Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten

Part 3

Chapter 33,757 wordsPublic domain

Das sei nicht darum gewesen, sagte Peter, sondern weil ihm das hübsche Fräulein aufgefallen sei.

Das könne sie aber gewiß nicht glauben, erwiderte Anna, und sie sähe deutlich, daß der Herr Spanninger sie verspotte. Denn es gäbe Schönere als sie in Dürnbuch.

Es sei keine so hübsch, versicherte Peter.

O, da müsse sie lachen, sagte Anna, denn er sei ein galanter Herr, der solche Dinge allen Mädchen sage. Aber sie wisse recht gut, daß vornehme Leute gerne ihren Scherz trieben.

Peter schwieg und horchte mit Unbehagen auf Schritte, die vom untern Ende der Gasse her klangen.

Das sei der Schuhmacher Brummer, flüsterte Anna, und Herr Spanninger möge in das Haus eintreten. Sie nahm ihn bei der Hand und schlich auf den Zehenspitzen voran.

Peter konnte nicht widerstreben, da die Schritte näher kamen. Es war ihm jedoch in dem engen Hausgange keineswegs wohl zumute, und er beschloß, baldigst Abschied zu nehmen.

Anna lehnte die Türe zu und lugte durch die Spalte hinaus.

Der nächtliche Spaziergänger kam vorbei, und es war wiederum stille.

Jetzt gab Peter kund, daß er nicht mehr länger bleiben könne; aber das Mädchen ließ ihn nicht ziehen. Er müsse noch warten, denn der Schuhmacher Brummer könne umkehren. Bei den Worten schmiegte es sich an den jungen Mann; er fühlte ihre Schulter und roch den Duft ihrer Haare, aber er rührte sich nicht.

Anna seufzte.

Was sich der Herr Spanninger denken müsse, daß sie jetzt so mutterseelenallein im Dunkeln bei ihm stände?

Peter sagte, sie könne nichts dafür, daß sie sich verbergen müßten, und es dauere nicht mehr lange.

Nein, nein! erwiderte Anna, so leicht sei es nicht zu nehmen, alle Welt sei dabei, von einem Mädchen immer das Schlechteste zu denken, und der Herr Spanninger habe gewiß eine schlimme Meinung von ihr.

Er habe eine gute Meinung von ihr, sagte Peter.

Anna seufzte wieder.

Das hoffe sie fest. Denn sonst müsse es sie bitter gereuen, daß sie den Brief geschrieben habe. Und eigentlich, sie könne es nicht begreifen, wie sie den Mut gefunden habe.

Es sei nichts weiter dabei, sagte Peter.

Für ihn nicht, erwiderte Anna. Aber was würden die Leute von ihr sagen, wenn sie es erführen? Sie könnte sich nicht mehr auf der Straße blicken lassen, so würden alle über sie herfallen.

Das erfahre niemand, sagte Peter.

Ja, das müsse der Herr Spanninger versprechen, das Geheimnis müsse er wahren. Er dürfe nicht sagen, daß sie ihm geschrieben habe, und er dürfe nicht sagen, daß er in ihrem Hause gewesen sei in der stockfinsteren Nacht und ganz allein.

Er werde nie davon sprechen, sagte Peter.

Sie habe jedoch davon gehört, erwiderte Anna, daß die Vornehmen sich darüber lustig machen, wenn sie einem Mädchen den Kopf verdrehen. Und der Herr Spanninger habe gewiß viele Abenteuer gehabt und lache über die Mädchen, die ihm Glauben schenkten.

Er werde gewiß nichts verraten, versicherte Peter, und überdem, jetzt wolle er gehen.

Anna öffnete zögernd die Tür und schloß sie hastig wieder.

Denn auf ein neues klangen Schritte in der engen Gasse.

Es waren feste, grob aufgesetzte Tritte. Eilige Tritte.

Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen.

»Jesus! Der Vater!« flüsterte sie.

Peter fühlte sein Herz stille stehen. Er wollte hinaus in das Freie.

