Der persische Orden und andere Grotesken

Part 3

Chapter 33,676 wordsPublic domain

»Nicolas!« seufzt Maschenjka, und ihre Nase wird rot. »Nicolas, ich sehe, Sie weichen einer offenen Aussprache aus ... Sie wollen mich wohl durch Ihr Schweigen strafen ... Ihr Gefühl bleibt unerwidert, und Sie wollen den Schmerz stumm, in der Einsamkeit tragen ... das ist schrecklich. Nicolas!« ruft sie aus und packt mich plötzlich bei der Hand, und ich sehe, wie ihre Nase zu schwellen beginnt. »Was würden Sie sagen, wenn das Mädchen, das Sie lieben, Ihnen die ewige Freundschaft anbieten würde?«

Ich murmele etwas Zusammenhangloses, denn ich weiß absolut nicht, was ich ihr sagen könnte ... Erlauben Sie doch: erstens liebe ich kein Mädchen in der Welt, zweitens, was brauche ich die ewige Freundschaft? Drittens bin ich sehr jähzornig. Maschenjka oder Warenjka bedeckt das Gesicht mit den Händen und sagt leise, wie zu sich selbst:

»Er schweigt ... Offenbar verlangt er ein Opfer von mir. Aber ich kann ihn doch nicht lieben, wenn ich immer noch den anderen liebe! Übrigens ... ich will es mir überlegen ... Gut, ich werde es mir überlegen ... Ich werde alle Kräfte meiner Seele sammeln und vielleicht um den Preis meines Glückes diesen Menschen von seinen Leiden erlösen!«

Ich verstehe nichts. Es ist eine Art Kabbala für mich. Wir gehen weiter und sammeln Pilze. Wir schweigen die ganze Zeit. Maschenjkas Gesicht drückt einen inneren Kampf aus. Ich höre Hundegebell: das bringt mir meine Dissertation in Erinnerung, und ich seufze laut auf. Zwischen den Baumstämmen erblicke ich den verwundeten Offizier. Der Ärmste hinkt schmerzvoll rechts und links: rechts hat er seine verwundete Hüfte, links hängt eines der bunten jungen Mädchen. Sein Gesicht drückt Demut vor dem Schicksal aus.

Aus dem Walde kehren wir ins Haus zurück und trinken Tee. Dann spielen wir Krocket und hören zu, wie eines der bunten jungen Mädchen das Lied singt: »Nein, du liebst mich nicht, nein, nein!« Beim Worte »nein« verzieht sie den Mund bis zu den Ohren.

»Charmant!« stöhnen die übrigen Mädchen. »Charmant!«

Der Abend bricht an. Hinter dem Gebüsch kommt ein ekelhafter Mond zum Vorschein. Die Luft ist still, und es riecht unangenehm nach frischgemähtem Heu. Ich nehme meinen Hut und will gehen.

»Ich muß Ihnen etwas sagen,« flüstert mir Maschenjka bedeutungsvoll zu. »Gehen Sie nicht.«

Mir schwant etwas übles. Aber aus Höflichkeit bleibe ich doch. Maschenjka ergreift meinen Arm und führt mich die Allee entlang. Jetzt drückt schon ihre ganze Figur einen Kampf aus. Sie ist blaß, atmet schwer und scheint die Absicht zu haben, mir meinen rechten Arm abzureißen. Was hat sie bloß?

»Hören Sie ...« murmelt sie. »Nein, ich kann nicht ... Nein ...«

Sie will etwas sagen, kann sich aber nicht entschließen. Da sehe ich es aber ihrem Gesicht an, daß sie sich doch entschlossen hat. Mit funkelnden Augen und geschwollener Nase ergreift sie plötzlich meine Hand und sagt schnell:

»Nicolas, ich bin die Ihre! Lieben kann ich Sie nicht, aber ich verspreche Ihnen Treue!«

Dann schmiegt sie sich an meine Brust und prallt plötzlich zurück.

