Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche

Part 5

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Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel enthaltenen Erzählungen erklären zu wollen, wäre ein ganz nutzloses Unternehmen.

Die römische Kirche und andere Wundergläubige werden eine solche Erklärung auch ganz überflüssig finden; sie sagen, Jesus war Gottessohn, Gott selbst, und Gott ist allmächtig. Darauf haben wir schon früher geantwortet; allein es wird nötig sein, auf die Göttlichkeit Christi etwas näher einzugehen, ehe wir diese Abschweifung von dem eigentlichen, historischen Zweck dieses Kapitels schließen.

Als Jesus auftrat, war der Glaube an die Götter der Griechen unter den in der Nähe der Juden und unter ihnen vorhandenen Fremden noch nicht gänzlich erloschen und es war von jeher geglaubt, dass sich die Götter unter die Menschen mischten. Der Sohn eines Gottes war den Heiden keine so fremde Erscheinung. Große Könige und Helden wurden durch ihren Glauben zu Göttersöhnen gemacht.

Selbst unter den Juden war dieser Gedanke nicht so unerhört, denn wenn Moses auch für zweckmäßig gefunden hatte, dem Volk diese Vorstellung von einem unsichtbaren Gott zu geben, so war der Jehova der alten Juden doch eine sehr verschiedene Vorstellung von dem Gott der heutigen aufgeklärten Juden. Nach den Erzählungen der Bibel sah Adam Gott, und Moses erschien er unter verschiedenen Gestalten; er war also ein persönliches, gewissermaßen körperliches Wesen. Da nun die Juden viel mit den Heiden in Berührung kamen und der Götzendienst selbst unter ihnen eine bedeutende Ausdehnung gehabt hatte, wie wir aus der Bibel sehen, so war es sehr begreiflich, dass viele unter dem Volk einen Mann, der so wunderbare Handlungen wie Jesus verrichtete, für einen Sohn Gottes hielten.

Obwohl Jesus sich Gottes Sohn nannte, so bezeichnete er doch auch alle Menschen als Kinder Gottes und selbst das Gebet, welches er für alle gab, nennt ihn Vater. Andererseits sagt er aber auch ausdrücklich zu dem römischen Hauptmann Cornelius, der vor ihm nieder fiel: "Stehe auf, ich bin ja auch nur ein Mensch." (Anm.d.Red. Apostel 10,26, Corvin verwechselt hier Jesus mit Petrus) - Die Mehrzahl der ersten Anhänger Jesu hielt ihn für einen bloßen Menschen und als einige Schwärmer unter ihnen die Ansicht aussprachen, dass er nur die Gestalt eines Menschen angenommen habe, wurden sie deshalb von seinem Freunde und Schüler Johannes getadelt.

Die Göttlichkeit Christi ist jedoch der Grundstein der römischen Kirche und die ganze theologische sogenannte Wissenschaft beruht auf dieser Abgeschmacktheit, die sich übrigens auch in vielen anderen Religionen, namentlich in der indischen, findet und weiter nichts ist als eine Allegorie der Naturreligion.

Es würde mich zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich mich auf einen Nachweis darüber einlassen wollte; das haben tiefere Forscher und Geschichtskundige zur Genüge getan. Ich will nur mit wenigen Worten nachweisen, dass die Lehre von der Göttlichkeit Christi, die ihn in den Augen der Menschen erhöhen soll, abgesehen davon, dass sie eine Dummheit in sich selbst ist, das Verdienst des Erlösers zunichte macht.

Die Kirchenlehrer sind bei der Erklärung dieser Lehre noch weit unklarer als gewöhnlich und hüllen sich in einen Schwall von Worten, die dem nichtdenkenden Volk imponieren, weil es sie nicht versteht, was es in diesem Falle nicht nur mit den Denkern, sondern sogar mit den Erklärern selbst gemein hat, "denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein". So vornehm und entrüstet sich diese Erklärer auch gebärden, wenn man sie über diesen Glaubensartikel befragt, so ist es mir doch nie gelungen, irgendeinen klaren, rein vernünftigen Gedanken auf dem Grund ihrer Erklärungen zu finden. Die aufgeklärtesten protestantischen Geistlichen, die ich hörte, suchen den Frager damit abzufertigen, dass sie Jesus einen "Gottmenschen" nennen; was aber keine besondere Menschenrasse oder Klasse, sondern nur ein Mensch ist, dessen Geist sich zu der höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, die eben ein Mensch erreichen kann.

