Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten
Part 8
Was wollte jetzt noch ein Wilderer tun? Auf fünf Schritte hätte man nicht schießen können. Er visierte gegen das Stück hin; das Korn war nicht mehr zu sehen. Da wurde er ungeduldig, und so leise auch das Geräusch war, im Augenblicke hatte das Tier es vernommen, warf den Grind auf und setzte in den Wald zurück.
»Geh zu'n Teufi!« brummte der Anderl mißmutig.
Himmelseiten, war das langweilig! Gibt's ja gar nicht, daß Lumpen kommen. Und der Sprengelsperger wollte auf das Mondlicht warten, also noch zwei Stunden. Zu was denn da heraußen?
Das könnte man doch leichter auf der Hütte. In einer Viertelstunde wäre man drüben, und wenn ein Schuß fiel, den hörte man dort auch. Und von der Hütte wären es nicht mehr wie tausend Schritte zur Buchwieser Alm. Und wie das Mensch sauber gestellt war! Und das Lachen. Die hielt die Türe nicht zu, wenn er klopfte. Der Anderl zog wieder die Uhr heraus.
Ah was! Vor zwei, drei Stunden rührt sich nichts. Und derweil war er lang zurück; eine Viertelstund hin, eine Viertelstund her. Und dann war es mondlicht und viel besser zum Passen als jetzt.
Er stand auf und rückte den Hut von einem Ohr auf das andere. Dann blickte er gegen die Stelle hin, wo der Sprengelsperger paßte; achthundert Schritt weiter oben.
Der bleibt hocken, und wenn es drei Tage dauert. Eigentlich sollte er auch ... Aber was liegt daran!
Und rasch, damit ihn der Entschluß nicht reute, machte sich der Anderl auf den Weg.
Mit langen Schritten ging es bergauf, viel schneller als sonst; durch das Hochholz und über die Almwiese.
Da lag die Hütte im Dunkeln.
Die Läden waren geschlossen, und nichts war zu hören.
Der Anderl stolperte über ein Holzscheit und trat in eine Pfütze.
Er hatte es eilig.
Ein leiser Pfiff.
»Deanei!«
Nichts rührte sich.
»Deanei, mach auf! I bin's!«
Und wieder ein Pfiff.
Dann wartete der Anderl und horchte gespannt hinauf.
Nichts.
Jetzt nahm er den Bergstock, langte in die Höhe und klopfte an den Laden.
Es dauerte eine Weile, dann hörte man ein Geräusch.
Der Laden kreischte in den Angeln, und eine weibliche Stimme fragte:
»Was is?«
»I bin's, der Anderl.«
»Ja, was willst denn Du no um de Zeit?«
»Geh, frag net lang! Hoamgarten möcht i.«
»Hoamgarten? Jetzt no? Zu was denn?«
»A so, halt!«
»I hon aba Schlaf, schaug! Und morgen muaß i beizeiten außa.«
»Dös macht ja nix. I halt Di net lang auf. Grad a bissei dischkrier'n möcht i mit Dir.«
»Dös könna ma ja so aa.«
»So is nix, Deandl. Da muaß ma beinand hocka.«
»Ja freili!«
»Herrgottsakrament! Geh, tua net so lang umanand und laß mi eini! Du hast ma's ja vasprocha.«
»Dös hab i Dir net vasprocha.«
»No, balst net willst, nacha konn i aa nix macha. I ho ma denkt, Du bist a Madl, de wo ihr Wort halt. Balst Du a solchene bist, und 's Wort brichst, dös hätt' i net glaabt vo Dir. Dös is net schö.«
»I hob Dir gar nix vasprocha.«
»Jo! G'wiß is wahr. Deandl, i tat's net sag'n, bal's net a so waar. Lüag'n, dös gibt's net bei mir. Durchaus net. Da kennst mi schlecht.«
»Ja, und wann i Di einalaß, nacha woaß i's scho.«
»I tua Dir nix; g'wiß net. I rühr Di net o.«
»Is dös wahr?«
»No, wann i's amol sag.«
»Nacha wart a bissei, i kimm glei oba.«
»Is scho recht. Tummel Di a wengl, Deanei.«
Die Sennerin trat vom Fenster zurück, und der Anderl schob den Hut in den Nacken und pfiff leise vor sich hin.
