Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten
Part 7
Aber doch nur mit geteilter Aufmerksamkeit, denn er sah weiter vorne ein Frauenzimmer des Weges kommen und dachte, wer es wohl sein könnte.
»De Lumpenbande, de ausg'schamte!« sagte der Sprengelsperger, und setzte sich wieder in Gang.
Und achtete in seinem Eifer nicht auf das Weibsbild, welches jetzt nahe herankam.
Desto besser spitzte der Anderl hinüber, was ihm nicht zu verübeln war. Das Mädel hätte sich jeder angeschaut.
Kein Gesicht wie Milch und Blut, ziemlich grobe Züge, aber Brust und Hüften im besten Stand.
Und wie sie den sinnlichen Mund zu einem Lachen verzog, sah man die weißen Zähne, einen am andern.
»Di sollt' i kenna, Deandl,« sagte der Anderl, und blieb stehen.
»A wengei kennst mi scho,« sagte das Mädel und lachte wieder.
»Hamm mir net am Garmischer Markt beim Husarenwirt tanzt?«
»Ja.«
»Gel, i ho mir's do glei denkt. So was saubers vergißt ma net.«
»Geh, hör' auf! Hast lang gnua braucht, bis Dir ei'g'fallen is.«
»Na, na, Deandl,« versicherte der Anderl eifrig, »mi hat's grad 'blend, wia'st a so resch daher kemma bist. Wia kimmst denn Du da eina?«
»Auf de Buachwieser Alm kimm i. Da bin i z'erscht zu enk eini, auf Griesen.«
»Gehst grad a so auf d'Alm?«
»Na, i mach' heuer d'Sennerin droben.«
»Was? Ja, Herrgott! Du, do kimm i fei aufi zu Dir.«
»Vo mir aus.«
»Laßt mi eini, bal i klopf' bei der Nacht?«
»Bei der Nacht schlaf i,« sagte das Mädel und streifte den strammen Burschen mit einem Blick, der ihm alles Gute versprach.
Der Anderl blinzelte lustig mit den Augen.
»I weck Di schon auf,« sagte er, »aba jetzt pfüat Di Good, i muaß geh.«
»I hon aa koa Zeit mehr,« gab sie zurück, »pfüat Di!«
Sie drehte um und ging.
Und was sie von rückwärts zeigte, war auch nicht schlecht. Die Röcke flogen, einmal rechts, einmal links, und der Anderl rief ihr nach:
»Laß mi net z'lang warten bei der Nacht! Es is no kalt.«
Und sie antwortete mit einem fröhlichen Lachen.
Jetzt machte der Anderl kehrt und eilte dem Sprengelsperger nach.
Den hatte die Begegnung nicht gestört in seinen Gedanken; er zog noch grimmig an seiner Pfeife und sagte nach einiger Zeit:
»Oan leg' i um von dena Herrgottsaggerament. Dös woaß i g'wiß.«
Der Anderl hörte es nicht; er dachte an etwas anderes.
»Schön hoch is am Berg, und eb'n is am Land, Und a almerisch Deandl hat Holz bei der Wand.«
»Dös hot's aber aa,« wiederholte er in Gedanken, und griff mit seinen langen Beinen aus.
Da schimmerte rechts vom Wege etwas Weißes aus dem Walde heraus. Es war das Forsthaus Griesen, welches außen so freundlich und sauber erschien wie innen.
Hier grüßte von allen Wänden des edle Weidwerk. Im Hausflur der Gewehrrahmen mit einer stattlichen Reihe von Büchsen; daneben Schneereifen, Tellereisen und Entenfallen; in den Zimmern hing ein Hirschgeweih neben dem andern; dazwischen Rehgewichtel und Gamskrikeln, die meisten gut; nur selten ein geringes darunter.
Ausnehmend behaglich war die Wohnstube. Der gescheuerte Tisch, die kleinen schneeweißen Vorhänge gaben der Frau Förster kein schlechteres Zeugnis als die wohlgepflegten Blumenstöcke an den Fenstern.
Doch wer ihr Schaffen recht würdigen wollte, mußte in die Küche gehen und das blinkende Geschirr sehen.
Da hing alles am rechten Platze, Kessel und Pfannen, und vor dem reinlichen Herde stand eine kleine Frau, aus deren Gesichte ein Paar blanke ehrliche Augen sahen.
