Der Rangierbahnhof

Part 10

Chapter 103,909 wordsPublic domain

Köppert und der Arzt verabschiedeten sich miteinander.

Der Arzt sagte vorher zu Olly: »Frauchen, morgen, wenn Sie hübsch ruhig sind, muß ich schon noch einmal kommen -- was? Wir müssen das Hälschen uns ordentlich ansehen.« Dann gingen sie.

»So eine Art Seelchen hat der Gastelmeier erwischt,« sagte Köppert zum Arzt, als sie in die Winterkälte hinaustraten, »ich habe seine Frau zum erstenmal heut gesehen.«

»Frau?« erwiderte der alte Doktor, der mit Köppert gut bekannt war, »›Frau‹ ist das nicht -- das hat nichts von ›Frau‹.«

»Ein armes Seelchen,« meinte Köppert. »Wie kommt der Gastelmeier eigentlich zu ihr und sie zu ihm?«

»Sie ist Todeskandidatin,« sagte der Arzt trocken.

»Wie, das Seelchen?« fragte Köppert.

»Im Vertrauen, ja. Es ist mir herausgerutscht -- die oben wissen von gar nichts noch -- also unter uns. Mir ist's schon längst klar; eine abschließende Untersuchung ist zwar noch nicht vorgenommen, aber es wird nicht viel anders aussehen, als ich jetzt annehmen muß.«

»So ein ahnungsloses Geschöpf,« sagte Köppert.

»Soll's auch bleiben, so lange als möglich. Die wird ihrem Mann noch genug zu raten aufgeben -- Herrgott noch einmal! Ich habe das Gesicht gesehen, als es vor ein paar Wochen hieß, sie brauchte vorderhand nicht mehr zu befürchten, Mutter zu werden, -- das heißt, ich sagte damals nicht ›befürchten‹, sondern teilte es ihr schonend mit, wie man das so nennt. Dies Gesicht! Die vollkommene Erlösung! Nur einen Augenblick war der Ausdruck ganz klar. Ich habe ihn nie ähnlich bei einer Frau gesehen. Sie hat nichts als ihre verdammte Kunst im Kopf. Es hat ihr davor gegraut, daß sie ihre Kraft nicht mehr für sich ganz allein haben sollt' -- und nun -- daß wird eine nette Geschichte werden. Mir thut der Mann leid. -- Also ganz unter uns.«

Sie trennten sich und jeder ging seines Weges.

Oben bei Gastelmeiers wurde indes von Köppert gesprochen.

»Originell, sehr originell,« sagte Frau Kovalski, »aber etwas abspringend und spricht so undeutlich.«

»Ein frecher Mensch,« sagte Emil. Sie sagten alle etwas. Olly schwieg. Für sie war er ein gottgesandter Mensch. ›Ihren Messias‹ hatte Mimm ihn vorher spottend genannt. Ja, ihr Messias. Mimm hatte ganz recht gehabt. Sie hatte jetzt jemand, für den sie arbeitete. Der Ruhm, der gestaltlose Ruhm, hatte fürs erste Köpperts Gesicht bekommen.

Ehe ihre Mutter und die Brüder sich heute verabschiedeten, nahm Olly Emil beiseite und sagte: »Morgen wollen wir beide miteinander den Karpfen in die Isar tragen. Komm so früh du kannst. Wenn wir's nicht thun, holt Mimm ihn doch.«

»Du sollst ja aber nicht ausgehen,« sagte Emil.

»I wo! Weißt du, wir fahren. Du besorgst die Droschke und wir stecken den Karpfen wieder in sein Netz. Du mußt kommen, wenn Mimm zu seinen Schülern geht, von neun bis zehn.«

»Na, mir ist's recht. Ich könnte ihn ja auch allein fortbringen.«

»Nein, ich will mit, ich will's sehen.«

* * * * *

Und wie die beiden es verabredet hatten, so geschah es. Es war ein sonnenklarer, windiger Januartag, kristallhell, da fuhren sie mit ihrem Fisch der Isar zu. Niemand wußte davon. Olly hatte auch die Köchin aus dem Hause geschickt, damit sie den Karpfen in aller Ruhe aus dem Schaff in sein Netz stecken konnten. Jetzt hielt sie ihn unter ihrem Wintermantel verborgen. Wie fest und gesund er war und wie er schnickte! Im Wagen gab sie ihn Emil wieder zu halten. Sie fuhren bis über die Maximiliansbrücke, stiegen dann aus und bogen in die Isaranlagen ein.

