Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
Chapter 10
"Dachte ich's doch! O, ich wußte ja, daß dies nicht die ureigene Lehre des Vollendeten sein könne, sondern nur deine eigene mißverständlich ergrübelte Auslegung derselben. Heißt es ja doch, daß die Lehre des Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende beseligend sei. Wie aber könnte jemand das von einer Lehre sagen, die mir nicht ein ewiges, seliges Leben in höchster Wonne verheißt? Nun, in wenigen Wochen werde ich ja zu Füßen des Vollendeten sitzen und von seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der Mutterbrust seine süße Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung zurückkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast bis zur Schwelle der Halle zurückgezogen; wir müssen tief in der Nacht sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."
"Wie es dir, Bruder, belieben mag," antwortete der Erhabene freundlich.
Und sich fester in seinen Mantel hüllend, legte der Erhabene sich auf der Matte in der Stellung des Löwen hin, auf den rechten Arm gestützt, den linken Fuß auf dem rechten ruhen lassend.
Und der Stunde des Erwachens gedenkend, schlief er sofort ein.
XXI. MITTEN IM LAUFE
Als der Erhabene beim ersten Morgengrauen erwachte, sah er, wie der Pilger Kamanita emsig seine Matte zusammenrollte, seine Kürbisflasche umhängte und sich nach dem Stabe umsah, den er nicht gleich in der Ecke bemerkte, weil er umgefallen war. Dabei hatte er in allen seinen Bewegungen das Gepräge eines Menschen, der es sehr eilig hat.
Der Erhabene setzte sich auf und grüßte ihn freundlich.
"Willst du schon aufbrechen, Bruder?"
"Freilich, freilich," rief Kamanita erregt. "Denke dir, es ist wirklich kaum zu glauben--rein zum Lachen, und doch so wunderbar--ein wahres Glück! Vor wenigen Minuten erwachte ich und fühlte mich, nach dem vielen Reden von gestern, recht trocken im Halse. Ich sprang sofort auf und lief zum Brunnen--unter den Tamarinden, quer über den Weg. Dort stand schon ein Mädchen und schöpfte Wasser. Und was meinst du wohl, was ich von ihr höre?--Der Vollendete ist gar nicht in Savatthi! Und wo ist er denn, glaubst du? Gestern ist er, von dreihundert Mönchen begleitet, hier in Rajagaha angekommen! Und er weilt jetzt in seinem Mangohaine jenseits der Stadt. In einer Stunde, in weniger vielleicht, werde ich ihn gesehen haben--ich, der ich glaubte, noch vier Wochen pilgern zu müssen! Was sage ich--in einer Stunde?--Es ist nur eine gute halbe Stunde bis dahin, sagte das Mädchen, wenn man nicht durch die Hauptstraßen geht, sondern durch die Gäßchen und Höfe nach dem Westtor läuft...ich kann mir's kaum denken! Mir brennt der Boden unter den Sohlen--leb' wohl, Bruder! Du hast es gut mit mir gemeint, und ich werde nicht unterlassen, auch dich zum Erhabenen zu führen--jetzt aber kann ich mich wahrlich keinen Augenblick mehr aufhalten."
Und der Pilger Kamanita stürzte aus der Halle hinaus und lief die Straße dahin, so schnell ihn die Beine nur tragen wollten. Als er aber das Stadttor Rajagahas erreichte, war es noch nicht geöffnet, und er mußte eine kleine Weile warten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam und seine Ungeduld aufs höchste steigerte.
Indessen benutzte er die Zeit, um von einer alten Frau, die einen Korb voll Gemüse nach der Stadt trug und, wie er selbst, dort warten mußte, genaue Erkundigungen über den kürzesten Weg einzuziehen--wie er durch jene Gäßchen, rechts an einem Tempelchen und links an einem Brunnen vorübergehen müsse und dann einen Turm ja nicht aus den Augen verlieren dürfe, so daß er die vor der Stadtmauer verlorene Zeit vielleicht innerhalb derselben einholen könne.
