Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 14
Er lud mich ein, in das Zimmer zu treten, was ich mit der höchsten Verwunderung tat, sehr darauf gespannt, Was für einen Dienst er wohl von mir begehrte, gerade in diesem Augenblick, wo ein tödlicher Anschlag gegen ihn mein Gemüt erfüllte.
Ein Mann, in dem ich einen Reiterführer und Vertrauten Satagiras erkannte, saß auf einem niedrigen Sitz. Er erhob sich bei meinem Eintreten und verbeugte sich tief. Satagira ließ mich neben sich Platz nehmen, winkte dem Reiteranführer, sich wieder zu setzen, und wandte sich zu mir.
"Es handelt sich, meine liebe Vasitthi, um Folgendes: Ich muß möglichst bald eine Reise antreten, um einen Dorfstreit in den östlichen Gauen zu schlichten. Nun haben sich seit einigen Wochen in den Waldgegenden östlich von Kosambi, und zwar recht nahe der Stadt, Räuber gezeigt. Es geht sogar das törichte Gerücht, ihr Führer sei kein anderer als Angulimala, indem man die unerhörte Frechheit hat, zu behaupten, Angulimala sei damals aus dem Gefängnis entflohen, und ich hätte statt seines Kopfes einen anderen, dem seinen ähnlichen, über dem Tor aufgesteckt. Über solche Märchen können wir freilich lachen. Allerdings aber scheint dieser Räuber dem berühmten Angulimala an Dreistigkeit nicht viel nachzugeben, und wenn er sich wirklich für jenen ausgibt, um durch den glorreichen Namen großen Anhang zu finden, so geht er gewiß darauf aus, irgend eine recht glänzende Tat zu vollbringen. Deshalb ist immerhin eine gewisse Vorsicht geboten."
Auf einem kleinen, mit edlen Steinen ausgelegten Tische neben ihm lag ein seidenes Tuch. Er nahm es und wischte sich damit die Stirn. Es sei doch heute, meinte er, trotz der frühen Stunde recht heiß. Ich merkte wohl, daß es die Angst vor Angulimala war, die ihm den Schweiß aus den Poren trieb. Aber anstatt daß dadurch mein Mitleid geweckt worden wäre, fühlte ich bei diesem Anblick vielmehr nur Verachtung für ihn. Ich sah, daß er kein Held war und fragte mich verwundert, durch welchen Glücksfall er dazu gekommen wäre, Angulimala gefangen zu nehmen, Angulimala, den Räuber, der mir vorkam wie der furchtbare Bhima im Mahabharata, an dessen Seite du ja selber, mein lieber Kamanita, auf der Ebene Kurukschetra gekämpft hast.
"Nun kann ich aber," fuhr indessen mein Gemahl fort, "nicht gut in jenen Dörfern mit einem ganzen Heere ankommen, ja ich möchte sogar nicht gern mehr als dreißig Reiter auf diese Reise mit mir nehmen. Um so mehr aber ist Vorsicht und sogar täuschende List geboten. Ich habe dies gerade mit meinem getreuen Panduka besprochen, und er hat mir einen guten Vorschlag gemacht, den ich dir auch mitteile, damit du nicht während dieser Tage in allzu großer Angst um mich bist."
Ich murmelte etwas, das einen Dank für diese Rücksichtnahme bedeuten sollte.
"Panduka," fuhr er fort, "wird also recht augenfällig alle Vorbereitungen treffen, als ob ich morgen früh mit einer ziemlich ansehnlichen Truppenmacht gen Osten einen Zug machen wollte, um die Räuber zu fangen. Wenn diese also--was ich nicht bezweifle--hier in der Stadt Helfershelfer haben, die sie auf dem Laufenden halten, so werden sie dadurch hinters Licht geführt. Mittlerweile breche ich mit meinen dreißig Reitern eine Stunde nach Mitternacht auf, und zwar durch das südliche Tor, und ziehe durch das Hügelland in einem großen Bogen ostwärts. Doch möchte ich auch hier gern die Hauptstraßen vermeiden, bis ich einige Meilen von Kosambi entfernt bin. Nun liegt ja aber gerade in dieser Gegend das Sommerhaus deines Vaters, und du kennst von Kind auf alle Wege und Stege dort--kannst mir also, denke ich, hier mit deinem Rate viel nützen."
