Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 5
Was Einer begeht und begehen läßt: wer zerstört und zerstören läßt, wer schlägt und schlagen läßt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes nimmt, in Häuser einbricht, fremdes Gut raubt: Was Einer begeht, er ladet keine Schuld auf sich.--Und wer da gleich mit einer scharf geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte, der hat darum keine Schuld, begeht kein Unrecht. Und wer auch am südlichen Ufer der Ganga verheerend und mordend dahinzöge, so hat der darum keine Schuld: und wer da auch am nördlichen Ufer der Ganga spendend und schenkend dahinzöge, so hat der darum kein Verdienst. Durch Milde, Sanftmut, Selbstverzicht erwirbt man kein Verdienst, begeht man nichts Gutes.
Und es folgt nun das erstaunliche, ja schreckliche
_477. Sutram_,
welches in seiner frappanten Kürze lautet:
_"Vielmehr--wegen des Essers."_
Den Sinn dieser wenigen, in tiefstes Geheimnis sich hüllenden Worte erschließt uns der ehrwürdige Vajaçravas folgendermaßen:
Weit davon entfernt, daß göttliche Strafe dem Räuber und Totschläger droht, findet "_vielmehr_" das Entgegengesetzte statt: nämlich Gottähnlichkeit, was aus den Vedastellen hervorgeht, wo der höchste Gott als der "_Esser_" gepriesen wird, wie:
Der Krieger und Brahmanen ißt wie Brot, Das mit des Todes Brühe er begießt.
Wie nämlich die Welt in Brahman ihren Ursprung hat, so auch ihr Vergehen, indem das Brahman sie immer wieder hervorgehen läßt und sie immer wieder vernichtet. Gott ist somit nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Verschlinger aller Wesen, von denen hier nur "Krieger und Brahmanen" genannt werden, als die Vornehmsten, die für alle stehen. Wie es denn auch an einer anderen Stelle heißt:
Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.
Diese Worte sagte nämlich der höchste Gott, als er in der Gestalt eines Widders den Knaben Medhatithi zur Himmelswelt trug. Denn ungehalten über seine gewaltsame Entführung verlangte dieser zu wissen, wer sein Entführer sei: "Sage mir, wer du bist, sonst werde ich, ein Brahmane, dich mit meinem Zorn treffen." Da gab nun der Widdergestaltige sich zu erkennen als jenes höchste Brahman, das Alles in Allem ist, mit den Worten:
Wer ist's, der tötet und gefangen nimmt? Wer ist der Widder, der dich führt von dannen? Ich bin es, der in dieser Form erscheint, Ich bin es, der erscheint in allen Formen.
Wenn Einer fürchtet sich vor was auch immer, Ich bin's, der fürchtet und der fürchten macht; Doch in der Größe ist ein Unterschied: Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.
Wer könnte mich erkennen, wer erklären? Ich schlug die Feinde alle, mich schlug niemand.
Hier muß es nun auch dem blödesten Auge klar werden, daß die Brahmanähnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu werden--wie es der Fall sein müßte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht etwas Gutes wäre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von niemand Schaden zu leiden.
Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß jene Lehre--von der Höllenstrafe der Gewalttäter--von den Schwachen erfunden ist, um sich vor der Gewalttätigkeit der Starken zu schützen, indem sie dadurch die letzteren einschüchtern wollen.
Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so müssen sie--weil mit den Hauptsätzen unvereinbar--von jenen fälschlich eingeschoben worden sein.
Wenn also der Rigveda sagt, daß, obwohl die ganze Welt eigentlich das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das Brahmandurchdrungenste erkenne:--so muß nunmehr anerkannt werden, daß unter den Menschen wiederum der echte und wahre Räuber das Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schöpfung darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Räuberschaft nicht erhebt, so ist es, weil die Schrift des öfteren erklärt, daß die Meinung "dies gehört mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem höchsten Zwecke des Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, daß der Dieb, der eben die beständige tatsächliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehört mir" zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die höchste Wahrheit vertritt. Doch steht, wegen seiner Gewalttätigkeit, der Räuber höher.
