Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche

Part 9

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Auf menschliche Schwächen und Neigungen verstehen sich die Pfaffen vortrefflich, und dieser Kenntnis verdanken sie ihren Reichtum und ihre Macht. Ihnen konnte es nicht entgehen, dass alle Menschen mehr und weniger Reliquiennarren sind, und sie machten diese Narrheit zu einer Goldgrube, die noch heute nicht erschöpft ist.

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch irgendeine Reliquie wert hält, sei es die Locke einer Geliebten, eine gestickte Brieftasche oder eine trockene Blume oder ein Band, woran sich angenehme liebe Erinnerungen knüpfen. Ebenso kann man sich eines gewissen Interesses nicht erwehren, wenn man Gegenstände sieht, welche von bedeutenden historischen Personen einst gebraucht wurden.

Sowohl die Griechen als die alten Römer hatten ihre wert gehaltenen Reliquien, und einige davon waren fast römisch-katholisch, wie zum Beispiel das Ei der Leda! Das Palladion war ja auch eine Reliquie, und noch dazu eine wundertätige, wie auch der vom Himmel gefallene heilige Schild und viele andere.

Die Inder führten um einen übermenschlich großen Zahn von Buddha blutige Kriege, und die Mohammedaner bewahren Fahne, Waffen, Kleider, den Bart und zwei Zähne ihres Propheten, und so finden wir Reliquien bei jedem Kultus und bei jedem Volk.

Wir entdecken in der Geschichte der christlichen Kirche keine Spur von Reliquienkultus, ehe Konstantin Christ wurde. Von diesem wird erzählt, dass er während der Schlacht an der Milvischen Brücke am Himmel ein glänzendes Kreuz sah mit der griechischen Überschrift, welche in deutscher Übersetzung "In diesem siege" heißt. Er ließ nun eine Kreuzfahne machen, der seine meistens christlichen Soldaten mit Enthusiasmus folgten.

Seitdem wurde das Kreuz Mode, und bald fand die Mutter des Kaisers, Helena, das wahre Kreuz auf, an welchem Jesus vor länger als dreihundert Jahren gekreuzigt worden war, wie auch das Grab, in welchem sein Körper bis zur Auferstehung gelegen hatte. Die gleichzeitigen Schriftsteller melden zwar von dieser Entdeckung nichts; sogar der Fabelhans Eusebius, welcher die Reise der Kaiserin Helena nach Palästina beschreibt, sagt kein Wort von diesem merkwürdigen Fund; aber die Geschichte ist einmal als wahr angenommen, und die römische Kirche feiert ein eigenes "Kreuzerfindungsfest".

Der Segen, den Helena entdeckte, war aber zu groß; sie fand nicht allein das Kreuz Christi, sondern auch das der beiden "Schächer". Die Inschrift, die Pilatus zur Verhöhnung der Juden hatte anheften lassen, fand sich nicht mit vor; wie sollte man nun das heilige Kreuz von den beiden anderen unterscheiden? Pfaffen sind aber erfinderisch, und so war man denn auch nicht um eine Auskunft verlegen. Man legte einen Kranken auf eins der Kreuze, und er wurde weit kränker. Man vermutete daher, dass dies wohl das Kreuz des gottlosen Schächers sein müsse, der Jesus verspottete, und legte den Kranken auf ein anderes. Ihm ward um vieles besser, und endlich als er von diesem Kreuz des frommen Schächers auf das dritte gelegt wurde, - stand er sogleich frisch und gesund auf. Das Kreuz Christi war gefunden!

Man fand nun auch bald die Gräber der Apostel, und ihre Körper sind, glaub' ich, sämtlich vorhanden. Wusste man nicht, wo sie gestorben oder begraben waren, so hatte man göttliche Offenbarungen. Auf diese Weise gelangte man zu den Überresten von allen möglichen Märtyrern und Heiligen, die natürlich sämtlich Wunder taten. Solcher Offenbarungen wurden, wie sich von selbst versteht, nur Mönche und Geistliche gewürdigt; aber recht frommen Leuten gelang es mit Hilfe der Letzteren auch, mit den Heiligen in direkten Verkehr zu treten.

