Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche

Part 6

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So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Beschlüsse dieser Kirchenversammlungen war, so standen ihnen noch immer die große Anzahl der anderen Abgeordneten der Gemeinde entgegen, und es wurde vorerst die Aufgabe der Bischöfe, diese von den Kirchenversammlungen zu entfernen. Zuerst gelang es ihnen mit den nicht priesterlichen Mitgliedern der Gemeinde, dann mit den Diakonen und endlich auch mit den Presbytern, so dass die Gesamtheit der christlichen Gemeinden auf den Synoden einzig und allein durch die Bischöfe vertreten wurde.

Dies war zwar ein bedeutender Gewinn, denn nun konnten diese beschließen, was sie in ihrem Interesse für nötig hielten; aber noch immer bedurften die gefassten Beschlüsse der Zustimmung der Gemeinde. Um diesen lästigen Zwang zu entfernen, erfand man ein eigentümliches Mittel, welches wir einen plumpen und ungeschickten Betrug nennen würden, wenn er - nicht gelungen wäre.

Es war nämlich bei den Christen Gebrauch geworden, jede Versammlung mit der Bitte an Gott zu eröffnen, dass er die Anwesenden durch seinen Geist erleuchten und bei ihren Beratungen leiten möge. Diese Sitte wurde auch bei der Eröffnung von Kirchenversammlungen beobachtet, und nun erzeugten die Bischöfe bei den nur zu gläubigen Christen den Wahn, dass durch dieses Gebet der Heilige Geist auch stets veranlasst werde, bei der Synode gleichsam den Vorsitz zu führen, so dass alle ihre Beschlüsse als Aussprüche des Heiligen Geistes, also Gottes selbst, zu betrachten wären, die der Bestätigung nicht bedürften! Durch diese List waren die christlichen Gemeinden um den letzten Rest ihrer Freiheit gebracht und der eigennützigen Willkür der Bischöfe preisgegeben.

Nachdem diese einmal so weit gekommen waren, gingen sie in ihren Anmaßungen immer weiter, und es kam bald eine Zeit, wo die vor kurzem noch so ehrwürdigen Vorsteher der christlichen Gemeinden größtenteils die eigennützigsten, schamlosesten und verworfensten Menschen waren. "Aus den hölzernen Kirchengefäßen wurden goldene, aber aus den goldenen Bischöfen wurden hölzerne."

Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion machte, erlitten alle Verhältnisse der christlichen Kirche eine bedeutende Veränderung. Die Kaiser betrachteten sich selbst als Oberhäupter derselben; sie beriefen nicht nur nach ihrem Gefallen Kirchenversammlungen, leiteten die Wahlen der Bischöfe oder ernannten diese geradezu, sondern entschieden auch theologische Streitigkeiten nach ihrem Gutdünken. Dadurch gingen freilich viele der angemaßten Rechte der Bischöfe für den Augenblick verloren; aber die Vorteile, welche sie auf der anderen Seite gewannen, waren so groß, dass sie sich ganz außerordentlich demütig und fügsam zeigten, und so geschah es, dass alles in der Kirche nach dem Wink der Kaiser ging.

Der Kaiser war der Gnadenborn, aus dem auf seine Günstlinge Ehren und Reichtümer strömten, und die Bischöfe und Geistlichen wetteiferten in niedriger Schmeichelei, um deren möglichst viel zu schnappen. Die Armut der Kirche und ihrer Diener hatte ein Ende. Schon Kaiser Konstantin bestimmte einen Teil der Staatseinkünfte zum Unterhalte der Geistlichen und begnadigte sie mit wichtigen Vorrechten. Das allereinträglichste war aber das Gesetz, durch welches er sie für berechtigt erklärte, Schenkungen anzunehmen, welche ihnen durch testamentarische Verfügungen gemacht wurden, was nach dem Gesetz des Kaisers Diokletian keinem Verein gestattet war.

Nun war der Habgier der Geistlichkeit ein weites Feld geöffnet. Die niedrigsten und verächtlichsten Mittel wurden angewandt, um die bereits in Aberglauben aller Art versunkenen Christen zu reichen Schenkungen zu bewegen, und bereits nach zehn Jahren wagte niemand mehr zu sterben, ohne der Geistlichkeit ein Legat zu vermachen. Diese betrieb ihr Geschäft auf so schamlose Weise, dass nicht sehr lange darauf die Kaiser Gratian und Valentinian sich gezwungen sahen, durch Gesetze der Erbschleicherei der Geistlichen Einhalt zu tun.