»I hab mir's do glei denkt.«
Jetzt wurde die Türe zögernd geöffnet; Anderl half nach und schlang eine Minute später seinen Arm um das vollbusige Frauenzimmer.
»O'schaug'n derfst mi net, Anderl! I hab grad an Unterkittel o.«
»Na, na! I schaug di net o. Geh' ma'r aufi; daherunten kunnt's da z'kalt sei, und droben, da könna ma leichter dischkrieren.«
Sie stiegen die hölzerne Stiege hinauf und es war oben leichter zu diskurieren.
Die Stunden vergingen.
Volles Mondlicht lag auf den Bergwiesen; auch in die Kammer der Sennerin stahlen sich die hellen Strahlen.
Aber die zwei achteten nicht darauf.
»Magst mei Schatz bleib'n, Anderl?«
»Freili mag i.«
»Ja, dös sagst jetzt, und morgen denkst nimma dro.«
»Wia ko'st dös glaab'n, Deandl?«
»Oes Jaga seid's alle so.«
»De andern vielleicht; aba i net.«
»Kimmst nacha oft zu mir aufa?«
»So oft als 's geht. Am liabsten jeden Tag.«
Sie schwiegen wieder.
Draußen rauschte der Brunnen; sonst tiefe Stille.
Auch der Bergwind hatte ausgesetzt, und schweigend stand der Wald wie eine dunkle Mauer hinter den hell beleuchteten Matten.
Da!
Ein scharfer Knall und rollender Donner die Berge entlang.
»Herrgottsackerament! A Schuß! Dös war a Schuß!«
Im Nu stand Anderl auf den Füßen.
»Wo is mei Büchs? Wo hab' i's denn?«
Das Mädel richtete sich erschrocken auf.
»Was hast denn?«
»Hast as net g'hört, g'schossen hat's. Und i bin do herin! Mei Büchs will i.«
»De hast ja drunt lassen.«
»Nacha muaß i abi! Wo is denn d'Stiag'n? G'schwind, sag i!«
»Oho! Pressiert's denn gar a so? Sagst ma net amal pfüat Good?«
»I ho koa Zeit. An andersmal.«
Rasch war er unten, riß die Türe auf und faßte nach dem Gewehr.
Dann eilte er in mächtigen Sprüngen über die Wiese, so schnell es ging, in das Hochholz.
Im Dunkeln ging es weiter; immer bergab.
Dort stand die Fichte, unter der er gesessen war.
Aber es war nicht ratsam, über die freie Wiese zu laufen. In dem Lichte konnte er weithin gesehen werden. Von den Lumpen, oder auch vom alten Sprengelsperger.
Und der sollte es doch nicht wissen, daß er vom Posten gegangen war, wegen dem Weibsbild.
Er umging den Platz und pürschte von unten im Schatten herauf.
Da rührte sich etwas neben dem Baume. Der Anderl stutzte einen Augenblick und schlich näher.
Das war ja der Pürschei! Und der Sprengelsperger stand unter der Fichte.
Der Alte sagte mit leiser Stimme: »Jetzt kimmst daher? Wo warst denn Du?«
»I bin a bissei da abi pürscht,« antwortete Anderl.
»Pst! Staad sei! Hast den Schuß net g'hört?«
»Freili, deswegen bin i glei wieder aufa.«
Der Alte sah den Anderl prüfend an; er glaubte ihm die Ausrede nicht, aber es war nicht Zeit, darüber zu reden.
»Der Schuß is am Buachwieser Eck g'fallen. Mir müassen umi. Wenn'st net wegg'laffen warst, kunnt'n ma scho bald drent sei.«
* * * * *
Hälftewegs zwischen Ehrwald und Griesen liegt die Schanz; ein gutes Wirtshaus, bei dem alle Fuhrleute anhalten. Es war daher nichts Auffallendes, daß der Schreinermeister Holzweber den Feiertag benützte, um dort einen Schoppen Landwein zu trinken. Er saß im Freien mit anderen Honoratioren aus Ehrwald, redete anständig und gesetzt von allerlei Dingen und lobte auch den schönen Abend.
Zwischenhinein fragte er seinen Nachbar: »Du, Seppel, wer isch der selle Grenzaufseher, der dort sitzt?«
»Der? Des ischt ein neuer; Redenbacher oder so heißt 'r. Er ischt no nit lang in Griesen.«
»So? I han mir's denkt, daß er neu ischt, weil i 'n no gar nie g'wahrt hab.«
Er sagte es recht gleichgültig und redete wieder von etwas anderem.