Ich war sofort dazu bereit, und während ich ihm Alles ausführlich beschrieb, ließ ich mir eine Tafel geben und zeichnete darauf eine genaue Karte von der Umgebung jenes Hauses, mit Kreuzzeichen an den Stellen, die er sich besonders merken mußte. Vor allem aber empfahl ich ihm einen Pfad, der durch eine Schlucht führte. Diese verengte sich allmählich so sehr, daß auf einer kurzen Strecke nicht zwei Reiter nebeneinander reiten konnten, dafür war aber dieser Weg so unbekannt, daß, selbst wenn die Räuber ahnen sollten, daß er einen solchen Umweg machte, gewiß niemand ihn dort suchen würde.
In dieser Schlucht aber hatte ich als ein unschuldiges Kind mit meinen Brüdern und Medini und den Kindern unseres Pächters gespielt.
Satagira bemerkte, daß meine Hand, die auf die Tafel zeichnete, zitterte, und fragte mich, ob ich Fieber hätte. Ich antwortete, daß es nur etwas Müdigkeit nach einer schlaflosen Nacht sei. Er ergriff aber meine Hand und fand besorgt, daß sie kalt und feucht sei, und als ich sie mit der Bemerkung, das habe gar nichts zu sagen, zurückziehen wollte, behielt er sie in der seinen, während er mich ermahnte, vorsichtig zu sein und mich zu schonen; und in seinem Blick und seiner Stimme bemerkte ich mit unsagbarem Unwillen, ja mit Entsetzen etwas von der bewundernden Zärtlichkeit aus jener Zeit, als er vergebens um mich warb. Ich beeilte mich zu sagen, daß ich mich wirklich nicht ganz wohl fühlte und mich gleich zur Ruhe begeben wollte.
Satagira folgte mir aber noch in die Galerie hinaus, und hier, wo wir allein waren, fing er an, sich zu entschuldigen: er habe allerdings über die Mutter seines Sohnes mich jetzt lange Zeit vernachlässigt; aber nach seiner Rückkehr sollte das anders werden; ich würde nicht länger nötig haben, die Nacht allein auf der Terrasse zuzubringen.
Wenn auch jene Zärtlichkeit, die dem Grabe einer verschollenen Jugendliebe entstiegen schien, bei der ich anerkennen mußte, daß sie sogar mit einer gewissen halsstarrigen Treue nur mir gegolten hatte, nicht umhin konnte, mein Herz etwas zu seinen Gunsten zu stimmen, so daß ich einen Augenblick in meinem Vorsatz wankte: so waren doch die letzten Worte, die mit einem süßlichen Lächeln und einer ekelhaften Vertraulichkeit vorgebracht wurden, nur zu geeignet, diese Wirkung wieder aufzuheben, indem sie mich an Rechte gemahnten, die er sich mir gegenüber durch seinen feigen Verrat erschlichen hatte.
XXXIII. ANGULIMALA
Eine schreckliche Ruhe kam über mich, als ich jetzt in meine Zimmer zurückkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu bekämpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden. Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat mir und Angulimala verfallen.
So groß war diese Ruhe, daß ich einschlief, sobald ich mich auf das Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ängstlich bemüht gewesen wäre, über diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.
Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mächtige Gestalt Angulimalas schwang sich über die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf der ich, halb abgewendet, saß.
Ich rührte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--
"Was du zu wissen wünschest, weiß ich. Alles: die Stunde, wann er fortzieht, die Stärke seiner Begleitung, die Richtung, die er einschlägt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bösen Karma getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst wüßte ich das alles nicht, denn nie hätte ich es ihm durch heuchlerische Zärtlichkeit entlockt."
Ich hatte mir diese Worte wohl überlegt; denn so töricht sind wir in unserem Stolz, daß es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines Verbrechers machte, für mich ein unerträglicher Gedanke war, in seinen Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.
Nicht weniger überlegt waren meine weiteren Worte.
"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht zuerst versprichst, daß du ihn _nur_ töten, auf keine Weise aber quälen wirst, und daß du nur _ihn_, jedoch keinen seiner Begleiter töten wirst, wenn du es nicht zur Selbstverteidigung nötig hast. Ich werde dir aber eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tödlich treffen kannst. Dies also mußt du mir mit einem feierlichen Eide versprechen. Sonst kannst du mich töten, wirst aber kein Wort mehr von mir vernehmen."
