Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 16
"Dort seht ihr," sagte er, "wie ein trefflicher Künstler längst vergangener Tage den Elefantenkampf Krishnas in Stein gebildet hat"--und er zeigte auf ein mächtiges Reliefstück, das fast vor meinen Füßen lag, die eine Ecke in den Rasen bohrend, die andere auf ein halb begrabenes Kapital gestützt. In der letzten Sonnenglut, die den bemoosten Stein streifte, erkannte man noch deutlich eine Gruppe--einen Jüngling, der, den Fuß auf den Kopf eines gefallenen Ilfen setzend, diesem einen Hauer ausbricht.
Und der Erhabene erzählte nun, wie der König von Mathura, der schreckliche Tyrann Kamsa, nachdem er Krishna zu einem Wettkampf an seinem Hofe eingeladen hatte, im geheimen seinem Elefantentreiber befahl, am Eingang des Kampfplatzes den wildesten Kriegselefanten aus seinem Stalle auf den ahnungslosen Jüngling zu hetzen. Wie aber dann dieser das Ungetüm tötete und, zum Schrecken des Königs, blutbesprengt und den abgebrochenen Hauer in der Hand, die Arena betrat.
"Aber auch auf den Erhabenen"--so führte er weiter aus--"hatten seine Feinde einen wilden Elefanten gehetzt. Und beim Anblick des heranstürmenden Ungetüms wurde der Erhabene von Mitleid ergriffen. Denn das Blut strömte dem Tiere am Bug herunter aus den Wunden, die ihm die Lanzen der Hetzer beigebracht hatten. Noch mehr aber erfaßte ihn Mitleid, weil er da ein armes, in blindwütender Leidenschaft befangenes Wesen vor sich sah, von der Natur mit Mut und ungeheurer Kraft begabt, aber mit wenig Verstand versehen, und um dies Wenige durch die Grausamkeit schlechter Menschen gebracht, die es in einen Zustand von Wahnsinn gesetzt hatten, in welchem es nun gar einen Buddha umbringen mußte:--ein wildes, verblendetes Wesen, dem es nur schwer gelingen mochte, durch unendlich lange Wanderungen günstiges Menschentum zu erlangen und den Weg der Erlösung zu betreten. Solchermaßen von Mitleid ganz erfüllt, konnte der Erhabene keine Furcht empfinden, und kein Gedanke an eigene Gefahr konnte in ihm aufkommen. Denn er überlegte sich: wenn es mir gelänge, auch nur den schwächsten Lichtstrahl in diese stürmische Finsternis zu werfen, so würde ein solcher Lichtsamen nach und nach aufgehen, und wenn dann dies Wesen, durch dessen Schein geleitet, Menschentum erreichte, dann würde es auf Erden noch die Lehre des Erhabenen vorfinden, den es einst erschlug, und diese Lehre würde ihm zur Erlösung verhelfen.
"Von diesem Gedanken erfüllt, blieb der Erhabene mitten auf der Straße stehen, erhob besänftigend die Hand, blickte den Wüterich liebevoll an und sprach milde Worte, deren Klang das Herz des Wilden erreichte. Der riesige Ilf stockte in seinem Sturmlauf, wiegte unschlüssig seinen bergähnlichen Kopf hin und her, indem er anstatt des Donnergebrülls, das er vorher hatte hören lassen, einige fast ängstliche Trompetenrufe ausstieß. Dabei bewegte er den Rüssel in der Luft suchend nach allen Richtungen hin und her--so wie es ein angeschossener Elefant im Walde tut, wenn er die Fährte seines verborgenen Feindes verloren hat und sie wieder aufzuwittern hofft--und in der Tat hatte dieser sich ja in seinem Feinde geirrt. Endlich kam er langsam bis auf einige Schritte an den Erhabenen heran und beugte die Kniee, wie er es vor seinem Herrn zu tun gewohnt war, wenn dieser ihn besteigen wollte. Und von dem bezähmten Elefanten gefolgt, trat der Erhabene zur Beschämung seiner Feinde in den Park hinein, nach welchem er eben unterwegs war.
