Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 3
Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn möglich--einiger Stunden Schlafes zu genießen, als der Gesandte selber hereintrat. Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, während er mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen bedeuten sollte--ich hätte ihm sofort zu folgen.
Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschäft zu reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:
"Ach was, Geschäft! Laß es mit der Lüge jetzt genug sein. Ich sollte wohl wissen, was für Geschäfte im Gange sind, wenn ein junger Fant plötzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen hätte, daß deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."
Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hieß, da schon ohnehin zu viel der kostbaren kühlen Tageszeit verloren gegangen sei, stieß er bei mir auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden über. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb entschlossen hätten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie gewußt, daß ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin und zurück machen könnte.
Er hätte aber keinen für seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld führen können. Denn ich sagte mir sofort: dann würde ich ja auch wohl warten müssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge, bevor ich zu meiner Vasitthi zurückkehren könnte! Nein, ich wollte meinem Vater schon zeigen, daß ich wohl imstande sei, allein eine Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.
Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verließ er mich in großem Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich müsse jetzt selber meine Torheit ausbaden.
Mir war es, als ob eine große Last von mir genommen wäre. Ich hatte mich ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem süßen Bewußtsein schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.
Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung entdeckten wir neue Schätze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen eine noch größere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor kühler, der Duft der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener, das Rauschen der Palmen träumerischer und das unruhige Flüstern der Asokas noch verheißungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein mochten.
O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die längs der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind, uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen" wurde sie nach diesen Bäumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends so schön gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerförmigen, nimmer ruhigen Blätter glänzten in den Mondstrahlen und lispelten im leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glühten die goldigen, orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bäume dort nicht schon in voller Blütenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine Knospen öffnet, sobald der Fuß eines schönen Mädchens seine Wurzeln berührt!
In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern gewesen--stand ich unter diesen Bäumen neben der holden Ursache ihrer Frühblüte, meiner lieblichen Vasitthi. Über den tiefen Schatten der Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbänder der beiden Flüsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der hochheiligen Stätte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie glauben, daß die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi über den Wipfeln der Bäume--denn mit diesem schönen Namen nennen sie ja hier das Himmelslicht, das wir im Süden als die Milchstraße kennen.
Dann sprachen wir von dem mächtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Götter, dessen unermeßliche Wälder und tiefe Felsenklüfte der Aufenthalt der großen Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwärts.
"O," rief ich, "daß ich doch einen Märchennachen hätte, aus Perlmutterschale, von meinen Wünschen besegelt, von meinem Willen gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen könnte. Dann müßte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trümmern erheben, und die ragenden Paläste würden vom Gelage der Zecher und vom Streit der Würfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras müßte seine Toten wiedergeben. Da würde der greise Bhishma, in silberner Rüstung und weißem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattröhrigen Pfeile über die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta würde auf seinem kampfwütigen, rüsselschwingenden Ilfenstier heranstürmen, der gewandte Krishna das weiße Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetümmel hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehörigkeit zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren hätten an jener unvergeßlichen Schlacht teilgenommen! Aber das war töricht! Denn nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter den Kämpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer meine größte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen, daß ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."
Vasitthi umarmte mich stürmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei ganz gewiß einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher, könnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen süßen Wohlgeruch der sorgenlosen Bäume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen würde.
Ich fragte sie, was denn das für ein Duft sei, denn davon hatte ich nie etwas gehört--wie ich denn überhaupt fand, daß, wie alles andere, auch das Märchen hier an der Ganga üppiger blühte als bei uns im Gebirge.
Und sie erzählte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blüten weit in die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe, der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, längst entschwundener Zeiten aus früheren Leben.
"Aber nur die Heiligen können schon hier auf Erden diesen Duft einatmen," sagte sie und fügte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und Damayanti waren, so haben wir uns gewiß so lieb gehabt wie sie,--welche nun auch unsere Namen gewesen sein mögen. Und vielleicht sind Liebe und Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schöner tönt als die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten für die Götter darauf zu spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertönen zu lassen."
Ich drückte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher seltsamen Gedanken. Sie aber fügte mit leisem Lachen hinzu, indem sie wohl meine Gedanken erriet:
"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser alter Hausbrahmane wurde einmal recht böse, als ich etwas Ähnliches verlauten ließ: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den Brahmanen überlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben darf, so will ich glauben, daß wir wirklich und wahrhaftig Nala und Damayanti waren."