"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte Angulimala, "so gewiß will ich keinen von seinen Begleitern töten, und so gewiß soll er auch keine Qual erleiden."
"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So höre also nun und merke dir Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon erfahren haben, daß Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die Räuber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu täuschen. In Wirklichkeit verläßt Satagira, von dreißig Reitern gefolgt, noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das südliche Tor, läßt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas südlicher aus, um auf Nebenwegen durch das Hügelland ostwärts zu ziehen."
Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mußte, und wo er ihn leicht und sicher erschlagen konnte.
Meiner Rede folgte ein bedrückendes Schweigen, währenddessen ich nur mein eigenes schweres Atemholen hörte. Ich fühlte, daß ich noch nicht Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir vorgenommen hatte.
Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner Stimme überraschte mich derart, daß ich fast erschrak und unwillkürlich zusammenfuhr.
"So wäre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte, milde Frau, die du gewiß niemals mit Willen auch nur dem geringsten Geschöpfe ein Leid zugefügt hast, du wärest nunmehr im Bunde mit dem schlechtesten Menschen, dessen Hände von Blut triefen, ja der Mord deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und würde für dich seine schwarzen Karmafäden auf abschüssiger Fährte bis in die höllische Welt weiter wirken--ja, so wäre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Räuber Angulimala geredet hättest."
Ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit jener sonderbaren Veränderung des Klanges; und als ich mich jetzt bestürzt umwandte und ihn scharf ansah, war es außer allem Zweifel, daß der Räuberhäuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrückte als der, der mich Tags zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.
"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fügte er hinzu--"dies Alles ist nicht geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an diesen Baum gerichtet hättest."
Diese Worte waren mir so rätselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber verstand ich, daß er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen Satagira aufgegeben hatte.
Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkämpfe zu dieser unnatürlichen Höhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies plötzliche unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflüchtigung des Werkes eine Enttäuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines Gemütes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was weiß ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, daß dieser wegen seines Jähzorns in ganz Indien berüchtigte Mann, solchermaßen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust leblos zu Boden strecken würde.
Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat ausging, antwortete mir Angulimala mit beschämender Ruhe:--
"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und nicht einmal den alten Angulimala hättest du damit, glaube ich, so reizen können, daß er dich getötet hätte--denn dies zu erreichen ist ja, wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer mir noch Schlimmeres gesagt hätte, so würde ich das nicht nur ruhig ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafür sein, daß er mir Gelegenheit gab, eine heilsame Prüfung zu bestehen. Hat doch der Meister selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut üben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich sträubt--also sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut üben.' Denn du sprichst ja, Vasitthi, nicht mit dem Räuber, sondern mit dem Jünger Angulimala."
"Was für ein Jünger? Welcher Meister?" fragte ich mit verächtlicher Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes nicht verfehlte, eine eigentümliche, fast bestrickende Wirkung auf mich auszuüben.
"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast doch wohl auch schon von ihm gehört?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Glücklich preise ich mich," rief er, "daß ich es bin, durch dessen Mund du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst als der Räuber viel Böses getan, so hat er dir jetzt als Jünger noch mehr Gutes getan."
"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt war.--"Was hat er mit diesem deinem rätselhaften Betragen zu tun, und was könnte mir das für Segen bringen, seinen Namen zu hören?"
"Auch nur den Namen dessen zu hören, den sie den Willkommenen nennen," sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte für den, der im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzählen, wie er mir begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewiß ist das nicht zum wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."
Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen entströmte, ein gewisser Anstand seines Betragens überrascht; noch auffallender war aber die ungesuchte Würde, mit der er jetzt neben mir Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fühlt.
XXXIV. DIE SPEERHÖLLE
Ich stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am Waldesrande und spähte nach den Türmen Kosambis hinüber, meine Rache an Satagira im Sinne, und die Frage erwägend, ob du mir wohl die erwünschten Aufklärungen bringen würdest: als ich auf der Straße, die vom östlichen Stadttor zum Walde führt, einen einsamen, in einen gelben Mantel gehüllten Wanderer gewahr wurde, der rüstig einherschritt. Zu beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren Arbeiten beschäftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am nächsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, während auch die weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit Fingern auf ihn zeigten. Und die Nächststehenden schienen ihn, je weiter er vorwärts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen, indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit eifrigen und entsetzten Gebärden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte ich hören zu können, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in den Wald! Dort haust ja der schreckliche Räuber Angulimala."