Als nun das Tor sich geöffnet hatte, stürzte er unaufhaltsam in der ihm bezeichneten Richtung fort. Manchmal rannte er ein paar Kinder über den Haufen, rempelte eine Frau an, die am Rinnstein Geschirr spülte, so daß eine Schüssel ihr klirrend davonrollte und zerbrach, oder er stieß mit einem Wasserträger zusammen. Aber die Schimpfworte, die hinter ihm herflogen, erreichten verschlossene Ohren, so ganz war er von dem einen Gedanken erfüllt, daß er bald, ganz bald den Buddha sehen würde.
"Welches Glück!" sagte er zu sich selber. "Wie viele Geschlechter leben dahin, ohne daß ein Buddha auf der Erde mit ihnen zusammen wandert; und von dem Geschlecht, das einen Buddha zum Zeitgenossen hat--o wie so wenige sind es, die ihn sehen! Mir aber ist jetzt dies Glück gewiß!--Immer habe ich ja gefürchtet, daß auf dem weiten, gefahrvollen Wege wilde Tiere oder Räuber mich um dies Glück bringen könnten, jetzt aber kann es mir nicht mehr geraubt werden!"
Während er so dachte, war er in ein sehr enges Gäßchen eingebogen. In seinem törichten Vorwärtsstürmen sah er nicht, daß vom anderen Ende her eine Kuh, die aus irgend einem Grunde scheu geworden war, ihm entgegenstürzte, bemerkte auch nicht, wie ein paar Leute vor ihm sich eiligst in ein Haus flüchteten, und andere sich hinter einem vorspringenden Mauerstück verbargen; er hörte nicht den Ruf, durch den eine auf einem Söller stehende Frau ihn warnen wollte--er spähte nur hinauf nach den Turmzinnen, die ihn am Verfehlen des Weges hindern sollten.
Erst als es zum Ausweichen zu spät war, sah er entsetzt, gerade vor sich, die dampfenden Nüstern, die mit Blut unterlaufenen Augen und das blanke Horn, das ihm unmittelbar danach tief in die Seite drang.
Mit einem lauten Schrei fiel er an der Mauer nieder. Die Kuh stürzte weiter und verschwand in einer anderen Straße.
Sofort eilten nun Leute herbei, teils aus Neugier, teils um zu helfen. Das Weib, das ihn gewarnt hatte, brachte Wasser, um die Wunde zu reinigen. Man zerriß seinen Mantel, um ihm einen Verband anzulegen und womöglich das Blut zu stillen, das wie ein Quell hervorbrach.
Kamanita hatte fast keinen Augenblick das Bewußtsein verloren. Es war ihm sofort klar, daß dies seinen Tod bedeute. Aber weder diese Vorstellung, noch die Schmerzen quälten ihn so sehr, wie die Angst, daß er den Buddha jetzt nicht zu sehen bekäme. Mit bewegter Stimme flehte er die Umstehenden an, ihn nach dem Mangohaine zum Buddha zu tragen:
"So weit bin ich gepilgert, ihr lieben Leute!--So nahe war ich schon am Ziel! O, habt Erbarmen mit mir, zögert nicht, mich dahin zu tragen! Denkt nicht an die Schmerzen, fürchtet nicht, daß ich ihnen unterliege--ich werde nicht sterben, bevor ihr mich dem Vollendeten zu Füßen niedergelegt habt, und dann werde ich selig sterben, selig auferstehen."
Einige liefen nun, Stangen und eine Matratze zu holen. Eine Frau brachte ein stärkendes Getränk, von dem Kamanita ein paar Löffel voll nahm. Die Männer waren uneinig, welcher Weg zur Versammlungshalle im Mangohaine der kürzeste sei, da es wohl auf jeden Schritt ankommen konnte. Denn es war jedem klar, daß es mit dem Pilger bald zu Ende ging.
"Da kommen Jünger des Vollendeten!" rief einer der Umstehenden, das Gäßchen hinanzeigend, "die werden uns das am besten sagen können."