Es war bitterkalt und der Wind schneidig. Olly schüttelte sich vor Frost -- die Zähne klapperten ihr. »Wie du frierst,« sagte Emil. »Es war am Ende doch dumm, daß wir gegangen sind. Ich lauf' voraus und steck' ihn rasch ins Wasser.«

»Nein, laß mich's sehen.«

So gingen sie miteinander weiter. Olly war plötzlich müde. Sie kamen nur langsam vorwärts. »Ich weiß nicht, was mir ist,« meinte sie. »Es ist wieder die bleierne Müdigkeit. So mit einemmal.«

»Na, das kam ja immer schon früher,« sagte Emil, »das hat wohl nichts zu sagen. Komm nur.«

Jetzt standen sie miteinander unten an der Isar. Die floß so klar und durchsichtig und eisigkalt vor ihren Füßen hin und der Wind strich darüber und drang ihnen durch die Kleider. Der Fisch schnickte ganz gewaltig, es war, als wenn er die Freiheit witterte.

»Ob's ihm nun gerade hier in der Isar behagt?« sagte Emil. »Ich glaube, da unten fließt das Wasser ruhiger, da kann er sich besser aufhalten, das ist so wie eine Art Teich. Weißt du, ein Karpf liebt das Ruhige und Sumpfige.«

Sie gingen miteinander dem Wind entgegen. Olly war ganz kraftlos und hielt sich an Emils Rockärmel. Emil wirtschaftete im Netz mit beiden Händen an dem Karpfen herum. »Jetzt haben wir ihn,« sagte er. Der Karpfen glänzte in der Sonne und unter dem blauen Himmel wie ein großes Stück Gold.

»Jetzt! Paß auf!« Emil bog sich weit vor und Olly sah, wie der Fisch wie ein Pfeil, goldglänzend, in das Wasser schoß. Ein kleiner Wirbel -- ein Huschen -- ein glänzender Streif -- und er war verschwunden.

»Da fährt er hin,« sagte Emil.

»Der ist nun frei,« meinte Olly, »und gesund.«

»Jawohl,« bestätigte Emil, »dem fehlt nix.«

Jetzt mußte der Weg wieder erstiegen werden. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! Du bist aber nett müde.«

Sie kamen gar nicht vorwärts. »Wir müssen uns ein bißchen setzen,« sagte sie. »Ich weiß nicht, was ist denn das nur?«

So brauchten sie längere Zeit. Olly konnte kaum sprechen vor Heiserkeit. Und Emil lief jetzt nach einer Droschke voraus. ›Was ist denn mit ihr?‹ dachte er unterwegs.

Als sie miteinander in der Droschke saßen, wurde Olly von einem inneren Frost geschüttelt, und Emil schaute ihr ganz verblüfft zu. ›Das ist eine dumme Geschichte,‹ dachte er.

Daheim legte sie sich auf ihr Sofa, Wangen und Kopf glühten. Emil blieb bei ihr, trotzdem sie immer von neuem sagte: »So geh doch, dummer Junge. Du mußt an deine Arbeit -- Faulpelz! Nun wärst du wieder einmal froh, für drei Pfennig Ursach zu haben zum Bummeln.«

»Nein, nein, wir hätten nicht gehen sollen, Olly,« meinte Emil ganz bedrückt. »Ich wollte, Mimm hätte den Karpfen im Magen. Das wär' besser gewesen. Du kannst das Sentimentale doch nicht leiden. Die Karpfengeschichte ist aber schändlich sentimental.«

»Nein,« sagte Olly. »Gar nicht.«

An diesem selben Tage kam der Doktor, wie er gesagt hatte, und nahm die erste eingehende Untersuchung vor. Gastelmeier stand betroffen dabei. Als er Olly unter den Händen des Arztes sah, so hilflos unter einer fremden Macht -- da legte sich es ihm wie eine dunkle Wolke über die Seele. Was war denn das? Es drängte sich etwas bei ihnen ein, etwas Dunkles, Unerwartetes, etwas, auf das nicht gerechnet war.