"Auf solche Weise"--so schloß der Buddha diesen Vergleich--"nimmt der Erhabene den Elefantenkampf Krishhas auf, vergeistigt ihn, veredelt ihn, vervollkommnet ihn!"
Während ich dieser Erzählung lauschte--wie konnte ich da anders als an Angulimala denken, den Wildesten der Wilden, der noch gestern den Buddha hatte umbringen wollen und durch die unwiderstehliche Macht seiner Persönlichkeit bezähmt, ja bekehrt worden war, so daß ich ihn jetzt drüben in den Reihen der Mönche andächtig sitzen sah--selbst im Äußeren ein anderer geworden. Und so erschien es mir denn, daß die Worte des Erhabenen ganz besonders an mich gerichtet waren, als an die einzige Person--wenigstens außerhalb des Mönchskreises--die um diese Sache wußte und den geheimen Sinn der Rede verstehen konnte.
Weiter sprach nun der Erhabene von Krishna als dem "sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigam", als welchen ihn unsere Vorfahren hier geehrt hatten, und wieder hatte ich ein Gefühl, als ob dieses einen geheimen Bezug auf mich hätte, denn ich erinnerte mich ja, wie in jener Nacht unserer letzten Zusammenkunft die häßliche alte Hexe den göttlichen Heros mit diesem Namen genannt hatte, den ich nicht ganz ohne Herzklopfen vernahm. Mit einem leisen Anflug von Humor erzählte der Erhabene dann, wie Krishna von allen den Schätzen Besitz nahm, die er aus der Burg des Dämonenkönigs Naraka entführt hatte. 'Und an einem glücklichen Tage,' heißt es, 'vermählte er sich mit all den Jungfrauen, zu gleicher Zeit, indem er jeder einzelnen als ihr Gatte erschien. Sechzehntausendeinhundert aber war die Zahl seiner Frauen, und in so vielen einzelnen Gestalten verkörperte sich der Gott, so daß ein jedes Mädchen meinte: mich allein hat der Herr erwählt.'
"Wenn ich aber"--also fuhr der Erhabene fort--"die Lehre verkünde und vor mir eine Versammlung von mehreren hundert Mönchen und Nonnen und Laienanhängern beiderlei Geschlechtes lauschend sitzt, denkt ein jeder von allen diesen Zuhörern: 'Nur für mich hat der Asket Gautama die Lehre verkündet.' Denn auf das einzelne Gemüt eines jeden Friedensuchenden richte ich da die Kraft meines Geistes, bringe es zur Ruhe, einige es, füge es zusammen.
"So halte ich es allezeit, und auf diese Weise nehme ich den sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigamsstand Krishnas auf, durchgeistige ihn, veredle ihn, vollende ihn."
Da war es mir nun, als ob der Erhabene meine Gedanken mir abgelesen hätte und mir einen geheimen Verweis gäbe, auf daß ich nicht durch den Wahn einer bevorzugten Stellung eine verderbliche Eitelkeit in mir aufkommen ließe.
Und der Buddha sprach nun weiter davon, wie Krishna nach dem Glauben unserer Vorfahren, obschon er an sich der höchste Gott war, der die ganze Welt trägt und erhält, dennoch durch Mitleid mit den Wesen bewegt, mit einem Teil seines Selbstes von seinem hohen Himmel herabstieg und sich als Mensch unter Menschen gebären ließ. Ihn aber, den Erhabenen, als er nach heißem Ringen die vollkommene Erleuchtung, die selige, unerschütterliche Erlösungsgewißheit sich zu eigen gemacht hatte, kam das Verlangen an, im Genuß dieser seligen Heiterkeit zu verharren und Anderen die Lehre nicht zu verkünden. "Denn dies genußsüchtige Geschlecht--so dachte ich--wird das Sichlosmachen von allen Gebilden, die Versiegung der Lebenslust, die Wahnerlöschung kaum verstehen, und aus der Darlegung der Lehre wird mir nur Mühe und Plage erwachsen. So neigte sich mein Gemüt zur Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der Lehre. Und ich blickte dann noch einmal mit dem erwachten Auge in die Welt. Und wie man in einem Lotusweiher einige Lotusrosen sieht, die sich im Wasser entwickeln und unter dem Wasserspiegel bleiben, andere, die bis zum Wasserspiegel dringen und darauf schwimmen, und endlich einzelne, die über das Wasser emporsteigen und unbenetzt vom Wasser dastehen: also sah ich in der Welt Wesen gemeiner Art und Wesen edler Art und Wesen der edelsten Art. Und ich dachte: Ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich: diese werden die Lehre verstehen. Und aus Mitleid mit den Wesen entschloß ich mich dazu, auf den ungetrübten Besitz der seligen Nirvanaruhe zeitweilig zu verzichten und der Welt die Lehre zu verkünden.