Eine solche Erklärung ist aber eine Ketzerei in den Augen der Kirche, denn diese will, wir sollen glauben, dass Jesus ein nicht von einem menschlichen Geiste, sondern von Gott, der höchsten Potenz geistiger Vollkommenheit, belebter und regierter menschlicher Körper war.

Vor und nach Jesus gab es tugendhafte Menschen, die ebenso rein und tadellos lebten, wie es seine Schüler, die ihn drei Jahre lang täglich beobachteten, von ihm erzählten und andere, welche noch weit größere Leiden, als sie Jesus erduldete, noch standhafter als er für eine von ihnen für groß und gut gehaltene Sache ertrugen. Ihre Tugend und ihre Kraft waren ihr Verdienst, jedenfalls das Resultat der höheren Ausbildung ihres unvollkommenen menschlichen Geistes. Der Geist aber, der den Körper Jesu belebte, war nach der Kirchenlehre Gott, die höchste Potenz der geistigen Vollkommenheit, also keiner Vervollkommnung bedürftig oder fähig. Ein solcher Geist, in einen menschlichen Körper gedacht, hat gar keinen Kampf zu bestehen, da er nicht einmal den Gedanken der Versuchung zulässt. Tugend und Seelenkraft im Leiden und davon hergeleitetes Verdienst existieren nur für den Menschen, das heißt für einen ursprünglich unvollkommenen menschlichen Geist, der einen menschlichen Körper belebt. Der Gedanke an einen in Versuchung führenden oder leidenden Gott setzt eine so niedrige Gottesvorstellung voraus, dass sie jedem selbst an einen persönlichen Gott glaubenden Menschen als eine Gotteslästerung erscheinen muss. Ein Gott, der am Kreuz verzweifelt, ist geradezu abgeschmackt und lächerlich.

Wie anders dagegen erscheint uns Jesus, wenn wir ihn als einen Menschen betrachten, dessen zarter Körper von einem rein menschlichen Geist belebt war! Das reine Leben eines solchen Jesus können wir bewundern und mit der Hoffnung nachahmen, das hohe Muster zu erreichen, da Jesus ein Mensch war; für seine Leiden haben wir Mitgefühl und Tränen, da er ein Mensch war und für das Opfer, welches er mit seinem Leben der ganzen Menschheit brachte, fühlen wir die innigste Liebe, da es der höchsten, reinsten und uneigennützigsten Liebe entsprungen war.

Die Versuchung und die Zeichen der Schwäche, sozusagen die Kennzeichen seiner Menschheit, die wir an ihm entdecken, machen ihn uns noch liebenswerter. Welcher fühlende Mensch kann sich der Tränen enthalten, wenn er sich im Geist in die Lage Jesu am Ölberg versetzt. Die Stunde der Erfüllung des großen Opfers naht heran, und der rein menschliche Trieb der Lebenslust macht sich mit aller Kraft und Verlockung geltend. Alle Schrecken des Todes, dem er entgegen geht, stehen vor seinem Geist und noch einmal sucht er mit inbrünstiger Hoffnung nach einem andern Weg, seinen großen Zweck zu erreichen. Er ringt mit dem Tod, und "ein Engel steigt vom Himmel herab, ihn zu stärken"; der Gedanke an die durch seinen Tod vollbrachte Erlösung der Menschen, an die Größe dieses Zwecks ist der Engel, der ihm den Tod besiegen hilft.

Wie rührend menschlich ist die Handlung Christi bei der Einsetzung des Abendmahls! Wenn seine Jünger das Brot beim Essen zerbrechen und Wein trinken, sollen sie seiner und seines großen Liebesopfers mit Liebe gedenken. Er weiß, dass seine Todesstunde herannaht, und er kennt den bösen Menschen, der als Werkzeug dienen wird, ihn den Henkern zu überliefern; der Gedanke macht ihn traurig.