Eine fromme Frau zu St. Maurin hatte Johannes den Täufer zu ihrem Lieblingsheiligen ausersehen. Drei Jahre lang bat sie täglich den Heiligen nur um irgendwelches Teilchen von seinem Leib, den er ja doch nicht mehr brauchte, sei es auch was es sei; - der hartherzige Johannes wollte sich nicht erbarmen! Nun wurde die Frau trotzig und schwor, nichts mehr zu essen, bis der Heilige ihre Bitte erhört habe. Sieben Tage hatte sie schon gehungert, da endlich! fand sich auf dem Altar - ein Daumen des Täufers. Drei Bischöfe legten mit großer Andacht diese kostbare Reliquie in Leinwand, und drei Blutstropfen fielen aus dem Daumen heraus, - so dass doch für jeden der drei Bischöfe auch noch etwas abfiel.

Wie unendlich schwer ist es uns geworden, die Überreste Schillers und Webers aufzufinden! und beide starben doch als geachtete und hochverehrte Männer, in ruhiger Zeit und in Staaten, wo jeder Neugeborene und jeder Gestorbene in ein besonders darüber geführtes Register eingetragen wird; umso mehr ist es zu bewundern, dass man in jener Zeit noch nach Jahrhunderten nicht allein die Gebeine, sondern auch die Kleidungsstücke von Heiligen vorfand, die als Verbrecher hingerichtet und deren Leichen irgendwo eingescharrt wurden. Ja, was noch wunderbarer ist, man fand von manchem Heiligen so viele Körperteile, dass man daraus, wenn man sie zusammensetzte, sechs und mehr vollständige Skelette hätte machen können! Der heilige Dionysius existiert zum Beispiel in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und zu St. Emmeran, und außerdem werden noch in Prag und in Bamberg Köpfe von ihm gezeigt und in München eine Hand. Der Heilige hat also zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe!

Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten nichts von einer Anbetung der Jungfrau Maria oder der Heiligen, sondern verspotteten vielmehr die Heiden wegen ihrer vielen Untergötter, die gleichsam Jupiters Hofstaat bildeten, und wegen der göttlichen Verehrung der Kaiser, mit der es übrigens gar nicht so arg war. Man gab ihnen den Beinamen "der Göttliche", setzte ihre Namen in den Kalender und errichtete ihnen Bildsäulen. Mit Ludwig XIV. und anderen Fürsten haben Christen weit ärgeren Götzendienst getrieben.

Die ersten Heiligen waren meistens unbekannte Menschen, und wunderbar ist es, dass man auf die Anbetung der Maria erst weit später verfiel, denn eine Jungfrau, die Gott sich unter den Millionen Mädchen der Erde vorzugsweise zum "Gefäß der Gnade" ersah, war doch auf jeden Fall mehr der Anbetung würdig als ein hirnverbrannter schmieriger Einsiedler, der ein Sitzbad in einem Ameisenhaufen nimmt.

Noch im vierten Jahrhundert dachte man nicht daran, die Jungfrau Maria göttlich zu verehren, ja, man war auf dem besten Wege, sie zu verketzern. Man sagte ihr Dinge nach, welche die Christen der damaligen Zeit sehr gottlos fanden. Der berühmte Kirchenvater Tertullian warf ihr vor, dass sie an Jesus nicht geglaubt habe! Origenes und Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, dass der Engel ihr die Empfängnis Christi früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben hätte ein Ende machen können.

Die Verehrung der Maria beginnt erst im fünften Jahrhundert, und bald hatte sie nicht allein alle Heiligen, sondern selbst Gott und Jesus überflügelt. "Wer Maria nicht verehrt, dem wird keine Vergebung", sagten die Priester.

