Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten

Part 9

Chapter 91,595 wordsPublic domain

Anderl griff hastiger nach seinem Gewehr; der Bergstock rutschte aus und stieß mit der eisernen Spitze an einen Stein.

Wie vom Blitz getroffen blieb der vorderste Wilderer stehen und sah herüber; die zwei Jäger rührten sich nicht. Da ging er weiter, und die anderen folgten.

Sprengelsperger und Anderl standen auf, jeder die Büchse im Anschlag.

Und der Alte schrie:

»Halt oder i schiaß!«

Teufel! Wie es die Tiroler zusammenriß! Wie sie hinuntersprangen! Und drunten erst eine wilde Jagd! Die einen geradeaus, die andern den Graben hinauf.

Anderl ließ die Büchse sinken. Sollte er schießen? Er schaute den Sprengelsperger an. Der stand im Anschlage und zielte. Da blitzte es auf, und einer von den Lumpen stürzte im Feuer zusammen.

Sprengelsperger setzte ruhig ab und sagte: »Den hat's g'wiß. Grad am Rucksackbutzen is ma da Schuß brochen. Warum hast denn Du net g'schossen?«

»Ja, i ho ma denkt ... i woaß net, weil s' davo g'loffen san.«

»Waar net schad' g'wen, bal no oaner hi g'wen waar. Aber jetzt is a so aa recht,« sagte der Alte, und keine Miene an ihm verriet Erregung.

»Soll'n ma net abi zu dem Kerl?« fragte Anderl.

»Freili! Daß oaner aus'n Dickat rausschiaßt auf ins! Na, mei Liaba, den laß ma flacken; weh tuat eahm aa so nix mehr. Mir gengan z'ruck. I muaß auf d' Buachwieser Alm, wia's Dei Vata o'gschafft hat, und Du muaßt glei hoam und auf Garmisch eini schicken, daß a Kommission kimmt.«

»Ja, i kunnt aa 'r auf d' Buachwieser Alm, balst Du vielleicht liaba hoamgangst,« erwiderte Anderl.

»I dank Dir recht schö, aba so is g'scheiter; Dei Muatta werd a so a bissel Angst hamm und is froh, bal s' Di siecht. Und i möcht Dein Vata die Meldung glei selm macha,« sagte der Alte.

Sie kehrten um und gingen in guter Deckung zurück.

Nach einiger Zeit trennten sie sich; Anderl ging bergab gegen Griesen zu.

Der Sprengelsperger sah ihm nach und stopfte sich eine Pfeife.

»Auf da Buachwieser Alm muaß er was hamm,« brummte er, »heut nacht moan i, is er aa drent g'wen.«

Er stieg langsam bergauf, und seine Gedanken wandten sich dem letzten Vorfalle zu.

Aber es waren nicht etwa Gewissensbisse, die sich in ihm regten. Er war durchaus zufrieden damit, daß einer von den dreimal verdammten Spitzbuben ins Gras gebissen hatte; er hätte es jetzt nicht anders gemacht.

Er überlegte nur, ob nicht etwa die Herren vom Gericht sich über den Schuß Gedanken machen würden, weil der Lump von hinten geschossen war.

Aber es konnte nicht schief gehen.

Wenn vier beinander sind, kann man nicht warten, bis sie in Sicherheit sind und dann vielleicht den Stiel umkehren.

Und nicht einer hatte das Gewehr weggeworfen.

»Feit si nix,« sagte der Sprengelsperger und ging auf die Buchwieser Alm zu.

Es war noch früh, aber die Sennerin war schon auf.

Als der Alte sie sah, stieß er einen leisen Pfiff aus und drückte das linke Auge zu.

»Dös is ja de, wo ma gestern g'sehg'n hamm. Aha! Jetzt woaß i, wo der Schlauberger g'wen is.«

»Grüaß Di Good, Sennerin!« sagte er laut.

»Grüaß Di Good, Jaga! Wo kimmst denn Du scho so zeiti her?«

»Vo da Pürsch halt. Magst ma koa Milisuppen kocha?«

»Jo. Hock Di eina!«

Sprengelsperger trat ein und sah zu, wie das rüstige Frauenzimmer am Herd hantierte.