Aber jener Wanderer schritt unbekümmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, daß es ein Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehören, ein alter Mann von stattlicher Gestalt.
Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreißig und fünfzig Mann vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten: und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"
Und es verdroß mich, daß er so offen meiner Macht Hohn sprach. So entschloß ich mich denn, ihn zu töten, um so mehr, als ich mir dachte, möglicherweise sei er als Späher von Satagira in den Wald geschickt. Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen, die sie durch den Aberglauben des Volkes genießen--denn so hatte ich von meinem gelehrten Freunde Vajaçravas gelernt, die Sache zu betrachten.
Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hängte Bogen und Köcher um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt für Schritt nach.
Als ich aber eine günstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bäume uns trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und schoß einen Pfeil so ab, daß er dem Wanderer in die linke Seite des Rückens eindringen und sein Herz durchbohren mußte; aber er flog über den Kopf des Asketen dahin.
"Da muß sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben," sagte ich mir, nahm meinen Köcher zur Hand und wählte einen schön gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, daß er dem Asketen das Genick durchbohren mußte. Der Pfeil schlug aber links von ihm in einen Baumstamm ein. Der nächste flog rechts von ihm vorbei, und so ging es mit allen Pfeilen, bis mein Köcher geleert war.
"Unbegreiflich, außerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rücken an einen Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schießen, daß, nachdem er zur Seite getreten, der ganze Umriß seines Körpers durch die im Zaune steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch größere Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"
Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu töten. Nachdem ich ihm aber auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, gewann ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte, jener Asket aber ganz gemach vorwärts zu schreiten schien.
Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flüchtigen Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute meinen Füßen?"
Und ich blieb stehen und rief ihm zu:
"Stehe, Asket! Stehe!"
Er aber schritt ruhig weiter und rief zurück:
"Ich stehe, Angulimala! Stehe auch du!"
Da wunderte ich mich denn wieder gar sehr und dachte: "Offenbar hat dieser Asket soeben durch irgend einen Wahrheitsakt mein Pfeilschießen vereitelt, durch irgend einen Wahrheitsakt mein Laufen vereitelt. Wie kann er denn also jetzt eine offenbare Unwahrheit sagen, indem er zu stehen behauptet, während er doch geht, mich aber zum Stehenbleiben auffordert, obschon er sehr wohl sieht, daß ich bereits so still stehe wie dieser Baum? So würde wohl die fliegende Gans zur Eiche sagen: 'Ich stehe, Eiche! Stehe auch du!' Sicher muß also hier etwas dahinter stecken. Wohl möchte es mehr wert sein, den geheimen Sinn dieser Asketenworte zu verstehen als einen Asketen zu töten."
Und ich rief ihm zu:
"Wandelnd wähnst du dich stätig, Asket, und mich, der stätig, wähnst du wandelnd. Erkläre mir das, Asket! Wie bist du stätig, wie bin ich unstät?" Und er antwortete mir:
"Ich, der ich keinem Wesen Leides antue, bin beständig, wandle nicht mehr; du aber, der du gegen die Wesen wütest, mußt ruhelos von Leidensort zu Leidensort wandeln."
Ich antwortete wieder:
"Daß wir immer wandeln, habe ich wohl gehört. Das vom Beständigsein, vom Nachtwandeln verstehe ich aber nicht. Wolle, Ehrwürdiger, mir das kurz Gesagte ausführlich erläutern. Sieh, ich habe meinen Speer von mir getan und feierlich schwöre ich dir: ich schenke dir Frieden!"
"Zum zweiten Male, Angulimala," sagte er, "hast du falsch geschworen."
"Zum zweiten Male?"
"Das erste Mal geschah es bei jenem falschen Wahrheitsakt."
Das schien mir nun nicht der Wunder geringstes, daß er um jene geheime Sache wußte; aber ohne mich dabei aufzuhalten, beeilte ich mich, meine schlaue Handlung zu verteidigen.
"Meine Worte, Ehrwürdiger, waren da freilich gleichsam auf Schrauben gestellt, aber mit den Worten beschwor ich nichts Falsches, nur der Sinn war täusehend. Das aber, was ich dir schwöre, ist sowohl den Worten wie dem Sinne nach wahr."