»Um Gottes willen nicht!« sagte das aufgeregte Mädchen. »Es ist zu spät! Da hinein! Sie müssen da hinein!« Hastig zog sie ihren Besucher in den Gang zurück, bis sie an eine Türe kam, die sie aufriß. Ein dumpfer Kellergeruch schlug Peter entgegen, aber Anna ließ ihm keine Zeit zur Besinnung. Sie gab ihm einen heftigen Ruck, also daß er stolpernd nachfolgen mußte. Dann stand er schwer atmend in einem moderigen Gewölbe und horchte. Die Haustüre wurde geöffnet. Eine rauhe Stimme fluchte über die Nachlässigkeit, daß um diese Stunde nicht abgesperrt sei. Dann rief die Stimme Anna beim Namen, mehrmals, und mit jedem Male lauter. Dann klangen schwer genagelte Stiefel gegen die Treppenstufen. Fröschl wollte über die Stiege hinaufgehen, um seine faule Tochter zu wecken. In diesem Augenblicke machte Peter in seiner Angst eine Bewegung und schlug mit dem Gewehrkolben heftig gegen die Gießkanne, die hinter ihm stand. Der Schlag tönte laut durch den Gang, und Fröschl schrie, was das sei? Hallo, was das sei?

Anna kam hervor und sagte, daß sie es wäre, und was der Vater wolle.

Fröschl herrschte sie an, was sie in der Kammer um diese Zeit zu tun habe, und das wolle er gleich sehen.

Peter hörte, wie der grimmige Mensch mit einer Zündholzschachtel hantierte, und dann sah er Licht aufblitzen.

Schreckliche Gedanken bestürmten ihn. Erinnerungen an teuflische Geschichten von Menschen, die in verborgenen Kellern umgebracht wurden, von Totengerippen, die erst nach vielen Jahren bei baulichen Veränderungen gefunden wurden; von jungen Männern, die spurlos verschwanden. Er warf sein Gewehr von sich, denn er dachte, daß der Anblick der Waffe die Roheit seines Feindes steigern würde. Und er schrie mit heiserer Stimme: »Schonen Sie mich! Ich bin der Sohn achtbarer Bürgersleute!«

Was und wie? grollte Fröschl.

Und Peter wiederholte es:

»Halten Sie ein! Hier steht der Sohn ehrbarer Leute!«

»So, so, der Herr Spanninger!« höhnte Fröschl, indem er den todbleichen Jüngling beleuchtete. Dann wandte er sich um gegen seine Tochter, und als er merkte, daß sie über die Stiege eilte, folgte er ihr mit schrecklichen Worten.

Peter tastete sich die Mauer entlang bis zur Haustüre. Er riß sie auf und stürmte hinaus und lief mit tollen Sprüngen durch die Kreuzgasse. Er lief bis in die Mitte des Stadtplatzes und machte erst am Marienbrunnen Halt, um Atem zu schöpfen. Als er wieder zu sich kam, hielt er Umschau.

Von drüben, wenige Schritte entfernt, blinkte das Licht über dem goldenen Stern, dem ehrenvollen Wahrzeichen seines Hauses. Nie hatte es ihm freundlicher gelacht.

Es überkam ihn wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der es nicht zugelassen hatte, daß ein Spanninger sein junges Leben verlor in den schmutzigen Kellern des Fröschlhauses.

Dann ging Peter heim.

Er wartete die Gelegenheit ab, daß er unbemerkt auf sein Zimmer schleichen konnte, und kleidete sich um. Seine Joppe und den Hut mit der verwegenen Feder warf er beiseite, und als er gleich darauf in der väterlichen Wirtsstube saß, fühlte er kräftiges Wohlbehagen und herzliche Freude an der bürgerlichen Ehrbarkeit.

Er hoffte zuversichtlich, daß sein Abenteuer geheim bleiben würde. Fröschl hatte guten Grund, über seine Mordpläne zu schweigen, und das Mädchen nicht weniger. Denn sicherlich war das ein abgemachtes Spiel gewesen.