Die Haare waren schon grau, aber die flinken Hände ließen nicht an Alter und Gebrechlichkeit denken.
Es war ihr gut zusehen beim Arbeiten; und das mochte auch der Herr Förster denken, welcher breitbeinig unter der Türe stand und die Hände hinter dem Rücken zusammenlegte.
Er hatte eine behagliche Müdigkeit und einen scharfen Hunger heimgebracht.
»So is recht, Muatta,« sagte er aufmunternd, »koch ma no an großen Teller voll Voressen; i wer scho firti damit.«
»Kimmt der Anderl net hoam?« fragte seine Frau entgegen.
»I denk wohl. An Schuß hab i aa g'hört. Dös muaß er g'wesen sei. Ach, do is er scho.«
»No, was is?« wandte er sich an den Anderl, der eben eintrat und Hut und Büchse an den Rahmen hing.
»Grüaß Gott, Vata! A Bock is, aba z'erscht müaß'n ma'n suacha. Grüaß Di Gott, Muatta! Was kochst denn auf?«
»Dös is bei Dir allaweil 's erst,« erwiderte die Alte und gab dem Burschen lachend die Hand.
»No, und warum hast den Bock net kriagt?« mischte sich der Vater wieder ein. »Wo hast'n denn hi'g'schossen?«
Der Anderl kratzte sich verlegen hinter dem Ohre.
»I glaab schier gar, a bissel woadwund.«
»Bist halt a Patzer, solang'st warm bist. Hast Da halt wieder amal net Zeit lassen?«
»I hab scho koa Zeit g'habt. Dös hat g'schwind geh' müassen. Aber da Sprengelsperger moant aa, mir hamm an schnell mit'n Hund.«
»Is denn da Sprengelsperger bei Dir g'wen?«
»Na, aba 'r an Schuß is er nachganga.«
»So, is er jetzt dahoam?«
»Ja, drent in sein Stübl. Er wird glei umakemma.«
Der Anderl winkte seinem Vater verstohlen mit den Augen. Er durfte vor der Mutter nichts erzählen von den Wilderern.
Die Frauenzimmer sind immer gleich ängstlich, und dann können sie ein Geheimnis erst recht nicht halten.
»Ja, geh ma'r in d' Stuab'n,« sagte der Förster, »d' Muatta bringt uns nacha 's Essen eini.«
Er ging voran und gab acht, daß Anderl die Türe hinter sich schloß.
»Was gibt's?« fragte er dann kurz.
»Der Sprengelsperger hat auf an Lumpen g'schossen.«
»Hat er'n umg'legt?«
»Na; es is viel z'weit g'wen.«
»Wo hat er'n auftroffa?«
»Beim Holzer Schlag. Es san eahna mehra g'wen.«
»Beim Holzer Schlag? Mitten im Revier hierin? Ja, da soll ja do scho glei ...«
»Sei staad, Vata! D' Muatta kimmt.«
Die Frau Förster brachte das Essen herein und stellte es auf den Tisch.
Es entging ihr nicht, daß mit dem Alten eine Veränderung vorgegangen war.
»Was machst denn auf oamal für a G'sicht?« fragte sie.
»Ah was! Wenn der Kamerad an Bock wieder woadwund schießt! Konn i mi scho ärgern!«
»So, wegen dem Bock?« Sie sah ihren Mann mißtrauisch an.
Der zog den Teller näher zu sich und fing recht unbefangen das Löffeln an.
Die Frau Förster wußte, daß sie mit Fragen zu nichts komme, und ging zur Türe.
»Der Sprengelsperger is draußen,« sagte sie.
»Soll a no glei einakemma!« rief der Förster eifrig.
»Aha! Jetzt woaß i, daß wieder was los is,« meinte die Alte.
»Ah, was Da Du allaweil ei'bildst! Nix is los. He, Lenzei, kimm eina!«
Der Sprengelsperger erschien unter der Türe, und als ihn der Förster so auffällig vor seiner Frau fragte, was er zu melden habe, da wußte er gleich Bescheid.
