Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten
Part 6
Oder damit ich es recht sage, er ist ihm über den Tod hinaus anhänglich geblieben und weiß noch heute kein besseres Lob für eine Sache, als daß er ihr nachrühmt, sie hätte vermutlich dem alten Oberförster Thoma gefallen.
»Brennt's?« fragte der Glasl.
»Es brennt scho,« sagte ich.
»Nacha paß auf! Dös is g'wesen selbigsmal, wie Dei Muatta de kloa Luisel auf d' Welt bracht hat; anno 69 glaab i.
Also da hamm d'Lumpen an Bartel derschossen g'habt, vielleicht a halb's Jahr davor. Dös war a braver Mensch und a Jager von der erster Klass'.
Den hamm a paar Jachenauer derschossen, wia 'r a auf 'n Vorderkopf aufi ganga is. Aus de Latschen raus und net weiter wia fünf Schritt. Der Bartel hat an G'wehrlauf g'sehg'n und schreit no: »Net schiaßen!«
Derweil hat's scho kracht und der Bartel hat de ganz Schrotladung droben g'habt. Es hat 'n im Schnall 'neig'haut, und an Xaver, der dabei g'wen is, han d' Latschennadeln in 's G'sicht g'spritzt, daß er im erschten Augenblick nix g'sehg'n hat. Wia 'r a si g'reicht hat, san d'Lumpen scho auf und davo g'wen, und kennt hat er koan.
No, Dei Vater hat an Vadruß g'habt, wia 's an Bartel daher bracht hamm, maustot. Den saubern Burschen, den a jeder Mensch gern g'habt hat.
Bei der Untersuchung hat ma g'sehg'n, wia nah daß der Schuß g'wen is, weil 's Hemd vorn o'brennt war vom Papierpfropfen.
Mir hamm an Bartel in der Hinterriß ei'graben und der Pater Benno hat in der Leichenred' g'sagt, daß da Himmi den Mörder strafen werd'.
Mir hamm uns auf dös net verlassen und hamm uns denkt, a bisserl wern mir selber mit die Jachenauer z'sammrucken.
I hab' zum Heiß g'sagt, eh'nder freut mi koa Essen und Trinken nimma, bis i net oan von de Tropfen hi'g'legt hab'.
De Jachenauer hamm dös wohl g'spannt, daß de G'schicht nimma sauber is; ma hat nix mehr g'hört und nix mehr g'spürt, daß oana in 's Revier rei' waar.
Und lang hat si nix g'rührt.
Nacha am Matheistag, i woaß no wia heut, denk' i mir, an abg'schaffter Feiertag is, wo d' Bauern nix arbet'n; da darf ma zwoamal guat Obacht geb'n; und 's Wetta is aa so warm g'wen, daß i mit 'n Heiß ausg'macht hab', mir gengan an Berg aufi und probieren's mit 'n Schneehendelpfeifen. An Heiß is glei recht g'wen und mir san in aller Fruah weg.
's Marschieren is müahsam g'wen; der Schnee war no hoch und hat nimma recht tragen, weil da Südwind a paar Tag ganga is. Bei jeden Schritt bist einig'fallen samt de Schneereif und hast an Arbet g'habt, bis ma 'r an Haxen wieder außa bracht hat.
Um an achti bin i am Platz g'wen. Der Heiß is weiter drunt' blieben; i hab' mi auf da Schneid o'g'setzt und hab' schö staad umanand g'schaugt.
Ma siecht von den Platz aus in d' Jachenau abi und da is ma wieder der Bartel ei'g'fallen.
Mir san Spezl g'wen vo lang her und i hab' eahm de Stell bei Dein Vater zuabracht. Er hat mir koa Schand' nit g'macht de drei Jahr, wo er da g'wen is. Allawei fleißi im Deanst und nüachtern. In da dritten Woch' hat a scho a paar Tiroler abg'fangt und hat's vom Berg oba transportiert. A Scharnitzer is dabei g'wen, a Mordskerl a großer. Der hat si unter 'n Weg amal stellen wollen und waar nimma weiter ganga. Aber der Bartl hat 'n scho gangig g'macht; er hat 'n glei niederg'schlag'n, daß er d' Haxen in d' Höh g'reckt hat; nacha is der Tiroler wieder ganz handsam und fromm wor'n.
Dös is überhaupt das bescht', Ludwig. No net lang umschaug'n mit de Lumpen!