So ist denn nun das "Krone-der-Schöpfung-Sein" des Räubers erwiesen, sowohl durch Vernunfterwägung, wie mittelst der Schrift, und ist als unwiderlegbar zu betrachten.
XI. DER ELEFANTENRÜSSEL
Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.
Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war, daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas "betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit gesetzt wurde.
Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:
"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, daß das Lösegeld nicht zur rechten Zeit ankommt, und wäre es auch nur um einen halben Tag verspätet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn die Gesetze Kalis sind unverbrüchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn! Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und für dich fürchte ich eher, daß du einmal, nach einem ruhmreichen Räuberleben, auf einem öffentlichen Platze enthauptet oder gepfählt wirst--doch das hat ja noch gute Weile."
Ich könnte nicht sagen, daß dieser Trost mich sehr aufgerichtet hätte, und so fühlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster dreinblickte, als ob er mich lieber hätte durchsägen lassen, und drückte zärtlich die Hand des Brahmanen, der eine Träne der Rührung durch die Zuversicht bannte, wir würden uns sicher noch auf den nächtlichen Pfaden Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Räubern begleitet, die mit ihrer Haut für unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn Angulimala, der um seine Räuberehre sehr besorgt war, versprach ihnen, als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt abgeliefert würde, ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen und ihre Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhängen; und es war bekannt, daß er immer sein Versprechen hielt. Glücklicherweise wurde das hier nicht nötig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker betrugen, mögen noch in diesem Augenblick im Dienste der schädelhalsbandschüttelnden Tänzerin sein.
Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmöglicher war es, ihnen die Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu unternehmen. Mein Vater hatte ja außer der nicht unbedeutenden Lösesumme auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald nicht imstande, eine neue Karawane auszurüsten. Aber dies war nur ein kleines Hindernis im Verhältnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hörte man ab und zu immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht leugnen, daß es mich wenig gelüstete, noch einmal in seine Hände zu fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser Zeit durchaus keine Möglichkeit, und so mußte ich mich denn mit der Erinnerung begnügen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrösten.
Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira, dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande niedergemetzelt oder zersprengt, der Häuptling aber mit vielen der hervorragendsten Räuber gefangen genommen und hingerichtet worden.
Nun konnten meine Eltern meinen stürmischen Bitten nicht mehr widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, daß jetzt für längere Zeit die Straßen frei sein würden, und mein Vater war nicht abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glück zu versuchen. Da befiel mich plötzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand, war die Regenzeit schon so nahe herangerückt, daß man diese erst abwarten mußte. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze einer wohlversehenen Karawane von dreißig Ochsenkarren, freudigen und mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.
Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem schönen Morgen zog ich, halb närrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier gewahrte ich nun bald ein ungewöhnliches Menschengedränge in den Straßen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwärts, bis mein Zug an einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen hatte, endlich völlig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war schlechterdings nicht möglich, durch die Menge hindurchzudringen, und ich bemerkte nun auch, daß jene Hauptstraße durch Fahnenstangen, von den Fenstern und Söllern herabhängende Teppiche und querüber gespannte Blumengewinde aufs prächtigste geschmückt war--wie für irgend einen Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was hier los sei.
"Ei," riefen sie, "weißt du denn nicht, daß heute Satagira, der Sohn des Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glücklich preisen, gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt vom Krishnatempel hier vorüber, und eine solche Pracht hast du gewiß noch nirgends gesehen."
Daß Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren Eltern eins der größten Hindernisse für unsere Vereinigung gewesen wäre. So ließ ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung sichtbar, die unter ohrenbetäubendem Jubel vorüberzog. Diese Reiter genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die größte Volksgunst, weil hauptsächlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschädlich gemacht hatten.
Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut trug--allerdings ein überwältigender Anblick. Die knorrige, hügelartige Stirn des Riesentieres war, dem Götterberg Meru ähnlich, mit einem Flor von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brünstigen Ilfenstier der Saft an den Schläfen und Wangen herabträufelt, und Bienenschwärme, von seinem süßen Duft angelockt, darüber hängen, also erglänzten hier Schläfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und darüber baumelten durchsichtige Gehänge von schwarzen Diamanten--eine Wirkung, die zum Aufschreien schön war. Die mächtigen Hauer waren mit dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die mit großen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue Benaresmusselin herabhing und die kräftigen Beine des Tieres--wie Morgennebel die Baumstämme--leicht umwallte.
Aber es war der Rüssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr prachtvolle Dekorationen der Elefantenrüssel gesehen, aber niemals eine, die so geschmackvoll gewesen wäre wie diese. Bei uns nämlich wurde der Rüssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund frei gelassen, und über diesen astähnlichen Grund war ein loses Laubgeranke von lanzettförmigen Asokablättern geschlungen, aus dem gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in köstlichster ornamentaler Stilisierung ausgeführt.
Während ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte, kam ein gar wehmütiges Gefühl über mich, indem ich gleichsam den ganzen Liebesduft jener seligen Nächte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkürlich an meine eigene Hochzeit denken mußte; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden werden für das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren Asokablüten in ganz Kosambi berühmt war?
In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir zu einer anderen sagte:
"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht fröhlich aus!"
Unwillkürlich blickte ich in die Höhe, und ein seltsam unheimliches Gefühl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter dem purpurnen Baldachin saß. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil der Kopf vornüber auf die Brust gesunken war--aber auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Körper, so doch kein mit lebendiger, widerstandsfähiger Kraft begabter steckte. Die Art und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres, dessen mächtige Schritte das Zelt auf seinem Rücken in starkes Schaukeln versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befürchten, daß sie im nächsten Augenblick herunterstürzen würde. Eine solche Furcht mochte auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie faßte die Braut an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte ins Ohr zu flüstern.
Ein eisiger Schreck lähmte mich, als ich in dieser vermeintlichen Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.
Es war meine Vasitthi.
XII. AM GRABE DES HEILIGEN VAJAÇRAVAS
Ja, sie war es. Keine Möglichkeit, sich in diesen Zügen zu täuschen,--und doch ähnelten sie sich selber nicht, und ähnelten in der Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen, übermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.
Als ich wieder zur Besinnung kam, zogen gerade die Letzten des Zuges vorüber. Man schrieb meine plötzliche Ohnmacht der Hitze und dem Menschengedränge zu. Willenlos ließ ich mich in die nächste Karawanserei bringen.
Hier warf ich mich in der dunkelsten Ecke nieder, das Gesicht nach der Wand gekehrt, und blieb da, in Tränen gebadet und alle Speise verschmähend, tagelang liegen, nachdem ich jenem alten Diener und Karawanenführer, der mich schon auf der ersten Fahrt begleitet, Anweisung gegeben hatte, so schnell wie möglich und selbst unter schlechten Bedingungen unsere Waren loszuschlagen, da ich zu krank sei, um mich mit Geschäften abzugeben. In der Tat konnte ich nur an meinen unfaßbaren Verlust denken; auch wollte ich mich nicht in der Stadt zeigen, um von niemand erkannt zu werden. Denn ich wollte vor allem verhindern, daß Vasitthi von meiner Anwesenheit etwas erführe.