»Da kommt wer ...« flüstert sie. »Leb wohl ... Morgen um elf werde ich im Gartenhäuschen sein ... Leb wohl!«

Und sie verschwindet. Ohne etwas zu verstehen, klopfenden Herzens gehe ich heim. Mich erwartet die »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«, aber ich bin nicht mehr imstande zu arbeiten. Ich rase. Man darf wohl sagen, ich bin erschreckend. Hol der Teufel, ich werde es nicht dulden, daß man mich wie einen grünen Jungen behandelt! Ich bin jähzornig, und es ist gefährlich, mit mir zu spaßen! Als das Dienstmädchen hereinkommt, um mich zum Abendbrot zu rufen, schreie ich sie an: »Hinaus!« Mein jähzorniger Charakter verspricht wenig Gutes.

Der nächste Morgen. Es ist ein echtes Sommerfrischenwetter, d. h. Temperatur unter Null, durchdringender kalter Wind, Regen, Schmutz und Naphthalingeruch, da meine Mama ihre warmen Mäntel aus dem Korb geholt hat. Ein teuflischer Morgen. Es ist der 7. August 1887, als die berühmte Sonnenfinsternis stattfand. Ich muß bemerken, daß bei einer Sonnenfinsternis ein jeder von uns, auch ohne Astronom zu sein, großen Nutzen bringen kann. So kann ein jeder: 1) den Durchmesser der Sonne und des Mondes bestimmen, 2) die Korona skizzieren, 3) die Temperatur messen, 4) während der Verfinsterung die Tiere und die Pflanzen beobachten, 5) seine eigenen Empfindungen aufschreiben u. s. w. Das alles ist so wichtig, daß ich mich entschloß, die »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer« beiseite zu lassen und die Sonnenfinsternis zu beobachten. Wir alle standen sehr früh auf. Die ganze bevorstehende Arbeit verteilte ich auf folgende Weise: ich bestimme den Durchmesser der Sonne und des Mondes, der verwundete Offizier zeichnet die Korona, alles übrige übernehmen aber Maschenjka und die bunten jungen Mädchen. Nun sind wir alle versammelt und warten.

»Wieso entsteht eine Sonnenfinsternis?« fragt mich Maschenjka.

Ich antworte:

»Eine Sonnenfinsternis kommt zustande, wenn der Mond, die Ebene der Ekliptik durchlaufend, auf die Linie zu stehen kommt, die die Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet.«

»Was ist die Ekliptik?«

Ich erkläre es ihr. Maschenjka hört mir aufmerksam zu und fragt:

»Kann man durch ein angerußtes Glas die Linie sehen, die die Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet?«

Ich antworte ihr, daß es eine gedachte Linie ist.

»Wenn sie nur gedacht ist,« wundert sich Maschenjka, »wie kann dann der Mond auf ihr Platz finden?«

Ich gebe ihr keine Antwort. Ich fühle, wie diese naive Frage meine Leber schwellen macht.

»Es ist lauter Unsinn,« sagt Maschenjkas Mama. »Man kann doch nicht wissen, was kommen wird, auch sind Sie noch nie im Himmel gewesen; woher wollen Sie dann wissen, was mit dem Monde und der Sonne geschehen wird? Hirngespinste!«

Da rückt aber ein schwarzer Fleck über die Sonne. Allgemeiner Aufruhr. Kühe, Schafe und Pferde rasten mit erhobenen Schwänzen, vor Angst brüllend, über das Feld. Die Hunde heulten. Die Wanzen bildeten sich ein, daß die Nacht angebrochen sei: sie kamen aus ihren Ritzen gekrochen und fingen an, die noch Schlafenden zu beißen. Der Diakon, der gerade mit einer Ladung Gurken heimfuhr, erschrak, sprang aus dem Wagen und verkroch sich unter die Brücke, sein Pferd fuhr aber mit dem Wagen in einen fremden Hof, wo die Gurken von den Schweinen gefressen wurden. Ein Akzisebeamter, der nicht bei sich zu Hause, sondern bei einer Sommerfrischlerin übernachtete, sprang in Unterwäsche aus dem Hause, lief in die Menge und schrie mit wilder Stimme:

»Rette sich, wer kann!«

Viele Sommerfrischlerinnen, selbst junge und hübsche, stürzten, vom Lärm geweckt, ohne Schuhe auf die Straße. Es passierte noch manches andere, was ich gar nicht wiedergeben kann.