Und auf eine Lüge hatte er sich nie besinnen müssen, solange er reden konnte. Er stellte sich hin und sagte mit einem recht überzeugenden Pflichteifer:
»Herr Förster, einen recht einen schönen Gruß soll ich ausrichten vom Herrn Oberförster. Und ob der Herr Förster net mit'n Herrn Oberförster morgen z'sammkomma will am Oachlköpfi hint', weil der Herr Oberförster einen Bock schießen möcht, hat er g'sagt.«
»Dös is aba fad!« meinte der Förster, »grad morg'n is ma z'wida. Wo hat denn Di der Teufi mit'n Oberförster z'sammbracht?«
Er durfte die Frage riskieren, denn er kannte seinen Sprengelsperger und wußte, daß den kein Beichtvater in Verlegenheit bringen konnte.
»Beim Buachwiaser Eck hab' i 'n troffa. Er is vo Grainau kemma. 'Dös is g'scheit,' hat er g'sagt, wia 'r a mi g'sehg'n hat, 'daß ich Ihnen treff, Sprengelsperger,' sagt er, 'jetzt können glei Sie die Botschaft übernehmen. Sunst hätt ich ein von meine Leut nach Griesen schicken müssen,' hat er g'sagt.«
»So, so!« brummte der Förster, »wenn's eahm an andersmal ei'g'fallen waar, hätt' i 's liaba g'habt.«
»Hast für'n Sprengelsperger net aa 'r an Teller voll?« fragte er seine Frau.
»I glaub, es is no was da,« antwortete sie und ging zögernd hinaus.
So ganz traute sie der Geschichte nicht, aber zu machen war da nichts. Das sah sie wohl ein.
Als sie draußen war, sagte der Förster: »I kimm nacha zu Dir umi, Lenz.«
Der Sprengelsperger nickte zustimmend, setzte sich neben den Anderl hin und nahm mit Dank das Voressen in Empfang, welches ihm die Försterin brachte.
Er aß mit vielem Appetit und rief einen schönen Gruß und nochmal ein Vergelt's Gott in die Küche hinein, als er ging.
Eine gute Stunde später kam der Förster zu ihm und ließ sich den Vorgang haarklein erzählen.
»Tiroler san's g'wen; dös is g'wiß,« meinte er, »aba wia sie de Lumpen so weit eina trau'n, des sell vasteh i net. An Tag ehnder, wenn s' rüber waaren, hätten s' ma in d'Händ einalaffen müassen, an der brennten Wand droben. Aba grad gestern bin i auf der drentern Seit' g'wen. Und der Anderl hat nach Partenkirchen eini müassen.«
Der Sprengelsperger pfiff leise durch die Zähne und fragte:
»So, der Anderl war z'Partenkircha? Dös hat a ma no net g'sagt. Herr Förster, is über dös g'redt wor'n, daß er eini muaß?«
»Net, daß i 's woaß. Warum fragst, Lenz?«
»I moa grad.«
»Halt!« sagte plötzlich der Förster, »oana hat's do g'wißt. Der Oberaufseher hat eahm an Brief mitgeben. Aba vo dem hört's do koa Lump!«
»Von eahm net, aba vielleicht von an andern.«
»Lenz, Du hast an Vadacht. Ruck außa damit!«
»Herr Förschter, zu 'r an Vadacht g'langt's no net, aba 'r im Wind hab i a bissei was.«
»Red halt!«
Der Sprengelsperger sah nachdenklich auf den Boden und dann sagte er bedächtig:
»Vor a Wochen a fünf is bei die Oesterreicher a neuer Grenzer ei'g'stellt wor'n, net wahr?«
»Ja. Der Redenbacher oder wia 'r a hoaßt.«
»Der is a Tiroler. Vo Leermoos is a, hamm s' mir g'sagt.«
»Und nacha?«
»Dem sellen trau i net, Herr Förschter, daß i 's glei schnurgrad sag! Dem trau i net weiter, als i 'n siech.«
»Da muaßt do an Grund dafür hamm?«
»Dös ko ma net allaweil so sag'n. Wenn i an ganz an g'wissen Grund hätt', nacha hätt' i scho lang mit Eahna g'redt. Aba zu dem hat's net g'langt.«
Der Sprengelsperger machte eine kleine Pause. Dann fuhr er fort:
»Sehg'n's, Herr Förschter, wia 'r i den schelchaugeten Kerl zum erschtenmal g'sehg'n hab, da hon i mir glei denkt: Manndei, du g'fallst ma net. Und dös is blieben. No, nacha is ma 'r aufg'fallen, daß der Mensch an Aug auf ins hat. I ko bei 'n Tag und auf 'n Abend net kumma und net furtgeh', daß der Kamerad net beim Zollhäusl heraus steht oder sunst um an Weg is. Und nacha grüaßt a so freundli, und is ma 'r aa schon vorkemma, daß er mi g'fragt hat: 'Wo gehen S' heut no hi, Herr Sprengelsperger?'«
»Lenz,« sagte der Förster nachdenklich, »jetzt fallt's ma selber auf, daß ma den so oft siecht; viel öfter wia 'r an jeden von de andern.«
»Ja, passen S' no auf; der Ostler Hans is de vorig Woch in da Schanz drin g'wen. Wia 'r a in d' Stuben nei kimmt, siecht er den Kerl da, den Redenbacher, bei a paar Tiroler am Tisch hocken. Es waar eahm weiter net aufg'fallen, wann de Kameraden net auf oamal so mäuserlstaad g'wen waaren. Der Grenzer hat sie glei drauf am Weg g'macht, und d' Wirtin fragt 'n, ob's eahm denn gar a so pressiert. 'Heut scho,' sagt er und is außi. Wia 'r aba der Ostler Hans a guate Viertelstund spater amol außi geht, siecht er'n hinterm Haus stehn und mit oan von dena Tiroler reden. Und grad notwendi hat er's g'habt. Des sell is an Hans so g'spaßi fürkemma, daß er ma's glei am nächsten Tag vazählt hat.«
»Da schau her, a so a Schlaucher is dös!« brummte der Förster vor sich hin.
»Ja, schlauch!« sagte der Sprengelsperger, »der kimmt mir net schlauch vor. A recht a dumma Teufi is, sinscht waar er net nach fünf Wocha vadächti. Den kriag i leicht g'nua dro, den Tiroler Spitzbuam, den ganz miserabligen.«
»Hm, ja. Vielleicht is was dro, Lenz.«
»I moa scho. Und hat uns der Bazi oamal auf'n Weg paßt, nacha tuat as öfta.«
Der Förster stand auf und schaute nachdenklich zum offenen Fenster hinaus. Nach einiger Zeit drehte er sich um und sagte in seiner ruhigen, bedächtigen Weise:
»So weit rei ins Revier trau'n si de Lumpen de erst Zeit nimma, weil'st g'schossen hast, aba um d' Grenz rum is koan Tag net sauba. Du und der Anderl, ös zwoa geht's heut nach 'n Essen in d' Roaner Leiten hintri und schaugt's, daß den Bock kriagt's. Bal's 'n habt's, brecht's 'n auf und versteckt's 'n guat. Auf 'n Abend kemmt's uma ins Buachwieser G'steig. Da halt's Enk heut amol, und bal nix B'sonders net is, morgen in der Fruah aa no. I kimm um a zehni auf d' Buachwieser Alm. Notabene, koana schießt, außer es geht auf an Lumpen. Hast mi guat vastanden?«
»Jawohl, Herr Förschter.«
»Nacha is recht. I wer jetzt a bissel zum Oberaufseher in Hoamgarten nüber geh'. Vielleicht is der Herr Redenbacher wieder um an Weg. Mit 'm Anderl red i no. Du holst 'n um zwoa ab; ös geht's aba net hint' außi, sondern auf da Straßen, daß enk a jeder sehg'n ko.«
»Jawohl, Herr Förster.«
»So, nacha pfüat Di! Und no was. Bal'st an Anderl abholst, gehst z'erscht zu uns nei, und wann grad mei Alte da waar, nacha verzählst ihr, daß ös zwoa den Rehbock suacht's.«
Damit ging der Förster.
Eine halbe Stunde später schlenderte er gemächlich zum österreichischen Zollhaus hinüber.
Das lag friedlich da im warmen Sonnenschein und zeigte die behagliche Ruhe, welche allen k. k. Amtsgebäuden eigentümlich ist.
Auf der Bank, die neben der kleinen Freitreppe stand, lag eine Katze und blinzelte in die Sonne hinein; drei oder vier Hühner gruben sich in den heißen Sand.
Sonst war weit und breit nichts zu sehen.
Im kühlen Amtszimmer saß ein Grenzer und blies nachdenklich den Tabakrauch vor sich hin.
Von Zeit zu Zeit nahm er die Pfeife aus den Zähnen und spuckte im weiten Bogen vor sich hin.