Ihr Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, schwebte mir fortwährend vor der Seele. Wohl war ich über ihren Wankelmut oder eher ihre Schwäche entrüstet; denn ich sah wohl ein, daß nur die letzte in Frage kam, und daß sie dem Drängen der Eltern nicht hatte widerstehen können. Daß sie dem triumphierenden Ministersohn nicht ihr Herz zugewandt hatte, davon zeugten ihre Haltung und Miene deutlich genug. Wenn ich mich aber ihrer erinnerte, wie sie im Krishnahaine leuchtenden Blickes mir ewige Treue zugeschworen hatte, verstand ich nicht, wie es möglich war, daß sie so bald nachgegeben hatte, und ich sagte mir unter bitterem Seufzen, daß auf Mädchenschwüre kein Verlaß sei. Aber immer wieder tauchte jenes Gesicht voll tiefsten Jammers vor mir auf--und sofort war dann auch jeder Groll verscheucht, nur das innigste Mitleid wallte ihm entgegen; und so beschloß ich fest, ihren Kummer nicht dadurch noch zu vermehren, daß von meiner jetzigen Anwesenheit in Kosambi ihr etwas zu Gehör käme. Nie mehr sollte sie etwas von mir erfahren; sicher würde sie dann glauben, daß ich gestorben sei, und sich in ihr Schicksal, dem es ja an äußerem Glanz nicht fehlte, nach und nach ergeben.
Ein günstiger Umstand fügte es, daß mein alter Diener unerwartet schnell die Waren sehr vorteilhaft eintauschte oder verkaufte, so daß ich schon nach wenigen Tagen in früher Morgenstunde mit meiner Karawane Kosambi verlassen konnte.
Als ich nun durch das westliche Stadttor hinausgekommen war, wandte ich mich um und warf einen letzten Blick auf die Stadt, in deren Mauern ich so Unvergeßliches an Freude und Leid erlebt hatte. Vor einigen Tagen, als ich eingezogen, war ich dermaßen von ungeduldiger Erwartung erfaßt gewesen, daß ich für nichts in der Nähe ein Auge gehabt hatte. So wurde ich denn jetzt zum ersten Male gewahr, daß nicht nur die Zinnen des Tores, sondern auch der Mauerrand zu beiden Seiten mit aufgespießten Menschenköpfen schrecklich geschmückt war?
Kein Zweifel--es waren die Köpfe der hingerichteten Räuber aus der Bande Angulimalas!
Zum ersten Male, seitdem ich Vasitthis Gesicht unter dem Baldachin gesehen, erfüllte mich jetzt ein anderes Gefühl als das der Trauer, indem ich mit unaussprechlichem Schauder diese Köpfe betrachtete, von denen die Geier längst nur das Knochengerüst übrig gelassen hatten und höchstens noch die Zöpfe oder hier und dort einen Bart, dessen Urwüchsigkeit sein Gebiet geschützt hatte. So wären sie alle unerkennbar gewesen, wenn nicht einer durch den wilden, roten Bart, ein anderer durch die nach der Art der asketischen Flechtenträger am Scheitel aufgewundenen Zöpfe sich verraten hätte. Diese beiden und zweifelsohne auch viele der anderen hatten mir oft in der nächtlichen Runde kameradschaftlich zugenickt, und ich erinnerte mich mit entsetzlicher Anschaulichkeit, wie dieser rote Bart, im Mondesstrahle sprühend, bei jenem Vortrage über die Stupidität der Nachtwächter vor Lustigkeit gewackelt hatte, ja fast vermeinte ich aus dem lippenlosen Munde noch das dröhnende Gelächter zu hören.
Aber auf der mittleren Torzinne erglänzte, etwas über die anderen erhoben, ein mächtiger Schädel im Strahle der aufgehenden Sonne und zog gebieterisch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie sollte ich diese Formen nicht wiedererkennen? Der war's, der uns damals zum Lachen gebracht hatte, ohne selbst eine Miene seines Brahmanengesichtes zu verziehen. Vajaçravas' Kopf dominierte hier, während der Angulimalas zweifelsohne über dem östlichen Stadttor aufgesteckt war. Und ein sonderbares Gefühl beschlich mich bei dem Gedanken, wie gründlich er einst die verschiedenen Arten von Todesstrafen expliziert hatte--das Vierteilen, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung, die Enthauptung--und wie sorgfältig er dadurch begründen wollte, daß der Räuber sich nicht fangen lassen dürfe; wenn er aber schon einmal gefangen sei, versuchen müsse, durch alle Mittel zu entfliehen. Ach! Was hatte ihm seine Wissenschaft geholfen? So wenig vermag der Mensch seinem Schicksal zu entgehen, das ja nur die Frucht unserer Taten ist--sei es in diesem, sei es in einem vorhergehenden Leben!