»Ach, wie schrecklich!« kreischen die bunten jungen Mädchen. »Ach, wie schrecklich!«

»Meine Damen, beobachten Sie doch!« rufe ich ihnen zu, »die Zeit ist kostbar!«

Ich selbst beeile mich, die Durchmesser festzustellen ... Ich besinne mich auf die Korona und suche mit den Blicken den verwundeten Offizier. Er steht da und tut nichts.

»Was haben Sie?« schreie ich. »Was ist denn mit der Korona?«

Er zuckt die Achseln und weist mit den Blicken hilflos auf seine Arme. Der Ärmste hat an beiden Armen je ein junges Mädchen hängen; sie schmiegen sich an ihn voller Angst und lassen ihn nicht arbeiten. Ich nehme einen Bleistift und notiere die Stunde mit den Sekunden. Das ist wichtig. Ich notiere auch die geographische Lage des Beobachtungspunktes. Auch das ist wichtig. Nun will ich den Durchmesser bestimmen, da ergreift aber Maschenjka meine Hand und sagt:

»Vergessen Sie also nicht: heute um elf!«

Ich befreie meine Hand und will, jede Sekunde ausnützend, meine Beobachtungen fortsetzen, aber Maschenjka hängt sich mir krampfhaft an den Arm und schmiegt sich an meine Seite. Der Bleistift, die Gläser, die Zeichnungen, -- alles fällt ins Gras. Teufel nocheinmal! Dieses Mädchen könnte doch wirklich endlich begreifen, daß ich jähzornig bin und, wenn ich einmal rasend geworden, für mich nicht einstehe.

Ich will fortfahren, die Sonnenfinsternis ist aber schon zu Ende!

»Schauen Sie mich doch an!« flüstert sie zärtlich.

Oh, das ist schon der Gipfel der Verhöhnung! Man wird doch zugeben, daß ein solches Spiel mit der menschlichen Geduld nur ein übles Ende nehmen kann. Man mache mir keine Vorwürfe, wenn etwas Schreckliches geschieht! Ich werde es niemand gestatten, mich zu verhöhnen, Teufel nocheinmal, und wenn ich rasend bin, möchte ich niemand raten, mir nahe zu kommen! Ich bin zu allem fähig!

Eines der jungen Mädchen sieht es wohl meinem Gesicht an, daß ich rasend bin und sagt, offenbar mit der Absicht, mich zu besänftigen:

»Nikolai Andrejewitsch, ich habe Ihren Auftrag ausgeführt. Ich habe die Säugetiere beobachtet. Ich sah, wie vor der Sonnenfinsternis ein grauer Hund einer Katze nachlief und hinterher lange mit dem Schweif wedelte.«

So ist aus der Sonnenfinsternis nichts geworden. Ich begebe mich nach Hause. Da es regnet, gehe ich nicht auf den Balkon arbeiten. Der verwundete Offizier hat sich aber auf seinem Balkon hinausgewagt und sogar geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre ...«; nun sehe ich aus meinem Fenster, wie eines der jungen Mädchen ihn zu sich in die Landwohnung schleppt. Ich kann nicht arbeiten, denn ich bin noch immer rasend und habe Herzklopfen. Ins Gartenhäuschen gehe ich nicht. Es ist zwar unhöflich, aber ich kann doch nicht bei Regen hingehen! Um die Mittagstunde bekomme ich einen Brief von Maschenjka; er enthält Vorwürfe, die Bitte, ins Gartenhäuschen zu kommen und ist per »du« geschrieben. Um eins bekomme ich einen zweiten Brief, um zwei einen dritten ... Ich muß gehen. Bevor ich hingehe, muß ich mir aber überlegen, worüber ich mit ihr sprechen werde. Ich will wie ein anständiger Mensch handeln. Erstens werde ich ihr sagen, sie habe gar keinen Grund sich einzubilden, daß ich sie liebe. Solche Sachen sagt man übrigens einer Dame nicht. Einer Dame zu sagen: »Ich liebe Sie nicht,« ist dasselbe, wie einem Schriftsteller zu sagen: »Sie verstehen nicht zu schreiben.« Ich will Maschenjka lieber meine Ansichten über die Ehe darlegen. Ich ziehe einen warmen Mantel an, nehme den Regenschirm und gehe ins Gartenhäuschen. Da ich mein jähzorniges Wesen kenne, fürchte ich, zu viel zu sagen. Ich werde mir Mühe geben, mich zu beherrschen.