»Saggera Hosenzwickel,« dachte er, »der Anderl is no lang net der Dümmst'. De hat Holz bei da Hütten!«

Die Sennerin drehte sich um und fragte:

»Gel, Du bist vo Griesen?«

»Ja.«

»Habt's ös mit de Schützen was z'toa g'habt?«

»Wer 'ös'?«

»No, Du halt, und .. der Anderl.«

»Der Anderl? Der is ja gar net do. Der is, glaab i, am Sunkenberg hint.«

»Na, der is da heroben!«

»So? Da woaß i gar nix. Hast'n denn Du g'sehg'n, Madel?«

»Ja,« gab sie zögernd zur Antwort, »vo weiten hon i 'n geh sehg'n.«

»Vo weiten host 'n g'sehg'n?« fragte er und verzog keine Miene dabei, »no, wenn a herob'n is, wer' i 'n vielleicht treffa. Soll i eahm was ausrichten?«

»Na. I hab bloß g'moant, ös seid's mit Schützen z'sammkemma.«

»Mit die Schützen hamm mir 's ganze Jahr nix z'toa,« erwiderte Sprengelsperger treuherzig. »De Lumpen kemma Gott sei Dank net zu uns eina.«

»I hab aber bei der Nacht schiaßen hören.«

»Dös hat Di höchstens täuscht. Oder es san Leut g'wen, de an Feiertag no a wengl o'g'schossen hamm. Aba koane Lumpen hamm mir net do herin.«

Die Sennerin fragte nicht weiter und stellte einen Weidling warme Milch auf den Tisch.

Sprengelsperger schnitt sich Brot hinein und aß.

Hie und da blinzelte er vergnügt auf das Weibsbild hinüber, welches am Herde arbeitete.

»Mei liaba Anderl,« dachte er, »auf de Spur bin i Dir schnell kemma. Dös muaß i Dir amol unter d' Nasen reib'n.«

Er blieb noch eine Weile, bis er den Förster über die Wiese herüberkommen sah. Da stand er auf und nahm kurzen Abschied. Unter der Türe blieb er stehen und sagte: »Du, Madel, balst an Anderl wieder amol vo weiten siechst, nacha kochst eahm an Schmarren auf. Den ißt er oamal z'gern.«

Draußen ging er auf Hohenreiner zu und grüßte ihn. Dabei blinzelte er mit den Augen; der Förster kehrte um, und sie schritten ruhig und unauffällig nebeneinander her.

»Was is, Lenz?«

»Oan hat's scho g'rissen.«

»Wo is der Anderl?«

»Hoam, daß er d' Kommission in Garmisch b'stellt.«

»Hast Du g'schossen?«

»Ja.«

»Hast 'n g'scheit aufi brennt?«

»Sell wohl. Im Scharer Graben flackt a.«

Er erzählte den Hergang.

Hohenreiner hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sparte nicht mit seinem Beifalle.

Als Sprengelsperger fertig war, fragte er ihn:

»Woaßt g'wiß, daß der Kerl hin is?«

»Ja freili woaß i's. I hab's gnau gnua g'sehg'n.«

»Na laß' ma'n liegen und gengan abi. I bin aa de ganz Nacht auf g'wen, und morg'n hamm ma de Lauferei mit der Kommission. Da is g'rad recht, wenn man a wengl schlafen könna.«

* * * * *

Den andern Tag kam die Kommission nach Griesen; der Herr Oberförster Hofer, der Herr Landrichter Weiß, der Herr Bezirksarzt Steiger und ein Gerichtsschreiber. Sprengelsperger und Anderl wurden sogleich in der Wohnstube des Forsthauses vernommen. Beide sagten, daß sie überzeugt seien, die vier Wilderer hätten nur Deckung gesucht, um dann auf sie zu schießen. Keiner hätte das Gewehr weggeworfen oder sei auf den Anruf stehen geblieben.

Der Landrichter nahm ihre Aussagen mit Wohlwollen auf und sagte, daß er ihre Befürchtungen ganz begründet fände.