Wirklich nahten sich einige Mönche aus dem Orden des Buddha, in gelbe Mäntel gehüllt, die den rechten Ann frei ließen, und die Almosenschale in der Hand. Die meisten waren jüngere Leute; aber zuvörderst schritten zwei ehrwürdige Gestalten: ein Greis, dessen ernstes, etwas strenges Gesicht mit dem durchdringenden Blick und dem kräftigen Kinn unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und ein Mann in mittleren Jahren, aus dessen Zügen eine so herzgewinnende Milde leuchtete, daß er dadurch fast das Aussehen eines Jünglings bekam. Auch konnte ein erfahrener Beobachter in seiner Haltung und in den etwas lebhaften Bewegungen, wie auch im feurigen Blicke, die unveräußerlichen Merkmale der Kriegerkaste entdecken, während die bedächtige Ruhe des Älteren den geborenen Brahmanen verriet. An hohem Wuchs und fürstlichem Anstand kamen aber beide einander gleich.
Als diese Mönche bei der Gruppe, die sich um den verwundeten Mann gebildet hatte, Halt machten, erzählten ihnen viele redselige Zungen sofort, was vorgefallen war, und daß man im Begriff sei, diesen verwundeten Pilger auf einer Bahre--die gerade gebracht wurde--nach dem Mangohaine zum Buddha zu tragen, um dadurch seinen sehnlichen Wunsch zu erfüllen;--ob nicht einer der jüngeren Mönche mit zurückkehren wolle, um ihnen den kürzesten Weg nach der Stelle zu weisen, wo der Erhabene sich augenblicklich aufhielt?
"Der Erhabene," antwortete der Greis mit dem strengen Gesicht, "ist nicht im Mangohaine, und wir wissen selbst noch nicht, wo er sich aufhält."
Bei dieser Antwort entrang ein verzweifeltes Stöhnen sich der wunden Brust Kamanitas.
"Aber freilich kann er nicht weit von hier sein," fügte der Jüngere hinzu. "Der Erhabene hat gestern die Mönchsgemeinschaft vorausgeschickt und ist allein weitergegangen. Er wird sich wohl verspätet haben und irgendwo, vielleicht im Vororte, eingekehrt sein. Wir sind jetzt unterwegs, ihn zu suchen."
"O, suchet eifrig, findet ihn!" rief Kamanita.
"Wenn wir auch wüßten, wo der Erhabene ist, so ginge es doch nicht an, diesen Verwundeten hinzutragen," meinte der strenge Mönch. "Denn die Erschütterung auf der Bahre würde seinen Zustand schnell verschlimmern, und wenn er es auch überstände, so würde er doch sterbend ankommen, und sein Geist würde nicht fähig sein, die Worte des Erhabenen zu erfassen. Wenn er sich aber jetzt schont, und von einem kundigen Wundarzt behandelt und sorgfältig gepflegt wird, dann ist doch immer noch Hoffnung vorhanden, daß er so weit zu Kräften kommen kann, um der Rede des Erhabenen zu lauschen.
Aber Kamanita zeigte ungeduldig auf die Bahre:
"Keine Zeit--sterben--mich mitnehmen--ihn sehen--berühren--selig sterben--mitnehmen--eilet!"
Achselzuckend wandte sich der Mönch an die jüngeren Brüder:
"Dieser arme Mann hält den siegreich Vollendeten für ein Götzenbild, bei dessen Berührung man entsühnt wird."
"Er hat Vertrauen zum Vollendeten gefaßt, Sariputta, wenn ihm auch das tiefere Verständnis fehlt," sagte der andere und beugte sich über den Verwundeten, um den Grad seiner Kräfte festzustellen; "vielleicht könnte man es doch wagen. Der Arme dauert mich, und ich glaube, man kann ihm nichts Besseres antun, als den Versuch zu machen."
Ein dankbarer Blick des Pilgers belohnte ihn für seine Fürsprache.
"Wie es dir beliebt, Ananda," antwortete Sariputta freundlich.