Im Gartenhäuschen werde ich erwartet. Maschenjka ist blaß und hat verweinte Augen. Als sie mich erblickt, schreit sie freudig auf, fällt mir um den Hals und sagt:

»Endlich! Du spielst mit meiner Geduld. Hör, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen ... Habe immer überlegt. Mir scheint, daß ich dich, wenn ich dich näher kennen lerne, ... lieb gewinnen werde ...«

Ich setze mich hin und beginne ihr meine Ansichten über die Ehe darzulegen. Um nicht zu weit zu gehen und mich kürzer zu fassen, beginne ich mit einem historischen Überblick. Ich spreche von der Ehe bei den Indern und den Ägyptern und komme dann auf die späteren Perioden zu sprechen; bringe auch einige Gedanken Schopenhauers. Maschenjka hört mir aufmerksam zu, hält es aber plötzlich, gegen jede Logik verstoßend, für nötig, mich zu unterbrechen.

»Nicolas, küsse mich!« sagt sie mir.

Ich bin verdutzt und weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Sie wiederholt ihre Aufforderung. Nichts zu machen, ich stehe auf und drücke meine Lippen auf ihr langes Gesicht, wobei ich dasselbe empfinde, was ich als Kind empfunden habe, als ich bei der Totenmesse meine verstorbene Großmutter küssen mußte. Aber Maschenjka begnügt sich nicht mit dem Kuß, sondern steht auf und umarmt mich sehr leidenschaftlich. In diesem Augenblick erscheint in der Tür des Gartenhäuschens Maschenjkas Mama. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, sagt zu jemand: »Pst!« und verschwindet wie Mephistopheles in der Versenkung.

Ratlos und rasend gehe ich heim. Zu Hause treffe ich Maschenjkas Mama, die mit Tränen in den Augen meine Mama umarmt, während meine Mama weinend sagt:

»Ich habe es selbst gewünscht!«

Dann -- wie gefällt Ihnen das? -- dann geht Maschenjkas Mama auf mich zu, umarmt mich und sagt:

»Gott wird euch segnen! Pass auf, hab sie lieb ... Vergiß nicht, daß sie sich dir zum Opfer bringt ...«

Nun werde ich verheiratet. Während ich dies schreibe, stehen vor mir die Trauzeugen und treiben mich zur Eile an. Diese Menschen kennen meinen Charakter wirklich nicht! Ich bin ja jähzornig und kann für mich nicht einstehen! Hol der Teufel, ihr werdet sehen, was noch kommen wird! Einen jähzornigen Menschen zum Traualtar zu schleppen ist meiner Ansicht nach ebenso gescheit, wie die Hand zu einem rasenden Tiger in den Käfig zu stecken. Wir werden sehen, wir werden sehen, was noch kommen wird!

* * * * *

So bin ich verheiratet. Alle gratulieren mir, und Maschenjka schmiegt sich immer an mich und spricht:

»Begreife doch, daß du jetzt mein bist! Sag doch, daß du mich liebst! Sag!«

Dabei schwillt ihr die Nase.

Von den Trauzeugen erfuhr ich, daß der verwundete Offizier auf eine höchst geschickte Weise den Ehebanden entronnen ist. Er stellte dem bunten jungen Mädchen ein ärztliches Zeugnis bei, welches besagte, daß er infolge der Verwundung an der Schläfe geistig unnormal sei und daher laut Gesetz nicht heiraten dürfe. Eine Idee! Auch ich könnte so ein Zeugnis beistellen. Ein Onkel von mir war Quartalsäufer, ein anderer Onkel war auffallend zerstreut (einmal stülpte er sich statt einer Mütze einen Damenmuff über den Kopf), eine Tante spielte viel Klavier und zeigte bei Begegnungen mit Männern ihnen die Zunge. Zudem ist mein außerordentlich jähzorniger Charakter -- ein höchst verdächtiges Symptom. Warum kommen aber die guten Ideen so spät? Ja, warum?

