, krank sein, das ist's.«

»Und so was,« meinte Gastelmeier im Scherz, »so was hat man geheiratet. Ja, siehst du, Köppert.«

»Armer Mimm,« sagte Olly erregt und mit glühenden Wangen. »Du bist an etwas Schönes gekommen.«

»Ruhig, ruhig,« brummte Köppert. »Insekt -- einfach Insekt -- erinnern Sie sich's noch? Der da oben kennt sich längst nicht mehr zwischen einer handvoll Leuten und einer handvoll Räupchen aus. Also wozu der Sums? Na, wozu? Trauerspiele aufführen hat keinen Sinn, absolut nicht. Hören wir endlich damit auf, dem Schicksal immer wieder den Gefallen zu thun. Nicht wahr? Na, also.« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Neulich ging ich nachts an der Türkenkasern' vorüber, da standen zwei besoffene Kerle, der eine drosch auf den andern, hob den Arm um auszuholen und brummte: ›Sag du noch einmal Lallenstedt -- du!‹ Na, und der andre sagte: ›Lallenstedt‹ ganz gehorsam. Bums, da hatte er's. -- ›Sag noch einmal ›Lallenstedt‹, du!‹ ›Na -- Lallenstedt‹ sagte der andre. Bums, da hatte er's wieder. Und noch einmal, und so ging's fort, es war immer dasselbe, gerad' wie zwischen uns und dem Schicksal. Es will, wir sollen ›Lallenstedt‹ sagen -- und wir sagen ›Lallenstedt,‹ so oft es von uns verlangt wird, und werden jedesmal gehauen. Weshalb machen wir ihm eigentlich immer den Spaß? Wenn wir 's Maul hielten, würde es schon mürb werden und uns in Ruhe lassen. Maul halten, das ist auch eine Art Erlösungswerk für die Menschheit.«

»Ich versteh' Sie,« sagte Olly immer noch tief erregt. »Aber Sie sind gesund. Sie haben gut reden.«

»Und was denn! Sie werden auch wieder gesund,« sagte Köppert.

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht. Weshalb soll mich gerade das Böse nicht treffen? Sagten Sie's nicht?«

»So, das hab' ich dumm gemacht, so ein Schafskopf,« erwiderte Köppert und schlug sich vor die Stirn. »Aber wie Sie auch auf alles hereinfallen!« Das unregelmäßige Gesicht mit den gescheiten Zügen nahm einen wunderlich weichen, jungen Ausdruck an. »So ein Teufel! Komme her, um Sie auf frohe Gedanken zu bringen, und hetze Sie, Gott weiß wie.«

»Na, Kinder, gebt Ruh jetzt,« sagte Gastelmeier.

»Gefühlsflohjagd!« brummte Köppert vor sich hin und war mit seinen Gedanken irgendwo.

»Weißt du, Köppert,« sagte Gastelmeier, als Olly in das Nebenzimmer gegangen war, »meine Frau ist jetzt in einer unglaublichen Stimmung, ich versteh' gar nicht, was ist denn eigentlich los?

Olly!« rief er. Sie kam.

»Denk' dir, was sie mit einem Weihnachtskarpfen gemacht hat. Weißt du's? Erst für teures Geld gekauft und dann in die Isar gelassen!«

»Marlitt?« fragte Köppert freundlich schlau lächelnd und kniff dabei die Augen zusammen. »Das ist Marlitt, so etwas. Herr Gott, wozu? Machen Sie damit die Welt besser? Einfach Gefühlsflohjagd. Macht euch doch das Leben nicht so unsinnig schwer, Insekten! Gnädige Frau, der Karpfen ist zum essen da. Punktum. Nächsten Sommer wollten wir miteinander fischen gehen. Das Raubtier in uns muß hin und wieder etwas zu thun bekommen, das Altjüngferliche in uns muß fort. Das setzt sich sonst an und frißt sich ein. So wird nie ein gewiegtes Huhn aus uns. Wissen Sie, wie ein schöner, strammer, lebenslustiger Karpfen sich erwischen läßt?«

»Nein,« sagte Olly.