Die Liebe verfällt schon auf wunderbare Beinamen, und mein Täubchen, mein Mäuschen, mein Hämmelchen, mein Puttchen usw. usw. sagt noch heute gar mancher Jüngling zu seiner Geliebten; aber die der Jungfrau Maria beigelegten zärtlichen Namen sind oft so seltsam und komisch, dass es nicht zu begreifen ist, wie Katholiken die marianische Litanei ohne Lachen herplappern können. Sie wird unter anderen genannt: du geistliches Gefäß, ehrwürdiges Gefäß, vortreffliches Gefäß der Andacht, geistliche Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche des Bundes, Thron Salomons, brennender Dornbusch, Honigfladen Simsons, Tempel der Dreieinigkeit, geweihte Erde, Seehafen, Sonnenuhr, Himmelsfenster usw.

Der Name "Mutter Gottes", der jetzt ganz gewöhnlich geworden ist, erregte im fünften Jahrhundert großes Ärgernis; der fromme Kirchenvater Nestorius fand ihn lächerlich und unschicklich und den "Mutter Christi" vernünftiger. Die Kirchenversammlung von Ephesus entschied aber für Mutter Gottes.

Natürlich war es, dass man nun auch auf die Verehrung der "Großmutter Gottes" verfiel; aber Papst Clemens XI. gebot Halt, und ohne ihn würden die Katholiken vielleicht heute zu allen Onkeln und Tanten Gottes beten.

Christus ist Gottes Sohn nach der Lehre der christlichen Kirche, und doch ist er wieder Mensch; aber er ist eins mit Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist. Über diese Menschwerdung Gottes und über das Wesen der Dreifaltigkeit ist mancher schon einfältig geworden. Die Menschwerdung Gottes erklärt der heilige Bernhard ebenso einfach als elegant, indem er sagt: "Aus Gott und Mensch wurde eine Heilsalbe für alle; diese beiden Spezies wurden im Leibe der Jungfrau Maria wie in einer Reibschale gemischt, und der Heilige Geist war die Mörserkeule."

Minder geistreich, wenn auch ebenso einfach, ist jenes Franziskaners Erklärung der Dreieinigkeit, die er vergleicht mit Hosen, die zwar drei Öffnungen hätten, aber doch nur ein Stück wären.

Maria wurde Veranlassung zu unendlich vielen Zänkereien zwischen den Gelehrten und Pfaffen. Besonders heftig war der Streit über "die befleckte oder unbefleckte Empfängnis der Jungfrau"; das heißt nicht darüber, ob Maria Jesus ohne Verlust ihrer physischen Jungfrauschaft empfangen habe - denn darüber war man ziemlich einig - sondern ob sie selbst von ihrer Mutter auch "ohne Erbsünde" empfangen sei oder nicht. Die Dominikaner sagten mit, die Franziskaner ohne Erbsünde und stritten jahrhundertelang darüber mit Waffen aller Art. Noch im Jahr 1740 machten gelehrte Männer diese Dummheit zum Gegenstand ihrer ernsthaften Untersuchung, und der gegenwärtige Papst hat sie zu einem Dogma der Kirche erhoben!

Die heilige Jungfrau ist sehr empfindlich in dieser Hinsicht und rächte sich an denjenigen, welche an ihrer unnatürlichen Entstehung zweifelten. Ein Fall solcher Rache wird von den Franziskanern mit Triumph erzählt. Ein Dominikaner predigte mit größter Heftigkeit gegen die unbefleckte Empfängnis und forderte gleichsam die "Himmelskönigin" heraus, ein Zeichen zu geben, wenn es nicht wahr sei, was er geredet. Kaum hatte er diese Lästerung ausgesprochen, als der Boden der Kanzel brach und der dicke Pater bis zur Mitte des Leibes hindurchfiel. Der Oberkörper mit der Kutte blieb oben, so dass die hosenlose Vorder- und Hinterfront der unteren Etage des geistlichen alten Hauses der Betrachtung und dem Gelächter seiner Gemeinde preisgegeben war.