Die Nacht schlief Peter unruhig. Arge Träume quälten ihn. Er sah einen wilden Menschen und eine üppige Weibsperson in einem Keller schwere Verbrechen begehen. Sie pökelten einen Leichnam in das riesige Krautfaß ein; und der Tote trug die Züge des Peter Spanninger.

Schweißtriefend erwachte er. Es pochte heftig an die Türe; der Hausknecht trat ein und brachte ein Gewehr. Der Fröschl habe es abgegeben, sagte er und drückte sein linkes Auge bedeutsam zu und lächelte.

Und dieses Gehaben mußte Peter durch mehrere Wochen sehen. Nämlich alle Bräuburschen und alle Dienstboten und die Kellnerinnen und die Gäste und der alte Sternbräu selber hatten es angenommen, mit den Augen zu blinzeln, wenn sie Peter sahen.

Und noch viele Jahre später, als Herr Spanninger senior schon längst von sämtlichen Vereinen zu Grabe geleitet war und Herr Spanninger junior hinwiederum einen Sohn und künftigen Sternbräu erzeugt hatte, erzählten sich die Dürnbucher, daß Peter gar seltsam hinter den schönen Mädchen her gewesen sei.

Und auch dieses mehrte sein Ansehen.

Der Kohlenwagen

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Ein großes, schwer beladenes Kohlenfuhrwerk fuhr auf dem Tramwaygeleise, als eben ein Wagen der elektrischen Straßenbahn daher kam.

Der Kutscher des Kohlenfuhrwerks sagte: »Wüst, ahö, wüst« und fuhr so langsam aus dem Geleise, als wäre die elektrische Bahn nur eine Straßenwalze.

Er bewerkstelligte auch, daß er gerade noch mit dem hinteren Rade an den Wagen stieß.

Das Rad brach und der Kohlenwagen senkte sich krachend mitten in das Geleise.

»Du Rammel, Du g'scherter, kannst net nausfahren?« schrie der Kondukteur.

»Jetzt nimma, Du Rindviech!« antwortete der Kutscher. Und er hatte ganz recht, denn eine Kohlenfracht kann man nicht auf drei Rädern wegbringen.

Der Kondukteur legte dem Fuhrmanne noch einige Fragen vor. Ob er glaube, daß er das nächste Mal aufpassen wolle; ob er vielleicht =nicht= aufpassen wolle und ob noch ein solcher dummer Kerl Fuhrmann sei.

Dies alles brachte den Kutscher nicht aus seiner Ruhe.

Er stieg ab und stellte fest, daß das Rad vollständig kaputt sei.

Und da er infolge dieser Tatsache die Meinung gewann, daß sein Aufenthalt von längerer Dauer sein werde, zog er die Tabakpfeife aus der Tasche und begann zu rauchen.

Erst jetzt faßte er den Kondukteur näher ins Auge, und als er ihn genug besichtigt hatte, erklärte er dem sich ansammelnden Publikum, daß er =nicht= aufpasse, weder auf die Tramway, noch auf den Kondukteur.

Und dann lud er die Aktiengesellschaft sowie deren sämtliche Bedienstete zu einer intimen Würdigung seiner Rückseite ein.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Schutzmann durch die Menge und stellte sich vor den Wagen hin.

»Was gibt's da? Was ist hier los?« fragte er.

»A hinters Radl is los,« sagte der Kutscher.

»So? Das wer'n wir gleich haben,« erwiderte der Schutzmann, und ich glaubte, daß er ein Mittel angeben wolle, wie man umgestürzten Wägen am schnellsten auf die Räder hilft.

Der Schutzmann zog ein dickes Buch aus der Brusttasche, öffnete es und nahm einen Bleistift heraus, der an dem Deckel steckte.

Während er ihn spitzte, kam wieder ein elektrischer Wagen angefahren.

Der Lenker desselben machte großen Lärm, als er nicht vorwärts konnte, und der Schaffner blies heftig in sein silbernes Pfeifchen.