Nach kurzer Zeit meinte er, es sei nun spät geworden, und er wolle sich auf den Heimweg machen. Er bezahlte seine Zeche und ging gegen Ehrwald zu. Aber nur so lange, bis ihn eine Biegung des Weges den Blicken der Wirtshausgäste entzog. Da blieb er stehen und sah sich vorsichtig um. Als er weit und breit niemand sah, ging er von der Straße ab in den Wald hinein. Hinter einem Gebüsche machte er wieder Halt und hielt Ausschau.
Jetzt war er überzeugt, daß ihm niemand nachgegangen war; er schritt rüstig bergauf und kam bald an eine Waldlichtung, in deren Mitte eine alte Lärche stand.
Er hielt die Hand an den Mund und ahmte den Taubenruf nach. Von drüben kam Antwort, dreimal in langgezogenen Tönen, und Holzweber nickte befriedigt mit dem Kopfe.
Er trat in die Lichtung hinaus und stand gleich darauf bei seinen Kameraden Josef und Kaspar Gfeiler.
»So isch recht,« sagte er, »ihr seid's pünktlich g'west. Jetzt wart'n mir no auf'n Peter; der hat no mit dem Redenbacher z' reden.«
Es dauerte nicht lange, dann kam auch Peter Hosp und brachte Nachricht von dem Grenzaufseher.
»Also, die Jäger sein heut am Sunkerberg oder am Schell-Eck; alle drei.«
»Woher weiß der Redenbacher?« fragte Holzweber.
»Er hat's mit eigene Ohren g'hört, wie der Förschter mit'm Praxenthaler g'red't hat. Er hat woltern g'flucht über die Lumpen, weil s' ihm unter der roten Wand a Gambs g'schossen haben, und er vermeint, daß mir wiederkommen.«
»Vielleicht hat er's bloß g'sagt; i kann's nit recht glauben, daß alle drei dort sein.«
»Es isch a so, Jakele. Der Redenbacher hat guat achtgeben und hat g'wahrt, wie der Sprengelsperger und der jung Hohenreiner hinter sein. Er hat no a zwei Schtund g'wartet, bis der Förschter selber fort isch. Und er isch links nüber am Nudelwald; genau wie er's an Praxenthaler ang'sagt hat.«
Der Holzweber zweifelte noch immer.
»Der Förschter hat do nix g'merkt, daß ihm der Redenbacher abpaßt?« fragte er.
»Sell isch do gar nit menschenmöglich,« versicherte der Jakele eifrig, »der Redenbacher sagt, daß der Förschter ganz vertraut ischt mit ihm. Und nachher, er hat ja gar nit g'wußt, daß der Redenbacher alles hört; sell war grad unter'm Fenschter, und er hat no recht heimli g'redt mit'n Praxenthaler.«
»Und die zwei andere hat 'r auch g'sehen?«
»Ja; sie sein schnurgrad am Sunkenberg hinter; sie können nirgends anderscht hin sein.«
»Also guet!« sagte der Holzweber, »nachher probieren mir's heut am Miesing; i weiß an gueten Platz und find an Weg bei der Nacht. Mir müessen zwei Schtund gehen; es isch jetzt acht; bis zehn sein mir g'wiß dort. I schtell Euch an und geh hernach von hint aufer; da komm i mit'n schlechten Wind runter und mach di Hirsch geh'n. Ihr habt a leicht's Schiaßen; es isch a freie Wies da, und 's Mondlicht wird hell.«
»So isch guet, Jakele,« sagte Hosp.
»Und es werd uns scho wieder recht nausgeh,« fügte Kaspar hinzu, »i hab a Wallfahrt zur Muetter Gottes von Hinterriß verschprochen und der Pater Benno hat mir a g'weihtes Bild mitgeben; das hilft gegen Pulver und Blei. I trag's alleweil bei mir, wenn grad wirkli amal a Jager kemmen tät.«
So machten sie sich auf den Weg über den Scharberg gegen den Miesing zu.
Holzweber führte, denn er kannte alle Steige von Jugend auf und fand sich im Dunkeln zurecht.
