Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman

Chapter 20

Chapter 202,608 wordsPublic domain

"Recht so, meine Tochter! Bei dir selber hast du Zuflucht genommen, in deinem eigenen Selbst ruhest du, Vasitthi."

"Mein Selbst habe ich kennen gelernt, o Herr. Wie man die Blattscheiden eines Pisangstammes aufrollt und findet darin kein Kernholz, aus dem eine feste Stütze zu zimmern wäre; also habe ich da mein Selbst kennen gelernt: ein Haufen wechselnder Gestaltungen, in denen nichts Ewiges ist, worin man ruhen könnte. Und ich gebe dies mein Selbst auf: 'das bin ich nicht, das gehört mir nicht'--also urteile ich darüber."

"Recht so, meine Tochter! Nur an der Lehre hältst du dich noch fest."

"Die Lehre, o Herr, hat mich zum Ziel gebracht. Wie einer, der mittelst eines Flosses einen Strom durchquert hat, wenn er das jenseitige Ufer betritt, das Floß nicht festhält, nicht mit sich schleppt: also halte ich mich nicht mehr an der Lehre fest, lasse die Lehre fahren."

"Recht so, meine Tochter! Solcherweise nirgend anhänglich haftend, wirst du bei mir am Orte des Friedens auferstehen."

"'Auferstehen,' hast du gesagt, o Herr, 'das trifft nicht zu. Nichtauferstehen, das trifft nicht zu.' Und auch diese Lehre, daß weder Auferstehen noch Nichtauferstehen zutrifft--auch die trifft nicht mehr zu. Nichts trifft mehr zu, _und am wenigsten trifft das Nichts zu_. Also hab' ich es jetzt verstanden."

Da lächelte die Buddhaerscheinung ein leuchtendes Lächeln.

"Jetzt werde ich auch die Züge gewahr," sagte Kamanita. "Wie ein Spiegelbild in fließendem Wasser erkenne ich sie undeutlich. O, halte sie fest, stätige sie, Vasitthi!"

Vasitthi sah sich im Raume um.

Der Raum war leer.

Da warf Vasitthi ihre eigene Körperlichkeit in die Astralmasse der Erscheinung hinein.

Kamanita merkte, wie Vasitthi entschwand. Wie aber ein Sterbender ein Vermächtnis hinterläßt, so hatte Vasitthi ihm jetzt das Buddhabild vermacht, das mit ihm allein im Räume zurückblieb, und das er jetzt deutlich erkannte.

"Jener alte Asket, mit dem ich in Rajagaha übernachtete und den ich töricht schalt, das war ja der Vollendete! O über mich Toren! Gab es je einen größeren Toren als mich? Was ich als das höchste Heil, als die Erlösung selber ersehnte, das hab' ich ja schon seit Milliarden von Jahren besessen!"

Da näherte sich ihm die Erscheinung wie eine heranziehende Wolke und hüllte ihn in einen glänzenden Nebel ein.

XLV. WELTENNACHT UND WELTENGRAUEN

Wie in einer Festhalle, wenn alle Fackeln und Lampen ausgelöscht sind, in einer Ecke vor einem heiligen Bilde ein Lämpchen noch brennen bleibt: also blieb Kamanita in der Weltennacht allein zurück.

Denn wie seine Leiblichkeit in den Astralstoff jener Buddhaerscheinung gehüllt war, so war seine Seele ganz und gar vom Buddhagedanken umhüllt: und das war das Öl, welches die Flamme dieses Lämpchens speiste.

Das ganze Gespräch, das er in der Vorhalle des Hafners zu Rajagaha mit dem Erhabenen gehabt hatte, stieg Satz für Satz, Wort für Wort in seiner Erinnerung auf. Nachdem er es aber ganz durchgegangen war, hub er wieder von vorne an. Und jeder Satz war ihm da wie eine Pforte, von der aus sich neue Gedankenwege eröffneten, die wiederum zu anderen führten. Und er wanderte sie alle, bedächtigen Schrittes, und nichts war da, was ihm dunkel blieb.

Und während sein Geist da solchermaßen den Buddhagedanken in sich hineinspann und verarbeitete, sog seine Körperlichkeit immer mehr von dem sie umgebenden Astralnebel in sich, so daß dieser endlich durchsichtig wurde. Und die Finsternis der Weltennacht fing an sich als ein zartes Blau zu zeigen, das immer dunkler ward.

Da dachte Kamanita:

"Draußen herrscht nun die ungeheure Finsternis der Weltennacht. Einst aber wird die Zeit kommen, da der Tag graut und eine neue Brahmawelt ins Dasein tritt. Wenn mein Sinnen und Trachten nun darauf gerichtet wäre, der hunderttausendfache Brahma zu sein, der diese Welt ins Leben rufen wird, so sehe ich nicht, wer mir da den Rang ablaufen könnte. Denn während alle Wesen jener Brahmawelt in Ohnmacht und Nichtsein versunken sind, bin ich hier wach und geistesmächtig zur Stelle. Ja, ich könnte, wenn ich wollte, in diesem Augenblick jene Wesen alle ins Dasein rufen, jedes an seine Stelle, und den neuen Weltentag beginnen. Eins aber könnte ich nicht: Vasitthi könnte ich nimmer wieder ins Dasein rufen. Vasitthi ist davongegangen in jenem Entschwinden, das keine Daseinskeime zurückläßt; kein Gott und kein Brahma kann sie finden. Was aber soll mir ein Leben ohne Vasitthi, die im Leben das Schönste und Beste war? Und was soll mir ein Brahmasein, über welches man hinausgehen kann? Was soll mir die Zeitlichkeit, wenn es eine Ewigkeit gibt?

"Es gibt eine Ewigkeit und einen Weg in die Ewigkeit. Einst hat mich ein alter Waldbrahmane gelehrt, daß um das Herz hundert feine Adern gesponnen sind, durch welche die Seele in dem ganzen Körper umherschweifen kann; eine einzige Ader aber gäbe es, die zum Scheitel führe, und durch diese verlasse die Seele den Körper. So gibt es auch hundert, ja tausend und hunderttausend Wege, die in dieser Welt umherführen, durch mannigfache Leidensstätten, langwierige und kurzwierige, schön ausgestattete und häßlich ausgestattete: Himmel und Menschenwelt und Tierreiche und Höllen. Aber einen einzigen Weg gibt es, der aus dieser Welt gänzlich hinausführt. Das ist der Weg in die Ewigkeit, der Weg ins Unbetretene. Auf diesem Wege befinde ich mich jetzt. Wohlan, ich will ihn zu Ende gehen."

Und er dachte den Buddhagedanken von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege immer weiter.

Und immer dunkler wurde das Blau der durchscheinenden Weltennacht.

Wie dasselbe aber anfing fast schwarz zu werden, leuchtete der neue Brahma auf, ein hunderttausendfacher Brahma, der hunderttausend Welten erleuchtet und erhält.

Und der Brahma ließ den frohen Weckruf ergehen:

"Wachet auf, ihr Wesen alle, die ihr diese ganze Weltennacht hindurch im Schoße des Nichtseins ruhtet! Hierher, die neue Brahmawelt zu bilden, den neuen Weltentag zu genießen, jeder an seiner Stätte, jeder nach seiner Kraft!"

Und die Wesen und Welten tauchten aus dem Nichtsein der Finsternis hervor, Stern an Stern, und wie Jauchzen von hunderttausend Stimmen und Schall von hunderttausend Pauken und Muschelhörnern erklang es:

"Heil dem hunderttausendfachen Brahma, der uns zum neuen Weltentage ruft! Heil uns, die wir berufen sind, den Weltentag mit ihm zu genießen, seinen göttlichen Glanz selig widerzuspiegeln!"

Als Kamanita dies sah und vernahm, wurde er von tiefem Mitleid ergriffen.

"Diese Wesen und Welten, diese Sternengötter und der hunderttausendfache Brahma selber jauchzen dem Weltentage entgegen, erfreuen sich des Lebens. Und warum? Weil sie es nicht kennen."

Durch dies sein Mitleid mit der Welt, mit den Göttern und mit dem höchsten Gott überwand Kamanita den letzten Rest von Eigenliebe.

Aber er erwog nun:

"Auch während dieses Weltentages werden ja vollendete Buddhas erscheinen, welche die Wahrheit verkünden. Wenn nun diese Gottheiten die Heilswahrheit vernehmen und sich erinnern, daß sie im ersten Grauen des Weltentages ein Wesen gesehen haben, das aus der Welt hinausging, dann wird ihnen diese Erinnerung zum Vorteil gedeihen. 'Schon einer aus unserer Mitte, gleichsam ein Teil von uns, ist auf jenem Weg vorausgegangen,' werden sie sich sagen und das wird ihnen zum Heil gereichen. Also helfe ich Allen, indem ich mir selber helfe. Denn niemand kann in Wahrheit sich selber helfen, ohne Allen zu helfen."

Da bemerkten nun bald einige, dann immer mehrere der Sternengötter, daß Einer da war, der nicht wie die anderen klarer und klarer leuchtete, sondern vielmehr an Glanz abnahm.

Und sie riefen ihm zu:

"Heda, Bruder! Blicke doch auf den großen, den hunderttausendfachen Brahma, auf daß dein Glanz sich erfrische, auf daß du aufleuchten mögest wie wir! Auch du, Bruder, bist ja berufen, den Glanz des höchsten Gottes selig widerzuspiegeln."

Als die Götter ihn so anriefen, blickte Kamanita weder hin, noch hörte er hin.

Und die Götter, die ihn noch trüber werden sahen, wurden um ihn gar sehr besorgt. Und sie wandten sich an Brahma:

"Großer Brahma! Erleuchter und Erhalter! O siehe doch dies arme Wesen, das zu schwach ist, um mitzufolgen, dessen Glanz abnimmt, anstatt zuzunehmen! O, richte doch deine Aufmerksamkeit auf ihn, erleuchte ihn, erfrische ihn! Auch ihn hast du ja gerufen, damit er deinen göttlichen Glanz selig widerspiegele."

Und der große Brahma, voll Fürsorge für die Wesen, richtete seine Aufmerksamkeit auf Kamanita, um ihn zu erfrischen und zu stärken.

Aber der Glanz Kamanitas nahm trotzdem zusehends ab.

Da verdroß es nun den großen Brahma mehr, daß dies eine Wesen sich von ihm nicht erhellen ließ und seinen Glanz nicht widerspiegelte, als es ihn erfreute, daß hunderttausend Welten sich in seinem Lichte sonnten und ihn jauchzend priesen.

Und er zog einen großen Teil seiner göttlichen Leuchtkraft von den Welten zurück--Leuchtkraft genug, um tausend Welten zu entzünden--und richtete sie auf Kamanita.

Aber der Glanz Kamanitas nahm immer noch ab, als ob er dem völligen Erlöschen entgegenginge.

Nun geriet Brahma in große Angst, in große Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich meiner Macht--so bin ich denn nicht allmächtig? Nicht kenn' ich den Weg, den er geht--so bin ich denn nicht allwissend? Denn nicht erlischt jener, wie die Wesen im Tode erlöschen, um je nach den Werken wiedergeboren zu werden; nicht, wie die Welten in der Brahmanacht erlöschen, um sich wieder zu entzünden. Welches Licht leuchtet denn ihm, daß er das meine verschmäht? So gibt es also ein Licht, leuchtender als das meine? So gibt es also einen Weg, dem meinen entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene? Werde ich wohl selber jemals diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Und auch die Sternengötter alle gerieten in große Angst, in große Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich der Macht des großen Brahma--so ist denn der große Brahma nicht allmächtig? Welches Licht leuchtet wohl ihm, daß er dasjenige des großen Brahma verschmäht? So gibt es denn ein Licht, herrlicher als das göttliche, das wir selig widerspiegeln? So gibt es also einen Weg, dem unseren entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene? Werden wir wohl jemals diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Da erwog nun der hunderttausendfache Brahma:

"Wohlan, ich werde meine Leuchtkraft, die jetzt in dem Raume verbreitet ist, wieder zurückziehen und werde alle diese Welten wiederum in das Dunkel der Brahmanacht versenken. Und in einen einzigen Strahl gesammelt werde ich mein Licht auf jenes Wesen richten, um es für diese meine Brahmawelt noch zu retten."

Und der hunderttausendfache Brahma zog nun seine in dem Raume verbreitete Leuchtkraft an sich zurück, so daß alle die Welten wieder in das Dunkel der Brahmanacht versanken. Und indem er sein Licht in einen einzigen Strahl sammelte, richtete er diesen auf Kamanita.

"Nun muß an dieser Stelle der strahlendste Stern meiner ganzen Brahmawelt leuchten!" dachte er.

Da zog der hunderttausendfache Brahma diesen einzigen Strahl, mit Leuchtkraft genug um hunderttausend Welten zu entzünden, an sich zurück und verbreitete dann wieder sein Licht durch den ganzen Raum.

An der Stelle aber, wo er hoffte, den strahlendsten Stern leuchten zu sehen, war nur noch ein verglimmendes Fünkchen zu entdecken.

Und während im unermeßlichen Raume Welten an Welten aufleuchtend und aufjauchzend zum neuen Brahmatage sich hervordrängten, erlosch der Pilger Kamanita gänzlich, wie eine Lampe erlischt, wenn sie den letzten in ihren Docht aufgesogenen Öltropfen verzehrt hat.

Ende

NOTE

Mit Ausnahme der Begegnung des Buddha und des Pilgers in der Vorhalle des Hafners (_Majjhimanikayo_ Nr. 140, wo aber der Pilger den Buddha versteht und erkennt) und der Bekehrung Angulimalas[1] sind die in diesem Buche erzählten Begebenheiten von mir frei erfunden--was ich deshalb bemerke, weil einige Leser des Manuskriptes glaubten, ich hätte irgend eine indische Sage bearbeitet. Nur die Schilderung des Ballspieles habe ich aus _Dandins_ Novellenkranze _Daçakumaracaritam_ genommen; auch in der glänzenden Einleitung der deutschen Übersetzung dieses Werkes--von _J.J. Meyer_--fand ich manchen guten Wink. Daß ich zum Ausmalen des Milieus kulturhistorische Werke älteren und neueren Datums--vor allen die _Jatakas_--benutzt habe, versteht sich wohl von selber; von modernen Werken sei hier _Richard Schmidts_ "_Beiträge zur indischen Erotik_" als ausgiebige Fundgrube erwähnt (Lotus-Verlag, Leipzig 1902; in demselben Verlage ist Daçakumaracaritam erschienen).

[1] XXXIV. Kap. Die Einzelheiten der Legende nach Majjh. No. 86. Doch ist das vereitelte Pfeilschießen von mir hinzugefügt. Das Höllenbild findet sich auch nicht dort, sondern in No. 50; die daran sich schließende Stelle vom Höllenrichter ist aus No. 130 genommen; die dann folgende Skala von den Vielen und den Wenigen gehört einem andern Teile des Kanons an (Anguttara-Nikayo--nach K.E. Neumanns "Buddhistischer Anthologie", p. 104 ff.).

Die echten Buddhaworte sind durch ihren Stil leicht als solche zu erkennen--wiewohl einige nachgemachte (p. 140 bis 144) mit ihnen verwechselt werden können. Sie sind meistens dem großartigen Übersetzungswerke Dr. _Karl E. Neumanns_ "_Die Reden Buddhos_" (Majjhimanikayo) entnommen. Aber auch dem epochemachenden und noch immer unübertroffenen Werke Prof. _Oldenbergs_ ("Buddha") verdanke ich einige wichtige Stellen.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die wenigen Upanishadstellen (p. 36ff., 129, 141) nach Prof. _Deussens_ "Sechzig Upanishads des Veda" zitiert sind. Dem zweiten großen Übersetzungswerke dieses trefflichen und unermüdlichen Forschers "_Die Sutras des Vedanta_" verdankt mein _zehntes Kapitel_ seine Entstehung. Wenn dies kuriose Stück inhaltlich eine Darstellung des Indischen Übermenschentums ist--als des äußersten Gegensatzes zum Buddhismus--so ist es in seiner Form eine peinlich genaue Nachbildung des vedantischen Sutrastils, mit der änigmatischen Kürze des Textes, dessen eigentliches Prinzip--wie Deussen richtig erkannt hat--darin besteht, nur Stichworte für das Gedächtnis, keineswegs aber die für den Sinn wichtigen Worte zu geben; so konnte man ohne Gefahr den Text schriftlich fixieren, da er doch von keinem verstanden wurde, dem der Lehrer nicht auch mündlich den Kommentar mitteilte, der dann gewöhnlich um so pedantisch umständlicher ausfiel. Allerdings sind diese _Kali-Sutras_--wie der ganze Vajaçavas--eine scherzhafte Fiktion von mir,--aber eine, glaube ich, von der jeder Kenner des alten Indien zugeben wird, daß sie sich innerhalb der Grenzen des Möglichen--ja sogar des Wahrscheinlichen--hält. Indien ist eben das Land, wo auch der Räuber philosophieren muß und es gelegentlich bis zum "wunderlichen Heiligen" treibt, und wo auch der Höllenwächter "höflich bis zur letzten Galgensprosse" bleibt.

Sollte nun einen solchen Kenner die Lust anwandeln, mich wegen einiger Ungenauigkeiten zu schulmeistern, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß der, der den "Pilger Kamanita" schrieb, wohl am besten weiß, welche Freiheiten er sich genommen hat und warum. So hätte ich ja leicht anstatt des späteren Sukhavati den Himmel der dreiunddreißig Götter nehmen können und wäre dann korrekt geblieben. Aber was in aller Welt hätte ich mit dreiunddreißig Göttern anstellen sollen, da ich nicht einmal in Sukhavati für den einen Amithaba Verwendung hatte? So ließ mich denn auch als Dichter die Frage recht kalt, ob das Mahabharatam schon zur Zeit des Buddha existierte, und in welcher Form. Auch gestehe ich gern, daß ich gar nicht weiß, ob man von Kusinara aus die Schneegipfel des Himalaya erblicken kann, ja daß ich dies sogar sehr bezweifle; wiewohl nicht der Entfernung wegen, da Schlagintweit aus noch größerer den Gaurisankar von der Ebene aus gesehen hat. Dem sei nun wie es wolle: ich bin der Ansicht, daß die Forderungen der Poesie denen der Geographie vorangehen.

Dagegen würde ich mir nie erlaubt haben, am ursprünglichen Buddhismus "poetischer" Zwecke halber auch nur den geringsten Zug zu ändern; denn daß ich, wie gesagt, die später so höchst populäre Vorstellung von Sukhavati hineingezogen habe, wird man mir nicht als eine solche Entstellung anrechnen können, da doch der Sache nach identische Vorstellungen im ältesten Buddhismus lebendig sind. Vielmehr ist es mir ein Herzensbedürfnis gewesen, ein echtes Bild buddhistischer Lebens- und Weltanschauung aufzurollen. Wenn Dr. _K.E. Neumann_, ohne dessen Arbeiten diese Dichtung nicht hätte entstehen können, in seinem Nachwort zum "Wahrheitspfad" vor dreizehn Jahren schrieb: "Die letzten Jahrzehnte, die letzten Jahre haben uns erst Aufschluß darüber gegeben, wer der Buddha war und was er gelehrt hat....Die Poesie des Buddhismus, sein Innerstes, ist uns aber noch ein Buch mit fünf Siegeln. Eins nach dem andern muß gelöst werden, wollen wir sein Herz verstehen lernen....Nachdem die Gelehrten das Ihrige getan haben, komme nun der Dichter und tue das Seinige: die Pali-Urkunden warten auf ihn. Dann erst wird die Buddhalehre auch bei uns zum Leben erwachen, wird deutsch unter Deutschen blühn"--so hoffe ich, daß mein gelehrter und verehrter Freund--und vielleicht mancher mit ihm--in diesem Werk den Anfang der Erfüllung jenes Wunsches begrüßen wird.

Dresden, September 1906 Karl Gjellerup