Eine problematische Natur

Ein Coupé erster Klasse.

Auf dem mit himbeerrotem Samt bezogenen Divan liegt ein hübsches junges Dämchen.

Der kostbare befranste Fächer kracht in ihrer krampfhaft zusammengedrückten Hand, der Zwicker rutscht jeden Augenblick von ihrem hübschen Näschen, die Brosche an ihrer Brust hebt und senkt sich wie ein Nachen inmitten der Wellen. Sie ist sehr aufgeregt ... Ihr gegenüber sitzt der Beamte für besondere Aufträge beim Gouverneur, ein junger angehender Schriftsteller, der im Gouvernements-Amtsblatte kleine Novellen aus den höheren Kreisen erscheinen läßt ... Er schaut ihr unverwandt mit einer Kennermiene ins Gesicht. Er beobachtet, er studiert, er sucht diese exzentrische, problematische Natur zu ergründen, er hat sie schon beinahe erfaßt ... Ihre Seele, ihre ganze Psychologie sind ihm vollkommen klar.

»Oh, ich verstehe Sie!« sagt der Beamte für besondere Aufträge, ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Ihre empfindliche, empfängliche Seele sucht einen Ausgang aus dem Labyrinth ... Gewiß! Es ist ein ungeheuer schrecklicher Kampf, aber ... verzagen Sie nicht! Sie werden siegen! Ganz bestimmt!«

»Beschreiben Sie mich doch, Woldemar!« spricht das Dämchen mit einem traurigen Lächeln. »Mein Leben ist so voll, so abwechselungsreich, so bunt ... Die Hauptsache aber ist, daß ich unglücklich bin! Ich bin eine Märtyrerin im Stile Dostojewskijs ... Zeigen Sie der Welt meine Seele, Woldemar, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psycholog. Es ist kaum eine Stunde her, daß wir hier im Coupé sitzen und sprechen, Sie aber haben mich schon ganz erfaßt!«

»Sprechen Sie! Ich beschwöre Sie, sprechen Sie doch!«

»Hören Sie. Ich stamme aus einer armen Beamtenfamilie. Mein Vater war ein guter Kerl, gescheit, aber ... der Geist der Zeit und des Milieus ... vous comprenez, ich klage meinen armen Vater nicht an. Er trank, spielte Karten ... nahm Bestechungsgelder an ... Auch die Mutter ... Was soll ich davon sprechen! Die Not, der Kampf um ein Stück Brot, das Bewußtsein seiner Nichtigkeit ... Ach, zwingen Sie mich nicht, diese Erinnerungen aufzufrischen! Ich mußte mir selbst meinen Weg bahnen ... Die entsetzliche Institutserziehung, die Lektüre dummer Romane, die Verirrungen der Jugend, die erste scheue Liebe ... Und der Kampf mit dem Milieu? Schrecklich! Und die Zweifel? Und die Qualen der beginnenden Enttäuschung am Leben und an sich selbst? ... Ach! Sie sind Schriftsteller und kennen uns Frauen. Sie werden es begreifen ... Zu meinem Unglück bin ich mit einer breiten Natur begabt ... Ich wartete auf ein Glück, und auf was für eines! Ich lechzte danach, Mensch zu sein! Ja! Mensch zu sein, darin sah ich mein Glück!«

»Sie Herrliche!« stammelt der Schriftsteller, ihr die Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Nicht Sie küsse ich, Sie wunderbares Geschöpf, sondern das menschliche Leid! Erinnern Sie sich an Raskolnikow? Er küßte so.«