Er ging schnurgerade auf die Stelle zu, wo er in einem hohlen Baume sein Gewehr versteckt hatte, und mit derselben Sicherheit fand er die Schießwaffen seiner Gefährten.
Er hatte die Schuhe ausgezogen und schlich wie eine Wildkatze durch den Bergwald; kaum einmal knackte ein dürrer Ast unter seinen Füßen.
Als sie nach ermüdender Wanderung ankamen, wiederholte er flüsternd seinen Plan und stellte jeden an seinen Platz.
»Schieß nit zu früh, Kaschper,« sagte er, »und tu g'nau, was i Dir sag. Wann Du nit folgst, kannst uns no alle ins Unglück bringen.«
Als die drei auf ihren Posten standen, pürschte er zurück.
Es war spät geworden.
Ueber dem Zimmerskopfe lag schon ein heller Schein und bald schob sich in majestätischer Ruhe die Scheibe des Mondes über die Felsen herauf.
Silbernes Licht fiel auf die Almwiese und schob die Dunkelheit zurück, immer weiter, bis sie an den hochragenden Fichten hängen blieb.
Und so still war es, wie in der Kirche; so still, daß der Gfeiler Kaspar schon von weitem den Hirsch trappen hörte und sich zum Schusse bereit machen konnte.
Auf zwei Zimmerlängen kam er ihm, blieb stehen und sicherte nach rückwärts.
Kaspar hatte das Gewehr an der Backe und zielte.
Es schießt sich verdammt schwer im Mondlicht. Einmal sieht man das Korn, einmal nicht.
Neben dem Hirsche glitzerte ein heller Fleck. Ein Wassertümpel.
Auf den zielte er und schaute sich das Visier zusammen; jetzt ein wenig höher und rechts fahren.
Das muß woltern das Wildbret sein.
Pum!
Dem Schützen gab es eine Ohrfeige, und der Hirsch brach zusammen; hob schwerfällig den Grind und brach wieder zusammen.
Da zeigte es sich, daß Kaspar ein dummer Kerl war, der im Eifer allemal die Lehren des Herrn Schreinermeister Holzweber vergaß.
In seiner Freude über den Schuß trat er auf die Wiese heraus und ging auf das verwundete Stück zu.
Er meinte wohl, das bleibe so liegen und er könnte es recht mit Vergnügen betrachten.
Aber wie ihn der Hirsch sah, nahm er die letzte Kraft zusammen, raffte sich auf und sprang in wilden Sätzen den Hang hinunter.
Im Augenblicke nahm ihn der Wald in seinen Schutz auf; man hörte Aeste krachen, Steine poltern; dann war es ruhig.
Da stand jetzt der Kaspar Gfeiler und schaute. Und wäre er nicht ein gottesfürchtiger Tiroler gewesen, hätte er wohl abscheulich geflucht. Sein Bruder und der Peter waren schnell bei ihm und sagten ihre Meinung ohne Ehrfurcht.
Was war jetzt zu machen?
Auf alle Fälle warten, bis der Jakele kam.
»Sell hascht wieder amol sauber angangen; a so a Malefizpatzerei! Der Hirsch hat unser g'hört, wenn D' no grad a Viertelstund auf'm Schtand blieben wärscht!«
Der Holzweber hatte sich leise herangepürscht.
»Was isch?«
»Der Kaschper hat ...«
»Nit so laut! Und geht von der Wies' weg! Ihr schtellt Euch grad ins Licht.«
Sie traten in den Schatten zurück, und Peter erzählte leise den Hergang.
»I kenn Di ja, Kaschper,« sagte Holzweber, »i weiß, wie D' as alleweil machscht! Sell weiß i ja schon lang. Nit acht geben, nit Zeit lassen!«
»Was tun mir jetzt, Jakele?« fragte Hosp.
»Ja, was tun mir jetzt? Des Allerbescht wär', mir geh'n heim.«
»Aber mir lassen do den Hirsch nit hint!« sagte Kaspar.
»Wärscht ihm halt völlig nachg'laufen; vielleicht hätt'scht ihn derwischt. Bei der Nacht können mir ihn doch nit suchen!«
»Weit kann er nit sein.«
»Weit oder nah, sell isch gleich. Mir können nix machen.«
Der Gfeiler Josef kam seinem Bruder zu Hilfe.
