Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 9
Dabei blickte er beim Worte 'Herde' wohlwollend auf die umherstehenden jungen Leute, beim Worte 'Führer' schien er selbstgefällig in sich hineinzulächeln.
'Denn,' fuhr er dann fort, 'gar zu hoch ist ja dies für eigenes, tiefes Denken, und ohne einen Lehrer gibt es hier gar keinen Zugang. Andererseits aber sagt auch der Veda in der Belehrung Çvetaketus: "Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit verbundenen Augen hergeführt und dann in die Einöde losgelassen haben, nach Osten oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird, weil er mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm gesprochen: 'Dort hinaus wohnen die Gandharer, dort hinaus gehe,' von Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen Lehrer gefunden hat, sich bewußt: diesem Welttreiben werde ich nur so lange angehören, bis ich erlöst sein werde, und dann werde ich heimgehen.'"
Nun merkte ich wohl, daß dieser Brahmane darauf ausging, mich zum Schüler zu gewinnen. Aber eben diese Begehrlichkeit erweckte bei mir kein Zutrauen. Gar wohl aber gefiel mir jenes Vedawort, das ich im Weitergehen mir immer wiederholte, um es zu behalten. Dabei fiel mir ein Spruch ein, den ich einmal über einen Meister gehört hatte: 'Den Vollendeten verlangt es nicht nach Jüngern, aber die Jünger verlangt es nach dem Vollendeten.' Wie muß der, dachte ich mir, ein ganz anderer Mann sein als dieser Waldbrahmane! Und es verlangte mich, Ehrwürdiger, nach jenem nicht verlangenden Meister."
"Wer war wohl aber der Meister, den du also hattest preisen hören, und wie nennt er sich?"
"Es ist, o Bruder, der Asket Gautama, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat. Diesen Meister Gautama aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesruf: 'Das ist der Erhabene, der Heilige, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Meister der Götter und Menschen, der vollkommen Erwachte, der Buddha.' Um des Erhabenen willen pilgere ich nun; zu seiner Lehre will ich mich bekennen."
"Wo aber, Pilger, weilt er jetzt, der Erhabene, vollkommen Erwachte?"
"Es liegt, o Bruder, oben im nördlichen Reiche Kosala, eine Stadt, die Savatthi heißt. Und vor der Stadt ist der Waldpark Jetavana, mit mächtigen, tiefen Schatten spendenden Bäumen, worunter Menschen lärmentrückt sitzen und denken können, mit klaren, Kühlung aushauchenden Teichen, mit smaragdenen Matten, mit zahllosen Blumen in mannigfaltigen Farben. Diesen Hain aber hat der reiche Kaufmann Anathapindika schon vor Jahren vom Prinzen Jeta um so viel Gold erstanden, daß damit der ganze Boden bedeckt werden könnte, und hat ihn dann dem Buddha übergeben. Dort also in Jetavana, dem lieblichen, Weisenscharen-durchwandelten, hat er, der Erhabene, der vollkommen Erwachte, gegenwärtig seinen Aufenthalt. Und im Verlaufe von etwa vier Wochen hoffe ich, wenn ich rüstig ausschreite, den Abstand von hier nach Savatthi bewältigt zu haben und zu seinen, des Erhabenen, Füßen zu sitzen."
"Hast du aber, Pilger, ihn, den Erhabenen, schon einmal gesehen, und würdest du ihn, wenn du ihn sähest, erkennen?"
"Nein, Bruder, ich habe ihn, den Erhabenen, noch nicht gesehen, und sähe ich ihn, so würde ich ihn nicht erkennen."
Da dachte denn der Erhabene bei sich: "Um meinetwillen pilgert dieser Pilger, zu meinem Namen bekennt er sich; wie, wenn ich ihm nun die Lehre darlegte?" Und der Erhabene wandte sich an Kamanita und sprach:
"Der Mond hat sich erst gerade über den Dachvorsprung erhoben, wir sind noch nicht tief in der Nacht, und langer Schlaf ist dem Geiste nicht gut. Wohlan, wenn es dir recht ist, will ich als Gegengeschenk für deine Erzählung dir die Lehre des Buddha darlegen."
"Es ist mir recht, Bruder, und ich bitte dich, es zu tun."
"So höre, Pilger, und achte wohl auf meine Rede."
XIX. DER MEISTER
Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt. Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten. Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfad.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden; Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das, was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende, ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung? Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."
Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz, überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen, schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab, überall befestigend und vervollkommnend.
Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten Rede klar wird.
Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:
"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften kommst du nicht zum Entstehen.
Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf: Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht gibt es ferner ein neues Sein.
So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.
Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend, sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:
Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk, nicht mehr ist für mich diese Welt da.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden ein Ende gemacht.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von 'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.
Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter; nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der bösen.
Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."
XX. DAS UNVERNÜNFTIGE KIND
Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er: "Du hast mir da, Ehrwürdiger, gar vieles davon gesagt, wie der Mönch dem Leiden schon bei Lebzeiten ein Ende macht, aber nichts davon, was aus ihm wird, wenn dann sein Leib im Tode zerfällt und zu den Elementen zurückkehrt, ausgenommen, daß von da ab weder Menschen noch Götter, noch die Natur selber ihn sehen. Aber von einem ewigen Leben, von höchster Wonne und himmlischer Seligkeit"-davon habe ich nichts vernommen. Hat denn der Erhabene darüber nichts offenbart?
"So ist es, Bruder, so ist es. Der Erhabene hat darüber nichts offenbart."
"Dann heißt das so viel, als daß der Erhabene von dieser wichtigsten Frage nicht mehr weiß als ich selber," versetzte Kamanita unmutig.
"Meinst du? So höre denn, Pilger. In jenem Sinsapawalde bei Kosambi, wo du und deine Vasitthi euch ewige Treue und Wiedersehen im Paradiese des Westens zugeschworen habt, weilte auch zu einer Zeit der Erhabene. Und der Erhabene trat aus dem Walde, ein Bündel Sinsapablätter in der Hand, und sprach zu den Jüngern: 'Was meint ihr, ihr Jünger, ist mehr, diese Sinsapablätter, die ich in die Hand genommen habe, oder die anderen Blätter droben im Sinsapawalde?' Und ohne sich lange zu besinnen, antworteten sie: 'Die Blätter, Herr, die der Erhabene in die Hand genommen hat, sind wenige, und viel mehr sind jene Blätter droben im Sinsapawalde.' 'Ebenso auch, ihr Jünger,' sprach der Erhabene, 'ist das viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet, als das, was ich euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich euch jenes nicht verkündet? Weil es nicht heilsam, nicht urasketentümlich ist, nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zum Erwachen, nicht zum Nirvana führt."
"Wenn der Erhabene im Sinsapawalde vor Kosambi also gesprochen hat," antwortete Kamanita, "dann dürfte die Sache noch schlimmer stehen. Denn er hat dann über diesen Punkt geschwiegen, um die Jünger nicht zu entmutigen, oder gar abzuschrecken, indem er ihnen die letzte Wahrheit enthüllte: nämlich die Vernichtung. Diese scheint mir denn auch als notwendige Folge aus dem hervorzugehen, was du mir auseinandergesetzt hast. Denn nachdem alle Gegenstände der fünf Sinne und des Denkens als vergänglich, wesenlos und leidvoll abgewiesen und verneint sind, bleiben eben keine Bestimmungen übrig, mittelst welcher irgend etwas zu fassen wäre. Und so verstehe ich denn, Ehrwürdiger, die mir von dir dargelegte Lehre dahin, daß ein Mönch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat, wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, daß er vergeht, daß er nicht mehr ist jenseits des Todes."
"Sagtest du mir nicht, Pilger," fragte dann der Buddha, "daß du binnen eines Monats zu Füßen des Erhabenen im Waldparke Jetavana bei Savatthi sitzen würdest?"
"Das hoff ich sicher zu tun, Ehrwürdiger; warum fragst du mich?"
"Wenn du nun also zu Füßen des Erhabenen sitzest, was meinst du dann, Freund--die Körperform, die du dann siehst, die du mit den Händen berühren kannst--ist die der Vollendete, siehst du es also an?"
"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger."
"Wenn nun aber der Erhabene mit dir spricht,--das Bewußtsein, das dann zum Vorschein kommt, mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen--ist denn das der Vollendete? Siehst du es also an?"
"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger." "So sind wohl, Freund, der Körper und das Bewußtsein zusammengenommen der Vollendete?"
"Auch so sehe ich es nicht an, Ehrwürdiger."
"Ist denn der Vollendete geschieden von dem Körper? oder vom Bewußtsein? oder von beiden? Siehst du es so an, Freund?"