Dieser beschauliche Mensch war Josef Redenbacher, und als der Förster ihn sah, war er angenehm überrascht.
Er grüßte ihn freundlich und fragte nach dem Oberaufseher.
»Der wird wohl oben sein,« antwortete Redenbacher. »Warten S' ein wenig, ich hol 'n gleich herunter.«
Nach einiger Zeit erschien der Stationsvorsteher Praxenthaler, ein kleiner, dicker Mann, mit einer sehr fetten Stimme. Jedes Wort klang, als wäre es in Schmalz gebacken.
»Ah, der Hohenreiner! Mit was kann ich dienen?«
»I hab Di grad frag'n wollen, ob ma net zum Kaffee a kloans Tarökerl machen? Mei Alte spielt aa mit.«
»Warum denn nicht? Da bin ich allemal dabei.«
»Aba recht lang konn i net spielen; um a vieri muaß i ins Revier.«
»Da fang'n mir halt ein bissel früher an; glei nach 'm Essen.«
»Gilt scho,« sagte der Förster, und trat mit seinem Freunde vor das Haus. Er bemerkte, daß die Fenster offen standen, und war überzeugt, daß Herr Redenbacher sich in ihrer Nähe aufhielt. Er redete nun in gedämpftem Ton, daß es den Anschein hatte, als wollte er etwas Geheimes verhandeln.
»Praxenthaler,« sagte er, »mir hamm wieda Lumpen im Revier.«
»Ah!«
»Der Sprengelsperger hat a Gambsgoaß g'funden, erscht vor a paar Tag.«
»Hat er s' nit derwischt?«
»Na, dösmal san s' auskemma. Aber woaßt, allemal geht's net so.«
»Wo is denn das passiert? An der Grenz?«
»Na, beim Holzer Schlag. Aber, Praxenthaler,« sagte der Förster leise, »vielleicht probieren's de Tropfen und holen de Gambsgoaß.«
Dabei blinzelte er seinen Freund an.
Der Herr Oberaufseher machte ein pfiffiges Gesicht und lachte herzhaft.
»Das mag leicht sein,« schrie er mit seiner Trompetenstimme, »das mag leicht sein, und wenn s' kommen, finden s' vielleicht auch was? Mußt wahrscheinli deswegen schon fort um vier Uhr?«
»Pst!« machte der Förster, »Du muaßt über dös net reden. Aber sei kunnt's, daß de Lumpen kemma, weil Feiertag is.«
Ein Fensterflügel rührte sich, fast unmerklich, aber Hohenreiner hatte es blitzschnell gesehen.
Er wußte, daß der Lauscher genug gehört hatte, wenn der Verdacht Sprengelspergers begründet war, und dachte, daß ein längeres Reden ihn stutzig machen konnte. Deswegen nahm er Abschied von dem ehrlichen Praxenthaler, der sich in das Amtszimmer begab und gemeinschaftlich mit Herrn Redenbacher k. k. Kommißtabak verbrannte.
* * * * *
Es war ein paar Stunden später, gegen zwei Uhr mittag.
Der alte Sprengelsperger holte seine Büchse vom Nagel herunter und prüfte das Schloß. Er stach mit einer Nadel durch die beiden Zündlöcher, um sich zu vergewissern, daß sie nicht durch Staub oder sonstwie verstopft seien; dann setzte er neue Zündhütchen auf und sicherte die Hähne.
Als er damit fertig war, pfiff er dem Hunde, der freudig an ihm heraufsprang, und ging.
Vor dem Forsthause wartete er auf den Anderl und grüßte die Frau Förster, welche sich im Garten an den Blumenbeeten zu schaffen machte.
Sie winkte ihm und trat selbst an den Zaun heran.