»Also, so ein Karpfen ist auch ein gewiegtes Huhn. An einem warmen, trüben Tag wirft man die Angel aus. Ein Teich; breite grüne Blätterflaten schwimmen drauf, welche die Süßlichkeitspoeten uns eben so verekelt haben, daß ein anständiger Mensch sie nicht mehr zu nennen wagt. Na also Seerosen.« Köppert fuhr sich zum Zeitvertreib einmal wieder durch den Haarschopf. »Die sind gut für den Karpfen, wie ein Dach liegen sie über dem Wasser und halten die Sonne ab. Er ist Sybarit. Jetzt kommt er, frisch und vergnügt und denkt sich irgend was. Er bummelt oder Gott weiß, was er treiben will. Er ist im schönsten Lebensalter, übermütig, unternehmend, ein Prachtkerl! Jetzt merkt er was. ›Halt still,‹ denkt er, ›was ist denn das? -- Aha!‹ Nun schaut er sich die Geschichte an und streicht unter den großen Blättern hin und her. Er traut nicht und möchte doch. Er ist riesig aufgeregt und tanzt und schnalzt und fährt mit dem Schnäuzchen an die Luft. Und immer die netten Schnalztöne. So ein Prachtkerl, frisch wie's Leben! Er wird ganz des Kuckucks -- und überlegt. Er hat gerade einen Appetit auf so etwas und ist so fidel, so zufrieden. Ein Frühstückchen konnte nicht schaden. Es ist ihm immer vortrefflich ergangen. Schließlich, wie das Ding sich so durchaus vertrauenswürdig verhält, meinte er, daß man es versuchen sollte. Er schnappt und der Haken sitzt fest. Das hat er nun davon.

Und jetzt geht der Tanz los. ›Pfui Teufel!‹ denkt er und stürzt wie ein Pfeil mitsamt dem Haken in die Tiefe und vergräbt sich in den Schlamm. Die Verzweiflung hat ihn mit einem Schlag gepackt. Er wühlte sich so tief hinein als er kann. Das kennt man schon, er macht's immer so. Die Angel ist darauf eingerichtet. Im Schlamm hält er sich ganz still und geduldig und verbeißt den Schmerz. Denn der oben zuckt und zerrt und quält ihn auf alle Art. Er soll bald heraus. Aber er liegt wie ein Held und rührt sich nicht. Der Übermut ist ihm freilich vergangen; aber ein Stück Kraft und Seelenstärke ist in ihm, um die man ihn beneiden könnte. Das geht unbegreiflich lang so fort. Der oben immer gezuckt und gezerrt und der unten immer ganz still abgewartet und ausgehalten und den Schmerz verbissen.

Jetzt mit einemmal thut er einen Schlag auf Tod und Leben, einen Riesenschlag. Er ist ganz Muskel, ganz Willen, ganz Verzweiflung. Auf diesen Schlag hat der oben immer ganz kühl gewartet. Der kennt das schon. Sie nennen den klugen verzweifelten Streich den Karpfenschlag. Oft genug gelingt's auch, die Schnur reißt und er hat sich frei gemacht. Gelingt's nicht, reißt die Schnur nicht, so war's umsonst, dann ist er mit einemmal ganz geduldig und weise und läßt sich heraufziehen wie ein Lamm. Er hat dann alles aufgegeben und fügt sich. -- Um nichts schlechter macht er's wie die großartigste Menschenseele. Alle Hochachtung!«

Olly hatte Köppert gespannt zugehört. »Nun freut mich's erst recht,« meinte sie, »daß ich meinen dicken Freund in Freiheit gesetzt habe, trotz dem Karpfenschlag geschehen noch unerwartete Dinge für alle Geschöpfe. Daß wir Sie kennen lernten, war auch unerwartet.«

»Olly ist köstlich!« rief Gastelmeier. »Ja, Köppert, du weißt nicht, wir müssen uns nächstens so eine Art Tempel für dich einrichten. Du hast hier eine fanatische Anhängerin.«