Die Art und Weise, wie Maria Jesus empfangen habe, war auch ein Gegenstand großen Kopfzerbrechens. Einige meinten, es sei durch das Ohr geschehen, andere meinten durch die Seite. Dann zankte man sich auch sehr darüber, ob Maria noch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei. St. Ambrosius verteidigt diese Meinung sehr hartnäckig und bringt für dieselbe höchst wunderbare Dinge vor. Er sagt unter anderem: "Da er (nämlich Christus) gesagt hat: ich mache alles neu, so ist er auch von einer Jungfrau auf unbefleckte Weise geboren worden, damit man ihn desto mehr für den ansehe, der da ist Gott mit uns. Sie sagen: als Jungfrau hat sie empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren. Ist das Eine möglich, so ist auch das Andere möglich. Denn die Empfängnis geht ja vorher und die Geburt folgt nach. Man sollte doch den Worten Christi, man sollte doch den Worten des Engels glauben, dass bei Gott kein Ding unmöglich sei (Lukas 1,37). Man sollte dem apostolischen Symbolum glauben. Sagt ja der Prophet, eine Jungfrau werde nicht nur empfangen, sondern auch gebären (Jesaja 7,14). Jene Pforte des Heiligtums, welche verschlossen bleibt, durch welche niemand gehen wird, als allein der Gott Israels (Ezechiel 44,1.2), was ist sie anders als Maria, durch welche der Erlöser in diese Welt eingegangen ist? Sind doch so viele Wunder gegen die Gesetze der Natur geschehen, was ist's denn Wunder, wenn eine Jungfrau wider den Lauf der Natur einen Menschen geboren hat?" usw.

Maria wurde von allen Kirchenlehrern, welche die Unterdrückung des Geschlechtstriebes predigten, als das höchste unerreichbare Muster des jungfräulichen Lebens aufgestellt und bald von den Mädchen und Weibern weit mehr als Gott verehrt. Dieser Götzendienst war natürlich denen, welche die Lehre Christi rein bewahren wollen, ein Gräuel, und - daher die Opposition gegen Maria.

Helvidius schrieb (383) zur Verteidigung des Christentums ein Buch, in welchem er beiläufig behauptete, dass Maria nach Jesu Geburt noch mit Joseph einige Kinder hatte, wobei er sich sowohl auf Matth. 1, 25 berief, wo es heißt: "Joseph wohnte der Maria nicht bei, bis sie ihren ersten Sohn geboren" wie auch auf andere Bibelstellen, wo oftmals von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist.

Der heilige Hieronymus geriet außer sich über diese Frechheit. Er schrieb gegen Helvidius und ruft den Heiligen Geist an, "dass er das Quartier des heiligen Leibes, in dem er zehn Monate gewohnt habe, gegen allen Argwohn eines Beischlafes schützen", und Gott Vater, "dass er die Jungfräulichkeit der Mutter seines Sohnes kundtun möge".

Ähnliche Lehren wie Helvidius trug ein römischer Mönch, Jovinian, vor, und nun entspann sich um die Jungfrauschaft der Maria ein heftiger Kampf, der damit endete, dass Jovinian und seine Anhänger aus der Gemeinschaft der christlichen Kirche ausgeschlossen und seine Lehren als Ketzerei verdammt wurden!

Es ist nicht möglich, ernsthaft zu bleiben, wenn man liest, über welche seltsamen Dummheiten die Geistlichen schrieben und disputierten! Pater Suarez handelt sehr gelehrt die Frage ab, "ob Maria mit oder ohne Nachgeburt geboren habe", und erzählt, dass Fromme verschiedene Speisen in Form der Nachgeburt genossen hätten! - Übrigens ist er ein Antinachgeburtianer, da der Prophet Ezechiel prophezeit habe: "Diese Tür wird verschlossen sein und nicht aufgemacht werden."