Und da Bartl is so oaner g'wen. G'redt ganz weni, aba scharf, wenn 's drauf o'kemma is.
Mit de Jachenauer hat 'r aa öfter was z'toa g'habt und desweg'n hamm 's 'n aa derschossen.
No, dös is mir all's a so ei'g'fallen, wia 'r i auf dem Platz g'hockt bi.
Z'letzt hon i mir denkt, jetzt muaß i 's do amal probier'n mit 'n Schneehendelpfeifen.
G'rad wia 'r i o'fanga will, siech i was unter meiner; a paar kloane Feichten rühren si und der Schnee fallt oba.
I schaug scharf abi und richti, glei d'rauf kimmt a Kerl aus 'n Dicket mit an -- g'schwärzten G'sicht.
So, denk' i mir, Manndei, da schau her! Du kimmst ma jetzt g'rad recht.
I rühr' mi net und wart', was der Lump eppa tuat. Er bleibt steh' und luxt umanand; nacha steigt a wieder gegen mi aufa und bleibt wieder steh' und stroaft an Schnee von sein G'wehrlauf oba.
I hab' glei g'moant, i müaßt 'n kenna nach da Figur. A großer Kamerad mit eckete Schultern, und Pratzen so groß, daß ma 'r an halbeten Tisch hätt' zuadecken könna damit. Wenn dös net da Sagschneider Blasi is, denk' i mir, nacha bin i net da Glasl. Und der sell Blasi is an ausg'machter Lump g'wen. Tag und Nacht im Revier, und glei firti mit 'n Schiaßen.
Daß der mit dabei g'wen is, wia 's an Bartl durchto hamm, des sell hon i nia anderst glaabt.
Wenn i an Kugellauf dabei g'habt hätt', nacha hätt' i glei abi g'schossen d'rauf. Aba 'r a so hon i warten müassen, und hab' mi ganz staad g'hebt. Er steigt allawei höcher und jetzt hon i schon kennt, wo er hi will. Hinter meiner is a guata Wechsel g'wen. Da hätt' er si vielleicht o'setzen mög'n, und weil er allaweil umg'schaugt hat, san g'wiß no a paar dabei g'wen; de hätt'n eahm trieben.
Er kimmt allawei nächer -- warum rauchst denn nit, Ludwig?«
»Mir is d' Pfeif' ausganga.«
»Ja, da muaßt öfter o'zünden, der Knaster löscht gern aus, aba sinscht is er guat. Brennt's?«
»Brennt scho,« sagte ich.
»Also der Lump kimmt allawei nächer, und i hab'n schnaufen g'hört. Er hat si aa plag'n müassen. Auf dreiß'g Schritt hab' i'n herlassen; nacha fahr i auf und pumms! schiaß i eahm mitten in's G'friß.
Den hat 's umg'legt. Er fallt streckterlängs in Schnee eini und rührt si net.
Manndei, denk' i mir, jetzt woaßt aa, wia 's is. I bin aber net von mein Platz weg, weil i g'moant hab', es kunnt no oaner nachkemma.
Es dauert net lang, pfeift der Heiß. I gib eahm staad o, und er pürscht si zuawa.
»Host a Hendl?« fragt er.
»Ja,« sag' i.
»Wo is denn?«
»Da drunt flackt 's,« sag i, und er schaugt abi und siecht den Lumpen. Da pfeift er durch die Zähn' und lacht.
»So,« sagt er, »aba 'r a bissel groß is.«
»Jetzt bleib do, Heiß,« sag i, »i glaab allawei, der is net alloa g'wen. Sei no grad staad!«
I lad' mein Schrotlauf wieder, und der Heiß setzt si neben meiner.
Auf oamal hör'n ma huppen, net laut. Aba Du woaßt ja, Ludwig, wenn da Schnee liegt, hörst no mal so guat.
I gib an Heiß mit'n Ellabog'n an Renner, und er blinzelt mi o.
»Hu-upp,« tuat's wieder. Oamal links weiter drunt, nacha weiter heroben rechts.
Jetzt siech i zwoa, drei, vier Kerl aus 'n Dicket kemma.
»Vieri,« sagt der Heiß ganz staad, »Herrgottsackerament, wenn ma no gröbere Schröt dabei hätt'n, oder gar a Kugel!«
»Laß Da Zeit,« sag i, »wenn's den andern flacken sehg'n, gengan's vielleicht zuawi.«
So is a g'wen.