»Und wenn Sie wüßten wie ich Sie beneide,« sagte Olly. »Sie stehen so kühl da, als wenn nichts auf der Welt Ihnen etwas anhaben könnte -- und so gesund wie Sie aussehen, so fest und leicht. Sie sind gewiß sehr stark.«

»Weshalb nicht? Glauben Sie, ich war in Ihrem Alter so weit wie Sie? Ich bin ein alter Kerl jetzt. -- Schauen Sie -- Eselsfarbe. Wir gewiegten Hühner bummeln kolossal.«

»Ja, aber Sie leben! Sie schauen ganz anders ins Leben hinein. Das merk' ich.«

»Na, warten Sie, wir gehen nächstes Frühjahr miteinander Karpfen fischen. Sie sollen das alles selbst erleben, wie er so frisch und seelenvergnügt und jung daherkommt, das Schnäuzchen reckt -- die netten Schnalztöne -- und wie er sich endlich im Haken fängt, wie er verzweifelt in den Schlamm stürzt und sich vergräbt, den Schmerz verbeißt, die brave Heldenseele, wie er gequält wird, und dann -- den Karpfenschlag -- die Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung. -- Großartig! Das müssen Sie selbst erleben.«

Da sah Köppert in ein Paar große, zornige, thränenerfüllte Augen. »Selbst erleben -- ich fürchte auch,« sagte Olly zitternd erregt. »Glauben Sie, daß es mich nach dieser Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung verlangt? -- Glauben Sie?«

Sie schluchzte auf. Er sah einen Augenblick in ein ganz verzweifeltes Gesicht. Dann stürzte sie fort und warf die Thüre hinter sich zu.

Und im andern Zimmer lag sie auf den Knieen und weinte wild und zornig und verzweifelt.

IX.

Zwei Tage waren vergangen und Köppert war nicht in der Dämmerstunde gekommen. Sie hatte auf ihn gewartet von Minute zu Minute, gewartet, wie sie nie irgend etwas zuvor erwartet hatte. Den ersten Tag hatte sie bis zu der Stunde, die ihn bringen sollte, krampfhaft gearbeitet. Den zweiten Tag war ihr das nicht möglich gewesen. Sie ließ das Modell zu Mittag gehen und hockte sich mit einem Buch in ihre Sofaecke.

Sie fühlte sich nicht wohl, eine elende Schwäche lag über ihr und die Erwartung wie ein Fieber, das ihr jeden Nerv zittern und beben ließ. Kommt er? Kommt er nicht? Das war alles, was ihre Gedanken beschäftigte. Nicht einen Augenblick wurde sie frei von der Qual.

Mimm kam von Zeit zu Zeit aus dem Atelier von seiner Arbeit, um nach ihr zu sehen. Er fragte sie jedesmal, wie es ihr ginge, und machte so ein komisches Gesicht dazu. Es war ihm ganz neu, sich um jemand zu sorgen, und sein Kommen that Olly jedesmal weh. Es war ihr immer, als risse er sie aus einem tiefen Schlaf. Sie bebte in jedem Empfinden und blieb ganz stumm, um dem armen Mimm nicht gereizt zu antworten.

Statt Köppert kam am zweiten Nachmittag in der Dämmerstunde der Arzt. Auch er scheuchte sie aus einem tiefen, traumähnlichen Zustand auf. Sie hatte im Geist fortwährend mit Köppert gesprochen. Was hatte sie ihm alles erzählt? Sie hatte ihm ihr Kranksein geklagt; aber nicht verzweifelt, nicht bang -- ganz kühl. Es war nichts Erschreckendes, wenn sie mit ihm darüber sprach. Sie hatte ihm von ihrer Arbeit vorgeplaudert und von Mimm und von ihrer Kindheit. Kleine Geschichten, die sie wahrscheinlich nie gewagt hätte, ihm wirklich zu erzählen.

