Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche
Part 13
Der erste römische Bischof, von dem wir wissen, dass er schon mehr gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192 bis 201). Er verlangte sehr ungestüm, dass alle übrigen Christen das Osterlamm zu der Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß.
Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, dass ihm der Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "dass nicht Petrus, sondern Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre". Von einer Oberhoheit des Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle, noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft.
Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und mit echt heidnischem, altrömischem Wunderglauben riefen die Christen: "Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, dass der Heilige Geist bei jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden.
Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete: "er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des heiligen Apostels Petrus". Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so weit, dass es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten.
Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muss ich mich in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt."
Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen zu bewegen, dass ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger.
Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: "Macht mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten.
Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst vorbei und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher. Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebenso wenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und denen der anderen Städte.
Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der römischen Bischöfe immer weiter um sich griff, so würde mich doch eine solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als Beispiel anführen.
Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt, dass ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen Bischöfen, zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen.
Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebten Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere Stellung anzumaßen und zu behaupten, dass sie vermöge der ihnen von Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche beauftragt wären.
Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der Einheit der Kirche Sorge tragen musste. Über die Beobachtung der allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen.
Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im Abendland die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde), so war es denn ganz natürlich, dass sich die abendländischen Bischöfe hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von Rom wandten und um Rat baten.
In solchen Fällen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: "So beliebt es dem Apostolischen Stuhl." Wenn nun auch einzelne Bischöfe zu solchen Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten, so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des römischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als höchstens die römischen Bischöfe selbst. - Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen Bischofs bei.
Selbst im Abendland, wo doch der römische Bischof noch im höchsten Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa, Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Christi, und gaben sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde.
Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendland nicht einmal allein dem Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so, und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der Beweis, dass man selbst im Abendland gar nicht daran dachte, dem Bischof von Rom einen höheren Rang einzuräumen.
Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften, sechsten und siebten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser, und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit.
Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung. Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben.
Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als Staub und Wurm." Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich selbst nennt er seinen unwürdigen Diener. - Dies war er in der Tat, denn er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge.
Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute, entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdurstige Ungeheuer ein guter liebreicher Mensch, Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an das Ende seines Lebens.
Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas den edlen Kaiser. An den blutdurstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestät barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen Veränderung Dank sagen."
Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Missvergnügen Gregors den Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muss die Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken, denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen?
Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben. Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden, austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschäft, welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor ist auch der eifrigste Förderer des Mönchswesens. Er hinterließ einen Wust selbst verfasster Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. "Ein Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muss Gutes und Böses zu unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein Bischof darf aber auch keine allzu große oder gekrümmte Nase haben, um nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; - er darf nicht triefäugig sein, denn er muss helle sehen; noch weniger krätzig oder beherrscht vom Fleische."
Im siebten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der Stifter einer neuen Religion auf.
Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend. Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebet, Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit, Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt den Lohn des ewigen Lebens."
Diese Lehre musste in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu so weit entfernt hatte, dass sie unverständlicher, unklarer, mystischer und unvernünftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten Christenhimmel weder eine fassbare Vorstellung noch den allergeringsten Geschmack abgewinnen kann.
Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen arbeiteten für die römischen Päpste.
Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit von ihrem Ziel entfernt. Die Kaiser küssten ihnen noch nicht den Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um, wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte.
Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte, wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof Leo "der Große" (452) musste sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian abgesendet.
Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es Konstans dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies.
Martin wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ sich in hochverräterische Pläne ein. Dies bewog den Kaiser, den römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangen nehmen und nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter geworden ist als durch Martin, der hier ein ganzes Jahr lang im Gefängnis saß.
Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn 39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche Übel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es häufig im Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten.
Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt", sagte der Großschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder verlassen und in unsere Hände gegeben." Darauf übergab er den Bischof von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle.
Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt, und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, dass der Verbrecher zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah.
Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er halbnackt im Schlosshof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebett den Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus dem Land verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. -
Der Nachfolger des abgesetzten Martins zeichnete sich durch nichts aus als dadurch, - dass er diesen verhungern ließ.
Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts, wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten. Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht der römischen Bischöfe nur auf die Diözese, denn die barbarischen Könige derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an, und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit.
Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien.
Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluss auf Spanien, dafür traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fuß gefasst, indem die dortigen christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden.
Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhl zu Rom. Unter ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte.
Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der demselben erwiesen wird, eine Abgötterei."
So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien, Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche, welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst ziehen musste, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben.
Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten, welche der Langobardenkönig Liutprand dazu benutzte, seine Herrschaft in diesem Land immer weiter auszudehnen.
Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn einen "Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen, einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete ihm mit großer Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein Geist zum Heil gelange."
Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Fleck an; er entzog ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich 224.000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen.
Sein Nachfolger Gregor III. fuhr ganz in demselben Geist fort und wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm. Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach, sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen.
Nach Gregors und Martells Tod wurde der folgende Bischof von Rom, Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells, Pipin, das Schwert des Reiches und hatte große Lust, den schwachen König Childerich III. zu entthronen. Zacharias wusste es nun so zu lenken, dass die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an seine Stelle gesetzt werden dürfe?" Der römische Bischof antwortete: "Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin zum Freunde.
Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm verdient noch bemerkt zu werden, dass er einen Bischof, namens Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe behauptet hatte, "dass die Erde eine Kugel sei und dass auf der andern Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten".
Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger säten. Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, dass der Bischof vom Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem Stallknecht. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber.
Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von päpstlichem Aberglauben umgarnt, dass die Dreistigkeit des Stephanus sie nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat, nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte!
Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte. Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin, seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig mitteilt, "dass, wenn er nicht helfen wolle, er vom Reich Gottes ausgeschlossen sei".
Es mit dem "Himmelspförtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen Untertan Stephanus war!