Oana von de vieri bleibt auf oamal steh und schaugt.
Pst! macht a.
De andern halten, und er deut' aufi, zu dem Platz, wo der g'leg'n is.
Aber so schlau san's do g'wen, daß's net schnurg'rad drauf zua san. Sie verteilen si, und ziag'n si wieder ins Dicket z'ruck, und kemman in an Halbbogen aufa.
»Jetzt,« sag i, »Heiß, schaug Du links umi, i nimm de, wo rechts kemman. Schiaß net z'bald; von de Lumpen hat g'wiß oana 'r an Kugellauf dabei. Mir müassen schaug'n, daß ma zwoa hi'legen. Nacha is d' Rechnung gleichauf.«
Es dauert a halbe Stund. Hie und da hör' i an Astl, aber g'sehg'n hat man nix.
Jetzt san's heroben.
Von oan siech i d' Haxen; er schiabt de Aest auf d' Seiten und halt an Grind außa und horcht. Der Heiß und i, mir rühren uns net. Zum Schiaßen is no z'weit g'wen.
Wia der Lump nix hört, kimmt er ganz außa und geht auf den andern hi, der im Schnee flackt.
I ziag ganz staad auf. Dawei schnallt's beim Heiß und oana schreit.
Jetzt hat's pressiert.
Z'sammschaug'n und schiaßen is bei mir oans g'wen, und den mein' hat's g'rissen.
Von de andern zwoa hamm ma nix mehr g'sehg'n; aber g'rumpelt hat's links und rechts; de san schnell abi über 'n Berg.
»Drei hamm ma,« sagt der Heiß.
Und richtig is der im Schnee g'hockt, den wo er aufi g'schossen hat.
»Jetzt mach'n ma, daß ma weiter kemma,« sag i, »mir lassen uns net sehg'n, und de andren hol'n eahnere Kameraden scho.«
Mir san z'ruckpürscht und abi; dös is g'schwind ganga, Ludwig.
Wia ma drunt g'wen san, sag' i zum Heiß: »Jetzt mach'n ma 'r an Umweg und gengan über d' Isar und kemman von der andern Seit'n hoam. Da woaß nacha koa Mensch nix, daß mir zwoa da herob'n g'wen san.«
Dös hamm mir aa to. Mi san no zwoa Stund umganga und san auf den Weg, der von da Hinterriß eina führt. Wia ma auf der Straßen san, kimmt hinter uns a Schlitten daher.
Der Pater Benno is droben g'sessen und no a Kapuziner.
»Heiß,« sag i, »jetzt feit si nix mehr.«
Wia da Schlitten bei uns is, grüaß'n mir, und i fang glei an Dischkurs o mit 'n Pater Benno.
Grüaß Gott und wohi, was ma so sagt.
»Waren Sie schon auf der Jagd?« fragt der Pater.
»Ja,« sag i, »mir kemman g'rad von Scharfreiter.«
»Das seh' ich,« sagt er, und »ein warmer Tag heute,« sagt er. »Is besser aa,« sag' i, »Matheis bricht's Eis, hat er koans, na macht er oans.«
»Ja, ja,« sagt er, und »adieu«!
Und nacha draht er sie no mal um und fragt: »Von den Mördern des Bartel hat man noch immer keine Spur?«
»Na,« sag' i, »jetzt wer'n ma 'r a kaam mehr was raus kriag'n. Es is scho z'lang her.«
»Dem Strafgericht Gottes entrinnen sie nicht,« sagt er.
»Hoffentli,« sag' i, und hab' ma was denkt.
Der Gaul ziagt o, und weg san 's.
»Heiß,« hab' i g'sagt, »jetzt hamm ma glei gar an geischtlichen Zeug'n, daß mir auf der andern Seiten war'n.«
Es is aba nix raus kemma, und mir hamm an Herrn Pater Benno z'letzt gar nimma braucht.«
»Und was is mit die Jachenauer worn?« fragte ich.
»De? No, der Bader hat viel Arbet g'habt und der Dokta vo Mittenwald aa.