Da war eine, über die lachten sie in Ollys Vorstellung beide miteinander. Als sie bei ihrer alten Tante wohnte und zu Weihnachten und Ostern nach Hause reiste, fuhr sie jedesmal derselbe alte Kutscher nach der Bahn und brachte nach einiger Zeit seine Rechnung, auf der stand regelmäßig zu lesen: ›Eine Furie nach der Bahn‹.

Sie erzählte ihm von ihrer Verlobung, von daheim. Wie in einem Bilderbuch blätterte sie in ihrem Leben -- und alles sollte er erfahren, mitsehen. Es war ein sonderbares, fieberhaftes, inniges Sich-mitteilen.

Vom Arzt wurde sie daraus aufgescheucht.

»Ich weiß schon,« sagte Olly zu ihm in ihrer erregten Weise. »Mit mir steht's schlecht.«

»Oho« lachte der alte Doktor behaglich.

»Doch. Lassen Sie's nur. Jetzt kommen eine Menge schöne Redensarten, ich weiß schon. Wenn man so etwas im Hals hat wie ich, das ist immer eine dumme Geschichte. -- Wie war's mit Papa? -- Ganz dasselbe.«

Sie sagte das lauernd, bis aufs äußerste gespannt, aber äußerlich vollkommen kühl und wie im Scherz. Es war ihr eben eingefallen, im Augenblick erst, es so zu machen.

»Was, dumme Geschichte!« sagte der Doktor. »Wenn Sie sich gut halten und alle Vorschriften befolgen und vernünftig sind, da macht sich alles --«

»Ja, aber es ist doch wie bei Papa,« erwiderte sie, wieder ruhig und sachgemäß und als wäre für sie kein Zweifel mehr.

»Na, und warum? Das wär' net übel, wenn alles so ausgehen müßte wie bei Ihrem Herrn Papa.«

»So, also es ist dasselbe?« sagte sie überwältigt -- fassungslos. Ihre Stimme konnte den Gefühlsausdruck nicht verbergen und die Frage klang schreiend heiser. Es kamen Töne, über die sie keine Macht hatte.

Sie war vom Sofa aufgestanden und starrte den Arzt an. Die Hände hielt sie ineinandergepreßt.

»Frauchen! Ruhig Blut,« brummte der Doktor und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist denn nu? Na? -- Gar nichts. So jung wie Sie sind. Und ich sag's ja, wenn Sie vernünftig sind und sich gut halten und mir folgen -- Sie sollen sehen.«

Olly hatte sich wieder in ihre Sofaecke gekauert und schüttelte zu allem, was der Doktor ihr zum Trost vorbrachte, den Kopf.

»Außerdem,« sagte sie, nachdem sie eine Weile stumm dagesessen hatte, »bin ich nicht vernünftig. Damit rechnen Sie bei mir nicht. Wie lange denken Sie, daß ich noch arbeiten kann?« Sie fragte es mit zuckendem Mund. In ihren Augen lag ein unbändiger, verzweiflungsvoller Trotz.

»Sie sollen vernünftig und maßvoll arbeiten, mein Kind. Haben Sie je einen Menschen gesehen, der gewußt hätte, wie lange er noch arbeiten oder sonst irgend etwas thun darf? -- Wie?«

»Redensarten sind auch eine Medizin, lieber Doktor; aber bitte, geben Sie mir die nicht.« Ihr Gesicht war ganz von Thränen überflutet, und sie faßte die Hände des alten Herrn.

»Also: die Hauptsache ist, sich ruhig halten. Vergessen Sie das nicht. Sind Sie denn so ganz allein? Wo ist denn Ihr Mann?«

»Im Atelier,« sagte sie. »Er arbeitet!« Das war wieder so ein heiserer Aufschrei. »Er arbeitet.«

»Ruhig, ruhig, mein Kind,« sagte der Arzt wieder. »Gut, Sie halten es für Redensart, dafür kann ich nichts; aber ich sag's Ihnen, allein in Ihrer Gemütsruhe und Heiterkeit liegt Ihre Heilung. Sie haben den guten, lieben Mann, die vergnügte Seele, lassen Sie sich von dem helfen und helfen Sie ihm.«

Sie blickte vor sich hin, wie in einen gleichmäßigen dichten Nebel, der mit einem Schlag ihr alles Leben überdeckt hatte. Der Arzt sprach lange noch auf sie ein. Sie hörte nicht mehr auf ihn.

