Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 11
In süßer, traumhafter Befangenheit genoß Kamanita dies reizende Schauspiel. Nach und nach entstand in ihm ein Verlangen, sich mit diesen Fröhlichen zu unterhalten.
Sofort war er von einer ganzen Gesellschaft umringt, die ihn freundlich begrüßte als den Neuangekommenen, den soeben Erwachten.
Kamanita wunderte sich sehr und fragte, ob denn das Gerücht von seinem Entstehen sich schon überall in Sukhavati verbreitet hätte.
"O, wenn ein Lotus sich öffnet, regen sich alle Lotusblumen in den Paradiesteichen, und jedes Wesen fühlt, wenn hier irgendwo ein neues Wesen zur Seligkeit erwacht."
"Aber wie könnt ihr wissen, daß gerade ich der Neue bin?"
Die ihn Umschwebenden lächelten lieblich.
"Du bist noch nicht so ganz erwacht."
"Du blickst uns an, als ob du Traumgestalten sähest und dich davor fürchtetest, daß sie plötzlich verschwinden könnten und daß eine rauhe Wirklichkeit dich wieder umgeben möchte."
Kamanita schüttelte den Kopf.
"Ich verstehe euch nicht so recht. Was sind Traumgestalten?"
"Ihr vergeßt," sagte eine Weißgekleidete, "daß er gewiß noch nicht am Korallenbaume war."
"Nein, dort war ich noch nicht. Aber ich habe doch schon von ihm gehört. Mein Nachbar im Teiche sprach mir davon; der Baum soll solch ein Wunder sein. Was ist's denn mit ihm?"
Aber sie lächelten alle geheimnisvoll, sich gegenseitig anblickend und den Kopf schüttelnd.
"Ich möchte gern sofort hin. Will mir niemand den Weg zeigen?"
"Den Weg findest du schon selber, wenn die Zeit gekommen ist."
Kamanita strich sich mit der Hand über die Stirn.
"Noch ein Wunderding war da, von dem er sprach....Ja! Die himmlische Ganga....Von ihr wird unser Teich gespeist. Ist das mit dem eurigen auch so?"
Die Weißgekleidete zeigte nach dem klaren Flüßchen, das sich um den Fuß des Hügels wand und in gemächlichen Krümmungen sich dem Teiche zuschlängelte.
"Das ist unser Zufluß. Unzählige solcher Adern durchziehen diese Gefilde, und auch das, was du gesehen hast, ist nur eine solche, wenn auch eine größere. Aber die himmlische Ganga selber umschließt das ganze Sukhavati."
"Hast du auch sie selber gesehen?"
Die Weiße schüttelte den Kopf.
"So kann man denn nicht dorthin kommen?"
"Man kann schon," antworteten sie alle. "Aber keiner von uns war dort. Warum sollten wir auch? Nirgends kann es schöner sein als hier. Einige andere freilich waren da--aber sie sind nie wieder hingeflogen."
"Warum denn nicht?"
Die Weiße zeigte nach dem Teiche:
"Siehst du den Roten dort, fast am anderen Ufer?--Er war dort, es ist lange, lange her. Wollen wir ihn fragen, ob er später noch einmal nach dem Gestade der Ganga geflogen ist?"
"Nimmermehr," klang sofort die Antwort des Roten.
"Und warum denn nicht?"
"Fliege selber hin und hole dir Antwort."
"Wollen wir? Mit dir zusammen darf ich schon."
"Ich möchte wohl hin--aber jetzt nicht."
Aus einem nahen Hain schwebte ein Zug seliger Gestalten hervor, schlang sich zu einem Reigen um das Wiesengebüsch, und indem die Reihe sich ausdehnte, ergriff die äußerste Gestalt--eine hellblaue--die Hand der Weißen. Diese reichte einladend ihre andere Hand Kamanita hin.
Er dankte ihr lächelnd, schüttelte aber leise den Kopf:--
"Noch möchte ich lieber zusehen."