»Oh, Woldemar! Ich lechzte nach Ruhm ... nach rauschendem Leben und Glanz wie jede -- warum soll ich bescheiden sein? -- wie jede nicht ganz gewöhnliche Natur. Ich lechze nach Ungewöhnlichem ... gar nicht Weiblichem! Und ... Und ... ich stieß auf meinem Wege auf einen reichen alten General ... Begreifen Sie mich doch, Woldemar! Es war ja Selbstaufopferung, Entsagung, begreifen Sie mich! Ich konnte nicht anders. Ich versorgte meine Angehörigen, ich machte Reisen, ich tat Gutes ... Wie litt ich aber dabei, wie unerträglich und erniedrigend gemein erschienen mir die Umarmungen jenes Generals, obwohl er, das muß man ihm lassen, seinerzeit im Kriege große Tapferkeit gezeigt hat. Es gab Minuten ... schreckliche Minuten! Mich hielt aber der Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen stirbt, daß ich dann nach meinem Wunsche leben, mich einem geliebten Menschen hingeben und glücklich sein werde ... Ich habe aber einen solchen Menschen, Woldemar! Gott weiß es, daß ich einen solchen habe!«

Das Dämchen schwingt energisch den Fächer. Ihr Gesicht nimmt einen weinerlichen Ausdruck an.

»Nun ist der Alte tot ... Er hat mir einiges Vermögen hinterlassen, ich bin so frei wie ein Vogel. Nun kann ich glücklich werden ... Nicht wahr, Woldemar? Das Glück klopft an meine Tür. Ich brauche es nur hereinlassen, aber ... nein! Woldemar, hören Sie, ich beschwöre Sie! Jetzt sollte ich mich doch dem geliebten Menschen hingeben, seine Freundin werden, seine Helferin, die Trägerin seiner Ideale, glücklich sein ... ausruhen ... Aber wie gemein, häßlich und dumm ist doch alles in dieser Welt! So niederträchtig ist alles, Woldemar! Ich bin unglücklich, unglücklich, unglücklich! Auf meinem Wege erhebt sich ein neues Hindernis! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern, ach, so fern ist! Ach, diese Qual, wenn Sie nur wüßten, welch eine Qual!«

»Was ist es denn? Was ist es für ein Hindernis? Ich beschwöre Sie, sagen Sie es mir! Was ist es?«

»Ein anderer reicher Alter ...«

Der zerbrochene Fächer verdeckt das hübsche Gesicht. Der Schriftsteller stützt seinen gedankenschweren Kopf in die Hand, seufzt und beginnt mit der Miene eines Kenners und Psychologen zu grübeln. Die Lokomotive pfeift und faucht, die Fenstervorhänge röten sich im Lichte der untergehenden Sonne ...

Intrigen

a) Wahl des Vereinsvorsitzenden. b) Erörterung des Zwischenfalles vom 2. Oktober. c) Referat des ordentlichen Vereinsmitgliedes Dr. M. N. von Bronn. d) Laufende Vereinsangelegenheiten.

Doktor Schelestow, der Urheber des Zwischenfalles vom 2. Oktober, macht sich bereit, in diese Sitzung zu gehen; er steht schon lange vor dem Spiegel und bemüht sich, seinem Gesicht einen matten Ausdruck zu verleihen. Wenn er in der Sitzung mit einem aufgeregten, gespannten, roten oder allzublassen Gesicht erscheint, werden sich seine Feinde einbilden können, daß er ihren Intrigen allzuviel Bedeutung beimesse; wenn aber sein Gesicht kalt, leidenschaftslos, gleichsam verschlafen sein wird, wie bei Menschen, die über der Menge stehen und vom Leben ermüdet sind, so werden diese Feinde bei seinem Anblick Respekt vor ihm empfinden und sich denken:

Sein unbeugsames Haupt ragt höher als das Denkmal Des Siegers, der Napoleon bezwang!

Als ein Mensch, der sich für seine Feinde und ihre Ränke sehr wenig interessiert, wird er in die Sitzung später als alle kommen. Er wird lautlos in den Saal treten, sich mit einer müden Gebärde das Haar zurechtstreichen und sich, ohne jemand anzublicken, ans äußerste Ende des Tisches setzen. Er wird die Pose eines gelangweilten Zuhörers annehmen, kaum merklich gähnen, irgendeine Zeitung vom Tische nehmen und lesen ... Alle werden reden, streiten, sich ereifern, einander zur Ordnung rufen, er aber wird schweigen und in die Zeitung blicken. Endlich wird aber sein Name immer häufiger genannt werden und die brennende Frage in Weißglut übergehen; er wird seine gelangweilten, müden Augen auf die Kollegen heben und wie widerwillig sagen:

»Man zwingt mich zu sprechen ... Ich habe mich darauf nicht vorbereitet, meine Herren, verzeihen Sie mir darum, wenn meine Rede etwas mangelhaft ausfallen wird. Ich will ab ovo anfangen ... In der letzten Sitzung haben gewisse verehrte Kollegen erklärt, daß ich mich bei Konsilien nicht so benehme, wie sie es gerne möchten, und von mir Erklärungen verlangt. Da ich alle Erklärungen für überflüssig und die gegen mich erhobenen Vorwürfe für unbegründet hielt, bat ich, mich aus dem Verein auszuschließen, und verließ die Sitzung. Aber jetzt, wo gegen mich eine neue Serie von Anklagen erhoben wird, sehe ich zu meinem Leidwesen ein, daß ich dennoch zu Erklärungen greifen muß. Ich will also solche abgeben.«

Dann wird er, zerstreut mit dem Bleistifte oder mit der Uhrkette spielend, sagen, daß er bei den Konsilien oft tatsächlich die Stimme erhoben und die Kollegen unterbrochen habe, ohne sich um die Gegenwart Fremder zu kümmern; es sei auch wahr, daß er bei einem Konsilium den Patienten in Gegenwart der Ärzte und der Angehörigen gefragt habe: »Welcher Dummkopf hat Ihnen Opium verschrieben?« Fast kein einziges Konsilium sei ohne einen Zwischenfall abgelaufen ... Aber warum? Sehr einfach. Bei jedem Konsilium müsse er, Schelestow, über das tiefe Niveau der Fachkenntnisse seiner Kollegen staunen. Es gäbe in der Stadt zweiunddreißig Ärzte, und die meisten von ihnen wüßten weniger als jeder Student im ersten Semester. Nach Beispielen brauche man nicht weit zu gehen. Nomina sunt, natürlich, odiosa, aber in der Sitzung sei man doch unter sich, also könne er, um nicht abstrakt zu sein, die Namen nennen. Allen sei es z. B. bekannt, daß der verehrte Herr Kollege von Bronn der Beamtenfrau Sserjoschkina mit einer Sonde die Speiseröhre durchbohrt habe ...

Der Kollege von Bronn wird in diesem Augenblick aufspringen, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen und aufschreien:

»Herr Kollege, Sie haben sie durchbohrt und nicht ich! Sie! Und ich werde es Ihnen beweisen!«

Schelestow wird ihm nicht die geringste Beachtung schenken und fortfahren:

»Es ist auch allen bekannt, daß der verehrte Kollege Schila bei der Schauspielerin Semiramidina eine Wanderniere für einen Abszeß angesehen und einen Probedurchstich gemacht hat, was sehr bald zu einem exitus letalis führte. Der verehrte Kollege Besstrunko hat, statt einen Nagel an der großen Zehe des linken Fußes zu exstirpieren, den gesunden Nagel am rechten Fuß exstirpiert. Ich darf auch nicht den Fall unerwähnt lassen, wo unser verehrter Herr Kollege Tercharjanz dem Soldaten Iwanow die Eustachischen Röhren mit solchem Eifer katheterisierte, daß dem Patienten beide Trommelfelle platzten. Bei dieser Gelegenheit will ich noch erwähnen, daß derselbe Kollege einem Patienten beim Zahnziehen den Unterkiefer ausgerenkt hat und ihn nicht früher wieder einrenken wollte, als bis der Patient sich bereit erklärte, ihm für das Einrenken fünf Rubel zu bezahlen. Der verehrte Kollege Kurizyn ist mit einer Nichte des Apothekers Grummer verheiratet und hat mit ihm ein gewisses Abkommen getroffen. Es ist auch allen bekannt, daß unser Vereinssekretär, der junge Kollege Skoropalitelnyj mit der Gattin unseres verehrten Herrn Vorsitzenden Gustav Gustavowitsch Prechtel ein Verhältnis hat ...