»Leben Sie wohl einstweilen, kleine Frau, ich schicke Ihnen Ihren Mann.«

Olly rührte sich nicht. Sie hatte ganz mechanisch dem Arzt die Hand gereicht. Jetzt blieb sie eine ganze Weile allein. Sie dachte an den Karpfen. -- Wie der Angelhaken festsitzt, wie der Karpfen sich in den Schlamm vergräbt. -- Ja -- tief hinein. Über ihm der Schlamm und über dem Schlamm das Wasser -- so schwer liegt das Unglück, das ihn traf, über ihm. Über dem Wasser scheint die helle Sonne, die geht ihn nichts an.

Als Gastelmeier zu ihr hereinkam, war er sehr freundlich und sehr bewegt. ›Ähnlich wie nach der Trauung,‹ dachte Olly. Sie beobachtete ihn ganz kühl. Niemand ging sie eigentlich mehr etwas an. Sie mußte mit sich allein fertig werden. Der Karpfen saß unten im Schlamm, mußte tausend Schmerzen verbeißen, der oben riß an ihm und quälte ihn und zuckte an der Schnur. Die übrigen Karpfen schwammen lustig und guter Dinge weiter und ließen sich's wohl sein. Der im Schlamm war ein ganz andres Tier als die Kameraden geworden. Sie verstanden ihn nicht mehr -- und er verstand sie nicht mehr.

In dieser Nacht schlief sie keinen Augenblick, rief aber auch nicht nach Mimm. Wozu?

Sie starrte in gleichmäßigen, dicken Nebel, der sich ihr noch mit keiner Gestalt belebte. Er war so dicht, daß sie die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Der Nebel aber war die vollkommene Hoffnungslosigkeit, die mit einemmal über sie hergefallen war. Die hatte etwas Einschläferndes, etwas Erstarrendes; ohne den wahren Schlaf zu bringen, brachte sie so ein dumpfes, lebenabgewandtes Brüten.

Am andern Morgen kam Mimm und fragte, wie sie geschlafen hätte.

»Ganz gut,« sagte sie. Da freute er sich.

Sie hatte, wie es ihr schien, gar nicht das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Darüber verwunderte sie sich selbst. Es war gut so -- ganz gleichgiltig im Grund. ›Ob das anhalten würde?‹ fragte sie sich.

Sie arbeitete und es ging sogar etwas besser wie gestern. ›Wenigstens,‹ dachte sie, ›werde ich zu den Menschen gehören, die krank fortarbeiten.‹ Sie dachte an allerlei Leute, von denen sie wußte, daß sie berühmt wurden, trotzdem sie krank waren.

Das war ein Trost -- mehr als Trost, das war ein Anfeuern der Kräfte, das hatte etwas Begeisterndes. Ja, sie wollte kämpfen und sie arbeitete bis zur Atemlosigkeit. Und heute -- ganz unverhofft kam Köppert. ›Weshalb eigentlich sollte er kommen?‹ hatte sie tagsüber gedacht. Dreimal war er dagewesen, unverhofft, dann war er weggeblieben, wahrscheinlich für immer. Sie hatte ihm außerdem eine Szene gemacht. Wahrscheinlich fürchtete er sich vor ihr. Kein Wunder. Das seelenverzehrende Warten war wie von ihr genommen. Aus dem dichten Nebel, der sie seit gestern umgab, war bisher nichts aufgetaucht als ein: sie wollte arbeiten, arbeiten, vor allen Dingen arbeiten.

Als das Mädchen aber Herrn Köppert meldete, konnte sie sich vor freudigem Schreck nicht auf den Füßen halten. Es durchzitterte ihr den ganzen Körper.

»Mimm,« rief sie, »Herr Köppert kommt!«

»Was?« rief Gastelmeier aus dem Nebenzimmer. Da war Köppert aber schon eingetreten.

Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Das war ihre Art nicht, die Leute zu empfangen. Aber hier war es ganz natürlich. Es war eben der Gruß für Köppert, für niemand sonst. Sie begrüßte ihn so unverstellt glückselig, wie ihn bisher eigentlich nur sein Hund begrüßt hatte.

›Armes Seelchen!‹ dachte er und faßte die schlanken, heißen Hände so zart an und führte das bewegte, kranke Geschöpf zu einem Platz zum Ruhen und fühlte, wie er ihr wohlthat. Er hatte sein Lebtag viel mit Tieren sich zu thun gemacht und verstand sich daher auf unverstellte Gefühlsausbrüche. Seine jüngeren Brüder, wie er sie nannte, hatten ihn nie in Ungewißheit gelassen. Das Seelchen hatte eine helle Freude, wenn er kam.

»Wissen Sie,« sagte ihm Olly, »daß ich sehr krank bin?«

»Nein,« sagte er. »Was heißt sehr krank? Wir sind alle sehr krank. Das Leben ist eine lange Krankheit. Wir glauben nur, daß wir gesund sind.«

»Bitte,« sagte Olly, »mit mir müssen Sie wenigstens ganz einfach sprechen. Ich weiß, es wird jeder reden, als wenn gar nichts wäre, -- thun Sie das nicht.«

Gastelmeier trat ein: »Grüß Gott, Köppert.«

»Ach, Mimm,« sagte sie, »Mimm!« -- und lachte.

Sie saßen nun wieder alle drei bei einander und es kam eine ruhige, gute Stimmung. Emil fand sich auch ein.

»Ah, das einseitig gebackene Brötchen,« sagte Köppert lachend, als er eintrat.

»Lassen Sie ihn, er ist so gut,« meinte Olly, »nur so ein Faulpelz, denken Sie, gesund und kräftig; aber ohne allen Eifer. Ich weiß nicht, sollte es noch kommen? Sie glauben nicht, wie mir's am Herzen liegt. Was soll aus ihm werden?«

»Na, er ist ein bißchen schwammig,« sagte Köppert. »Hat er Knochen?«

»Ich glaube nicht viele,« meinte Olly.

»Sehnen natürlich auch nicht?«

»Die gar nicht.«

»Dann lassen Sie ihn ums Himmels willen nicht Maler werden. Er sieht aus, als wenn er gegen ein Sinekürchen nicht abgeneigt wär'. Das möcht' ihm passen. Er schriebe dann alle Tage oder alle vierzehn Tage zwei Zeilen, die von der bösen Welt handeln.«

»Freilich,« meinte Olly, »und sagte dazu: Verflucht! -- Verflucht! -- Verflucht!«

»Zu sonst was hat er nicht Lust?«

»Zu gar nichts, Maler will er werden, weil er meint, er kann dann so daherhocken mit dem Bleistift in der Hand -- und das bißchen Essen würde schon von irgendwoher kommen.«

»Geht er kneipen?«

»Bewahre, er denkt, das kostet Geld. Nicht leichtsinnig sein! Je weniger du brauchst, um so weniger mußt du dich anstrengen. Wenn Sie wüßten, er hat mich schon manchmal bis zur Tobsucht gebracht -- aber er ist so gut.«

Emil besorgte das Abendessen, trieb draußen die Köchin an auf seine Weise, spritzte sie mit Wasser zur Küche hinaus und zur Treppe hinab, wenn sie etwas holen sollte und drohte ihr die Haare mit Asche zu bewerfen, wenn sie nicht zur Zeit fertig wäre. In das Zimmer kam er möglichst wenig, denn er hatte einen großartigen Ärger auf Köppert.

Den ganzen Abend lag ein ruhiges Behagen über der Gesellschaft. Das Abendessen war gut und pünktlich besorgt.

»Schau, schau,« sagte Gastelmeier. »Emil! Na, Olly, dein Bruder, wie kommt denn der mit unserm Drachen aus, und wir net?«

»Das versteht er,« sagte Olly -- »und wie!«