Der Arzt sagte, daß alles, was jetzt nicht so ganz in Ordnung sei, sich geben werde. Er sprach von Ruhe und Pflege, schimpfte über den Unsinn, daß Olly bei dem Winde heute ausgefahren war. Sie sollte jetzt daheim bleiben wochenlang, jedenfalls ohne ärztliche Erlaubnis nicht ausgehen.

»Na, was ist's denn?« fragte Gastelmeier hart, um seine Sorge zu verbergen.

»Was wird's denn sein?« sagte der Arzt. »Wir haben da ein sehr zartes Frauchen, das eine Weile noch gepflegt werden muß. Wenn sie vernünftig ist, macht sich alles gut.« Er hieß Olly sich ruhig auf das Sofa legen. Emil breitete ihr eine Decke über die Kniee. »So, mein Kind, so werden Sie jetzt ganz ruhig und friedlich bleiben. Sie haben Fieber und ich sollte Sie eigentlich zu Bett schicken; aber ich weiß, wir haben es mit einem unruhigen Geist zu thun.«

Olly äußerte sich in keiner Weise. Sie lag still und matt da und schien sich nach der Anstrengung des Tages doch recht unwohl zu fühlen. In der Dämmerstunde aber kam Köppert unerwartet. Als das Mädchen ihn meldete, flog es wie ein Sonnenstrahl über Ollys Gesicht, und auch Gastelmeier kam er wie gerufen.

Olly wollte sich erheben, aber Köppert ging auf sie zu und drückte sie zart und freundlich, wie ein krankes Kind in die Kissen zurück, so einfach und natürlich und ohne ein Wort dabei zu sagen. Er legte ihr auch die Decke wieder über die Kniee -- geschickt und sorgsam. Es war keine Spur von Fremdheit bei ihm zu spüren: dann setzte er sich neben Ollys Lager und erzählte dies und jenes, und kam auch wieder auf ihre Bilder zu sprechen und machte ihr allerlei Vorschläge. Er sprach zu ihr wie zu seinesgleichen, ohne alles Gönnertum, wie der Künstler zum Künstler.

»Sonderbar,« sagte Olly, »weshalb sind Sie so gut zu mir? Halten Sie mich wirklich für etwas -- etwas -- ich weiß nicht -- darf ich's nennen?«

»Ja,« sagte Köppert.

»Für ein Talent?« Wie klang die arme Stimme tonlos, zaghaft und heiser.

»Ja,« sagte Köppert.

»Und deshalb sind Sie wieder gekommen, um es mir noch einmal zu sagen?«

»Na ja.«

»Nun heißt es rasch gesund werden!« sagte sie, und die Augen leuchteten ihr in einem fieberhaften Glück.

»Ruhig -- ruhig! Sie wissen doch noch. Erinnern Sie sich -- ›Insekt‹. Erinnern Sie sich's?«

»Ja, ja,« flüsterte Olly. »Man muß es erst lernen, so zu denken.«

Köppert wohnte bei seiner alten Mutter und hatte ihr, auf die Frage, wohin er ginge, gesagt: »Zu einem armen Seelchen.«

›Na, was das nun heißen soll? Da wird er wieder so etwas aufgetrieben haben,‹ hatte die alte Frau gedacht, ›irgend einen Unsinn.‹

VIII.

In einer Nacht erwachte Olly in tiefer Dunkelheit. Sie hatten ihr das Bett auf dem Schlafsofa im geheizten Zimmer gemacht. Es war eine ungewohnte Art zu liegen für sie und ein ungewohnter Raum. Sie erwachte vollkommen verwirrt und wußte sich nicht zurechtzufinden. Wo lag sie? In welchem Zimmer? Sie starrte vor sich hin, ratlos und angstvoll, wollte nach den Streichhölzern an ihrem Bett suchen, kam nicht damit zurecht. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug ihr, Hände und Füße brannten. Im Hals empfand sie, was sie schon lange empfunden, -- etwas Fremdes.

Es war da etwas, was nicht sein sollte, etwas Unerträgliches, ein Körper, ein Splitter, etwas, das heraus mußte, etwas, das ihr Angst machte. Es war ihr, als müßte sie in dieser Verwirrung ersticken. Sie ertastete die Wand und mit einem Ruck war alles in Ordnung.

