Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche
Part 19
Ein schöner Zug von Sixtus war es, dass er sich früher erhaltener Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das übrige werde ich bezahlen, wenn ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der ihm vor vierzig Jahren vier Scudi geborgt hatte.
Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht, aber trotz dieser Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Scudi im päpstlichen Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten.
Sixtus besaß Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. - "Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin gemacht."
Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des Verfassers tausend Dukaten, indem er dem Letzteren das Leben zusicherte. Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug, sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten auszahlen.
Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, dass die Ketzer brennen müssten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich billigte er, und als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glückliche Königin! Ein gekröntes Haupt zu ihren Füßen!"
König Heinrich IV. und Elisabeth wusste er übrigens zu würdigen und äußerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muss es Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: "Wir brächten einen Alexander zustande!"
Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, dass er einen Jesuiten als Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten wollten."
Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf sich Ägypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen Reinigung, dem Kreuze".
Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu streng, und so ist es denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme Doktor ward krank vor Schrecken.
Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er an diesem Vorsatz.
Die Römer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je wieder einen Mönch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern bleiben."
Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.
Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich, wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten."
Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur Empörung zu verleiten und endlich verließen sie mit einer Menge anderer Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben, einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu Kreuze.
In diesem Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen.
Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!"
Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten, wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St. Markusritter ernannt.
Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er gründlich und war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen.
Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! -
Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52 Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten.
Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils für seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8 Millionen.
Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein. Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine halbe Million Scudi beiseite geschafft haben.
Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche Äußerung erzählte man sich von Alexander VI.
Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt nach dreißigjährigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler gestraft.
Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der Papst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, während er sich von Olympia krabbeln lässt."
Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann, der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Fürst, in dessen Land die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er König von Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte, "dass eine Königskrone schon eine Messe wert sei".
Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen, wenn er sich nicht bessere.
Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen, denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so kräftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus, Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus und siehe! es war Se. Hochwürden, der Beichtvater!
Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen, als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem ihrigen übereinstimmte.
Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher zu werden; das heißt, die viehischen Unflätereien, mit denen sich der päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies nicht ungestraft tun dürfe und dass es selbst den Vizegöttern nicht mehr gestattet war, wie die Schweine zu leben.
Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst, der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu unterstützen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er doch zu mildern und zu versöhnen.
Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch ziemlich charakterisieren.
Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alle Merkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte: "Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes wird Ihnen nichts schaden."
Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu hindern."
Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen, selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm Religion und Sache Gottes.
Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg gepflanzt und wartete, dass er Trauben brächte, und er brachte Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters; am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!"
Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auch Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten und Letzteres sie "für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne und der öffentlichen Ruhe" erklärte.
Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs neue; hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte all die schwarzen Blutsauger ernähren! - trieb es so weit, dass Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal.
Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehör schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben. Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten: "Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der würdige Schüler Loyolas.
Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774 auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Päpste geben muss, so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht länger bei derselben verweilen kann.
Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente allmählich zu den höchsten Kirchenwürden und als er, ohne dass er es suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich über eure Kunst meine Gesundheit verliere."
Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern - zu bereichern; er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen. Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu erhalten."
Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde". Von seiner päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch, und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt.
Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln, aber der Papst duldete dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem Papst so entzückt, dass er ausrief: "Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe ihm meine Tochter."
Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet -, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste, sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so zerstört worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopf, so dass schließlich bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt werden musste. -
Schließlich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es für unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstag zu verfluchen, und dass er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gräuel, und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.
Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der Geschichte.
Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch, dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz, hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig, jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. - Eine schöne Galerie von schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto kürzer, so dass es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine Verdienste.
Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los, und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte "über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei.
Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.
Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände. Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, "er werde nächstens selbst nach Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius wollte den Wink nicht verstehen.
Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es verstand, prächtig Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor Vergnügen und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen.
Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener, erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph, alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.
Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschließen, selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemälde zu besehen. Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begnügte sich damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.
Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen - wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz, 200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen Ansehen geschlagen war.
Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittenen Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den es andere deutsche Städte nicht beneiden.
"Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, dass es katholisch bleiben kann, ohne römisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zu Azara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. von Hohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich.
Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen Republikaner sangen:
Non abbiamo Pazienza, non vogliamo Erninenza, non vogliamo Santita, ma - Egualianza e Liberta.
(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit, sondern Freiheit und Gleichheit.)
Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester! die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst übernommen."
Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena und endlich nach Florenz in die dortige Karthause.
Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.