In diesem Augenblick kam von der Seite, von welcher auch Kamanita gekommen war, ein Hafner gegangen, der auf dem Rücken einen Korb mit allerlei Töpferwaren trug. Als er den Pilger Kamanita bemerkte, den man soeben mit großer Vorsicht, aber nicht ohne ihm heftige Schmerzen zu verursachen, auf die Bahre gelegt hatte, blieb er erschrocken stehen--und zwar so plötzlich, daß die aufeinandergetürmten Schüsseln, die er auf dem Kopfe trug, zu Boden fielen und zerbrachen.
"Ihr Götter! Was ist denn hier vorgefallen? Das ist ja der fromme Pilger, der meiner Halle die Ehre angetan hat, dort zu übernachten. In der Gesellschaft eines Mönches, der dasselbe Gewand trug, wie diese Ehrwürdigen, hat er in meinem Hause die Nacht zugebracht."
"War jener Mönch ein alter Mann und von hoher Gestalt?" fragte Sariputta.
"Gewiß, Ehrwürdiger--und er schien mir dir selber nicht unähnlich zu sein."
Da wußten nun die Mönche, daß sie nicht länger zu suchen brauchten, und daß der Erhabene im Hause des Hafners war. Denn "der Jünger, der dem Meister ähnelt"--also wurde ja Sariputta genannt.
"Ist es möglich?" sagte Ananda und blickte von dem Verwundeten auf, der durch die Schmerzen, die ihm das Emporheben verursacht hatte, fast bewußtlos geworden war und die Ankunft des Hafners gar nicht bemerkt hatte.--"Ist es möglich? Dieser arme Mann hätte das Glück, nach dem er so sehnlich trachtet, die ganze Nacht genossen, ohne es auch nur im geringsten zu ahnen?"
"Das ist die Art des Toren," sagte Sariputta. "Aber gehen wir; jetzt kann er ja hingebracht werden."
"Einen Augenblick!" rief Ananda, "die Schmerzen haben ihn überwältigt."
In der Tat zeigte der leere Blick Kamanitas, daß er kaum bemerkte, was um ihn vorging. Es fing an, ihm schwarz vor den Augen zu werden. Aber der lange Streifen des Morgenhimmels, der oben zwischen den hohen Mauern leuchtete, drang doch noch bis zu seinem Bewußtsein durch und mochte ihm wohl als die den Nachthimmel durchquerende Milchstraße erscheinen. Seine Lippen bewegten sich:
"Die Ganga--," murmelte er.
"Seine Sinne wandern," sagte Ananda.
Die Zunächststehenden, die das Wort vernommen hatten, faßten es anders auf.
"Er wünscht jetzt an die Ganga gebracht zu werden, damit die heiligen Wogen seine Sünden abspülen.--Aber Mutter Ganga ist ja weit von hier--wer könnte ihn wohl dahin tragen?"
"Erst der Buddha, dann die Ganga!"--murmelte Sariputta mit dem halb verächtlichen Mitleid des Weisen einem Toren gegenüber, der unrettbar von einem Aberglauben in den anderen fällt.
Aber plötzlich belebten die Augen Kamanitas sich wunderbar. Ein seliges Lächeln verklärte seine Züge. Sein Körper wollte sich aufrichten. Ananda stützte ihn.
"Die himmlische Ganga," flüsterte er mit schwacher, aber freudiger Stimme, und zeigte mit der rechten Hand nach dem Himmelsstreifen über seinem Haupte: "Die himmlische Ganga!--wir schwuren--bei ihren Wellen--Vasitthi--"
Sein Körper zitterte, Blut quoll ihm aus dem Munde, und in den Armen Anandas verschied er.--
Kaum eine halbe Stunde später traten Sariputta und Ananda, von den Mönchen begleitet, in die Halle des Hafners ein, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich ihm zur Seite nieder.
"Nun, mein lieber Sariputta," fragte da der Erhabene, nachdem er ihnen freundlichen Gruß entboten,--"hat die junge Mönchsgemeinde unter deiner Führung die weite Wanderung gut und ohne Unfälle überstanden? Habt ihr Mangel an Nahrung oder Arznei für die Kranken unterwegs gehabt? Ist die Jüngerschaft fröhlich beflissen?"