Man glaube indessen nicht, dass dieser ekelhafte Unsinn der größte ist, über welchen Pfaffen stritten, und verhöhne nicht die jüdischen Rabbiner, welche ernstlich untersuchten, ob Adam schon mit Stahl und Stein Feuer geschlagen habe? Ob das Ei, welches eine Henne am Festtag gelegt habe, gegessen werden dürfe? Ich kann eine ganze Galerie solcher christlichen Streitfragen anführen, die den erwähnten an Abgeschmacktheit durchaus nichts nachgeben, die mit der größten Erbitterung abgehandelt wurden und wobei es gar häufig zu Schlägereien und selbst Blutvergießen kam.

Die Pfaffen stritten darüber: ob Adam einen Nabel gehabt habe? Zu welcher Klasse von Schwalben die gehörte, welche Tobias ins Auge machte? Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, als er Jesus das Urteil sprach? Ob ein Kind bei widernatürlicher Lage auf den Hintern getauft werden dürfte? Was das für ein Baum gewesen, auf den der kleine Zachäus stieg, als er Jesus sehen wollte? Mit welcher Salbe Maria Magdalena den Herrn gesalbt? Ob der ungenähte Rock, über den die Kriegsknechte das Los warfen, Christi ganze Garderobe gewesen sei? Wie viel Wein auf der Hochzeit zu Kana getrunken worden sei? Was wohl Jesus geschrieben, als er mit dem Finger in den Sand schrieb? Wie Jesus das Erlösungswerk habe vollbringen können, wenn er als Kürbis zur Welt gekommen wäre? Ob Gott wie ein Hund bellen könne? Ob nicht schon ein einziger Blutstropfen hingereicht habe für die Sünde der Welt? Ob Gott der Vater sitze oder stehe? Ob er einen Berg ohne Tal, ein Kind ohne Vater hervorbringen und eine Entjungferte wieder zur Jungfrau machen könne? Ob die Engel Menuett oder Walzer tanzten? Ob sie lauter Diskant- oder auch Bassstimmen hätten? Was man wohl in der Hölle treibe, und zu welchem Thermometergrad die Hitze dort wohl steige? Eine Menge Fragen muss ich ihrer Unflätigkeit wegen weglassen und will nur zwei als Probe in lateinischer Sprache ausführen: An Christus cum genitalibus in coelum ascenderit, et S. Virgo semen emiserit in commercio cum Spiritu sancto?

Die Lehren vom Abendmahl, von der Taufe und wie die christlichen Mysterien und Narrenspossen alle heißen, boten gleichfalls Gelegenheit genug zu Streitigkeiten. Man zankte sich darüber, ob der Teufel rechtmäßig taufen könne? Ob man im Notfall auch mit Wein, Bier, Sand usw. taufen könne? Oder ob auch bloßes Anspucken genüge? Ob eine Maus, die vom Taufwasser gesoffen, für getauft zu halten sei? Was zu tun, wenn ein Kind das Taufwasser verunreinige? Das tat der nachherige Kaiser Wenzel, und deshalb wurde ihm auch alles mögliche Unheil prophezeit.

Doch die Untersuchung der Jungfernschaft der Mutter Gottes hat mich auf Abwege geführt; kehren wir wieder zu ihr zurück.

Albertus Magnus (Albrecht von Lauingen), Bischof von Regensburg, der 1280 zu Köln starb, hat sich sehr gründlich mit der Jungfrau Maria beschäftigt und untersucht, ob sie blond oder brünett, ob sie schwarzäugig oder blauäugig, ob sie schlank oder dick, groß oder klein gewesen sei. Was er eigentlich herausuntersucht hat, finde ich nirgends und habe keine Lust, die einundzwanzig Foliobände deshalb durchzulesen, die uns von seinen 800 Büchern erhalten worden sind. Nach den Überresten von ihrem Haar zu urteilen, ist es scheckig gewesen, denn man zeigt braune, blonde, schwarze und rote. Diejenigen Haare, mit welchen sie an einem Marientage höchsteigenhändig das Hemd des Erzbischofs St. Thomas flickte, waren übrigens maliziös blond.