Die Geschichte seines Leidens ergreift uns nur, weil wir ihn als einen Menschen betrachten, denn Gott ist über den Spott der Kriegsknechte so erhaben, dass er ihn nicht empfindet und was die körperlichen Misshandlungen anbetrifft, so überwanden diese ja selbst die gemeinen, mit Jesus gekreuzigten Verbrecher so weit, dass sie ihn verspotten konnten; ein Gott musste sicher so viel Seelenkraft haben, solche körperliche Schmerzen gar nicht zu empfinden. Er empfand sie aber sehr schmerzlich, und als ihn in seiner Todespein die Kraft verlässt und ihn vielleicht der verzweiflungsvolle Gedanke überfällt, dass sein großes Opfer für die Erlösung der Menschheit nutzlos gebracht sein möchte, ruft er aus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" - Welches menschliche Herz erzittert hier nicht in seinen tiefsten Tiefen und wer ehrt und liebt nicht das Andenken an diesen erhabenen Menschen, der mit vollem Bewusstsein dessen, was ihm bevorstand, aus Liebe für die Menschen sich ein so schweres Opfer auferlegte!

Die Kirche verfehlt nicht, unser Mitgefühl für diese Leiden in Anspruch zu nehmen und betrachtet dann Jesus ganz als Mensch. Den Pfaffen ist Christus bald Gott, bald Mensch, wie sie es eben für ihren Hokuspokus brauchen. -

Jesu trostreiche Lehre verbreitete sich mit großer Schnelligkeit. Die Apostel und deren Schüler verkündeten sie nicht allein in Judäa und den benachbarten Ländern, sondern machten zu diesem Zweck weitere Reisen und trugen die "frohe Botschaft" (Evangelium) von dem Erlöser der Welt in ferne Länder. Die Zahl der Anhänger, die sie gewannen, war außerordentlich groß, besonders unter der ärmeren Volksklasse, aus der Christus und die Apostel selbst hervorgegangen waren.

Nachdem Jerusalem, siebzig Jahre nach Christi Geburt, von dem nachherigen römischen Kaiser Titus zerstört worden war, wurden die stets zum Aufruhr geneigten Juden über das ganze römische Reich zerstreut und mit ihnen die Christianer - so nannte man die Anhänger Jesu - welche als eine jüdische Sekte betrachtet wurden, wie es deren mehrere gab. Dies trug sehr viel zur Ausbreitung des Christentums bei, und gewiss nicht wenig wirkten dafür die zahlreichen Christen unter den römischen Legionen, die der Krieg bald in dieses, bald in jenes Land führte.

Zur Zeit der Apostel und kurz nach derselben führten die Christen ein Leben, wie es den Lehren ihres Meisters würdig war; aber bald artete die Begeisterung, die sie beseelte und ohne welche keine gute Sache gedeihen kann, in religiöse Schwärmerei aus und nahm allmählich den Charakter einer Geisteskrankheit an. Man wollte sich gleichsam selbst in Frömmigkeit überbieten und kam auf die wunderlichste Auslegung der verschiedenen, durch die Apostel aufbewahrten Aussprüche Jesu. Wo er weise Mäßigung empfahl, da glaubte man, in seinem Sinne zu handeln, wenn man gänzlich entsagte, und so entstand allmählich die verkehrte Ansicht, dass die Freuden des Lebens verwerflich und eines Christen unwürdig seien. Indem man alle Genüsse mied und sich freiwillig Leiden auferlegte und quälte, glaubte man, die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur zu überwinden und sich größere Freuden im Leben nach dem Tod zu sichern.

Mit dieser Ansicht verband sich bald eine Art von Hochmut, der sich unter äußerer Demut versteckte. Der roheste Christ hielt den gebildetsten und tugendhaftesten Nichtbekenner Jesu für einen Verworfenen; ja, er glaubte sich durch jede nähere Gemeinschaft mit den Heiden zu verunreinigen. Aus diesem Grunde sonderten sich die Christen bald ganz und gar von diesen ab, zerrissen die zwischen ihnen bestehenden Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisse und flohen alle Lustbarkeiten und Feste gleich Verbrechen. Mit einem Wort, trotz aller Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit ihres Lebens fingen sie an, kopfhängerische, trübselige Narren zu werden.