"Ja, ruhe nur, und erwache. Auf Wiedersehen!"
Und von der Hellblauen sanft fortgezogen, schwebte sie von dannen, im luftigen Ringeltanz.
Und auch die anderen zogen mit freundlichem, aufmunterndem Gruß davon, um ihm Ruhe zur Sammlung zu geben.
XXIV. DER KORALLENBAUM
Kamanita folgte ihnen lange mit dem Blick und wunderte sich. Und dann wunderte er sich über sein Wundern. "Wie kommt es denn, daß Alles mich hier so seltsam anmutet? Wenn ich hierher gehöre, warum scheint mir dann nicht Alles selbstverständlich?--Aber jede neue Erscheinung hier ist mir rätselhaft und setzt mich in Erstaunen. Zum Beispiel dieser Duft, der jetzt plötzlich an mir vorüberweht. Wie ist er doch so ganz verschieden von allem anderen Blumendufte hier--viel voller und mächtiger, anziehend und beunruhigend zugleich. Wo mag er wohl herkommen?
...Aber wo mag ich wohl selber herkommen? Es scheint, als ob ich vor kurzem noch ein Nichts gewesen bin. Oder habe ich doch ein Dasein gehabt, nur nicht hier? Aber wo dann? Und wie bin ich denn hierhergekommen?"
Während diese Fragen in ihm aufstiegen, hatte sich sein Körper, ohne daß er es bemerkte, vom Rasen losgelöst, und er schwebte schon weiter--aber in keiner von den Richtungen, denen die anderen gefolgt waren. Kamanita stieg aufwärts, gegen eine Einsattelung im Gipfel des Hügels. Als er über sie hinstrich, wurde er von einem noch stärkeren Hauch jenes neuen, seltsamen Duftes empfangen.
Kamanita flog weiter.
Jenseits des Hügels verlor die Gegend etwas an Lieblichkeit. Der Blumenflor war spärlicher, das Gebüsch dunkler, die Haine dichter, die Felsen schroffer und höher. Herden von Gazellen weideten da, aber nur ganz vereinzelt zeigte sich eine selige Gestalt.
Das Tal verengte sich und mündete in eine Kluft. Hier war jener Duft noch stärker. Immer schneller wurde seine Flucht, immer nackter, steiler und höher schlossen sich die Felsenwände zusammen, bis nirgends mehr ein Ausgang zu sehen war.
Die Schlucht machte ein paar scharfe Wendungen und öffnete sich plötzlich.
Um Kamanita breitete sich ein von himmelstrebenden Malachitfelsen eingeschlossener Talkessel, und mitten in diesem stand der Wunderbaum.
Stamm und Äste waren von blanker, roter Koralle; ein wenig gelblicher war die Röte des krausen Laubwerkes, aus dem die Blüten tief karmesinfarbig hervorglühten.
Über Felsenzinnen und Baumwipfel spannte der Himmel sich dunkelblau, ohne daß ein einziges Wölkchen zu sehen war. Auch drang die Musik der Genien kaum hierher--was noch in der Luft zitterte, war wie eine Erinnerung an längst gehörte Melodien.
Nur drei Farben waren da: das Ultramarinblau des Himmels, das Malachitgrün der Felsen, das Korallenrot des Baumes. Und nur _ein_ Duft--jener geheimnisvolle, allen anderen unähnliche Duft der karmesinroten Blumen, der Kamanita hierher geführt hatte.
Und alsbald zeigte sich nun auch die Wunderart dieses Duftes:
Als Kamanita ihn hier einsog, wo er verdichtet den ganzen Kessel füllte, erweiterte sich plötzlich sein Bewußtsein und überschwemmte und durchbrach die Schranke, die bis jetzt hinter seinem Erwachen im Teiche errichtet gewesen war.