Hieronymus, der Geheimschreiber des römischen Bischofs Damasus, der Zeuge war von dem nichtswürdigen Treiben der Pfaffen, rief bei der Bekanntmachung des Gesetzes: "Ich bedaure nicht des Kaisers Verbot, sondern mehr das, dass meine Mitbrüder es notwendig gemacht haben!" Diese Mitbrüder schildert er auf wenig schmeichelhafte Weise, indem er sagt: "Sie halten kinderlosen Greisen und alten Matronen den Nachttopf hin, stets geschäftig um ihr Lager; mit eigenen Händen fangen sie ihren Auswurf auf, und Witwen heiraten nicht mehr; sie sind weit freier, und Priester dienen ihnen um Geld." Selbst der Bischof des Hieronymus, Damasus, hatte sich den Beinamen Ohrenkrabbler der Damen erworben.

Als Julianus (361 n. Chr.) zur Regierung kam, geriet der ganze Pfaffenschwarm in große Bestürzung, denn dem gebildeten, mit der Philosophie seiner Zeit bekannten und darin aufgezogenen Kaiser erschien das bereits durch Aberglauben und Fabeln aller Art entstellte Christentum abgeschmackt und lächerlich. Er "fiel daher vom Glauben ab", wie die Kirchenphrase heißt, und erwarb dafür von den christlichen Geschichtsschreibern den Beinamen Apostata (Abtrünniger).

Die reine und einfache Lehre Christi hatte in der Tat bereits eine traurige Veränderung erlitten und war durch Wundermärchen und läppische Fabeln verunstaltet worden. Vor der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325 n. Chr.) gab es gegen fünfzig Evangelien, von denen nur die noch in der Bibel enthaltenen beibehalten wurden, weil die anderen den Heiden doch gar zu viel zu spotten und zu lachen gaben. Sie enthielten die abgeschmacktesten Erzählungen und trivialsten Geschichten, und wenn auch ihre Verfasser mit der Mutter Jesu nicht so vertraut waren wie jener Portugiese, der ein "Leben im Bauch der Maria" schrieb, so berichten sie uns doch unter anderem, dass dem frechen Menschen, der Maria unzüchtig anzufassen wagte, augenblicklich die Hand verdorrte. Auch von Wundern erzählen sie, die Jesus als Kind verrichtete. Einst habe derselbe mit anderen Kindern gespielt und mit ihnen aus Ton Vögel geformt; die von ihm gemachten seien sogleich fortgeflogen. Als er größer geworden, habe er einst einen Tisch gefertigt, und als er von seinem Vater gescholten worden sei, weil er zu kurz war, habe er an dem Tisch gezogen und ihn so lang gemacht, wie Meister Joseph wollte. (Anm.d.Red. Kindheitsevangelium nach Thomas)

Kaiser Julianus versuchte es, das Christentum zu stürzen, obwohl er die Christen nicht verfolgte, und als er schon nach zweijähriger Regierung im Kriege gegen die Perser fiel, verursachte sein Tod große Freude.

Sein Liebling, der Philosoph Libanius, fragte einst spöttisch einen christlichen Lehrer zu Antiochien: "Was macht des Zimmermanns Sohn?" Er erhielt zur Antwort: "Einen Sarg für deinen Schüler." Bald darauf starb der Kaiser, und Libanius vermutete, eben vielleicht wegen dieser Antwort, dass er durch irgendeinen fanatischen Christen seinen Tod fand. Sterbend unterhielt sich der Kaiser über die Erhabenheit der menschlichen Seele, aber die Christen erzählten, er habe eine Hand voll Blut gen Himmel gespritzt und ausgerufen: "Du hast gesiegt, Galiläer!"

Mit Julianus starb der letzte heidnische Kaiser; unter seinen Nachkommen breitete sich die Macht der Pfaffen immer mehr aus, und dieses Ungeziefer des Christentums verunstaltete dasselbe von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr und wurde immer unverschämter und üppiger.

Die lieben, guten Heiligen

Zu alten Zeiten hieß heilig, wenn der Fliegen, der Heuschrecken fraß, und jener gar mit seinem heil'gen Hintern in einem Ameis'nhaufen saß, um voller Andacht drin zu überwintern.