"Glücklich bin ich, Ehrwürdigster, sagen zu können, daß es uns an nichts gefehlt hat, und daß die jungen Mönche voll Eifer und Zuversicht, sich nur danach sehnen, den Erhabenen von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Diese edlen Jünglinge, Kenner des Wortes, Nachfolger der Lehre, habe ich mitgenommen, um sie schon jetzt dem Meister vorzustellen."
Bei diesen Worten erhoben sich drei junge Mönche und begrüßten den Erhabenen mit zusammengelegten Händen:
"Heil dem Erhabenen, dem vollendeten Buddha--Heil!"
"Seid mir willkommen," sprach der Erhabene und lud sie mit einer Handbewegung wieder zum Sitzen ein.
"Und ist auch der Erhabene," fragte Ananda, "nach der gestrigen Wanderung ohne Übermüdung oder üble Folgen gut hier angekommen? Und hat der Erhabene in dieser Halle die Nacht leidlich zugebracht?"
"So ist es, Brüder. Ich bin bei einbrechender Dunkelheit zwar recht müde, doch ohne üble Folgen der Wanderung hier angekommen und habe in der Gesellschaft eines fremden Pilgers die Nacht nicht eben schlecht zugebracht."
"Dieser Pilger," nahm Sariputta das Wort, "ist in den Straßen Rajagahas durch eine Kuh des Lebens beraubt worden."
"Und nicht ahnend, mit wem er die Nacht hier zugebracht hatte," fügte Ananda hinzu, "begehrte er sehnlich, zu Füßen des Erhabenen gebracht zu werden."
"Bald danach freilich verlangte er, man möchte ihn nach der Ganga tragen," bemerkte Sariputta.
"Nicht doch, Bruder Sariputta!"--berichtigte Ananda. "Denn er sprach von der _himmlischen_ Ganga. Leuchtenden Blickes gedachte er eines Schwures und nannte dabei einen Frauennamen--Vasitthi, glaube ich--und so verschied er."
"Irgend einen Frauennamen auf den Lippen, ging er von dannen," sagte Sariputta.--"Wo ist er wohl wieder ins Dasein getreten?"
"Töricht, ihr Jünger, war der Pilger Kamanita, einem unvernünftigen Kinde vergleichbar. Diesem Pilger, ihr Jünger, der in meinem Namen umherzog und sich zur Lehre des Erhabenen bekennen wollte, habe ich die Lehre ausführlich und eingehend dargelegt. Und er hat an der Lehre Anstoß genommen. Auf Seligkeit und Himmelswonnen war das Sehnen und Trachten seines Herzens gerichtet. Der Pilger Kamanita, ihr Jünger, ist in Sukhavati, im Paradiese des Westens, wieder ins Dasein getreten, tausend- und abertausendjährige Himmelswonnen zu genießen."
XXII. IM PARADIESE DES WESTENS
Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens. In einen roten Mantel gehüllt, der zart und glänzend wie ein Blumenblatt in reichem Faltenwurf um ihn herabfloß, fand er sich mit untergeschlagenen Beinen, auf einer mächtigen, gleichfarbigen Lotusrose sitzend, die mitten auf einem großen Teiche schwamm. Auf der weiten Wasserfläche waren überall solche Lotusblumen zu sehen, rote, blaue und weiße, einige noch als Knospen, andere, obwohl ziemlich entwickelt, doch immer noch geschlossen, aber unzählige offen wie die seine; und fast auf einer jeden thronte eine menschliche Gestalt, deren faltiges Gewand aus den Blumenblättern emporzuwachsen schien.
Auf den schrägen Ufern des Teiches, im grünsten Gras, lachte ein Blumenflor, als ob alle Edelsteine der Erde hier in Blumengestalt wiedergeboren wären, ihren Glanz und ihr durchleuchtetes Farbenspiel beibehaltend, aber den harten Panzer, den sie in ihrem Erdenleben getragen, gegen die Weiche, schmiegsame, lebendige Pflanzenhülle eintauschend. So war auch der Duft, den sie aushauchten, mächtiger als die herrlichste Essenz, die je in ein kristallenes Fläschchen eingeschlossen wurde, und hatte doch die ganze herzhafte Frische des natürlichen Blumenduftes.