G'storben is koana; net amal der Sagschneider Blasi; aba der hat 's G'hör verloren. So viel hamm eahm de Schröt do g'macht. Und koan Jagdg'hilfen hat der nimma derschossen. Von de andern zwoa is später oana selber Jagdg'hilf wor'n und is elend z'grund ganga, auf da Benediktenwand. Ma hat'n g'funden unter an Haufen Stoana; in der Brust hat er an Schuß g'habt, aber net so schwaar, daß er glei tot g'wen is. Da san d'Lumpen herganga und hamm an mit Felsbrocken zuadeckt, daß er langsam krepiert is.«
»Ah, Herrgottsakrament!«
»Ja, Ludwig, dös is a scharfe Zeit g'wen in de sechz'ger Jahre. Da san im Isarwinkel hint' viel Leut in da G'schwindigkeit umi g'roast, ohne Reu' und Leid.«
Die Wilderer
Verlag Albert Langen, München
Das Dorf Biberwiehr liegt in Tirol, an der Straße, die über den Fernpaß in das Inntal führt.
Die Einwohner sind kleine Bauern; der Reichste hat so ein Dutzend Kühe im Stall.
Von der Viehzucht leben sie, schlecht und recht und in harter Arbeit. Ebenes Land ist nicht viel vorhanden und das meiste Gras müssen sie von den Hängen an der Sonnspitze herunterholen.
Es sind magere, unansehnliche Leute; nicht so, wie man die Tiroler gewöhnlich malt. Auch sind sie nicht so lustig, wie man das öfter liest.
Singen tun sie nicht; tanzen wohl auch nicht viel, und wenn sie eine Unterhaltung führen, geschieht es sonderbar ruhig.
Jeder denkt, daß man leicht zu viel redet, und auch, daß keiner so dumm ist, seine wahre Meinung zu sagen.
Nebendem sind die Biberwiehrer fromme Menschen, arg katholisch.
Sie sind es noch heute; aber vor siebenzig Jahren und so herum muß es ganz stark gewesen sein.
Und in der Zeit hat sich diese Geschichte zugetragen.
Also es war Fronleichnam, sagen wir anno 1834.
Ein schöner Junimorgen, glockenhell. Nichts wie blauer Himmel über den steilen Wänden des Wettersteins und über dem waldigen Rücken des David.
Klare Luft und gelber Sonnenschein; ein Wetter, das einen feierlich stimmt selbst an mühsamen Werktagen.
Wie noch mehr, wenn die Arbeit ruht und alle Dinge einen festlichen Anstrich haben!
Und das hatten sie.
Bunte Altäre waren in den Wiesen aufgebaut, die Wege waren mit Gras bestreut, und im Dorfe standen vor jedem Hause lichtgrüne Birken. Aus den Fenstern hingen rote Tücher, und alle Häuser waren mit frommen Bildern geschmückt.
Die Böller krachten und schickten das Echo in die Berge hinein.
In Leermoos und Ehrwald blieben sie die Antwort nicht schuldig und schossen nicht minder eifrig den heiligen Tag an.
Aus der Kirche zogen nun in langer Prozession die Biberwiehrer, Männer, Weiber und Kinder.
In der Mitte ging unter dem roten Himmel der hochwürdige Herr Pfarrer, angetan mit einem goldglitzernden Gewande und in Weihrauchwolken eingehüllt.
Den Himmel trugen die vier ehrbarsten Männer des Dorfes, darunter der Schreinermeister Jakob Holzweber.
Dann kamen die Behörden: der Herr Posthalter, zwei Grenzaufseher und drei Gendarmen. Sie trugen brennende Kerzen in den Händen und zeigten sich gottergeben und mit Frömmigkeit erfüllt.
Denn das war so der Brauch und die Forderung der Zeit. Mit Gottes Hilfe wird es auch wieder so kommen.
Die Prozession zog durch das Dorf, in die Felder hinaus.
So war es ein liebliches Bild. Die geputzten Menschen, die flatternden Fahnen; bunte Farben im Grünen.
Wo ein Altar stand, da hielten sie; die Gebete verstummten, und in der tiefen Stille las der hochwürdige Herr das Evangelium.
»_Do--ho--hominus vo--ho--biscum!_«
Seine fette Stimme klang über die Menge hin.
Die bekreuzte sich andächtig zu den fremden Worten und fiel auf die Knie, als der Geistliche die Monstranz zum Himmel hob.
Der Jakob Holzweber hielt ehrfürchtig den Hut vor das Gesicht und wisperte seinem Nachbar zu:
»Peter, da spür ich woltern ein starken Hirsch. Der hat Tritt! Schaug sell hin!«
Die Himmeltrager knieten zunächst dem Altar am Straßenrand, und da sah man auf dem feuchten Boden einige Hirschfährten.