Schön war Maria indes auf jeden Fall, denn wenn sich auch kein authentisches Porträt von ihr vorgefunden hat, so stimmen doch alle heiligen Kirchenväter darin überein, und als Heilige erschien ihnen natürlich die "Himmelskönigin" häufig.

St. Damiani, der 1059 starb, erzählt, "dass Gott selbst durch die Schönheit der heiligen Jungfrau in heftiger Liebe zu ihr entbrannt sei. In einem hierauf berufenen himmlischen Konvent habe er den verwunderten Engeln von der Erlösung des Menschengeschlechts und der Erneuerung aller Dinge erzählt und ihnen von Maria Kunde gegeben. Der Engel Gabriel erhielt sogleich einen Brief, in dem ein Gruß an die Jungfrau, die Fleischwerdung des Erlösers, die Art der Erlösung, die Fülle der Gnade, die Größe der Herrlichkeit und die Größe der Freuden enthalten waren. Gabriel kam zu Maria, und sobald er mit ihr gesprochen hatte, fühlte sie den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des jungfräulichen Bauches eingeschlossene Majestät."

Im Koran ist erzählt, dass Maria an einem Palmbaum stand, als der Engel zu ihr trat und sagte: "Ich will dir einen reinen Knaben schenken."

Die Zahl der Wunder, welche der heiligen Jungfrau zugeschrieben werden, ist sehr groß und es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Später findet sich vielleicht eine Gelegenheit, das eine oder andere zu erzählen.

Die Legende erzählt, dass Engel das ganze Haus der Maria aus Bethlehem nach Italien getragen hätten. Anfangs ließen sie es bei Tersatto in der Nähe von Fiume stehen; aber im Jahr 1294 trugen sie es nach Loreto.

Als das heilige Haus vorbeigetragen wurde, bogen sich die Balken - damals noch in ihrer Jugend als Bäume - vor demselben! Höchst merkwürdig ist es aber, dass zwei Jahrhunderte lang kein Schriftsteller von diesem höchst wunderbaren Transport erzählt! Die Inschrift des heiligen Hauses heißt: "Der Gottesgebärerin Haus, worin das Wort Fleisch geworden." Über dem unscheinbaren Haus, welches neueren Forschungen zufolge sich in Baumaterial und Form von den andern Bauernhütten - um Loreto gar nicht unterscheiden soll, erhebt sich eine prachtvolle Kirche, und Tausende von Wallfahrern strömten hierher, um ihre Rosenkränze in dem Breinäpfchen Christi umzurühren und, was für die Kirche die Hauptsache war, ein mehr oder minder beträchtliches Sümmchen zu opfern. So wurde denn durch einen jedem vernünftigen Menschen offenbaren Betrug ein unermesslicher Schatz zusammengestohlen!

Doch die guten Katholiken waren von ihren Pfaffen so gut gezogen, dass sie lieber ihren eigenen Augen als einem Pater misstrauten. Der Mönch Eiselin zog 1500 zu Aldingen in Württemberg umher mit einer Schwungfeder aus dem Flügel des Engels Gabriel. Wer diese küsste, sagte er, dem sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuss wurde natürlich nicht umsonst gestattet. Die kostbare Feder wurde dem Pfaffen gestohlen! Eiselin war indessen gar nicht verlegen. Im Beisein der Wirtin füllte er sein leeres Kästchen mit Heu, welches wahrscheinlich auf ihrer eigenen Wiese gewachsen war, und gab es aus für Heu aus der Krippe, in welcher Jesus in Bethlehem gelegen hatte; wer es küsste, sollte pestfrei sein. Alles drängte sich zum Kuss herzu, und selbst die Wirtin küsste, so dass Eiselin erstaunt flüsterte: "Und auch du, Schatz?"