Jetzt sah sie auch die Fenster. Es schimmerte von draußen ein kaum merkliches, mattes Licht herein. Sie atmete auf; aber die Last, die sich während der Verwirrung ihr auf die Brust gewälzt hatte, blieb. Die dunkeln Gedanken kamen, die Gedanken, die vom Licht verscheucht werden, die aber in der Nacht sich wie Raubvögel auf die stürzen, die der Schlaf flieht. Mit ihren großen, dunkeln Flügeln kommen sie herangeflogen, mächtig, lautlos, und senken sich auf die arme Seele nieder, die sich wie ein Hase zusammenduckt, wenn der Uhu über ihm ist.

So kauern tausend und abertausend armer Seelen schlaflos in dunkler Nacht, und irgend ein Entsetzen hat die Krallen in sie eingedrückt und schlägt mit den Riesenflügeln brausend und betäubend über ihnen. Und Scharen solcher urweltlicher Riesennachtvögel giebt es. Scharen, die seit Anbeginn nachts ihre Jagd auf die Menschen machen.

Sie zögern mit dem Todesstreich. Die Herzensangst, die sie unter sich zappeln fühlen, macht ihnen Spaß. Sie weiden sich an der Todesangst ihrer Opfer -- und sie vergnügen sich daran, bis das Tageslicht sie verscheucht. Aber sie kommen wieder und immer wieder.

Über der kleinen, armen Hasenseele in der dunkeln Stube schwebte jetzt der grauenhafteste Unhold und quälte sein Opfer.

»Mimm!« rief Olly in Todesangst, mit einer ganz herzzerrissenen Stimme und so heiser und krank und zitternd. »Mimm!« noch einmal. Er hörte nicht. Er lag in der Nebenstube und schlief so fest.

»Mimm!« klang es wieder, und jetzt mit einer Bangigkeit, daß sie sich selbst vor ihrer Stimme fürchtete.

»Was denn, Olly?« rief er schlaftrunken.

»Bitte, Mimm, bring' Licht.«

Es dauerte eine geraume Weile, bis er in seinem grauen, steifen Schlafrock und mit einem Licht eintrat. »Was ist denn los, Olly?«

Sie lag stumm da, ohne zu antworten. Der Mann im Schlafrock fühlte ein Paar große, ängstliche Augen auf sich gerichtet. Was fällt ihr denn nur ein? Es war das erste Mal in seinem Leben, daß seine Nachtruhe durch die Qual eines andern gestört wurde. Das war unbequem. Aber er nahm sich zusammen und sprach sehr freundlich und schläfrig mit ihr.

»Na, was ist denn, mein Herzblatt?«

»Mimm,« sagte sie, »Mimm.« Weiter kam sie nicht. Aber er sah, wie ihr zwei große Thränen über die Wangen rollten. »Mimm, ich bring's zu nichts -- es wird nichts mit allem.«

›Herrgott, in deine Hände!‹ dachte Gastelmeier. ›Jetzt fängt das Rangieren auch nachts an. Natürlich nachts, das ist ja das Eigentliche. -- Himmlische Christine!‹

Er stand stumm da, denn außer zu diesem eben berichteten Gedankengang war er zu nichts fähig. Sie that ihm sehr leid, daß sie nicht schlafen konnte und sich, wie es schien, nicht wohl fühlte; aber was sollte er dabei thun?

»Mimm, ich bin sehr krank.«

»Dummes Zeug,« sagte er. »Bis heute ist dir das doch nicht eingefallen, nun mit einemmal. Dieser verdammte Mensch, der Doktor, das haben wir von seiner Untersucherei.«

»Ja, mit dem Hals. -- Papa ist auch daran gestorben,« sagte Olly eigentümlich kühl.

»Na, und da meinst du, weil du ein bisserl Halsschmerz hast, es geht auch gleich zu Ende. Du kleiner Narr.« Er tätschelte ihr die Wange; aber es war ihm nicht behaglich zu Mute. »Ist es dir denn sehr schlecht?« fragte er.

»Nein, nur so angst.«

»Unsinn.«

»Mimm, ob du eine Ahnung hast, was mir meine Arbeit ist?« fragte sie.

»Das dächt' ich, müßt' ich wissen, du.«

»Du weißt nichts. Ich möchte noch ein paar Jahre leben.«

»Na, das wirst du ja doch auch,« lachte er.