"Nicht doch," antwortete er, "denn du kannst mir keinen Frieden schenken. Wohl dir, wenn du dir von mir den Frieden schenken ließest."
Dabei hatte er sich umgewandt und winkte mir freundlich, heranzutreten.
"Gern, Ehrwürdiger," sagte ich demütig.
"So höre denn und gib wohl acht!"
Er setzte sich im Schatten eines großen Baumes nieder und hieß mich zu seinen Füßen Platz nehmen.
Und er fing an, mich über gute und böse Taten und über ihre Folgen zu belehren, indem er mir Alles ausführlich auseinandersetzte, so wie man zu einem Kinde spricht. Denn ich war ja ganz ungelehrt, während sonst Asketenschüler meistens Brahmanenjünglinge sind, die sogar den Veda kennen. Ich aber hatte so tiefgedachten Reden nie gelauscht, seitdem ich im nächtlichen Walde zu den Füßen Vajaçravas' gesessen, von dem ich dir schon erzählt habe, und den du wohl auch sonst hast nennen hören.
Als nun aber dieser Asket mir offenbarte, daß nicht eine willkürliche Göttermacht, sondern unser eigenes Herz allein durch seine Gedanken und Taten uns hier und dort geboren werden läßt, bald auf Erden, bald in einem Himmel, bald wieder in einer Hölle--da mußte ich eben an jenen Vajaçravas denken, wie er uns durch Vernunftgründe und mittelst der Schrift bewies, daß es keine Höllenstrafen geben könne, und daß alle darauf bezüglichen Stellen in der heiligen Schrift von den schwachen und feigen Seelen in dieselbe hineingeschmuggelt seien, um die starken und mutigen durch solche Drohungen einzuschüchtern und dadurch sich vor der Gewalttätigkeit der letzteren zu schützen.--"Freund Vajaçravas," dachte ich, "hat mich niemals so ganz überzeugen können. Ob wohl dieser Asket es vermag? Hier steht eben Meinung gegen Meinung, Gelehrter gegen Gelehrten. Denn selbst, wenn auch dieser Asket einer der großen Jünger des Sakyersohnes sein sollte, so wurde ja auch Vajaçravas von seinen Anhängern hochgepriesen, und jetzt, nach seinem Tode, wird er sogar vom gemeinen Volke als ein Heiliger verehrt. Wer will also entscheiden, wer von diesen beiden recht hat?"
"Du bist nicht mehr ganz bei der Sache, Angulimala," sagte da der Asket: "du denkst an jenen Vajaçravas und an seine Irrlehren."
Sehr verwundert gab ich das zu.
"So hat denn der Ehrwürdige auch meinen Freund Vajaçravas gekannt?"
"Man hat mir sein Grab vor dem Tore gezeigt, und ich sah, wie dort törichte Reisende ihr Gebet verrichteten in dem Wahne, er sei ein Heiliger"
"So ist er denn kein Heiliger?"
"Nun, wir wollen, wenn es dir so scheint, ihn aufsuchen und sehen, wie es ihm mit seiner Heiligkeit nun geht."
Der Asket sagte dies, als ob es sich darum handele, von einem Hause ins andere zu gehen. Ganz bestürzt starrte ich ihn an:
"Ihn aufsuchen? Vajaçravas? Wie wäre denn das möglich?"
"Gib mir deine Hand," sprach er. "Ich werde mich in jene Selbstvertiefung versenken, durch die in einem standhaften Herzen der zu den Göttern und der zu den Dämonen führende Weg sichtbar werden. Da wollen wir denn seiner Fährte folgen, und was ich sehe, wirst auch du sehen."
Ich reichte ihm meine Hand. Eine Weile saß er schweigend da, die Augen gesenkt, die Pupillen nach innen gerichtet, und ich spürte nichts. Plötzlich aber war es mir, wie es wohl einem Schwimmer sein mag, wenn der Dämon, der im Wasser haust, seinen Arm ergreift und ihn nach unten zieht, so daß der blaue Himmel und die Bäume des Ufers verschwinden, indem die Welle über seinem Kopfe zusammenschlägt, und immer tiefer werdendes Dunkel ihn umgibt. Bisweilen aber loderte auch Flammenschein um mich, und mächtiges Getöse dröhnte mir im Ohre.