»I mein,« sagte er, »mir warten, bis es hell wird. In aller Früh können mir den Hirsch noch suachen.«
»Sell isch ganz g'fährlich,« erwiderte Holzweber, »wenn die Jäger den Schuß g'hört haben, gehen s' ihm nach, und mir laufen ihnen grad in d'Händ'.«
»Den Schuß haben sie nit g'hört; sie sein zu weit weg.«
»Sell weiß man nit.«
»Jakele, ganz leer sollen mir nit heim,« riet jetzt auch Hosp, »mir können noch bei der Dämmerung den Hirsch suachen. I sag, mir haben ihn schnell; aft brechen mir ihn auf und verschtecken ihn, und holen ihn morgen bei der Nacht.«
Holzweber gab nach, wenn auch mit Widerstreben. Er sagte immer wieder, daß solche Wagnisse zur Entdeckung führten, und daß ihn sein Vater oft und oft davor gewarnt habe, anders als bei Nacht zu wildern.
Seine Kameraden blieben fest, und er wußte, daß sie ohne seinen Beistand wenig ausrichten würden.
Zuletzt reizte ihn auch der erhoffe Gewinn, und er blieb bei den andern.
Sie gingen tiefer in das Holz hinein und warteten unter einer mächtigen Rottanne auf das Tagesgrauen.
Allmählich lichtete sich das dunkle Blau des Himmels, und die flimmernden Lichter erloschen. Ein Flüstern ging durch die Baumkronen, das stärker und stärker wurde und bald in volles Rauschen überging.
Ueber den Höhen tauchte der Morgenstern auf und zitterte heftig, als machte ihn der frische Bergwind frösteln.
Eine Amsel pfiff.
Da stand der Holzweber auf und sagte, es wäre so weit, daß man aufbrechen dürfte. Er schlich vorsichtig an den Waldrand vor und spähte über die Wiese hinaus.
Nichts regte sich.
Er wandte den Kopf und schaute die Felsen hinauf.
Ein Stein polterte herunter und fiel mit dumpfem Schlage auf. Der Holzweber blickte schärfer hin und gewahrte unter den Latschen einen hellgelben Fleck.
Eine Gambs.
Und er sah auch, wie sich hoch oben auf die Wände des Wettersteins ein leichter Schimmer legte, und wie sich der Schleier von den Felszacken löste und langsam heruntersenkte.
Es war Zeit!
Also auf!
Seine Kameraden waren gerne bereit, zu gehen. Der Kaspar hauchte in die Hände und steckte sie in die Hosentaschen; der Peter hob einen Fuß um den andern in die Höhe, und der Seppel machte es ihm nach.
Es war ein frischer Morgen, und aus dem feuchten Waldmoos stieg es kalt herauf.
»Mir bleiben beinander, und i geh voran,« sagte der Holzweber, »wo is der Hirsch nei?«
»Sell unten, wo der Wald das Eck macht,« erwiderte Kaspar.
»Aft ist er eh'nder wie nit in Scharer Graben rei,« entschied Holzweber und ging rüstig voraus.
Nach einiger Zeit blieb er stehen und deutete auf den Boden.
Richtig, da war eine Hirschfährte; und dort wieder.
Plötzlich kniete Holzweber nieder und bog mit der Hand einen Büschel Farrenkraut zurück.
Schwerer Tau lag auf den zierlichen Blättern, aber dazwischen tauchten rote Flecken auf, erst spärlich, dann reichlicher, und zuletzt zeigte Holzweber den andern schmunzelnd ein Blatt, das über und über mit Blut bespritzt war.
»Er hat woltern stark g'schweißt«, sagte er, »und muaß bald hergeh'n.«
Sie gingen weiter und kamen an einen langgestreckten Graben, der eine Tiefe von etwa hundert Schuh hatte.
Die ziemlich abschüssigen Wände waren mit Steinen bedeckt, zwischen denen der Huflattich seine Blätter ausbreitete.
Sie stiegen hinunter; Holzweber voran, die Blicke aufmerksam auf den Boden gerichtet.
Mit einem Mal fuhr er auf, blieb kerzengerade stehen und lauschte.
»Was hoscht denn?« fragte Kaspar, der ihm zunächst folgte.
»Pst!« machte Jakele und sah ängstlich auf die andere Seite des Grabens hinüber.