Von diesem fesselnden Ufersaum schweifte nun der entzückte Blick weiter zwischen hohen und breitwipfeligen, smaragdlaubigen und juwelenblühenden Bäumen, die bald einzeln sich erhoben, bald in Gruppen zusammen standen, bald tiefe Haine bildeten, hinüber nach den anmutigsten Felsenhügeln, die bald nackt ihre kristallenen, marmornen und alabasternen Formen zeigten, bald sie mit dichtem Gebüsch bedeckten oder mit duftigem Blütenflor verhüllten. An einer Stelle aber wichen Haine und Felsen gänzlich zur Seite, um einem schönen Fluß Raum zu geben, der sich still, wie ein Strom von Sternenglanz, in den Teich ergoß.
Über die ganze Gegend wölbte sich ein Himmel, dessen Ultramarinblau nach unten zu eher noch tiefer wurde, und unter dieser Kuppel schwebten weiße, geballte Wölkchen, auf welchen liebliche Genien gelagert waren, deren Instrumente den ganzen Raum mit den Zauberklängen wonniger Weisen erfüllten.
Aber an diesem Himmel war keine Sonne zu sehen, noch bedurfte es einer solchen. Denn von den Wölkchen und den Genien, von Felsen und Blumen, vom Wasser und von den Lotusrosen, von den Gewändern der Seligen, noch mehr aber von ihren Gesichtern strahlte ein wundersames Licht aus. Und wie dies Licht von strahlender Helligkeit war, ohne doch im mindesten zu blenden, so wurde die weiche, duftgesättigte Wärme durch den ständigen Hauch des Wassers erfrischt, und schon diese Luft einzuatmen war eine Lust, der nichts auf Erden gleichkommt.
Als Kamanita den ersten Anblick dieser Herrlichkeiten so weit verwunden hatte, daß sie ihn nicht mehr überwältigten, sondern anfingen, sich ihm als seine natürliche Umgebung unterzuordnen, richtete er seine Aufmerksamkeit auf jene anderen Wesen, die, wie er selber, ringsum auf den schwimmenden Lotusthronen saßen. Er bemerkte bald, daß die rot gekleideten männlichen, die weiß gekleideten weiblichen Geschlechts waren, während von den in blaue Mäntel gehüllten Gestalten, wie ihm schien, einige diesem, einige jenem Geschlechte angehörten. Alle miteinander aber standen sie in vollster Jugendblüte, und alle schienen von freundlichster Gesinnung erfüllt zu sein.
Ein Nachbar in blauem Mantel flößte ihm besonderes Vertrauen ein, und die Lust, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, regte sich in ihm.
"Ob es wohl angeht, von selber und unaufgefordert diesen Ehrwürdigen zu fragen?" dachte er. "Gar zu gern möchte ich doch wissen, wo ich bin."
Zu seiner größten Verwunderung erfolgte die Antwort sofort, lautlos und ohne daß der Blaue die Lippen auch nur leise bewegt hätte:
"Du bist in Sukhavati, dem Orte der Seligkeit."
Unwillkürlich fragte Kamanita in Gedanken weiter:
"Du warst hier, Ehrwürdigster, als ich die Augen aufschlug, denn mein Blick fiel sofort auf dich. Bist du vielleicht gleichzeitig mit mir erwacht, oder warst du schon lange hier?"
"Seit undenklichen Zeiten bin ich hier," antwortete der Blaue, "und ich würde glauben, daß ich von Ewigkeit her hier wäre, wenn ich nicht so oft gesehen hätte, wie eine Lotusblume sich öffnete und ein neues Wesen zum Vorschein kam--und wenn nicht der Duft des Korallenbaumes wäre."
"Was ist's denn mit diesem Duft?"