Sein vorheriges Leben lag offen vor ihm:
Er sah die Halle des Hafners, wo er mit jenem törichten Buddhamönch im Gespräche saß; er sah das Gäßchen in Rajagaha, das er durcheilte, und die ihm entgegenstürmende Kuh--dann die bestürzten Gesichter ringsum und die gelbgekleideten Mönche....
Und er sah die Waldungen und Landstraßen seiner Pilgerschaft, seinen Palast und seine beiden Frauen, die Hetären Ujjenis, die Räuber, den Krishnahain und die Terrasse der Sorgenlosen mit Vasitthi, das Elternhaus und die Kinderstube....
Und dahinter sah er ein anderes Leben und noch eins und noch eins--und immer noch andere, wie man die Baumreihe einer Landstraße sieht, bis die Bäume zu Punkten werden und die Punkte in einen einzigen Schattenstreifen zusammenschmelzen.
Bei diesem Anblick schwindelte ihm. Und sofort befand er sich wieder in der Kluft, wie ein Blatt, das vom Winde getrieben wird. Denn das erstemal hält niemand den Duft des Korallenbaumes lange aus, und der Selbsterhaltungstrieb führt Jeden beim ersten Schwindel von dannen.
Als er nun ruhiger durch das offene Tal schwebte, erwog Kamanita:
"Jetzt verstehe ich, warum die Weiße sagte, ich sei wohl noch nicht am Korallenbaume gewesen. Denn freilich konnte ich damals nicht verstehen, was sie mit 'Traumgestalten' meinten; jetzt aber weiß ich es, denn in jenem Leben habe ich ja solche gesehen. Und jetzt begreife ich auch, warum ich hier bin. Ich wollte ja im Mangohaine bei Rajagaha den Buddha aufsuchen. Freilich wurde das durch meinen plötzlichen, gewaltsamen Tod vereitelt, aber mein guter Wille ist mir angerechnet worden, und so bin ich an diesen Ort der Seligkeit gelangt, als ob ich zu seinen Füßen gesessen und in seiner beseligenden Lehre gestorben wäre. Also ist mein Pilgergang nicht vergebens gewesen."
Und Kamanita erreichte bald wieder den Teich und ließ sich auf seine rote Lotusrose nieder, wie ein Vogel, der sein Nest aufsucht.
XXV. DIE KNOSPE ÖFFNET SICH
Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine große Lotusknospe mit roter Spitze schoß wie ein Fisch aus der Flut empor, um dann schwimmend auf der Wasserfläche sich zu wiegen, die erst in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte und glitzerte, farbensprühend, als ob der Teich mit fließenden Diamanten gefüllt wäre, während der Widerschein der Wasserblinke wie kleine Flammen über die Lotusblätter, die Gewänder und die Gesichter der seligen Gestalten emporflatterte.
Und auch das Gemüt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen verborgenen Farben, auch über sein Herz schien ein Widerschein freudiger Bewegung spielend hinzutanzen.
"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.
"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trüben Erde, hat in diesem Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet, hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch beobachten, ob die Knospe sich schön entwickelt und zum Blühen gelangt. Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkümmert die Knospe und verschwindet zuletzt gänzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine männliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, daß, wenn auch die roten und die weißen sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."
Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob auf einmal schmerzliche Freude und lustgebärendes Weh es in schwankende Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rätselratend auf einer geschlossenen Lotusrose, die, weiß wie die Brust eines Schwans, dicht neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.
"Kannst du dich auch darauf besinnen, daß du einmal gesehen hast, wie die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den erfahrenen Nachbar.
"Gewiß, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weißen Blume auf, die du jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet, manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an, sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gänzlich unter die Wässerfläche hinabgesunken, als sie sich plötzlich wieder erhob, voller und blanker wurde und sich dann gar prächtig bis zum Entfalten entwickelte. Die weiße aber wuchs langsam, allmählich und gleichmäßig ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie plötzlich wie von einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."
Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, daß es ihn dünken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trüber Gast an einem trüben Ort gewesen,--dermaßen schien jetzt Alles um ihn herum zu leuchten, zu duften und zu klingen.
Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weißen Lotus ruhte, ein Zauberstab wäre, um verborgene Schätze zu heben, regte sich die Spitze der Blume, die Blätter bogen ihre Ränder nach vorne und neigten sich nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte saß Vasitthi mit weit geöffneten Augen, deren süß lächelnder Bück dem seinigen begegnete.
Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander aus, und, ihre Hände ineinanderlegend, schwebten sie über den Teich dem Ufer zu.
Kamanita merkte wohl, daß Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte, sondern sich ihm nur unwillkürlich zuwandte, wie die Sonnenblume der Sonne. Wie hätte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn auch in den Tiefen ihres Gemütes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen Ganga sprach.
Er zeigte ihr den strahlenden Fluß, der sich still in den Teich ergoß:
"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche in den Gefilden der Seligen."
"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der Hand über die Stirn.
"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."
"Dort aber ist der Hain und das Gebüsch so lieblich, und sie spielen dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung zeigend.
"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch seinen Wunderduft zu erquicken."
Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darüber getröstet hat, daß es am fröhlichen Treiben der Kameraden nicht teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Züge mehr und mehr.
"Wo führst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein Lächeln mich daran erinnert, daß ich ja eben erst zum Bewußtsein erwacht bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."
"O, man kann weiter, viel, _viel_ weiter," lächelte Kamanita, "und vielleicht wirst du jetzt gewahr, daß jenes Gefühl dich nicht getäuscht hat, liebste Vasitthi!"
Und schon öffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller Düfte umfing sie.
Vasitthi legte die Hände auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren Zügen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen über sie dahinbrauste.
Plötzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:
"Kamanita, mein Liebster!"
Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht zurückstürmend.
Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebüsch und dichten Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die Einsamkeit störte, ließ er sich mit ihr unter einem Baume nieder.
"O, du Ärmster!"--sprach Vasitthi, "was mußt du gelitten haben! Und was mußt du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, daß ich Satagira geheiratet hatte!"
Aber Kamanita erzählte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht erfahren, sondern selber in der Hauptstraße Kosambis den Hochzeitszug gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte geprägt stand, ihn unmittelbar davon überzeugt habe, daß sie nur dem Zwang ihrer Eltern nachgegeben hätte.
"Aber keine Macht der Erde hätte mich gezwungen, du einzig Geliebter, wenn ich nicht hätte glauben müssen, den sicheren Beweis zu haben, daß du nicht mehr am Leben seist."
Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.
XXVI. DIE KETTE MIT DEM TIGERAUGE
Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den Geliebten schwebt. Ich wußte ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen gehört. Und nun mußte ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwürfe machen, weil ich ja selber durch den törichten Eigensinn meiner Liebe die Schuld daran trug, daß du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft die Rückreise in völliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr doch alle jene schönen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz waren.
Selbst Medinis aufmunternde und tröstende Worte vermochten nur selten die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und treuester Freund war der schöne Asokabaum, unter dem wir in jener herrlichen Mondnacht standen, die du, mein süßer Freund, gewiß nicht vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete. Unzählige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Blätter eine Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhören, in dem Fallen einer Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes Orakelzeichen im günstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen ganzen Tag oder noch länger fast glücklich fühlen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und mit ihr kehrten dann die Befürchtungen zurück, wie böse Träume der Fieberhitze entwachsen.
In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, daß es bald nicht länger meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide zu leben, sondern daß sie in eine Kampfstellung gedrängt wurde, in der sie alle ihre Kräfte zusammennehmen mußte, wenn ich mich auch dadurch fast mit meinen Nächsten völlig entzweit hätte.
Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nämlich jetzt immer eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in einem öffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne daß er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit machte. Daß ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher, als es höflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhaßt war, hatte nicht die mindeste abkühlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblümter, seine Sache zu befürworten, und als er schließlich mit seinem Werben offert hervortrat, verlangten sie, daß ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte Ihnen unter bitteren Tränen, niemals Satagira lieben zu können; das machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zürnen, das Flehen meiner Mutter, die Drohungen meines Vaters.