Das heißt, wenn man die guten Augen vom Holzweber hatte, oder vom Peter Hosp, der sie gleichfalls bemerkte und dem Jakl zublinzelte.
»_A--ha--ha--men!_« sang der Schullehrer und das letzte Evangelium war vorüber.
Die vier ehrbarsten Männer des Dorfes hoben den schwankenden Baldachin auf, der Pfarrer schritt darunter hin.
Heimwärts zu, denn jetzt war die heilige Handlung zum Ende gekommen.
* * * * *
Zwei Wirtshäuser waren in Biberwiehr, und in jedem schenkte man einen guten Landwein; zehn Kreuzer das Viertele.
Aber in keines ging der Jakob Holzweber. Obwohl ihn der Posthalter darum anredete und ihn freundlich einlud.
»Ich kann nit,« sagt der Jakl, »Du weißt selm, daß mei Frau nit ganz guet ischt; an anderesmal, Posthalter.«
Damit ging er vorbei und bog beim Schmied in den Feldweg ein.
Mittenwegs holte ihn der Hosp ein, und weil ein paar Weiber in Rufnähe waren, redeten sie über das schöne Wetter und den guten Verlauf der heutigen Frömmigkeit.
»Es war heilig schön,« meinte der Jakob, »und so viel andächtig.«
»Und so viel andächtig, ja, ja!«
»Was isch, Peter?« fragte er, wie jetzt die Frauenzimmer weit genug weg waren.
»Von die Jäger war nit ein einziger da,« sagte der Hosp.
»Ich weiß wohl.«
»Der Kasper hat sie g'wahrt, wie sie in aller Früh über die Kapellen hinaus sind.«
»Die sein am Seeben, und der Reif paßt am Koppen. Mei Bueb isch im Leitnerstadel drein g'sessen und hat acht auf ihn 'geben.«
»Peter, mir geh'n ins Bayrische nüber.«
»Es isch woltern g'fährlich, Jakl.«
»Nit, wann man's richtig angeht.«
»Jakl, das letztemal is auf ein Haar krumm gangen.«
»Sell woll, und es is so g'wesen, wie i g'sagt hab. Wann der Kasper mir g'folgt hätt, wär' alles besser gangen. So hamm mir den Gamsbock hinten lassen müssen.«
»Ja, ja,« brummte der Peter, »der Mensch is so viel hitzig; schiaßt er nit am helliachten Tag no a mol! Zu viel g'wagt, is leicht verspielt.«
»Heut geh'n wir's anderst an, Peter. Auf den Abend sein mir in der Schanz; der Seppel und der Kasper geh'n voraus und warten am Lehner bei der einschichtigen Lerchen. Der Mond kummt um elf Uhr, da kriag'n mir das schönste Liacht.«
»Der Weg is weit, Jakl, und länger wie zwei Tag kann i nit bleiben.«
»Sell isch lang g'nua. Zwei und drei Hirsch hamm mir schnell. I wart bei der Schanz.«
»Also i komm,« sagte der Peter und ging rechts ab, gegen sein Haus.
Bei der Türe drehte er sich um und rief:
»Jakele, um zwei isch der Rosenkranz.«
Der Holzweber blieb stehen und gab recht freundlich zurück:
»I weiß woll, Peter. Guet Morge!«
* * * * *
So lange man's denkt, waren die Hohenreiner bayrische Forstleute. Eine gute Jagdrasse, von einem Geschlecht zum andern rein gezüchtet.
Kam einer zu Jahren, dann heiratete er ein frisches Bauernmädel und kriegte gesunde Buben.
Die wuchsen in den einsamen Forsthäusern heran wie junge Schweißhunde. Alle Sinne geschärft für das Weidwerk, dem sie vom ersten Tage an zugehörten; vom Vater in guter Lehre gehalten, scharf und eifrig im Beruf, sonst umgängliche Menschen, die gern einmal lustig waren.
In Griesen saß ein Max Hohenreiner; der hatte wieder zwei Buben.
Der älteste, auch Max mit Namen, war in Garmisch als Forstgehilfe stationiert, der zweite, der Anderl, saß daheim und wartete auf die Anstellung.
Der Vater konnte ihn wohl verwenden, denn das Revier war groß, und Lumpen gab es genug.