(Anm.d.Red. Samuel Butler, Hudibras)

Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollständig gelöstes Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen grässliche Übel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit heimgesucht wird. Noch unerklärlicher sind Epidemien des Geistes, deren Vorkommen so alltäglich ist, dass wir gar nicht mehr darauf achten und sie am allerwenigsten für eine geistige Störung halten.

Woher kommt es, dass irgendein dummes Lied die Runde über den Erdball macht, dass man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode, über deren Möglichkeit man später selbst erstaunt ist. Es ist nicht nötig, dass wir Beispiele anführen, denn jeder Mensch wird irgendein Lied, Redensart oder Mode anführen können, die epidemisch auftrat.

Das Merkwürdige bei solchen geistigen Epidemien ist, dass Absperrung dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die sich zum Beispiel in Klöstern ganzer Länder verbreiteten, die doch unter sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel werden wir davon merkwürdige Beispiele anführen.

Die Keime der in ihren Folgen grässlichsten geistigen Epidemien enthält die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit gefallen.

Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten. All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein.

Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung für ein künftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den Himmel zu verdienen.

Der Übergang zu dem Gedanken, dass Leiden überhaupt verdienstlich sei, war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den Aposteln berichtete Aussprüche Christi unterstützt wurde, und so kam es, dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu ertragen und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar nicht erkannt.

Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als die während der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet wurden.

Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die Natur mit Füßen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die Enthalsamkeit.)

Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die frommen Christen hielten sich nicht für wert, dass die Sonne sie bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede Qual ein Schritt zum Himmel.

Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gräuel und die Reformation dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien unter den Christen der ersten Jahrhunderte.

Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch entnommen ist:

Ich bin ein altes Raben-Aas, Ein rechter Sünden-Krüppel, Der seine Sünden in sich fraß, Als wie den Rost der Zwibbel. O Jesus, nimm mich Hund am Ohr. Wirf mir den Gnadenknochen vor, Und schmeiß mich Sündenlümmel In deinen Gnadenhimmel.

Weil Jesus es für nötig hielt, vierzehn Tage in die Wüste zu gehen - zu welchem Zweck hat er niemand gesagt - so meinten die Schwärmer, auch in die Wüste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen kasteien zu müssen, denn Christus hatte gesagt: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben - komm und folge mir nach."

Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit unter die Heiligen geraten sein; aber der größte Teil der Heiligen wurde erst durch solche ähnliche Stellen der Bibel zu Narren.

Die Wüsteneien Syriens und Ägyptens bevölkerten sich mit frommen Christen, welche "Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten hatte, es für verdienstlich hielten, sich noch weit größere Qualen freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur mit Füßen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, dass uns dabei die Haut schaudert. Diese Schwärmerei wurde epidemisch und die sonst einsamen Wüsten bevölkerten sich wie Städte.

Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Väter der Wüste" gibt uns folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit; andere, mit auf den Rücken gebundenen Händen, halten sich in der Angst ihres Gewissens nicht für würdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode geliebter Personen; andere machen sich Vorwürfe, nicht Tränen genug vergießen zu können. Ihr Körper ist, wie David sagt, voll Geschwüre und Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Tränen und ihr Brot mit Asche; ihre Haut hängt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hört nichts als Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das übrige von sich, im Gefühl ihrer Unwürdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und Gericht! Sie haben verhärtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch Schläge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefängnissen oder wie Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen und verwesen zu lassen wie das Vieh!" -

Wer von diesen Wüsteneinsiedlern noch nicht verrückt war, musste es bei der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte die Eitelkeit auf und einer suchte den anderen an Strenge und Selbstquälerei zu übertreffen. (Anm.d.Red. vgl. Theodoret von Cyrus: Mönchsgeschichte - Historia Religiosa)

Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fünfzig Jahre lang in einer unterirdischen Höhle, ohne jemals das freundliche Licht der Sonne wiederzusehen! Andere ließen sich bei der größten Hitze bis an den Hals in den glühenden Sand graben; noch andere in Pelze einnähen, so dass nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch erträglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen aushieb und beständig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus.

Sehr viele behängten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten. Der heilige Eusebius trug beständig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an seinem Körper. Einer dieser Narren namens Thaleläus klemmte sich in den Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung für seine Ausdauer, in einen engen Käfig zurückzog. Wahrlich ein rarer Vogel!

Einige taten das Gelübde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht - jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist.