»Hast du gehört, was Köppert von mir sagt?«

»Das läßt dich nicht schlafen, du Eitelkeit?«

»Nein,« sagte sie.

»Schäm dich.«

»Wenn ich einmal berühmt bin, werd' ich unendlich geduldig sein -- aber bis dahin --«

»Werden wir rangieren,« fügte Gastelmeier hinzu.

»Was meinst du damit?«

»Gar nichts.«

»Ach, Mimm!«

»Geh, schlaf nun.« Er wollte sich wieder aufmachen, in sein Zimmer zu gehen.

»Bleib noch,« bat Olly angstvoll.

»Was ist denn nur?« fragte er. »Das kannst du mir ja, dächt' ich, alles morgen sagen.«

Wieder sah er Thränen über ihre Wangen rollen. Er war zu barsch gewesen. Aber das mußte sie sich abgewöhnen. Wahrhaftig, er kam sich wie eine Kindermuhme vor. Das war nichts für ihn. Nachts auch so eine Wirtschaft, und wenn er sich nicht etwas auf die Hinterbeine stellte, gewöhnt sie sich womöglich diese nächtlichen Unterhaltungen an. »Also schlaf jetzt,« sagte er kurz.

»Mimm, weißt du noch, als du mir damals in den Wagen halfst, war deine kleine dicke Pfote so sanft und sorgsam. Lach' mich nicht aus; -- aber damals hast du eigentlich mein Herz gewonnen.«

»So,« sagte Gastelmeier. Er wußte nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Er war riesig schläfrig. »Weißt du, Olly, das ist wirklich nur möglich in der allerersten Verliebtheit.«

»Schade,« sagte sie, »es war so hübsch. Sag wenigstens noch etwas Gutes.«

»Na, was denn?«

»Irgend etwas. Sag, daß alles gut wird.«

»Na ja, es ist ja schon alles gut.« Er klopfte ihr auf die Wange und wollte nun endlich gehen.

»Laß das Licht hier brennen,« bat sie ihn.

»Mach's aber aus, Olly, vergiß nicht.«

»Ich vergeß nicht. Morgen möcht' ich aber ein Nachtlicht haben.«

»Dann besorg's dir, mein Kind.« Damit schlürfte er ab. Sie hörte das Bett krachen, als er sich schwer und halb schon wieder im Schlaf hineinwarf. Sie aber stand auf und holte aus einem Schiebkasten, den sie behutsam aufzog, ein Spiegelchen und schaute mit blinzelnden Augen und geöffnetem Mund den armen Hals an, in dem das Fremde steckte. ›Damit geht's nicht,‹ dachte sie. ›Er hat ja auch ein Extraspiegelchen gehabt.‹

Matt und müde legte sie sich wieder und schaute ins Licht -- und wagte nicht, es zu löschen, weil sie sich vor der Dunkelheit fürchtete und vor neuer Angst und Qual.

Aber endlich wurden die Augen wieder schwer, das Unbehagen dumpfer. Sie löschte das Licht mit den Fingerspitzen, um sich nicht bewegen zu müssen und schlief ein, so schnell, daß der uralte Vogel, der die schlaflosen Kranken nachts besucht und ängstigt, nicht Zeit hatte, sich auf sie niederzulassen.

* * * * *

Am andern Morgen kleidete sie sich hastig an und blieb den ganzen Vormittag stumm über ihrer Arbeit. Sie arbeitete mit heißen Wangen und feuchter Stirn. Ihre Hand war nicht sicher, sie zitterte, und es machte ihr Mühe, die Palette zu halten. Das war die ganze letzte Zeit schon so gewesen, heute aber war es bedeutungsvoller als sonst. Sie fühlte es mehr, sie war darauf aufmerksam gemacht worden. Dennoch arbeitete sie anhaltender als sonst. Es war aber kein frohes Arbeiten wie früher, sondern ein Kampf gegen einen Riesen, der unsichtbar, wie im grauen Nebel steckte, dessen Faust aber schwer auf ihr lag.