Der Anderl war wie alle Hohenreiner. Ein langbeiniger Kerl, scharfäugig und flink. Rotbraune Haare, die keinen Strich annahmen, die Nase leicht gebogen und mit Sommersprossen bedeckt, wie auch das bartfreie Gesicht.
Also kein bildsauberer Bursch, aber doch einer, dem die Mädeln gut sein konnten, wenn er Zeit für sie hatte.
Und das war nicht viel, denn der Herr Vater rauchte keinen guten im Dienst.
Am Fronleichnamstag, von dem ich erzähle, war der Anderl auf der Frühpürsch gewesen und machte sich jetzt auf den Heimweg.
Der feine Tag gefiel ihm; er setzte sich auf einen Stock und schaute das waldige Tal hinunter, welches sich von Griesen gegen Garmisch erstreckt.
Ein leichter Frühnebel lag über dem Loisachufer und kroch in halber Baumhöhe die Wälder entlang.
Volles Sonnenlicht lag auf den Felsen der Zugspitze, die heute merkwürdig klar in den Himmel ragte.
Den Anderl überkam ein rechtes Behagen an dieser Schönheit, und er schaute freudig ringsherum. Dabei ließ er die stete Vorsicht des Jägers nicht außer acht und vermied alles Geräusch und jede hastige Bewegung.
Auf einmal tauchte so hundert Schritte unter ihm ein roter Fleck auf.
Ein Reh, das sich zwischen den Tannenboschen langsam bewegte und hier und dort an den frischgrünen Trieben äste.
Gespannt schaute der Anderl hinunter. Da zog das Reh weiter nach links; der Grind wurde frei.
Herrgottsaggerament! Ein Bock! Und was für einer! Gut Ding handbreit über die Luser reckte sich das Gewicht, dunkel, die Spitzen aber blitzten hellicht herauf. Der Anderl zog auf, lautlos; den Daumen am Hahn, den Zeigefinger am Drücker.
Der Wind war nicht gut, er ging von oben herunter, wie allemal an schönen Tagen.
Und weiß der Teufel, da hatte ihn der Bock schon gewindet und äugte herauf. Dann sprang er weg.
Nicht in voller Flucht, aber doch so, daß man die Unruhe merkte. Ein paar Sprünge, und er wäre im Dickicht verschwunden.
Da wußte sich der Anderl noch ein Mittel. Er stieß einen leisen Pfiff aus.
Der Bock den Pfiff hören und verhoffen war eins.
Diesmal äugte er schärfer herauf, schnurgerade auf den Anderl hin.
Nur einen Augenblick, aber lange genug.
Der Schuß krachte; der Bock schlug mit den hintern Läufen aus und sprang abwärts in das Dickicht hinein, daß die Steine flogen. Dann war es still.
»Saggera,« sagte der Anderl, »den hab i woadwund g'schossen. Nachgeh' derf i eahm gar net; jetzt muaß i's scho lassen, wia's is.«
Er rückte den Hut aus der Stirne und schaute nachdenklich auf die Stelle hinunter, wo der Bock gestanden hatte.
Dann legte er die Büchse wieder an und zielte.
»Grad um a Ruckerl war's z'toa g'wen. A bissel weiter, wenn i vorn' ablass', lieget der do. Jetzt gibt's a lange Suach, und der Alt werd' aa net schlecht schimpfa.«
Er stand auf und pürschte leise weg.
Schritt für Schritt, und mit großer Achtsamkeit stieg er bergab, damit ihn der kranke Bock nicht vernehme und noch einmal hoch würde.
Wie er so eine Viertelstunde lang gegangen war, trat plötzlich rechts neben ihm ein baumlanger Mensch aus dem Hochholz auf ihn zu.
Ein alter Kerl, verwittert wie ein Tannenbaum. In dem braunroten Gesichte, noch mehr aber in dem lederfarbenen Halse waren scharfe Furchen, als hätte man sie mit dem Messer hineingeschnitten.
Ein Raubvogelgesicht; die scharfgebogene Nase hing über den buschigen weißen Schnurrbart, dessen Haare sich wie Federn sträubten.
Kalte, graue Augen mit kleinen Pupillen, die sich ruhig aber scharf auf einen Gegenstand richteten, nicht hin und her fuhren und Gedanken verrieten. Wer den alten Burschen sah, mußte erkennen, daß er schon lange in des Herrgotts grünem Walde herumrevierte.
Und das war auch nicht daneben geraten.