St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fuß getreten; er litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er ließ sich den Stein nicht herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja, manche versuchten, gar nicht zu schlafen und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, dass sie verrückte Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, dass Wahnsinnige sehr lange ohne Nahrung leben können. Simeon, der Sohn eines ägyptischen Hirten, aß nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so fest zusammengeschnürt, dass überall Geschwüre hervorbrachen, die so entsetzlich stanken, dass es niemand in seiner Nähe aushalten konnte.

Dieser Simeon glaubte immer, dass er sich noch nicht genug quäle, und erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch nicht angewandt wurde, da Anbeter der großen Göttermutter, der Kybele, in Syrien Ähnliches getan hatten. Simeon stellte sich nämlich auf die Spitze einer Säule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Säule, die er zu diesem Zweck benützte, war nur vier Ellen hoch, aber je höher sein Wahnsinn stieg, desto höher wurden auch seine Säulen. Als seine Tollheit den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Säule vierzig Ellen hoch; auf dieser stand er dreißig Jahre!

Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf überkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewöhnte er sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Füße zu bücken. Er muss noch einen geschmeidigeren Rücken gehabt haben als irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, dass er bis 1244 solcher Bücklinge gezählt habe, der Heilige aber noch unendlich lange in seiner frommen Turnübung fortgefahren sei.

Simeon brachte es dahin, dass er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem ausgemergelten Körper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, ließ er auf seiner Säule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in aufrechtstehender Stellung befestigen.

Diese Säulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen Morgenland. Im Abendland ist nur ein Säulenheiliger bekannt und die fromme Stadt Trier hat den Ruhm, dass er einer ihrer Söhne war. Der damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der römischen Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig Jahren den angeblich ungenähten Rock Jesu für Geld zeigte, denn sonst würde er nicht die Säule haben umstürzen und den Narren - ich meine den Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen.

Da es das höchste Ziel aller dieser für ihre Seligkeit sich quälenden Toren war, "die Natur mit Füßen zu treten" und jede "vom Fleische" stammende Regung zu unterdrücken, so wurde denn natürlich auch der Geschlechtstrieb als höchst unchristlich verdammt und bekämpft. Der Kampf mit diesem mächtigsten der Triebe kostete aber die allergrößte Mühe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die allerverderblichen Folgen für die sich Christen nennende Menschheit.

St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzählt ganz kalt, dass dieser Kampf mit der Natur Jünglingen und Mädchen Gehirnentzündungen und oft Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um den Unzuchtsteufel in sich zu demütigen, wussten ja nicht, dass sie dadurch das Übel nur ärger machten, denn der Teufel - der bekanntlich überall seine Hand im Spiel hat - führte ihnen die üppigsten Bilder vor die Phantasie.

Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre rebellischen Glieder mit Schierlingssaft und andere machten der Sache völlig ein Ende, indem sie die Wurzel des Übels ausrotteten. Dann hörte freilich alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im Überwinden liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernünftige Kirchenvater Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich häufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien, Jakobus, ein syrischer Mönch, und noch viele andere unter den Priestern und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, dass ein Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden musste. Nun, Gott sei Dank, vor der Rückkehr dieses Fanatismus sind wir sicher!

Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen konnten oder auch durch ihre Frömmigkeit davon abgehalten wurden, litten Höllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die Wüste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo soviel zweibeiniger Zündstoff umherläuft. Er kämpfte oft mit sich, ob er seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle. Einst legte er sich nackt in eine Höhle, welche von Hyänen bewohnt wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, ließen ihn aber ungefressen liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, dass er ein Heiliger war.

Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schönes äthiopisches Mädchen, setzte sich auf seinen Schoß und reizte ihn so sehr, dass er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann in seiner Lage unfehlbar getan haben würde. Als das Entsetzliche geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach ähnlichen Vorfällen; er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem schönen Mädchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung war richtig; das Mädchen war der Teufel in eigener Person, denn Pachomius' Hand stank von der Berührung ein ganzes Jahr lang so entsetzlich, dass er fast ohnmächtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe brachte.

Ärgerlich darüber, dass ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in der Wüste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyäne und wollte nicht anbeißen. Pachomius hielt dies für ein Wunder, und eine innere Stimme sagte ihm, dass er nun Ruhe haben sollte, und somit scheint ihn das Teufelsmädel kuriert zu haben.

Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwärmerei stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze Christenheit wurde von dieser asketischen Schwärmerei angesteckt. Ganze Scharen rannten in die Wüste, so dass sich die Heiligen auf die Füße traten und genötigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klöster zu bilden.