»Was ist denn das für ein unverschämtes Gefeife? Wollen S' vielleicht aufhören zu feifen?« fragte der Schutzmann und blickte den Schaffner durchdringend an, während er den Bleistift mit der Zunge naß machte.

»So,« sagte er dann, indem er sich wieder zu dem Kutscher wandte, »jetzt sagen Sie mir, wie Sie heißen tun.«

»Matthias Küchelbacher.«

»Mat-thi-as Kü-chel-bacher. Wo tun Sie geboren sein?«

»Han?«

»Wo Sie geboren sein tun?«

»Z' Lauterbach.«

»So? In Lau-ter-bach. Glauben S' vielleicht, es gibt bloß =ein= Lauterbach? Wollen S' vielleicht sagen, wo das Höft ist? Tun S' ein bissel genauer sein, Sie!«

Inzwischen hatte sich die Menge, welche den Wagen umstand, immer mehr vergrößert.

Ein Herr in der vordersten Reihe untersuchte mit sachverständiger Miene den Schaden.

Er bückte sich und sah den Wagen von unten an; dann ging er vor und faßte die lange Seite scharf ins Auge, und dann bückte er sich wieder und klopfte mit seinem Stocke auf die drei ganzen Räder.

Und dann sagte er, es sei bloß eines kaputt, und wenn es wieder ganz wäre, könne man sofort wegfahren.

Die Umstehenden gaben ihm recht. Ein Arbeiter sagte, man müsse versuchen, ob man den Wagen nicht wegschieben könne. Er spuckte in die Hände und stellte sich an das hintere Ende des Wagens.

Dann sagte er: »öh ruck! öh ruck!« und schüttelte den Wagen, und spuckte immer wieder in seine Hände, bis ihn die Schutzleute zurücktrieben. Diese entwickelten jetzt eine große Tätigkeit. Sie gaben acht, daß die Zuschauer sich anständig benahmen und in einer geraden Linie standen. Das war nicht leicht. Wenn sie oben fertig waren, drängten unten die Neugierigen wieder vor, und deshalb liefen sie hin und her und wurden ganz atemlos dabei.

Noch dazu mußten sie acht geben, daß jeder Schutzmann, der hinzukam, seinen Platz erhielt, wenn ein Vorgesetzter erschien, mußten sie ihm alles erzählen, und wenn ein neuer Tramwaywagen daherfuhr, mußten sie dem Kondukteur einschärfen, daß er nicht durch die anderen Wägen durchfahren dürfe.

Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, weil ich nach zwei Stunden zum Abendessen gehen mußte. Aber ich las am nächsten Tage mit Befriedigung in den Blättern, daß der Polizeidirektor, der Minister des Innern und unsere zwei Bürgermeister am Platze erschienen waren.

Auf Reisen

Aus: Pistole oder Säbel. Verlag Albert Langen, München

Ich fuhr nach Tirol. Das Coupé zweiter Klasse war gut besetzt. Neben mir saß ein würdig aussehender Herr mit langen Koteletten, offenbar der Gatte der beleibten Dame, welche so stark transpirierte und wie eine Moschusseife roch.

Die drei jungen Mädchen, welche aus ihren Reisetäschchen Ansichtspostkarten hervorholten und abwechselnd Lachkrämpfe bekamen, schienen die Töchter des Ehepaares zu sein. Der Herr mit den Koteletten versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Ich muß hier eine Eigentümlichkeit meines Charakters erwähnen. Ich besitze ein überaus sanftes Temperament. Wenn mich aber im Friseurladen oder in der Eisenbahn ein Fremder anspricht, verspüre ich ein sonderbares Prickeln in der Kopfhaut. Ich begreife in solchen Augenblicken, daß es Kannibalen gibt, welche ihre Mitmenschen auseinandersägen lassen.

Ja, ich beneide sie um die Macht hiezu.

Wenn der Herr mit den Koteletten eine Ahnung gehabt hätte, wie ich in Gedanken mit jedem Gliede seines Körpers verfuhr, er würde geschwiegen haben, er würde nicht den Mut gefunden haben, mir zu erzählen, daß es warm mache und daß eine Reise im Winter verhältnismäßig angenehmer sei, weil man sich gegen Kälte leichter schützen könne als gegen Hitze.