"Er ist insofern von ihnen geschieden, als sein Wesen durch diese Bestimmungen noch nicht erschöpft ist."
"Welche Bestimmungen hast du denn nun, Freund, außer denen der Körperlichkeit mit allen ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und dem Bewußtsein mit seinem ganzen Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen--welche Bestimmungen hast du noch außerdem, mittelst welcher du das noch nicht Erschöpfte im Wesen des Vollendeten erschöpfen kannst?"
"Solcher anderer Bestimmungen, Ehrwürdiger, habe ich freilich keine."
"So ist also, Freund Kamanita, schon hier in der Sinnenwelt der Vollendete nicht in Wahrheit und Wesenhaftigkeit für dich zu erfassen. Hast du da also ein Recht, zu sagen, daß der Vollendete--oder der Mönch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat--wenn sein Leben zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, daß er nicht ist jenseits des Todes; lediglich, weil du kein Mittel besitzest, um ihn dort in Wahrheit und Wesenhaftigkeit zu erfassen?"
Solchermaßen befragt, saß der Pilger Kamanita eine Weile, gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, schweigend da.
"Wenn ich auch kein Recht habe, das zu behaupten," sagte er schließlich, "so scheint es mir doch deutlich genug eben aus jenem Schweigen des Vollendeten hervorzugehen. Denn gewiß hätte er nicht geschwiegen, wenn er etwas Erfreuliches mitzuteilen gehabt hätte, was ja der Fall wäre, wenn er wüßte, daß den Mönch, der dem Leiden ein Ende gemacht hat, nach dem Tode keineswegs Vernichtung, sondern ewiges, seliges Leben erwartet. Denn eine solche Mitteilung könnte ja die Jünger nur anspornen und ihnen in ihrem rechten Streben förderlich sein."
"Wähnst du, Freund? Wie nun aber, wenn der Vollendete als letztes Ziel nicht die Vernichtung des Leidens hingestellt hätte--ebenso wie er mit dem Leiden selbst anfing--sondern noch darüber hinaus ein ewiges, seliges Leben jenseits des Todes gepriesen hätte? Und gar viele von den Jüngern hätten an dieser Vorstellung Gefallen gefunden, hingen ihr anhänglich an, ersehnten ihre Erfüllung mit heißer Sucht, die alle Heiterkeit der Gedenkenruhe trübte: hätten sie sich dann nicht wieder unversehens in das gewaltige Fangnetz der Lebenslust verstrickt? Und indem sie sich an ein Jenseits hielten, hierfür aber notwendigerweise alle Farben vom Diesseits nähmen, würden sie da nicht, je mehr sie dem Jenseits nachjagten, eben am Diesseits festkleben? Gleichwie etwa ein Kettenhund, der an einen festen Pfahl gebunden ist und loszukommen versucht, sich um diesen Pfahl im Kreise dreht:--ebenso würden jene lieben Jünger aus Abscheu vor dem diesseitigen Leben sich gerade um das diesseitige Leben im Kreise drehen."
"Wenn ich auch diese Gefahr zugeben muß," gab Kamanita zur Antwort, "so halte ich doch das andere Übel, die durch das Schweigen hervorgerufene Unsicherheit, für viel gefährlicher, weil es von vornherein den Eifer lähmt. Denn wie kann wohl der Jünger entschlossen und mutig mit allen Kräften streben, dem Leiden ein Ende zu machen, wenn er nicht weiß, was darauf folgt--ob ewige Seligkeit oder Nichtsein?"
"Was meinst du, Freund, wenn da ein Haus wäre, das vom Feuer ergriffen würde, und der Diener liefe, den Herrn zu wecken: 'Steh auf, Herr! Flieh! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will einstürzen'--würde wohl dann der Herr erwidern: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es draußen regnet und stürmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben."'
"Wie könnte wohl, Ehrwürdiger, der Herr also antworten? Denn der Diener hat ihm ja angstvoll zugerufen: 'Flieh, Herr! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will einstürzen'."
"Freilich hat der Diener ihm das zugerufen. Wenn nun aber dennoch der Herr antwortete: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es draußen regnet und stürmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben'--würdest du dann nicht daraus schließen, daß der Herr gar nicht richtig gehört hat, was ihm der getreue Diener zurief? daß es ihm keineswegs klar geworden ist, welche tödliche Gefahr über seinem Kopfe schwebt?"