»Sprengelsperger,« sagte sie, »ich hab's schon kennt, daß was los is. Mei Mann will mir's ausreden, aber i kenn Euch alle gut g'nug.«
»Aba, Frau Förschterin, wia S' no solchene Aengsten hamm mögen. Der Anderl hat halt an Bock ang'schossen, und den derf'n ma do net verfaul'n lassen.«
»Ja, ja; is scho recht. Du redst halt, was Dir ang'schafft is. Aba glaubst denn, i hab's net g'merkt, daß Du wegen was B'sondern rüberkommen bist, und daß mei Mann bei Dir drent war? Und daß i heut nach 'm Essen mit 'n Oberaufseher hätt' taroken sollen, des hat do aa sein Grund g'habt.«
»Ja, aba wenn i Eahna sag ...«
»Geh, sei staad! Sag'n tuast ma's ja do net; aba des muaßt ma wenigstens versprechen, gib mir acht auf'n Buab'n.«
»Jetzt, Sie san g'spaßig, Frau Förschterin. I woaß net, was i da sagen soll.«
»Nix, weil'st mi ja do bloß o'lüagst. Aba gib acht auf'n Anderl. I bin in der größt'n Angst dahoam.«
Sie reichte ihm die Hand über den Zaun, und Sprengelsperger drückte sie mit einer verlegenen Gebärde. Er war froh, daß Anderl endlich aus der Türe trat und dem Gespräche ein Ende machte. Dieser grüßte die Mutter flüchtig, wie er es sonst gewohnt war, und trieb zur Eile an. Die alte Frau wollte nicht zeigen, daß sie eine schwere Sorge bewegte. Sie trat darum in das Haus, mit einer Hast, die dem Anderl auffiel.
»Was hat denn d'Muatta?« fragte er.
»De hat's guat g'spannt, daß heut was net sauber is,« gab der Sprengelsperger zur Antwort. »Mi hat's anderst in d'Eng trieben, mei Liaba! Dei Muatta waar guat zum Beichtsitzen. Sappera no amol!«
»Ja no,« sagte der Anderl gleichmütig, »mir könnan ihr net helfa, wann's as aa g'neißt hat. Aba jetzt mach, daß ma weita kemman!«
Sie setzten sich frisch in Gang. Nach ein paar Schritten blieb der Sprengelsperger stehen und bückte sich zu seinem Hunde nieder. Er tat so, als richtete er etwas am Halsbande; dabei warf er einen forschenden Blick zum Zollhause zurück, und bemerkte Herrn Redenbacher, der zufällig seinen Kopf zum Fenster herausstreckte.
Der Alte richtete sich auf und schritt mit einem heimlichen Lachen um die Mundwinkel dem Anderl nach.
»Den Fuchs kriag'n ma,« sagte er zu sich selber. »I wett an Kaisergulden, daß er in a paar Stund bei de Lumpen is und was ausplaniert.«
Er ging schweigend neben seinem Begleiter her, in langen, zügigen Schritten, und überdachte sorgfältig, wie die Lumpen ihren Pürschgang anstellen könnten, und wo sie am ehesten zu fangen wären.
Anderls Gedanken waren nicht so strenge auf einen Gegenstand gerichtet. Der Vater hatte ihm den Plan mitgeteilt, und er war als richtiger Jäger mit Eifer bei der Sache. Daneben hatte er doch herausgehört, daß die Zusammenkunft auf der Buchwieser Alm sein sollte. Er mußte an das Weibsbild denken, dem er heute begegnet war, und er dachte gern daran. Bei der brauchte es keine langen Reden; und ein schlechter Brocken wäre sie auch nicht. Teuflisch gut gestellt; wie ihr die Röcke um die Beine schlugen, war es zu sehen. Vielleicht konnte er in der Nacht auf die Alm; das wäre nicht zuwider.
So schritten die zwei auf der schattenlosen Landstraße dahin, und keiner redete ein Wort.
Nach einer halben Stunde bogen sie links ein und stiegen bergauf, bis sie zur Anschußstelle kamen.
»Anderl,« sagte Sprengelsperger, »halt Du an Hund und laß mi suacha.«
Er blickte scharf auf den Boden und sah bald genug die Rehfährte.
»Da is da Bock uma; wo hast'n g'schossen, Anderl?«
»Geh no an Schritt, a zwoa weita füri, Lenz; halt! Jetzt bleib steh'! Da muaß g'wen sei.«
Sprengelsperger kniete nieder und breitete mit der Hand das Gras auseinander.
Plötzlich stieß er einen leichten Pfiff aus und rief:
»Hat 'n scho! Ah, do schau her! Du hast eahm durch d'Leber g'schossen.«
Anderl trat heran und betrachtete die dunkeln Schweißtropfen, welche an den Grashalmen hingen.
Sprengelsperger ging einige Schritte weiter.
»Da geht scho wieda a Lack'n Schwoaß her,« rief er, »der hat ja damisch g'schwoaßt, Anderl. I moan, den hamm ma schnell. Gib ma'r amol an Pürschei her!«
Er führte den Hund, welcher schon unruhig an der Leine zog, zur Anschußstelle.