Er ahnte nichts und übersah es, daß in der Art, wie ich ihm den Zigarrenrauch in das Gesicht blies, etwas Gefahrdrohendes lag.

Er übersah es so vollständig, daß er mir versprach, aus seinen Reiseerlebnissen Beispiele anzuführen, welche die Richtigkeit seiner Behauptung klarlegen sollten.

In diesem Augenblicke erinnerte ich mich, daß ich meine schwergenagelten Bergschuhe angezogen hatte; ich wartete, bis er den ersten Satz seiner Erzählungen begonnen hatte, und stieß ihm dann gegen das linke Schienbein, daß ihm die Augen naß wurden.

Wenn er glaubte, daß ich mich nach seinem Befinden erkundigen würde, täuschte er sich.

Ich verhielt mich schweigend und bemerkte mit Genugtuung, daß ihn die Roheit meines Benehmens verstimmte.

Er wandte sich an seine Gemahlin.

»Bei dieser Hitze hätten wir auch was Besseres tun können, als reisen.«

»Dir zuliebe können wir nicht im Winter nach Tirol fahren,« erwiderte die beleibte Dame ziemlich gereizt.

»Tja! Aber 'n Vergnügen is es nun gerade nich.«

»Otto, willst Du den Mädchen auch =diesen= Genuß verderben?«

Die Frage klang so drohend, daß niemand gewagt hätte, sie mit »ja« zu beantworten. Der Herr mit den Koteletten auch nicht. Er setzte sich zurück, rieb das Schienbein und las die Annoncen.

Vielleicht dachte er darüber nach, weshalb seine Meinungsäußerungen so geringen Beifall fanden.

Die beleibte Dame warf ihm noch einen feindseligen Blick zu, welcher genügte, den Mann auf eine halbe Stunde totzumachen. Dann ließ sie über ihre Züge den Ausdruck mütterlichen Wohlwollens gleiten und schenkte ihre Aufmerksamkeit den Töchtern.

»Ella! Hilde! Kinder, was habt Ihr?«

Die ältere, eine Blondine von knospendem Embonpoint, unterdrückte ihren beängstigenden Lachanfall.

»Ach, Mama! Die Karte von Rudolf!«

»Zeig sie mal!«

Ella reichte eine bunte Ansichtskarte herüber. Ich saß so nahe, daß ich das Bild sehen konnte. Ein dicker Student, auf einem Bierfasse sitzend, in der einen Hand die Pfeife, in der andern den Maßkrug.

Die Mama las halblaut vor:

Ihr kneipt Natur In Wald und Flur; Ich kneipe hier Bei Wurst und Bier.

Es war schrecklich, wie die Mädchen aufs neue kichern mußten; sie hielten ihre Taschentücher vor, bissen darauf und ließen die Augen in Tränen schwimmen.

Die beleibte Dame lächelte gütig und streifte mich mit einem Blick, in welchem viel Mutterstolz lag.

Ich sah deutlich, daß sie mich auf Umwegen zum Sprechen bringen wollte, und beschloß, ihr für diesen Fall auf den Fuß zu treten; es war ein Glück für sie, daß der Zug hielt und die Coupétür aufgerissen wurde.

Ein Herr wollte einsteigen, aber die beleibte Dame erklärte energisch, daß kein Platz frei sei.

Es entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, in welchen auch der Mann mit den Koteletten eingriff. Er schöpfte Mut aus der Gewißheit, auf der gleichen Seite zu stehen wie seine Frau, und seine Haltung gewann an Festigkeit mit jedem Satze, welcher von ihr beifällig aufgenommen wurde.

Anfänglich sekundierte er, dann übernahm er die Führung, und zuletzt gehabte er sich so schrecklich zornig, daß ihm die Gemahlin ängstlich abwehrte.