Und indem sie ihre Hände betend zum blütenschimmernden, blätterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet, nur daß die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf ihren Lippen mehrten und reicher blühten, wie ein Schößling, der in geweihten Boden umgepflanzt ist:
"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid! Der du den Namen trägst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'! Mit Blumenaugen umherspähend, sprechend mit Blätterzungen fein, Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".
Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Tränen das Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:
"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit zurückdenkst, dann stelle dir vor, daß ich hier stehe und so mit diesem schönen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern 'Kamanita'."
Ich schloß sie in meine Arme und preßte meine Lippen auf die ihren.
In diesem Augenblick rauschte der Wipfel über uns. Eine große, leuchtend rote Blume schwebte herab und ließ sich auf unsere tränenfeuchten Wangen nieder. Vasitthi nahm sie lächelnd in die Hand, weihte sie mit einem Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.
Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt saß, sprang auf, und, einige gelbe Asokablüten emporhaltend, rief sie, indem sie auf uns zukam:
"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden genug für dein Bad da sein."
"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun," fügte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib ihrer Liebe gemäß blühen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im goldenen Buch der Liebe heißt es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie, wenn sie zwar in die Augen fällt, aber wieder verloren geht; scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und übermäßig in die Augen fällt'"
Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.
Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem süßen Lächeln, indem sie meine Hand fest und sanft drückte:
"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe. Denn ich habe sagen hören, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot, sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift verschlang, das sonst die Wesen vernichtet hätte. Und so muß es auch sein: auch das Gift des Lebens muß die wahre Liebe vertragen können, und willig muß sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen. Und gewiß wird sie lieber davon ihre Farbe wählen, als von allen leuchtenden Freuden."
Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen Bäumen.
VII. IN DER SCHLUCHT
Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand über die Stirn und fuhr in seiner Erzählung fort.
Kurz, Bruder, ich ging während dieser ganzen Zeit wie in einem Rausche von Seligkeit umher, und meine Füße schienen kaum mehr die Erde zu berühren. Einmal mußte ich laut lachen, weil ich hörte, daß es Leute gebe, die diese Welt ein Jammertal nennen und ihre Gedanken und Wünsche darauf richten, nicht mehr unter den Menschen wiedergeboren zu werden. "Welch ausgemachte Toren, Somadatta!" rief ich, "als ob es einen vollkommeneren Ort der Seligkeit geben könnte als die Terrasse der Sorgenlosen."
Aber unter der Terrasse war die Schlucht.
In diese waren wir gerade hinuntergeklettert, als ich jene törichten Worte ausrief, und als sollte mir gezeigt werden, daß auch die höchste Erdenwonne ihre Bitterkeit hat, wurden wir in demselben Augenblick von mehreren bewaffneten Männern angefallen. Wie viele es waren, vermochten wir in der tiefen Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Glücklicherweise konnten wir uns den Rücken durch die Felsenwand decken, und mit dem beruhigenden Bewußtsein, nur von vorn bedroht zu sein, fingen wir an, für unser Leben und unsere Liebe zu fechten. Wir bissen die Zähne zusammen und waren schweigsam wie die Nacht, während wir so ruhig wie möglich parierten und stießen; unsere Gegner aber heulten wie die Teufel, um sich gegenseitig anzufeuern, und wir vermeinten acht bis zehn Stimmen unterscheiden zu können. Wenn sie nun auch ein paar bessere Degen vorfanden, als sie erwartet haben mochten, so war unsere Stellung doch ernst genug. Bald lagen aber zwei von ihnen auf der Erde, und ihre Körper hinderten die anderen, die fürchteten, über sie zu stolpern und so unseren Schwertspitzen überliefert zu werden, beträchtlich am Kämpfen. Sie mochten sich einige Schritte zurückgezogen haben, denn wir fühlten nicht mehr ihren heißen Atem im Gesicht.
Ich flüsterte Somadatta ein paar Worte zu, und wir rückten mehrere Schritte zur Seite, in der Hoffnung, daß die Angreifer, uns an der alten Stelle wähnend, einen plötzlichen Vorstoß machen und dabei anstatt an uns an die Felsenwand geraten und an dieser ihre Schwertspitzen zerbrechen würden, während die unserigen ihnen gehörig zwischen die Rippen fahren sollten. Obwohl wir nun die äußerste Vorsicht beobachteten, muß aber doch wohl ein leises Geräusch ihren Verdacht erweckt haben. Denn der erhoffte blinde Angriff erfolgte nicht, wohl aber sah ich plötzlich einen schmalen Lichtstreif die Wand treffen und wurde auch gewahr, daß dieser Strahl von einem Lampendocht herkam, der offenbar in einer vorsichtig geöffneten Dose steckte, neben der sich auch eine warzige Nase und ein zusammengekniffenes Auge zeigten.
Da die Bambusstange, mit deren Hilfe wir die Terrasse erklommen hatten, glücklicherweise sich noch in meiner linken Hand befand, stieß ich beherzt zu--ein lauter Schrei, das Verschwinden des Strahls und das Klirren des zu Boden gefallenen Lämpchens bezeugten, wie gut ich getroffen hatte; und diesen Augenblick benutzten wir nun, in der Richtung, in der wir gekommen waren, eilends davon zu laufen. Wir wußten, daß hier die Kluft allmählich enger wurde und ziemlich steil aufstieg, und daß man zuletzt ohne übermäßige Mühe die Höhe erklettern konnte. Doch war es ein großes Glück, daß unsere Angreifer die Verfolgung in der Finsternis sehr bald aufgaben, denn beim letzten Aufstieg drohten meine Kräfte mich zu verlassen, und ich fühlte, daß ich aus mehreren Wunden heftig blutete; auch mein Freund war verwundet, obschon leichter.
Oben angekommen, zerschnitten wir mein Gewand und verbanden notdürftig unsere Wunden, und so gelangte ich denn endlich, auf Somadattas Arm gestützt, glücklich nach Hause, wo ich dann mehrere Wochen auf dem Schmerzenslager zubringen mußte.
Da lag ich nun, von dreifachem Leid geplagt. Denn die Wunden und das Fieber verbrannten mir den Leib, und sehrende Sehnsucht nach der Geliebten verzehrte meine Seele--bald aber kam noch die Besorgnis um ihr teures Leben hinzu. Denn das zarte, blumenhafte Wesen hatte die Nachricht von der tödlichen Gefahr, in der ich geschwebt hatte und vielleicht noch immer schwebte, nicht ertragen können und war von einer schweren Krankheit befallen worden. Ihre getreue Milchschwester Medini ging aber tagtäglich von einem Krankenlager zum anderen, und so fehlte es uns wenigstens nicht an dauernder Verbindung und an sinnigem Verkehr. Blumen wanderten zwischen uns hin und her, und da wir beide in die Wissenschaft der Blumensprache eingeweiht waren, vertrauten wir uns durch diese lieblichen Boten gar mancherlei an. Später, als unsere Kräfte sich hoben, fand auch manch zierlicher Vers den Weg von Hand zu Hand, und so hätte unser Zustand sich bald recht erträglich gestaltet, wenn nicht mit der Genesung, der wir in gleichem Schritt uns näherten--gleichsam zu treu verbunden, als daß der eine dem anderen darin vorauseilen wollte--auch die Zukunft an uns herangetreten wäre und uns mit schweren Sorgen erfüllt hätte.
Es war uns nämlich nicht verborgen geblieben, welcher Art jener scheinbar so rätselhafte Überfall gewesen war. Kein anderer als der Sohn des Ministers--Satagira war sein verhaßter Name--, mit dem ich an jenem unvergeßlichen Nachmittage im Parke um Vasitthis Ball gerungen hatte: kein anderer war es als er, der die gedungenen Mörder auf mich gehetzt hatte. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, daß ich nach der Abreise der Gesandtschaft noch immer in der Stadt zurückblieb, und sein dadurch geweckter Argwohn hatte gar bald meine nächtlichen Besuche auf der Terrasse erspäht.
Ach, jene Terrasse der Sorgenlosen war unserer Liebe jetzt wie ein versunkenes Eiland. Wohl hätte ich freudig immer wieder und wieder mein Leben in die Schanze geschlagen, um die Holde dort zu umfangen. Aber selbst wenn Vasitthi das Herz gehabt hätte, mich allnächtlich tödlicher Gefahr auszusetzen, so blieb uns doch eine solche Versuchung erspart. Der böse Satagira mußte die Eltern meiner Geliebten von unseren geheimen Zusammenkünften unterrichtet haben, denn es zeigte sich bald, daß Vasitthi sorgfältig und argwöhnisch überwacht wurde, und daß der Aufenthalt auf der Terrasse ihr nach Sonnenuntergang verboten war--angeblich wegen ihrer noch gefährdeten Gesundheit.
So war denn unsere Liebe obdachlos! Die sich so gern im Verborgenen heimisch fühlt, durfte nur dort zu Hause sein, wo es alle Welt war!--In jenem öffentlichen Garten, wo ich zuerst ihre göttliche Gestalt erblickt und sie ein paarmal schon vergebens gesucht hatte, trafen wir uns wie von ungefähr. Aber was für eine Begegnung war das! Wie flüchtig die gestohlenen Minuten, wie zaghaft und sparsam die hastigen Worte, wie gezwungen die Bewegungen, die sich neugierigen oder wohl gar spähenden Blicken ausgesetzt fühlten! Vasitthi beschwor mich, die Stadt, wo mir in ihrer Nähe tödliche Gefahr drohte, sofort zu verlassen. Sie klagte sich bitter an, daß sie an jenem unvergeßlichen ersten Abend auf der Terrasse durch ihren Eigensinn mich zum Bleiben überredet und mich dadurch beinahe schon in den Rachen des Todes getrieben habe; vielleicht würden in diesem Augenblick neue Meuchelmörder gegen mich gedungen. Wenn ich mich nicht durch schleunigste Abreise dieser Gefahr entzöge, machte ich sie zur Mörderin ihres Liebsten! Unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme, und ich mußte daneben stehen, ohne sie in meine Arme schließen und ihr die Tränen, die schwer wie Gewittertropfen ihre blassen Wangen herabrollten, wegküssen zu können. Einen solchen Abschied ertrug ich nicht, und ich erklärte ihr, ich könne nicht von dannen reisen, ohne vorher eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, wie diese nun auch zu bewerkstelligen sei.
Vasitthis verzweifelt flehender Blick, als wir gerade in diesem Moment durch das Nahen mehrerer Personen uns zu trennen genötigt wurden, konnte meinen Entschluß nicht zum Wanken bringen. Ich vertraute auf die Erfindungsgabe meiner Geliebten, die nunmehr, durch Sehnsucht nach mir und durch Angst um mein Leben angespornt und von der schlauen und in Liebessachen bewanderten Milchschwester Medini beraten, gewiß einen Ausweg finden würde. Hierin täuschte ich mich nicht; denn noch in derselben Nacht konnte Somadatta mir ihren recht verheißungsvollen Plan mitteilen.
VIII. DIE PARADIESKNOSPE
Etwas außerhalb der östlichen Mauer Kosambis liegt ein schöner Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon längst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt, weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit größerer und prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war. In der Ruine aber hauste außer einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes genoß, mit Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch in großer Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab böswillige Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein möge, _diese_ Heiligkeit war gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als Stätte unserer Zusammenkunft ausersehen.
Am nächsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle begaben. Dabei wählte ich geflissentlich die belebtesten Straßen, so daß meine Abreise meinem Feinde Satagira gewiß kein Geheimnis bleiben konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem großen Dorfe Halt und ließ meine Karawane dort ihr Nachtquartier beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel eines meiner Diener gehüllt, denselben Weg nach Kosambi zurück.
Es war völlig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich behutsam mein Reittier zwischen die Stämme hineinlenkte, wurde ich, wie zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblüten auf dem alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbröckelnde, von Götterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzückens stürzten Vasitthi und ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des Wiedersehens, und ich weiß nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten der Zärtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich jäh emporschrak durch das unerwartete Gefühl eines weich fächelnden Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer Eule und der häßliche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich völlig aus der Liebesverzückung erweckten.
Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute Mädchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie sah, daß diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne daß geläutet oder angepocht worden wäre.
Medini erklärte der Alten, der große Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft über das zu erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prüfend den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine ungemein günstige Stellung zum Polarstern einnähme, dürfte sie wohl hoffen, daß die Geister ihre Hilfe nicht versagen würden; worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams[1], einzutreten, der einem liebenden Paar gern seine Herzenswünsche gewähre. Vasitthi und ich blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, draußen zurück.
[1] Die sich an diesen seltsamen Namen knüpfende Legende wird im Kapitel "Buddha und Krishna" erzählt--s.S. 242 ff.