"So nimmt ein vollkommener Buddha Krishnas Herabsteigen vom Himmel und sein Menschwerden auf, verinnigt es, verklärt es, vollendet es."
Da kam mir ein Gefühl unsagbarer Freude, denn ich wußte, daß der Buddha mich zu den Lotusrosen zählte, die aus der Wassertiefe bis zur Spiegelfläche gedrungen sind, und daß ich durch seine Hilfe einst mich darüber emporheben und frei dastehen würde, unbenetzt von der Materie.
Und der Erhabene erzählte die Heroentaten Krishnas, durch welche er zum Heile der Wesen die Welt von Unholden und bösen Herrschern befreite, indem er die Schlange der Gewässer Koliya bezwang, den stiergestaltigen Dämon Aristha erschlug, die verheerenden Unholde Dhenuka und Kishi und den Dämonenfürsten Naraka vernichtete, die bösen Könige Kamsa und Paundraka und andere blutige Tyrannen, den Schrecken hilfloser Menschen, besiegte und tötete und so auf mannigfache Weise das leidige Los der Menschen linderte. Der Erhabene aber bekämpfe nicht die Feinde, die von außen die Menschen bedrohen, sondern die Unholde in seinem eigenen Herzen: Gier, Haß und Irrwahn, Eigenliebe, Lustverlangen, Durst nach Vergänglichem; und er befreie nicht die Menschheit von diesem und jenem Ungemach, sondern vom Leiden.
Vom Leiden sprach dann der Gesegnete, wie es überall und immer dem Leben als sein Schatten folgt. Da war es mir, als ob eine milde Hand mein eigenes Liebesleiden aufhöbe, von mir wegnähme, und es in die große Leidensmasse hineinwürfe, wo es in dem allgemeinem Strudel meinem Blick entschwand. Innig tief empfand ich, daß ich da kein Recht auf dauerndes Glück habe, wo Alle leiden. Ich hatte mein Glück genossen: es war entstanden, hatte sich entfaltet und war vergangen, wie uns der Buddha lehrte, daß Alles in dieser Welt durch eine Ursache entsteht und nach Verlauf seiner Zeit--über kurz oder lang--wieder vergehen muß; und daß eben diese Vergänglichkeit, in welcher die Wesenlosigkeit eines jeden Dinges sich entschleiert, der letzte unaufhebbare Grund des Leidens sei--unaufhebbar, solange die Daseinslust unausgerottet fortwuchert und immer Neues entstehen läßt. Ja, wie ein jeder an diesem Weltleiden schon durch sein Dasein mitschuldig ist, so müsse ich--kam es mir vor--wenn ich von Schmerz verschont geblieben wäre, mich jetzt doppelt schuldig fühlen und ein Verlangen empfinden, auch mein Teil zu tragen. So konnte ich denn nicht mehr mein eigenes Los bejammern, vielmehr wurde bei seinen Worten der Gedanke in mir wach: "O, daß doch alle Wesen nicht länger zu leiden hätten! daß doch diesem Heiligen sein Erlösungswerk so gelänge, daß sie Alle, Alle entsündigt und erleuchtet, das Ende alles Leidens erreichten!"