Pürschei schnupperte gierig am Boden, und als ihn Sprengelsperger losließ, verschwand er rasch im Dickicht.
»Der hat 'n bald, Anderl, werst as sehg'n,« sagte der Alte.
»Moanst net, mir sollen eahm nachgeh?«
»Ah, g'wiß net. Der verbellt 'n so schö, daß 's nix zwoat's gibt. Der Bock liegt koane hundert Schritt weit drin, paß amol auf.«
Er zündete bedächtig seine Pfeife an, während Anderl gespannt horchte.
Plötzlich tönte helles, scharfes Bellen aus dem Hochwalde herüber; der Hund gab Laut; wenn er in gleichmäßigen Pausen absetzte, gab das Echo deutlich die Töne zurück.
Sprengelsperger verzog sein Gesicht zu einem freundlichen Lachen.
»Hörst'n? Ja, da Pürschei! I kenn' an ja!«
»Laß Da no Zeit, Anderl; dös pressiert gar net; und an Hund müassen ma 'r an Bock no a bissel verbellen lassen. I hör's oamal z'gern.«
Seine Augen schauten vergnügt darein, und er nickte jedesmal zustimmend mit dem Kopfe, wenn der Hund in gleichmäßigen Absätzen anschlug, kräftig und voll.
»So, jetzt geh ma umi!« sagte er nach einer Weile und schritt dem Anderl voran über die Lichtung.
Sie umgingen das Dickicht und näherten sich von oben der Stelle, an der Pürschei Laut gab.
Sprengelsperger blieb stehen und deutete mit dem Bergstocke nach unten.
Da lag unter einer mächtigen Tanne der Bock verendet, und vor ihm stand der Hund; ein erfreuliches Bild für einen Jägersmann.
Sie stiegen rasch hinunter. Sprengelsperger lockte den Hund herein und lobte ihn für sein braves Verhalten. Inzwischen musterte Anderl vergnügt den stattlichen Bock.
»Der hat sauber auf; wia 'r a ma 's denkt hab. Handbroat über d' Luser; schau her, Lenz!«
»A schöne G'wichtel,« sagte der Alte, »da ko'st Dei Freud dro hamm. Und a guata Bock; achtadreiß'g Pfund hat a g'wiß.«
Sie suchten nach dem Schusse.
»Stimmt scho,« meinte Anderl, »i hab eahm durch d'Leber g'schossen. Is no besser ausg'fallen, als i g'moant hab.«
Dann brach er den Bock auf, weidgerecht, ohne die Aermel aufzustülpen oder die Joppe auszuziehen. In der damaligen Zeit hielt man darauf, daß ein Jäger nicht wie ein Metzger hantierte.
Als er fertig war, zog er den Bock in das Dickicht und bedeckte ihn mit Fichtenzweigen.
»Steig' i aufi auf d'Alm, Ja da werd ma's Herz weit -- und Siech ich d' Senndrin geh', Tuat s' mi grüaß'n schö', Ko's nit sag'n, wie's mi freut.«
(Altes Lied)
Die Nacht kam heran; eine helle, warme Sommernacht. Blaue Schatten kamen die Felsen herunter und senkten sich in das Tal; an den steilen Wänden verglühte langsam das Licht der scheidenden Sonne, und über ihnen wölbte sich der dunkle Himmel.
Da und dort blitzte unruhig flimmernd ein Stern auf und sah dann mit ruhigem Scheine herab.
Der Bergwind fuhr in die Gipfel der Tannen, und sie rauschten so feierlich, daß es klang wie voller Orgelton.
Alle Dinge, in der Ferne und Nähe, nahmen große, seltsame Formen an; drohend streckten die Bäume ihre riesigen Aeste aus; Gesträuche und Stockwurzeln zeigten verzerrte Gestalten. Der Wald war lebendig geworden.
Ein Schatten löste sich von seinem Rande los; nun stand er im hohen Grase. Eine Hirschkuh, die erschrocken den Grind emporhielt und nach einer mächtigen Fichte äugte.
Unter der saß Anderl und zog unruhig die Füße an sich. Seit vier Stunden war er auf dem Posten; nichts Verdächtiges hatte sich geregt, und nun kam die Dunkelheit.