Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche

Part 20

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Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange von Päpsten und Fürsten erdulden musste, hatte die Herzen der Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht. Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen zu rächen, welches die Päpste "für den Glauben" vergossen hatten. Pius musste fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht, um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der Rhone kam.

Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten, kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er, körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee und Eis die Alpen übersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfuß und fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern einen lasterhaften traf.

Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche der Maire für Nationaleigentum erklärte. - Die Revolutionen tun oft einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen gut. - Wo wären wir ohne 1848?

Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ, und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen bedeutet.

Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage: "Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seine Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen die Pontinischen Sümpfe."

Wer hätte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.

Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der Menschen förderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer.

Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das Öl so teuer?" - "Weil soviel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind."

Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und der Papst äußerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann empfangen zu werden, aber nicht als Papst."

Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins: bis! bis!

Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt, erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die päpstliche Kavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel der Jungfrau!" und schallendes Gelächter erschallte vor Notre Dame.

Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte eine untergeordnete Figurantenrolle.

Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber.

Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" - "Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm schweigend den Segen und ging in sein Kabinett.

Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch gestehen, dass er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lässt sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der liebe Gott in Frankreich", sondern zurückgezogen und einfach und begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war männlich. In einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er Napoleon verächtlicherweise "Komödiant!", was den Kaiser so wütend machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte.

Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu unmächtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die Menschen waren noch immer dumm.

Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August 1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen mehrere unglückliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der früheren Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. - Prozessionen, Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht werden. -

Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.

Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte.

Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche deutsche Dame zu erzählen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jäger ist, so sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen immer und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden!

Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825 ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit!

Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen vermischt werde! - Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Leo trat ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlag, den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten vermag ich nicht zu taxieren.

Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November 1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins außer den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete, Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind, geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt oder ihre Gönner und Anhänger sind - die vom katholischen Glauben abgefallen sind - welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener, Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc.

Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren. Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden, und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte man ihn 1826 zum Kardinal.

Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden. Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im Kirchenstaat noch härter bestraft als zu jener Zeit selbst in Österreich oder Preußen.

Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten und Einrichtungen begünstigt, welche seit Jahrhunderten zur Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu aufgeführt.

Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau.

Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt drängte.

Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, der jetzt noch auf dem sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815 in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen führen kann.

Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loreto, namens Strambi, heilte ihn von dem grässlichen Übel durch Magnetismus, das heißt durch Handauflegen, - eine Kraft, welche übrigens auch viele Ketzer haben und ausüben.

Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde 1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal. Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni gekrönt.

Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an, denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte, und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte überschritten diese Grenze.

Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848, und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte "sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht - das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom zur Republik erklärt wurde.

Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift, die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist, ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen Regierungssorgen erlöst werden wird.

So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig. Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.

Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig, den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen, während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland, danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.

Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus, für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich, direkt in die Politik ein.

Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch- katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma erhob.

Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden entgegentrat.

Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der mächtigsten Hebel ihrer Macht.

Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig, sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den Staub treten.

Sodom und Gomorrha

"Es ist kein feyner Leben auf erden, denn gewisse zinß haben von seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet."

Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der römisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war nur die nächste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mühe, einen Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prüfen, woher es kommt, dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich durch die zügellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten, dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen.

Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat allen lebenden Geschöpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn zu dem mächtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband, worauf sie bei allen organischen Geschöpfen besonders vorsorglich bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem sie die unnatürliche Unterdrückung desselben empfindlich strafte. Der gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen gesehen haben.

Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser und der Säufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der sinnlichen Liebe ausschweifende Wollüstling und die seltsame und verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgemäße Befriedigung des Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer Handlung stempeln, deren man sich schämen muss, - verdanken wir einzig und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion.

Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen Leidenschaften die Zügel schießen lassen, so würden sich Staat und Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflösen. Damit ein jeder Bürger, auch der schwächste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen den stärksten geschützt sei, muss jeder seinen natürlichen Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht, sorgfältig bewacht und geschützt wird.

Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn natürlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle zivilisierten Völker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein höchst segensreiches und die Menschen veredelndes Institut.