Und auch von diesem Ende des Leidens und der Welt, von der Überwindung jeder Daseinsform, von der Erlösung in wunschloser Gleichmütigkeit, von der Wahnerlöschung, von Nirvana sprach nun der Meister--seltsame, wunderbare Worte von der einzigen Insel im wogenden Meere des Werdens, dessen Todesbrandung machtlos an ihrem Felsenufer zerschäumte, und nach welcher die Lehre des Vollendeten wie ein sicheres Fahrzeug hinüberführe. Und er sprach von dieser seligen Stätte des Friedens, nicht wie Einer spricht, der uns erzählt, was er von Anderen--von Priestern--gehört hat, und auch nicht wie ein Sänger, der seine Einbildungskraft schweifen läßt, sondern wie Einer, der Selbsterlebtes und Geschautes mitteilt.
Vieles freilich sagte er dabei, was ich, die ungelehrte Frau, nicht verstand, und was wohl selbst dem Gelehrtesten nicht leicht verständlich gewesen wäre, Manches vermochte ich nicht miteinander zu verknüpfen, denn hier war Sein und Nichtsein zugleich, nicht Leben und doch noch weniger Leblosigkeit. Mir war aber zu Mute, wie einem, der ein neues, allen anderen unähnliches Lied hört, von dem er nur wenige Worte auffassen kann, während die Töne ihm Alles sagend ins Herz dringen. Und welche Töne! Töne von solch kristallener Reinheit, daß alle anderen dagegen gehalten, Einem wie leeres Geräusch vorkommen mußten, Klänge, die von so fern her, von solch überweltlichen Höhen herübergrüßten, daß eine neue, ungeahnte Sehnsucht erweckt wurde, von der man fühlte, daß sie von nichts Irdischem oder Erdenähnlichem jemals gestillt werden könnte, und daß sie ungestillt nie mehr ganz schwinden würde.
Unterdessen war es völlig Nacht geworden. Das schwache Licht des Mondes, der hinter dem Tempel aufging, warf dessen Schatten quer über die ganze Waldwiese. Kaum sah man noch die Gestalt des Redners. Diese übermenschlichen Worte schienen aus dem Heiligtum selber herauszutönen, das alle die tausende wilden und wirren, lebentäuschenden Gestalten wieder in seine Schattenmasse verschlungen hatte und in einfachen, wuchtigen Formen sich auftürmte--ein Grabmal alles irdischen und himmlischen Lebens.
Die Hände um die Kniee gefaltet, saß ich lauschend da und blickte zum Himmel empor, wo große Sterne über den dunkeln Baumwipfeln funkelten. Leuchtend durchquerte ihn die himmlische Ganga. Da gedachte ich jener Stunde, als wir beide hier an derselben Stelle feierlich die Hände zu ihr emporhoben und bei ihren silbernen Fluten, die diese Lotusteiche speisen, uns zuschworen, hier, im Paradiese des Westens, uns wiederzusehen--in einem Freudenhimmel, gleich demjenigen Krishnas, von welchem jetzt auch der Erhabene sprach, als von dem Orte, dem die Gläubigen zustrebten. Und als ich daran dachte, wurde mir wehmütig ums Herz, aber ich konnte kein Verlangen in mir spüren nach einem solchen Paradiesleben--denn ein Schimmer von etwas unendlich Höherem hatte mein Auge erleuchtet.
Und ohne Enttäuschung, ohne schmerzliche Bewegung, wie etwa bei Einem, dem die teuerste Hoffnung zerstört wird, vernahm ich die Worte des Erhabenen:
"Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch, Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch."
XXXVII. PARADIESWELKEN
"Ja, mein Freund," fügte Vasitthi hinzu, "ohne Enttäuschung vernahm ich jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit dieser Worte zur Wirklichkeit wird."
Während der Erzählung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste Zweifel bestehen, daß alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang und der völligen Auflösung entgegensiechten.
Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hälfte ihrer Kronenblätter gefällt, und das Wasser glitzerte nur noch spärlich hervor zwischen diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saßen die Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war der Kopf vornüber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein fröstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief, so daß Blüten und Blätter herniederregneten. Traurig gedämpft, und immer häufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Stöhnen mischten sich hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewänder der Seligen und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr ihren Glanz, und ein bläulicher Dämmerungsnebel schien seine Fäden um die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmählich ein atembeklemmender und sinnenbetäubender, einschläfernder Geruch geworden.
Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:
"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude empfinden?"
"Deshalb, mein Freund, kann ich mich über diesen Anblick freuen, weil, wenn dies Alles dauerhaft und unvergänglich wäre, es kein Höheres gäbe. Nun aber gibt es ein Höheres, denn dies vergeht--und es gibt ein Unvergängliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der Vergänglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."
Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Züge Kamanitas, wie eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.
"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja, ich fühle es: darin nur haben wir gefehlt, daß unsere Sehnsucht nicht hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem Blumenparadiese. Und Blumen müssen freilich, ihrer Natur nach, verwelken. Unvergänglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, während alles andere die blassen Spuren des Verfalles zeigt, gießt jenes Flüßchen--ein Zweig der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt kommt. Wer das erreichen könnte, unter den Sternengöttern wieder ins Dasein zu treten, der wäre über den Kreislauf des Vergänglichen erhaben."
"Warum sollten wir das nicht erreichen können?" fragte Vasitthi. "Denn ich habe ja von Mönchen gehört, die ihren Sinn und ihr Herz darauf richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und auch jetzt kann es noch nicht zu spät sein, wenn das alte Wort aus dem hohen Liede wahr ist:
'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet, In dieses Sein wird jedesmal er drüben eingekleidet'."
"Vasitthi! du gibst mir jenen übermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wieder ins Dasein zu treten."
Kaum hatten sie diesen Entschluß gefaßt, so brauste ein mächtiger Sturmwind durch die Haine und über die Teiche. Blüten und Blätter wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen stöhnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.
Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, düftegesättigten Luft eines Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den Fluten des Ozeans, durch das geöffnete Fenster hereinweht, diesen aus voller Brust atmet und sich neu belebt fühlt: also wurde Kamanita und Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des völlig Reinen entgegenströmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet hatten.
"Merkst du's?" fragte Vasitthi.
"Ein Gruß von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.
Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene feierlichen, donnerähnlichen Klänge übertäubt.
"Gut, daß wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Fürchtest du dich noch, mein Freund?"
"Wie sollte ich mich fürchten? Komm!"
Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste stürzt und dem Winde entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.
Alle starrten ihnen nach, verwundert, daß es hier noch Wesen gäbe, die Kraft und Mut zu einem Fluge besäßen.
Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der hinter ihnen Alles entblätterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben Sukhavatis ein Ende machend.
Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete sich die silbrige Fläche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen Himmelsrande.
Sie schwebten über seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der dort herrschenden Luftströmung erfaßt und im Sturmesflug davongetragen. Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mächtigen Getöse wie von Donner und Glockengeläute schwanden ihnen die Sinne.
XXXVIII. IM REICHE DES HUNDERTTAUSENDFACHEN BRAHMA
Und Kamanita und Vasitthi traten wieder ins Dasein, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma, als die Götter eines Doppelgestirns.
Der leuchtende Astralstoff, an den die geistige Wesenheit Kamanitas gebunden war, umhüllte gleichmäßig den Himmelskörper, der von seiner Kraft belebt, von seinem Willen gelenkt wurde. Durch diesen Willen wurde der Stern zunächst um seine Achse gedreht, und diese Bewegung war sein Eigenleben, war seine Selbstliebe.
Und er spiegelte sich im Glanze Vasitthis und spiegelte ihren Glanz wider. Strahlenwechselnd umkreisten sie einen Mittelpunkt, wo sich ihre Strahlen sammelten. Dieser Punkt war ihre Liebe, das Kreisen darum war ihr Liebesleben, und daß sie sich dabei ineinander spiegelten--das war ihre Liebeswonne.