Und mir war es, als ob er durch seine leeren Augenhöhlen mich gar ernst betrachtete und sein halb geöffneter Mund mir zuriefe: "... Kamanita, Kamanita! betrachte mich genau, achte wohl auf diesen Anblick! Auch du, mein Sohn, bist unter einem Räubergestirn geboren, auch du wirst die nächtigen Pfade Kalis betreten, und ebenso wie ich hier, wirst auch du einmal irgendwo enden."
Aber seltsam genug: diese Phantasie, die so lebhaft wie eine sinnliche Wahrnehmung war, erfüllte mich nicht mit Schrecken und Schaudern. Meine vermeintlich vorgeschriebene Räuberlaufbahn, der ich noch nie einen ernsten Gedanken geschenkt hatte, stand plötzlich nicht nur in ernstem, sondern sogar in verlockendem Lichte vor mir.
Räuberhäuptling!--Was konnte mir Elenden erwünschter sein? Denn daran zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich mit meinen vielen Fähigkeiten und Kenntnissen, und besonders mit denen, die ich dem Unterricht des ehrwürdigen Vajaçravas verdankte, eine leitende Stellung einnehmen würde. Und welche Stellung käme denn für mich der eines Räuberhäuptlings gleich? War doch selbst die eines Königs dagegen gering zu schätzen. Denn konnte die mir Rache an Satagira verschaffen? Konnte die Vasitthi in meine Arme führen? Ich sah mich selbst mitten im Walde im Kampfe mit Satagira, dem ich mit einem wuchtigen Schwerthieb den Schädel spaltete; und wieder sah ich mich, wie ich die ohnmächtige Vasitthi in meinen Armen aus dem brennenden, von Räuberstimmen widerhallenden Palast entführte.
Zum ersten Maie seit jenem jammervollen Anblick schlug mein Herz wieder mutig und hoffnungsvoll einer Zukunft entgegen; zum ersten Male wünschte ich mir nicht den Tod, sondern das Leben.
Von solchen Bildern erfüllt war ich kaum tausend Schritte weiter gezogen, als ich vor mir auf dem Wege eine von der entgegengesetzten Seite kommende Karawane halten sah, während der Führer an einem kleinen Hügel unmittelbar an der Landstraße offenbar ein Opfer darbrachte.
Ich ging auf ihn zu, grüßte ihn höflich und fragte ihn, welche Gottheit er hier verehrte.
"In diesem Grabe," antwortete er, "ruht der heilige Vajaçravas, dessen Schutze ich es verdanke, daß ich, durch eine gefährliche Gegend ziehend, heil und unversehrt an Leib und Gut nach Hause komme. Und ich rate dir sehr, es ja nicht zu versäumen, hier ein passendes Opfer darzubringen. Denn wenn du auch beim Einziehen in das waldige Gebiet hundert Waldhüter mietetest, so würden die dir keine so gute Hilfe gegen Räuber sein, wie es der Schutz dieses Heiligen ist."
"Mein lieber Mann!" entgegnete ich, "dieser Grabhügel scheint nur wenige Monate alt zu sein, und wenn in ihm ein Vajaçravas begraben liegt, so wird das gewiß kein Heiliger sein, sondern der Räuber dieses Namens."
Der Kaufmann aber nickte ruhig zustimmend.