Der persische Orden und andere Grotesken
Part 4
Vom tiefen Niveau des Wissens bin ich allmählich auf Verstöße gegen die ethischen Grundsätze zu sprechen gekommen. Um so besser. Die Ethik ist unser wunder Punkt, meine Herren, und um nicht abstrakt zu sprechen, will ich Ihnen unseren verehrten Kollegen Pusyrkow nennen, der bei einer Namenstagsfeier bei der Oberstenwitwe Treschtschinskaja erzählt hat, daß nicht Skoropalitelnyj das Verhältnis mit der Gattin unseres Vorsitzenden habe, sondern ich! Das wagt derselbe Herr Pusyrkow zu sagen, den ich im vorigen Jahre mit der Gattin unseres verehrten Kollegen Snobisch erwischt habe! Übrigens, Dr. Snobisch ... Wer genießt das Renommee eines Arztes, von dem sich behandeln zu lassen für die Damen nicht ganz ungefährlich ist? -- Snobisch ... Wer hat eine Kaufmannstochter wegen der Mitgift geheiratet? -- Snobisch! Was aber unseren verehrten Vorsitzenden betrifft, so treibt er heimlich Homöopathie und bekommt von den Preußen Geld für Spionage. Ein preußischer Spion -- das ist schon wirklich ultima ratio!«
Ärzte, die klug und als gewandte Redner erscheinen möchten, gebrauchen immer diese beiden lateinischen Ausdrücke: »nomina sunt odiosa« und »ultima ratio«. Schelestow wird nicht nur lateinisch, sondern auch französisch und deutsch, in jeder beliebigen Sprache sprechen! Er wird alle bezichtigen und allen Intriganten die Masken herunterreißen; der Vorsitzende wird müde werden, die Glocke zu schwingen, die verehrten Kollegen werden von ihren Plätzen aufspringen und mit den Händen fuchteln ... Die Kollegen mosaischer Konfession werden sich zu einem Haufen zusammendrängen und ein Geschrei erheben.
Schelestow wird aber, ohne jemand anzublicken, fortfahren:
»Was aber unseren Verein betrifft, so muß er bei dem jetzigen Mitgliederbestand und den jetzt herrschenden Ordnungen unbedingt zugrunde gehen. Alles ist darin ausschließlich auf Intrigen begründet. Intrigen, Intrigen und Intrigen! Als eines der Opfer dieser einen großen, teuflischen Intrige halte ich mich für verpflichtet, folgendes zu erklären:«
Er wird reden, und seine Partei wird applaudieren und sich triumphierend die Hände reiben. Unter einem unbeschreiblichen Lärm und Donner wird man zur Wahl des Vorsitzenden schreiten. Von Bronn & Co. werden ihren ganzen Einfluß für Prechtel einsetzen, aber das Publikum und die wohlgesinnten Ärzte werden sie auszischen und schreien:
»Nieder mit Prechtel! Wir wollen Schelestow! Schelestow!«
Schelestow nimmt die Wahl an, aber unter der Bedingung, daß Prechtel und von Bronn sich bei ihm wegen des Zwischenfalls vom 2. Oktober entschuldigen. Wieder erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm, wieder drängen sich die verehrten Kollegen mosaischer Konfession zu einem Haufen zusammen und schreien ... Prechtel und von Bronn sind empört und bitten schließlich, sie nicht mehr als Mitglieder des Vereins anzusehen. Um so besser!
Schelestow ist Vorsitzender. Vor allen Dingen reinigt er den Augiasstall. Snobisch muß hinaus! Tercharjanz muß hinaus! Die verehrten Kollegen mosaischer Konfession müssen hinaus! Mit seiner Partei wird er es erreichen, daß bis zum Januar im Verein kein einziger Intrigant übrig bleibt. Im Ambulatorium des Vereins wird er zunächst die Wände streichen lassen und ein Plakat anbringen: »Rauchen strengstens verboten«; dann wird er den Feldscher und die Feldscherin hinausschmeißen, die Medikamente nicht von Grummer, sondern von Chrasczebicki beziehen, den Ärzten vorschlagen, keine einzige Operation ohne seine Aufsicht auszuführen usw. Vor allen Dingen wird aber auf seinen Visitkarten stehen: »Vorsitzender des Ärztevereins zu N.«
So träumt Schelestow, bei sich zu Hause vor dem Spiegel stehend. Da schlägt aber die Uhr sieben und erinnert ihn daran, daß er in die Sitzung muß. Er erwacht aus seinen süßen Träumen und beeilt sich, seinem Gesicht den matten Ausdruck zu verleihen, aber das Gesicht will ihm nicht gehorchen und nimmt einen sauren und stumpfen Ausdruck an, wie bei einem erfrorenen jungen Hofhund; er will, daß es solid sei, es wird aber lang und drückt Bestürztheit aus, und nun scheint es ihm, daß er nicht mehr einem Hund, sondern einem Gänserich gleiche. Er senkt die Lider, kneift die Augen zusammen, bläht die Backen, runzelt die Stirne, aber es ist zum Verzweifeln: es kommt dabei etwas ganz anderes heraus als er möchte. Die natürlichen Eigenschaften dieses Gesichts sind wohl derart, daß mit ihm nichts anzufangen ist. Die Stirne ist niedrig, die kleinen Äuglein schweifen unruhig umher wie bei einer unreellen Händlerin, der Unterkiefer steht so dumm und blöd hervor, und die Wangen und die Frisur sehen so aus, als hätte man den »verehrten Kollegen« soeben aus einem Billardlokal hinausgeschmissen.
Schelestow betrachtet sein Gesicht, ärgert sich, und es kommt ihm schon vor, daß auch das Gesicht gegen ihn intrigiere. Er geht ins Vorzimmer und macht sich fertig, und es scheint ihm, als intrigierten auch der Pelz, die Gummischuhe und die Mütze gegen ihn.
»Kutscher, ins Ambulatorium!« schreit er.
Er bietet zwanzig Kopeken, aber der Intrigant von einem Droschkenkutscher verlangt fünfundzwanzig ... Er setzt sich in die Droschke und fährt, aber der kalte Wind weht ihm ins Gesicht, der nasse Schnee blendet ihm die Augen, und das elende Pferd schleppt sich unerträglich langsam. Alles hat sich verschworen und intrigiert ... Intrigen, Intrigen und Intrigen!
ZWEIHUNDERT EXEMPLARE DIESER AUSGABE SIND VOM KÜNSTLER HANDSCHRIFTLICH SIGNIERT, NUMERIERT UND IN HALBLEDER GEBUNDEN.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 36: sogar → so gar Entschuldigen Sie, es ist {so gar} nicht interessant
S. 37 überlege mir → überlege Ich {überlege} eine Weile und schreibe