Was war das für ein Geräusch gewesen?
Ein klingender Ton; wie Eisen auf Stein. Als wenn einer mit dem Bergstocke aufstößt.
Es rührte sich nichts.
»Geh do amol zua!« drängte Kaspar, »es isch ja nix!«
Holzweber wollte es glauben; er warf noch einen scharfen Blick hinüber, dann stieg er weiter abwärts, fünf, sechs Schritte.
Aber er war unruhig geworden und schaute wieder zurück.
Rührte sich nicht ein Tannenboschen? Dort, wo das Jungholz an den Rand des Grabens heranging?
Und wohl rührte es sich; recht heftig mit einem Mal.
Ein alter Kerl stand drüben, mit blitzenden Augen, das Gewehr im Anschlag; und daneben noch einer.
Eine wütende Stimme.
»Halt! oder i schiaß!«
Das ging ans Leben.
In mächtigen Sätzen sprang Holzweber abwärts; die andern hinterdrein.
Jetzt waren sie unten.
Zwanzig Schritte entfernt stand eine Fichte; die erste Deckung.
Ohne Besinnen eilte Jakele darauf zu; dicht neben ihm Kaspar.
Die anderen zwei flüchteten aufwärts.
Ein Schuß krachte.
Der Gfeiler Sepp hörte ihn nicht mehr. Er fiel vorneüber auf das Gesicht, schlug mit den Armen ein paarmal um sich und blieb regungslos liegen.
* * * * *
Sprengelsperger und Anderl waren so schnell, als es die Vorsicht erlaubte, an das Buchwieser Eck geeilt und standen bald an der Waldwiese, auf welcher Kaspar den Hirsch geschossen hatte. Wären sie eine Viertelstunde früher angelangt, so hätten sie mit den Tirolern zusammentreffen müssen; jetzt war es zu spät.
»Am End' is da Schuß gar net da g'fallen,« sagte Anderl; »mir is a so fürkemma, als ob's weita weg g'wen waar. Es ko' Di halt täuscht ham, Lenz.«
»Na, na, mei Liaba,« erwiderte Sprengelsperger, »do gibt's koa Täuschung. Der Schuß is do g'wen, und es is aa gar net anderst mögli. De Lumpen könna beim Mondliacht bloß auf an freien Platz schiaßen; im Holz drin geht's net. Und von do bis zu da Kohlhütten hintri is koa Wiesen mehr. Also hamm s' do g'schossen. I ho's aa so deutli g'hört, daß koan Zweifi net gibt.«
»Nacha san ma z'spat kemma, Lenz.«
»Des sell woaß ma no net.«
»I moa do scho, wann d'Lumpen nimma da san.«
»Laß Da no Zeit, und red staader. De Spitzbuam könna vielleicht z'nachst do sei.«
»Oder aa net.«
»Oder aa net, des is richti. Jetzt laß mi aba a wengl b'sinna, was ma am g'scheitesten tean.«
Beide schwiegen und sahen auf die mondbeglänzte Wiese hinaus.
Nach einer Weile sagte Sprengelsperger:
»Anderl, jetzt woaß i's. Mir gengan in Scharergraben hintri.«
»Für was denn? Wann ma passen, nacha is do g'scheiter, mir bleib'n do, wo ma'r alles seh'gn könna, wenn si was rührt.«
»Na, sag i, dös hat gar koan Wert net,« erwiderte der Alte entschlossen. »De G'schicht is so. I glaab net, daß de Lumpen auf a Reh g'schossen hamm; da is eahna da Platz z'guat, weil s' an Hirsch aa leicht kriag'n. Bal's aba an Hirsch hamm, nachha san s' no net weit. Als a ganzer bringa s' 'n net hoam, den müassen s' allawei z'legen, und dös geht net so schnell, do könna ma'r eahna no leicht d'Reib o'lassen, und über'n Scharer Graben müassen s' kemma. De gengan do mit dem schwaren Wildpret an nächsten Weg und steig'n net z'erscht no a Stunden weit auf'n Berg aufi. Und z' fürchten hamm s' eahna herunt aa net mehra als wia drob'n. Bal's aba wirkli so waar, daß s' a Reh g'schossen hamm, nacha san s' no net hoam. Dös g'langt eahna net; do san s' no weita ins Revier eina. Und grad so is, wann s' vielleicht g'feit hamm; dös kunnt ja aa sei. Also i sag, über'n Scharer Graben kemman s' uns allawei, oder i müaßt schon gar nix vasteh.«
Der Anderl mußte ihm recht geben.