Denn der Jagdgehilfe Lorenz Sprengelsperger tat schon über vierzig Jahre Dienst, und er hatte wahrhaftig nicht alle Nächte im Bette geschlafen.
»Ah, der Lenzei!« rief Anderl und nickte dem Alten freundlich zu.
Der erwiderte den Gruß und fragte:
»Hast auf an Bock g'schossen, Anderl?«
»Ja.«
»Auf der Roaner Leiten, gel?«
»Ja, auf der Roaner Leiten.«
»Aufklaubt hast'n net?«
»Na, woadwund hab' i 'n g'schossen, den Herrgottsaggerament,« sagte der Anderl eifrig, »a Mordstrumm Sechserbock is. Aba woaßt scho, wia's oft geht; er is ma z'schnell uma. Grad halt no, daß i z'schiaßen kemma bi. Da hab i's um a Handbroat z'weit hint' schnallen lassen.«
»Hat's 'n a bissel z'sammg'rissen?«
»Ja, und mit de hinteren Läuf hat a 's Zoacha geben.«
»Do, da kriag'n ma'n scho, Anderl. Der is net weit g'sprunga. Mir genga jetzt mitanand hoam und hol'n mein Pürschei[A]. Der führt ins am Schwoaß, daß 's nix Schöners net gibt.«
»Vom Alten wer i an Schnaps[B] kriag'n,« meinte Anderl.
Der Sprengelsperger schmunzelte ein wenig und sagte:
»Ah was! Dös is eahm aa scho passiert; aba jetzt geh ma, i ho Zeit, daß i hoam kimm.«
Sie erreichten bald die Garmischer Straße und schritten rüstig gegen Griesen zu.
»Wo bist denn Du herkemma?« fragte Anderl.
»Ueber d' Laaber G'schwend bin i einag'stiegen, und waar schö staad hoam. Da hon i Dein Schuß g'hört und bi eahm nachganga.«
»Hast eppa gar glaabt, es waar a Lump um an Weg?«
»No, ma woaß net.«
»Jetzt da herin traut sie ja do koaner z'schiaßen! So nah bei der Straßen!«
»Moana sollt'st das! Aba de Luada san jetzt so frech wor'n, daß all'ssamt mögli waar.«
»Hast wieder oa g'spürt?«
»G'spürt? Ja, g'spürt! Auf drei Büchsenschuß bin i dro g'wen. Und wenn nit da Teufi sei G'spiel dabei g'habt hätt, nacha hätt' oana mei g'hört.«
»In da G'schwend hinten?«
»Ja, de vorig Woch'. Beim helliachten Tag, in da Fruah um simmi! I steh obern Holzer Schlag; da fallt hinter meiner a Schuß. Du woaßt ja, wo de Graßlerwand an Eck einamacht? Hinter dera is g'wen. Ich glei umi, wia da Teufi, über d' Reißen; aba da hat mi scho oana g'spannt. I hör an Pfiff, und wia'r i übers Wandl umi kimm, siach i grad no, a vierhundert Schritt unter meiner, wia'r oana in d'Latschen einispringt. Aufziag'n und schiaßen is oans g'wen, aber treffa hon i 'n net kinna. Es is ja oamol z'weit g'wen. Jetzt schau Di o, a solchene Frechheit!«
»Herrgott, do wenn i dabei g'wen waar!« sagte der Anderl.
»Hättst 'n aa nimmer dawischt. Der Lump hat z'viel Vorsprung g'habt. Und es san aa mehra beinand g'wen, so Tiroler Spitzbuam.«
»De Lumpen, de vadächtigen,« stimmte Anderl bei.
»Woaßt, wia'r i abikimm,« fuhr der Sprengelsperger fort, »liegt a Gambsgoaß da. 's Kreuz hamm 's ihr a'gschossen. Aba mir kemma scho no amol z'samm, und nacha geht's anderst. Mi soll da Teufi lotweis holen, wenn i net oan 'naufschiaß, daß er flacken bleibt auf da Votzen. Den leg i um, oder i ho's no nia to!«
So zornig war der Sprengelsperger geworden, daß ihm die Pfeife ausging. Er blieb stehen und zündete sie wieder an und blies den Rauch links und rechts durch den Schnurrbart hinaus.
Und dazwischen kamen wieder ehrende Namen für die glaubenstreuen Tiroler, »de Hund de miserabligen, de ganz schlechten.«
Der Anderl nickte beistimmend mit dem Kopfe und hörte dem Alten zu.