Die mit Schnelligkeit anwachsende Menge der Christen, ihr menschenfeindliches, abgesondertes Wesen, ihre geheimnisvollen Zusammenkünfte, denen die Verleumdungen der jüdischen und heidnischen Priester bald politische und verbrecherische Zwecke unterlegten, ihr feindseliges Benehmen gegen die Heiden, - alles dies erregte die Aufmerksamkeit der römischen Regierung; allein sie befolgte die sehr vernünftige Politik, sich nicht um die Religion ihrer Untertanen zu bekümmern, wenn diese nicht die Veranlassung wurde zu Feindseligkeiten gegen die Einrichtungen des Staates und seine Gesetze. Die Christen hätten also ungestört unter der römischen Herrschaft leben und sich entwickeln können, wenn sie sich von solchen Vergehen ferngehalten hätten, die kein Staat ungestraft lassen kann. Dies taten sie aber nicht, sondern in ihrem fanatischen Eifer forderten sie gleichsam die Regierung heraus. Sie verweigerten auf Grund ihrer Religion die allgemeinen Bürgerpflichten, wollten weder in den Krieg ziehen noch öffentliche Ämter annehmen und bewiesen den Kaisern Verachtung, anstatt ihnen die herkömmlichen Ehren zu zeigen. Es war daher ganz natürlich, dass diese die Sekte der Christen für staatsgefährlich erkannten und beschlossen, sie zu zwingen, sich den Gesetzen des Staates zu unterwerfen und sie für die Verletzung derselben zu bestrafen. Darin waren die Kaiser in ihrem vollsten Recht und wir finden, dass gerade die besten und weisesten unter ihnen gegen die widerspenstigen Christen am strengsten verfuhren.

Sie erreichten indessen ihren Zweck nicht, sondern bewirkten gerade das Gegenteil von dem was sie bewirken wollten. Die Verachtung des Lebens und aller Leiden war bei den schwärmerischen Christen so hoch gestiegen, dass sie den Tod als höchst wünschenswert betrachteten, sich scharenweise den Händen ihrer Verfolger überlieferten und diese durch ihren herausfordernden Trotz zur größten Grausamkeit anregten. Je größere Leiden die Christen um Christi willen erduldeten, desto größer fiel ihrer Meinung nach die Belohnung aus, die sie im verheißenen ewigen Leben erwartete.

Die Standhaftigkeit, mit welcher die Geopferten den qualvollsten Tod ertrugen und die religiösen Ehren, welche die Gemeinde dem Andenken der Märtyrer widmete, fachten die Schwärmerei der Christen zum Fanatismus an. Der Märtyrertod erschien als das höchste Glück, weil man glaubte, dass er alle Sünden tilge und sogleich zu Christus in das Paradies führe. Diese Märtyrerschwärmerei nahm so überhand, dass die Besonnenen unter den Christen, welche das Unmoralische einer solchen Lebensverachtung einsahen, vergeblich dagegen ankämpften.

Die Heiden, welche Zeugen von der Standhaftigkeit und Freudigkeit waren, mit welcher die Christen die ärgsten Qualen und den Tod erduldeten, wurden mit Bewunderung erfüllt für eine Religion, die solche Kraft gab, und bekannten sich in Menge zu derselben. Die Zahl der Christen nahm täglich zu, gewann immer mehr Eingang auch unter den höheren Ständen und selbst am Hofe der Kaiser. Endlich kam es dahin, dass Kaiser Konstantin, der 324 bis 337 regierte, es aus politischen Gründen für gut hielt, die christliche Religion zur Staatsreligion zu machen. -

Die Christen zur Zeit der Apostel hatten sich von der Gemeinschaft der Juden nicht getrennt, denn sie betrachteten sich vielmehr als die wahren Israeliten und Jesus als den längst erwarteten Messias. Endlich zwang sie aber die Feindseligkeit der Juden, eine eigene Gemeinde zu bilden.

Die Verfassung dieser ersten christlichen Gemeinde war wie die einer jeden Gesellschaft, die aus gleichstehenden Mitgliedern besteht, denn alle Christen nannten sich Brüder. Keiner hatte vor dem anderen einen Vorrang, und sowohl ihre Pflichten als ihre Rechte waren vollkommen gleich.

Zu ihren Vorstehern wählte die Gemeinde einige in allgemeiner Achtung stehende Männer, welche Presbyter (Älteste) oder auch Bischöfe (episcopi, Aufseher) genannt wurden. Ihr Amt war es, Ruhe, Eintracht und Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, ohne dass sie deshalb einen höheren Rang eingenommen hätten als den, welchen ihnen die Achtung der übrigen Brüder freiwillig einräumte. Den Presbyter standen Diakone (Helfer) zur Seite, welche die reichlich beigesteuerten Almosen an die ärmeren Gemeindemitglieder austeilten und andere kleine Geschäfte übernahmen, die nicht schon von den Ältesten verrichtet wurden.