Sie gingen eine Strecke zurück, denn Sprengelsperger war der Ansicht, daß sie Zeit genug hätten, und daß sie einen größeren Umweg machen müßten, um ja nicht gehört zu werden.
Im weiten Bogen umgingen sie das Buchwieser Eck und kamen an den Scharer Graben. Schritt für Schritt stiegen sie abwärts und gaben wohl acht, daß sie nicht in das Mondlicht hinaus traten.
Als sie auf der gegenüberliegenden Seite die Höhe wieder erreicht hatten und den Graben entlang schlichen, rumpelte unter ihnen ein Wild auf und sprang weg.
Die Jäger blieben stehen und horchten.
Sie hörten die dumpfen Tritte; kurze Zeit, dann war es still.
»Es is net aufwärts,« flüsterte Sprengelsperger, »und muaß si scho wieder niederto hamm. Jetza moan i, kemma ma de Lumpen auf d'Spur.«
Sie pürschten vorwärts, so zweihundert Schritte.
Und wieder hörten sie deutlich, wie unten im Graben das Wild wegsprang.
»Jetzt is de G'schicht oafacher wor'n,« sagte Sprengelsperger, »des hamm de Lumpen o'gflickt. Jetz wissen ma's g'wiß.«
Er hatte recht. Es war der Hirsch, den Kaspar angeschossen hatte.
»Soll ma glei do bleiben?« fragte Anderl.
»Na, mir gengan an Büchsenschuß weiter z'ruck, bis zu'n Jungholz. Da hamm ma'r a guate Deckung.«
»Moanst, daß s' ins kemman?«
»G'wiß aa no. De Tropfen suachen des Stückl, und bal s' auf der Spur nachgengan, lassen s' ins schnurgrad ani.«
Sie versteckten sich im Dickicht und saßen hart am Rande des Grabens auf Baumstöcken. Von ihrem Platz aus hatten sie einen guten Ausblick nach links und rechts; sie selbst waren durch ein paar junge Fichten gedeckt.
Sie horchten schweigend in die Nacht hinaus; hie und da ertönte der klagende Ruf einer Eule; sonst war nichts zu hören, als der tiefe Atemzug des Waldes.
Anderl kämpfte mit dem Schlafe; er war am frühen Morgen zur Pürsche hinaus, war den ganzen Tag herumgelaufen, und hatte obendrein seinen Besuch auf der Buchwieser Alm gemacht.
Jetzt packte ihn die Müdigkeit, und so oft er sich auch zusammenriß, der Kopf sank immer tiefer herunter, und die Augen fielen ihm zu.
Und dann sah er freundliche Bilder.
Den Sechserbock im Frühlicht, der stattlich über die Schneise herüberwechselte; ein kapitaler Kerl.
Und das Weibsbild mit den lustigen Augen. Wie sie den Riegel zurückschob und gleich so vertraut war.
»Jetzt muaßt aba mei Schatz wer'n, Anderl, gelt?«
Und eine Hand faßte nach der seinen; er wollte sie zärtlich drücken.
Aber das waren harte, knochige Finger. Er fuhr auf und sah den Sprengelsperger neben sich, der ihn geweckt hatte.
Der Morgen brach an.
Anderl setzte sich gerade und rieb sich die Augen. Er wollte in seiner Verlegenheit etwas sagen, aber bei der ersten Silbe warf ihm der Alte einen grimmigen Blick zu und legte den Finger auf den Mund.
Dann beugte er sich vor und horchte.
Kam jemand?
Nein.
Und doch!
Da krachte wieder ein dürrer Ast; eine Krähe flatterte auf und flog kreischend davon.
Und drüben trat ein Mensch aus dem Hochholze heraus, ein Gewehr in der linken Hand, vorsichtig nach allen Seiten hinspähend.
Hinter ihm -- einer -- zwei -- drei.
Herrgottsackerament!
Vier Lumpen, und nicht weiter weg wie achtzig Schritt!
Der vorderste stieg jetzt in den Graben herein.
Sprengelsperger spannte ruhig den Hahn und fuhr langsam auf.