Allseitig Auge, schaute jeder von ihnen gleichzeitig nach allen Richtungen des unendlichen Raumes. Und überall sahen sie zahllose Sternengötter, wie sie selber, deren Strahlenblicke sie empfingen und erwiderten. Da war zunächst eine Anzahl, die mit ihnen zusammen eine Gruppe für sich bildeten; daneben andere Gruppen, die mit der ihrigen zusammen ein ganzes Weltsystem ausmachten; ferner andere Systeme, die sich zu einer Kette von Systemen verbanden, und weiter noch mehrere Ketten, und Ringe von Ketten, und Sphären von Kettenringen. Und Kamanita und Vasitthi lenkten nun ihr Doppelgestirn in harmonischem Fluge unter den anderen Sternen und Doppelgestirnen ihrer Gruppe, indem sie, wie in einem wohlgeordneten Tanzreigen, ihren Nachbarn weder zu nahe kamen, noch sich zu weit von ihnen entfernten, während alle gegenseitig, durch eine gewisse Sympathie, einander die genaue Richtung und das rechte Maß der Bewegung mitteilten. Dabei bildete sich aber auch gleichsam ein gemeinsamer Wille, der ihre ganze Gruppe in die Bewegung der Gruppen ihres Systems einlenkte, welches dann wiederum auf dieselbe Weise unter seinesgleichen sich weiterbewegte.
Und diese Teilnahme am ungeheuren, schwebenden Tanze der Weltkörper, diese gemeinsame und endlos vielfältige Wechselbewegung--das war ihre Weltangehörigkeit, ihr Außenleben, ihre Alles umfassende und durchdringende Nächstenliebe.
Was aber hier Harmonie der Bewegung ist, das erscheint den unterhalb der Sternengötter weilenden Luftgöttern als Harmonie der Klänge; durch Teilnahme an ihrem Genüsse ahmen die himmlischen Genien in den Paradiesen diese Harmonien in ihren wonnigen Weisen nach, und indem ein schwacher Abklang von diesen bisweilen bis an die Erde dringt--so schwach, daß er nur von den geistigen Ohren der Erwachten aufgefangen wird--reden die Seher rätselhaft von der Harmonie der Sphären, und die großen Künstler der Musik schaffen nach, was sie in ihrer Begeisterung sich erlauscht haben; und dies ist das höchste Entzücken der Menschenkinder. Aber wie das Sein zu dem immer trüber werdenden Schein sich verhält--also verhält sich zu diesem Entzücken der Menschen über Klänge und Töne und Weisen die Daseinswonne der Sternengötter.
Denn eben dies ist ihre Lebenslust, ihre Daseinswonne.
Aber alle diese Bewegungen, diese ungeheuren Reigen der Weltsysteme, umkreisten ein einziges Wesen: den in der Mitte des Weltganzen thronenden hunderttausendfachen Brahma, dessen unermeßlicher Glanz alle Sternengötter durchdrang, und dem sie alle den Glanz wieder zurückstrahlten, wie so viele Spiegel seiner Herrlichkeit; dessen unerschöpfliche Kraft, wie eine nie versiegende Quelle, ihnen allen ihre Bewegung mitteilte, und in dem sich ihre Bewegungen alle konzentrierten.
Und dies war ihr Brahmadurchdrungensein, ihre Gemeinschaft mit dem höchsten Gott, ihr Gebenedeitsein, ihre Anbetung, ihre Seligkeit.
Wenn sie aber in Brahma den Alles sammelnden Mittelpunkt hatten, so war diese Brahmawelt auch, obschon unendlich, dennoch gleichsam begrenzt. Wie das Auge des Menschen schon in uralten Zeiten ahnend am Himmelsgewölbe einen "Tierkreis" entdeckt hat, so sahen die Sternengötter hier unzählige Tierkreise in- und umeinander beschrieben--eine ganze Sphärenfläche von Bildern webend, indem die fernsten Sternengruppen zu leuchtenden Figuren zusammenschmolzen. Ineinanderstrahlend, auseinanderleuchtend, erschienen da Gestalten, Astralformen aller Wesen, die auf den Weltkörpern oder zwischen ihnen leben und weben, bleibende Urbilder alles dessen, was, in die groben Elemente sich hüllend, unaufhörlich entsteht und vergeht im wandelbaren Flusse des Werdens.
Und dies Schauen der Urbilder war ihr Weltwissen.