Die frommen Herrn Geistlichen und Mönche trieben mit den Reliquien den abscheulichsten Betrug. Jeder christliche Altar musste seine Reliquie haben, und je heiliger diese war, desto größer war der Nutzen, den sie davon zogen; denn die Reliquien waren weder umsonst zu sehen, noch wurden sie verschenkt. Der Reliquienhandel wurde bald sehr einträglich. Natürlich, alte Knochen, Lumpen und dergleichen fand man überall, man brauchte kein Anlagekapital, und der Preis, den man sich bezahlen ließ, war hoch!

Als die Bischöfe von Rom Päpste wurden, da steuerten sie etwas diesen Handel, aber nur, um selbst davon größeren Vorteil zu ziehen. Die Reliquien mussten in Rom geprüft werden und wurden nur für echt befunden - wenn die Besitzer die echt römischen, klingenden Beweise beizubringen wussten. Eine gute Reliquie war ein wahrer Schatz für ein Kloster, und nicht alle Äbtissinnen gingen damit so leichtsinnig um, wie die Nonnen zu Macon.

Das dortige Kloster besaß die Haut des heiligen Dorotheus, der geschunden wurde; Simon, der Gerber, hatte das heilige Fell gegerbt, und diese kostbare Reliquie war durch mancherlei Hände endlich in den Besitz der Nonnen zu Macon gekommen. Diese stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten den Heiligen her, als ob er lebe. Sie gerieten aber aus übergroßer Verehrung auf ganz kuriose Spielereien und Abwege, so dass es die Äbtissin für ratsam hielt, die Reliquie, deren Wert sie nicht kannte, den Jesuiten zu schenken.

Diese entdeckten bald die Kostbarkeit und stifteten eine Bruderschaft zum heiligen Leder, wodurch sie sehr viel Geld verdienten. Nun ging den Nonnen plötzlich ein Licht auf! Sie klagten beim Papst, reklamierten von den Jesuiten ihr Heiligtum, und es wurde ihnen auch zugesprochen. Der Jubel der Nonnen war groß, aber, o Schreck! die maliziösen Jesuiten hatten den frommen Jungfrauen die ganze Freude verdorben, indem sie den lieben Heiligen verstümmelt hatten, und zwar auf unverantwortliche Weise! Er sah nun aus wie der heilige Bernhard, als er seinen Mönchen verklärt erschien. -

Die indignierten Jungfrauen wandten sich abermals an den Papst mit der Bitte, dass er den Jesuiten befehlen möge, ihnen das Fehlende herauszugeben. Der Papst hielt jedoch diesen Mangel, besonders für ein Nonnenkloster, nicht für erheblich und sandte den Bittenden als Ersatz - zwei geweihte Muskatnüsse! - Man denke sich die Beschämung und den Zorn der guten Nönnchen!

Zur Zeit der Kreuzzüge wurde Europa erst recht mit Reliquien überschwemmt. Man brachte aus dem Heiligen Land Heiligtümer aller Art mit. Eroberte man eine Stadt, so suchte man vor allen Dingen erst nach Reliquien, denn sie waren weit kostbarer als Gold und Edelsteine.

Ludwig der Heilige, König von Frankreich, machte zwei unglückliche Kreuzzüge; aber er tröstete sich über sein Unglück, denn es war ihm gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Nägel, den Schwamm, den Purpurrock Christi und die Dornenkrone - um eine ungeheure Summe zu erkaufen. Als diese Heiligtümer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe denselben barfuß bis Vincennes entgegen!

Heinrich der Löwe brachte eine große Menge Reliquien mit nach Braunschweig. Die Krone derselben aber war ein Daumen des heiligen Markus, für welchen die Venezianer vergebens 100.000 Dukaten boten.