Die Gemeinden der ersten Christen waren vollkommene Republiken, und selbst die Apostel, welche mehrere derselben stifteten und eine Art Oberaufsicht über sie führten, maßten es sich nicht an, eigenmächtig über die Gesellschaft betreffende Einrichtungen zu bestimmen, sondern begnügten sich damit, den Gemeinden mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Der Apostel Paulus machte es den Ältesten ausdrücklich zur Pflicht, dass sie über die Gemeinden nicht herrschen, sondern sie durch ihr musterhaftes Beispiel leiten sollten. Das taten auch die Presbyter der alten Zeit; sie betrachteten sich als die Diener der Gemeinde, welche sie für ihre Dienste durch freiwillige Geschenke belohnte.

Einen äußerlichen Gottesdienst kannte man nicht; die religiösen Versammlungen der apostolischen Christen fanden statt ohne alle Zeremonien und auf die Sinne berechnete Gebräuche. Man kam zusammen in irgendeinem geräumigen Saal, ohne denselben weder zu diesem Zweck auszuschmücken, noch ihm eine besondere Weihe und Heiligkeit beizumessen, denn dergleichen erschien den Christen als heidnische Torheit.

Die Versammlungen waren einzig und allein der Belehrung und Erbauung gewidmet. Man las in ihnen die Briefe der umherreisenden Apostel vor oder Stellen aus den heiligen Büchern der Juden. Dann folgte ein belehrender Vortrag, den wohl meistens einer der Presbyter hielt oder auch irgendein anderes Mitglied der Gemeinde, welches sich dazu geeignet und berufen fühlte. Das Gehörte wurde dann besprochen und den Unwissenden das erklärt, was sie etwa nicht verstanden hatten. So waren diese Versammlungen der Christen der apostolischen Zeit die ersten Volksschulen. Nach der Besprechung setzte man sich zu einem gemeinsamen Mahle nieder - welches Liebesmahl hieß - und am Schluss oder auch am Anfang wurden Brot und Wein herumgereicht und beim Genuss desselben mit Rührung und Dankbarkeit des für die Menschheit gestorbenen Jesus gedacht, wobei auch wohl die Worte wiederholt wurden, die er bei der Einführung dieses schönen Gebrauchs sprach. Den Schluss der Versammlung machte eine Beisteuer für die Armen.

Leider änderte sich aber dieser würdige und einfache Zustand der christlichen Gemeinden sehr bald und ging endlich in die Form der heutigen katholischen Kirche über. Es wird für unseren Zweck genügen, nur in leichten Umrissen anzugeben, wie eine so auffallende Veränderung, die dem christlichen Geist so sehr widerspricht, bewerkstelligt werden konnte.

Wir haben oben gesagt, dass die Presbyter mit der Leitung der Gemeindeangelegenheiten beauftragt waren. Bei ihren Beratungen führte anfangs der Älteste den Vorsitz, aber dieser war oft eben wegen seines Alters dazu nicht immer der tauglichste, und so zogen es denn die Presbyter vor, den geeignetsten aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden zu wählen, welcher, da er über alles die Aufsicht führte, zur Unterscheidung von seinen, ihm sonst übrigens durchaus gleichgestellten Kollegen, vorzugsweise der Bischof genannt wurde.

Diese Bischöfe maßten sich bald einen höheren Rang an, und wir erblicken sie in den Versammlungen auf einem erhabenen Sessel, während die anderen Presbyter auf niedrigeren Stühlen um sie her sitzen, hinter denen die Diakone, gleich den dienenden Brüdern in den Synagogen, stehen. Die Gemeinden gewöhnten sich bald daran, in dem von ihren Vorstehern so ausgezeichneten Bischof ihren geistlichen Oberherrn zu sehen.

Besondere Umstände trugen dazu bei, das Ansehen dieser Bischöfe zu vermehren.

Die Christen auf dem Land hatten sich anfangs den Gemeinden in den Städten angeschlossen; als ihre Zahl sich aber vermehrte, wünschten sie eigene Gemeinden zu bilden, wenn sie auch die Gemeinschaft mit den Gemeinden in den Städten nicht aufgeben wollten, da ihnen dieselben besonders zur Zeit der Verfolgung und überhaupt von Nutzen war. Sie baten daher die Stadtbischöfe, sie mit Lehrern und Vorstehern zu versehen, und ein solcher sandte ihnen gewöhnlich einen seiner Presbyter.