Sie hatte seit ihrer Krankheit schon öfters während des Malens eine sonderbare Schwäche gefühlt. Die Haut wurde feucht, wie übergossen. Jeder Lufthauch machte sie dann erschauern, durch das geschlossene Atelierfenster schien ihr ein eisiger Zug zu dringen. Und sie hatte sich nicht anders helfen können, als damit, daß sie sich umzog und hastig einfeuerte. Heute kam es wieder schlimmer als je. Die Arbeitswut und der Eifer aber, der sie gepackt hatte, war stärker als alles. Sie stemmte sich gegen die Schwäche, gegen die feuchte Kälte. Sie fühlte bei jeder Bewegung, wie ihr das Leinen an der Haut klebte. Das Haar lag ihr auch feucht auf der Stirn; aber sie hielt nicht inne, biß die Zähne aufeinander und arbeitete weiter.

Und während sie arbeitete, hörte sie Köppert sprechen, so deutlich, als wäre er im Zimmer. Er sprach von ihrer Arbeit. Er lobte, er sagte alles noch einmal, was er ihr schon gesagt hatte. Das Bild hatte ihm gefallen. Die Haltung des Mädchens hielt er für vollkommen gut, die sprach aus, was sie aussprechen sollte: das Dumpfe, das Müd-gearbeitete, das Ausruhen, das Menschliche, das Einfache. Er hatte es ganz verstanden.

Und wie sie das Menschliche, das Einfache, das Tiefwahre liebte! Mit welcher Leidenschaftlichkeit, mit welchem Jubel gab sie es wieder! Und mit welchem Jubel fühlte sie sich verstanden, -- und von dem verstanden, der ihr der Meister war, der sie durch seine Werke diesen tiefinnerlichen Weg hatte finden lassen!

»So redet doch von Schönheit, redet doch und sucht sie über den Menschen und über den Wolken und stolpert darüber. Und überall ist sie -- und so rührend und so geheimnisvoll, so ganz fürs Herz! -- Ja man sieht einen Menschen und denkt gar nichts dabei. Von dem, was schön ist, ist er weit entfernt. Und mit einemmal, wenn man sich in ihn hineindenkt, ist er so schön, so unnachahmlich, so voller Ausdruck, so ganz Mensch, ganz Geschichte seines Daseins.«

So hatte er gesprochen. Und sie dachte jedes seiner Worte wieder zu erhaschen. Sie tauchten vor ihr auf wie die frühen Sterne am dämmerigen Abendhimmel, ein Stern nach dem andern. -- Einer -- dann noch einer, dann wieder einer. Und mehr und mehr. Den Worten nachjagen, die ein Mensch gesprochen, mit einer Wonne nachjagen, daß ihrer keins verloren ging -- ja, das war Leben. Und zum allererstenmal!

Hatte sie sich je aus innigstem Bedürfnis ein Wort zurückgerufen, das irgend ein Mensch gesprochen? Nie. Und jetzt mit welcher Lust, welcher Tollheit, als wenn es Perlen wären, die ihr davonrollen wollten. Und sie wurde nicht müde und arbeitete dabei mit einer Hast, einer Inbrunst, einem Jubel. -- Wie unheimlich! Es rann ihr über die Stirn ein Tropfen an der Schläfe herab, so, als wäre sie in Sommerhitze einen Berg hinaufgeklommen -- und es war Winter, und im Atelier war's kühl. Das innere Feuer ließ nach, und wie ein krankes Kind, das vom Spiel ermüdet ist, legte sie sich nieder, das Gesicht in die Arme vergraben.

»Soll ich gehen?« fragte das Modell.

»Nein, bleiben.« Und es dauert nicht lange, da war sie wieder an der Arbeit, hatte sich aber ein dickes Tuch umgelegt und es wie eine Kapuze über den Kopf gezogen.

Am Nachmittag kam Köppert wieder. Er traf sie noch bei der Arbeit. Sie hatte sie nur unterbrochen, um hastig zu Mittag zu essen.

»Nun, gottlob!« sagte Gastelmeier, »nun wird ja wohl endlich Ruhe werden.« Und es wurde Ruhe. Köppert bestand darauf, daß Olly sich auf das Sofa legte, und er und Gastelmeier setzten sich zu ihr.

Wie sie geborgen war, und wie in einer Festfreude! Das Glück kam wahr und wahrhaftig!