In die Enge getrieben, erklärte ich ihnen zuletzt geradeaus, daß ich mich _dir_--von dem sie schon durch Satagira gehört hatten--versprochen hätte, und daß keine Macht der Welt mich zwingen könnte, dir das heilige Wort zu brechen und einem Anderen anzugehören. Käme es aber zum Äußersten, dann würde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung mir selber den Tod geben.
Als meine Eltern nun merkten, daß ich wohl imstande war, diese Drohung auszuführen, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrübt und erzürnt, die Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fügen und darauf bedacht zu sein, sich über seine Niederlage in der Liebe durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trösten.
In dieser Zeit meldete das Gerücht viel Schreckliches von dem Räuber Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Dörfer einäscherte und die Wege so unsicher machte, daß zuletzt fast niemand mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in große Angst, denn ich fürchtete natürlich, daß du jetzt endlich kommen und unterwegs in seine Hände fallen möchtest. Es verlautete nun plötzlich, Satagira habe den Oberbefehl über eine große Truppenmacht erhalten, um die ganze Gegend von Kosambi zu säubern und womöglich Angulimala selber und die anderen Hauptführer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hieß es, geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.
So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gönnen, und als er auszog, folgten meine segnenden Wünsche seinen Fahnen.
Etwa eine Woche später war ich mit Medini im Garten, als wir von der Straße her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im Triumph nach der Stadt zurück, nachdem er die Räuber niedergemetzelt oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei lebendig in seine Hände gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und Somadatta auf die Straße zu gehen, um den Einzug der Krieger und der gefangenen Räuber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira nicht gönnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So blieb ich denn allein zurück, überglücklich bei dem Gedanken, daß die Wege für meinen Geliebten jetzt wieder geöffnet seien. Denn so wenig ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, daß sie manchmal, wie ich es damals tat, als einen Glückstag den Tag begrüßen, an welchem gerade ihr Leben eine Wendung zum Düsteren nimmt.
Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er überreichte mir eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob ich sie wohl erkenne.
Mir war, als ob ich umsinken müßte, aber ich nahm alle meine Kräfte zusammen und antwortete, die Kette ähnele einer, die du immer um den Hals getragen hättest.
"Sie ähnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie _ist_ es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzählte, hat er einmal mit Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerriß Kamanitas Kette, die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurückzuhalten, und blieb in seinen Händen, so daß er sie genau betrachten konnte. Er war überzeugt, sich nicht zu täuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich befragt, eingestanden, daß er vor etwa zwei Jahren die Karawane Kamanitas auf ihrem Rückwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lösegeld. Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch der Räuber Kamanita getötet."
Bei diesen schrecklichen Worten hätte mich wohl die Besinnung verlassen, wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Möglichkeit eröffnet hätte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:
"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurückschreckt, und er hat sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte ihn dann hindern, eine ähnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er von Angulimala hörte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Hätte er auch nicht Angulimala selber gefangen, so könnte er doch immer sagen, die Kette sei im Besitz der Räuber gefunden worden und sie hätten eingestanden, Kamanita getötet zu haben."
"Das ist kaum möglich, meine Tochter," sagte mein Vater kopfschüttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen kannst, den ich aber glücklicherweise als Goldschmied dir aufdecken kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die Kristallstücke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, daß das Metall rötlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die Arbeit gerade von der etwas gröberen Art, wie man sie in den Gebirgsländern ausführt."
Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter Goldschmied, daß sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen dürfte; denn ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen Nächsten nicht. Indessen begnügte ich mich damit, zu sagen, ich ließe mich keineswegs durch diese Kette überzeugen, daß mein Kamanita nicht mehr am Leben sei.
Mein Vater verließ mich nun in großem Zorn, und ich konnte mich in der Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.
XXVII. DER WAHRHEITSAKT (SACCAKIRIYA)