Außerdem sei ihm vom Herrn Oberförster der Sprengelsperger als sehr ruhiger und pflichttreuer Mann geschildert worden, der gewiß seine Befugnisse niemals überschreiten würde.

Soweit war es gut gegangen, und der alte Lenz rauchte nach der Vernehmung seine Pfeife mit größerem Behagen als den Abend vorher.

Die Herren von der Kommission frühstückten und machten sich dann unter Führung des Hohenreiner sowie des Anderl und Sprengelsperger auf den Weg zum Tatorte. Außerdem nahm man zwei Holzknechte zur Bergung der Leiche mit.

Auf Ersuchen des Herrn Landrichters, welcher an einer Herzverfettung litt, wurde der Aufstieg zum Scharer Graben langsam gemacht; endlich kam man an, und Sprengelsperger bezeichnete zuerst die Stelle, an welcher er geschossen hatte.

Man sah die Leiche unten im Graben liegen.

Der Landrichter erklärte, daß er die Stellung des Toten auch von oben mit genügender Sicherheit konstatiert habe, und daß er es für überflüssig halte, selbst hinunterzusteigen.

Dies sollte der Herr Bezirksarzt in Begleitung Sprengelspergers tun.

Die beiden schritten abwärts und näherten sich dem Toten.

Aber was war das?

Da lag der Wilderer, just so, wie er hingefallen war, doch der Kopf fehlte.

Der Kopf war kurzweg abgeschnitten.

Ein grausiger Anblick.

Der Bezirksarzt untersuchte die Leiche; er fand keine Wunde. Die Kugel mußte durch den Kopf gedrungen sein, wenn sie den Toten überhaupt getroffen hatte.

Auf die sonderbare Meldung hin erklärte der Herr Landrichter, daß die Untersuchung damit beendigt sei; man könne nur feststellen, daß der Rumpf einer männlichen Leiche gefunden worden sei. Trotz genauester Visitation derselben habe sich über die Herkunft nicht das geringste ergeben; ebensowenig könnte die Todesursache festgestellt werden.

Die Holzknechte erhielten den Auftrag, den verstümmelten Rumpf einzuscharren, und die Kommission begab sich mit den Forstleuten nach Griesen.

Man machte in der damaligen Zeit nicht viele Umstände.

* * * * *

Nun will ich allen gläubigen Christen sagen, daß sie nicht Angst haben sollen um das Seelenheil des Josef Gfeiler, weil sein Körper in ungeweihter Erde begraben liegt.

Ein jeder Tiroler weiß, und die anderen Leute sollen es erfahren, daß die Seele des Menschen im Kopfe wohnt.

Darum ging der fromme Jakob Holzweber zur Nachtzeit mit Peter Hosp in den Graben zurück, und darum trennten sie dem toten Kameraden das Haupt vom Leibe und brachten es heim nach Biberwiehr.

Hier legten sie eine schwarzgekleidete Strohpuppe in den Sarg und setzten den Kopf darüber.

Alle teilnehmenden Freunde und Verwandten glaubten, daß sie die sterbliche Hülle des so plötzlich verunglückten Josef Gfeiler vor sich hätten, und verrichteten die gebräuchliche Andacht vor der Leiche.

Am Sonntage nach Fronleichnam war das Begräbnis.

Und als der Pfarrer die Trauerversammlung aufforderte, ein Vaterunser für den Abgestorbenen zu beten, da tat es der Herr Schreinermeister Holzweber mit einer solchen Inbrunst, daß es allen Gläubigen zum erhebenden Beispiele gereichte.

Inhalt

Seite

Der Postsekretär im Himmel 5

Die Hinterseer 27

Peter Spanningers Liebesabenteuer 39

Der Kohlenwagen 83

Auf Reisen 93

Auf der Elektrischen 111

Der Klient 129

Die Familie in Italien 141

Die Interviewer 161

Die Halsenbuben 173

Schneehendlpfeifen 197

Die Wilderer 215

FUSSNOTEN

[A] Pürschmann, ein Hundename.

[B] Schelte.

Anmerkungen zur Transkription

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