»Deine Frau ist zu fleißig, Gastelmeier.«

»Jawohl,« sagte der arme, geprüfte Ehemann. »Da ist eine Lokomotive eher aufzuhalten, als so ein Frauenzimmer. Das versuch mal einer.«

»Was -- soll denn so ein Hühnchen, so schwer --«

»I wo, Hühnchen,« unterbrach ihn Gastelmeier. »Nein, wahrhaftig, Köppert, red' gefälligst von den Frauenzimmern gar nicht mit. Wart' erst!«

»O du!« sagte Olly zu ihrem Mann, »was weißt denn du, kleiner Mimm.«

»Ich? na, weißt du, Olly -- reden wir nicht davon.«

»Ich weiß, ich bin eine ungemütliche Person,« sagte Olly, und strich Mimm über den Rockärmel. »Mimm müßte eine ganz andre haben, er ist so gemütlich. -- Herrgott und daß ich jetzt krank bin! Weshalb hat mich das nun gerad' getroffen, gerad' jetzt!«

»Sagen Sie 'mal,« fragte Köppert, »haben Sie jemals gehört, daß einer sagt, wenn etwas Gutes kommt: Herrgott, weshalb trifft mich's gerade? Haben Sie das?«

»Nein,« sagte Olly, »nie!«

»Aber wenn etwas Böses kommt sagt's jeder -- Weshalb trifft mich's nun gerade? Verstehen Sie? ich meine -- --«

»Das wär' so eine Frage für deine Mama, Olly,« warf Gastelmeier dazwischen, »die würde disputieren, Herr, du meine Güte, ich hör' sie ordentlich: Kant sagt -- und so weiter.«

»Gut, daß niemand da ist, verzeihen Sie, jemand, der nichts andres weiß, als: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter. -- Zum aus der Haut fahren! Zum Beispiel, Kant ist einfach ein Julklapp, man muß ihn nur kennen, diesen Menschen,« sagte Köppert.

»Oho!« sagte Gastelmeier, etwas von oben herab. Er kannte seinen Goethe, wie wir wissen, und von Schopenhauer wußte er, wie alle gebildeten Leute, daß er in einem Kapitel riesig über die Weiber losgezogen war. »Wieso ist Kant ein Julklapp? Weißt du, Köppert, es giebt Dinge, an die wagt man sich meines Dafürhaltens nicht so ohne weiteres heran.«

»Möcht' wissen, weshalb nicht, Kant ist und bleibt ein Julklapp, da hilft ihm gar nichts. Jeder halbwegs Vernünftige muß das einsehen.«

»Wissen Sie,« wendete er sich an Olly, die nicht recht verstand, was er mit dem Wort sagen wollte, »die Weihnachtsgeschichte? -- Julklapp -- das ist ein Gebrauch so im Norden droben -- irgendwo. Es wird eine große Kiste zum Fenster hereingeschoben, die wird mit unsinniger Müh' aufgemacht, da ist ein Sack in der Kiste, und in dem Sack wieder ein Sack, und in dem Sack wieder ein Sack -- und so fort bis in die Unendlichkeit; -- und im letzten Sack ist ein Bündel, und in dem Bündel wieder ein Bündel, und im letzten Bündel Lappen, und in den Lappen Papiere, und in den Papieren wieder Papiere, und in den Papieren eine Schachtel, und in der Schachtel Schachteln, immer eine kleiner als die andre, und in dem allerallerletzten Schächtelchen: Na? -- was ist da drinn gefälligst? Gar nichts -- so ein Zettelchen, und da steht was drauf -- und man denkt Gott weiß was -- und was ist's? -- ›Grüß Gott!‹ -- so etwas, was jeder schon weiß. -- So ist Kant, genau so. Kennen Sie Kant?«

»Nein« sagte Olly und lachte.

»Na also? Es ist mein voller Ernst. Wenn ich nur von den sogenannten großen Tieren nichts mehr zu hören brauchte! Die verdummen schließlich mit ihrem bißchen Weisheit die ganze Welt. Kein Mensch denkt mehr, sondern jeder sagt: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter -- die reine Pest! Die paar Firmenschilder, die sich die Menschheit angeheftet, damit soll der ganze Sums gemacht sein. Die sollen alles thun -- und zum Dahinterverkriechen sind sie auch famos. Schade, daß ihr keine Freßgenies gehabt habt, die Jahrtausende vordem euch schon alles vorgekaut haben. Das möcht' euch passen? He? Proste Mahlzeit, die würde gefälligst niemand zitieren. Selber essen macht fett.«

»Gewiß,« sagte Olly lachend.