»Aber Männchen, beruhige Dich doch! Du bist ja entsetzlich in Deiner Wut ...«

»Nein, Mausi, laß mich! Ich dulde nicht, daß man Euch zu nahe tritt.«

Und er brüllte wieder zur Coupétüre hinaus:

»Was glauben Sie eigentlich? Was fällt Ihnen ein? Sehen Sie nicht, daß hier Damen sitzen? Diese Damen stehen unter =meinem= Schutze, haben Sie mich verstanden? Unter =meinem= Schutze! Ich dulde absolut nicht ...«

»Aber Männchen!«

Die beleibte Dame klammerte sich ängstlich an ihn, als fürchte sie, daß er im nächsten Augenblicke etwas sehr Unbesonnenes tun würde.

Er machte sich sanft aus der Umarmung los und schrie, daß seine Ohren sich blau färbten.

»In Deutschland nimmt man Rücksicht auf Damen. Da könnte so etwas nicht passieren, verstanden! Haben Sie in Oesterreich noch nicht gelernt, wie man sich gegen Damen zu benehmen hat? Aber Sie irren sich, wenn Sie glauben. Ich dulde absolut nicht ...«

»Männchen, setze Dich zurück! Ich bitte Dich ...«

»Nein, Mausi! Ich will mal sehen, ob man ...«

In diesem Augenblicke kam der Schaffner und erkundigte sich nach der Ursache des Lärmes.

Der Herr draußen sagte sie ihm.

Der Schaffner konstatierte, daß nur sechs Personen im Coupé seien, während vorschriftsmäßig acht Platz hätten.

Er schob den Herrn zur Türe herein, schlug zu und pfiff, worauf sich der Zug in Bewegung setzte.

Der Mann mit den Koteletten beugte sich zum Fenster hinaus und rief dem Beamten mit der roten Mütze zu:

»Natürlich! Das sind österreichische Zustände! Das sind echt österreichische Zustände!«

Als keine Antwort erfolgte, zog er sich endlich zurück und sah so martialisch um sich, als hätte ich ihm niemals in das Schienbein getreten.

Ich beobachtete den neuen Fahrgast. Ein fetter, blonder Herr mit Gesichtspickeln. Seine wasserblauen Augen sahen verständnislos in die Welt; an seinen dicken, runden Fingern glänzten fünf oder sechs Brillantringe.

Ich mußte sie bemerken, weil er häufig die rechte Hand mit einer schönen Geste an den Mund führte und sich räusperte.

Er versuchte, der Reihe nach die drei Mädchen anzulächeln, aber er begegnete sehr abweisenden Mienen.

Die beleibte Dame schoß ihm Blicke zu, welche ihm durch und durch gingen.

Er fühlte sich sehr unbehaglich und wollte das eisige Schweigen brechen.

»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, aber ich bin sehr gegen meinen Willen hier eingedrungen und bedaure lebhaft die Störung.«

Niemand schenkte ihm Gehör.

»Sie dürfen mir glauben, daß ich lieber in einem leeren Coupè fahre als in einem vollen. Noch dazu, wenn geraucht wird. Ich bin Tenor.«

Die Wirkung seiner Worte war großartig.

Die drei jungen Damen wandten sich ihm lebhaft zu, und die Mama glättete sämtliche Falten, welche ihre Stirn durchfurcht hatten.

»Sie sind Berufssänger?« fragte sie.

»Aber ja,« antwortete der Herr mit den Gesichtspickeln, »ich bin Mitglied der Wiener Hofoper, wann Sie gestatten. Sperlbauer Pepi is mein Name.«

»Sie sind hier zum Sommeraufenthalt?« fragte die beleibte Dame wieder.

»Ja; ich erhole mich etwas von den Bayreuther Strapazen.«

»Sie haben bei den Festspielen mitgewirkt?«

»Aber ja; ich habe im Ring mitg'sungen, wann Sie gestatten.«

Ein betäubender Lärm erhob sich.