"Freilich müßte ich ja diese Schlußfolgerung ziehen, Ehrwürdiger, da es anderenfalls undenkbar wäre, daß der Mann eine solche törichte Antwort geben könnte."
"Ebenso nun auch, Pilger--wandere, als ob dein Haupt von Flammen umgeben wäre! denn das Haus brennt. Und welches Haus? Die Welt! Durch welches Feuer entflammt? Durch der Begierde Feuer, durch des Hasses Feuer, durch der Verblendung Feuer. Die ganze Welt wird von Flammen verzehrt, die ganze Welt ist von Rauch umwölkt, die ganze Welt erbebt."
Solchermaßen angerufen, zitterte der Pilger Kamanita, wie ein junger Büffel zittert, wenn er zum erstenmal aus dem Dickicht den Ruf des Löwen vernimmt. Gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, das Gesicht von brennender Röte übergossen, saß er eine Weile schweigend da. Dann sagte er mit mürrischer, obwohl etwas bebender Stimme:
"Das will mir aber dennoch nicht gefallen, daß der Erhabene darüber nichts offenbart hat, wenn er etwas Verheißungsvolles darüber hätte mitteilen können. Und auch wenn er geschwiegen hat, weil das, was er wußte, eben trostlos und abschreckend ist, oder weil er überhaupt nichts wußte: so will mir das auch nicht gefallen. Denn des Menschen Sinnen und Trachten geht auf Glückseligkeit und Wonne, was auch in der Natur begründet ist und nicht anders sein kann. Und so habe ich ja auch die Brahmanischen Priester verkünden hören:
'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jüngling, ein lernbegieriger, der schnellste, kräftigste, stärkste, und ihm gehörte die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind _eine_ Wonne der himmlischen Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind _eine_ Wonne der Götter. Und hundert Wonnen der Götter sind _eine_ Wonne des Indra. Und hundert Wonnen des Indra sind _eine_ Wonne des Prajapati, und hundert Wonnen des Prajapati sind _eine_ Wonne des Brahman. Dies ist die höchste Wonne, dies ist der Weg zur höchsten Wonne!'"
"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wäre, der vernünftigen Erwägung unfähig. Dieses Kind empfände in einem Zahne brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefühl empfinde.' Und der Arzt antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befaßt sich nur damit, den Schmerz zu beseitigen.'--Aber das unvernünftige Kind finge an zu klagen: 'Habe ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, daß ich jetzt statt dessen ein wonniges Gefühl, süße Lust darin genösse. Auch gibt es ja, habe ich gehört, kundige, bewährte Ärzte, deren Kunst so weit reicht, und ich glaubte, daß du ein solcher wärest!' Und dies unvernünftige Kind liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen öffentlichen Ausrufer zum Schall von Trommeln und Muschelhörnern auf den Straßen verkünden ließe: 'Gesundheit ist das höchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel. Blühende, üppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefühl in allen Gliedern, in allen Adern und Fasern des Körpers, wie es die seligen Götter genießen, kann auch der Kränkste um eine geringe Opfergabe durch meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges Hochgefühl genieße.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde dargereichte Geld eingestrichen, berührte er den Zahn mit seinem Finger und brächte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges Lustgefühl sofort den Schmerz verdrängte. Und das unvernünftige Kind liefe erfreut und hochbeglückt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber ließe das Lustgefühl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und warum? _Weil ja die Ursache des Übels nicht beseitigt war_.
Aber, o Pilger, ein verständiger Mann empfände in einem Zahn brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du, mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich meiner Kunst.' 'Was könnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der verständige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fände die Ursache des Schmerzes in einer Entzündung an der Zahnwurzel. 'Geh nach Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfällt, dann lege diese Kräuter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut entfernt sein, und der Schmerz wird aufhören.' Und der verständige Mann ginge nach Hause und täte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? _Weil ja die Ursache des Übels beseitigt war_."
Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, saß der Pilger Kamanita verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röte übergossen, wortlos da, und der Angstschweiß tröpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den Achselhöhlen herunter. Fühlte er sich doch von diesem Ehrwürdigen mit einem unvernünftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem Weinen nahe.
Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:
"Hast du, Ehrwürdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des vollendeten Buddha selber?"
Selten geschieht es, daß Vollendete lächeln. Bei dieser Frage jedoch umspielte ein Lächeln die Lippen des Erhabenen.
"Das freilich nicht, Bruder."
Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Körper empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter Stimme: