Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 19
Nachdem nun aber der Erhabene hier am Çapalaheiligtum so, wie ich dir sagte, zu Ananda gesprochen hatte und dieser, ohne den Wink zu verstehen, weggegangen war, nahte sich Mara, der Böse, dem Erhabenen und sprach zu ihm: 'Heil dir! Jetzt ist für den Erhabenen die Zeit gekommen, in das Nirvana einzugehen. Was mir der Erhabene damals unter dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten zu Uruvela als Bedingung für sein Nirvana angab, das ist ja jetzt erfüllt. Fest gegründet ist das Reich der Wahrheit. Möge also der Erhabene jetzt in das Nirvana eingehen!' Da sprach der Buddha zu Mara, dem Bösen, also: 'Sei du, o Böser, ohne Sorge! Das Nirvana des Vollendeten wird bald stattfinden; nach Verlauf von drei Monaten von jetzt ab wird der Vollendete in das Nirvana eingehen.' Bei diesen Worten aber erzitterte die Erde, wie du es wohl auch selber bemerkt haben wirst."
In der Tat hatten wir in Kosambi, etwa einen Monat bevor ich den heiligen Hain verließ, ein leichtes Erdbeben gespürt, was ich ihr nun auch sagte.
"Siehst du!" rief die Frau erregt--"überall haben sie es gespürt. Die ganze Erde bebte, und die Trommeln der Götter dröhnten, als der Vollendete auf längere Lebensdauer verzichtete. Ach, daß doch der einfältige Ananda zu rechter Zeit den ihm so deutlich gegebenen Wink verstanden hätte! Denn als er nun, durch dies Erdbeben aus seiner Selbstvertiefung geweckt, zum Erhabenen zurückkam und ihn bat, er möge doch noch den Rest dieser Weltperiode hindurch am Leben bleiben:--da hatte ja der Vollendete schon Mara sein Wort gegeben und auf längere Lebensdauer verzichtet."
Aus diesen Reden der frommen, aber etwas abergläubischen Frau entnahm ich, daß der Erhabene während seines Aufenthaltes in Vesali Zeichen des herannahenden Todes gespürt und wohl den Jüngern gesagt habe, daß er bald sterben würde.
So litt es mich denn nicht länger unter dem gastlichen Dache. Ich mußte den Buddha erreichen, bevor er uns verließ. Das war ja unser großer Trost gewesen, daß wir uns immer an ihn, den unerschöpflichen Quell der Wahrheit, wenden konnten. Nur von ihm konnten ja alle Zweifel meiner geängstigten Seele gelöst werden; nur er in der ganzen Welt war ja imstande, mir den Frieden wiederzugeben, den ich einst gekostet hatte, als ich am alten Krishnatempel im Sinsapawalde bei Kosambi ihm zu Füßen saß.
So brachen wir denn auf, als, nach Verlauf von zehn Tagen meine Kräfte mir das Wandern einigermaßen erlaubten. Meine gute Wirtin, die sich ein Gewissen daraus machte, mich in meinem geschwächten Zustande weitergehen zu lassen, tröstete ich mit dem Versprechen, ihren Gruß dem Erhabenen zu Füßen zu legen.
Wir gingen nun in nordwestlicher Richtung weiter in den Spuren des Erhabenen, die wir immer frischer fanden, je weiter wir vordrangen, von Ort zu Ort uns erkundigend. In Ambagama war er acht Tage vorher gewesen; den Salahain von Bhoganagara hatte er drei Tage vor unserer Ankunft verlassen, um sich nach Pava zu begeben.
Sehr ermüdet trafen wir am frühen Nachmittage in diesem Orte ein.
Das erste Haus, das uns auffiel, gehörte einem Kupferschmied, wie an den vielen Metallwaren zu erkennen war, die an der Mauer entlang standen. Aber kein Hammerschlag ertönte; es schien ein Feiertag zu sein, und im Hofe wurden am Brunnen von den Dienern Schüsseln und Platten abgespült, als ob dort eine Hochzeit stattgefunden hätte.
Da trat ein kleiner, festlich gekleideter Mann auf uns zu und bat höflich, unsere Almosenschalen füllen zu dürfen.
"Wäret ihr einige Stunden früher gekommen," fügte er hinzu, "dann hätte ich bei meinem Feste noch zwei liebe und würdige Gäste gehabt, denn euer Meister, der Erhabene, hat heute mit seinen Mönchen bei mir gespeist."
"So ist denn der Erhabene noch hier in Pava?"
"Jetzt nicht mehr, Ehrwürdigste," antwortete der Kupferschmied. "Gleich nach der Mahlzeit wurde der Erhabene von einer schweren Krankheit befallen, mit scharfen Schmerzen, die ihn einer Ohnmacht nahe brachten, so daß wir alle sehr erschraken. Aber der Erhabene überwand diesen Anfall und begab sich vor etwa einer Stunde weiter nach Kusinara."
Am liebsten wäre ich sofort weiter gewandert, denn was der Schmied von diesem Krankheitsanfall sagte, ließ mich das Schlimmste befürchten. Aber es war eine gebieterische Notwendigkeit, den Körper nicht nur durch Speise, sondern auch durch kurze Ruhe zu stärken.
Der Weg von Pava nach Kusinara war nicht zu verfehlen. Er führte bald von den bebauten Feldern fort, durch Tigergras und Gestrüpp, immer tiefer in die Dschungeln. Wir durchwateten einen kleinen Fluß und erfrischten uns ein wenig durch Baden. Nach kurzer Ruhe brachen wir wieder auf. Es wollte Abend werden, und ich konnte mich nur mit Mühe weiterschleppen.
Medini versuchte mich zu überreden, unter einem Baume auf einer kleinen Anhöhe zu übernachten. Es habe keine so große Eile:
"Dies Kusinara ist wohl nicht viel mehr als ein Dorf und scheint ganz in den Dschungeln begraben zu sein. Wie kannst du nur glauben, daß der Vollendete hier sterben wird? Gewiß wird er einmal im Jetavanapark bei Savitti, oder in einem seiner beiden Haine bei Rajagaha von dannen scheiden; aber der Erhabene wird doch nicht in dieser Einöde erlöschen! Wer hat denn je von Kusinara gehört?"
"Vielleicht wird man von jetzt ab von Kusinara hören," sagte ich und ging weiter.
Meine Kräfte waren aber bald so erschöpft, daß ich mich entschließen mußte, die nächste baumlose Anhöhe zu besteigen, in der Hoffnung, von dort aus die Nähe Kusinaras erkennen zu können. Sonst mußten wir die Nacht dort oben zubringen, wo wir dem Angriffe der Raubtiere und Schlangen weniger ausgesetzt waren und auch den fiebererzeugenden Ausdünstungen einigermaßen entrückt blieben.
Dort oben angelangt, spähten wir vergebens nach einem Anzeichen menschlicher Wohnsitze aus. Scheinbar ununterbrochen stiegen die Dschungeln vor uns allmählich aufwärts, wie ein Teppich, den man in die Höhe zieht. Bald aber tauchten große Bäume aus dem niedrigen Gebüsch auf; die dichten Laubmassen eines Hochwaldes wölbten ihre Kuppeln übereinander, und in einer schwarzen Schlucht schäumte ein Wildbach, derselbe Strom, in dessen ruhig fließendem Wasser wir kurz vorher gebadet hatten.
Den ganzen Tag über war es schwül und trübe gewesen. Hier wehte uns nun ein frischer Hauch entgegen, und immer klarer wurde es vor unseren Augen, als ob ein Schleier nach dem andern gelüftet würde.
Ungeheure Felsenmauern türmten sich über dem Walde empor, und als ihr Dach bauten grüne Bergkuppen sich immer höher hinauf--bewaldete Berge mußten es ja sein, obwohl sie wie Mooskissen aussahen--immer höher, bis sie im Himmel selber zu verschwinden schienen.
Nur eine einzige langgestreckte, rötliche Wolke schwebte dort oben.
Während wir sie betrachteten, fing sie an gar seltsam zu glühen. Gleichwie wenn mein Vater mit der Zange ein Stück geläuterten Goldes aus dem Schmelzofen herausnahm und, nachdem es abgekühlt war, es auf eine lichtblaue seidene Decke hinlegte: also erglänzte jetzt dies leuchtende Luftgebilde in scharf begrenzten goldig-blanken Flächen; dazwischen aber dämmerten duftig hellgrüne Streifen und zogen sich fächerförmig nach unten, indem sie erblassend in die farblose Luftschicht untertauchten, als ob sie die grünen Bergkuppen erreichen wollten. Immer rötlicher glühten die Flächen, immer grüner wurden die Schatten.
Das war keine Wolke!
"Der Himavat!" flüsterte Medini, überwältigt und ergriffen meinen Arm berührend.
Ja, da erhob er sich vor uns, der Berg der Berge, die Stätte des ewigen Schnees, die Wohnung der Götter, der Aufenthalt der Heiligen! Der Himavat--schon von Kindheit an hatte mich dieser Name mit tiefen Gefühlen von Scheu und Ehrfurcht, mit heimlicher Ahnung des Erhabenen erfüllt! Wie oft hatte ich in Sagen und Märchen den Satz gehört: "und er begab sich nach dem Himavat und lebte dort ein Asketenleben"! Zu Tausenden und Abertausenden waren sie dort hinaufgestiegen, die Erlösungsuchenden, um in der Bergeinsamkeit durch Bußübungen sich das Heil zu erringen--jeder mit seinem Wahn: und nun nahte er, der einzige Wahnlose, dessen Spuren wir folgten.
Während ich also dachte, erlosch das leuchtende Bild, als ob der Himmel es in sich aufgesogen hätte.
Ich fühlte mich aber durch diesen Anblick so wunderbar belebt und gestärkt, daß ich an keine Ruhe mehr dachte.
"Wenn auch der Erhabene," sagte ich zu Medini, "uns bis zu jenem Gipfel voranschritt, um von solchem erhabenen Standorte aus in jenes höchste der Gefilde einzugehen: so würde ich ihm doch folgen und ihn erreichen."
Und ich wanderte mutig weiter. Wir waren aber keine halbe Stunde gegangen, da verschwand das Gestrüpp plötzlich, und bebautes Land lag vor uns. Es war schon ganz dunkel, und der Vollmond ging groß und glühend über dem uns gegenüberliegenden Walde auf, als wir endlich Kusinara erreichten.
Es war in der Tat nicht viel mehr als ein Dorf der Mallas, mit Mauern und Häusern von gestampftem Lehm und Weidengeflecht. Mein erster Eindruck war, daß eine verheerende Krankheit das Städtchen entvölkert haben müsse. Vor den Haustüren saßen einige alte und kranke Leute und jammerten laut.
Wir fragten sie, was denn geschehen sei.
"Ach," riefen sie händeringend: "Gar zu bald wird der Vollendete sterben. Noch in dieser Stunde wird das Licht der Welt erlöschen. Die Mallas sind nach dem Salahain gegangen, um den Heiligen zu sehen und zu verehren. Denn kurz vor Sonnenuntergang kam Ananda in unsere Stadt und begab sich zur Markthalle, wo die Mallas eine öffentliche Sache berieten, und sagte: 'Heute, noch vor Mitternacht, o Mallas, wird das Nirvana des Vollendeten stattfinden. Sorget, daß ihr euch nicht später einen Vorwurf machen müßt: in unserer Stadt ist der Buddha gestorben, und wir benutzten nicht die Gelegenheit, um den Vollendeten in seinen letzten Stunden zu besuchen.' So zogen denn die Mallas mit Weibern und Kindern, klagend und jammernd, nach dem Salahain. Wir aber sind zu alt und schwach, wir mußten hier zurückbleiben und können den Erhabenen nicht in seinen letzten Stunden verehren."
Wir ließen uns nun den Weg von der Stadt nach jenem Salahaine zeigen. Dieser Weg war aber, als wir ihn betraten, schon gänzlich angefüllt mit den Scharen der zurückkehrenden Mallas. Wir eilten also lieber querfeldein, nach einer Ecke des Wäldchens zu.
Hier stand, an einen Baumstamm gelehnt, ein Mönch und weinte. In dem Augenblick, da ich ergriffen stehen blieb, erhob er sein Antlitz zum Himmel--das volle Mondlicht fiel auf die schmerzdurchdrungenen Züge, und ich erkannte Ananda.
"So bin ich doch zu spät gekommen," sagte ich mir, und ich fühlte, wie meine Kräfte mich verließen.
Ich vernahm aber ein Rascheln im Gebüsch und sah einen riesengroßen Mönch hervortreten und seine Hand auf Anandas Schulter legen:
"Bruder Ananda, der Meister ruft dich."
So sollte ich doch noch den Buddha in seinen letzten Augenblicken sehen! Sofort kehrten meine Kräfte wieder und befähigten mich, den beiden zu folgen.
Jetzt bemerkte und erkannte Angulimala uns. Seinen besorgten Blick richtig deutend, sagte ich:
"Fürchte nicht, Bruder, daß wir durch lautes Weinen und weibisches Klagen die letzten Augenblicke des Vollendeten stören werden. Wir haben uns von Vesali bis hierher keine Ruhe gegönnt, um den Erhabenen noch zu sehen. Verwehre uns den Zutritt nicht, wir wollen stark sein."
Da winkte er uns, ihnen zu folgen.
Wir hatten nicht weit zu gehen.
Auf einer kleinen Waldwiese waren wohl an die zweihundert Brüder versammelt und standen da in einem Halbkreise. In der Mitte erhoben sich zwei Salabäume, die eine einzige Masse von weißen Blüten bildeten, und unter ihnen, auf einem Lager von gelben Mänteln, die zwischen den beiden Stämmen ausgebreitet waren, ruhte der Vollendete, den Kopf auf den rechten Arm gestützt. Und die Blüten regneten leise über ihn herab.
Hinter ihm sah ich im Geiste die jetzt im Nachtdunkel verborgenen, in ewigen Schnee gehüllten Zinnen des Himavat, von denen ich soeben einen flüchtigen, traumhaften Anblick genossen hatte, dem ich es verdankte, daß ich jetzt hier vor dem Vollendeten stand. Der überirdische Glanz aber, der von ihnen herübergegrüßt hatte, strahlte mir jetzt in geistiger Verklärung von seinem Gesichte wider. Auch er, der Erhabene, schien ja, ebenso wie jene wolkenartig schwebenden Gipfel, der Erde gar nicht anzugehören, und doch war er wie sie, von derselben Ebene aus, die uns alle trägt, bis zu jener unermeßlichen Geisteshöhe emporgestiegen, von welcher aus er jetzt im Begriff stand, dem Blick der Menschen und der Götter zu entschwinden.
Und er sprach zu dem vor ihm stehenden Ananda:
"Ich weiß wohl, Ananda, daß du einsam weintest in dem Gedanken: 'Ich bin noch nicht frei von Sünden, ich habe noch nicht das Ziel erreicht, und mein Meister wird jetzt in das Nirvana eingehen--er, der sich meiner erbarmte.' Aber nicht also, Ananda--klage nicht, jammere nicht! Habe ich es dir nicht zuvor gesagt, Ananda:--von Allem, was man lieb hat, muß man scheiden? Wie wäre es möglich, Ananda, daß das, was entstanden ist, nicht verginge? Du aber, Ananda, hast lange Zeit den Vollendeten geehrt, in Liebe und Güte, mit Freuden, ohne Falsch. Du hast Gutes getan. Strebe ernstlich, und du wirst bald frei sein von Sinnenbegier, von Ichsucht und von Irrwahn."
Wie um zu zeigen, daß er sich nicht mehr von Trauer überwältigen ließe, fragte nun Ananda, indem er mit Gewalt seine Stimme beherrschte, was die Jünger mit den sterblichen Resten des Vollendeten tun sollten.
"Laßt euch das nicht kümmern," antwortete der Buddha. "Es gibt weise und fromme Anhänger unter den Adligen, unter den Brahmanen, unter den bürgerlichen Hausvätern--sie werden den sterblichen Resten des Vollendeten die letzte Ehre erweisen. Ihr aber habt Wichtigeres zu tun. Gedenket des Ewigen, nicht des Sterblichen; eilet vorwärts, schauet nicht zurück."
Und indem er seinen Blick im Kreise herumgehen ließ und jeden einzelnen ansah, sprach er weiter:
"Es möchte sein, ihr Jünger, daß ihr also denkt: 'das Wort hat seinen Meister verloren, wir haben keinen Meister mehr.' Aber so müßt ihr nicht meinen. Die Lehre, ihr Jünger, die ich euch gelehrt habe, die ist euer Meister, wenn ich von dannen gegangen bin. Darum haltet euch an keiner äußeren Stütze. Haltet fest an der Lehre, wie an einer Stütze! Seid eure eigene Leuchte, eure eigene Stütze."
Auch mich bemerkte er dann--voll Mitleid ruhte der Blick des Allerbarmers auf mir, und ich fühlte, daß mein Pilgergang nicht vergeblich gewesen war.
Nach einer kurzen Weile sprach er dann:
"Es möchte sein, ihr Jünger, daß in jemand von euch irgend ein Zweifel aufstiege hinsichtlich des Meisters oder hinsichtlich der Lehre. Fragt frei, ihr Jünger, auf daß ihr euch nicht später den Vorwurf zu machen habt: 'der Meister war bei uns, von Angesicht zu Angesicht, und wir haben ihn nicht gefragt.'"
Da er also gesprochen, also uns aufgefordert hatte, schwiegen Alle.
Wie hätte wohl auch da noch ein Zweifel bestehen können angesichts des dahinscheidenden Meisters? Wie er dalag, von milden Mondstrahlen überflutet--als ob himmlische Genien ihm das Sterbebad bereiteten; von den niederregnenden Blüten bestreut--als ob die Erde ihren Verlust beweine; inmitten der tief erschütterten Jüngerschar selber unerschüttert, ruhig, heiter: wer fühlte da nicht, daß dieser vollkommen Heilige auf ewig alles Unvollkommene abgetan, alle Übel überwunden hatte? Was sie da "das sichtbare Nirvana" nennen, das sahen wir ja vor uns in den leuchtenden Zügen des weltverlassenden Buddha.
Und Ananda faltete seine Hände und sagte, inniglich ergriffen:
"Wie wunderbar ist doch dies, o Herr! Wahrlich, ich glaube, in dieser ganzen Versammlung ist auch nicht einer, in dem sich ein Zweifel regt."
Und der Erhabene antwortete ihm:
"Aus der Fülle deines Glaubens, Ananda, hast du gesprochen. Ich aber weiß, daß in keinem sich ein Zweifel regt. Selbst wer am weitesten zurück war, ist erleuchtet worden und wird schließlich das Ziel erreichen."
Bei dieser Verheißung war es wohl jedem von uns, als ob eine starke Hand ihm die Pforte der Ewigkeit auftue.
Noch einmal öffneten sich die Lippen, die der Welt die höchste und letzte Wahrheit verkündet hatten:
"Wohlan, ihr Jünger, wahrlich, ich sage euch: vergänglich ist jegliche Gestaltung. Ringet ohne Unterlaß!"
Das waren die letzten Worte des Erhabenen.
XLIV. VASITTHIS VERMÄCHTNIS
Und es waren die letzten, die ich auf Erden vernahm.
Meine Lebenskraft war erschöpft, das Fieber umnebelte meine Sinne. Wie flüchtige Traumbilder sah ich noch Gestalten um mich her--Medinis Gesicht war oft dem meinigen nahe. Dann wurde Alles dunkel. Plötzlich aber war es mir, als ob ein kühles Bad meinen Fieberbrand lösche. Nein, ich fühlte mich, wie ein Wanderer, in der Sonnenglut an einem Teiche stehend, sich wohl vorstellen mag, daß die Lotuspflanze sich fühlen muß, die, gänzlich in quellenkühles Naß getaucht, ihre Labung mit allen Fasern einsaugt. Gleichzeitig hellte es sich nach oben auf, und ich sah dort über mir eine große schwimmende, rote Lotusrose; und über ihren Rand neigte sich dein liebes Gesicht hervor. Da stieg ich von selber aufwärts und ich erwachte neben dir, im Paradiese des Westens!"
"Und gepriesen seist du," sagte Kamanita, "daß du, von deiner Liebe gelenkt, jenen Weg nahmst. Wo wäre ich wohl jetzt, wenn du dich mir dort nicht zugesellt hättest? Zwar weiß ich nicht, wohin wir uns aus den Trümmern dieses schrecklichen Weltunterganges retten können--doch du flößest mir Zuversicht ein, denn du scheinst von diesen Schrecknissen so unerschüttert zu sein, wie der Sonnenstrahl vom Sturm."
"Wer das Größte gesehen hat, mein Freund, den bewegt das Geringere nicht. Geringfügig aber ist ja dies, daß Tausende und Abertausende von Welten vergehen, im Vergleich damit, daß ein vollendeter Buddha in das Nirvana eingeht. Denn alles dies, was wir rings um uns sehen, ist nur eine Veränderung, und alle diese Wesen werden wieder ins Dasein treten. Jener hunderttausendfache Brahma, der sich zornglühend gegen das Unabänderliche sträubt und wohl gar _uns_ neidisch ansieht, weil wir noch ruhig leuchten: der wird auf irgend einer niedrigeren Stufe wieder erscheinen, während vielleicht ein hochstrebender Menschengeist als der Brahma entsteht; jedes Wesen aber wird sich dort befinden, wo sein innerster Herzenswille und seine Geisteskraft es hinführt. Im ganzen jedoch wird Alles sein wie es war, weder besser noch schlimmer; weil es eben gleichsam aus demselben Stoff gemacht ist. Deshalb nenne ich dies geringfügig. Und deshalb ist es nicht nur keineswegs schrecklich, sondern sogar erfreulich, diesen Weltuntergang zu erleben. Denn wäre diese Brahmawelt ewig, dann gäbe es ja nichts Höheres."
"So weißt du denn ein Höheres als diese Brahmawelt?"
"Diese Brahmawelt ist, wie du siehst, vergänglich. Aber es gibt ein Unvergängliches, ein Ungewordenes. 'Es gibt,' sagt der Herr, 'eine Stätte, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Licht noch Luft, weder Raumunendlichkeit noch Bewußtseinsunendlichkeit, weder Vorstellung noch Nichtvorstellung. Das heiße ich, ihr Jünger, weder Kommen noch Gehen, weder Sterben noch Geburt; das ist des Leidens Ende, die Stätte der Ruhe, das Land des Friedens, das unsichtbare Nirvana.'"
"Hilf mir, du Heilige, daß wir dort, im Lande des Friedens, auferstehen!"
"'Auferstehen'--hat der Herr gesagt--"das trifft dort nicht zu; Nichtauferstehen, das trifft dort nicht zu. Womit du bezeichnend irgend etwas greifbar machen und erfassen kannst--das trifft dort nicht zu.'"
"Was soll mir aber das Ungreifbare?"
"Lieber frage: was greifbar ist, ist das noch wert, die Hand danach auszustrecken?"
"Ach, Vasitthi, wahrlich, ich glaube, einst muß ich einen Brahmanenmord oder ein ähnliches Verbrechen begangen haben, das mich mit seiner Vergeltung so grausam in dem Gäßchen Rajagahas traf. Denn wäre ich dort nicht jäh ums Leben gekommen, so hätte ich dem Erhabenen zu Füßen gesessen, ja gewiß wäre ich auch wie du bei seinem Nirvana zugegen gewesen. Und ich würde sein wie du bist.--Aber wohlan, Vasitthi--während uns noch Gedanken und Vorstellungen gehören, tue mir dies zu Liebe. Beschreibe mir den Vollendeten genau, auf daß ich ihn im Geiste sehe und somit das erreiche, was mir auf Erden nicht vergönnt war: gewiß wird das mir den Frieden geben."
"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi. Und sie schilderte ihm die Erscheinung des Vollendeten, Zug um Zug, auch nicht das Geringste vergessend.
Aber mißmutig sagte Kamanita:
"Ach, was helfen Beschreibungen! Was du da sagst, das könnte alles ebensogut auf jenen alten Asketen passen, von dem ich dir erzählt habe, daß ich mit ihm zusammen zu Rajagaha in der Halle eines Hafners die Nacht zubrachte, und der wohl nicht ganz so töricht war, wie ich geglaubt habe, denn er hat doch, wie ich jetzt merke, manches Richtige gesagt. Wohlan, Vasitthi, sage mir nichts mehr, sondern stelle dir im Geiste den Vollendeten vor, bis du ihn siehst, wie du ihn zuletzt von Angesicht zu Angesicht gesehen hast; und infolge unserer geistigen Gemeinschaft werde ich dann vielleicht an dieser Vision teilnehmen."
"Gern, mein Freund."
Und Vasitthi stellte sich den Vollendeten vor, wie er im Begriff war, in das Nirvana einzugehen.
"Siehst du ihn, mein Lieber?"
"Noch nicht, Vasitthi."
"Ich muß dies Phantasiebild versinnlichen," dachte Vasitthi.
Und sie sah sich im unermeßlichen Raume um, wo die Brahmawelt im Erlöschen begriffen war.
Gleichwie etwa ein großer Erzgießer, wenn er die Form eines herrlichen Götterbildes fertiggestellt hat, und es ihm an Erz gebricht um diese Form zu füllen, sich nun in seiner Werkstatt umsieht; und was da alles umhersteht an kleinen Götterbildern, Figuren, Vasen und Gefäßen, sein ganzes Eigentum, das Werk seines Lebens,--das wirft er alles gern und willig in den Schmelzofen, um dies eine herrliche Götterbild vollkommen gießen zu können:
also sah Vasitthi sich im unermeßlichen Räume um:
und was da alles noch von erblassendem Licht und zerfließenden Formen dieser Brahmawelt übrig war, das zog sie durch ihre Geisteskraft an sich, den ganzen Raum entvölkernd, und bannte diese ganze Masse von Astralstoff in die Formen ihrer Phantasie und schuf so im Räume ein kolossales leuchtendes Bild des Vollendeten, wie er im Begriff war, in das Nirvana einzugehen.
Und wie sie dies Bild sich gegenüber erblickte, erhob sich in ihr keine Neigung, keine Wehmut.
Denn selbst der große Heilige Upagupta, als er durch die Zauberkunst Maras, des Bösen, die Gestalt des längst gestorbenen Buddha zu sehen bekam, da erhob sich in ihm Neigung, so daß er sich vor der Trugerscheinung anbetend niederwarf und von Wehmut übermannt klagte: "Wehe über diese erbarmungslose Unbeständigkeit, daß sie auch so herrliche Gestalten auflöst! Denn der so herrliche Körper des großen Heiligen unterlag der Vergänglichkeit und ist der Vernichtung anheimgefallen."
Nicht aber so Vasitthi.
Unbewegt, gesammelten Geistes betrachtete sie die Erscheinung, wie ein Künstler sein Werk, nur darauf bedacht, dieselbe Kamanita mitzuteilen.
"Jetzt fange ich an, eine Gestalt zu sehen," sagte dieser. "O halte sie fest, laß sie noch deutlicher aufleuchten!"
Da blickte Vasitthi sich wieder im Raume um.
In seiner Mitte war noch der rotglühende, zornesblitzende Glanz des hunderttausendfachen Brahma geblieben.
Und Vasitthi riß durch ihre Geisteskraft diese höchste Gottheit aus ihrer Stätte und bannte sie in die Form der Buddhaerscheinung hinein. Da erleuchtete sich diese und belebte sich, wie Einer, der einen stärkenden Trank genießt.
"Jetzt seh' ich sie schon deutlicher," sagte Kamanita.
Da schien es Vasitthi, als ob der Buddha zu ihr spräche:
"So bist du denn gekommen, meine Tochter. Bist du mit deinem Spruch zu Ende?"
Und wie man seinem Traumbilde antwortet, entgegnete Vasitthi:
"Ich bin damit zu Ende, Herr."
"Recht so, meine Tochter! Und der lange Weg hat dich nicht gemüht? Noch bedarfst du der Hilfe des Vollendeten?"
"Nein, o Herr, ich bedarf nicht mehr der Hilfe des Vollendeten."