Dieser Landbischof hatte nun zwar dieselbe Gewalt über seine Gemeinde wie der Stadtbischof über die seinige; aber aus der ganzen Natur der Sache erklärt es sich, dass er in vielen Beziehungen von dem Letzteren gewissermaßen abhängig wurde. Dadurch bekam der Stadtbischof einen Kirchensprengel oder, wie es damals hieß, eine Diözese (Bezirk) oder Parochie.

So wurde also schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt der Grund zur kirchlichen Aristokratie gelegt.

Nachdem man nun einmal den Anfang damit gemacht hatte, jüdische Einrichtungen auf das Christentum anzuwenden, so griff dieser Unfug umso schneller um sich, als er der Eitelkeit und Herrschsucht ehrgeiziger Bischöfe nützte, die sich bald der Leitung aller christlichen Gemeindeangelegenheiten zu bemächtigen wussten.

Am Anfang des dritten Jahrhunderts war es schon so weit gekommen, dass man die Gewalt der Bischöfe aus dem Priesterrechte des Alten Testaments herleitete und alles, was Moses über Priesterverhältnisse festsetzte, ohne weiteres auf die Bischöfe und Presbyter anwendete. Bis dahin waren sie noch immer als das, was sie auch in der Tat waren, als Diener der Gemeinde, betrachtet worden; aber ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, und im Laufe des dritten Jahrhunderts hatten sie schon geschickt den Glauben verbreitet, dass sie nicht von der Gemeinde, sondern von Gott selbst eingesetzt wären zu Lehrern und Aufsehern derselben; dass sie also nicht Diener der Gemeinde, sondern Diener Gottes wären und daher sowohl das Lehreramt wie auch der Dienst der neuen Religion nur von ihnen allein versehen werden könne, weshalb sie einen von der Gemeinde abgesonderten, vorzüglicheren Stand bilden müssten.

Um die noch immer Zweifelnden vollends zu berücken, denen ein solches Verhältnis nicht den Lehren Christi gemäß erschien, griffen die Bischöfe zu einem anderen Mittel, ihnen das, was sie durchsetzen wollten, begreiflicher und annehmbarer zu machen.

Wenn nämlich die Apostel einen Lehrer oder Presbyter bestellten, legten sie ihm die Hand auf das Haupt und riefen Gott an, dass er ihm zu seinem Amt auch den Verstand verleihen möge. Diese Sitte war dem jüdischen Ritus entnommen, ohne dass die Apostel daran dachten, welchen Missbrauch ihre dereinstigen Nachfolger damit treiben würden. Die Bischöfe behaupteten nämlich, dass durch dieses Handauflegen der den Aposteln innewohnende heilige Geist auch auf die Geweihten übergegangen sei und dass diese auch die Kraft hätten, ihn auf dieselbe Weise an andere zu übertragen. Es gelang ihnen vortrefflich, diese Ansicht unter den Christen populär zu machen, und am Ende des dritten Jahrhunderts glaubte man allgemein daran und sah in den Bischöfen, Presbytern und Diakonen Wesen ganz anderer Art und fand es ganz natürlich und selbstverständlich, dass sie einen Stand für sich bildeten.

So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Gemeinden schon war, so hatte die demokratische Verfassung derselben doch noch keineswegs aufgehört. Die Bischöfe konnten in den religiösen Angelegenheiten durchaus nicht nach Gefallen schalten und walten, sondern waren an die Einwilligung der Presbyter und der ganzen Gemeinde gebunden. Dies war ihnen sehr unbequem, da sie nach unumschränkter Gewalt strebten, und zur Erlangung derselben benutzten sie die Provinzialsynoden.

Wir haben schon früher beiläufig bemerkt, wie falsch die Aussprüche und Lehren Jesu häufig von den Christen verstanden wurden. Es entspannen sich über deren Auslegung bald Streitigkeiten, und schon im zweiten Jahrhundert finden wir, dass sich mehrere Gemeinden vereinigten, um dieselben durch gemeinschaftliche Besprechungen auszugleichen. Als diese Streitigkeiten sich mit der Zeit vermehrten, fühlte man die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit solcher schiedsrichterlichen Versammlungen und ordnete sie für die Gemeinden eines bestimmten Bezirks oder Landes regelmäßig und wenigstens einmal im Jahr an. So entstanden die Provinzial-Kirchenversammlungen. Die Gemeinden wurden auf denselben durch Abgeordnete vertreten, welche aus den Bischöfen, Presbytern, Diakonen und einigen anderen Gemeindemitgliedern bestanden.