»Elsa! Mama! Hilde! Im 'Ring'! Das ist ja gottvoll! Und wie er das sagt! Ist er nicht süß? O, er muß uns etwas in das Album schreiben!«

»Kinder! Wir dürfen doch den Herrn nicht plagen.«

»Ach, Mamachen!« schmollte die Aelteste, »denk nur, was für Augen sie bei Röpkes machen werden, wenn wir einen Vers von einem echten Sänger haben. Bitte! Bitte! Mein Herr!« fügte sie schmelzend hinzu und sah den Tenor seelenvoll an.

»Können Sie grausam sein?« fragte die Mutter.

»Aber bitte, wie können Sie glauben?« erwiderte Pepi Sperlbauer, »ich schätze mich glücklich, wann ich so hübschen, jungen Damen eine Gefälligkeit erweisen darf.«

Er sah dabei jede mit seinen wasserblauen Augen an und lächelte gewinnend.

Fräulein Ella reichte ihm errötend ihr Album und einen Bleistift.

Er netzte ihn und sah zur Decke hinauf.

»Wann ich nur wüßte, was ich Ihnen schreiben soll.«

»O bitte! Irgend etwas. Eine Zeile. Einen Vers.«

»Vielleicht etwas von Wagner?«

Pepi Sperlbauer sprach den Namen aus, als wenn er mit drei a geschrieben würde.

»Entzückend! Ja, das wäre herrlich!«

Der Sänger schrieb und überreichte mit einem innigen Blicke das Album der Besitzerin.

»Ich bedaure nur,« sagte er, »daß ich bei der nächsten Station mich von der liebenswürdigen Gesellschaft trennen muß. Aber freilich, Sie werden froh sein, wann der Eindringling fort ist.«

»O, wie schade! Mama! Ach Gott, wie können Sie denken!«

»Eine gewisse Störung habe ich doch verursacht,« meinte der Tenor mit einer kleinen Verbeugung gegen den Herrn mit den Koteletten.

Dieser fühlte, daß er etwas sagen sollte.

»Na, pardong! Ich hatte natürlich keine Ahnung, verehrter Meister, aber ...«

Er kam nicht weiter, weil seine Frau ihn durch einen fürchterlichen Blick in die Kissen zurückwarf.

Und weil der Zug hielt. Pepi Sperlbauer erhob sich und verabschiedete sich mit vielen Verbeugungen und herzlichen Händedrücken.

Er winkte leutselig mit dem Hute, als wir weiter fuhren. Fräulein Ella ließ ihr Taschentuch wehen und trat erst nach geraumer Weile vom Fenster zurück.

»Wie schade, daß er schon aussteigen mußte!«

»Er wäre vielleicht geblieben, wenn nich jemand so roh gegen ihn gewesen wäre,« sagte die Mama mit scharfer Betonung.

Der Herr mit den Koteletten vertiefte sich anscheinend in die Zeitung, die ihn vor den Blicken der Gattin schützte.

»Was hat er nur in das Album geschrieben?« fragte Hilde.

»Ach ja, das Album!« Ella öffnete es hastig und las vor:

»Ehrt Eure deutschen Meister, So bannt Ihr gute Geister.

=Pepi Sperlbauer.=«

»Wie hübsch! Wie geistvoll!« riefen die Töchter.

»Es ist aus den 'Meistersingern',« erklärte ihr Vater und sah über die Zeitung herüber.

»Und es ist offenbar eine Anspielung, daß man sich gegen gottbegnadete Künstler nicht so roh benehmen soll,« sagte die Mama.

Auf der Elektrischen

Aus: Nachbarsleute. Verlag Albert Langen, München

In München. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinandergerüttelt werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus.

»Müliansplatz!«

Heißt eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner salutiert militärisch.

Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was ein.

Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.

Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennig.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere; er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hält.

»Deonsplatz!« schreit der Schaffner.

Heißt eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen.

Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den Zylinder vom Kopfe.

Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und blickt strafend auf das Weib.

»Aber erlauben Sie!« sagt er.

-- ?! --

»Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!«

Die Leute im Wagen werden aufmerksam.