"Das wirst du selber bald entdecken. Der Korallenbaum ist das größte Wunder dieses Paradieses."
Die Musik der himmlischen Genien, die wie von selber dieses lautlose Gespräch zu begleiten schien, mit ihren Weisen und Klängen sich jedem Satz desselben anschmiegend, gleichsam um seinen Sinn zu vertiefen und das klar zu machen, was die Worte nicht fassen konnten, wob bei diesen Worten ein seltsam mystisches Tongebilde, und es schien dem lauschenden Kamanita, als ob in seinem Geiste unendliche Tiefen sich öffneten, in deren Schatten formlose Erinnerungen sich regten, ohne erwachen zu können.
"Das größte Wunder!" sagte er nach einer Pause. "Ich meinte, von allem Wunderbaren hier sei das Wunderbarste jener herrliche Strom, der sich in unsern Teich ergießt."
"Die himmlische Ganga," nickte der Blaue.
"Die himmlische Ganga!"--wiederholte Kamanita träumerisch, und wiederum überkam ihn, nur in verstärktem Maße, jenes Gefühl von etwas, das er kennen müsse und doch nicht kennen konnte, während die geheimnisvollen Töne in den tiefsten Abgründen seines eigenen Selbstes die Quellen jenes Stromes zu suchen schienen.
XXIII. SELIGE REIGEN
Mit Verwunderung bemerkte Kamanita jetzt, wie eine nicht weit von ihm auf ihrer Lotusrose thronende weiße Gestalt plötzlich in die Höhe wuchs. Die aufgehäufte Masse der eckigen Mantelfalten wickelte sich auseinander, bis das Gewand geradlinig von den Schultern bis zum goldigen Saume hinabfloß. Und dieser berührte schon nicht mehr die Blumenblätter--die Gestalt schwebte frei über den Teich hin, über das Ufer hinauf, und verschwand zwischen den Bäumen und hinter dem Gebüsch.
"Wie herrlich muß das sein!"--dachte Kamanita. "Aber das ist wohl eine sehr schwierige Kunst, obschon es aussieht, als ob es gar nichts wäre. Ob ich das wohl jemals lernen kann?"
"Du kannst schon, wenn du nur willst," antwortete der Blaue, an den die letzte Frage gerichtet war.
Sofort hatte Kamanita die Empfindung, als ob etwas seinen Körper in die Höhe höbe. Er schwebte schon quer über den Teich nach dem Ufer zu, und bald war er mitten im Grünen. Wohin er seinen Blick wünschend richtete, dorthin ging sein Flug, schnell oder langsam, je nach Verlangen. Er sah nun andere Lotusteiche, ebenso herrlich wie der, den er eben verlassen hatte, durchstreifte liebliche Haine, wo bunte Vögel von Zweig zu Zweig hüpften und ihr melodisches Zwitschern mit dem leisen Rauschen der Wipfel mischten, strich über blumenreiche Auen hin, wo niedliche Antilopen ihr Spiel trieben, ohne sich im geringsten vor ihm zu fürchten, und ließ sich endlich auf dem sanften Abhang eines Hügels nieder. Zwischen Baumstämmen und blühendem Gebüsch sah er die Ecke eines Teiches, wo das Wasser rings um die großen Lotusblüten glitzerte, deren Blumenthrone hier und dort eine selige Gestalt trugen, während mehrere selbst von den ganz entfalteten leer waren.
Es war nämlich offenbar gerade ein Augenblick des allgemeinen Schwärmens. Wie an einem warmen Sommerabend die Leuchtkäfer unter den Bäumen und um das Gebüsch hin und her kreisen, ein stilles, leuchtendes Treiben, also schwebten hier die seligen Gestalten, einzeln und paarweise, in ganzen Gruppen oder Reihen durch die Haine und um die Felsen. Dabei sah man es ihren Mienen und Blicken an, daß sie sich lebhaft miteinander unterhielten und man ahnte die unsichtbaren Fäden des Gespräches, die sich zwischen den lautlos Dahinziehenden hinüber und herüber spannen.